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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Geteilt in Leistungsklassen

Oliver Fritsch | Montag, 15. Mai 2006 Kommentare deaktiviert für Geteilt in Leistungsklassen

Peter Heß (FAZ) sucht lange nach Memorabilien der abgelaufenen Saison: „Es ist eine Saison zu Ende gegangen, die den meisten nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Die Szenen, die haftenblieben, waren fast alle unerfreulich: der Kopfstoß des Duisburger Trainers Meier gegen den Kölner Streit, die Ausraster des Kölners Alpay, die unzähligen Ellbogenchecks bei Kopfballduellen. Und auch die Erkenntnis des Jahres löst keine Begeisterungsstürme aus: Es stimmt nicht mehr, daß in der Bundesliga jeder jeden besiegen kann. Noch nie teilte sich die Liga so deutlich in Leistungsklassen. Zuerst Krösus München, der geschäftsmäßig seine substantiellen Vorteile verwaltete, dann die drei Verfolger Werder, HSV und Schalke, wobei die Gelsenkirchener am Ende auch noch schwächelten. Leverkusen hob sich allein dank eines energischen Schlußspurts vom grauen Rest – oder dem Rest des Grauens – ab. (…) In den hinteren Regionen der Tabelle arbeiten Mainz, Frankfurt und Bielefeld ganz unaufgeregt mit einem gesunden Blick auf das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag. Sie, die unscheinbar Erfolgreichen, sind die wahren Sieger einer unscheinbaren Saison, in der lediglich Werder Bremen und namentlich Miroslav Klose häufiger für den Glitzer sorgten.“

Meister der Mittelmäßigen

Markus Völker (taz) kann den Zuschauerrekord der Bundesliga nicht erklären: „Paradox ist dass die Zuschauer in die Stadien strömen, als sähen sie dort Neuauflagen der römischen Gladiatorenkämpfe samt Löweneinsatz und finalem Gemetzel. Aber solch dramatische Szenen spielen sich in den antiseptischen Arenen nicht ab, im Gegenteil, hier ist Borussia Mönchengladbach zu sehen oder Hertha BSC Berlin, Meister der Mittelmäßigen. Warum verzeichnet die Liga dennoch einen Zuschauerrekord? Sind die Leute noch ganz bei Trost? Ist der deutsche Fußballfan vielleicht ein Allesfresser und schluckt mit einem Happs, was rund ist und rollt? Oder hat die Nation den Fußball-Hedonismus noch nicht für sich entdeckt? Wie sollte sie auch in den Genuss ästhetischer Szenen kommen: Die exzentrischen Spielzüge, der flüssige Stil wird nicht im Land der Nowotnys, Ernsts und Kuranyis geprägt. Schon eher in England oder am Mittelmeer – auch wenn sich da manchmal die Korrupten den Ball zupassen.“

Man sucht neue Freund

Jan Christian Müller (FR) knirscht nach dem Wolfsburger Klassenerhalt mit den Zähnen: „Der VfL Wolfsburg wird kommende Saison sein zehntes Spieljahr in der Bundesliga erleben. Manche sagen, das seien ohnehin schon zehn Jahre zu viel. Aber Geschäftsführer Klaus Fuchs, ein sympathischer Mann ohne Allüren, ist jetzt voller Hoffnung: ‚Diese Krise ist eine Chance für Wolfsburg. Sie stärkt diesen Klub, weil hier jetzt begriffen wird, was Fußball bedeutet. Tränen, Angst, mitfiebern, alles geben auf den Rängen – das schweißt zusammen.‘ Man wird sehen, was in Wolfsburg passiert, wenn wieder der ganz normale Alltag im Niemandsland der Tabelle eingetreten ist. In dieser Saison hat der Klub mit dem doppelten Personalkostenaufwand wie Kaiserslautern operiert. Vielleicht musste deshalb erst der unverbrauchte, 22 Jahre alte Cedrick Makiadi daher kommen, um aus dem Strudel wieder aufzutauchen. (…) Der VfL wird noch in dieser Woche zum Freundschaftsspiel gegen eine Harz-Auswahl antreten. Man sucht neue Freunde in der Region.“

Die Grätschen des Hattori Hanzo

Javier Cáceres (SZ) erwartet einen großen Schnitt in Wolfsburg: „Dass sich der Abstieg vermeiden ließ, war vor allem einem Mann aus Kongo zu verdanken gewesen, Cedrick Makiadi. Dass er zur entscheidenden Figur werden würde, war zunächst alles andere als absehbar gewesen. Nahtlos hatte er sich in das bisweilen mitleiderregende Spiel der Wolfsburger eingepasst. Den Ausblick aufs kommende Geschäftsjahr versagte sich Klaus Augenthaler; im Rückblick aber waren erste Umrisse der Generalabrechnung zu erkennen, die in den kommenden Tagen folgen soll. Auch in der Klubführung hat man die Notwendigkeit eines Wandels erkannt; und das nicht nur, weil der VfL 66 Minuten den Abstieg fühlte. Der Wille, sich gegen den Abstieg zu stemmen, sei schon am Vorabend zu erkennen gewesen. Er dürfte auch den groben Umgang auf dem Platz erklären, insgesamt gab es elf gelbe Karten, so manche Grätsche und Ellbogenaktion hätte auch gut in ‚Kill Bill‘ von Quentin Tarantino hineingepasst.“

Aus der Vergangenheit gelernt

Die Welt beschreibt die neue Wolfsburger Demut: „Im Regenerationslager am Wörthersee soll aufgearbeitet werden, wieso der selbsternannte Anwärter auf einen Champions-League-Platz nur 15. wurde. Klaus Augenthaler, der im Januar Holger Fach abgelöst hatte, holte noch zwei Punkte weniger, wird aber von Schuld freigesprochen. Der heterogene Kader soll verändert und verkleinert werden. (…) Der Mehrheitseigner der Fußball GmbH, Volkswagen, mußte zuletzt mehrmals in Vorleistung treten und erwartet entsprechende Rückzahlungen. Erfolge auch, aber die werden vorerst anders definiert. Ein einstelliger Platz ist das Ziel für die Saison 2006/2007.“

Wie ein Gewerkschaftsfunktionär

Nach dem Abstieg mit Kaiserslautern – Roland Zorn (FAZ) versetzt sich in Wolfgang Wolf: „Den Abstieg hat er nicht zu verantworten. Dieser Coach hat im Gegenteil fast alles richtig gemacht: 24 Punkte in 21 Spielen geholt, verbrauchte Spieler durch Talente aus dem eigenen Nachwuchs ersetzt und das zwischenzeitlich poröse Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen denen auf dem Platz und denen auf den Rängen wieder gestärkt. 8.000 leidenschaftliche Anhänger dieses Traditionsklubs haben die Lauterer auf ihre vorerst letzte Dienstreise erster Klasse begleitet. Doch was kommt nun? Wolf nutzte die fürs erste letzte Gelegenheit, auf großer Bühne etwas für sich und sein Projekt Wiederaufstieg zu tun, indem er ultimativ Forderungen wie ein Gewerkschaftsfunktionär am Beginn harter Tarifverhandlungen stellte. Während der scheidende Vorstandsvorsitzende Rene Jäggi ausnahmsweise den Part des Seelentrösters und nicht den des Zahlensanierers spielte, ließ sich Wolf von niemandem daran hindern, seine Sicht der Dinge überdeutlich hervorzuheben. ‚Wir haben zwölf Spieler unter Vertrag. Damit ist der Zweitligaetat schon aufgebraucht. Wir können uns nicht wieder zu Tode sparen. Mit der Mannschaft, die ich jetzt zur Verfügung habe, spielen wir in der zweiten Liga gegen den Abstieg. Ich brauche auch noch ein paar erfahrene Spieler. Vier Jahre zweite Liga kann ich den Fans in Kaiserslautern nicht zumuten. Wenn man noch den einen oder anderen Leistungsträger verkauft, gibt es den Trainer Wolf hier nicht mehr.‘ Sätze, die nach starkem Tobak dufteten – und tags darauf schon wieder relativiert wurden.“

BLZ: Der 1. FC Kaiserslautern steht nach dem Abstieg vor dem Ausverkauf; Wolfgang Wolf droht mit dem Rücktritt
taz: Der sportliche Abstieg Kaiserslauterns spiegelt und besiegelt endgültig den Niedergang eines vergessenen Provinzvölkchens
faz.net: Bildstrecke vom Abstieg Kaiserslauterns

Gefühlte Meisterschaft

2. Platz mit Werder Bremen – Christian Kamp (FAZ) ergründet die Ausgelassenheit bei Thomas Schaaf und Klaus Allofs: „Man kannte Schaaf und Allofs bislang auch in Extremsituationen eher als nüchterne und besonnene Menschen. Doch mit dem Abpfiff dieser für Werder Bremen wieder einmal aufregenden Saison gaben sie jede Zurückhaltung auf und wagten an der Seitenlinie ein Tänzchen, wie man es von den beiden noch nicht gesehen hatte. Das Geschehen auf dem Rasen sah nicht nur aus wie eine Meisterfeier, für die überglücklichen Bremer war es tatsächlich eine. ‚Für uns ist der zweite Platz wie eine Meisterschaft‘, sagte Allofs. Der zweite Rang als gefühlte Meisterschaft – für Werder bedeutete der Platztausch mit dem HSV mehr als nur den virtuellen Titel des Nordmeisters, weil er am Ende trotz aller Kampfansagen der vergangenen Woche so unverhofft kam.‘“ Ralf Wiegand (SZ) fügt an: „In diesem Moment hätte man sich über nichts gewundert. Zum Beispiel hätten ein paar muskulöse Roadies auf die Schnelle ein Podium im Mittelkreis zusammenzimmern und die Stadiontechniker ihre verstaubte Konfettikanone aus den Katakomben holen können. Kurz darauf wäre Liga-Präsident Werner Hackmann mit einem Pokal unter dem Arm und unter den Pfiffen des Hamburger Publikums in die Arena getrippelt. Diesen Pokal hätte er alsbald an Uwe Seeler, der sowieso da war, weitergereicht, der ihn wiederum an Torsten Frings, den Kapitän von Werder Bremen, übergeben hätte. Tusch, Kanonenknall, grün-weißer Konfetti-Regen. Und dann hätten die Helfer rasch eine Bande fürs Gruppenfoto aufgestellt mit der Aufschrift: Best of the rest 2005/2006: Werder Bremen.“

Grotesker Fehlschuß

Frank Heike (FAZ) versteht die Welt nicht mehr: „Niemand wollte sich am Samstag mit den Eventualitäten des Sommers beschäftigen. Denn der HSV hatte sich in diesem atemraubenden Fußballspiel selbst im Weg gestanden. Vor allem in Person des Gefühlspsychologen Ailton. Mit jeder Fernsehwiederholung wurde sein Millionen-Fehlschuß grotesker.“ Jörg Marwedel (SZ) holt tief Luft: „Ausgerechnet Ailton war im Duell mit seinem alten Klub Werders nützlichster Helfer gewesen. Zwei fast hundertprozentige Chancen hatte der Brasilianer vergeben. Es wäre das 2:1 und wohl die Vorentscheidung in diesem dramatischen Spiel gewesen, dem Miroslav Klose mit einem grandiosen Treffer eine andere Wende gab.“

Zu traurig um zu schimpfen

Axel Kintzinger (FTD) bemängelt Schiedsrichter Merks Leistung: „Ein herbes Männerparfüm (Hopfen und Malz) ausdünstend, tobten die Profis wie ausgelassene Kinder durch die Stadionkatakomben, nur wenige Meter entfernt von den schmallippigen Hamburgern, die nicht so recht wussten, ob sie sich mehr über sich selbst oder über Merk ärgern sollten. Der deutsche WM-Referee hatte nämlich einen rabenschwarzen Tag erwischt und neben anderen fragwürdigen Pfiffen zwei elfmeterreife Zusammenstöße im Bremer Strafraum für Werder, eine ähnliche Situation auf Hamburger Seite aber gegen den HSV entschieden. Dass Doll da nur ‚Fingerspitzengefühl‘ vermisste, war höflich. Wahrscheinlich aber war der Mann einfach nur zu traurig, um deftiger zu werden.“ Boris Herrman (BLZ) macht sich Gedanken über die Zukunft des HSV: „Es zeichnet diesen Thomas Doll aus, dass er selbst dann mit Würde leidet, wenn er sich benachteiligt fühlt. Doll beklagte stattdessen, dass seine Mannschaft in den entscheidenden Momenten nicht zugeschlagen habe. Womit er Recht hatte – im Bezug auf dieses Spiel als auch auf die ganze Saison. Ob das im kommenden Jahr besser wird, ist nun mehr als fraglich. Durch den Ausfall der eingeplanten zehn Millionen Euro für die direkte Champions-League-Qualifikation, fehlt dem Verein das Geld für einen durchschlagskräftigen Angreifer. Das wiederum könnte eine Kettenreaktion auslösen, die den Verein im schlimmsten Fall zurück ins Mittelmaß wirft.“

Ausbildung mit Lücken

Trauer in Hamburg – ein Gemälde von Frank Hellmann (FR): „Mit dem Abpfiff wirkte Dino Hermann genauso orientierungslos wie alle in rot-weiß-blauen Farben. Das Plüschwesen reckte Hilfe suchend den Kopf nach rechts und links, doch der Anblick für das Maskottchen des Hamburger SV muss ein furchtbarer gewesen sein – um ihn herum nur fassungslose Menschen. Nicht einmal Timothee Atouba, der notorisch gut gelaunte Linksfuß, reichte zum Tänzchen das Händchen. Also hat der Mann, der in Dino Hermann steckt und einst für ziemlich viel Geld von HSV-Marketingchefin Katja Kraus zur Ausbildung in die USA geschickt worden war, genauso deplatziert im Mittelkreis herumgestanden wie all die anderen Protagonisten in kurzen Hosen. Das Szenario des kollektiven Jammers ist in Dinos US-Ausbildung sicher nicht geprobt worden.“

Ohne großspurige Versprechen

Elisabeth Schlammerl (FAZ) hält die Pfiffe der Bayern-Fans gegen Michael Ballack für kleingeistig: „Ballack und Bayern, das war sicher beiderseits nie die ganz große Liebe. Das Münchner Fußballvolk zeigte sich auch deshalb so wenig tolerant, weil Ballack um seine Zukunft lange ein Geheimnis machte. Daß er in München zuletzt nicht mehr den ganz großen Anklang fand, hatte auch mit mancher kritischen Aussage der Klub-Offiziellen über den scheidenden Star zu tun. Uli Hoeneß war wenigstens zum Schluß um Harmonie bemüht. Er erhob sich deshalb kurz nach dem Anpfiff von seinem Platz auf der Bank und marschierte entschlossenen Schrittes in die Kurve, um die Fans zu beruhigen und daran zu erinnern, daß die Ära Ballack so erfolglos nicht gewesen sei. In vier Jahren hat der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft immerhin dreimal das Double gewonnen. Daß die Mannschaft zuletzt international nicht mithalten konnte mit den Großen Europas, hat nicht unbedingt mit Ballack zu tun – die Bayern sehen sich finanziell gegenüber den italienischen, spanischen und englischen Spitzenklubs benachteiligt. Auf dem Rathausbalkon war im Überschwang der Meistergefühle in der Vergangenheit schon so manches großspurige Versprechen gegeben worden, das nicht gehalten werden konnte. Dieses Mal wurde nicht viel geredet hoch über dem Marienplatz, sondern vor allem gesungen.“

FR: Die Kölner Fans feiern und verabschieden Lukas Podolski – und die Vereinsführung tut so, als sei dessen Abgang kein Thema

Rechtschaffener Binnenschiffer

Klaus Hoeltzenbein (SZ) kommentiert die Entlassung Horst Köppels in Mönchengladbach: „Natürlich, es gab einiges zu kritteln an Opa Horst, oder Horstle, wie der 57-Jährige fast schon beleidigend-verniedlichend genannt wurde. Mit Kritik hatte er Probleme, an der Aufstellung gab es immer mal was zu mäkeln (wo ist das nicht so?), die Rückrunde verlief zartbitter, und er war sicher kein Freund von Powerpoint-Präsentation und allem, was sich zuletzt hinter dem modischen Begriff des Konzeptfußballs als innovativ versammelte. Aber Köppel hat Verdienste – dennoch sah er sich vom ersten gemeinsamen Tag an einem jede Autorität aushöhlenden Prozess der Demontage durch Manager Peter Pander ausgesetzt. (…) Köppel erreichte das beste Klub-Ergebnis seit einem Jahrzehnt, führte Hochbegabte (Marcell Jansen, Eugen Polanski) in der Liga ein, und trotzdem: Das Geschäftsergebnis wird kühn von der Personalentscheidung abgekoppelt. So kennt es Pander aus seinem früheren Leben. Er war beim VfL Wolfsburg und bei VW.“

Jan Christian Müller (FR) fühlt sich von Pander veräppelt: „Pander hat gestern einen Satz formuliert, der ihm heute beim Nachlesen unter Umständen peinlich sein könnte. Er ließ wissen, man habe sich von Köppel ‚im beiderseitigen Einvernehmen‘ getrennt. So doof ist die interessierte Öffentlichkeit dann aber doch nicht, als dass sie derlei Verniedlichungen glauben würde. Es sei denn, unter ‚beiderseitigem Einvernehmen‘ sei lediglich zu verstehen, dass man sich nicht am Ende noch zünftig einen auf die Glocke gehauen oder mit Vollspann ins Hinterteil getreten hätte. Im Grunde hat Pander nie gewollt, dass Köppel nach seiner geglückten Rettungsaktion für die alte Dschunke Borussia weiterhin mit dem Kapitänspatent versehen auf der Brücke stehen darf. Pander hält Köppel vielleicht für einen rechtschaffenen Binnenschiffer, der einen Rheinkutter unfallfrei bis Düsseldorf bringen kann, niemals aber für einen Käptn auf hoher See.“

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