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Deutsche Elf

EM-Test gegen die Ukraine – Vorne hui, hinten pfui

Kai Butterweck | Montag, 14. November 2011 7 Kommentare

Die Presse reagiert zwiespältig hinsichtlich Löws Kiew-Experiment mit einer Dreierabwehrkette zu operieren. Weit weniger Sorgen bereitet hingegen der Offensiv-Bereich der Nationalmannschaft

Der EM-Test gegen die Ukraine artete überraschend zu einem wahren Fußball-Fest aus. Steffen Dobbert (Zeit Online) freut sich für die Junge Garde von Jogi Löw: „Im Durchschnitt waren die Spieler der deutschen Nationalelf an diesem Abend jünger als 23 Jahre alt. Niemals zuvor hat Löw eine so junge Elf spielen lassen. Im Mittelfeld deuteten Özil, Götze und Kroos an, welch spielerische Zukunft dem deutschen Fußball gehört. In der Offensive spielten Gomez und Müller souverän. Trotz aller Unerfahrenheit und Fehler in der Abwehr schafften die Bundesligaprofis so in der zweiten Halbzeit den Ausgleich.“

Dreierketten gehören in die Geschichtsbücher

Joachim Löw  präsentierte in Kiew ein neues System. Daniel Theweleit (Spiegel Online) hält sich beim Anblick der Dreierabwehrkette die Hände vor die Augen: „Was die Systeme der Fußball-Nationalmannschaft betrifft, galt Löw ja nicht als allzu experimentierfreudig, doch am Freitagabend vor dem ereignisreichen Unentschieden der Deutschen in der Ukraine hat er sich unter die Abenteurer seiner Gilde begeben und etwas Neues ausprobiert. Eine Formation, die er später als 3-5-2-System bezeichnen sollte. Das Besondere an diesem Ansatz ist die Dreierabwehrkette, die eigentlich längst als abgeschafft galt. Und viele Beobachter waren sich nach dieser Partie, in der das Nationalteam erstmals seit dem 3:3 in Finnland vor über drei Jahren wieder einmal mehr als zwei Gegentore zuließ, einig: Das war in die Hose gegangen. Dreierketten gehören in die Geschichtsbücher.“

Michael Ashelm (FAZ) begrüßt die Experimentierfreudigkeit des Bundestrainers: „Nicht erst seit der Siegesserie in der EM-Qualifikation ist spürbar, dass das junge deutsche Team diesmal sehr früh und fokussiert wie nie zuvor den sportlichen Höhepunkt der Spielzeit ins Visier genommen hat. Jede Möglichkeit, die der Bundestrainer bietet, auf dem Platz neue Erkenntnisse zu sammeln, wird mit Eifer wahrgenommen. Die neue Qualität der Spieler, ihre Aufnahmefähigkeit, der Einsatzwillen auch für die Gruppe und die Breite des personellen Angebots sorgen für eine Basis, auf der sich vielversprechend arbeiten lässt. Der Bundestrainer nutzt dieses Potential, um das Handlungsprogramm seiner Elf zu erweitern.“

Johannes Aumüller (SZ) sieht das Experiment als Chance für eine zusätzliche Offensiv-Kraft: „Bislang war es keine allzu große Kunst, die Aufstellung der Nationalelf richtig vorherzusagen. Das taktische System war immer das etablierte 4-2-3-1-Modell, und Fragen nach dem Personal ergaben sich allenfalls bei der Besetzung des zweiten Außenverteidigerpostens neben Philipp Lahm und des zweiten Innenverteidigers. Das hat sich etwas geändert. In der Defensive gibt es immer noch keine Stammbesetzung, und wenn alle fit sind, können im Mittelfeld und im Angriff wohl nur Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil und Thomas Müller Stammplätze für sich reklamieren; daneben balgen sich Sami Khedira, der gegen die Ukraine überzeugende Toni Kroos, Andre Schürrle, Mario Götze, Lukas Podolski, Miroslav Klose und Mario Gomez um drei Positionen. Wahrscheinlich war auch das Wissen um diese vielen guten Offensivkräfte ein Grund für Löws Dreierketten-Test – denn mit einem Abwehrmann weniger lässt sich je nach konkretem Spielsystem ein zusätzlicher Startelfplatz für ein Mitglied der Kreativabteilung schaffen. Für Löw ist es nur logisch, diesen experimentellen Weg einzuschlagen.“

Bestens vorbereitet

Michael Horeni (FAS) lehnt sich entspannt zurück: „Löw simulierte in der Ukraine so etwas wie den Ernstfall, auch das Unerwartete soll besser beherrschbar werden. Nach zehn Siegen in zehn EM-Qualifikationsspielen war zuletzt angesichts der Dominanz die Frage aufgekommen, ob die Deutschen derzeit vielleicht die beste Nationalmannschaft erleben, die sie je hatten. Das Rekordergebnis gibt diese Ansicht her, die Spielstärke und Auswahlmöglichkeiten wohl auch, aber ganz sicher lässt sich sagen, dass noch nie eine deutsche Mannschaft besser vorbereitet in ein Turnier gehen dürfte wie der aktuelle Löw-Jahrgang.“

Auch Wigbert Löer (stern.de) sieht im Angriffsbereich kaum noch Verbesserungsmöglichkeiten: „Man kann ihn sich kaum mehr wegdenken aus der deutschen Mannschaft, diesen diesmal sehr guten Toni Kroos. Das Angebot im Mittelfeld übersteigt die Nachfrage in der Nationalmannschaft deutlich, und gegen Holland stößt nun auch noch der fabelhafte Marco Reus dazu. Podolski (in der aktuellen Form) und Schürrle, Götze und Özil, Kroos und Schweinsteiger, Khedira und Lars und Sven Bender – absolut erstklassig kann Löw da wohl besetzen, selbst wenn es bis zur Europameisterschaft im Juni noch Verletzungen geben sollte. Bei der Abwehr ist man ein halbes Jahr vor EM-Beginn noch nicht so euphorisch. Das neue System hat daran nichts geändert.“

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Kommentare

7 Kommentare zu “EM-Test gegen die Ukraine – Vorne hui, hinten pfui”

  1. mustard
    Montag, 14. November 2011 um 12:30

    Was Daniel Theweleit uebersieht: Auch Mannschaften wie der FC Barcelona spielen zumindest manchmal mit einer Dreierkette in der Abwehr. Mit der Dreierkette aus alten Tagen ist die modernere Variante nicht direkt vergleichbar.

    Gegen die Ukraine drei Gegentore zu kassieren ist allerdings kein gutes Zeichen.

  2. Marvin Nash
    Montag, 14. November 2011 um 13:10

    Aumüller sollte sich dieses 3-5-2 mal etwas genauer anschauen. Löw kann dadurch nicht mehr Offensivkräfte bringen. Denn Lahm wird wohl dann immer links im MF spielen und rechts wird ein Allrounder wie Träsch oder ein RV stehen. Das wird ja dann eher zur Fünferkette im Rückwärtsgang. Oder glaubt einer, dass dann links Poldi und rechts Müller auf den Positionen spielen? Wir also mit fünf reinen Offensikräften antreten? Niemals gegen halbwegs ernstzunehmende Gegner.

    Ich würde eher einen von den Offensiven opfern und Khedira alleine auf die 6 stellen. Davor Kroos und Schweinsteiger. Im Sturm Gomez/Klose und dahinter dann Özil und Müller. Bzw Poldi oder Götze/Schürrle/Reus.

  3. Moritz
    Montag, 14. November 2011 um 14:44

    Versagt mein Sprachgefühl oder verwendet Herr Horeni in der FAS tatsächlich ein „wie“ als „als“? Jedenfalls schmerzt sein letzter Satz.

  4. Manfred
    Montag, 14. November 2011 um 16:06

    Es versagt, Moritz. Herr Horeni ist nicht dumm wie Brot 😀

  5. Pumukel
    Montag, 14. November 2011 um 17:06

    Lese das häufig hier: Vorne hui, hinten pfui. Gefällt mir nicht. Klingt umgangssprachlich. Kann man vielleicht besser ausdrücken, oder? Wie wärs mit: nach vorne stark, hinten nachlässig.

  6. LasseX
    Montag, 14. November 2011 um 18:00

    @Manfred
    Stimmt, er ist sogar dümmer als Brot. Und noch nie dürfte ein Sprachgefühl besser funktioniert haben als jenes von Moritz 😀

  7. Ole Super-Adelmann!
    Dienstag, 15. November 2011 um 09:30

    Ob die Dreier-Kette funktioniert oder nicht, darüber entscheidet vor allem, WO du presst: du musst dann schon im Angriffsdrittel, spästens im offensiven Mittelfeld pressen, denn dieses System mit nur 3 Leuten in der letzten Reihe ist ja vor allem eine Verlagerung der Defensive nach vorne. Und das geht in einem 3-4-3, wie es Barcelona neuerdings oft spielt, gut: Die 3 Stürmer, unter Mithilfe von drei Mittelfeldspielern auf den zehn Metern hinter ihnen (nur der Sechser lässt sich weiter zurückfallen) verlagern die Defensive ins Angrifssdrittel.
    Von daher war Löws Versuch aller Ehren wert und es ging auch nicht darum eine verkappte Fünferkette zu bilden, wie @Marvin Nash schreibt

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