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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2020

Euro 2020 – Ein letztes Hurra?

Kai Butterweck | Dienstag, 15. Juni 2021 ohne Kommentar

Im ersten EM-Spiel treffen die Spieler von Bundestrainer Joachim Löw auf die französischen Superstars. Die Presse ist erwartungsgemäß gespannt

Am Abend greift die deutsche Nationalelf ins Turniergeschehen ein. Oliver Fritsch (Zeit Online) grübelt: „Eins der offensichtlichen Probleme, das Loch im defensiven Mittelfeld, ist gar kein Thema bei Löw. Auf die Frage, wie er die Aufgabe von Toni Kroos gestalten will und wer ihm den Rücken freihalten soll, ging er in einer Pressekonferenz im März nicht ein. Hinzu kommt der Wechsel auf den hinteren Kaderplätzen. Julian Draxler und Julian Brandt waren lange dabei, inzwischen flogen sie aus dem Kader. Dafür ist nun Kevin Volland wieder dabei, erstmals seit Jahren wieder. Von Überzeugung spricht das nicht, auch nicht von Kontinuität.“

Nico Scheck (FR) jongliert mit Fragezeichen: „Der Weltmeister ist das krasse Gegenteil zum DFB-Team: Top-Favorit, unter höchstem Erwartungsdruck, mit Weltklasse bis in die zweite Reihe gespickt. Kylian Mbappé, Karim Benzema, Paul Pogba, Antoine Griezmann – und gegen die soll Deutschland gewinnen? In diesen Tagen und Wochen kann einem medial schon mal der Eindruck überkommen, dass Deutschland quasi chancenlos ist, wenn es um den EM-Titel geht. Man kann, nein, man muss fast sagen: Jogi Löw und sein DFB-Team werden in Deutschland größtenteils schlechter gemacht, als sie es faktisch sind. Eine Chance?“

Mats und Thomas haben Bock

Lutz Pfannenstiel (FAZ) stellt schon einmal Chips und Bier bereit: „Ich bin der Meinung, dass es nun noch einmal einen Hauruckeffekt geben wird, ein letztes Hurra, denn die Spieler werden für ihren Trainer durchs Feuer gehen. Alle Spieler – auch Mats Hummels und Thomas Müller. Für sie wäre es ein Leichtes gewesen zu erklären, dass sie bei dieser EM nicht zur Verfügung stehen. Aber sie haben Bock auf das Turnier. Und sie sind offenbar nicht nachtragend, weil sie von Jogi schon aussortiert worden waren. Und auf Müller willst du einfach nicht verzichten. In der Bundesliga war er zuletzt absolut überragend.“

Claudio Catuogno (SZ) rückt einen ganz bestimmten Les Bleus-Kicker in den Fokus: „Kanté zu kritisieren, schrieb kürzlich die Zeitung Le Monde, erscheine „so unpassend, wie sich gegen den Weltfrieden auszusprechen oder das Aussterben der Delfine zu unterstützen“. Seine Ballsicherheit, sein Stellungsspiel, seine Antizipationsfähigkeit im Zweikampf, dazu die Ausdauer eines Gabelbocks, die Opferbereitschaft einer australischen Krabbenspinne – und diese Bescheidenheit! Während Joachim Löw viele brillante Mittelfeldspieler im Team hat, die sich alle nur teilweise für die Dienstleiterrolle eignen, braucht Deschamps nur diesen einen: Kanté.“

Auch Benjamin Zurmühl (t-online.de) ist ein Kanté-Fan: „Der französische Nationalspieler sticht aus der Masse der Fußballprofis hervor – und zwar deutlich. Sportlich ist er ohnehin Weltklasse, das stellte er beim Champions-League-Finale wieder unter Beweis. Aber auch im Alltag ist „NG“, wie Kanté von seinen Teamkollegen beim FC Chelsea und Frankreich genannt wird, ein echtes Vorbild.“

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) stöbert im DFB-Coach-Archiv: „Wie lange Löw schon Bundestrainer ist, erkennt man auch daran, welche Gegner die Deutschen zu Beginn seiner Amtszeit noch fürchten mussten: Tschechien zum Beispiel. Als die Nationalmannschaft 2007 in der EM-Qualifikation in Prag antritt, sind die Tschechen mit Tomas Rosicky, Jan Koller und Milan Baros mindestens ein Gegner auf Augenhöhe. Vor allem vor dem 2,02-Meter-Riesen Koller haben die Deutschen so großen Respekt, dass sogar darüber diskutiert wird, ob er in Manndeckung zu nehmen sei.“

Fixpunkt im Sturmzentrum

Die Polen ziehen gegen starke Slowenen den Kürzeren. Jörg Strohschein (sportschau.de) beobachtet einen enttäuschten Weltfußballer: „Lewandowski ist der Superstar seines Teams. Und diese Rolle wollte er unbedingt annehmen. Als Fixpunkt im Sturmzentrum. Dort soll er torgefährlich sein, aber auch den Ball behaupten und seine Mitspieler nachrücken lassen. Beim FC Bayern funktioniert das „System Lewandowski“ seit Jahren nahezu perfekt. Allerdings hat er dort Mitspieler, die allesamt auf höchstem internationalen Niveau mithalten können. Anders als bei den Bayern fehlt seinen Mitspielern in der Nationalmannschaft größtenteils das internationale Format – und Lewandowski fehlen damit die Zuspiele, die er in München so traumhaft sicher verwandelt.“

Die favorisierten Spanier kommen gegen Schweden nicht über ein Remis hinaus. Cedric Voigt (spiegel.de) reibt sich die Augen: „So kommt es, dass der Tabellenführer in Gruppe E nach dem ersten Spieltag nicht Spanien, Schweden oder Polen heißt, sondern: Slowakei. Wer das zuvor getippt hat, darf sich fragen, ob er oder sie nicht die Reinkarnation eines populären Orakelkraken ist.“

Offensivglanz deluxe

Till Erdenberger (n-tv.de) freut sich auf eine ganz besondere Partie: „Frankreich gegen Portugal, der Weltmeister gegen den Europameister. In keiner anderen Vorrundenbegegnung ist die Superstardichte bei dieser EM höher, es dürfte im Weltfußball überhaupt sehr wenige Spiele geben, bei denen mehr Offensivglanz auf dem Rasen versammelt ist. Ronaldo Mbappé, Joao Felix, Griezman, Benzema: Es könnte wunderschön werden, ein Spektakel. Und dann will es die Dramaturgie, dass das Duell zum Abschluss der Gruppenphase stattfindet. Es geht um den Gruppensieg, vielleicht auch gegen das Ausscheiden, mindestens um eine gute Ausgangsposition fürs Achtelfinale.“

PCR, Antigen, Schnelltest: Günter Klein (FR) mutiert zum Corona-Test-Experten: „Der Autor dieser Zeilen hatte bis vor gut einer Woche gerade einmal einen Schnelltest Ende April erlebt, weil der Pflicht war, um an einer Ausgabe des „Doppelpass“ teilzunehmen. Das Programm zuletzt: Montag PCR, Dienstag PCR, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag, gestern Antigen-Test. Da kann man schon sagen: Man begegnet einem Nationalspieler derzeit auf Nasenloch- und Rachenhöhe.“

Dieter Hoß (stern.de) schaut Magenta TV: „Der Telekommunikationsriese lässt es insgesamt krachen. Er zeigt als einziger das komplette Turnier, alle Spiele live, zusätzlich im gestochen scharfen UHD (sofern das TV-Gerät das mitmacht). Ausgesuchte Matches gibt es zudem in einem Taktik-Kanal mit abgeklärtem Nerd-Kommentar von Ex-Schalke-Coach Manuel Baum und Benni Zander. Schnodder-Kommentator Wolff-Christoph Fuß (Sky) und Marco Hagemann (RTL) sind als bekannte Stimmen an Bord, Jan Henkel (Sky) analysiert im Studio die Taktik der Teams, die live spielen. Michael Ballack und Fredi Bobic gehören zu den prominenten Experten. Und Johannes B. Kerner ist neben Sascha Bandermann der Anchorman im Studio.“

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