indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 1. Juni 2007

Ascheplatz

Fremdgesteuert, hörig

Michael Horeni (FAZ) beleuchtet am Beispiel Miroslav Klose das mutmaßlich allgemein verbreitete Problem der Unmündigkeit von Fußballprofis: „Was als Folge des billigen Geschachers, der Unprofessionalität oder des Eigennutzes herauskommen kann, läßt sich am Imagedesaster von Miroslav Klose eindrücklich beschreiben. Zu Beginn der Saison war der WM-Torschützenkönig auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn angelangt. Er war beliebt und begehrt wie nie zuvor. Die Lage ist so düster, daß Klose meint, es sei das Beste, sich nur noch im Quartier der Nationalmannschaft zu verstecken. Klose hat jeden öffentlichen Auftritt abgelehnt. Aber ob Klose das selbst entschieden hat, ist fraglich. Vermutlich war es der Rat seines unerfahrenen Beraters Alexander Schütt, aber fragen kann man das Klose ja nicht. In der Fußballbranche wird die Entwicklung des Torjägers mit Skepsis betrachtet, die Beziehung zu seinem Berater sorgt mitunter sogar für Entsetzen. Es fallen Worte wie ‚fremdgesteuert‘ und ‚hörig‘. Laut sagt das aber im deutschen Fußball keiner. (…) Der Stürmer im schon reiferen Profi-Alter von 28 Jahren ist mit dem Problem der selbstverschuldeten Unmündigkeit jedoch nicht allein.“

FR-Interview mit Joachim Löw
FR: Jan Schlaudraff räumt Fehler ein, aber die Kritik seines Ex-Trainers findet er unangebracht

Donnerstag, 31. Mai 2007

Internationaler Fußball

Die typische afrikanische Geschichte

Daniel Theweleit (FR) berichtet von der Desillusionierung Berti Vogts‘ in Nigeria: „Als er sich im Januar entschloß, für die Afrikaner zu arbeiten, ahnte er zwar, daß er mit ziemlich widrigen Umständen zu kämpfen haben werde, daß es jedoch derart anstrengend wird, überrascht ihn doch. Vogts ist längst desillusioniert. Vogts wollte so viel machen in Nigeria, der nationalen Liga neuen Schwung geben, eine moderne Nachwuchsarbeit installieren, die Infrastruktur verbessern, doch solche Visionen sind schlicht nicht zu realisieren für einen kleinen Fußballexperten aus Korschenbroich. ‚Ständig spielen politische Argumente eine Rolle‘, klagt er, seine Helfer Uli Stein und Thomas Häßler warten immer noch auf ihre Gehälter und der Verband reagiert träge und bürokratisch auf die Vorschläge aus dem Trainerstab. (…) Es ist die typische afrikanische Geschichte, die Vogts erlebt, alles geht langsamer, zäher und weniger genau als gewohnt. Vor jedem Entschluß müssen komplizierte Geldverteilungskämpfe und Interessenabwägungen bewältigt werden.“

FAZ: Verletzte und erschöpfte Nationalspieler – postweltmeisterliche Malaise an Leib und Seele

FAZ: „Es ging nur ums Geld“ – Energie Cottbus verliert seine Besten

NZZ: Noch ist unklar, wer im FC Bayern in Zukunft die Musik machen wird

Am Grünen Tisch

Der Cristiano Ronaldo des Fußball-Parketts

Liebesbotschaften der deutschen Presse an Joseph Blatter, der heute wohl wiedergewählt wird und der seinen Kritiker John McBeth ins Leere laufen gelassen hat / Gerhard Mayer-Vorfelder hat auch einen Auftritt

Jens Weinreich (Berliner Zeitung) kommentiert spöttisch die Lage beim Fifa-Kongreß in Zürich: „Einer, der nicht begriffen hat, wie es läuft im Reiche Blatters, mußte seine Karrierehoffnung beenden: Der Schotte John McBeth wird wie erwartet doch nicht Fifa-Vizepräsident. Stattdessen nominierten die vier britischen Verbände, die traditionell einen Stellvertreterposten in der Fifa einnehmen dürfen, als Ersatz den Engländer Geoff Thompson. McBeth hatte vor einigen Tagen den unverzeihlichen Fehler begangen, Blatter zu kritisieren – vielleicht sollte man treffender formulieren: McBeth sagte die Wahrheit, als er Blatter als Trickser und Schlitzohr bezeichnete. Das weiß mittlerweile zwar die ganze Welt, doch so etwas gehört sich nicht in der Fifa unter den edlen Menschenfreunden, Friedenswahrern und unvergleichlichen Altruisten. Blatter verkauft die Entscheidung gegen McBeth natürlich als gelebte Demokratie. (…) Einer aus diesem Milliardenvolk, ein ganz besonders inniger Blatter-Jünger, wurde für seine ans debile grenzende Treue nun mit der Fifa-Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet: die deutsche Skandalnudel Gerhard Mayer-Vorfelder. MV wandte sich mit brüchiger Stimme an Blatter und seine Kameraden in der riesigen Halle: ‚Ich war immer stolz auf die Tätigkeit in der Fisa.‘ Damit ließ er seine Genossen einigermaßen verblüfft zurück. Fisa? Meinte Mayer-Vorfelder den Ruder-Weltverband? Oder den Automobil-Weltverband? Egal, man hat sich an verbale Brüchigkeiten des Schwaben längst gewöhnt. Es kommt nun auch nicht mehr drauf an, irgendwas wird er schon gemeint haben.“

Wolfgang Hettfleisch (FR) porträtiert den Fifa-Präsidenten und befaßt sich mit seinen Ambitionen für die Zukunft: „Joseph Blatter ist der Cristiano Ronaldo des Fußball-Parketts. Sein Repertoire an Tricks und Finten hat noch jeden Gegner aus dem Gleichgewicht gebracht. Und wenn er an einem Widersacher mal nicht so leicht vorbeikam, ließ er sich eben fallen und reklamierte Foulspiel. Seine Kritiker sind über die Jahre nicht weniger geworden, aber selbst bei den hartnäckigsten schlich sich irgendwann ein Gefühl der Ohnmacht ein. (…) Seine dritte Amtszeit soll von jenem Glanz beschienen sein, der ihm nach seinem Geschmack in der Vergangenheit so oft verwehrt geblieben war. Unter seiner Führung stieg der gemeinnützige Verein Fifa zu einem ökonomisch höchst erfolgreichen Weltkonzern auf. Mit einer erfolgreichen WM in Südafrika will er dokumentieren, daß die traditionelle Vorherrschaft der Europäer und Südamerikaner im Zeichen der Fußball-Globalisierung zu Grabe getragen wird. Blatter mag ein harter Machtmensch sein, aber er ist auch ein überzeugender Fürsprecher der weltumspannenden, egalitären und allgemeingültigen Werte seines Sports. Ob sich das vor allem aus Überzeugung speist oder doch eher aus der Sehnsucht nach persönlicher Anerkennung, mag jeder für sich selbst beantworten. Sicher ist, dass Blatter in seiner dritten Amtszeit verstärkt am eigenen Geschichtsbild basteln wird.“

NZZ: Stationen von Sepp Blatters Aufstieg zur Macht

Ein Hinweis: Das Sportnetzwerk, in den letzten Monaten Opfer eines Domain-Grabbers, ist wieder online. Die neue URL lautet: sportnetzwerk.eu. Es gibt ja derzeit kaum eine aktuellere Diskussion, als die, die das sportnetzwerk im Dezember 2005 angestoßen hat: die Misere des deutschens Sportjournalismus, insbesondere im Fernsehen. „Es lebt, jedenfalls schlägt das Herz des sportnetzwerks noch wie wild“, teilen die Gründer Jens Weinreich und Herbert Fischer-Solms in einer Rund-Mail mit. Und sie kündigen ein neues Buch an, einen Nachfolger der höchst lesenswerten Sammlung Korruption im Sport. Weiter heißt es: „Einige Funktionen wie Blog, Kontaktformular, Newsletter-Tool müssen noch eingerichtet werden, auch sind erst ein Teil der alten Texte wieder online, das dauert noch seine Zeit – und das hat ja auch Gründe: Die meisten Kollegen sind derzeit mit Doping ganz gut ausgelastet. Wie immer ist jeder dazu aufgerufen, an der Diskussion mitzuwirken.“

Mittwoch, 30. Mai 2007

Am Grünen Tisch

Gotteslästerung

Thema in der Fußballpresse heute: Auf dem Fifa-Kongreß in Zürich wird der schottische Neuling John McBeth für seine Kritik an der Fifa und an Joseph Blatter der Ethik-Kommission übergeben

Jens Weinreich (Berliner Zeitung) erwartet nicht, daß sich die Fifa mit McBeths Vorwürfen inhaltlich befassen wird: „Mit seinen Äußerungen beschäftigt sich jetzt die Fifa-Ethikkommission, jenes bizarre Grüppchen, das gern auch Journalisten zu unerwünschten Personen in der Fifa-Familie erklärt und sich in schweren Fällen, wie etwa bei Jack Warner, stets großzügig zeigt. Wenig deutet darauf hin, daß die Ethiker unter Leitung von Lord Sebastian Coe, Boß des olympischen Organisationskomitees London 2012, diesmal ausnahmsweise gründlich arbeiten. Denn sie laufen Gefahr, den Wahrheitsgehalt von McBeths Äußerungen zu beweisen. Das aber ist nicht im Interesse des Auftraggebers. So werden die Krönungsfeierlichkeiten weiter ohne größere Zwischenfälle ablaufen.“

Jörg Winterfeldt (Welt) rechnet mit Konsequenzen für McBeth: „Zwar im Staatssystem einer konstitutionellen Monarchie aufgewachsen, hatte sich der Schotte in einem großen Interview irrtümlich demokratische Rechte der Meinungsfreiheit gestattet – und damit gegen die ungeschriebenen Gesetze der Fifa verstoßen: McBeth geißelte Korruption, die Gier armer Verbände und kritisierte Blatter. Aller Voraussicht nach müssen die vier Verbände [gemeint sind die vier britischen Fußballverbände England, Schottland, Wales, Nordirland; if] nun einen neuen Vertreter wählen, denn die Fifa scheint entschlossen, die Gotteslästerung zu ahnden.“

Tsp: Ein unerwünschter Gast – die Fifa weiht ihre neue Zentrale in Zürich ein, aber der Schotte McBeth wird heimgeschickt
NZZaS: Joseph Blatter kann seiner Wiederwahl als Fifa-Präsident locker entgegenblicken
NZZ: Fifa strotzt vor Gesundheit

Abziehbild der Fifa

Weinreich beäugt die Maßnahmen des neuen Uefa-Präsidenten skeptisch: „Michel Platini revolutioniert die Uefa in einer besonderen Art. Er läßt das Management bluten, das unter Olsson und Johansson doch die Geschicke des Verbandes wie einen modernen Konzern geleitet hat und seinerzeit auch die Beraterfirma Boston Consulting eingebunden hatte. Man muß nicht alles loben, was da in Nyon von professionellen Fachleuten fabriziert wurde, unterm Strich aber war die Uefa solide geführt. Fehler wurden in der Uefa-Verwaltung vor allem auf politischem Terrain gemacht, etwa unter Olssons Vorgänger Gerhard Aigner. Nun übernehmen in der Uefa wieder Ehrenämtler in bald neunzehn statt wie bisher elf Kommissionen das Kommando. Jeden einzelnen von ihnen darf nur einer vorschlagen: der Präsident. Eine Menge Posten hat er da in Zukunft zu verteilen, um alte Schulden abzutragen. Im Prinzip ist die Uefa derzeit ein Abziehbild der Fifa.“

Rückblick: Aus einer Sonneborn-Lesung

Am Grünen Tisch

Gotteslästerung

Thema in der Fußballpresse heute: Auf dem Fifa-Kongreß in Zürich wird der schottische Neuling John McBeth für seine Kritik an der Fifa und an Joseph Blatter der Ethik-Kommission übergeben

Jens Weinreich (Berliner Zeitung) erwartet nicht, daß sich die Fifa mit McBeths Vorwürfen inhaltlich befassen wird: „Mit seinen Äußerungen beschäftigt sich jetzt die Fifa-Ethikkommission, jenes bizarre Grüppchen, das gern auch Journalisten zu unerwünschten Personen in der Fifa-Familie erklärt und sich in schweren Fällen, wie etwa bei Jack Warner, stets großzügig zeigt. Wenig deutet darauf hin, daß die Ethiker unter Leitung von Lord Sebastian Coe, Boß des olympischen Organisationskomitees London 2012, diesmal ausnahmsweise gründlich arbeiten. Denn sie laufen Gefahr, den Wahrheitsgehalt von McBeths Äußerungen zu beweisen. Das aber ist nicht im Interesse des Auftraggebers. So werden die Krönungsfeierlichkeiten weiter ohne größere Zwischenfälle ablaufen.“

Jörg Winterfeldt (Welt) rechnet mit Konsequenzen für McBeth: „Zwar im Staatssystem einer konstitutionellen Monarchie aufgewachsen, hatte sich der Schotte in einem großen Interview irrtümlich demokratische Rechte der Meinungsfreiheit gestattet – und damit gegen die ungeschriebenen Gesetze der Fifa verstoßen: McBeth geißelte Korruption, die Gier armer Verbände und kritisierte Blatter. Aller Voraussicht nach müssen die vier Verbände [gemeint sind die vier britischen Fußballverbände England, Schottland, Wales, Nordirland; if] nun einen neuen Vertreter wählen, denn die Fifa scheint entschlossen, die Gotteslästerung zu ahnden.“

  • Tsp: Ein unerwünschter Gast – die Fifa weiht ihre neue Zentrale in Zürich ein, aber der Schotte McBeth wird heimgeschickt
  • NZZaS: Joseph Blatter kann seiner Wiederwahl als Fifa-Präsident locker entgegenblicken
  • NZZ: Fifa strotzt vor Gesundheit

Abziehbild der Fifa

Weinreich beäugt die Maßnahmen des neuen Uefa-Präsidenten skeptisch: „Michel Platini revolutioniert die Uefa in einer besonderen Art. Er läßt das Management bluten, das unter Olsson und Johansson doch die Geschicke des Verbandes wie einen modernen Konzern geleitet hat und seinerzeit auch die Beraterfirma Boston Consulting eingebunden hatte. Man muß nicht alles loben, was da in Nyon von professionellen Fachleuten fabriziert wurde, unterm Strich aber war die Uefa solide geführt. Fehler wurden in der Uefa-Verwaltung vor allem auf politischem Terrain gemacht, etwa unter Olssons Vorgänger Gerhard Aigner. Nun übernehmen in der Uefa wieder Ehrenämtler in bald neunzehn statt wie bisher elf Kommissionen das Kommando. Jeden einzelnen von ihnen darf nur einer vorschlagen: der Präsident. Eine Menge Posten hat er da in Zukunft zu verteilen, um alte Schulden abzutragen. Im Prinzip ist die Uefa derzeit ein Abziehbild der Fifa.“



Rückblick: Aus einer Sonneborn-Lesung

Dienstag, 29. Mai 2007

11 Freundinnen

Emanzipiert Euch!

Andreas Rüttenauer (taz) empfiehlt den Frauen angesichts der Marginalisierung ihres Endspiels einen Ortswechsel: „Für die Teilnehmer des Frauenfinales ist der Auftritt in Berlin lukrativ, sie partizipieren mit je 70.000 Euro am Geschäft. Die bundesweite Live-Übertragung ist selten für ein Frauenspiel. Spielerinnen und ihre Betreuer sprechen immer brav vom großen Erlebnis Berlin, vom großen Tag in der Vereinsgeschichte. An dem spielen sie im fast leeren Stadion und dürfen mit anhören, wie sich die Ultras der männlichen Finalclubs warmsingen. Auf dem Spielfeld kann passieren, was mag – wenn die Bubis des VfB Stuttgart ins Stadion kommen, schneidet die Bildregie auf sie, und während die Siegerinnen die Ehrenrunde noch nicht ganz beendet haben, steht schon Bundestrainer Jogi Löw im Stadion und spricht darüber, wie ungern er sich die Haare hat abschneiden lassen, als er Stuttgart vor zehn Jahren zum Titel geführt hat. Es ist Zeit für die Fußballfrauen, sich zu emanzipieren. Sie brauchen ihr ureigenes Finale. Sie sollten nicht länger Beiwerk sein. Eine bundesweite Übertragung sollte zu arrangieren sein. Ein nicht ganz so großes Stadion müßte auch zu füllen sein. Und wenn es wirklich so ist, dass vor dem Frauenfußball eine große, verheißungsvolle Zukunft liegt, dann singt irgendwann Herbert Grönemeyer vor dem Spiel zweier Frauenmannschaften und nicht danach.“

NZZ: Die Auferstehung des Calcio – der italienische Fußball ist immer dann am besten, wenn er am Boden zerstört scheint

Montag, 28. Mai 2007

DFB-Pokal

Renaissance eines Wettbewerbs

Die Presse verteilt das Lob für das sportlich tolle Pokalfinale in gleichem Maß an Sieger und Verlierer und läßt die Stuttgarter Sünder Cacau und Fernando Meira mit einer Rüge davonkommen

Sven Goldmann (Tagesspiegel) dankt Nürnberg und Stuttgart: „Das Finale war sportlich das beste der vergangenen Jahre, es steht für die Renaissance eines Wettbewerbs, an die noch vor ein paar Jahren nicht zu denken war.“ Christof Kneer (SZ) führt die Qualität des Spiels auf die zwei Trainer zurück: „International ist der Einfluß des Trainers schon immer prägender gewesen, als die Bundesliga wahrhaben wollte, wo die Aufgabe der trainierenden Folkloristen viel zu lange darin bestand, die Aufstellung zu machen und Sprüche zu klopfen. Der Liga könnte nichts Besseres passieren als zwei Pokalfinalisten, die stilbildend wirken. Hans Meyer und Armin Veh haben Teams erschaffen, die im hochklassigen Cupfinale noch einmal zur besten Sendezeit vorführten, daß strukturiertes und spektakuläres Spiel keine Gegensätze sind. Beide Teams sind von ihren Trainern zu so präzisem taktischen Pflichtbewußtsein erzogen worden, daß sich die Kür fast von selbst ergibt.“

Gerd Schneider (FAZ) behält die Gesamtlage im Blick und läßt sich von dem Saison-Finish nicht Sand in die Augen streuen: „So aufregend und unterhaltsam Meisterschaftsfinale und Pokalendspiel auch waren: Man darf sich von ihnen – wie von den Rekordzuschauerzahlen – nicht blenden lassen. Aufs Ganze gesehen, war das spielerische Niveau dieser Saison in der Liga wie im Pokal schwach. Noch immer ist der Modernisierungsstau im deutschen Fußball nicht aufgelöst. Noch immer lähmt man den Reifeprozeß junger Kräfte, indem man sie zu wenig einsetzt und ihnen keine Fehler erlaubt. Noch immer haben die Fußballprofis zu viel Freizeit, anstatt sie zumindest tageweise in eine Ganztagesarbeit einzubinden, wie es Hans Meyer tut. Und noch immer dominiert der Hang zu Bewährtem, gerade bei der Besetzung der Trainer- und Managerstellen. Dabei haben gerade Stuttgart und Nürnberg gezeigt, daß Mut zu unkonventionellen Lösungen sich manchmal doch auszahlt.“

Ein Spiel, das Maßstäbe setzt

Volker Kreisl (SZ) würdigt Hans Meyers Realitätssinn und klugen Fleiß: „Über drei Jahrzehnte scheiterte der Club an Großmannssucht, sich selbst überschätzenden Spielern und Trainern, die vom ’schlafenden Riesen‘ redeten und letztlich mit einschliefen. Erst mit dem unprätentiösen, direkt denkenden Duo Martin Bader und Hans Meyer arbeitet beim Club wieder jeder konzentriert an seiner Stelle. Meyer lebt das vor, indem er sich jeglicher Überhöhung widersetzt. Auch seine Augen waren etwas feucht, auch er ballte nach dem Schlußpfiff die Fäuste, aber letztlich blieb er ruhig. Mit 64 Jahren und einem Hüftproblem springt man nicht mehr wie ein Bock über den Rasen. Er ist der erste Titeltrainer seit etlichen Jahren, der sich nicht mit Bier überschütten ließ, auch das bestätigte seine Ankündigung, daß ein Titel dem Verein viel mehr bedeuten würde als dem Trainer. (…) Endlich hat eine Club-Elf die Sehnsüchte ihrer Anhänger adaptiert, das war wohl der Hauptgrund für den knappen Sieg gegen technisch und gesundheitlich leicht überlegene Stuttgarter.“

Kneer lobt die Verlierer: „In taktischer Hinsicht hat diese junge Elf das nächste unverschämt reife Spiel hinterlassen, und wer nicht ständig nachzählte, konnte die Nürnberger Überzahl fast übersehen. Mit fast beängstigender Coolness hat Armin Vehs Zehn, angeleitet vom 20-jährigen Sami Khedira, dreimal im Spiel die Taktik gewechselt.“ Volk ohne Raumdeckung, der Blog eines bekennenden Nürnberg-Fans, pflichtet bei: „Jeder konnte sehen, warum sie Meister sind: Sie haben die technischen und taktischen Mittel, über die volle Distanz nach vorne zu spielen, sie sind großartig, wenn es darum geht, in ein Spiel zurückzukommen, sie haben außergewöhnliche Spieler, ohne dauernd von Leadership, Alphatieren und solchem Quark zu faseln: Khedira, Hitzlsperger, Hilbert und Meira. In diesem Endspiel trafen zwei der drei spielstärksten Mannschaften der vergangenen Saison aufeinander, das war zu sehen. Daß es nicht nur ein verdienter Sieg der Nürnberger, sondern auch ein Spiel war, das Maßstäbe gesetzt hat, macht den Gewinn des Pokals noch schöner.“

Ein Tritt wie ein Attentat

Die zwei Stuttgarter Sünder, Cacau, der seinen Gegenspieler geschlagen hat, und Fernando Meira, der seinen Gegenspieler vom Platz getreten hat, lässt die Presse mit schlechten Kopfnoten davonkommen. Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schreibt: „Die Stuttgarter haben bewiesen, daß sie fußballerisch für ihre Jugend schon erstaunlich erwachsen sind, daß sie charakterlich aber noch reifen müssen.“ Die FR rügt Meira: „Die häßlichste Szene des Finals, vielleicht sogar die der gesamten Saison, leistete sich VfB-Kapitän Meira. Der Portugiese, stärkster Stuttgarter der abgelaufenen Saison, trat, nur wenige Minuten nach dem Platzverweis für Cacau, Marek Mintal mit einer auf hiesigen Fußballplätzen selten gesehenen Brutalität ins Krankenhaus. Es war das pure Frustfoul, mit den Stollen zuerst, rücksichtslos, rüde, respektlos.“ Schneider fügt hinzu: „Während Cacaus Aussetzer keinen großen Schaden anrichtete, ließ sich Meiras Attacke, das vielleicht übelste Foul der ganzen Saison, schwer ertragen. Warum ihn Michael Weiner nicht vom Platz stellte, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Zu allem Unglück mußte sich der arme Mintal beim Hinaustragen von Stuttgarter Fans beschimpfen und mit Bier begießen lassen. (…) Ein brutales Foul, das wie ein Attentat aussah.“

Kneer mißt den Sympathieverlust der Stuttgarter: „Eine Woche lang hat sich der VfB Stuttgart zurecht bestaunen lassen dürfen für diese Meisterschaft, die er mit diszipliniertem Spiel errungen hatte. Diesmal aber beschränkte sich die Disziplin aufs Fußballtaktische, sonst schien es fast so, als wehrte sich diese Elf gegen die Vereinnahmung als everbody’s darling; falls dies der Plan war, ist er dank Meiras Tritt und Cacaus Faustaktion recht gut aufgegangen. Auch die Verantwortlichen waren einigermaßen überrascht von den unfeinen Mitteln, zu denen ihre feinen Fußballer gelegentlich griffen. (…) Meiras Tritt hat ihn mit einem Schlag in die Ruhmeshalle der Rauhbeine befördert, direkt neben Camacho, Gentile oder Goicoechea.“ Volk ohne Raumdeckung gewährt Milde: „Meira, einer der fairsten Innenverteidiger der Liga, war übrigens untröstlich und beging in den restlichen 90 Minuten kein einziges Foul mehr, das sollte man auch erwähnen.“

Mentalitätswandel

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) hebt die unspektakuläre Art des Nürnberger und künftigen Stuttgarter Torhüters heraus: „Wie sehr Klinsmann als Bundestrainer die Sicht des Landes auf den Fußball verändert hat, läßt sich auch an der Personalie Raphael Schäfer belegen. Dessen nüchterne Interpretation des Torwartspiels entspricht nicht der traditionellen Vorstellung der Deutschen, die die Qualität eines Torhüters vornehmlich an seinen Flugeigenschaften festmachten. Schäfer war selbst in Nürnberg am Anfang seiner Zeit nicht unumstritten, in den ersten beiden seiner insgesamt sieben Jahre beim Club bestritt er ganze drei Spiele. Welche Wertschätzung der Torhüter inzwischen genießt, läßt sich schon daran ablesen, daß er vom Deutschen Meister VfB Stuttgart für gut befunden wurde, Timo Hildebrand zu ersetzen. Es ist auch Ausdruck eines allgemeinen Mentalitätswandels.“

Freitag, 25. Mai 2007

Champions League

Klassischer italienischer Fußball

Pressestimmen aus Deutschland und England zum Champions-League-Finale zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool (2:1): Enttäuschung über das Spiel / Zaghafte sportrechtliche Bedenken gegen die Mailands Teilnahme / Wenig Sympathie für den Torschützen Filippo Inzaghi / Kritik an Liverpools Trainer Rafael Benitez

Christian Zaschke (SZ) bringt rechtliche Bedenken gegen den Champions-League-Sieger AC Mailand, Günstling italienischer Sportjustiz, ins Spiel: „Einerseits: Der Klub stellte die beste Mannschaft der Champions-League-Saison, die bisweilen berauschenden Fußball spielte, technisch, taktisch, kämpferisch nahezu perfekt. Andererseits: Was hatte diese Mannschaft in der Champions League zu suchen? (…) Ist diese Mannschaft ein würdiger Sieger? Wer an den Zauberer Kaká denkt, sagt ja; wer an den Strippenzieher Berlusconi denkt, sagt nein. Am AC Mailand zeigt sich beispielhaft, daß es nicht mehr möglich ist, den Sport isoliert von den ihn umgebenden (und treibenden) Kräften zu betrachten.“ Michael Horeni (FAZ) zieht eine Kopie vom letzten Sommer: „Die Rolle des von Skandalen unterschätzten Außenseiters, die Italien schon den WM-Titel einbrachte, haben Maldini, Nesta, Gattuso und Co. daraufhin noch einmal mit ganzem Herzen ausgelebt.“

Christoph Biermann (Spiegel Online) vermißt Esprit und Witz: „Der AC Mailand siegte in einem richtig schlechten Endspiel trotz schwacher Leistung, die mit dem Glanz der Partien gegen Manchester United und dem FC Bayern nichts zu tun hatte. Der FC Liverpool saugte wieder einmal alle Energie aus dem Spiel des Gegners, dem zudem kaum übersehbar der Glaube daran schwer fiel, die Revanche für die Niederlage im Finale vor zwei Jahren wirklich zu schaffen. Damals hatte Milan eine 3:0-Führung noch verspielt, und die meisten Spieler wirkten so, als würde sie das Trauma noch einmal erfassen. Im Mittelfeld dominierten die Mailänder das Spiel nie, weil Pirlo, Gattuso, Ambrosini und Seedorf einen kollektiven Formsturz erlebten, die eigentlich doch so routinierte Abwehr um Maldini und Nesta war nicht minder unsicher und verlor reihenweise Bälle bereits im Spielaufbau. Doch der FC Liverpool vermag vielleicht das Schwarze Loch der Champions League zu sein, das alle Energie seiner Gegner verschluckt. Ist die Mannschaft jedoch selber dazu genötigt, auf dem Rasen gestalten zu müssen statt zerstören zu dürfen, wirkt sie plötzlich nur noch durchschnittlich. 44 Minuten gelang Liverpool, Milan richtig schlecht spielen zu lassen, dann gingen die Italiener in Führung. Anschließend offenbarte Liverpool einen so elementaren Mangel an Kreativität, daß man sich fragte, wie sie überhaupt so weit gekommen waren. (…) Auf jeden Fall gewann, nimmt man die letzten Spiele der Champions League zusammen, die richtige Mannschaft.“

Flurin Clalüna (NZZ) stimmt ein: „Es war eine Ideologie-Kontroverse, ja beinahe ein Glaubenskrieg um die Schönheit des Fußballs, der Liverpool und Milan trennte – Konterfußball gegen Kurzpaß, Kontrollbedürfnis gegen künstlerische Freiheit. Die Kluft bestand in der Theorie. Doch endete der ‚Showdown‘ mit einer ketzerischen Feststellung: Anders als vor zwei Jahren waren die Systeme diesmal nicht kompatibel, sie sorgten nicht für Unterhaltung, sondern wurden von Milans Pragmatismus erstickt. Liverpool war in einem insgesamt enttäuschenden Spiel eigentlich die etwas bessere Mannschaft. Am Ende blieb ein rechthaberisches 2:1, ein Sieg ohne Glanz. Aber die AC Milan bewies, daß sie eben doch kann, was die Fußballwelt von ihr erwartet: minimalistisch einen Vorsprung einheimsen, sich dann zurückziehen und Zeit verstreichen lassen. Für den Sieg genügte klassischer italienischer Fußball, fast ohne jede Inspiration, ganz anders als im Halbfinal-Vergleich gegen Manchester United.“

Volk ohne Raumdeckung hat ein Auge für Feinheiten: „War es ein großes Spiel? Ich meine, das CL-Finale ist immer ein großes Spiel, ein must-see, eine Standortbestimmung des europäischen Fußballs. Zwei unspektakuläre Kleinigkeiten entschieden das Spiel: ein verlorener Zweikampf in der ersten Hälfte, als ein weißer Rossoneri einem roten Liverpooler den Ball in der eigenen Hälfte wegstibitzte. Zwei Pässe später dann das Foul und der Freistoß zum 1:0. Das Foul kann man geben, muß man nicht. Wenn man sieht, was Fandel vor allem in Hälfte Zwei alles hat laufen lassen, eine viel zu harte Entscheidung. Sonst war der Mann aus Kyllburg, das übrigens im Eifelkreis Bitburg-Prüm liegt, ein sehr guter Schiri. Die zweite entscheidende Szene: der Paß zu Kaka in der zweiten Halbzeit. Nein, nicht der von Kaka zu Inzaghi. Auf den immer am Abseits vor sich hinhechelnden Super-Pippo durchzustecken ist eigentlich gar nicht so schwer, der Paß zu Kaka genau vorher. Ein Zwilling des Passes von Andrea Pirlo vor dem 1:0 gegen Deutschland im Halbfinale, wir erinnern uns. Alles scheint gedeckt, es scheint keine Gefahr zu drohen. Und plötzlich, mit einer minimalistischen Geste wird die Achse des Spiels ausgehebelt, wird Kaka ins Spiel gebracht und das Loch in der Abwehr wird zum Schlund, zum Abgrund, zum verdienten 2:0.“

Gesetzesdehner, Groß-Opportunist, Abstauber

Raphael Honigstein (FR) lenkt das Licht auf den Schützen zweier Tore: „Die Erkenntnis ist nicht neu, doch das an Höhepunkten arme Match machte es noch einmal deutlich: Je ausgefeilter die Konzepte werden, desto größer ist der Bedarf an Spielern, die diese überwinden. Inzaghi überwand Gegner und taktische Zwänge und holte so Milans siebten Europapokal. Ein 33-Jähriger gegen die Maschine: eine äußerst romantische und im speziellen Fall von Pippo, dem zynischsten Spieler aller Zeiten, ziemlich absurde Vorstellung.“ Thomas Kilchenstein (FR) knirscht mit den Zähnen: „Pippo I. hat bei seinen popeligen 18 Ballberührungen zwei Tore geschossen und ein Champions-League-Finale ganz alleine entschieden. Das schafft nur der Pippo. Ein Spieler, den keiner mag (außer den Mitspielern). Weil er provoziert, weil er schauspielert, weil er sich ständig fallen läßt, ohne berührt worden zu sein, weil er link ist, weil er stets den eigenen Vorteil sucht. Aber er ist ein Meister der Effizienz.“

Birgit Schönau (SZ) hingegen wirbt für ihn: „Über ihn sagte einst Sir Alex Ferguson, er sei in der Abseitsposition auf die Welt gekommen. Das war vielleicht als Kompliment gemeint. Filippo Inzaghi hat die unsichtbare Abseitslinie verinnerlicht wie kein anderer Fußballer. Er spielt mit ihr, er weiß sie auf den Zentimeter genau einzuschätzen und auszuloten. Die Abseitsregel, das vielleicht wichtigste Dogma der Ersatzreligion Fußball, vermag dieser Filippo Inzaghi aber auch zu dehnen wie einen Gummiparagraphen. Inzaghi, der Gesetzesdehner, der Groß-Opportunist, der Abstauber. Dieses Match konnte Milan nur mit ihm gewinnen. (…) Inzaghi wird im Ausland gefürchtet, vor allem aber verachtet. Im Abseits geboren. Schwalbenkönig. Wie kein anderer verkörpert Inzaghi jene Italien-Klischees, die im Fußball noch gehegt werden.“

Dem Untergang geweiht

Volk ohne Raumdeckung wagt eine Sympathiebekundung: „Die Mutter aller Schwalben, Inzaghi, war diesmal Spieler des Spiels. Ich mag ihn, obwohl er so eine unglaubliche Nervensäge ist. Sein großer Auftritt mit Ball-ins-Gemächt war ebenso unsterblich wie seine beiden Tore. Vor allem das erste: ein Jab wie von Muhammad Ali, kaum zu sehen mit dem bloßen Auge. Wehleidig, theatralisch, eiskalt, taktisch ausgebufft besitzt er alle Fähigkeiten, die den italienischen Fußball zu dem machen, was er ist. Der andere Man of the Match war Steven Gerrard. Kriegt in der zweiten Halbzeit einen Ball an den Arm geschossen und anstatt sich durchzumogeln bricht er ab, weil er weiß, daß es Handspiel war. What a great guy. Wäre die englische Nati – um das mal europäisch zu formulieren – nicht so hochgradig neurotisch, Gerrard könnte der Spieler der EM 2008 werden.“

Richard Whitehead (Times) ordnet das Geschehene pophistorisch ein und stellt sich die Frage: Wäre das gestrige Finale eine Beatles-Album gewesen, welches wäre es? “Das Finale in Istanbul vor zwei Jahren entsprach ganz klar ‚Revolver‘: einem außergewöhnlichen Höhepunkt, der wohl nie mehr zu erreichen sein wird. Das Beatles-Album, das der Anti-Klimax von Athen 2007 am meisten entsprach ist ‚Let it Be‘, das bereits dem Untergang geweihte, vorletzte Album der Band. Genau wie auf ‚Let it be‘ gab es in dem Match Momente reiner Liverpooler Brillanz – den Titelsong, ‚The long and winding road‘, ‚Get Back‘, sogar das etwas gezwungen klingende ‚Two of Us‘. Aber letztlich, vor allem nach Inzaghis Tor, mußte man doch eher an fürchterliche Songs wie ‚Dig a Pony‘, ‚Maggie Mae‘ und ‚One after 909′ denken. (…) Völlig untypisch für John Lennon – ein Mann, der dem Fußball nicht viel abgewinnen konnte – erwähnt er in einem der Songs auf dem Album sogar einen berühmten Fußballer: Matt Busby, den ersten Trainer, der es schaffte, den Europapokal nach England zu holen. Der berühmteste Sohn Liverpools feiert also einen Trainer von Manchester United – die Sechziger müssen noch um einiges verrückter gewesen sein als wir dachten.”

Verrückte Entscheidung Benitez‘

Für Sam Wallace (Independent) war es die Umkehrung des Finales von 2005: “Die bessere Mannschaft hat wieder verloren, nur diesmal war es Liverpool: In Istanbul vor zwei Jahren wollte sich Rafael Benitez’ Team einfach nicht damit abfinden, verloren zu haben; am Mittwoch schienen sie nie daran zu glauben, gewinnen zu können. In Liverpool hält man sich gerne für eine Mannschaft, die Geschichte schreibt. Doch die Geschichte zog nun einfach so an ihnen vorbei. Carlo Ancelottis Mannschaft hat ohne Zweifel die meiste Klasse in Europa, aber so schlecht wie gegen Liverpool sieht man sie selten. Benitez’ Männer sind meisterhaft darin, den Gegner einzuengen, ihn zu stören. Doch als sie sie dazu aufgefordert waren, Milan zu überrumpeln, bekamen sie nichts zustande. Für Milan war es die perfekte Revanche: Nach dem Finale von Istanbul, das sie nie hätten verlieren dürfen, gab es gestern das Finale von Athen, das sie eigentlich nicht hätten gewinnen dürfen.”

Für Tony Cascarino (Times) mangelte es Liverpool an Fortune, Mut und dem „Laternenpfahl“ Crouch: “Rafael Benitez machte in der ersten Halbzeit all das richtig, was er vor zwei Jahren falsch gemacht hat. Der AC Milan wurde ausgetrickst, ganz einfach. Die Tatsache, daß die Italiener gestern so viel schlechter waren als vor zwei Jahren und Liverpool so viel besser, hat etwas ironisches an sich. Das Glück kann ein unheimlich wichtiger Faktor sein, es gibt allerdings verschiedene Arten von Glück: Es gibt das einfache, zufällige, unverdiente Glück, so wie bei Milans erstem Tor. Man kann sich sein Glück aber auch erarbeiten, und genau daran ist Liverpool gescheitert. Man hatte einfach nicht genug Leute im gegnerischen Strafraum, um aus der eigenen Dominanz Kapital zu schlagen und vielleicht einen Abpraller zu erwischen, einen Zufallsball. Der Grund dafür ist, daß Benitez Peter Crouch zunächst draußen ließ, anstatt mit Gerrard, Kuyt und Crouch aufzulaufen. Milan war schlagbar.”

Auch Henry Winter (Daily Telegraph) ist nicht ganz glücklich mit einigen Entscheidungen Benitez’: “Bei der Post-Mortem-Untersuchung wird Benitez seine Mitschuld eingestehen müssen: Tod durch mangelnde Abenteurlust. Man lag 1:0 hinten, und alles schrie nach einem weiteren Stürmer, aber Benitez wartete bis zwölf Minuten vor Schluß, um Crouch einzuwechseln. Verrückt. Als Inzaghi den zweiten Ball einschob, brachte Benitez mit Arbeloa einen Innenverteidiger. Liverpool brauchte einen Adrenalinschub, ein bißchen was von Craig Bellamys ‘death or glory’-Attitüde. Was bekamen sie stattdessen? Einen soliden Verteidiger.”

Die Tore

FR: Der FC St. Pauli ist praktizierter Fußball-Karneval, manchmal befreiend ungezwungen, oft krampfhaft ritualisiert

Mittwoch, 23. Mai 2007

Champions League

Tradition gegen Geschäft

Vorberichterstattung zum Finale

Michael Horeni (FAZ) erzählt das Duell Liverpool gegen Mailand als das Duell Tradition gegen Geschäft, Erdverwurzelung gegen Snobismus, Gut gegen Böse: „Wie vielleicht keinem anderen europäischen Spitzenklub ist es dem FC Liverpool gelungen, die urwüchsige Kraft des einstigen Arbeitersports zu bewahren und in sein Geschäftsmodell zu integrieren. Wenn die Vorstellung von Fußball pur unter den in den letzten Jahren dramatisch veränderten Bedingungen noch irgendwo zu Hause ist, dann an der Anfield Road. Daß der legendäre ‚Roar‘ auch in der künftigen Arena, so die Herausforderung an die Konstrukteure, nach dem Umzug weiterleben soll, ist dabei nur ein Ausdruck einer gelebten, bodenständigen Beziehung – auch wenn der Klub gerade für 430 Millionen Dollar an amerikanische Investoren ging. Der Zuschauer als vielzitierter zwölfter Mann, in Liverpool hat er trotzdem noch einen Stammplatz. Auf der anderen Seite eignet sich kein anderer Klub besser als Milan als Projektionsfläche, um die Versuchungen und Abgründe in diesem Multimilliardengeschäft zu illustrieren – und die Distanz, die in der Europaliga auch zwischen Potentaten und Publikum liegen kann. Nach den Verwicklungen in den Manipulationsskandal war es vielleicht nur Silvio Berlusconis Einfluß geschuldet, daß sein Klub von den Sportrichtern nachsichtig behandelt wurde und überhaupt in der Champions League mitmachen durfte. Juristisch stand Milan zwar nicht im Mittelpunkt des Skandals, doch für viele trägt der frühere Regierungschef und reichste Mann des Landes die politische Verantwortung für die Korruption im Calcio, weil seine grenzenlose Instrumentalisierung des Fußballs dem Betrug den Boden bereitete.“

Dirk Schümer (FAS) beleuchtet den Energiesparmodus des AC Mailand: „Sollte der Klub Berlusconis tatsächlich Europas Meisterklasse als Sieger abschließen – dann hätte das abgebrühte Ensemble das höchste Saisonziel erreicht: nämlich den Meistertitel von Inter in den Schatten zu stellen. Niemand in Italien hätte dem überalterten Ensemble von Milan ein internationales Durchstarten zugetraut. Doch nun zeigt sich, daß die Vereinsführung genau darauf hingeplant hatte. Alles sieht nach einer Punktlandung aus: In vier glanzvollen Spielen gegen Bayern München und Manchester United rafften sich Altstars jenseits der dreißig zu Großtaten auf, die sie in den langweiligen Partien gegen Chievo oder Empoli schon lange nicht mehr zeigen. Die taktisch ausgebufften, oft verletzten Altstars wie Nesta, Maldini oder die müden Weltmeister Pirlo und Gattuso schonten sich im Liga-Alltag aber so gründlich, daß sie nun sogar als Favoriten gelten können. Warum in einer endlosen Liga Kraft verpulvern, wenn wenige Partien der Champions League dasselbe Geld und denselben Ruhm einbringen? Aus der nationalen Rehaklinik direkt in Europas fußballerischen Jetset – noch nie hat ein Traditionsverein das gewachsene Prestige der Champions League untermauert und das eigene Land links liegenlassen.“

Benítez hat an alles gedacht

Flurin Clalüna (NZZ) schreibt Mailand etwas gut: „Milan hat zuletzt alle Beton-Konzepte über die Sterilität und den Negativismus des italienischen Fußballs aufgebrochen. Vor allem wegen des letzten Auftritts gegen Manchester United sind die Mailänder die Favoriten. Die Italiener gelten als erfahrener und auch als talentierter als die Reds. Doch vielleicht gibt es einen Spielverderber: Benitez.“ Hanspeter Künzler (NZZ) gibt einen Einblick in Benitzez‘ Arbeit: „Seit er sich im Alter von 26 Jahren dazu entschied, die (mittelmäßige) Spielerkarriere zu beenden und sich zum Coach und Manager ausbilden zu lassen, legt er höchsten Wert auf genaue Statistiken. Der Manager macht sich mit geradezu obsessiver Genauigkeit an die Planung der Matches – sogar während der Flitterwochen soll er Trainingsmethoden studiert haben. Nach einer Computeranalyse verbot Benitez den spanischen Spielern den Konsum von Paella, weil dies nicht in seine Vorstellung einer ausgeglichenen Ernährung passe. Einzig und allein auf die Computeranalyse Benitez‘ ist auch zurückzuführen, daß Steven Gerrard seinem eigenen Instinkt zum Trotz immer wieder am rechten Flügel statt in der Mitte eingesetzt wird: Der Computer habe gezeigt, daß er auf diesem Posten eine bessere Wirkung erzeuge.“

Jörg Kramer (Spiegel) fügt hinzu: „Der beleibte Mann mit den weichen Zügen und den weiten Anzügen ging den Profis anfangs mit seiner Detailversessenheit auf die Nerven, inzwischen liegt ihm ganz Liverpool zu Füßen. Benítez ist ein Buchhalter des Fußballs, seine Ideen kommen aus dem Computer. Die Spieler sind sein Material. Es ist ein gerechneter Fußball, den er lehrt, der kann durchaus leidenschaftlich sein, hart und athletisch. Aber dazu braucht Benítez keine besondere Lautstärke, keine Psychotricks, eigentlich keine Emotionen. (…) Für eine Woche hat Benítez‘ Team ein Trainingslager in der Provinz Murcia im Südosten Spaniens bezogen. Sie hatten ermittelt, daß dort um diese Zeit exakt die gleichen Bedingungen herrschen wie am Endspielort Athen. Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit: Benítez hat an alles gedacht.“

BLZ: Neue Besitzer wollen den FC Liverpool modernisieren
Tsp: Jamie Carragher soll dazu beitragen, daß Liverpool heute die Champions League gewinnt
Tsp: Kätzchen oder Pitbull – Englands Presse reibt sich an Milans Gattuso
NZZ: Ein sehr liebenswertes Portrait von Carlo Ancelotti
BLZ: Der Grenzgänger Paolo Maldini, bald 39, wird noch ein Jahr spielen
FAZ-Interview mit Urs Siegenthaler über seine Prognose für das Endspiel

With the lights out, its less dangerous

Well, shake it up, baby, now

Ball und Buchstabe

Nachdenken, Recherche und Deutung

Jürgen Kaube (FAZ/Medien) fühlt sich angesichts der Berichterstattung der Sportschau, im speziellen der Konferenzschaltung zwischen Stuttgart und Schalke, für dumm verkauft und macht der ARD-Sportredaktion einen Vorschlag, wie sie ihre Arbeit verbessern könne: „Es ist dies die typische Haltung des Sportfernsehens gegenüber seinen Zuschauern. Sie werden als Kinder behandelt. Man tut so, als wäre die Spannung gar nicht mehr auszuhalten, auch wenn gar niemand mehr gespannt ist. Man verzichtet auf Analysen, Hintergrund, Kommentar, nur um eine ganz lächerliche Imitation von Aktualität zu bieten. ‚Hoho, vielleicht wird Schalke ja noch Meister, es ist noch möglich‘, sagt das Kasperle – aber die Kinder diskutieren längst, warum es nicht so kam. Mehr als Spannung, so die irrige Vormeinung, hat das Fernsehen nicht, und wenn es keine mehr gibt, wirft man sich in die Arme der Idiotie. Nun kann man sagen: Die ARD-Sportschau hat ein Problem, das alle Medien haben, die über Sport nicht live berichten. Was soll sie denn machen, wenn ihr die entsprechenden Rechte fehlen? Die Antwort ist schlicht: Sie soll den Leuten nichts vormachen und soll, wie jeder Journalist, der nicht aktuell berichten kann, sich überlegen, welche Vorteile in der Nachträglichkeit liegen. Es gibt solche Vorteile: Vorteile des Nachdenkens, der Recherche und der Deutung. Man sollte sie nicht durch ein Kasperletheater der Aktualität, die niemand glaubt, verspielen. Warum sagt man nicht ehrlich: Stuttgart wurde Meister, und wir erklären euch jetzt, wie es dazu gekommen ist.“

Dienstag, 22. Mai 2007

Internationaler Fußball

Es war das Chelsea 2006

Pressestimmen aus England und Deutschland zum Pokalsieg Chelseas

Nick Townsend (Independent) macht sich Sorgen um die Freizeitgestaltung des englischen Fußballnachwuchses: „Vielleicht war es ein Spiel zu viel in dieser Saison, für zwei Mannschaften, die sich so gut kennen wie verfeindete Familienangehörige. Als die Sieger die 107 Stufen zur Siegerehrung hochstiegen, waren es vor allem die Innenverteidiger, die Applaus verdienten – damit ist eigentlich alles gesagt. Die zwei besten Mannschaften Englands sorgten dafür, daß die Einweihungsfeier des neuen Wembley-Stadions eine trostlose Veranstaltung wurde. (…) Die erste Halbzeit war zum Heulen. Sicher nicht die Art Fußball, die Kinder dazu bringt, im Garten herumzutollen und ihre Vorbilder zu imitieren. Eher schon dürften sie sich in ihre Kinderzimmer verzogen haben, um Playstation zu spielen.”

Auch für Joe Lovejoy (Times) gab es zu wenig guten Fußball zu sehen – und zu viel Brimborium: „Dieses Finale war alles andere als ein Klassiker, und es war ziemlich schnell klar, daß der, der zuerst ein Tor schießt, als Sieger vom Platz gehen würde. Das endlose Vorgeplänkel, der Rummel und das ganze Gedöns erinnerten an die amerikanische Super Bowl. Und nachdem Prinz William das Stadion für eröffnet erklärt hatte und die Opernsänger mit ihrem Auftritt fertig waren, war es für diejenigen, die gekommen waren, um ein Fußballspiel zu sehen, eine Erleichterung als es endlich los ging. (…) Chelsea und ManU mögen die zwei besten Teams des Landes sein, aber keine der beiden Mannschaften konnte gestern ihr gesamtes Können abrufen. Es war eines der schwächsten FA-Cup-Endspiele der jüngeren Geschichte.”

Kraft, Kondition, Kontrolle statt Glanz und Glamour

Gary Lineker macht sich im Daily Telegraph Gedanken über Jose Mourinhos Wesen und Zukunft: “Es ist schwer zu schätzen, ob dieser Sieg Einfluß auf Mourinhos Verbleib bei Chelsea hat. Nur wenige Eingeweihte wissen wirklich, was an der Stamford Bridge in dieser Saison vorgefallen ist, und letztlich hängt die Entscheidung allein von einem Mann ab: Roman Abramowitsch. Ganz offensichtlich gab es Mitte der Saison erheblichen Krach zwischen dem Trainer und dem Besitzer des Clubs, so viel steht fest. Was wir jedoch nicht wissen ist, wie tief der Bruch zwischen den beiden ist. Die Fans des Vereins wollen Mourinho auf jeden Fall behalten. Man konnte hören, wie laut sie jubelten, als er die Trophäe in die Höhe reckte. Sie wissen, daß man Titel nicht mit Geld allein gewinnt, sonst hätte Real Madrid in den letzten fünf Jahren alles abgeräumt. Nein, Mourinho ist eine Klasse für sich.”

Christian Eichler (FAZ) schließt aus der Tatsache, daß Chelsea ohne seine Neuen, in erster Linie Ballack und Schewtschenko, gewonnen hat: „Chelsea als Pokalsieger 2007, es war das Chelsea von 2006; es war der Triumph eines Vorjahresrenners, den man wieder aus der Garage geholt hat, weil beim Nachfolgemodell der Motor stotterte. Kraft, Kondition, Kontrolle statt Glanz und Glamour. Der erste Sieger im neuen Wembley waren die ältesten aller Fußballtugenden.“

Englische Presse bearbeitet und übersetzt von Alexander Neumann (London)

Bundesliga

Meisterprüfung steht noch aus

Wird der VfB Stuttgart die Fehler der Vergangenheit vermeiden?

Christof Kneer (SZ) mahnt den VfB Stuttgart angesichts seiner Vereinshistorie dazu, die Gefahren des Erfolgs zu umschiffen: „Horst Heldt muß jetzt ausbaden, was er angerichtet hat. Ihm ist im vorigen Sommer versehentlich eine Meistermannschaft unterlaufen, und jetzt muß er versuchen, das Versehen auf ein stabiles Fundament zu stellen – und das in Stuttgart, wo sie in den vergangenen Jahrzehnten ein bemerkenswertes Talent entwickelt haben: Sie haben die entscheidenden Fehler immer dann gemacht, wenn es ihnen gut ging. (…) Der geforderte Stürmer wurde 1984 nicht gekauft, und der VfB stürzte im Jahr nach der Meisterschaft hinunter ins Mittelfeld. Trainer Helmut Benthaus, der gefeierte Meistercoach, stürzte mit; er wurde entlassen und durch Otto Baric ersetzt. Sparsamkeit muß bestimmt kein Nachteil sein in dieser zum Größenwahn neigenden Branche, aber in Stuttgart haben sie es selten verstanden, Vorsicht und Risiko im richtigen Mischungsverhältnis zu halten. Nach dem Titelgewinn 1992 ließen sie Matthias Sammer ziehen, nach dem Pokalsieg 1997 ging Giovane Elber, und im Laufe der Saison fiel dem großen Vorsitzenden Gerhard Mayer-Vorfelder dann ein, daß er keine Lust mehr hatte auf diesen Trainerneuling namens Löw. Er holte Winfried Schäfer. Horst Heldt kennt diese Geschichten natürlich alle. Die letzte Zerfallsepisode hat er sogar selbst erlebt, er war noch Spieler und mußte mitansehen, wie erst Bordon und dann Kuranyi und Hleb kampflos aus der Stadt gelassen wurden. Heldt ist viel zu loyal, um das auszusprechen, aber natürlich hat er sich in dieser Zeit auch abgeschaut, wie man es besser nicht machen sollte. (…) Horst Heldt weiß, daß nun die Meisterprüfung auf ihn wartet.“

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) läßt Zuversicht zu: „Die Meisterschaften waren nicht der Beginn dauerhafter Dominanz, sie blieben Momente kurzen Glücks. Im Europapokal schied die Mannschaft beide Male in der ersten Runde aus, 1992 bedingt durch den Fehler ihres Trainers Christoph Daum, der gegen Leeds einen Ausländer zu viel eingesetzt hatte. Die Bundesligasaison beendete der VfB als Siebter, 1985 landete der Meister sogar nur auf Platz zehn. In Stuttgart sind sie sich ziemlich sicher, daß ihnen ein solcher Absturz diesmal erspart bleibt. Mit einem Durchschnittsalter von etwas über 25 Jahren hat der VfB ohnehin eine der jüngsten Meistermannschaften überhaupt gestellt.“

BLZ: El Bundesligameister – in Mexiko hofft man, daß sich der Erfolg der VfB-Spieler Pavel Pardo und Ricardo Osorio auch auf die Nationalelf überträgt

SZ-Interview mit Mirko Slomka: Die Meisterschaft verloren, eine Mannschaft gewonnen

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