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Deutsche Elf

Ein Kapitän ohne Reich

Kai Butterweck | Donnerstag, 2. September 2010 3 Kommentare

Löw hat entschieden: Ballack bleibt Kapitän, wenn er spielt. Die Presse sieht in ihm dennoch den großen Verlierer der Debatte

Für Peter Ahrens (Spiegel Online) bedeutet Löws Entscheidung einen unwiederbringlichen Autoritätsverlust für Michael Ballack: „In der Politik wird jemand, der sich zwar noch im Amt befindet, dessen Abschied aber feststeht, eine `lame duck`, eine lahme Ente, genannt. Seit Mittwoch ist Michael Ballack die lahme Ente der Nationalmannschaft. Der wahre Kapitän bleibt Philipp Lahm. Es müsste schon ein mittleres Fußballwunder geschehen, damit der fast 34-Jährige nur annähernd wieder den Rang einnehmen kann, den er jahrelang in der Nationalmannschaft besaß: ein zumindest in der Öffentlichkeit unangefochtener Führungsspieler, der natürliche Mannschaftskapitän, einer, an dem Kritik zu üben sich verbietet. Heute muss Ballack, der für jeden sichtbar unter den Nachwirkungen des bösen Fouls von Kevin-Prince Boateng leidet, schon bangen, in seinem Club für die Stammformation nominiert zu werden.“

Ballacks Zeit ist abgelaufen

Michael Horeni (FAZ) geht konform mit der Ansicht des Bundestrainers, dass Ballack momentan keine Hilfe für die Mannschaft darstellen würde: „Der Bundestrainer hat zwei Tage vor dem Beginn des neuen Turnierzyklus auf seine Weise schon erkennen lassen, wohin für ihn die Reise Ballacks auf dem Weg zur EM 2012 in Polen und der Ukraine geht. Er sagte in schonungsloser Offenheit, dass der Kapitän derzeit nicht in der Lage sei, dem Team weiterzuhelfen. Löw sagte das sogar zweimal. Die Darstellung des Bundestrainers entspricht den Tatsachen. Seine Zeit in der Nationalmannschaft ist abgelaufen. Aus eigener Kraft, so steht zu vermuten, wird Ballack die Rückkehr in die Start- und Stammformation nicht mehr gelingen. Schwere sportliche Rückschläge sind gegen Belgien und Aserbaidschan nicht zu erwarten – wie sollten sie auch aussehen, damit die Fußballnation für eine Rückkehr des Kapitäns plötzlich auf die Straße ginge? Der Kapitän muss sich jetzt sportlich hinten anstellen – da nutzt die Binde nichts. Jetzt ist er nur noch ein Kapitän ohne Reich.“

Der Kapitän als Bittsteller

Für Lars Wallrodt (Welt Online) kommt die Entscheidung zu spät. Leidtragender sei Michael Ballack: „Eigentlich bleibt alles wie gehabt, denn genau so war es vor der WM geplant. Lahm war als Interimskapitän vorgesehen, der Ballacks Platz warmhält, solange er verletzt ist. Streng genommen hat Löw also gar keine Entscheidung getroffen. Nur bestehende Absprachen bekräftigt. Also alles heiße Luft, die nun abgelassen wurde? Leider nein. Denn die Diskussion um Lahm und Ballack haben Spuren hinterlassen. Statt als unumstrittener ‚Capitano‘, der sich tragischerweise vor der WM verletzte, steht Ballack nun als Figur da, die offenbar mehr wider als willig in die Mannschaft re-integriert werden muss. Das ist das neue an der Situation, und die Tragik. Der ehemals uneingeschränkten Führungsspieler ist zum Bittsteller geworden. Diese Herabwürdigung hat er nicht verdient. Hätte Bundestrainer Löw sich zu einer schnelleren Bekanntgabe durchringen können, dass alles beim Alten bleibt, hätte das verhindert werden können. Doch dafür ist es nun zu spät.“

Für Klaus Bellstedt (stern.de) habe Löw mit seiner Bekanntgabe ein „ungeschriebenes Gesetz der Nationalelf gebrochen“, denn „bislang war der Kapitän gleichzeitig unumschränkter Stammspieler. Die Zeiten sind seit heute auch offiziell vorbei. Und wer weiß schon, ob Ballack nach seiner langen Verletzung jemals wieder den Fitnesszustand erreichen wird, den Löw von seinen Spielern verlangt. Zweifel bleiben. Fakt ist: Michael Ballack steht nun als Figur da, die offenbar mehr wider als willig in die Mannschaft re-integriert werden muss. Er bleibt zwar Kapitän, aber einer auf Standby, von dem nicht klar ist, ob und wann er überhaupt wieder zur Nationalmannschaft stoßen darf. Seine einstige Vormachtstellung in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist endgültig gebrochen.“

Für Matti Lieske (Berliner Zeitung) helfen Ballack nur noch große Taten: „Um Khedira oder Schweinsteiger zu verdrängen, muss Ballack so gut spielen wie in seinen besten Zeiten, besser jedenfalls, als er es in der vergangenen Saison beim FC Chelsea oft tat. Sollte sich einer der beiden WM-Sechser jedoch verletzen, wäre Michael Ballack der nächste Kandidat. Wohl deshalb hat Löw darauf verzichtet, gleich einen Schnitt zu machen und Ballack wie dessen alten Mitstreiter Torsten Frings aufs Altenteil abzuschieben.“

Das Konzept der flachen Hirarchien

Nach Ansicht von Andreas Burkert (SZ) habe Löw niemanden mit seiner Verordnung wirklich geschadet: „Ein Michael Ballack in Topform sei `für die Mannschaft eine Verstärkung`, hat Löw betont. Kein Experte wird ihm da widersprechen. Es ist die höchstmögliche Form der Zuneigung gewesen, die er dem bald 34-Jährigen zeigen konnte. Löw hat nun weder Ballack beschädigt noch Lahm oder die eigene Idee der flacheren Hierarchien. Denn die Veränderung der Personalpyramide hat Ballack akzeptiert. Sonst wäre er abgetreten. Dass er sich womöglich doch neuen Gegebenheiten anzupassen vermag, hat er in Leverkusen angedeutet, auch wenn er dort neulich vor einem Elfmeter gierig nach dem Ball griff: Kapitän ist auch dort nach seiner Rückkehr ein anderer. Und nicht er, `Leitwolf` Ballack.“

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) erklärt, „warum die Debatte um Michael Ballack und seinen Platz in der Nationalmannschaft mit ermüdendem Eifer geführt wurde“: „Sie rührt am Selbstverständnis des deutschen Fußballs, an dessen heiliger Tradition. Der Erfolg der Nationalmannschaft ist immer als Erfolg ihrer Führungsspieler begriffen worden. Ballack ist der letzte Vertreter einer bedeutenden historischen Linie, die in Fritz Walter, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus über die Jahrzehnte glänzende Regenten hervorgebracht hat. Diese Linie könnte nun aussterben.“

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Kommentare

3 Kommentare zu “Ein Kapitän ohne Reich”

  1. erni adrian
    Donnerstag, 2. September 2010 um 11:53
  2. heinzkamke
    Donnerstag, 2. September 2010 um 14:23

    Die Zeit scheint den Dreh grade ganz gut raus zu haben, was die Freistöße des Tages anbelangt.

  3. Arne
    Donnerstag, 2. September 2010 um 16:52

    Fällt natürlich auch schwer, jetzt noch aus der Ballack/Verlierer-Story noch rauszukommen.

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