indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 24. Januar 2005

Allgemein

Wieder falsch beraten

Timo Hildebrand macht derzeit außerhalb des Spielfelds eine schlechte Figur – Martin Hägele (SZ 24.1.) beurteilt dessen Spende für die Flutopfer: „Der junge Mann sah ziemlich blass aus, als er sein Statement vortrug; Menschen, die mit sich selbst im Reinen sind, wirken anders. Man merkte den Versuch, dass da einer krampfhaft Gutes tun und dafür bitte, bitte wieder einmal gelobt werden wollte. Vor ein paar Wochen hätte es dafür garantiert auch Beifall gegeben, 5000 Euro ist schließlich eine beachtliche Spende. Mit spontaner Hilfsbereitschaft aber hatte diese Geste nichts zu tun. Man fragt sich viel mehr, ob der 25-Jährige bei seiner Goodwill-Aktion nicht schon wieder falsch beraten war, denn so einfach lässt sich der Imageschaden nicht korrigieren, den Hildebrand mit der Ablehnung des Stuttgarter Angebots zur Vertragsverlängerung erlitten hat. Zu stark riecht diese Geschichte nach einem PR-Beitrag von Hildebrands Seite, um irgendwie das Loch zu schließen, das nun zwischen dem (ehemaligen?) Sympathieträger und seinen (einstigen?) Bewunderern klafft.“

Wie geht’s mit ihm weiter, Oliver Trust (Tsp 24.1.)? “Hildebrand macht, obwohl er offiziell keine Aussagen macht, in seinem Umfeld keinen Hehl daraus, dass er am liebsten in Stuttgart bleiben würde.“

Interview

Ich telefoniere ja auch nicht jeden Tag mit meinem Bruder

Dick Advocaat mit Richard Leipold (FAS 23.1.)
FAS: Sie geben nur ein Interview pro Woche. Warum sind Sie den Medien gegenüber zurückhaltend bis ablehnend?
RL: Ich habe das aus Glasgow übernommen. Da war es so üblich, nur einmal vor dem Spiel und unmittelbar danach mit der Presse zu sprechen.
FAS: Aber in Deutschland gehört die Öffentlichkeitsarbeit für fast alle Trainer zu den wichtigsten Aufgaben.
RL: Verschiedene Kollegen machen das gerne, ich weiß nicht, warum. Täglich mit der Presse zu sprechen, das habe ich noch nie gemacht. Das werde ich auch nicht tun. Ich telefoniere ja auch nicht jeden Tag mit meinem Bruder. Warum soll ich ständig mit Journalisten reden? Einmal in der Woche ist mehr als genug. Ich habe noch etwas anderes zu tun.
FAS: Woher rührt Ihr Mißtrauen gegenüber den Medien?
RL: Das ist ein gefährliches Terrain. Über Fußball könnte ich jeden Tag sprechen. Aber als Trainer treffe ich immer wieder auf Personen, die ganz andere Interessen haben. Vielen geht es nicht um Fußball, sondern um das Drumherum. Das war früher nicht so extrem, aber ich habe ein gewisses Verständnis dafür. Es hilft dem Verein ja auch, sich zu vermarkten.
FAS: Was wollen Sie erreicht haben, wenn Sie Mönchengladbach eines Tages verlassen?
RL: Wir wollen spätestens in drei Jahren um einen Uefa-Pokal-Platz mitspielen. Aber wenn es nicht gut läuft, gehe ich vielleicht schneller als erwartet. Ich stehe zu meiner Verantwortung.

Ball und Buchstabe

Drei-Phasen-Verdrängung: kurz registriert, aber nichts gesehen, nichts gehört

Klaus Hoeltzenbein (SZ 24.1.) beäugt die Ermittlung des DFB gegen Robert Hoyzer: „Er wird den ersten Bundesliga-Skandal in seiner Dimension kaum erreichen, aber er trifft den Fußball ähnlich schwer, denn er trifft ihn in seinem Kern – bei den Unparteiischen, bis Samstag die Zelle der Unschuld und der moralischen Unantastbarkeit im DFB. Und er trifft ihn zur völlig falschen Zeit: Anderthalb Jahre vor der WM kann niemand in Deutschland einen Skandal gebrauchen (…) Als kurz vor Weihnachten ruchbar wurde, die Zweitligapartie Aue gegen Oberhausen könne mittels Großwetten manipuliert gewesen sein, wurde wieder die Drei-Phasen-Verdrängung aktiviert: kurz registriert, aber nichts gesehen, nichts gehört. Nun ist der DFB gezwungen, sich einer neuen Realität zu stellen. (…) Warum pfiff Hoyzer trotz der Vorwürfe weiter? Wurde der Reiz der Sportwetten unterschätzt, wurde gar etwas vertuscht im Haus des DFB?“

Eine Art autogener Korruption

Auch Christian Eichler (FAZ 24.1.) befasst sich mit dem Manipulationsvorwurf und mit der Satisfaktion für die Geschädigten: „Es ist der erste Schiedsrichterskandal in Zeiten des globalen Wettmarktes. Seit sich auch in Deutschland nicht mehr nur Totozettel ausfüllen, sondern hohe Summen auf einzelne Spiele setzen lassen, sind der alltäglichen, privaten Korruption neue Türen geöffnet. Man muß nicht mehr, wie beim Bundesligaskandal 1971, Dutzende von Mittätern und Mitwissern einbinden, braucht keine konspirativen Treffen und Geldumschläge mehr. Es ist eine Art autogener Korruption, die ein einzelner anonym übers Internet betreiben kann. Derjenige, der für die Bestechung bezahlt, ahnt davon in der Regel nichts: der unterlegene Klub, das zahlende Wettbüro, der Tipper, der leer ausgegangen ist. (…) Ebenso wie am Neuen Markt, wo die Geschädigten selbst bei klarer Rechtslage kaum etwas wiedersahen von ihrem Geld, so wird sich auch im Fußball, einer Welt vollendeter Tatsachen und Tatsachenentscheidungen, kaum Wiedergutmachung schaffen lassen. Man kann den Pokalwettbewerb nicht wiederholen. Man kann nur daran arbeiten, daß sich der Pokalskandal nicht wiederholt. Ein schwarzes Schaf unter den Männern in Schwarz: neu im deutschen Fußball. Der muß nun alles tun zu beweisen, daß es keine Herde ist.“

Kein Wunder

Knut Pries (FR/Seite 3, 24.1.) fügt hinzu: „Ein Wunder wäre vielmehr, wenn ausgerechnet im deutschen Profi-Fußball, der bekanntlich hübsche Sümmchen bewegt, eine Sauberkeit herrschte, um die andere Bereiche – nennen wir stellvertretend die Politik – hart ringen müssen. Um ähnliche Anstrengungen wird das ballschiebende Gewerbe nicht herumkommen, und das – verschärfte Kontrolle – ist gut so. Gut wäre freilich auch das positive Gegenstück: mehr Anerkennung für die, die sich in redlicher Manier fürs Gemeinwohl nützlich machen, ob in kurzen Hosen auf grünem Rasen oder im Anzug bei der Volksvertretung.“

Das war ein Schlüsselspiel für die Saison

Klaus Toppmöller (FAZ 24.1.) über die Niederlage in Paderborn: „Ich denke, es war das einzige Spiel in meiner Profi- oder Trainerkarriere, in dem ich massiv den Eindruck hatte, daß beabsichtigt Einfluß genommen wurde. (…) Ich schaue mir auch im Ausland viele Spiele an und muß eine Lanze für die deutschen Schiedsrichter brechen. Die pfeifen in der Regel sehr, sehr gut. Schwarze Schafe kann man nicht ausschließen, aber es wäre natürlich eine Katastrophe für den Sport, wenn das kein Einzelfall ist. (…) Das war ein Schlüsselspiel für die Saison. Die ganze Woche danach war Kesseltreiben angesagt von Fans und Medien. Alle waren geladen und unzufrieden mit uns. Dann fehlte Mpenza wegen Rot, und Benny Lauth ist als zweiter Stürmer verletzt ausgefallen. Paderborn hat mir geschadet.“

Pass auf, das kann ich noch viel besser

Stefan Beinlich (BLZ 24.1.) erinnert sich: „Wir haben das geschluckt, weil wir sonst als schlechte Verlierer gegolten hätten. Aber gleich nach dem Spiel habe ich schon erfahren, dass der Schiedsrichter zu einem Paderborner Spieler in der Pause gesagt haben soll: „Spielt ihr mal so weiter! Den Rest erledige ich.“ Das passt ins Bild. Ich habe auf dem Platz zu ihm ironisch gesagt: „Was Sie hier machen, ist das Allerbeste.“ Daraufhin hat er mir geantwortet: „Pass auf, das kann ich noch viel besser.“ Das war kurz vor dem zweiten Elfmeter.“

„Verpfiffene Spiele erschüttern deutschen Fußball“, FAZ

WM 2006

Wir werden zeigen, daß wir technisch und organisatorisch auf höchstem Niveau arbeiten

Michael Ashelm (FAS 23.1.) fasst das Gespräch mit Klaus-Peter Schulenberg zusammen, dem Verantwortlichen für das Ticketing: „Die große Differenz zwischen Angebot und Nachfrage stellt hohe Anforderungen an die Zuteilung der Eintrittskarten. Schon immer gehörte dieser Teil des Geschäfts zu den sensibelsten Themen einer WM. „Das oberste Ziel ist ein faires Ticketing”, sagt Klaus-Peter Schulenberg. Seine Erfahrung hatte die Fifa und das deutsche OK davon überzeugt, ihm die schwierige Aufgabe zu übertragen. Ob bei der WM 2002 in Japan und Südkorea oder zuvor in Frankreich: Immer wieder führte der Ticketverkauf zu skandalösen Begleiterscheinungen. Entweder verschwanden die Karten in dunklen Kanälen, oder sie wurden den Käufern nach ihrer Bestellung zu spät zugesandt. Statt Transparenz herrschte wildes Chaos, jede bisher betraute Agentur scheiterte an den hohen Anforderungen – zuletzt die britische Firma Byrom. Schulenberg rechnet nun fest mit der Wende: „Wir werden zeigen, daß wir technisch und organisatorisch auf höchstem Niveau arbeiten.”

Bundesliga

Phantasten aus Wolfsburg

Martin Hägele (NZZaS 23.1.) kommentiert den ersten Rückrunden-Spieltag: „In der rauen Wirklichkeit scheinen die Phantasten aus Wolfsburg angekommen, deren neuer Manager Strunz allen Ernstes von der Meisterschaft phantasiert hatte. Ausgerechnet Borussia Dortmund zeigte den Wolfsburgern vor eigener Kulisse die nationalen Grenzen auf; ein von Finanzproblemen und einem Streit im Management gebeutelter Klub. Dies spricht wohl für die These, dass das Team von Coach Gerets in der Vorrunde über seine sportlichen Verhältnisse gelebt hat.“

Trainerstimmen zum 18. Spieltag, sueddeutsche.de

Fotostrecke 18. Spieltag, sueddeutsche.de

Europas Fußball vom Wochenende, NZZ

Samstag, 22. Januar 2005

Interview

Wenn es mit Amateuren geht, funktioniert das mit jeder Mannschaft

Höchst lesenswert! Ralf Rangnick mit Christoph Biermann (SZ 22.1.) über die Einführung modernen Fußballs in Deutschland
SZ: Sie haben sich auf Ihrem Marsch durch die Institutionen einen neuen Fußball erfunden. Beim VfB Stuttgart wurde 1990 für alle Nachwuchsmannschaften die ballorientierte Raumdeckung eingeführt. Kein anderer Klub in Deutschland hat das damals gemacht, und sie steckten als Trainer der A-Jugend mit dahinter. Was wollten Sie anders machen, obwohl im Jahr des WM-Gewinns in Italien von einer Krise des deutschen Fußballs nichts zu sehen war?
RR: Der VfB Stuttgart hatte zwar viel Geld für den Nachwuchs ausgegeben und drei A-Jugendmeisterschaften hintereinander gewonnen, aber es kamen aus diesen Mannschaften keine Profis hoch. Also wurde Helmut Groß als Jugendkoordinator verpflichtet, der im Württembergischen Fußballverband ein Mentor des Trainerlehrstabs war. Ich hatte ihn 1985 kennen gelernt, und Groß hatte mich über drei Jahre in stundenlangen Gesprächen von den Vorzügen einer kompletten Raumdeckung überzeugt.
SZ: Wo hatte Groß das gelernt?
RR: Nirgends. Er ist Diplomingenieur, arbeitet als Brückenbauer und ist immer ein analytischer Mensch gewesen. Er hatte Videos ausländischer Klubs studiert und seine Erkenntnisse im Amateurfußball sehr erfolgreich umgesetzt.
SZ: Wie hießen die großen Vorbilder?
RR: Wir hatten seit Mitte der achtziger Jahre mit Viktoria Backnang jedes Jahr gegen Dynamo Kiew gespielt, wenn die ihr Wintertrainingslager in der Sportschule Ruit gemacht haben. Ich war als Spielertrainer dabei und habe während der ersten Partie angefangen, deren Spieler zu zählen. Ich dachte, die hätten zwei Mann mehr auf dem Platz. Wir hatten zwar schon gegen Profis gespielt, aber so was hatten wir noch nicht erlebt: Man hatte ständig zwei, drei Gegenspieler. In unserem Fußball gab es das nicht, wir spielten in Manndeckung – ein Mann gegen einen anderen.
SZ: Sie hatten Ihr Erweckungserlebnis.
RR: So ähnlich war das. Ich bin dann immer gekommen, wenn Valerij Lobanowski mit Kiew in Ruit war und habe mir deren Training angeschaut. Die haben gespielt wie niemand sonst. Der Hamburger SV hatte unter Happel zwar auch ansatzweise Pressing gespielt, sich dabei aber nur quer verschoben. Kiew tat das auch nach vorne.
SZ: Was konnten Sie denn als Amateurtrainer von den Spielern lernen, die 1988 bis ins Finale der Europameisterschaft kamen?
RR: Das habe ich mit Helmut Groß auch diskutiert und dann als Trainer beim Landesligisten in Korb in der Winterpause 1988/89 auf Raumdeckung umgestellt. Anschließend haben wir nur noch zweimal verloren, und mir war klar: Wenn es mit Amateuren geht, die nebenbei noch arbeiten, funktioniert das mit jeder Mannschaft.
SZ: Da steckten Anfang der neunziger Jahre also ein paar schwäbische Amateur- und Nachwuchstrainer die Köpfe zusammen und bildeten eine Art Untergrundzelle des anderen Fußballs?
RR: Wir wurden jedenfalls als ein komisches Grüppchen angesehen, und ein wenig waren wir das auch. Es gab schließlich keine Bücher, jedenfalls keine für uns zugängliche, also mussten wir Theorie und Praxis der ballorientierten Raumdeckung selbst erarbeiten. Außerdem haben wir Videos zusammengeschnitten mit Spielen vom AC Mailand unter Arrigo Sacchi oder der russischen Nationalelf, um den Leuten zu zeigen, dass es so was wirklich gibt und wir uns das nicht nur ausgesponnen haben.

Wir haben ein Fußball-Philosphie-Problem

Sehr lesenswert! Ewald Lienen mit Thomas Kilchenstein & Frank Hellmann (FR 22.1.)
FR: Würden Sie nicht manchmal ganz gerne mit uns Journalisten tauschen?
EL: Auf die Idee bin ich noch nie gekommen. Warum sollte ich?
FR: Sie säßen bequem in der Schreibstube, hätten Macht und wüssten alles besser.
EL: Ja, aber dann müsste ich ja jeden Tag was schreiben, was sich vielleicht gar nicht ereignet hat. Ich denke, dass der Sport und die Medien zusammenarbeiten sollten. Kritik muss immer auf der Basis gegenseitigen Respekts geäußert werden, was nicht immer der Fall ist. Es ist für Trainer unglaublich schwierig, Spieler auf ihr höchstes Leistungsniveau zu heben, wenn sie, Trainer wie Spieler, vorher auf beleidigende Art und Weise kritisiert worden sind. (…)
FR: Kommen wir zur WM 2006. Da wird gesprochen von einem identitätsstiftenden Charakter, den dieses Ereignis hat. Von Nationalstolz ist die Rede. Wird der Fußball da nicht unzulässig missbraucht?
EL: Von dieser WM werden sicherlich sehr viele Anregungen ausgehen. Die WM ist auch eine große Chance, über unseren Fußball nachzudenken, über unsere Fußball-Philosophie. Mir wird bei Länderspielen immer zu sehr das Ergebnis in den Vordergrund gestellt. Die deutsche Nationalmannschaft war dann bei Turnieren erfolgreich, wenn sie nicht an der Spitze der technisch-taktischen Entwicklung stand. Wir müssen Jahre zurückdenken, ehe man sagen kann, die Nationalmannschaft war zumindest gleichwertig mit Teams wie Brasilien, Argentinien, Italien oder Frankreich.
FR: Wie kommt man wieder auf den alten Stand?
EL: Wir haben ein Ausbildungsproblem, und wir haben ein Fußball-Philosphie-Problem. Wir dürfen nicht nur ergebnisorientiert schauen. Es stört mich jetzt schon wieder, dass jeder nur davon redet: Wir müssen Weltmeister werden. Was mich interessiert: dass wir wieder guten Fußball spielen. Der DFB ist der größte Verband mit den meisten Fußballern, normalerweise müssten wir, wenn wir es richtig anstellen, die beste Mannschaft der Welt haben. So eine Weltmeisterschaft wäre eine gute Gelegenheit zu sagen: die technische Ausbildung ist wichtig, die Qualität ist wichtig, die Fußball-Philosophie ist wichtig und nicht: Wir müssen gewinnen um jeden Preis.
FR: Sie können sich doch vor einer WM nicht hinstellen und sagen, egal wie wir abschneiden, Hauptsache wir spielen schön?
EL: Nein. Als verantwortlicher Trainer muss ich das natürlich als Ziel ausgeben. Aber eine WM als Event würde ich dazu nutzen, auch die Strukturen zu verbessern. Es geht um die Qualität der Trainer und der Förderung der Top-Spieler. Die Top-Talente mit 12, 13, 14 Jahren muss man drei Mal am Tag über den Platz scheuchen. Was passiert dann bei dem momentanen Förderprinzip? Da finden wir nach dem Gießkannenprinzip das eine Talent in Hintertupfingen, dann geht es zum Stützpunkt und macht ein Training in der Woche mehr. Ich rede davon, dass man jeden Tag ein Training mehr machen muss. Warum überholen uns die Schweizer links und rechts? Weil sie seit zehn Jahren ein vom Staat gepuschtes System haben, weil die eine Topausbildung kriegen. Bei uns müssen Klimmzüge gemacht werden, dass ein Talent mal für ein, zwei Stunden aus der Schule herausgeholt wird. Das ist albern und lächerlich. So lange wir das nicht ändern, werden wir den Anschluss nicht schaffen.

WM 2006

Es ist WM, und nicht jeder darf rein

Uwe Marx (FAZ 22.1.) widmet sich der Diskussion um Tickets: „Franz Beckenbauer war früher zwar Abwehrspieler, aber so viel Defensive dürfte auch ihm nicht recht sein. Der 1. Februar naht, jener Tag also, an dem die erste Phase des öffentlichen Verkaufs der Eintrittskarten – und alle Verantwortlichen aus dem OK treten an zur rechtzeitigen Mauerbildung. Es dürfte eine Klagemauer werden. Bevor auch nur das erste von über drei Millionen Tickets verkauft ist, trösten Beckenbauer und seine verteidigenden Kollegen die noch nicht Zukurzgekommenen: Es werde viele Enttäuschungen geben. Die Zahl der Karten sei einfach zu gering. Das WM-OK könne nur als Verlierer aus der Sache hervorgehen. Das alte Leid: Es ist WM, und nicht jeder darf rein. Nichts Neues, aber immer wieder neu aufgelegt als angeblicher Empörungsgrund, als Entfernung des Fußballs von seinen Wurzeln und seinen treuesten Anhängern. (…) Wie auch immer gerechnet wird, in diesem Spiel wird es viele Verlierer geben.“

„Die Vergabe der begehrten Tickets zur Fußball-WM 2006 gerät für die Organisatoren zur Quadratur des Kreises“, FR

Bundesliga

In dieser Saison stößt das System Schaaf an Grenzen

Frank Heike (FAZ 22.1.) befasst sich mit dem Innenleben Werder Bremens: „In diesen Tagen sind alle Qualitäten des Pädagogen Schaaf gefragt. Er muß sich fühlen wie in einem Kreis schwer Erziehbarer. Doch es ist ja nicht das erste Mal, daß es Schwierigkeiten mit Micoud gibt. Solange Micoud alles mit Leistung auf dem Feld zurückzahlt, ist an ihm als Regenten des Bremer Spiels nicht zu rütteln. Wäre er neben seiner unbestrittenen Klasse ein durch und durch integrer Kerl, hätte Werder ihn nie bekommen, oder er würde längst in einem größeren Klub spielen. Das wissen die Verantwortlichen. Schaaf ist es schon bei Ailton gelungen, einem Star Sonderrechte einzuräumen, ohne den Rest des Teams zu verärgern. Das System Schaaf sieht vor, daß jeder seine Rolle, jeder seinen Platz hat. Doch in dieser Saison stößt sein System der Mannschaftsführung an seine Grenzen. (…) Durch einen Sieg über Schalke, soll der Ballast der schlechten Stimmung abgeworfen werden.“

Rhetorisches Fernduell

Richard Leipold (FAZ 22.1.) ist gespannt auf Schalker Antworten: “Der FC Schalke rüstet sich zu einem Fernduell, das er möglichst bis zum Ende der Saison durchhalten will, vor allem sportlich, aber auch rhetorisch. (…) Auf seine Art hat Hoeneß die Westfalen beinahe geadelt. Sie dürfen sich ernst genommen fühlen, nicht wie ein Konkurrent, den die Bayern beiläufig in die Schranken weisen. Während der Münchner Impresario den zweiten, den härteren Teil des Titelkampfs mit einem für ihn typischen Minen-Spiel eröffnet hat, suchen die Schalker offenbar noch nach der geeigneten Strategie, um dem Favoriten auf allen Gebieten Paroli bieten zu können. Sollen sie nun mutige Prognosen abgeben und den Bayern offen den Kampf ansagen, oder sollen sie eher subtil vorgehen und den Rekordmeister mit bescheiden formulierten Ansprüchen in Sicherheit wiegen? Sie sind sich offenbar nicht ganz schlüssig.“

„Ausnahme Lizarazu – auf Anhieb konkurrenzlos gut“, FAZ

„Rostock ist der einzige ostdeutsche Fußball-Bundesligist – ein Abstieg hätte Folgen für die ganze Region“, Tsp

„Der Vorstand von Hansa Rostock trägt sich mit Rücktrittsgedanken für den Fall des Abstiegs“, BLZ

Freitag, 21. Januar 2005

Interview

Wir sind nicht vermessen

Oliver Bierhoff mit Armin Lehmann (Tsp 21.1.)
Tsp: Wird der Aufbruch im Nationalteam, der neue Stil, nennen wir ihn neue Offenheit, von den Klubs honoriert?
OB: Das Verhältnis ist sehr gut, und es wird immer besser. Reibereien wird es wegen Terminen und Spielerabstellungen aber immer geben.
Tsp: Wie kann die Liga der Nationalmannschaft helfen?
OB: Das hat sie schon, indem sie beim Rahmenterminkalender auf all unsere Wünsche eingegangen ist: Beispielsweise das Vorziehen des Pokalfinales, so dass alle Spieler in der Bundesliga bis kurz vor der WM gleichzeitig belastet sind.
Tsp: Will die Nationalmannschaft mit Klinsmann eine Art Trendsetter sein auch für die Liga? Sie haben viele neue und junge Spieler integriert, haben Trainingsmethoden präzisiert.
OB: Wir hoffen, dass die Vereine unsere Signale dankbar aufnehmen und uns unterstützen. Aber wir sind nicht so vermessen, ein Vorreiter sein zu wollen. Trotzdem kann die Liga von der guten Stimmung bei uns in der Nationalmannschaft profitieren.
Tsp: Es erhöht aber vielleicht auch den Anpassungsdruck auf die Trainer und Manager. Ist das eine Gefahr für die Vielfalt von Methoden?
OB: Das denke ich nicht. Jeder Trainer hat seine eigenen Vorstellungen. Aber ich sehe ja, dass die neuen Ansätze, jüngere Manager zu engagieren, durch die Arbeit von Jürgen Klinsmann mehr Anerkennung erfahren. Das ist gut, ich freue mich über mehr Mut in der Liga, mehr Mut zu Kreativität und zu klaren Zielen.
Tsp: Karl-Heinz Rummenigge hat jüngst gesagt, er finde es gut, dass wieder Medizinbälle und Seile beim FC Bayern im Training zu sehen sind, dass wieder härter trainiert wird. Widerspricht das Ihren Vorstellungen?
OB: Fortschritt bedeutet für mich, die wissenschaftliche Analyse von Trainingsmethoden zu berücksichtigen. Übungen von früher, beispielsweise beim Dehnen, müssen nicht verkehrt sein. Es kommt dann nicht darauf an, ob man dazu Medizinbälle oder Seile nimmt, nur darauf, wie man sie einsetzt. (…)
Tsp: Wäre eine Aufstockung der Liga auf 20 Klubs denn qualitätsfördernd?
OB: Nein, überhaupt nicht. Eine Aufstockung wäre falsch. Vor allem, wenn man sich den Rahmenterminkalender anguckt, der platzt schon jetzt aus allen Nähten.

Internationaler Fußball

Den Zug der Modernisierung verpasst

Dirk Schümer (FAZ 21.1.) mahnt Italiens Fußball zur Erneuerung: „Der politische Revisionismus ist nicht allein das Problem einer rückwärtsgewandten Gemeinde von Fußballkriegern. Auch die Vereinspräsidenten mit ihren Mauscheleien ließen als Vorbilder die Moral auf den Hund kommen. Wer die Bilanz frisiert, um die Lizenz zu erhalten, wer nachträglich die Ligen aufstockt, um dem Abstieg zu entgehen, wer systematisches Doping betreibt und Wettbetrug vertuscht, der lädt die Fans in den rechtsfreien Raum ein. In den veralteten Stadien der Weltmeisterschaft 1990 geben die brutalen Ultras auch darum den Ton an, weil die friedlichen Fans sich dramatisch abwenden. Während in Britannien oder Deutschland moderne, wetterfeste Arenen für Sponsoren und Familien mit Kindern hochgezogen wurden, harren in den meist gähnend leeren Stadien der Serie A auf Beton- oder Stahlgerüst-Tribünen im Regen oft nur die Jugendlichen der Vorstädte aus, die sich mit ihren Aggressionen als einzig legitime Elite fühlen. Im Kaufrausch um immer teurere Stars aus dem Ausland haben Italiens Fußballbosse den Zug der Modernisierung ihres Sports offenbar verpaßt. (…) Für die Bewerbung Italiens zur EM 2012 – Fernziel für eine Stadionmodernisierung mit staatlicher Hilfe – verspricht die notorische Fan-Gewalt nichts Gutes. Wird den Ultras nicht das Handwerk gelegt, dürfte Italien schon sehr bald nicht mehr zur ersten Wahl im europäischen Fußball gehören.“

Mit Fußball, Finten und Flüssigkeiten hat es Bilardo offenbar

Gerhard Dilger (FTD 21.1.) befasst sich mit dem Betrugsvorwurf an Argentinien bei der WM 90: „Funktionäre in Rio raunen von einem „weiteren schwarzen Kapitel in der Geschichte des argentinischen Fußballs“ und erinnern an die angebliche Bestechung der Peruaner bei der WM 1978. Damals musste Brasilien wegen des 6:0-Kantersiegs der Argentinier gegen Peru vorzeitig die Koffer packen. An das verlorene WM-Finale von 1950 reicht allerdings keine dieser Affären heran. Bis heute gilt die 0:1-Endspielniederlage gegen Uruguay vor 200 000 Fans im Maracanã-Stadion von Rio als kollektives Trauma Nummer eins, das selbst Nachgeborene und Fußballmuffel umtreibt. „Jedes Land hat seine unwiderrufliche nationale Katastrophe“, schrieb der Autor Nelson Rodrigues. „Unser Hiroshima ist die Niederlage gegen Uruguay.“ Die meisten Verschwörungstheorien ranken sich hingegen um die 0:3-Finalschlappe gegen Frankreich 1998, als die „Seleção“ wie gelähmt über den Rasen des Stade de France taumelte. Ronaldo, der Stunden zuvor einen epileptischen Anfall gehabt haben soll, wurde deswegen zwei Jahre darauf sogar vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zitiert. Carlos Bilardo ist eine schillernde Figur Argentiniens. Vor zwei Jahren war er Präsidentschaftskandidat, das ist sicher. Eher ins Reich der Legenden gehört der Vorwurf, er habe die Weltsprache Nummer eins nur gelernt, um die englischen Fußballer besser beschimpfen zu können. Als Trainer des Klubs Estudiantes de la Plata stieß er trotz Alkoholverbots in Stadien mit einem Sektglas an. Seine Verteidigung: „Das war kein Champagner, das war Gatorade!“ Mit Fußball, Finten und Flüssigkeiten hat es der Mann offenbar.“

Hintergrund: Wie Argentinien Brasilien übel mitgespielt haben soll, SpOn

Fußball in Brasilien, ein Buchrezension im Spiegel

Carlos Bilardo, auch schon als Spieler ein Rüpel

…und als Trainer autonom

James Dean Polens

In Polen ringt man um eine Leiche – Thomas Urban (SZ 21.1.) berichtet: “Das hat es in der an Skandalen durchaus nicht armen Geschichte des polnischen Fußballs noch nicht gegeben: einen Streit um einen Toten. Es geht um den nationalen Fußballgott Kazimierz Deyna, der erst kürzlich in einer landesweiten Abstimmung zum „Spieler des Jahrhunderts“ gewählt worden war. Gerade erst 41 Jahre alt, ist er 1989 bei einem Verkehrsunfall in Kalifornien ums Leben gekommen. Nun ist das Präsidium seines früheren Klubs Legia Warschau auf den Gedanken verfallen, zum 90. Jubiläum der Vereinsgründung im kommenden Jahr seine sterblichen Überreste nach Polen überführen zu lassen. Der Mann mit den langen schwarzen Haaren, der wie ein Südländer aussah, war ein Zauberer im Mittelfeld, er hatte Charisma und einen rebellischen Charakter. Er war Kapitän der großen polnischen Mannschaft, die erst durch das „Regenspiel“ von Frankfurt gegen die deutsche Elf auf dem Weg ins Finale der WM 1974 gestoppt wurde. (…) Sein früher Tod, ausgerechnet am 1. September 1989, dem 50. Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen, der Urkatastrophe, machte ihn zum Mythos. Um ihn entstand sehr bald eine Art James-Dean-Kult.“

WM 2006

Blumige Fiktionen

Matti Lieske (taz 21.1.) kritisiert die Imagekampagne der Bundesregierung: “So schamlos haben Politiker noch nie versucht, den Fußball für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, wie jetzt Gerhard Schröder und Konsorten mit ihrer „1. FC Deutschland 06″ getauften Imagekampagne. Dagegen verblasst sogar Helmut Kohls schwergewichtiges Rangewanze an Bertis Europameister. 20 Millionen Euro werden verpulvert, um anlässlich der WM 2006 ein rosiges und idyllisches Bild von Good Ol Germany vorzugaukeln. Die Einheimischen sollen bitte vergessen, dass ihnen der Staat das Geld aus der Tasche zieht, damit die Unternehmen weiter kaum Steuern zahlen müssen und als Exportweltmeister brillieren können. Den ausländischen Gästen soll, weil die Realität offenbar nicht als Wirklichkeit taugt, mit allen Mitteln der Suggestion ein virtuell optimiertes Deutschland präsentiert werden – „modern und sympathisch“, könnte ja sein, dass ihnen das im täglichen Umgang nicht auffällt. Nun werden sie so lange mit blumigen Fiktionen überschüttet, bis sie jedes Raunzen eines Berliner Busfahrers für eine Ode an die Freude halten.“

Die FAZ (21.1.) meldet: „Die Fifa und die Agentur Infront haben sich darauf verständigt, daß die Fans alle 64 Spiele bei der WM 2006 in Deutschland auf Großbildleinwänden verfolgen können.“

Bundesliga

Die WM 2006 wird immer und überall mitspielen

Michael Horeni (FAZ 21.1.) freut sich auf die Rückrunde und die WM 2006: “Die Bundesliga steht schon längst im Schatten eines Fußball-Ereignisses, das einige Generationen nur ein einziges Mal erleben werden. Aber das ist für die Bundesliga, deren Machern es stets nach ungeteilter Aufmerksamkeit und entsprechenden Fernsehgeldern gelüstet, kein Schaden. Nicht zuletzt die neuen Stadien haben in der Vorrunde zu einem abermaligen Besucherrekord geführt, weiteren Zuwächsen bis zum Saisonende steht nichts im Wege. Zudem ist das Wohlwollen des Publikums über die sportlichen Leistungen sichtlich gewachsen, und dies liegt nicht allein daran, daß erstmals seit vielen Jahren wieder drei Mannschaften noch nach der Winterpause in der Champions League dabei sind. Unterfüttert wird das lange vermißte Gefühl, internationale Konkurrenzfähigkeit nicht bloß herbeizureden, sondern auf dem Platz beweisen zu können, eben auch durch die beherzten Auftritte der Nationalmannschaft. Da nun selbst einstige Fußball-Provinzen wie Hannover mit Nationalspieler Mertesacker oder Bielefeld mit Owomoyela viel näher an die große Fußballwelt herangerückt sind, wird die WM 2006 in der Rückrunde selbstverständlich immer und überall mitspielen.“

Start in die Rückrunde, kommentiert in der NZZ

taz-Interview mit Rolf Königs, Präsident Borussia Mönchengladbachs

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 2,556 seconds.