Montag, 17. Januar 2005
Internationaler Fußball
Mourinhos Mind Games
Noch ein Pluspunkt für Chelsea – Christian Eichler (FAZ 17.1.) notiert einen fraglichen Elfmeter beim 2:0 in Tottenham: “Ein Schiedsrichterproblem hat Chelsea nicht. Das dürfte José Mourinho auch seiner Öffentlichkeitsarbeit zuschreiben. Immer wieder hat er mit gezielten Äußerungen und kleinen Sticheleien die angebliche Bevorzugung der „Großen“ und deren Einfluß auf die Unparteiischen attackiert. Mittlerweile kommt Chelsea selbst in den Genuß jener Entscheidungen, die manchmal eher zugunsten der „Großen“ zu fallen scheinen – etwa jener Elfmeter, der das äußerst knappe Spiel in Tottenham entschied. Manchester-Trainer Ferguson hatte wohl zu Recht vermutet, Mourinhos Kritik vom Ligapokal am Mittwoch sei „eher dazu gedacht, den Schiedsrichter am Samstag zu beeinflussen“. Das gelang offenbar, und Mourinho leistete sich den stillen Luxus, danach seinen Assistenten an die Mikrofone zu schicken. Die sogenannten „Mind Games“, den Kampf der Köpfe, den lauten, persönlichen Zwist überläßt der Portugiese geschickt den beiden notorischen Streithähnen Ferguson und Wenger, die sich vor ihrem Duell am 1. Februar schon wieder ineinander zu verbeißen beginnen.“
Europas Fußball vom Wochenende, NZZ
Ball und Buchstabe
Pionier auf dem Weg in ein neues Zeitalter
Marketing und Merchandising mit digitalen Medien – auch hier sei Bayern München Vorreiter, behauptet Michael Ashelm (FAS 16.1.): „Im Kampf um Anteile und Imagewerte auf dem globalen Fußballmarkt konzentriert sich der deutsche Branchenführer verstärkt auf den Einsatz der Neuen Medien. Schneller und einfacher lassen sich potentielle FCB-Anhänger rund um den Erdball nicht erreichen. Die Nutzung von Internet und Mobilfunk soll die Bayern gegenüber anderen globalen Marken wie Real Madrid, Juventus Turin oder Manchester United in neue Sphären heben, schon heute können sie in der virtuellen Welt des Internets auf eine veritable Basis bauen. 16 Millionen Besuche pro Monat hat die eigene Homepage. Die Klicks sind die harte Währung in diesem Geschäft. (…) Während andere deutsche Großklubs wie Schalke oder Stuttgart mühsam versuchen aufzuholen und alte Rivalen wie Borussia Dortmund durch verantwortungsloses Mißmanagement tief gefallen sind, sieht sich der FC Bayern als Pionier auf dem Weg in ein neues Zeitalter. Der breiten Unterstützung seiner Anhänger kann sich der Rekordmeister dabei wohl auf allen Terrains sicher sein.“
Friedhard Teuffel (Tsp 17.1.) befasst sich mit den Folgen der Verurteilung Riccardo Agricolas im Turiner Dopingprozess: „Das Urteil hat die Fußballverbände weltweit unter Druck gesetzt, den Kampf gegen Doping zu intensivieren. Bisher hatten Verbandsfunktionäre ihre Zurückhaltung damit erklärt, dass der Einsatz verbotener Substanzen im Fußball nicht sinnvoll sei. Die Spieler gingen schließlich weder an ihre maximale Kraftgrenze noch an die Grenze ihrer Ausdauerleistung. Doch während die Profis in den Siebzigerjahren noch fünf Kilometer pro Spiel liefen, legen sie heute die doppelte Strecke zurück. Dabei könnten sie gerade mit Epo nachhelfen.“
WM 2006
Klaus-Peter Schulenberg, Ticketverkäufer
Klaus-Peter Schulenberg, Ticketverkäufer, mit André Görke & Robert Ide (Tsp 15.1.)
Tsp: Haben Sie in letzter Zeit viele neue Freunde gewonnen?
KS: Ja, eine Menge. Neulich hat sogar ein Ex-Fußballer von Werder Bremen angerufen. Früher hat er mich nie angeschaut, aber plötzlich säuselt er ins Telefon und fragt, ob ich ihm Tickets für die WM 2006 besorgen kann.
Tsp: Und? Können Sie?
KS: Natürlich nicht. Die Tickets sind noch gar nicht auf dem Markt.
Tsp: Am 1. Februar werden Bestellungen für Eintrittskarten der WM 2006 entgegengenommen. Ihre Firma verkauft die Tickets. Wie kommen die Fans an Karten?
KS: Ganz einfach. Man setzt sich an seinen Computer, geht auf die Internetseite der Fifa, loggt sich ein, gibt Namen und Adresse ein und schickt die E-Mail ab. Allerdings haben das mehr als 30 Millionen andere Menschen auch vor.
Tsp: Es gibt 3 Millionen Eintrittskarten.
KS: Theoretisch. Man muss die Kontingente für Sponsoren, Verbände und Ehrengäste berücksichtigen. Die Fifa bietet ab Februar in der ersten Verkaufsphase rund eine Million Tickets an.
Tsp: Wie viele gehen davon in den Fanverkauf?
KS: Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.
Tsp: Wie lange nehmen Sie Bestellungen entgegen?
KS: Acht Wochen lang. Mitte April wird dann ausgelost, wer Karten bekommt. Wer meint, bis dahin hundert E-Mails schicken zu müssen, kann sich das sparen – wir filtern Dubletten heraus.
Tsp: Wie viele Tickets darf man bestellen?
KS: Vier. Allerdings pro Haushalt.
Tsp: Von jedem Spiel?
KS: Sicherlich nicht. Genaueres gibt das OK noch bekannt. Nach der ersten Auslosung wird es in diesem Sommer eine zweite Rate geben.
Tsp: Klingt wie Lotto.
KS: Ja, nur dass die WM-Quote besser ist. 30 Millionen Fans, 3 Millionen Glückliche. Das heißt: Jeder Zehnte gewinnt.
Tsp: Und die 27 Millionen Verlierer bekommen einen netten Brief?
KS: Beim Lotto bekommt auch keiner einen Brief, wenn er nicht gewonnen hat.
Bundesliga
Freizeitparadies Bundesliga
Sollen die zwei Bundesligen um je zwei Teilnehmer vergrößert werden? Roland Zorn (FAZ 15.1.) stimmt allen Argumenten Heribert Bruchhagens zu: „Die im Laufe der Jahre kürzer gewordene Winterpause, ist längst ein Relikt aus einer schneeweißen Zeit, als die Kinder auf deutschen Straßen noch Schlitten fahren konnten. Die rasenbeheizten teuren neuen Stadien dagegen, für die das Gros der Vereine – nicht nur Borussia Dortmund – erhebliche Schuldendienste leisten muß, sind wie gebaut für eine noch intensivere, kundenfreundliche Nutzung. Deutschland ist durch die Wiedervereinigung zum mit Abstand größten aller europäischen Fußball-Kernländer geworden, gönnt sich aber die kleinste Spielklasse. Damit erfüllt die Bundesliga zwar die Forderung von Joseph Blatter nach verkleinerten Ligen, doch was heißt das schon angesichts eines über die Jahre längst im Zeichen der Interessenkonflikte allseits aufgeblähten Spielkalenders? Die Klubs bezahlen die Spieler, die Steuerzahler einen Großteil der Kosten für die Arenen: Ist es da unbillig, die Frage nach der angemessenen Auslastung der Profis zu stellen? Wochenlanger Urlaub im Sommer und Winter hat dazu beigetragen, daß Bundesligaspieler am Fußballstandort Deutschland auch ein Freizeitparadies vorfinden. In England, Italien und Spanien wird in Ligen zu jeweils zwanzig Teams mehr gespielt – und das nicht zum Schaden der sportlichen Qualität, die nach den Bewertungsmaßstäben der Uefa höher veranschlagt wird.“
Hintergrund: von 18 auf 20? FAZ
Als erzählte Opa vom Krieg
Gerhard Pfeil & Michael Wulzinger (Spiegel 17.1.) vergleicht die jüngste Trainer-Generation mit ihren Vorgängern: „Der Aufstieg der Modernisierer im deutschen Trainergewerbe hat nichts von einem Umsturz. Es ist vielmehr ein Verjüngungs- und Verdrängungsprozess, der aus der Not entstanden ist. Denn von der rasanten technischen und taktischen Entwicklung in Europa war der Mittelstand der Bundesliga abgehängt worden. Jahrelang hatten sich eher schlichte Einpeitscher wie Werner Lorant, Frank Pagelsdorf, Winfried Schäfer, Friedhelm Funkel oder Klaus Toppmöller an den Außenlinien breit gemacht. Sie hatten ihre fußballerische Sozialisation als Bundesligaspieler in den siebziger oder achtziger Jahren erlebt und galten als Männer der Tat. In Wahrheit allerdings erschöpften sich ihre Strategien zumeist in dumpfer Blut-, Schweiß- und Tränenrhetorik: Ihre Spieler mussten „Gras fressen“, „sich den Arsch aufreißen“ oder „rennen, bis die Lunge platzt“. Das ist genau der Ton, mit dem Udo Lattek, der zwischen 1971 und 1987 mehr als ein Dutzend Titel gewann, zum erfolgreichsten deutschen Coach wurde – und damit zum Vorbild einer ganzen Trainerriege. Latteks Mythos ist zwar längst verblasst, doch seine brachialen Ansichten zur Lage der Liga streut der Haudegen noch heute unters Volk. Wenn Lattek in der DSF-Sendung „Doppelpass“ zu Wort kommt, dann wirkt es, als erzählte Opa vom Krieg. Doch so verstockt Lattek auch in die Kameras schwadroniert: Die Reformer hält er nicht mehr auf.“
Freitag, 14. Januar 2005
Allgemein
Van Marwijk wird zum Spielball
Saadetin Saran, der neue Investor Borussia Dortmunds – Hans Trens (FAZ 14.1.): „Womit der erst im Alter von 24 Jahren nach Schulzeit und Studium in die Türkei zurückgekehrte Mann sein Geld verdient, wurde nicht vollständig enthüllt. Zu seiner Firmenkette zählen neben Sportagenturen auch Unternehmen, die mit Waffen und Militärgerät handeln. „High Tech“, bestätigte der auf dem deutschen Boulevard schon als Waffenhändler gehandelte Saran.“
Spielbälle
„Der hoch verschuldetet Club Borussia Dortmund ist so tief gesunken, dass er jede Hilfe annehmen muss“, schreibt Tobias Schächter (FR 14.1.): „Was die Dortmunder erwartet, zeigte sich bald. In Bild wird Saran zitiert: „Sollte Christoph Daum seinen Vertrag bei Fenerbahce nicht verlängern, muss ich ganz klar sagen: Daum wäre einer für Dortmund.“ Als habe die Borussia mit dem umstrittenen Neckermann-Erben Florian Homm nicht genug Ärger, was die Einmischung in sportliche Belange angeht. Die Aussage Sarans rüttelt erneut an der Autorität des BVB-Trainers Bert van Marwijk, dessen Kontrakt keineswegs ausläuft. Van Marwijk scheint nach Sarans Auftauchen immer mehr zum Spielball der einflussreichsten Kapitalanleger des Clubs zu werden.“
Immer noch erstaunlich offen
Philipp Selldorf (SZ 14.1.) wundert sich über Felix Magaths Offenheit: „Anders als sein Vorgänger Ottmar Hitzfeld, der sein Meinen und Wollen unter einem Schleier von Floskeln versteckte, ist Magath immer noch erstaunlich offen. Fragen beantwortet er am liebsten ehrlich, sein Hang zur Logik und zur Beweisführung durch Indizien führt aber gelegentlich zu Missverständnissen, weil die Zuhörer den Gedankengängen nicht folgen können.“
Sehr sehenswert! Eine Bildstrecke Paul Gascoigne, faz.net
Ball und Buchstabe
Auch den deutschen Profiligen droht eine Revolution
Igor Simutenkow, der neue Bosman? Der Russe Simutenkow klagt gegen die Ausländerregel des spanischen Fußballverbands; Christian Gödecke (SpOn 13.1.) misst die Folgen der möglichen Stattgabe: „Eine Entscheidung des Gerichts pro Simutenkow würde die großen europäischen Ligen zwingen, jede Beschränkung für russische Fußballer aufzuheben. Im Vorfeld der WM 2006 eine desaströse Entwicklung für viele Nationalmannschaften, denn einheimische Talente müssten sich auf einmal neuer – und vor allem billigerer – Konkurrenz erwehren. Nur die Bundesliga könnte sich eigentlich gelassen zurück lehnen – der DFB hatte nach dem „Bosman“-Urteil 1995 als einziger Nationalverband die Grenzen für alle Europäer, also auch für die Russen, geöffnet. Doch auch den deutschen Profiligen droht eine Revolution: Zwischen EU und 78 Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP) besteht eine ähnliche Regelung wie mit Russland – mit möglicherweise weit reichenden Folgen.“
Berlusconis Interessenkonflikte wirken fast obszön
Peter Hartmann (NZZ 14.1.) beschreibt die Entwicklung der italienischen Medienpolitik: „Vom 22. Januar an kosten die besten Tribünenplätze in der Serie A kaum mehr als der Pausen-Espresso: Für 3 Euro sitzt der Kunde des Berlusconi-Fernsehens in der ersten Reihe. Der Privatsender La7 bietet Übertragungen sogar zum Spottpreis von 2 Euro an. Diese Lockofferten sind das Ergebnis eines neuen Fernsehgesetzes der Regierung Berlusconi, das dem Medienunternehmer Berlusconi den Zugang zum digitalen TV-Markt öffnet. Diese „Lex Gasparri“, benannt nach dem Informationsminister, wird die italienische Fernsehlandschaft verändern, vor allem aber den Fussball: Der „Cavaliere“, der den Meisterklub Milan und die drei Sender Canale 5, Italia 1 und Rete 4 besitzt, wird über das Instrument des Fernsehens und als Rechtehändler zum Padrone des Calcio. (…) Man gibt den Reichen mit grossem Publikumspotenzial. Deswegen schwelt seit Monaten ein Aufstand gegen den Lega-Präsidenten Adriano Galliani, dessen Wiederwahl schon dreimal gescheitert ist. Galliani führt als Berlusconis Statthalter die Geschäfte der AC Milan und wird von den amoklaufenden Vorsitzenden der kleineren Klubs wegen der klandestinen Mediaset-Verträge als trojanisches Pferd seines Herrn und Meisters wahrgenommen. Berlusconi selber hat zwar als Präsident von Milan demissioniert, aber seine Interessenkonflikte im Dreieck Fernsehen – Politik – Fussball wirken fast obszön.“
Ascheplatz
Der liebe Gott der verpfändeten Profiklubs heißt DFL
Thomas Kistner (SZ 14.1.) erlaubt Mahnungen in Richtung Schalke und Dortmund: „Mit Fremdgeld klotzen und darauf spekulieren, dass der Jackpot schneller kommt als der Insolvenzverwalter, das ist die Kernmentalität in der Profibranche. Und daher bemerkenswert, wenn sich erste Stimmen (nicht des Neides, sondern) der Vernunft erheben und auf zweifelhafte Entwicklungen hinweisen, bevor diese eskalieren. Das ist das Recht von Hoeneß’ Bayern, die tatsächlich ein einsames Beispiel für langjährige, seriöse Unternehmungsführung abgeben und es sich durchaus leisten können, Hasardeure abzubügeln, die sich bis auf Augenhöhe aufgebläht haben. Besonders aber ist es das Recht der kleinen, ums Überleben kämpfenden Klubs wie Bochum, die sich in einem unparteiischeren System als dem der DFL-Lizenzpolitik womöglich einen anderen Stellenwert erarbeitet hätten. Denn der liebe Gott der verpfändeten Profiklubs, der heißt DFL. Ob er sein kleines Spezialuniversum wirklich beherrscht, wird in Kürze wieder zu besichtigen sein. Wenn es um die Lizenz in Dortmund geht, und vielleicht auch auf Schalke, falls dort der Glücksstern sinkt.“
Donnerstag, 13. Januar 2005
Interview
Afrikaner leiden hier unter Fremdheit
Dietmar Demuth, Vereinstrainer in Ghana, mit Thilo Thielke (Spiegel 10.1.)
Spiegel: Welche Erkenntnisse haben Sie mitgebracht für künftige Trainerjobs?
DD: Dass sich die deutschen Proficlubs mehr um die Spieler kümmern müssen, die sie aus Afrika holen. Kaum ein Bundesligatrainer kann sich vorstellen, wie unterschiedlich die Welten sind. Erst mit den Monaten in Ghana habe ich begriffen, wie Afrikaner unter der Isolation in Deutschland leiden müssen. Diese jungen Burschen vermissen ihre Familien, die Wärme, ihren Fufu – einen Brei aus Kochbananen und Maniok. Was habe ich damals beim FC St. Pauli manchmal geschimpft, wenn ein Spieler wie der Kongolese Jean-Clotaire Tsoumou-Madza viel zu spät vom Heimatbesuch zurückkam. Heute weiß ich, wie schwierig das Reisen auf diesem Kontinent ist. Nur, dass Jean-Clotaire glaubte, als Häuptlingssohn nicht immer trainieren zu müssen, verzeihe ich ihm nicht so leicht.
Spiegel: Deutsche Vereine argumentieren gern, die Afrikaner müssten sich eben den Spielregeln des Profigeschäfts anpassen.
DD: Das ist doch absurd: Die geben manchmal Millionen für diese hochtalentierten Spieler aus, verfrachten sie auf einen anderen Kontinent und überlassen sie dann sich selbst. Diese Spieler leiden unter der Fremdheit, aber sie verlieren nie ein Wort darüber, weil sie zu schüchtern sind. Wer unglücklich ist, kann auch nicht selbstbewusst auf dem Fußballrasen stehen. Da muss von den Clubs mehr Betreuung geleistet werden, ein Trainer allein kann das nicht. Ich hatte in Deutschland manchmal Spieler aus zehn Ländern und Kulturkreisen um mich versammelt.
Spiegel: Was unterscheidet die Fußballer in Ghana sportlich von den Deutschen?
DD: Die sind technisch eigentlich alle besser, richtige Straßenfußballer eben. Nur schießen können sie nicht, weil sie barfuß spielen und sich eine falsche Schusstechnik angewöhnen.
SZ-Interview mit Jens Jeremies
Internationaler Fußball
Traum vom glitzernden Fussball
Peter B. Birrer (NZZ 12.1.) kommentiert die Lage bei Servette Genf, das vor der Pleite steht: „Für den Schweizer Fussball wäre der Servette-Kollaps ein mittleres Drama, für die Westschweizer Szene wäre er ein grosses, weil sie bald nur noch mit Xamax in der höchsten Spielklasse vertreten sein könnte. Es ist unverständlich, dass es die Genfer nicht schafften, mit dem Stadion einen Fussballklub zu erden – auf einem vernünftigen Niveau notabene. Gelingt dies jetzt nur via Konkurs und Neuanfang, bleibt neben den materiellen Verlusten auch ein massiver Imageschaden zurück. Der Servette FC prägte seit je den gepflegten Fussball lateinischer Provenienz. Der Klub war nicht Kraftmaschine, sondern das Tummelfeld der Schönspieler, wie es in früheren Jahren Lucien Favre und der Brasilianer José Sinval repräsentierten. Servette lockte zudem mit viel Geld Stars wie Karl- Heinz Rummenigge und zuletzt Christian Karembeu an. Viele zügelten nur wegen des Lohns ans untere Ende des Lac Léman. Die Servettiens träumten stets vom glitzernden Fussball, ohne ihn je auf Dauer zu erreichen. An die Spitze des Klubs drängten immer wieder Personen mit zweifelhafter Vergangenheit, die oft auch mit der Justiz in Konflikt gerieten.“
Ball und Buchstabe
Wie ein austauschbarer letzter Verteidiger
„Nie waren sie so laut, die deutschen Torhüter“, klagt Christian Eichler (FAZ 12.1.): „Hätte der Teamchef seine Torwartkandidaten in den RTL-Dschungel geschickt statt in den Medien-Urwald, das Resultat könnte auch nicht schriller, lauter, nervender sein. Die Gefahr dabei ist, daß die Reputation einer Institution, einer großen solitären Fußballfigur, beim Plappern und Posieren Schaden zu nehmen droht. Torhüter, einst bewundert wie Torjäger, werden heute oft schon unterschätzt wie Verteidiger. (…) So wirkt mancher Torwart, einst unverrückbare Autorität der letzten Sicherheit, heute wie ein Getriebener. Wie ein austauschbarer letzter Verteidiger, dem keiner den Rücken freihält. Und viele im Nacken sitzen.“
Ludger Schulze (SZ 13.1.) warnt: „Der Verdacht keimt, dass das berechtigte Vorhaben von Jürgen Klinsmann, auch im Tor einen Konkurrenzkampf zu eröffnen, mittelfristig weitere Irritationen und Schaden verursachen könnte. Dann schlägt die Hurrastimmung schnell in Eisklima um.“
Lästiger Unruhestifter
Raphael Honigstein (FR 12.1.) vermutet, dass Jens Lehmann bei Arsène Wenger keine Chance mehr erhalten wird: „Ins Englische übersetzt klingen Lehmanns zum Großteil nicht unsachliche, aber sehr direkte Sätze noch um einiges härter. „Man hatte das Gefühl, dass er gar nicht merkt, was er da sagt“, erzählt ein englischer Kollege, dem vor Aufregung beim Mitschreiben des Interviews fast der Stift zerbrochen wäre. Lehmann hätte nach 18 Monaten auf der Insel eigentlich wissen müssen, dass Spieler, die über die Medien kontroverse Themen ansprechen, als lästiger Unruhestifter, schlimmstenfalls gar als Verräter gelten. Wenger, Alleinherrscher bei Arsenal, wird „die unglaubliche Attacke“ (Daily Mail) auf seine Autorität kaum verzeihen.“
Auf Spiegel Online lesen wir: „Dass Torhüter eine außergewöhnliche Spezies sind, ist eine alte Fußball-Weisheit, die die deutschen Schlussleute dieser Tage beeindruckend bestätigen. Seit Wochen dominieren die Torleute die Schlagzeilen – weil sie ausrasten, über den Durst trinken oder nur noch auf der Reservebank hocken.“
Par ordre du mufti
Uli Hoeneß fordert Gebührenerhöhung für den deutschen Profifußball – Michael Hanfeld (FAZ/Medien 11.1.) liest ihm die Leviten: „Hat er das Grundgesetz des modernen Fußballs vergessen, dem zufolge in diesem vollständig kommerzialisierten Sport allein Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen? Und daß diesem zufolge allein die ARD der Liga 65 Millionen Euro zahlt – mehr, als private Sender bereit waren auszugeben? Und daß Premiere noch einmal 180 Millionen Euro pro Jahr dazulegt? Ganz zu schweigen von der WM 2006, für welche ARD und ZDF 230 Millionen Euro und Premiere wiederum rund 40 Millionen Euro hingeblättert haben. Wenn Uli Hoeneß statt rund 300 Millionen Euro pro Jahr, welche die Liga angeblich zur Zeit vom Fernsehen bekommt, 500 Millionen Euro erlösen will, wie er sagte, dann sollte er sich einfach jemanden suchen, der diesen Preis bezahlen will. Und nicht par ordre du mufti die Gebührenzahler belasten und eine Extrasteuer fordern. Mit welcher Rechtsgrundlage eigentlich?“
Die neunziger Jahre, in denen für Fußball utopische Summen gezahlt wurden, sind vorüber
Björn Wirth (BLZ 12.1.) verweist auf den Markt: „Abgesehen davon, dass sich Hoeneß ziemlich unverschämt beim Zuschauer bedienen will, der die Gebühr ja bezahlen muss, abgesehen davon auch, dass es bereits um die 88 Cent Gebührenerhöhung ab 1. April einen Riesenwirbel gab, abgesehen davon ist es bemerkenswert, was von der Rundfunkgebühr alles bezahlt werden soll. Orchester, Filmförderung, zuletzt Harald Schmidt und jetzt auch noch die Fußballmillionäre. Würde dagegen ein wenig Realitätssinn in der Bundesliga walten, wüsste auch Uli Hoeneß, dass bei den Fernsehsendern nicht mehr viel zu holen ist. Die neunziger Jahre, in denen für Fußball utopische Summen gezahlt wurden, sind vorüber. Heute müssen ARD und ZDF und erst recht die Privatsender auf jeden Cent schauen. Viele Zuschauer übrigens auch.“
Diskutieren Sie mit anderen Lesern darüber in der Südkurve!
SZ: „Mit einer Kampfansage im CSU-Stil stimmt Uli Hoeneß seinen Klub auf das Duell mit dem FC Schalke ein.“
Parodistische Mimikry
Seite 1 – Ajax Amsterdam will seine Identität ändern; Christoph Biermann (SZ 12.1.) beschreibt das paradoxe Vorhaben und den Hintergrund: „Damit Juden wieder ins Stadion kommen können, will Ajax Amsterdam sein Image als „Judenklub“ ablegen. (…) In den sechziger Jahren begannen Fans anderer Vereine Ajax gelegentlich als „Judenklub“ zu beschimpfen, notorisch wurde das jedoch erst im Laufe der achtziger Jahre mit dem Aufstieg des Hooliganismus. In einem Akt parodistischer Mimikry, die an die Adaption des einst beleidigend gemeinten Begriffs „schwul“ durch Homosexuelle erinnert, wendeten die Fans von Ajax solche Beschimpfungen in eine angenommene jüdische Identität. Seitdem feiern sie sich als Juden, ohne welche zu sein. Einen ähnlichen Fall gibt es in London, wo sich die Anhänger von Tottenham Hotspur selbst „Yids“ (Juden) nennen und etwa über Jürgen Klinsmann während seiner erfolgreichen Zeit beim Klub sangen: „Jürgen war ein Deutscher, aber jetzt ist er ein Jude.“ In Amsterdam schwenken selbst junge Muslime, etwa gebürtige Marokkaner, in der Fankurve von Ajax israelische Fahnen.“
Image aus Trotz
Stefan Hermanns (Tsp 13.1.) ergänzt: „Das Image vom Judenklub hat sich längst verselbständigt und von den historischen Fakten gelöst: Es ist zur Marotte geworden. Ende der siebziger Jahre wurde Jude zu einer Art Kampfname der Ajax-Anhänger. Entstanden ist er aus Trotz, weil die Ajax-Spieler zuvor als Juden beschimpft worden waren. Inzwischen ruft das offensive Bekenntnis zum Judentum bei gegnerischen Fans immer heftigere antisemitische Reaktionen hervor. (…) Verbale und körperliche Gewalt stellen im holländischen Fußball ein viel größeres Problem dar als etwa in Deutschland, und die Fans von Ajax sind dabei keineswegs nur das Opfer. Ihr angebliches Judentum jedenfalls hindert sie nicht daran, bei Spielen gegen Feyenoord die Zerstörung Rotterdams durch die deutsche Luftwaffe im Mai 1940 zu feiern.“
WM 2006
Dass viele Interessenten leer ausgehen, ist klar
Wer erhält Tickets, Gregor Derichs (FTD 13.1.)? „Der Verteilungskampf um die Karten wird hart, deutsche Fans haben keine Sonderrechte. „Es gibt keinen nationalen, es gibt nur einen internationalen Markt“, sagt OK-Sprecher Gerd Graus zu einer Änderung gegenüber früheren Weltmeisterschaften, die unter anderem auf neue Richtlinien der EU zurückzuführen ist. Da bisher nur Deutschland als WM-Teilnehmer feststeht und im Ausland niemand weiß, wohin die Auslosung das eigene Nationalteam führen könnte, wird der Großteil der Bestellungen am 1. Februar aus Deutschland kommen. Der Run auf die Spiele des DFB-Teams dürfte alle bisherigen Nachfragerekorde in den Schatten stellen. (…) Dass viele Interessenten leer ausgehen, ist klar.“
Ascheplatz
nachhaltiges Wirtschaften
Jan Christian Müller (FR 13.1.) empfiehlt den Bundesliga-Vereinen nachhaltiges Wirtschaften: “Branchenkenner kritisieren zurecht, dass die Bundesliga nach immer neuen Finanzierungsquellen sucht, um sich kurzfristig mit Liquidität zu versorgen, obwohl die langfristigen Folgen mitunter schwer vorhersehbar sind. Inzwischen ist es sogar die Regel, dass Clubs versuchen, künftige Forderungen (aus TV- oder Vermarktungsverträgen) an Banken abzutreten, um so die Nasenspitze noch ein paar Monate länger über Wasser halten zu können. Verschiedenen Kreditinstituten ist das – trotz entsprechenden Risikoaufschlags – zu heikel.“
FAZ: „Ein würdeloser Kampf in der Energie-Krise“ – über den Konflikt zwischen Sponsoren und Vereinsführung bei Energie Cottbus
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