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Bundesliga

Hertha BSC – Currywurst mit Äppelwoi

Kai Butterweck | Montag, 12. August 2013 1 Kommentar

Der Ligastart sorgt vor allem in Berlin für kollektive Glücksgefühle. Außerdem: Ein neuer Turbo beim BVB, angreifbare Bayern und lange Gesichter beim ersten Braunschweig-Auftritt nach 28 Jahren

Ein halbes Dutzend Mal liegen sich die Hertha-Kicker jubelnd in den Armen. Sören Maunz (Zeit Online) reibt sich die Augen: „Mit vier präzisen Pässen hatten sich die Berliner aus der eigenen Hälfte vor das Tor der Frankfurter Eintracht gespielt. Die ersten beiden brachten das Tempo, der dritte zersprengte die gegnerische Ordnung, der vierte kam in den Fünfmeterraum geschossen. Nachdem Adrian Ramos den Ball von dort über die Linie katapultiert hatte, fanden sich die Herthaner zum Jubeln zusammen. Für Hertha BSC Berlin, den Aufsteiger, war das das erste Tor am ersten Spieltag der Bundesligasaison. Fünf weitere, ähnlich imposante, sollten noch folgen. 6:1 bezeugte am Ende die Anzeigetafel, was zunächst keiner begreifen konnte. Zu schnell war das alles gegangen. Das schwere Gewitter, das sich nach einer halben Stunde entlud, hatte nichts von der Gewalt, mit der Hertha spielend ihr Stadion erschütterte. Die Eintracht war zu bemitleiden, ein armseliger Haufen.“

Boris Herrmann (SZ) klatscht bereits vor dem Anpfiff Beifall in Richtung Berliner Trainerbank: „Als Luhukay im Frühjahr 2012 in Berlin unterschrieb, wirkte Hertha BSC längst nicht mehr wie ein Fußballklub, eher wie ein realsatirisches Theaterprojekt. Vom Lügenbaron zum Platzsturm, von der Faustschlag- zur Todesangst-Affäre bis hin zu Otto Rehhagel war alles dabei, was der allgemeinen Belustigung zuträglich war. Neuerdings denken die Menschen wieder an Fußball, wenn sie Hertha BSC hören. Der Trainer hat seinen Verein schneller geprägt als der Verein seinen Trainer. Ein kleiner, unterkühlter Mann mit Schnäuzer ist plötzlich das Gesicht des hitzigen Hauptstadtbetriebs. Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer verhalten sich auffällig unauffällig. Hertha wirkt wie Jos und seine Brüder.“

Eine wahre Augenweide, den Wirbelwinden auf dem Rasen zuzusehen

Juri Sternburg (taz) hat Freudentränen in den Augen: „Die neuen Spieler integrierten sich perfekt und gaben von Anfang an den Takt an. Der endlich vom ewigen Talent zum kommenden Weltfußballer gereifte Alexander Baumjohann, der überragende, arbeitswütige Hajime Hosogai – eine wahre Augenweide, den Wirbelwinden auf dem Rasen zuzusehen. Wenn dann auch noch kurz vor Schluss das eingewechselte Lieblingsmoppelchen Ronny zum Endstand einnetzen darf, dann kann man schon mal übermütig werden. Vor allem beim Blick auf die Tabelle. Erster Platz. Vor Bayern München. Vor Borussia Dortmund. Berlin war quasi Meister, zumindest wenn die Saison nach dem ersten Spieltag beendet werden würde. Aber man weiß ja nie, vielleicht entscheidet morgen irgendwer, dass dies genau so geschehen soll.“

Lutz Wöckener (Welt Online) bremst die Euphorie: „Das 6:1 war ein Festtag, ein historischer Moment der Bundesligageschichte – mehr aber eben auch nicht. Direkte Rückschlüsse auf den Saisonverlauf verbieten sich. Immerhin berechtigt das Tennisergebnis zu der Feststellung, dass die Berliner in den vergangenen Monaten vieles richtig gemacht haben und der zweite Aufschlag in der Bundesliga nach dem Abstieg 2010 diesmal auch länger als nur von einjähriger Dauer sein könnte. Das Potenzial dafür, immerhin soviel der Erkenntnis ist zulässig, ist vorhanden. Das gilt es nun konstant abzurufen. Damit Berlin in den kommenden Wochen nicht sprichwörtlich sein blaues Wunder erlebt.“

Ein Debakel erster Güte

In Frankfurt fasst man sich an den Kopf. Ingo Durstewitz (FR) steht unter Schock: „Eins zu sechs bei Hertha BSC, dem Klassenneuling von der Spree, gleich am ersten Spieltag, ein Debakel erster Güte. Diese peinliche Packung ist für die Eintracht ein Schlag ins Kontor, gerade wenn man bedenkt, welch knüppelhartes Programm in den kommenden Wochen auf sie wartet. Insgeheim hatten die Frankfurter darauf spekuliert, sich in Berlin ein Polster anzufuttern, Bonuspunkte zu sammeln. Das hat nicht ganz so gut geklappt. Die Spieler schlichen wie geprügelte Hunde vom Platz, das, was sich da zuvor abgespielt hatte, war nicht einkalkuliert, es war nicht zu erwarten, selbst in den schlimmsten Szenarien nicht.“

Eine neue Attraktion der Liga

Beim Dortmunder Auftaktsieg in Augsburg glänzt vor allem Neuzugang Pierre-Emerick Aubameyang. Lisa Sonnabend (SZ) staunt: „Keine Weltrekordzeit, aber dennoch beachtlich. Kaum 30 Sekunden benötigt Pierre-Emerick Aubameyang vom Mittelkreis bis zum gegnerischen Strafraum zu sprinten und dort beinahe ein Tor zu erzielen. Erst vor wenigen Wochen war der Gabuner für 13 Millionen Euro zu Borussia Dortmund gewechselt – und bereits nach dem ersten Bundesligaspiel, genauer gesagt nach weniger als 30 Sekunden, lässt sich sagen: Der 24-Jährige ist eine neue Attraktion der Liga. Was danach kommt, bestätigt diesen Eindruck. Immer wieder entwischt der irrsinnig flinke Aubameyang den Spielern des FC Augsburg. Immer wieder können seine Mitspieler ihn so im Strafraum bedienen. Drei der vier Tore steuert der BVB-Zugang an diesem Samstagnachmittag bei, das vierte erzielt Robert Lewandowski per Foulelfmeter. Ein Bundesligadebüt mit drei Treffern – das ist bislang nur fünf Spielern vor ihm gelungen.“

Christoph Leischwitz (Spiegel Online) blickt kritisch hinter die glänzende Fassade: „Der Gabuner könnte zwar noch oft von der bekannten Dortmunder Stärke profitieren, im Mittelfeld die Bälle zu erobern und schnell nach vorne zu spielen. Nur: Gegen Augsburg funktionierte dies lange Zeit gar nicht. Neben zahlreichen Unsicherheiten in der Abwehr fiel vor allem auf, dass sich der BVB in wichtigen Zweikämpfen den Schneid abkaufen ließ und der Ball dann in die andere Richtung rollte – wenngleich Augsburg oft zu ungenau agierte, um dem Champions-League-Finalisten wirklich gefährlich zu werden. Vor der Pause ließ sich der Favorit sogar einige Minuten in die eigene Hälfte drängen, der Ausgleich lag in der Luft. Aubameyangs Tore hatten die Schwächen kaschiert. So konnten sich die anderen Spieler hernach auf das Schwärmen über ihren neuen Mitspieler konzentrieren.“

Beim Meister hapert es an der Feinabstimmung

Der FC Bayern startet mit einem Sieg gegen Gladbach in die neue Saison. Oliver Fritsch (Zeit Online) beruhigt die Konkurrenz: „Die Münchner haben ihren Kader verfeinert. Sie hatten ohnehin den besten, nun kamen in der Sommerpause zwei Stars hinzu: Mario Götze und Thiago Alcántara. Und natürlich der neue Trainer, der die Besten noch besser machen soll. Die beruhigende Erkenntnis: So schnell geht die Veredlung nicht, beim Meister haperte es an der Feinabstimmung. So wurde es zum Abend der erstaunten Gesichter. Die Bayern-Spieler schauten oft zur Seitenlinie, wenn Guardiola kommandierte, sich grantig abdrehte, flehend zum Himmel wandte, wenn seine Spieler Fehler machten. Was er oft tat, weil sie viele machten.“

Ziemlich zweitklassig

Roland Zorn (FAZ) langweilt sich beim ersten Bundesliga-Auftritt der Braunschweiger seit 28 Jahren: „Am schönsten war die Vorfreude. Der blau-gelbe Konfettiregen beim Anpfiff etwa oder die mit einem riesigen Transparent sichtbare Sehnsucht nach der Bundesliga: „28 Jahre wurde etwas vermisst.“ Als dann in Braunschweig tatsächlich erstklassiger Fußball gespielt wurde, mutete dieser Kick 45 Minuten lang ziemlich zweitklassig an. Das lag auch an den eben von dort aufgestiegenen Niedersachsen, die eher aufgeregt als aufgedreht wirkten; enttäuschender aber mutete an, was Werder aus seiner spielerischen Überlegenheit machte: gar nichts. Kein Druck, kein Tempo, keine Action: Die Bremer waren zwar meistens am Zuge, aber viel zu selten am Drücker.“

Die Zeiten, in denen jeder jeden mal schlagen kann, sind vorbei

Marcel Reif (Tagesspiegel) ist mit seinen Gedanken bereits im nächsten Jahr: „25 Punkte auf Platz zwei, ach was, sagen wir es doch direkt, 25 Punkte auf Borussia Dortmund darf es nicht mehr geben, wird es nicht mehr geben, da wird die Borussia alles dransetzen. Womit ich schon mal sage, wen ich in dieser vorhersehbaren Saison auf Platz eins sehe und wen auf Platz zwei. Weil wir nämlich eine Mehrklassengesellschaft haben und weil die Zeiten, in denen jeder jeden mal schlagen kann, vorbei sind.“

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Kommentare

1 Kommentar zu “Hertha BSC – Currywurst mit Äppelwoi”

  1. Hans Klemm
    Montag, 12. August 2013 um 11:00

    Es ist immer wieder interessant, die Experten-Kommentare mit ihren Tipps für den weiteren Verlauf dieser Saison nachzulesen. Doch haben die Herren scheinbar vergessen, daß lediglich der erste Spieltag abgeschlossen wurde.

    Meine Vermutung liegt allerdings etwas abweichender: Noch schaut alles nach München, wo die besten, teuersten, erfolgreichsten, schier unschlagbaren sowie auf einem völlig anderen Gebiet auch ungeheuer polarisierenden Leute auf dem Rasen, Ersatzbänken, Tribünen und hinter den Kulissen wirken.

    Da nur jeweils 11 Akteure zu einer Begegnung antreten dürfen, könnten, auffälliger als in der letzten Saison, die millionenschweren „Ersatzspieler“ diesmal für etwas mehr Unruhe sorgen, die die erwartete Wiederholung des „Triples“ sehr in Frage stellen wird. Der Meistertitel ist auch nicht mit „links“, wie zuletzt, zu holen!

    Der derzeitige Tabellenführer, der zumindest einen „Start-Ziel-Sieg“ des Favoriten verhinderte, wird sich zukünftig wohl mehr an die unteren Plätze gewöhnen müssen.

    Schade, dass die Dortmunder, denen scheinbar die überwiegende Anhängerschaft besonders die Daumen drücken wird, es verpasst haben, für einen kleinen Rekord zu sorgen. Wenn schon einmal der wieselflinke Neuzugang, Aubameyang, im Auftaktspiel drei Tore vorlegt, hätte ich ihm besonders auch noch die Möglichkeit gegönnt, mit der eventuellen Verwandlung des folgenden Elfmeters einen alleinigen Auftaktrekord aufstellen zu können. Wahrscheinlich wird in diesem Moment, der nicht so schnell wiederkehren könnte, aber kein Dortmunder daran gedacht haben….

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