Samstag, 3. Juli 2004
Allgemein
Antiquar des Fußballs
höchst lesenswert! Holger Gertz (SZ) porträtiert Otto Rehhagel, den „Antiquar des Fußballs“ – Trainaos Dallas, „eine bessere Führungspersönlichkeit kann sich kein Trainer wünschen“ (FAZ) – Portugals Star ist Trainer Felipe Scolari (FAZ) u.v.m (mehr …)
Interview
Eusébio im Interview
FR-Interview mit Eusébio
Deutsche Elf
Erste Revolte der DFB-Geschichte
„die erste Revolte in der DFB-Geschichte steht an“ (SZ) / „die Entmachtung Gerhard Mayer-Vorfelders könnte Hitzfelds letzter Job im Auftrag des FC Bayern gewesen sein“ (Tsp) / „das inzestuöse Trainergewerbe im deutschen Profifußball bedarf dringend einer Blutauffrischung“ (FR) / was muss der neue Bundestrainer können und sein? „stressresistent und ideal-kompatibel in Werbung und Medien“ (Tsp) / wie wär’s mit Morten Olsen? „er will dem Publikum nicht nur einen Sieg schenken, sondern auch ein Spektakel“ (FAZ) u.v.m.
Der Ärger sitzt bei fast allen zu tief
„Die erste Revolte in der DFB-Geschichte steht an“, meldet Thomas Kistner in der Süddeutschen Zeitung (4.7.) auf Seite 1: „Beim DFB-Bundestag am 23. Oktober will sich MV zur Wiederwahl stellen, sogar über eine dritte Amtszeit bis 2010 hat der 71-Jährige öffentlich nachgedacht. Allmachtsphantasien eines entrückten Verbandschefs, schimpfen die elf Präsidiumskollegen, die sich erstmals in der DFB-Geschichte zu einer Personalrevolte verschworen haben. Für EM-Beobachter Heinrich Schmidhuber ist der Ausgang so klar wie für Vize-Präsident Engelbert Nelle. Auch der Vizepräsident der Amateure kündigte ein Veto gegen MV an und verwies auf 21 Landes- und fünf Regionalverbände, die er vertritt. Wie Nelle hat Schmidhuber den rheinischen Juristen Theo Zwanziger, 59, zur Kandidatur gedrängt: „Nach meiner Kenntnis hat er die volle Unterstützung der Landesverbände.“ Die allein genügt, um die Mehrheit der 255 Delegierten zu erobern, zwei Drittel entstammen ja den Landesverbänden.“
Die Entmachtung Mayer-Vorfelders könnte Hitzfelds letzter Job im Auftrag des FC Bayern gewesen sein
Was führt Ottmar Hitzfeld mit seiner Absage im Schilde, Andreas Rüttenauer & Thomas Winkler (taz 3.7.)? „War es überhaupt eine Bauchentscheidung? Mit seinem Verhalten hat Meistertrainer Hitzfeld den DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder derart ins Straucheln gebracht, dass es schwer fällt zu glauben, was beide nicht müde werden zu versichern: „Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis.“ Dieses Verhältnis war in der Vergangenheit mitnichten so freundschaftlich, wie die beiden nun glauben machen wollen. (…) Der Wunschtrainer aller Experten im Lande weiß mächtige Verbündete an seiner Seite. Noch nämlich ist Hitzfeld vertraglich an den FC Bayern gebunden, Franz Beckenbauers FC Bayern. Wer die Auftritte von Mayer-Vorfelder in den vergangenen Wochen verfolgt hat, der dürfte sehr wohl Verständnis für die Sorgen haben, die sich Beckenbauer machen muss, wenn er an die Weltmeisterschaft 2006 denkt. Es ist seine WM, die er im Alleingang nach Deutschland geholt hat, die WM, die den krönenden Abschluss eines Lebenswerks bilden soll. Da kann er einen nuschelnden Verbandspräsidenten, dessen Alkoholfahne jeder glaubt riechen zu können, der ihn nur im Fernsehen sieht, so gar nicht gebrauchen. Zudem kann niemand von einem Kaiser verlangen, dass er neben sich einen Sonnenkönig duldet, der sich nebst Gattin Margit und den Kindern Marc, Michael und Miriam im Mannschaftshotel des DFB einquartiert, um sich im Scheinwerferlicht all der Pressevertreter zu sonnen, die eigentlich gar nicht wegen ihm gekommen sind. Nachdem der Leverkusener Einfluss auf die Nationalmannschaft marginalisiert werden konnte, steht nur mehr der greise Schwabe einer bayerischen Komplettunterwanderung des DFB entgegen. Die Entmachtung Mayer-Vorfelders könnte in diesem Sinne Hitzfelds letzter Job im Auftrag des FC Bayern gewesen sein.“
Wolfgang Hettfleisch (FR 3.7.) wünscht sich ein neues Gesicht: „Das inzestuöse Trainergewerbe im deutschen Profifußball bedarf dringend einer Blutauffrischung. Leuten wie Jürgen Klopp, dem 37-jährigen Trainer des Bundesliga-Aufsteigers Mainz 05, oder dem 46-jährigen, aber ähnlich unverbrauchten Rudi Bommer, der bei Absteiger 1860 München das Kommando übernommen hat, ist Erfolg zu wünschen. Und Meistercoach Thomas Schaaf sollte den Clubs und der Branche insgesamt als Beispiel dafür dienen, dass es sich lohnt, einem Trainer-Eigengewächs langfristig das Vertrauen zu schenken. Es ist nicht zuletzt die Kurzatmigkeit der Branche, die dazu geführt hat, dass sich allzeit der gesuchte Feuerwehrmann finden lässt, aber kaum mehr ein Handwerker, der in der Lage ist, perspektivisch eine vernünftige Mannschaft zusammenzubauen. Sammer hat das in Dortmund probiert – nach der Meisterschaft im ersten Trainerjahr mit zugegebenermaßen mäßigem Erfolg. Was dabei gern vergessen wird: Es war seine erste Trainerstation. Und ein Weisweiler oder Happel fällt nicht vom Himmel. Andere Ex-Nationalspieler haben es noch wesentlich schwerer als der neue VfB-Coach. Stefan Kuntz stieg auf seiner ersten Trainerstation mit dem Karlsruher SC prompt in die Zweite Bundesliga auf, ehe der Erfolg ausblieb und seine weitere Entwicklung stagnierte. Natürlich muss ein guter Coach keinen Großclub trainiert haben. Dafür gibt es genügend Beispiele. Iñaki Sáez, der nach dem EM-Aus jüngst als spanischer Nationaltrainer zurücktrat, hat in der spanischen Provinz und mit Jugendauswahl-Mannschaften gearbeitet. In Portugal ließ er, wenn auch mit geringem Erfolg, modern, ansehnlich und offensiv spielen. Das Problem, vor dem nun der DFB steht, ist ein Problem des gesamten deutschen Fußballs. Die Bundesliga-Trainerbranche funktioniert als „closed shop“. Und das setzt sich in der Zweiten Liga und in Regional- und Oberligen fort. Aufs Karussell darf meist nur aufspringen, wer schon mitgefahren ist – am besten oft.“
Ich glaube nicht, dass man aus eigener Machtvollkommenheit jemanden berufen kann
Tsp-Interview (3.7.) mit Henrik Balinier, Partner im Berliner Büro der Personalberatung Heidrick & Struggles, beschäftigt sich mit der Suche nach Führungskräften
Tsp: Wie finden Sie die Bundestrainersuche des DFBs?
HB: Dilettantisch. Beckenbauer, Rummenigge, Mayer-Vorfelder, jeder diskutiert sein Wunschprofil öffentlich. Der gesamte Prozess wird von niemandem moderiert. Es wirkt hilflos.
Tsp: Was empfehlen Sie dem Verband?
HB: Man sollte ein Recruiting Committee bilden. Vier, fünf Leute, deren Aufgabe es ist, den neuen Bundestrainer zu suchen.
Tsp: Das Präsidium will sich ja am Montag zusammensetzen. Was müssen die Verantwortlichen als Erstes tun?
HB: Sie müssen das Stellenprofil besprechen: Was brauchen wir, welche Probleme wollen wir lösen, wer ist geeignet? Wichtig ist, dass sich die Protagonisten dann einigen und die Informationen vertraulich behandelt werden. Sonst gerät man in die Gefahr, dass jeder einzelne Kandidat in der Öffentlichkeit so diskutiert wird, dass er nicht mehr in Frage kommt. Wenn dann eine Entscheidung getroffen ist, hören auch die Diskussionen auf.
Tsp: Welchen Sinn hat es, dass ein Einzelner das Verfahren an sich reißt, wie es DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder zuletzt getan hat?
HB: Überhaupt keinen, das habe ich auch in der Industrie noch nie erlebt. In der Regel werden Spitzenkräfte durch ein eingespieltes Team aus Personalleitern, Aufsichtsräten und Vorständen gesucht. Ich glaube nicht, dass man aus eigener Machtvollkommenheit jemanden berufen kann.
Tsp: Warum funktioniert die Kandidatensuche im Fußball nicht professioneller?
HB: Ich habe mir 1995 schon Gedanken gemacht, als Otto Rehhagel Trainer von Bayern München geworden ist. Da hat man hinterher gesagt: Uns war gar nicht klar, wie unmodern der ist. Das ist doch eine klassische Frage: Hätte man nicht vorher diskutieren können, was will Bayern München, wie modern muss die Mannschaft sein? Wenn man dann erst einen Trainer gesucht hätte, wäre Otto Rehhagel von Anfang an rausgefallen. So wie nicht jeder Trainer zu jeder Mannschaft passt, passt nicht jeder Manager zu jedem Unternehmen.
Tsp: Würden Sie dem DFB einen Headhunter empfehlen?
HB: Auf jeden Fall. Vielleicht sogar einen ausländischen Headhunter. Es muss jemand sein, der diese Sache unbefangen angeht.
Stressresistent und ideal-kompatibel in Werbung und Medien
Michael Rosentritt (Tsp 3.7.) blickt zurück und skizziert das Anforderungsprofil des Bundestrainers: „Der DFB muss aufpassen, dass die Suche nach einem neuen Bundestrainer nicht wieder zur Posse gerät. Nach dem EM-Aus 1984 musste Jupp Derwall gehen. Der damalige DFB-Präsident Neuberger war sich schon vor dem Turnier mit Stuttgarts Meistertrainer Benthaus einig, nur verbrachte der seinen Urlaub in Kanada, wo ihn niemand erreichen konnte. Die „Bild“-Zeitung titelte damals: „Franz: Ich bin bereit“. Nur Franz Beckenbauer wusste nichts davon – sein Manager Robert Schwan hatte die Schlagzeile platziert. Als größter Irrtum in der deutschen Trainergeschichte erwies sich 1998 die Ernennung Erich Ribbecks, nachdem Vogts vom Boulevard zum Rücktritt gezwungen worden war. Nach der desaströsen EM 2000 sollte Christoph Daum auf Ribbeck folgen. Da der nicht sofort eine Freigabe seines Vereins Bayer Leverkusen erhielt, wurde nach einer Übergangslösung gesucht. Rein zufällig wohnte Völler, der seinen Italienurlaub geplant hatte, einer Herrenrunde in einer Villa nahe Köln bei. Plötzlich blickten die anwesenden Entscheidungsträger des deutschen Fußballs auf Völler. So wurde er Teamchef. Einen natürlichen Übergang vom Assistenz- zum Cheftrainer kann es nicht mehr geben. So waren einst Schön, Derwall und Vogts ins Amt gerutscht. Das waren keine gestandenen Bundesligatrainer, sondern Eigengewächse des DFB. Mit dieser harmonischen Tradition brachen 1984 die Medien, die Beckenbauer ins Amt hievten. Er war ein Idol ohne Trainer-Lizenz. Eine solche Ausnahme war auch Völler. (…) Heute reicht es nicht mehr, Erfahrung und Autorität zu besitzen, als anerkannter Fachmann zu gelten und im Auftreten tadellos zu sein. Der neue Bundestrainer muss im höchsten Maß stressresistent und ideal-kompatibel in Sachen Werbung und Medien sein. Dieser Trainer muss die Denkweise der jetzigen Fußball-Generation verstehen. Der DFB aber muss bereit sein, dem neuen Trainer sämtliche Machtbefugnisse einzuräumen.“
Matti Lieske (taz 3.7.) warnt vor Rehhagel und nennt Alternativen: “Für die deutsche Nationalmannschaft wäre Rehhagels Inthronisation fatal. Ein Defensivsystem, wie er es praktiziert, kann kurzfristig bei einem Turnier funktionieren, wenn sich die Mannschaft in eine Art Rausch spielt. Auf Dauer ist es kaum konkurrenzfähig. Zudem braucht man genau die richtigen Spieler. Im EM-Finale stehen ja keine Gurken, die ein genialer Rehhagel in eine Wundermannschaft verzaubert hat, sondern die Griechen sind in der Breite deutlich besser besetzt, als es etwa das DFB-Team in Portugal war. Was dieses braucht, ist jemand, der Rudi Völlers Weg fortsetzt, die Mannschaft zügig weiter verjüngt, vor allem in der Abwehr, und ihre behäbige Spielweise durch modernen Tempofußball ersetzt, wie ihn die Portugiesen vorführen – hoffentlich auch morgen im Finale, das dann eine klare Angelegenheit sein sollte. Den Bundestrainerjob soll Peter Neururer machen, Wolfgang Wolf, Bernd Schuster, Hans Meyer, Jürgen Klopp, Gernot Rohr, Jürgen Klinsmann, Thomas Schaaf. Aber um Gottes willen nicht Otto Rehhagel.“
Absolutistische Methoden
Peter Heß (FAZ 3.7.) ergänzt: “Sollten wir auch dem deutschen Fußball Otto Rehhagel wünschen? Die Antwort kann nur: Jeinjaneinvielleicht heißen. Wer Griechenland ins EM-Endspiel führt, scheint prädestiniert dafür zu sein, mit Deutschland bei der WM im eigenen Land zumindest bis ins Halbfinale vorzudringen. Wieder muß der Fußballehrer mit einem Außenseiter unmöglich Scheinendes bewältigen. Der Erfolg wird jedoch nur schwer übertragbar sein. In Griechenland warteten sie auf Rehhagel wie auf einen Messias. Als der große Außergriechische konnte er alles durchsetzen, was er meinte, verändern zu müssen. In seiner Heimat wird er seit Jahren durchschaut, Stärken und Schwächen sind transparent. In Deutschland braucht es provinzielle Strukturen wie in Bremen und Kaiserslautern, um Rehhagels System der demokratischen Diktatur, wie er es selbst nennt, zu entfalten und aufrechtzuerhalten. Im grellen Scheinwerferlicht, in das eines der wichtigsten Ämter der Bundesrepublik getaucht ist, wirken seine absolutistischen Methoden weniger geheimnisvoll und charmant-verschroben als wunderlich und altmodisch.“
Rehhagel hat sich eine Mannschaft aus der eigenen Rippe erschaffen
Josef Kelnberger (SZ 3.7.) fügt hinzu: „Man kann auch Rehhagels Notwehr-Fußball amüsant finden. Er führt uns zurück in die Vergangenheit des deutschen Fußballs und wirkt erträglich, weil er in griechischen Farben daher kommt. Zumindest aus der Ferne betrachtet erkennen wir in Otto Rehhagel ein Relikt aus alten Bundesligazeiten. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Zukunft des Fußballs im portugiesischen Gewand steckt. Damit ist auch schon die Frage beantwortet, ob der deutsche Fußball zwei Jahre vor der Heim-WM Zuflucht beim Modell Rehakles suchen sollte. Rehhagels Erfolg mit den Griechen spricht stark dagegen. Rehhagel hat sich eine Mannschaft aus der eigenen Rippe erschaffen“.
Sven Goldmann (Tsp 3.7.) wirft ein: „Bisher galt als gesichert, dass ein Bundestrainer Otto Rehhagel am Widerstand des FC Bayern scheitern würde. Bei dem ist Rehhagel nach seinem desaströsen Abstecher in die Münchner Fußball-Schickeria vor acht Jahren unten durch. Inzwischen aber ringt sich sogar Rehhagels einstiger Oberkritiker Franz Beckenbauer zu einem Kompliment durch: „Die Griechen sind die Sensation des Turniers. Auch wenn ihr Stil nicht unbedingt attraktiv ist, haben sie es verdient, im Finale zu stehen.““
Olsen will dem Publikum nicht nur einen Sieg schenken, sondern auch ein Spektakel
Wer sonst könnte es machen, Michael Horeni (FAZ 3.7.)? “Morten Olsen, einst für den 1. FC Köln, Ajax Amsterdam und seitdem für die dänische Nationalmannschaft zuständig (bis 2006 unter Vertrag), ist nichts weniger als das fußballfachliche Gegenteil Rehhagels. „In Deutschland wird Fußball gelaufen“, sagt Olsen schon seit Jahren. Der 54 Jahre alte Däne dagegen interpretiert den Fußball auf eine Weise, wie ihn bei dieser EM viele Mannschaften hochattraktiv betrieben haben. Olsen will dem Publikum nicht nur einen Sieg schenken, sondern auch ein Spektakel. Offensiv soll das Spiel ausgerichtet sein, meistens sollen seine Mannschaften im Ballbesitz und in der Hälfte des Gegners sein. Olsen fordert in Deutschland den Mut zum Risiko schon bei der Jugendausbildung – nicht erst heute, sondern seit fast zehn Jahren.“
Ballschrank
Der 4. Juli 1954 – ein freistoss-Dossier
Neunzehnhundertvierundfünfzig
Das war der Anfang. Und so geht es weiter:
Von Deutschland und dem großen Geist von Spiez
nahm man zunächst nicht allzu viel Notiz.
Ungarn ist Meister. Deutschland Außenseiter.
Man werde diese Herrn in Bern schon klöpfen,
die Herrn aus Deutschland: Morlock, Schäfer, Rahn.
Die Ungarn sind unschlagbar momentan.
Das hörte man aus sehr geschätzten Köpfen.
Der Chef jedoch, um alles aufzuschreiben,
schickt seine Späher aus, geduckt und schnell,
nach Solothurn, hinein in das Hotel,
um dort zu sehen, was die Ungarn treiben.
Salami, Gulasch, mächtige Portionen,
Champagner knallend und gewaltig große
Zigarren, ach, ein Leben lax und lose,
in dem Hotel in dem die Ungarn wohnen.
Die Späher mit den falschen Hüten schleichen
davon, vermummt – dagegen unverblümt
sieht man die Ungarn, singend, weltberühmt,
die Korken ziehen und die Damen streichen.
Sepp Herberger hat alles eingetragen
in sein Notizbuch und darauf die Welt
an einem Tage auf den Kopf gestellt;
und das geschah nach seinen Unterlagen.
Die Ungarn greifen anfangs an, sie kommen
mit Puskas, Czibor, Hidegkuti, Toth.
Doch Toni Turek ist ein Fußballgott.
und hat das Leder aus der Luft genommen
Boß Rahn, im Fallen jubelnd, hat getroffen,
mit seinem linken Fuß, das sieht man gern,
an einem schiefergrauen Tag in Bern.
Für Deutschland ist der ganze Himmel offen.
Der Chef: man sieht, wie er in Bern verschmitzt
hoch auf den Schultern seiner Männer sitzt.
Aus: Ror Wolf: Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Alte und neue Fußballspiele. Haffmans, Zürich 1990.
„Die Stimme bebte, ich bebte mit, ich schrie nicht auf, durfte während der Mittagsruhe den Torschrei nicht mit meiner Stimme verstärken, denn der Ofen war durch einen Schacht mit dem Kachelofen im Zimmer der Großeltern verbunden und übertrug jedes auffällige Geräusch direkt nach oben. Und wieder stürmt Deutschland … die leise laute Stimme hob mich, peitschte mich zu einer Regung auf, die mich gleichzeitig in einen stimmlosen Stillstand versetzte, ich fühlte den Sturm der Gefühle, den das zweite Tor in mir ausgelöst hatte, aber ich hatte kein Ventil dafür, durfte keins haben, also staute ich alles auf, sammelte, speicherte und hielt still … Kinder ist das eine Aufregung! Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört, immer öfter fielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten … Wunder! … Gott sei Dank! … So haben wir alle gehofft, gebetet! … und ich staunte, daß der Reporter das Wort glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte. Beinah wieder ein Tor für Ungarn, beinah ein Tor für Deutschland, und wieder hielt Toni Turek einen unmöglichen Ball, wieder Gefahr, der Ball im Tor, nein … Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott! Ich erschrak über diese Sätze und freute mich gleichzeitig, daß Turek gehalten hatte, aber der Schrecken saß tiefer, und im Abklingen des Echos dieser Rufe begann ich auf die schüchternste Weise zu ahnen, was für Schreie das waren: eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und Gott angerufen wurde. Auch wenn es nicht wörtlich gemeint war, Phrasen des Jubels nur, ich drehte die Lautstärke noch ein wenig herunter, weil es mir peinlich gewesen wäre, wenn jemand mich beim Hören von Wörtern wie Fußballgott abgehört hätte. Ich sträubte mich gegen diese Lästerung und bot alle meine angelernten Argumente dagegen auf: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst den Namen des Herrn nicht unnützlich führen, und doch gefiel mir, noch immer gebannt vom Nachklang der drei Silben Fußballgott, daß dieser Gott sehr menschlich war, daß da Götter, statt blutend am Kreuz zu hängen, für mich im Tor standen oder Tore schossen, sich abrackerten im strömenden Regen und kämpften wie Liebrich, Liebrich, immer wieder Liebrich, und langsam ahnte ich, weshalb meine Eltern für den Fußball und für meine schüchterne Neigung zu diesem Sport nichts übrig hatten und hier vielleicht die Konkurrenz anderer, lebendigerer Götter fürchteten.“
Aus: Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde. Hamburg, Rowohlt 1994.
„Im Zuchthaus Brandenburg spielte sich am 4. Juli 1954 eine Begebenheit ab, die wie unter einer Lupe deutsche Biographien und jüngste deutsche Geschichte zusammenführte. Hermann Kreutzer, Jahrgang 1923, saß damals als politischer Häftling im Zuchthaus Brandenburg. Der Sozialdemokrat war 1949 wegen staatsfeindlicher Tätigkeit zu fünfzehn Jahren verurteilt worden, er hatte zusammen mit Freunden in Thüringen eine unabhängige SPD im Untergrund weitergeführt. Das Zuchthaus Brandenburg (an der Havel) war Anfang der dreißiger Jahre als Modell-Zuchthaus gebaut worden, diente den Nazis – auch als berüchtigte Hinrichtungsstätte –, nach dem Krieg den ostdeutschen Machthabern. Das Zuchthaus, heute JVA Brandenburg, war im Sommer 1954 überbelegt. Rund 3000 Häftlinge drängten sich in den Zellen zusammen. Kreutzer und andere Mithäftlinge berichten von Kriminellen, vermeintlichen und tatsächlichen NS-Tätern, alten SA- und SS-Männern und mehreren hundert SED-Regimegegnern, die die politische Entwicklung der Jahre nach 1945 in das Zuchthaus gespült hatte. Peter Moeller, Jahrgang 1931, saß wegen „Verschwörung und Anstiftung zu einem Angriffskrieg“, er hatte 1950 auf Plakaten freie Wahlen in der DDR gefordert. Am Tag des WM-Endspiels überraschte die Zuchthausleitung die Häftlinge der Abteilung 3. Wenn sie sich ruhig verhielten, ihre Zellen nicht verließen, würde man die Zellentüren am Nachmittag angelehnt lassen und sie dürften die Radio-Reportage aus Bern mithören. Kreutzer und Moeller, die sich nicht kennen, berichten übereinstimmend, daß von den Aufsehern dafür keine Begründung geliefert wurde. Auf den Zellen wären sich aber alle einig gewesen; die Gefängnisleitung wollte den Gefangenen die Überlegenheit des Sozialismus am Sieg der Ungarn gegen den westdeutschen Klassenfeind demonstrieren. Übertragen wurde über Lautsprecher auf den Fluren die DDR-Hörfunkreportage Wolfgang Hempels. „Es war mäuschenstill“ berichtet der pensionierte Gymnasiallehrer Moeller, keiner wollte dieses unverhoffte Privileg aufs Spiel setzen. Die Gefangenen kannten die deutschen Spieler kaum, vom Verlauf der WM hatten nur einige per Zufall aus alten Zeitungen erfahren, die im Zuchthaus rumgingen. Die Sympathien waren eindeutig. Wir hielten alle für Deutschland, sagt Kreutzer, schon wegen des Hasses auf das SED-Regime. Gegen neunzehn Uhr meldet der DDR-Reporter Hempel seinen Zuhörern im Zuchthaus den Sensationssieg der westdeutschen Mannschaft. Plötzlich, so erinnern sich Kreutzer und Moeller, fing ein Gefangener an zu singen: das Deutschlandlied, die erste Strophe. Und alle fielen ein, so wie wenig später die zwanzigtausend deutschen Zuschauer im Berner Wankdorfstadion bei der Siegerehrung. Im DDR-Zuchthaus Brandenburg stiftete der WM-Sieg einen Gefangenenchor, allerdings nur für zwei, drei Minuten. Die Wärter drehten durch, Türen knallten, Schlösser wurden verriegelt, und auf den Fluren wurde getobt – Ruhe! Die Gefängnisleitung verschwieg den für sie hochnotpeinlichen Vorfall.“
Oliver Merz, Redakteur des Südwestrundfunks, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 3. Juli 2004
„Schlußpfiff, Jubel, Tränen, hysterische Ausbrüche. Ist Sepp Herberger aufgesprungen, hat er gestikuliert, wem fiel er um den Hals? Keiner schien in diesem Augenblick auf den kleinen Mann an der Seitenlinie zu geachtet zu haben, der bis zum Schluß mit unbewegtem Gesicht im durchgeweichten Regenmantel am Spielfeldrand gesessen hatte. Er hatte – sagte er später – gar nicht mitgekriegt, daß es regnete. Und er wußte hinterher nicht mehr, wer ihm die Hand geschüttelt hatte. Der Ball ist rund? Hier hatte sich ein Leben gerundet. An diesem Sonntag, dem 4. Juli 1954, um 18.55 Uhr in Bern. Der kleine Seppl hatte es allen gezeigt. Dieser Sieg – das war mehr als alle Torschüsse seines Lebens und auch mehr als Prädikatsexamen und Orden und Titel. Mehr als Geld sowieso. Bis zum Ende seiner Tage würde Sepp Herberger in stillen Stunden immer wieder die Platte auflegen mit der überschnappenden Stimme von Herbert Zimmermann: „Aus! Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ Der größte Tag im deutschen Fußball, und er, der kleine Seppl, hatte es bewirkt. Hatten nicht alle an ihm gezweifelt? Hatte er nicht alle überrundet? Jetzt hatte er es ihnen gezeigt, allen. Denen, die schon tot waren, und denen, die noch lebten. Seine Spieler hoben ihn auf die Schulter, doch den Pokal wollte er nicht tragen: „Nein, nein – ihr, die Mannschaft habt ihn verdient.“ Als er in die Kabine gekommen war, wo alles durcheinanderredete, wußte er auch nicht mehr, wie viele Hände er gedruckt hätte. Er fand auch keine Worte. Langsam wurde es dann sehr ruhig im Umkleideraum, erinnerte sich Herberger. Mit hochroten Gesichtern und fast leeren Blicken nuckelten die Spieler an ihren Obstsäften. Und saßen auf den Bänken. Jetzt endlich übermannte Herberger Rührung und Freude, er konnte seine Bewegung nicht mehr verbergen: „Was soll ich sagen! Ich bin so glücklich und auf meine Mannschaft so stolz ..!“ (…) Dann gingen die Helden von Bern zum Omnibus. Der Weg, so erinnerte sich Herberger, führte durch ein Spalier sich ausstreckender und in Übermut und Freude zuschlagender Hände. „Ich bin sicher – und mit den Spielern darin einig –, daß es in allen Fällen Ausdruck der Verbundenheit und Dankbarkeit sein sollte. Aber Männer haben oft ihre eigene Art, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Ich habe noch nach Tagen diese Beweise gespürt.“ Schon hier – in der Stunde des Triumphes – kriegten die neuen deutschen Idole zu spüren, wieviel Aggression in der Bewunderung liegt, wieviel Schmerz auch das Leben für den bereithält, der siegt. Sepp Herberger und die Helden von Bern waren – im wahrsten Sinne des Wortes – vom Glück geschlagen.“
Aus: Jürgen Leinemann: Sepp Herberger. Ein Leben, eine Legende. Rowohlt, Berlin 1997.
„Dann kam die Rede auf Herberger. Einer wollte wissen, daß er die Spieler mit dem Absingen von Liedern wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Jenseits des Tales“ oder dem Kanon „Mein Hut, der hat drei Ecken“ quälte. Als Sangesbrüder sollten sie zu jenem Freundeskreis werden, der den Erfolg verbürgt. „Reiner Masochismus!“ rief einer, der gerade mit einem halben Dutzend frisch abgefüllter Biergläser vorbeikam. „Na ja“, ergänzte der Glatzköpfige, „ein Psychologe ist ,der Chef‘ nun wirklich nicht“, und der Dicke, der schon drei Minuten geschwiegen hatte, mußte nun auch sein Urteil abgeben: „Wie kann er nur“, äußerte er geradezu aufgebracht, „den sensiblen Fritz (Walter) zu dem ruppigen Rahn aufs Zimmer sperren?!“ Herbergers größte Verrücktheit, sagte wieder der vom Nebentisch, sei es aber gewesen, im ersten Spiel gegen Ungarn sieben oder acht Ersatzleute aufzustellen. Das müsse die Spieler doch für das ganze Turnier deprimieren. Daher gehe die Sache diesmal 10:2 oder auch 12:1 aus. Und so immer weiter. (…) Zur Halbzeitpause kam ein Nachbar ins Lokal, um sich mit weiteren Getränken zu versorgen. „Was!“ rief er, „ihr hört den Bilderkommentar? Ich kombiniere Fernsehen mit dem Radiokommentar von Herbert Zimmermann. Großartig und verrückt wie immer! Müßt ihr auch machen!“ (…) Im Fernsehen hoben sie den Bundestrainer auf die Schultern, und der Pessimist mit der Stollenfee meinte, er habe es ja immer gesagt: Der Herberger sei ein großer Psychologe. Die „Ersatzmannschaft“ im ersten Ungarnspiel, wußte ein anderer, sei natürlich nur ein Trick gewesen, und die Pußtaleute hätten sich glatt reinlegen lassen. Und wie er den Fritz wild gemacht habe, der Sepp, sagte der Skeptiker vom Nebentisch: „Setzt dem Fritz einfach den ‚Boß‘ aufs Zimmer und gleichsam in den Nacken! Genial!““
Joachim Fest, Historiker und Zeitungsherausgeber, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 3. Juli 2004
„Heute vor 50 Jahren, flüstern Märchenerzähler, habe der eigentliche Gründungsakt der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden. Mit dem Sieg der deutschen Elf im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 hätten die Deutschen den neuen Staat ein halbes Jahrzehnt seit seiner „nur“ formellen Gründung endlich angenommen und zu ihrem eigenen gemacht. Das „Wunder von Bern“ wird allenthalben als ein einziger großer Ruck beschrieben, der durch die Nation gegangen sei. Das geschickt inszenierte Bild von den Tugenden der Herberger-Mannschaft hat zwar nur bedingt mit der Wirklichkeit zu tun, doch das konnte dem Erfolg des Mythos keinen Abbruch tun. Wir alle – rechts und längst auch links – wollen uns an diesem imaginären Gründungsfeuer wärmen: mehr Aufbruch war nie. Auch Bundespräsident Horst Köhler hat in seiner Inauguraladresse an das deutsche Volk auf fast rührende Weise die Wankdorf-Legende bemüht. Bei der gegenwärtigen EM stamme das Know-how des offiziellen Fußballs aus Deutschland – „eine Spitzenleistung deutscher Materialforschung“, die dem Ball viel leichter mache als „sein bleischweres, vom Regen vollgesogenes Vorgängermodell beim Wunder von Bern“. Das Bild vom großen Nachkriegsaufbruch ist auch deswegen so beliebt, weil damit eine scharfe, viel zu eindeutige klare Trennungslinie zur Zeit davor gezogen ist. Tatsächlich aber gab es diesen Aufbruch vermutlich gar nicht: Was wir so nennen, bestand aus unzähligen tagtäglichen Gründungstaten. Man sollte die unheroische Geschichte der Bundesrepublik nicht rückwirkend heroisieren.“
Thomas Schmid, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 4. Juli 2004
„Angesichts der Ermüdungserscheinungen in der ungarischen Mannschaft, traf es sich gut, dass im Endspiel ‚nur’ die Deutschen warteten. Die beiden Hauptkonkurrenten hatte man ja schon selbst ausgeschaltet. „Was wir von den Deutschen gewusst haben, das war der Eindruck, den wir durch das 8:3 bekommen haben. Als wir nach dem Spiel gegen Brasilien gehört haben, dass wir im Endspiel noch mal auf die Deutschen treffen, da haben wir uns gefreut. Das war keine Geringschätzung den Deutschen gegenüber, aber wir dachten, wir wissen nun mal, wie die spielen“, erinnert sich Torwart Grosics. Der einzige aus der Mannschaft, der an einem Sieg zweifelte, war Gyula Lóránt. „Er hat drei Tage lang immer wiederholt: Wir haben uns nicht so vorbereitet, wie man das eigentlich für ein Endspiel machen müsste: Donnerstag kein Training, Freitag nichts, Samstag drehte sich alles nur um die Frage: Spielt Puskás oder spielt er nicht?“ Lóránts Gesprächspartner Szepesi ließ sich durch dessen Zweifel nur mäßig beeindrucken und tippte auf ein 5:1. Zum ersten Mal in seiner Reporterkarriere verzichtete er darauf, an der obligatorischen Mannschaftssitzung vor dem Spiel teilzunehmen. Bei so viel laissez-faire wurde selbst das Regime in Budapest lax in seinen Entscheidungen. „Man hat uns vorher in Aussicht gestellt: Nach dem Endspiel, dieser lästigen Sache, die ihr jetzt hinter euch bringen müsst, kommen eure Frauen und ihr dürft mit ihnen noch eine Woche in der Schweiz bleiben“, erzählt Grosics, und Buzánsky fügt an: „Es war ein riesiges Geschenk der Regierung, dass sie unsere Frauen hinausgelassen haben. Normalerweise haben sie Frauen und Männer nicht gleichzeitig fahren lassen, weil sie Angst hatten, dass wir abhauen.“ Gemeinsam hätten sie dann zum Empfang gehen sollen, zu dem die ungarische Gesandtschaft in Bern bereits 24 Stunden vor dem Endspiel 150 Einladungen verschickt hatte: „Die ungarische Gesandtschaft gibt sich die Ehre, Sie am Tage nach dem Finale der Weltmeisterschaft, am Montag den 5.7.1954, als ihren Gast zu begrüßen.“ Der zweite Platz sollte hier mit Sicherheit nicht gefeiert werden. „Ja, ja. Die haben selbst den lieben Gott geladen“, sagt Grosics. In Empfang genommen wurden die Spielerfrauen bei ihrer Ankunft zum Endspiel im Berner Stadion einstweilen vom Ersatzspieler Károly Sándor mit den Worten: „Regt euch nicht auf, Mädchen, das Spiel gewinnen wir mit geschlossenen Augen.“ Und dann das …“
Aus: Peter Kasza: 1954 – Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern. Bebra-Verlag, Berlin-Brandenburg 2004.
„Wie konnte es passieren, dass der Sieg einer Fußballmannschaft im Laufe der Jahrzehnte so verklärt wurde, dass er aufrückte in den Rang eines Mythos, zu einem Ereignis von staatstragender Bedeutung, das „Millionen Deutschen“, wie es Franz Josef Strauß zu Sepp Herbergers 80. Geburtstag formulierte, „das Gefühl gegeben hat, im Kreis der Nationen wieder anerkannt zu sein“? Mit der Bonner Republik konnten sich die Deutschen am Anfang nicht so recht identifizieren. Sie wollten den Kaiser wieder haben, lehnten die Verfassung ab und misstrauten dem versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Bundesrepublik kam ihnen wie ein Provisorium vor, eine Erfindung des Rheinländers Konrad Adenauer, der sich aus ihrer Sicht den westlichen Siegermächten unterworfen und damit die Wiedervereinigung Deutschlands aufgegeben hatte. Mit dem Sieg von Bern wussten die Arbeiter des Wiederaufbaus mehr anzufangen. Alle, die Kriegsheimkehrer, die Flüchtlinge und Vertriebenen, auch die Deutschen im Osten, deren Volksaufstand gerade ein Jahr zurück lag, fühlten sich durch die Helden von Bern aufgewertet. Die errungene Weltmeisterschaft gab ihnen das Wir-sind-wieder-wer-Gefühl, bot die Gelegenheit, sich erstmals seit Kriegsende an einem quasi gemeinsam erwirtschafteten Erfolg zu berauschen. Jubelfeiern gerieten zu patriotischen Kundgebungen, schon im Stadion sangen Zehntausende die Nationalhymne – selbstverständlich die erste Strophe („Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“), weil ihnen der Text der dritten Strophe, der offiziell verordneten, gar nicht geläufig war. Sportlich gesehen war das gerechtfertigt. Aber Sportereignissen fehlt die historische Dimension. Schüler werden auch künftig das Datum der Schlachten von Issos und Austerlitz auswendig lernen müssen. Der Sieg über die Ungarn wird in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen. Und dennoch bleibt der 4. Juli 1954 für die Deutschen, das Volk, nicht für die Bundesrepublik Deutschland, den Staat, ein historischer Tag. An diesem Tag hat Deutschland zum ersten Mal nach dem Krieg wieder triumphiert. Sepp Herberger und Fritz Walter waren die ersten Deutschen nach Goebbels und Hitler, denen das Volk wieder zujubelte.“
Hans-Werner Kilz, Süddeutsche Zeitung v. 3. Juli 2004
„An einem Tag Ende der 60er Jahre öffnete sich die Tür zum Vereinslokal der Fußballvereinigung Mombach 03. Das Lokal war voll, in den Gläsern Limonade und Bier. Ein Mann trat ein, abgeschabt die Hose und das Hemd, der Bartschatten dunkel. Er war das erste Mal hier, und Richard Rosenbaum erinnert sich, dass der fremde Mann zu Boden blickte, ein Versuch, sich zu verstecken. Die Gäste schauten hin, sahen Geheimratsecken, eine gedrungene Statur, bald ahnten es einige, ein paar wussten es, einer sagte es: „Das ist der Kohli.“ Richard Rosenbaum war knapp über 20, sein Vater hatte die Kneipe gepachtet. Rosenbaum war Fußballer bei Mombach 03, nach dem Training tranken sie und redeten, auch über den Kohlmeyer. Werner Kohlmeyer aus Kaiserslautern, linker Verteidiger in der Mannschaft von 1954, die das Wunder von Bern vollbrachte – an diesem Sonntag ist das 50 Jahre her. Es ist ein Wunder, das nicht wahr geworden wäre ohne ihn, der gegen Jugoslawien auf der Linie rettete und gegen Ungarn auch. Manchmal ist der Spieler hinter dem Torwart der wichtigste. Jetzt, an diesem Tag Ende der 60er Jahre, stand er vor ihnen und wollte ein Bier. Ein Mann, der aussah wie einer, den man Kohli nennt. Alle wussten, dass es Werner Kohlmeyer nicht gut gegangen war seit dem Spiel. Was heutzutage RTL-Exclusiv versendet, das reichte man damals noch mündlich weiter. Von Kaiserslautern nach Mombach, Stadtteil von Mainz, ist es kein weiter Weg für Geschichten: Kohli, der getrunken hat und auf der Straße lebt. Kohli, der Weltmeister als Penner. Rosenbaums Vater, Pächter und Wirt, sagte also zu Kohlmeyer: „Bei mir kriegen Sie nur gespritzten Apfelsaft.“ Da setzte sich Kohlmeyer auf einen Stuhl und trank. Rosenbaum jr. weiß das heute noch genau. Er weiß auch, dass seine Mutter nach einem frischen Hemd kramte und dass sein Vater den Rasierapparat rausholte. Abends, glatt im Gesicht, sah Kohlmeyer schon besser aus. Heute sitzt Rosenbaum im Keller seiner Mainzer Wohnung. Es ist warm, er trägt kurze Hosen und Schlappen. Er spricht einen Dialekt, der schwer verständlich ist für jemanden, der nicht aus dieser Ecke stammt. Er spricht, wie Kohlmeyer sprach. Daran hat es vielleicht auch gelegen. Einer wie Fritz Walter spielte noch mit 60 in Prominentenmannschaften mit. Seine Interviews klangen routiniert. Aber Kohlmeyer? Rosenbaum sagt: „Viel geredet hat der nie.“ Später, da kannten sie sich schon besser, hat er ihm aber erzählt, wie das ist, wenn man Weltmeister war und dann nur noch König der Provinz ist. Werner, trink e mol. „Mit jedem Glas“, hat Kohlmeyer gesagt, „wirst du noch mal Weltmeister.“ Rosenbaum hat nicht gewusst, wie das gemeint war, bitter oder stolz. Mittlerweile glaubt er, es war eher bitter gemeint. Ja, Kohlmeyer habe Depressionen gehabt. Aber Depressionen kannte man damals doch noch gar nicht in Mombach. Bei Rosenbaums hatten sie für Kohlmeyer eine Therapie, die kein Arzt verschreibt. Sie ist gut gemeint, aber sie lindert nur. Wenn Kohlmeyer mit ihnen die Sportschau sah und einschlief, sind sie auf Zehenspitzen raus und haben durch den Türspalt geschaut. Einmal hat der Vater geflüstert: „Pssst – schau e mol, bei uns schläft der Weltmeister!“ (…) Werner Kohlmeyer, geboren 1924, Hobbies: Sport und Skat. Lohnbuchhalter in der Kammgarnspinnerei. Pfälzischer Fünfkampfmeister. Ein Körper wie ein Multifunktionsinstrument. Dann Fußballweltmeister und Held. Danach noch ein paar Jahre in Kaiserslautern. Streit mit dem Trainer. Wechsel nach Homburg. Nach Bexbach. Später Linienrichter in Gustavsburg. Was er verdiente, verspielte er. Wermutskohli. Scheidungskohli. Hilfsarbeiter auf dem Bau. Fotos in den Zeitungen: Kohlmeyer im Unterhemd, Steine schleppend. Die Weltmeister trafen sich zum Geburtstag des Trainers Herberger. Kohlmeyer erschien als einziger nicht, obwohl ihm die anderen eine Einladung geschickt hatten. Eine Fußballmannschaft wird zusammengehalten von einem Geflecht aus Disziplin und Taktik, von Viererketten, neuerdings von Mittelfeldrauten, aber immer schon: von Teamgeist. Die Mannschaft von 54, mit Kohlmeyer links hinten, schien sich selbst ein verlässliches Netz zu sein. Kann es ein stabileres Gerüst geben als eines aus Männern, die ein Wunder geschafft haben? Eine schöne Idee. Werner Kohlmeyer ist durchgerutscht. (…) Ein Länderspiel stand an im März 1974, Deutschland gegen Schottland, in Frankfurt. Er würde sich das Spiel gern mit Bekannten anschauen, hatte Kohlmeyer dem DFB geschrieben, ob sie ihm bitte ein paar Ehrenkarten schenken könnten. In der Antwort des DFB an Kohlmeyer stand: „Wir bitten Sie höflich, den Gesamtbetrag von DM 341,- in den nächsten Tagen auf eines unserer o.a. Konten zu überweisen.“ Er war ein Held von Bern. Und diese Antwort war eine Vernichtung. Am 26. März ist Werner Kohlmeyer gestorben. Das Herz. Er wurde 49 Jahre alt. Am 27. März war dann das Spiel gegen Schottland.“
Holger Gertz, Süddeutsche Zeitung v. 3. Juli 2004
„Fritz Walter: ‚Je leichter der Schuh, desto enger der Kontakt zum Ball. Und umso deutlicher der Unterschied zwischen Ball und Ball. Der Chef hatte ein besonders feines Gespür dafür. Er hörte schon am Klang eines aufspringenden Balles, ob er gut war oder schlecht. Klang es dumpf und hohl, dann schüttelte er den Kopf: der hat keine Seele, der ist leblos. – Wie recht er hatte, spürten wir später. Der Ball spielte nicht mit, er sang nicht, er ließ sich nicht streicheln, er war nicht Kamerad und Freund des Spielers, sondern ein Fremder.’“
Aus: Ror Wolf: Das nächste Spiel ist immer das Schwerste. Haffmans, Zürich 1990.
„Das sang- und klanglose Vorrunden-Aus der lahmen Völler-Truppe hätte nur dann auch ein Gutes, wenn es endlich die Grundfeste der ehernen Trutzburg DFB erfasste. Denn über Jahrzehnte wähnten die Fußballoberen sich und ihre Nationalmannschaft auf einem deutschen Sonderweg, der quer zu den aufgeregten Zeitläuften Titel und Triumphe verhieß und dem Team noch 2002 einen unverdienten Schleichpfad ins WM-Finale wies. Das Sonderwegsdenken im deutschen Fußball hat über Jahrzehnte eine eigentümliche Kontinuität entwickelt, auch wenn der DFB heute zweifellos ein modern organisiertes Großunternehmen darstellt. Von Bern 1954 bis Yokohama 2002 und von Walter-Herberger bis Mayer-Vorfelder galt das unverbrüchliche Turniervertrauen in die teutonischen Tugenden, die uns selbst bei schlechteren Jahrgängen noch immer vorn mitspielen ließen. „Bei den hohen Idealen, die wir vertreten, da hört die Demokratie auf.“ Dieser klassische Ausspruch stammt nicht von einem Adepten des frühen Thomas Mann, sondern vom ersten Präsidenten des DFBs, Peco Bauwens, der nach dem sensationellen Endspieltriumph in Bern 1954 die Siegermächte wild beschimpfte. Der Sieg habe gezeigt, dass es Schlacken auf dem Sport und dem deutschen Volk nicht mehr geben könne. Ein Grund mehr, weshalb das 3 : 2 von Bern für die nachfolgenden Generationen immer verdächtig nach Heldenlegenden aus Landserheftchen roch. Bis in die 60er Jahre wurde Fußball als letzte Bastion eines deutschen Heroismus gegen verderblichen Krämergeist, welsche Raffinesse und betrügerische Schiedsrichter ideologisch überhöht. Stattdessen wurde lange Zeit die Mär vom „sauberen“ Spiel und ehrlichen Amateurismus gepflegt gegen den plutokratischen Rest der Welt. Deutsche „Legionäre“, die im Süden Europas ihr Geld verdienten, wurden noch bis in die späten siebziger Jahre schräg angesehen und ungern berücksichtigt.“
Norbert Seitz, Frankfurter Rundschau v. 3. Juli 2004
„Nur zwei Experten rechnen fest mit einem deutschen Sieg: Der Nürnberger Sportverleger Gerhard Bahr, den Herbert Zimmermann schon seit den Olympischen Winterspielen seit 1948 kennt. Und der Schweizer Pressechef Schneider aus Basel. Beide tippen auf ein 3:2. Sie werden nicht ernst genommen. Zimmermann ist nervös vor seinem grandiosen Auftritt. Nie wieder, weiß er, werden ihm so viele Zuhörer ihre Aufmerksamkeit schenken. Aus Deutschland ist eine Begeisterung wie noch nie vor einem Sportereignis gemeldet worden. Viele Fußballfans amüsieren sich an diesem Tag über die Programmhinweise in den Funkzeitschriften. In der Hör zu steht: „Der NWDR gibt Ihnen die Möglichkeit, die zweite Halbzeit um 17.50 Uhr mitzuerleben.“ Längst aber haben die Sondersendungen aus der Schweiz das Programm umgeworfen. Es ist 16.55 Uhr, als die deutschen Sendungen zum Finale nach Bern schalten. Dort empfängt Teamchef Robert Lembke die Millionen Hörer aus Deutschland mit dem Ton eines Buchhalters: „Hier sind alle Sender in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Angeschlossen Radio Saarbrücken. Wir übertragen aus dem Wankdorf-Stadion in Bern das Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Ungarn. Reporter ist Herbert Zimmermann.“ Es ist der trockene Auftakt zu einer Reportage, die in die deutsche Geschichte eingehen wird. (…) Unvorstellbar heute, dass die angeschlossenen deutschen Funkhäuser ohne jede Vorlaufzeit zu einem WM-Endspiel schalten. Aber Fußball besitzt, obwohl er neun Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein Millionenpublikum hinter die Rundfunkgeräte versammelt, in den Sendern in Hamburg, Köln, Frankfurt und Stuttgart immer noch keine Lobby. (…) Es dauert nach dem Wiederbeginn nur wenige Augenblicke, und Zimmermann lässt sich erneut hinreißen zu tonalen Ausreißern im Grenzbereich. Verantwortlich dafür sind die neuen Angriffswellen der Ungarn, die nun unbedingt die Entscheidung erzwingen wollen: „Freistoß der Ungarn aus der eigenen Hälfte heraus. Ist längst ausgeführt. Kommt zu dem aufgerückten Bozsik. Bozsik zu Hidegkuti. Hidegkuti, der zurückhängender Stürmer spielt, spielt ab zu Kocsis. Kocsis auf engstem Raum, schön abgespielt. Jetzt Gefahr! Schuss! Auf der Torlinie gerettet! Nachschuss müsste kommen! Noch mal auf der Torlinie gerettet! Das erste Mal Posipal, das zweite Mal Kohlmeyer. Aber die Ungarn bleiben in Ballbesitz! Bozsik müsste schießen, gibt zu Czibor, Czibor schießt! Abgewehrt! Liebrich rettet! Noch einmal Nachschuss! Koscis am linken Flügel! Rettet! Rettet! Rettet! Und – jetzt ist die Gefahr beseitigt. Durch Liebrich.“ Es gibt unzählige Szenen, in denen Zimmermann ähnlich Angstschreie von sich gibt, und erneut entschuldigt er sich zwischendurch für die Emphase seiner Reportage: „Kinder, ist das ein Aufregung.“ (…) Zimmermann läutet die entscheidende Spielsituation mit tiefer und getragener Stimme ein: „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren noch aus – wie könnten sie auch! Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist alle vier Jahre, und wann sieht man ein solches Endspiel! So ausgeglichen! So packend! Jetzt Deutschland am linken Flügel, durch Schäfer. Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt. Und Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn, am Ball. Er hat den Ball, verloren diesmal, gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball! Abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt! Tor! Tor! Tor! Tor! (kurze Pause) Tor für Deutschland! Linksschuss von Rahn, Schäfer hat die Flanke nach innen geschlagen. Schäfer hat sich nach innen durchgesetzt. 3:2 für Deutschland! Halten Sie mich für verrückt! Halten Sie mich für übergeschnappt!“ Er japst nach Luft, er kann es selbst kaum glauben. Und dennoch ist Zimmermann in diesen Momenten mit seinen Schilderungen spektakulär parallel zu der WM-entscheidenden Szene: Das von ihm geschriene „Tor“ verlässt seine Lippen, noch bevor der Jubel der Zuschauer durch die Leitung nach Deutschland dringt. Dieser Moment vor dem 3:2 ist nicht nur perfekt von Rahn gespielt, auch Zimmermann hat ihn perfekt nachvollzogen.“
Aus: Erik Eggers: Die Stimme von Bern. Das Leben von Herbert Zimmermann, Reporterlegende bei der WM 1954. Wißner-Verlag, Augsburg 2004.
„Die Volksweisheit behauptet, dass die Zeit Wunden zu heilen vermag. Bisher hat sie sie nicht geheilt. Falls das Endspiel von 1954 eine Wunde ist, ist sie bis heute eine offene Wunde, und schon die blosse Erwähnung ist Salz in diese Wunde. Meinerseits war ich jahrelang, jahrzehntelang nicht geneigt, über den Fall zu reden. Mehr noch, nicht einmal schweigen wollte ich darüber. Wenn in irgendeiner Gesellschaft über dieses Thema gesprochen wurde, stand ich jedes Mal auf und verliess das Zimmer. Wenn mich meine Frau unschuldig (oder die Unschuld mimend) fragte, ob es in Bern oder Basel gewesen sei (so viel Anstand besass sie durchaus, nicht auszusprechen, was in Bern oder Basel gewesen sei), begann ich krächzend zu brüllen, dass in Bern oder Basel nichts gewesen sei, nie war in Bern oder Basel etwas gewesen, in Bern oder Basel waren höchstens immer Bern und Basel. Konkret gesagt Bern in Bern und Basel in Basel, letztere Bemerkung behielt ich aber für mich. Und wenn mein Sohn wissen wollte, ob Rahn oder Puskás der grössere Fussballer gewesen sei, schwieg ich dunkel, und dabei kam mir alles in den Sinn, was sich durch die griechisch-jüdisch- christliche Kultur von Ödipus bis zum Vatermord angehäuft hatte. Mit all meiner Kraft versuchte ich, jene neunzig Minuten aus der Weltgeschichte zu streichen. Zu beweisen, dass jene neunzig Minuten einfach nicht vorhanden sind, dass sie im unendlichen Verlauf der Zeiten fehlen (und um die so verstörte Zeit auszugleichen, gibt es alle vier Jahre ein Schaltjahr). Nur zeigte dann die bittere Erfahrung, dass die Welt auf diesem Wege nicht mit mir ziehen wollte, obwohl das ein guter Weg gewesen wäre, sie hätte die Welt verbessert, hätte die geschichtlichen Ungerechtigkeiten beseitigt, das Gleichgewicht der Welt beinahe wiederhergestellt. Später versuchte ich das zumindest, was unverständlich war, verständlich zu machen. Ich suchte nach Erklärungen oder legte sie mir zurecht. Dass die Mannschaft falsch aufgestellt war, dass Liebrich Puskás absichtlich getreten hatte, der aber selbst so noch ein vorschriftsmässiges Tor zu schiessen vermochte, was man anhand von Originalfilmaufnahmen beweisen könnte!, und hätte Lantos vor dem Tor Rahns den Kopf eingezogen, wäre nichts passiert, einfach nichts, beziehungsweise haben die Deutschen den Kommunisten Traktoren geschickt, daher war es verboten, zu siegen, im Übrigen waren die Leute gedopt, und so weiter, endlos weiter … Und vor zehn Jahren hatte ich dem damals schon vereinigten deutschen Volk in pragmatischen Schriften die Wahrheit aufgetischt, indem ich mehrfach erklärte, dass in Bern damals die Ungarn die Deutschen bekanntlich mit 3:2 besiegt hätten, wenn auch mit beachtlicher Mühe. (Mit den Redaktionen gab es interessante Briefwechsel, da sie bei meinen Angaben einen Tippfehler vermuteten …) Unlängst traf ich bei den Fernsehaufnahmen zur Erinnerung an das Spiel England – Ungarn, 6:3, in Wimbledon, Gyula Grosics, den Torwart der Goldenen Mannschaft, den Schwarzen Panther. In einer der Aufnahmepausen unterhielten wir uns, und dieser junge alte Mann erzählte mir, dass es für ihn keinen Tag gebe, verstehst du, Péter, sagte er, keinen einzigen Tag, an dem er nicht an jenes Spiel denke, an den Schuss von Rahn, denn hätte er da einen Schritt nach rechts gewagt, hätte er den Ball gekriegt, doch dann hätte Rahn ihn natürlich nach links geschossen; der Mann sprach und sprach, und ich dachte plötzlich, dass doch alles egal sei, das Ergebnis sei egal, denn diese Männer waren damals die besten der Welt, basta, und so ist halt der Fussball, es siegen nicht immer die Besseren, aber das zählt nicht, das ist wirklich egal, denn die Schönheit, das Wissen und die Werte, die jene Mannschaft verkörperte, ist seitdem in der Welt vorhanden, und jenes Drama, die Demütigung, das Heroische, das Theater und die gemeine Dramaturgie, die sich in jenem Match verkörperten, ist seitdem in der Welt vorhanden. Und daher gehört sie zu uns. Somit erkläre ich mich einverstanden, dass nicht die Ungarn, sondern die Deutschen 3:2 gesiegt hatten, und grosszügig möchte ich an dieser Stelle nicht nur den Deutschen, sondern gleich dem gesamten Kern-Europa (Achtung, nicht vergessen – wir sind gleichberechtigt!) ein Unentschieden anbieten, ein ruhmreiches Unentschieden, womit die gemeinsame Einbeziehung einer gemeinsamen reichen Vergangenheit begründet wäre … So hätte ich die gebrechlichen Schultern Europas (einmal mehr) von einer Last befreit. Bitte, bitte, gern geschehen.“
Péter Esterházy, ungarischer Schriftsteller, Neue Zürcher Zeitung v. 3. Juli 2004
„Gewiß, die Ungarn hatten den weltbesten Sturm, in dem für Herberger die Stürmer Hidegkuti und Boszik noch wichtiger waren als Puskas, der nicht als Spielmacher sah, sondern nur als einen Helden in der Spielhälfte des Gegners. Auf der linken Seite, dort, wo Boszik immer nach vorne ging und Lücken und Gassen im Abwehrnetz der Ungarn ließ, da waren die Magyaren verletzbar. Herberger: „Die 3 Tore der Engländer beim 6:3 in London wurden durch Angriffe von links eingeleitet; im 3:8 verlorengegangenen Spiel in Basel konnte sich unsere linke Angriffsseite mit Alfred Pfaff und Richard Hermann überraschend gut in Szene setzen und schoß auch 2 von den 3 erzielten Toren.“ Das Finale bestätigte Herberger: Auch die beiden Tore in der ersten Halbzeit kamen von links, schließlich nahm sogar das entscheidende Tor, das dritte, seinen Ausgang auf der linken Angriffsseite. So war Herberger, der Feldherr. Er sah sich gern in dieser Rolle, ohne daß er seine Spieler in seine generalstabsmäßigen Planungen eingeweiht hätte. Er war es, der die strategische Lage im Auge hatte, die taktischen Entscheidungen traf er in Absprache mit seinem Mannschaftsführer Fritz Walter. Der Feldwebel Herberger strich abends durch das Hotel – „mit dem Ohr an den Schlüssellöchern der Zimmer“ und um zu schnuppern, wer noch rauchte. Er hatte jene Spieler, die Raucher waren, sowieso zusammengelegt – ohne daß er das begründete. „Sicherlich haben manche geahnt, daß ich um ihre Leidenschaft wußte. Denn nach dem Essen und der darauf folgenden Bettruhe habe ich bei meinen Rundgängen durch die einzelnen Zimmer auch einige Male vor verschlossenen Türen gestanden.“ Herberger legte Wert darauf, ein Verbot nie direkt auszusprechen. Die Spieler ließen ihrerseits aber keinen Zweifel daran, daß sie verstanden, wie seine unausgesprochenen Vorlieben und Wünsche aufzufassen waren: durchaus als klare Verbote und Gebote. Herberger schaltete und waltete nach eigenem Gutdünken. Er sah keinen Anlaß, die Autoritätsstrukturen, unter denen er seit Kaisers Zeiten gelebt und gesiegt hatte, in Frage zu stellen, nur weil in Bonn jetzt wieder Demokratie eingeübt wurde. (…) In der Schweiz schlug er die entscheidende Schlacht. Er begann sie außerordentlich gut vorbereitet. Und das sagte er auch selbst: „Als wir nach der Schweiz fuhren, war keiner der Teilnehmer aus allen Nationen, die zudem meistens Professionals waren, in besserer Kondition als unsere Spieler und keine Mannschaft und kein Spieler auf die bevorstehenden Aufgaben besser eingestellt als die unsrigen.“ Das galt in jeder Hinsicht. Herberger kümmerte sich um jedes Detail der Organisation. Er rief Meteorologen an wegen des Wetterberichtes, er kümmerte sich um die Stollen der Spieler, er ließ sich die Speisekarten zeigen, er suchte die Kabinen für seine Mannschaft aus, wegen des Aberglaubens. Er selbst wohnte in Zimmer 13. Vor dem Endspiel in Bern sicherte er sich für den Fall, daß es regnen sollte, zum Warmlaufen vor dem Spiel auch eine kleine Trainingshalle, die unter der Tribüne gelegen war. (…) Die Journalisten, die mit in die Schweiz gefahren waren – am Ende um die 150 –, kannte Herberger fast alle. Er wusste, womit er bei jedem zu rechnen hatte. In ihren Kreisen machte er sein typisches Herberger-Gesicht, das eine Auge fast zu, das andere, kritisch blinzelnd, auf Weitwinkel eingestellt. Er sah alles und alle. Er war auf das Schlimmste und das Dümmste gefaßt und dagegen gerüstet. Sollte sich ein Neuer in den Kreis der Pressemenschen verirren, dann wußte sich Herberger schnell von den Vertrauten Informationen über ihn zu beschaffen. Herberger verachtete im Grunde die meisten Journalisten, nicht zuletzt wegen ihres mangelnden Sachverstandes und, wie er fand, kurzen Gedächtnisses. Im übrigen hätten sie es ja auch leicht, pflegte er zu sagen. Sie konnten Vorschläge machen und Mannschaften aufstellen, für die sie nicht die Verantwortung trugen. „Ihr Spiel fing an, wenn unseres schon zu Ende war.“ Seine manipulativen Fähigkeiten hatte Herberger nicht nur im Umgang mit den Spielern erprobt, er konnte auch Journalisten einwickeln, zu Vertrauten und Komplizen – zu „Pressekameraden“ – machen oder durch Informationen zum Schweigen bringen.“
Aus: Jürgen Leinemann: Sepp Herberger. Ein Leben, eine Legende. Rowohlt, Berlin 1997.
Interview mit Hans Schäfer, Zeit v. 1. Juli 2004
Zeit: Herr Schäfer, Sie haben seit vielen Jahren öffentlich kein Wort mehr verloren über das Wunder von Bern. Warum nicht?
HS: Weil der Erfolg von 1954 mit einem Wunder gar nichts zu tun hat. Das ist für mich kein Wunder. Es war einfach eine großartige Leistung einer großartigen Mannschaft, die dabei auch viel Glück gehabt hat. Ich distanziere mich übrigens auch von dem Begriff Helden. Ich weiß nicht, was unser Sieg mit Heldentum zu tun hat. Helden sind für mich Jungs, die an die Front gehen, kämpfen und sich eventuell auch noch erschießen lassen müssen, um das Vaterland zu retten. Aber es ist doch kein Heldentum, wenn ich ein Spiel gewinne, und sei es eine Weltmeisterschaft.
Zeit: Sie hatten also nie das Gefühl, in der Nationalmannschaft eine besondere Aufgabe für Ihr Vaterland zu erledigen?
HS: Doch, das hatte ich. Ich war Vertreter für Deutschland – selbstverständlich. Wir waren, wenn Sie so wollen, als Sportgesandte in der Welt. Dementsprechend mussten wir uns ja auch benehmen, auftreten. Vor allem nach einem verlorenen Krieg, nach dem die ganze Welt erst mal gegen die Deutschen war. Wir konnten nicht erwarten, dass sie uns mit offenen Armen aufnehmen.
Zeit: Ihre Mannschaftskameraden von damals erzählen gerne über das Wunder und verdienen damit Geld.
HS: Ich habe gesagt, ich verkaufe mich nicht. Ich habe es nicht nötig. Und wenn die anderen das machen, ist das für mich traurig. Soll ich in meinem Alter noch für drei Mark fuffzich durch die Welt tingeln? Das mache ich nicht. Das ist mir zu billig.
Zeit: Haben Sie damals daran gedacht, dass sich der Titel für Sie auszahlen könnte?
HS: Wir haben in den 50 Jahren nach Bern nie etwas durch den Fußball verdient. Warum fangt ihr plötzlich nach 50 Jahren an und macht so ein Theater? Wer kannte denn den DFB, wer kannte die Firma adidas, wer kannte die Firma Puma? Die sind alle expandiert, haben hinterher Umsätze gemacht. Der Anfang war unser Sieg 1954. Alles hat sich plötzlich interessiert für den deutschen Fußball. Ich frage die Verantwortlichen beim DFB: Was habt ihr mit uns gemacht? Uns habt ihr alle paar Jahre zum Essen eingeladen, eine Erbsensuppe ohne Brötchen – und Ende. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse damals waren ja auch anders, und da hatte der DFB wohl keine Möglichkeit, uns etwas anderes zu bieten.
Zeit: Und heute?
HS: Heute sage ich: Wenn das so ein Wunder war und wenn das so wichtig für Deutschland und für den DFB war, dann habt ihr doch jetzt ’ne Chance, ein bisschen was gutzumachen und für die Jungs was zu tun. Ich weiß, was die brauchen: Die brauchen alle Geld. Man könnte einen Fonds bilden bei der Sepp-Herberger-Stiftung, in den der DFB einzahlt, die Firmen adidas und Puma und alle, die von unserem Sieg profitiert haben. Das habe ich jetzt auch dem Präsidenten Mayer-Vorfelder geschrieben.
Zeit: Sie sind verbittert.
HS: Ja. Von meiner Seite aus ist die Verbitterung da.
Zeit: Nur wegen des Geldes? Oder sind Sie auch menschlich enttäuscht?
HS: Ja, sehr. Vor vier Jahren bin ich mit meiner Frau zum 80. Geburtstag von Fritz Walter gefahren. Bei den Feierlichkeiten hat sich dann kein Mensch um uns gekümmert, da hat man meine Frau, mich und noch ein paar andere, zum Beispiel Alfred Pfaff oder die Frau von Jupp Posipal, einfach links liegen lassen.
Zeit: Die Mannschaftskameraden von früher…
HS: …ob die 54er da waren, war denen total egal. Nur mit Fritz’ Bruder Ottmar und mit Horst Eckel haben sie sich dann zu einer Feier aufgemacht, zu der die anderen nicht mitkommen konnten. Das ist wohl unglaublich. Ich habe dem Fritz noch gratuliert und bin dann sofort nach Hause gefahren, war bei der offiziellen Feier am nächsten Tag nicht dabei. Da war der DFB natürlich sauer, hat sich dann aber offiziell entschuldigt. Aber von anderen, vom Horst Eckel, vom Ottmar oder vom Fritz – nicht ein Ton. Auf die drei bleibe ich sauer. Mit Eckel habe ich seither kein Wort mehr gesprochen.
Zeit: Erinnern Sie sich noch genau an bestimmte Situationen aus dem Endspiel?
HS: Ja, an mehrere. Gucken Sie mal das erste Tor, wo der Max Morlock gerade noch mit der Spitze drankommt und das Ding reinschießt. Oder das zweite Tor: Eckball Fritz Walter, der Grosics steigt hoch …
Zeit: Beim letzten Tor haben Sie …
HS: Na, Moment, wollen wir doch erst mal das zweite Tor hören! Das zweite ist doch viel wichtiger. Ich springe hoch, nehme meine Ellenbogen raus. Der Grosics kommt nicht an den Ball durch mich. Da muss der Schiedsrichter Foul pfeifen. Da hätte es weiter 2:1 gestanden. Oder das Viertelfinale gegen Jugoslawien. Da haben wir 2:0 gewonnen, mussten aber 5:0 verlieren. Die haben Pfosten, Latte, rechts und links, Torwart, auf der Torlinie gerettet. Ich dachte, o lieber Gott! Und dann kommt eine unserer Flanken von rechts. Horwath, der jugoslawische Mittelläufer, will den Ball seinem Torwart in die Arme köpfen. Ich springe hoch, springe ihm ins Kreuz. Also schießt er mit dem Kopf gegen den Ball und – Selbsttor.
Zeit: Haben Sie den Film „Das Wunder von Bern“ gesehen?
HS: Ja. Mir gefällt er nicht.
„Die Sonnenschlacht von Basel“ (Bild) ging 3:8 verloren. Am 4. Juli aber meldete zuerst Maxl Morlock an Fritz Walter „Friedrich, es regnet!“ und dann Herbert Zimmermann an alle: „60000 im Berner Stadion; es regnet heftig, aber wir Deutschen glauben, daß heute Fritz-Walter-Wetter ist.“ – Ein französischer Kommentator sollte später über den „verdammten Regen“ von Bern schreiben. (…) „Deutschlands Aussichten auf einen Erfolg sind recht winzig. Schon ein ehrenvolles Resultat, eine Tordifferenz von etwa zwei Treffern wäre aller Achtung wert“, hatte die Süddeutsche Zeitung am Vortrag die untere Leistungsgrenze gezogen. Der ehrenwerte Abstand war nach nicht einmal zehn Minuten hergestellt, durch „zwei wie Hammerschläge kurz hintereinander fallende Tor“ (Coupe Jules Rimet) – 6. Minute: 0:1 Puskas; 8. Minute: 0:2 Czibor. „Eine unerhörte Nervenbelastung für unsere Mannschaft“ machte Herbert Zimmermann aus. Und für den DFB erwiesen sich jetzt die deutschen Tugenden: „Aufgerüttelt durch den 0:2-Rückstand, durchdrungen von dem Willen, nicht unterzugehen, wächst die deutsche Widerstandskraft.“ (Deutschland Weltmeister) Entschieden ziviler gab Spielführer Walter zu Protokoll: „Ja, jetzt mag kommen, was will, den Mut dürfen wir nicht verlieren.“ (3:2) Was kam, war die Doppelung des deutschen Weltmeisterschaftsweges in konzentrierter Form. 11. Minute: 1:2 Max Morlock. Während Zimmermann aufatmete („Gott sei Dank, es steht nicht mehr 2:0″), dachte der Kapitän bereits weiter: „Die Ungarn wechseln nach unserem Tor undefinierbare Blicke. Ihr 2:0 hat sie vielleicht zu früh in dem Gefühl bestärkt, daß sie mit dieser deutschen Mannschaft im Grunde nicht mehr Schwierigkeiten haben als mit der Elf, die ihnen in Basel gegenüberstand.“ 18. Minute: „Deutschlands ‚Geheimwaffe’: Fritz-Walter-Ecken“ (Kicker) kommt zur Anwendung und der Ball zu Rahn – Dropkick, 2:2. „Kinder, ist das eine Aufregung“, entfuhr es Zimmermann. Für Bild stand nach dem 2:2 fest: „Jetzt sind die Deutschen wieder da!“ Später sollte in Deutschland zu diesem Treffer Eigentümliches geschrieben werden: „Das ist mehr als ein gewöhnliches Ausgleichstor. Das ist nicht die Wiederherstellung des Gleichgewichts an Toren; das ist die Wiederherstellung des moralischen Gleichgewichts.“ (Coupe Jules Rimet) Danach lautete die Parole „Dranbleiben bis zum letzten!“, wurde das Herbergersche Spielsystem umgesetzt – „Das hat er immer erreichen wollen: Alle sollen verteidigen, wenn es etwas zu verteidigen gibt! Und alle sollen nach vorn drängen, wenn es etwas zu stürmen gibt.“ (3:2) –, strapazierte man eigens herbeigerufene Schutzengel, rief der Trainer dazu auf, auch in der zweiten Halbzeit „keinen Millimeter Boden“ preiszugeben, mobilisierte Herbert Zimmermann die radiogebannte Heimatfront: „Halten Sie nur die Daumen zu Hause – halten Sie sie, und wenn Sie sie vor Schmerz zerdrücken, es ist gleichgültig – drücken Sie!“ „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt.“ So begann im Radio die 84. Minute. Rahn nahm einen Abpraller auf, umkurvte erst zwei Ungarn, die einen Direktschuß erwartet hatten, hielt aufs Tor zu, und dann schoß er mit links flach ins äußerste linke Eck. „Na, und als ich Grosics fallen und nicht mehr ans Leder herankommen sah“, so der Schütze zum Kicker, „wusste ich alles.“ Das Tor. Drei zu zwei. „Halten Sie mich für verrückt – halten Sie mich für übergeschnappt“, überstammelte Herbert Zimmermann drohende Sprachlosigkeit.“
Aus: Arthur Heinrich: Tooor! Toor! Tor! 40 Jahre 3:2. Rotbuch, Hamburg 1994.
Interview mit Arthur Heinrich, Fußball-Historiker und Publizist, tageszeitung v. 3. Juli 2004
taz: Der Trainer Sepp Herberger als Führer, die Mannschaft als „verschworene Gemeinschaft“ – ein Begriff, den die Nazis verwendeten –, knüpften diese Bilder nicht an die autoritäre Kollektivideen vor 1945 an?
ArH: Jein. Natürlich gab es solche Kontinuitätslinien. Die Sprache in den Medien war stark von militärischen Metaphern geprägt. Aber der 4. Juli 1954 war vor allem Ausdruck eines Wir-Gefühls. Deshalb sagten die Bundesdeutschen damals nicht „Unsere Mannschaft ist Weltmeister“ oder „Deutschland ist Weltmeister“ sondern: „Wir sind Weltmeister.“ Das war so wichtig, weil im entstehenden Wirtschaftswunder die Leute ungeheuer viel gearbeitet haben. Es gab eine Art autistischen Rückzug ins Private, den dieses Ereignis für einen Moment überwand.
taz: Der Sieg von Bern war also kein Symbol eines rückwärts gewandten Nationalismus …
ArH: Eindeutig nein.
taz: … sondern das erste Symbol der Bundesrepublik?
ArH: … vielleicht nicht das erste – aber das 3:2 war ein Zeichen, dass sich die Bundesrepublik in Richtung Zivilgesellschaft entwickelte. Dieses „Wir“ meinte kein untergegangenes Großdeutschland, sondern die Bundesrepublik.
taz: Fußball war also ein Ersatzfeld für kollektive Identifikation – ein Terrain, auf dem es sonst nicht viel gab. Viele deutsche Traditionen waren ja durch die NS-Zeit infiziert.
ArH: Ja. Das wurde auch damals so gesehen. Der damalige christdemokratische Bundesinnenminister Gerhard Schröder hat beim Empfang der Mannschaft gesagt, dass die Republik nicht so viele Anlässe hat, um sich zu freuen. Der 4. Juli 1954 ist ein neuer Feiertag, der nichts mit Vergangenheit zu tun hat. Außerdem: Es war eine ausschließlich westdeutsche Mannschaft. Insofern war dies auch ein Zeichen, dass man – gegen die Wiedervereinigungsrhetorik – sich in der Bundesrepublik als westlichem Teilstaat einrichten und auch international eine Rolle spielen konnte. Und zwar auf einem durch und durch zivilen Feld.
taz: Aus der Distanz kann man also sagen, dass Bern ein Zeichen für die entschieden gegenwartsbezogene, „geschichtslose“ Bundesrepublik war?
ArH: Ja. Der konservative Historiker Hans Rothfels schrieb, dass die „Männer des 20. Juli 1944 die ,Ehre des Landes‘ wiederhergestellt haben und nicht Fußballsiege“. Das war der Versuch, Geschichte gegen Sport als identitätsstiftende Kraft zu setzen. Die Vorstellung eines Gemeinwesens, das sich weitgehend ohne Geschichte verstand und stattdessen Fußball vorzog, war für Konservative eine ziemliche Schreckensvorstellung.
„Mythos: Die deutsche Mannschaft wurde 1954 Weltmeister mit Kampf und Kraftfußball. Wahrheit: Herbergers Elf war spielerisch eine der besten, die Deutschland je hatte. Das 6:1 im Halbfinale gegen Österreich ist für viele Augenzeugen immer noch das spielerisch beste, das eine deutsche Nationalmannschaft je gezeigt hat. Im Finale gelang es dem Team um Fritz Walter, mit den plötzlich nervösen Supertechnikern aus Ungarn auch spielerisch mitzuhalten. Nur wird das überlagert vom Aspekt des Kampfes, des Aufbäumens, der Willenskraft, der die Zuschauer aus den verdichteten Wochenschau-Ausschnitten, den Bildern der durchnäßten, abgekämpften Helden und der pathetischen Radioreportage von Herbert Zimmermann einnimmt. Dabei war es eine Weltmeisterschaft, die für frischen Offensivfußball weltweit gelobt wurde, und da machte auch der Weltmeister keine Ausnahme. Er war weit davon weg, ein reines Kraftkollektiv zu sein. Die Rheinische Post schrieb: „Die WM 1954 brachte uns die Abkehr von einer Fehlentwicklung des Fußballs, mit einer Überbetonung von Wucht, Schnelligkeit und Zerstörung.““
Aus: Christian Eichler: Lexikon der Fußballmythen. Eichborn, Frankfurt am Main 2000.
Interview mit Jenö Buzansky und Gyula Grosics, Süddeutsche Zeitung v. 3. Juli 2004
SZ: Puskas’ Ausfall war ein schwerer Nachteil für Ihr Team.
JB: Natürlich. Dass wir ohne ihn die zwei Verlängerungen bestreiten mussten, hat die Ermüdungserscheinungen verstärkt, vor allem die im Kopf. Man hat das nach dem 2:0 gemerkt, da war der Kopf nicht mehr imstande, den Beinen die nötigen Befehle zu geben.
SZ: Man kann sich leicht vorstellen, wie ermüdend das war…
JB:…das war ja noch nicht alles. Weil das Halbfinale in Lausanne so lange gedauert hatte, haben wir den Zug nach Solothurn verpasst, wo unser Quartier war. Umständlich wurden erst private Pkw organisiert, und schließlich sind wir erst um vier, fünf Uhr todmüde ins Bett gesunken.
SZ: Das war in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, zwei Tage vorm Finale.
JB: Das Finale war am Sonntag. In der Nacht davor passierte noch etwas: In Solothurn war Volksfest. Direkt vor unserem Hotel! Es haben Blaskapellen gespielt, Chöre sangen, und angeblich hat eine deutsche Brauerei Freibier spendiert. Unglücklicherweise war es noch sehr warm, so dass man die Fenster öffnen musste – bis in die Morgenstunden haben wir kein Auge zugemacht.
GG: Und dann der letzte Höhepunkt: Am Sonntag war auch noch Fritz-Walter-Wetter – Regen, Regen, Regen.
SZ: War Ihnen klar, dass der Regen zu Ihrem Nachteil wirken könnte?
JB: Ja, obwohl solche Bedingungen normalerweise für Techniker besser sind. Wir waren Techniker, die Deutschen waren Kämpfer.
SZ: Wussten Sie, dass die Deutschen einen weiteren gravierenden Vorteil hatten? Der für die Ausrüstung zuständige Adi Dassler hatte Schraubstollen entwickelt, die man je nach Wetter und Tiefe des Bodens auswechseln konnte.
JB: Nein, die wurden ja bei der WM erstmals verwendet.
SZ: Ihre Stimmung war vermutlich nicht die beste. Immerhin konnten Sie Puskas wieder einsetzen. Wie leistungsfähig war er nach seiner Verletzung?
JB: Er schoss zwei Tore – eines wurde nicht gegeben. Er war gesund.
SZ: Schon nach sechs Minuten schoss er das 1:0. Zwei Minuten später fiel das 2:0. Im Fußball wünscht man sich doch ein frühes Führungstor, Ihre Mannschaft schien davon eher gelähmt zu sein.
JB: Viel wichtiger war, dass die beiden Gegentore sehr, sehr unglücklich waren. Beim ersten rutschte Zakarias in den Ball hinein und hat ihn dabei zum Torschützen Morlock gelenkt. Und beim zweiten wurde Grosics behindert. Diese schnelle Antwort der Deutschen hat uns gezeigt, dass es diesmal nicht so einfach laufen würde. Zur Halbzeit in der Kabine habe ich in die Gesichter meiner Kameraden geschaut: Ich sah Müdigkeit und Leere. Da ist mir zum ersten Mal der furchtbare Gedanke gekommen: Heute ist der Tag, an dem wir verlieren können.
SZ: Was geschah in Ihrer Heimat nach dem Abpfiff?
GG: Mehrere hunderttausend Ungarn sind auf die Straße gegangen und haben protestiert. Ursprünglich aus Trauer über die Niederlage, aber dann ging es über in eine politische Demonstration gegen die kommunistische Diktatur. Erst da bekamen wir richtig mit, was wir unseren Landsleute bedeuteten.
Dieses Spiel hat ja in beiden Ländern eine enorme, aber vollkommen gegensätzliche politische Entwicklung ausgelöst. In Deutschland im positiven Sinn: Wir sind wieder wer, Wirtschaftswunder und so weiter. In Ungarn mündete das direkt in den Aufstand von 1956.
SZ: War das 2:3 Ihrer Meinung wirklich das Signal dafür?
JB: Ja, die Massenversammlung nach dem Spiel war das erste Mal, dass man in einer kommunistischen Diktatur auf die Straße gegangen ist und den Aufstand probte.
SZ: Nach Ihrer Rückkehr sind Sie vom damaligen Premierminister Rakosi, einem Vertrauten von Stalin, empfangen worden…
GG:…wir wurden erst gar nicht nach Budapest gebracht, sondern nach Tata, 60 Kilometer entfernt von der Hauptstadt, in unser Trainingslager.
SZ: Was hat Rakosi Ihnen gesagt?
Grosics: Er hat eine kleine Ansprache gehalten, etwa so: „Das war eine Niederlage, so etwas kann immer passieren. Bei der nächsten Weltmeisterschaft machen wir es besser. Bis dahin braucht niemand Angst zu haben.“ Von diesem Moment fing die ganze Mannschaft an, Angst zu haben. Das war eine nackte Drohung.
SZ: Wurden Sie verhört?
Grosics: Ich hatte ein Problem mit dem ungarischen Geheimdienst. Man hat mich der Spionage beschuldigt. Ich wurde 13 Monate lang beobachtet und musste mich immer bei den Behörden melden. Natürlich war die Angst da. 1950 war ein Auswahlspieler hingerichtet worden, nur weil er angeblich abhauen wollte.
„Ich stehe im Augenblick halblinks. Ottmar ist auf Linksaußen gewechselt, Hans Schäfer nach seiner Flanke in die Mitte geeilt, Max Morlock beobachtet in halbrechter Position, was passiert: Der Boß hat so gewaltig geschossen, daß er durch seinen eigenen Schwung zu Fall kommt, aber noch im Fallen sieht er, daß seine flache Bombe für Torhüter Grosits unerreichbar ist. Der Ball flitzt knapp am Pfosten vorbei in den Kasten und auf der rechten Seite schon wieder heraus, so unheimlich schnell ist seine Fahrt. Der Schiedsrichter pfeift. Grosits und ein paar Ungarn liegen am Boden. In Sekundenbruchteilen begreifen wir, was geschehen ist. Helmut Rahn hat unser Führungstor geschossen! 3:2! 3:2 für Deutschland! 3:2 in der 84. Spielminute! Wir führen Freudentänze auf, schreien wir verrückt, rennen auf den Boß zu und erschlagen ihn beinahe vor Begeisterung. Alle laufen wir zusammen bis auf Toni, der angewiesen ist, sein Tor unter keinen Umständen zu Gratulationscouren zu verlassen. Wenn alles aus dem Häuschen ist – er muß drin bleiben. Unbeschreiblich ist der Jubel im Viereck des Berner Wankdorf-Stadions. Über uns schlagen nie erlebte Beifallswogen zusammen. Die Sensation der Fußball-Weltmeisterschaft ist da. Langsam gehe ich rückwärts in Richtung Mittellinie. Ein kurzer Blick auf die große Stadionuhr. ‚Männer, nur sechs Minuten noch’, sage ich. ‚Jetzt darf nichts mehr passieren! Jeder im Sturm nochmals mit verteidigen! Die paar Minuten noch! Bis zum Umfallen!’ ‚Bis zum Umfallen, Fritz!’“
Aus: Fritz Walter: Spiele, die ich nie vergesse. Copress-Verlag, München 1955.
„Warum gerade jetzt diese Begeisterung, ja Hysterie um ein vor einem halben Jahrhundert gewonnenes Spiel? Was repräsentieren die elf zum Teil leicht untersetzten Herren und ihr Trainer, auf das sich unsere Erinnerung so gierig und unersättlich stürzt? Natürlich springt allein bei der runden Zahl 50 die Feierautomatik der Kulturindustrie an. Zudem werden die Zeitzeugen knapp; von denen, die auf dem Platz standen, leben nur noch drei. Aber es ist mehr als geschäftstüchtige Geburtstagsroutine; am 40. Jahrestag 1994 blickte kaum jemand sehnsüchtig zurück. Damals glaubte das Land noch an seines Kaisers Wort zur Wiedervereinigung: dass man nun auf Jahre hinaus unschlagbar sei – auffem Platz und im richtigen Leben. Heute muss sich Deutschland nicht nur im Fußball, sondern auch in Sachen Ökonomie, Bildung, Sozialstaat ans Verlieren, Absteigen, an eine neue Mittelmäßigkeit und Unsicherheit gewöhnen. Da erscheint der überraschende Erfolg über Ungarn als Sternstunde eines Goldenen Zeitalters, an dem man sich in der Krise orientiert. An das Wunder von Bern zu glauben heißt, dass man das Unmögliche schaffen kann. Der Bundeskanzler, so hört man, hat beim Anblick von Wortmanns Film geweint. Nach allen Regeln der kinematografischen und publizistischen Kunst wird ein nationaler Mythos mit aller Macht weiter ausgebaut, vielleicht der einzige, den dieses Land hat. Alle suchen Halt bei einer Zeit, in der einfache Rezepte noch geholfen haben. (…) Dass Herbergers Erfolg in der Tradition des deutschen Militarismus wurzelt, kommt im Mythos der pazifistischen Republik nur am Rande vor. Erst der gnadenlose Drill im Trainingslager machte die Feierabendkicker konkurrenzfähig; der Chef befahl, die Fußballer, von denen viele Soldaten oder Flakhelfer gewesen waren, gehorchten und rannten, bis sie kotzen mussten. „Wir kannten gar keinen anderen Umgangston“, erinnert sich Hans Schäfer, der Linksaußen der Mannschaft. Dieser Ton schwingt auch in der inzwischen kultisch verehrten Radioreportage von Herbert Zimmermann noch mit. Kein Wunder, der Ritterkreuzträger war seit 1937 bei der Wehrmacht. 1944 meldete der Kommandeur eines Panzerregiments sich freiwillig an die Ostfront und wurde einer der „Unbesiegten“ aus dem Kurlandkessel, wie Erik Eggers in seiner Biografie über Die Stimme von Bern detailliert beschreibt. Zimmermann, dessen großes Vorbild Rolf Wernicke, der Sprecher der Riefenstahl-Filme war, stehe „fest auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung“, befanden seine Vorgesetzten. Der richtige Mann für das Audio-Schlachtengemälde von der Berner Walstatt, für das sich lange niemand interessierte, dessen Pathos im daniederliegenden Deutschland des Jahres 2004 aber auf offene Ohren stößt. Und was wird nicht noch alles an den Rand gedrängt, damit das Wunder ungestört unsere trübe Gegenwart erhellt?! Werner Kohlmeyers bitteres Ende in Suff und Elend. Der frühe Tod des Ersatzspielers Richard Hermann, der sich wie einige andere Spieler während der WM an dubiosen, in jedem Fall schmutzigen Spritzen mit Gelbsucht infizierte und später an Leberzirrhose starb. Helmut Rahns alkoholbefeuerte Eskapaden, nach denen er zu zwei Länderspielen sogar aus dem Knast anreisen musste. Die Ausschweifungen von Werner Liebrich, der nach einer Orgie jahrelang Alimente für einen Sohn zahlte, der dann doch nicht seiner war. Und sogar Fritz Walter, der brave Fritz, nahm es mit dem Wahlspruch „Elf Freunde sollt ihr sein“ nicht immer so genau. Er, der Einzige aus der Wunder-Elf, der es schon früh in die Bunte-Liga der Prominenten gebracht hat, ließ Mitspieler von einst für glamourösere Gesprächspartner von heute einfach stehen. Auf einmal erscheinen die vermeintlichen Tugendrecken seltsam modern, nicht so sehr Spiegelbilder Adenauers, sondern Vorläufer von Mario Basler und Stefan Effenberg. Vielleicht ist es diese überraschende Zeitgenossenschaft, die uns zusätzlich ans Wunder fesselt. Helmut Rahn war eben nicht eine tumbe, besonders „deutsche“ Dampfwalze, sondern ein unberechenbarer Individualist, weltweit einer der besten Stürmer seiner Zeit, der Wayne Rooney der Fünfziger. Das Parteimitglied Herberger war zugleich der erste moderne Fußballtrainer, der mit wissenschaftlicher Akribie jedes Detail des Spiels analysierte. Lange vor den Taktikmappen, mit denen die Trainer heute die Einwechselspieler noch vor dem Gang aufs Spielfeld traktieren, war er ein Stratege und Zettel-Sepp. Der Propagandist alter Werte war zudem reformfreudig: Er setzte auf die gerade von Adi Dassler entwickelten Schraubstollenschuhe, die auf dem tiefen Endspielboden einen entscheidenden Standortvorteil der Deutschen ausmachten. „Weltmeister dank innovativer Technik“ – von dieser Schlagzeile träumen nach dem verpatzten Sommer 2004 nicht nur die Fußballfans, sondern auch Regierung und Opposition. Anders als es in der gängigen Überlieferung scheint, stand der Fußball made in Germany 1954 übrigens nicht so sehr für Disziplin, Kampfkraft, Ausdauer und andere der vermeintlich deutschen Tugenden. Er galt vielmehr als Inbegriff der Modernität. Selbst beim Klassenfeind in der DDR wurde das neidlos anerkannt, wie der Historiker Franz-Josef Brüggemeier in seinem Buch Zurück auf dem Platz gerade gezeigt hat. Der deutsche Angriff spiele einen „Fußball modernster Prägung“, schrieb das Sportecho am Tag nach dem Endspiel. Kurze, schnelle Pässe, „schön und scharf, modern und erfolgreich, hart und sprühend vor spielerischem Witz“, wie es in einem anderen Blatt hieß. So etwas hat über Deutschland schon lange keiner mehr gesagt. Das ist der Wunsch, der sich an jenen 4. Juli vor 50 Jahren hängt: dass aus dem Blick zurück einer nach vorn werden möge.“
Christof Siemes, Zeit v. 1. Juli 2004
„Mitten im Kalten Krieg ist Europa von einem Eisernen Vorhang umgeben und politisch und ideologisch tief gespalten. Das prädestiniert die Schweiz als Austragungsland. Das Turnier wird zu einem Wendepunkt der Fussballgeschichte. Die Fifa feiert in Spiez ihren 50. Geburtstag, die Uefa wird in Basel als Kontinentalverband gegründet, erstmals ist das Fernsehen an einer Weltmeisterschaft dabei: mit nur drei Übertragungswagen und auch mit drei miteinander nicht kompatiblen Fernsehsystemen. Und nach fast 30 Jahren kündigt sich die Abkehr vom bisher gängigsten Spielsystem, WM genannt, an und wird Fussball wieder als Angriffs- und Offensivspiel interpretiert. Experten schreiben begeistert von einer Renaiss
Allgemein
Otto Rehhagels ganz spezielle Betonmischung
Griechenland siegt mit „Otto Rehhagels ganz spezieller Betonmischung“ (FAZ) / doch die Griechen verfügen durchaus über „Temperament, Beweglichkeit und Balltechnik“ (NZZ)
Griechenland-Tschechien 1:0 n. V.
Ronald Reng (BLZ 3.7.) definiert die Strategie Griechenlands: “Wie damals Deutschland wissen die Griechen, wo ihre Grenzen liegen, und versuchen gar nicht erst Sachen, die ihnen misslingen könnten. Sie haben keine Hemmungen, Methoden wie die Manndeckung anzuwenden, die im modernen Fußball verschrien sind. „Zu gewinnen – das ist moderner Fußball“, kontert Charisteas, und man ahnt, wo er den Spruch herhat. Ihren Trainer Otto Rehhagel hört man nur solche Sachen sagen. Dieses Team ist eine Erinnerung, wie Fußball einmal war. Michalis Kapsis und Georgios Seitaridis nahmen Tschechiens Stürmer in Einzelhaft, als ob die Raumdeckung nicht erfunden sei. Weit hinter ihnen gab Traianos Dellas den Libero mit majestätischem Laisser-faire. Einmal schritt er gegen Tschechien nach vorne und verwandelte einen Eckball mit dem Kopf ins Tor des Abends. Dieses Team ist aber vor allem eine Erinnerung, wie alle – Trainer, Experten, Zuschauer – neue taktische Moden zu schnell als Heilsbringung ansehen. Der Libero sei ein Kropf, heißt es, ein verschwendeter Mann, der im Mittelfeld fehle. Der Libero Dellas liefert etwas, was als modern gilt: Pässe zum Spielaufbau. Der klassische Manndecker sei ein Holzhacker, den der Stürmer leicht auf die Flügel locken und so Raum für Mittelfeldspieler öffnen könne? Tschechiens Jan Koller verkroch sich in der zweiten Halbzeit in der eigenen Spielhälfte: Er wollte weg von Manndecker Kapsis. Acht Spieler der Griechen arbeiten im Ausland; außer Panagiotis Fyssas bei Benfica Lissabon ist keiner über eine Statistenrolle hinausgekommen. Wie können sie jetzt so gut sein? Traianos Dellas hat verstanden, dass sie nicht über die Unmöglichkeit ihres Erfolgs nachdenken dürfen. So lange sie per Autopilot weitersteuern durch ihren Traum, werden sie auch im Finale eine Chance haben.“
Otto Rehhagels ganz spezielle Betonmischung
Peter Heß (FAZ 3.7.) ergänzt: “Spielverderber können sich auch anders als diebisch freuen. Als Schiedsrichter Pierluigi Collina das Halbfinale zwischen Tschechien und Griechenland mit einem energischen Pfiff beendete, brach um die elf Spieler in den blauen Trikots ein Jubelsturm los, wie ihn bisher nur die Portugiesen entfachten. Schreien, Singen, Tanzen, Umarmen – das ganze Programm brachten die heißblütigen Griechen ihrem nach Tausenden zählenden Anhang dar. Erst später präsentierten sich Abwehrchef Dellas und Mittelfeldspieler Giannakopoulos dann als zärtliche Väter. Sie hoben ihre Kinder über die Tribünenumrandung und teilten still ihre Freude mit ihnen. Wessen Herz nicht griechisch schlug, hatte seine Schwierigkeiten, den Feierlichkeiten zum historischen 1:0-Triumph zu folgen. Ein Kopfballtor von Dellas hatte die Entscheidung zugunsten der Mannschaft gebracht, deren Beitrag zu diesem Spiel vor allem darin bestand, es zu zerstören. Glaubte man bis zur Vorrunde dieses Turniers, dazu bedürfe es elf Deutscher, weiß man nun, es reicht schon einer. Auf Otto Rehhagels ganz spezieller Betonmischung bauten die Griechen ihre Brücke, die bis ins Finale in Lissabon gegen Portugal trägt. (…) Die Griechen ließen sich nicht vorschreiben, wie sie zu gewinnen hatten.“
Temperament, Beweglichkeit und Balltechnik
Felix Reidhaar (NZZ 3.7.) findet die griechische Spielweise gar nicht so destruktiv: „Man täte dieser Gruppe etwa zur Hälfte im eigenen Land und in ausländischen Klubs engagierter Professionals allerdings Unrecht, würde man angesichts der stark polarisierenden Figur Rehhagel das griechische Element ausser acht lassen. Temperament, Beweglichkeit und Balltechnik sind wichtige Grundlagen auch für eine funktionierende Abwehrorganisation, wie sie griechischen Vereinen nicht unbedingt eigen ist. Was mancherorts abschätzig als defensives Betongemisch bezeichnet wird, ist in Tat und Wahrheit mit einem fein gewebten Spinnennetz besser umschrieben. Dafür ist Fleiss unerlässlich, Disziplin auch und Intelligenz. Kommt dazu, und dieser Eindruck verfestigte sich über den ganzen Donnerstag hinweg, dass die Hellenen mit viel Zuversicht in diesen Match gingen, der sie für neutrale Beobachter als Aussenseiter sah. Für die Anhänger, die sich gegenüber tschechischen Besuchern in der überwältigenden Mehrheit befanden, hatte der Favorit nur einen Namen: Griechenland. So präsentierten sich auch die Spieler: hohes Selbstverständnis, Geduld und anscheinend von gar nichts aus der Ruhe zu bringen – auch nicht vom anfänglichen Druck und Tempo der Tschechen mit dem frühen Lattentreffer Rosickys. Damit bewahrheitete sich, was man bis zu einem recht hohen Grad befürchtet hatte. Karel Brückner, die Antithese zu seinem deutschen Gegenüber, stand ab und zu an diesem Abend achselzuckend bis verzweifelt an der Seitenlinie. Er sah Ansätze eines Spiels, das seinen Vorstellungen entspricht, registrierte aber früh schon individuelle Fehler, die aus dem übertriebenen Hang zum direkten Kombinationsspiel entstanden. Und er musste auch tatenlos zusehen, wie sich seine Aufbauer und offensiven Verteidiger zunehmend im geometrisch angeordneten Dispositiv verfingen und häufig genug Gefahr liefen, dass die schnell ausschwärmenden griechischen Spinnen ihre Sisyphusarbeit bis zum Tor ausweiteten. Das geschah zwar erst in der 105. Minute ausgerechnet durch den hintersten Mann der Hellenen (Dellas von der AS Roma), aber das Unheil für die tollste Mannschaft dieser Endrunde trat quasi auf Ankündigung ein. (…) Nicht zum ersten Mal hat an einem solchen Anlass der nüchterne Realismus über den Idealismus triumphiert. Ein Rückschlag für den attraktiven EM-Fussball, doch was stört das die Griechen.“
Philipp Selldorf (SZ 3.7.) leidet mit Pavel Nedved: „Der erste, der auf dem Platz Tränen verlor, war der Kapitän Pavel Nedved. Nach 35 Minuten war er im griechischen Strafraum mit seinem buchstäblich ständigen Gegenspieler Katsouranis kollidiert. Schiedsrichter Collina rief sofort die Betreuer herbei, es sah ernst aus. Nedved wurde hinter dem Tor behandelt und begab sich bald wieder an die Seitenlinie, um aufs Spielfeld zurückzukehren. Doch es war schnell klar, dass er nicht würde weiterspielen können. Er probierte zu laufen, aber seine Schritte waren schwer, er knickte ein im Knie; ein hoher Ball kam, Nedved wollte köpfen, doch er kam keinen Zentimeter vom Boden weg. Hilflos, irritiert, fast panisch versuchte er Tritt zu fassen, bis er zur Auswechslung winkte. Jeder Mensch im Stadion wusste, dass dieser Moment ein Drama des Fußballs bedeutete, weil er einen der bewegendsten Darsteller des Turniers zur tragischen Figur stempelte. Im vergangenen Jahr, als Nedved wegen seiner fantastischen Spiele für Juventus Turin zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde, hatte er das Champions League-Endspiel verpasst, weil er in der vorletzten Minute des Halbfinales gegen Real Madrid ein sinnloses Foul begangen hatte und sich dafür eine Sperre einhandelte. Jetzt würde er wieder kurz vor dem großen Ziel scheitern. Er weinte, als er sich auf die Ersatzbank setzte.“
Strafstoss
Strafstoß #17 – Reine Nervensache 4 – Entscheidend is auffer Spielerfrau
Reine Nervensache 4 – Entscheidend is auffer Spielerfrau
von Herrn Mertens und Herrn Bieber (der sich vom Untertitel distanzieren möchte)
Christoph Bieber: Wenn Sie eine Fußball-Weisheit wären, Herr Mertens, welche wären Sie?
Mathias Mertens: Jetzt muss ich doch glatt mal nachfragen. Was ist denn genau mit „Fußball-Weisheit“ gemeint? Doch wohl die Herbergerschen und sonstigen Sinnsprüche. Oder etwa die Stilblüten à la „Der FC Tirol hat eine Obduktion auf mich“ oder „Ich hoffe, dass dieses Spiel nicht mein einziges Debüt bleibt“? Das wird ja immer in einen gemeinsamen Bottich gerührt.
CB: Also Herr Mertens, ich muss doch bitten. Sie sollten doch wissen, dass ich als alter „Taxonomiker“ penibel darauf achte, dass nur zusammengerührt wird, was zusammen gehört. Zwischen den „Stilblüten“ und den „Weisheiten“ würde ich sogar noch die „Floskeln“ der Reporterzunft („Gutenabendallerseits“, „Ein Tor würde dem Spiel gut tun“) verorten. Allerdings – kann nicht auch eine Stilblüte etwas Weisheit in sich tragen? Oder sich eine Floskel zur Weisheit entwickeln? Helfen Sie mir!
MM: So, so, es wird nur zusammengerührt, was zusammen gehört. Womit wir schon mitten im Problem stecken. Dieser Spruch von Brandt war mal in dem ganz bestimmten Moment, in dem er gesagt wurde, als Metapher ganz sinnfällig; in seiner Schlagerhaftigkeit und unendlichen Adaptierbarkeit verkam er sehr schnell zur Floskel. So stelle ich mir ungefähr die Entstehung vom Tor, das gut tut, vor. Im Moment seiner ersten Verwendung sicherlich brillant und genial, schon bei seiner zweiten Verwendung aber nicht mehr treffend. Ausgenommen von diesem harten Urteil ist natürlich die Benutzung der Floskel durch Marcel Reif anlässlich des umgekippten Madrider Tores, denn das hatte erstens reflexiven Charakter und zweitens entstammte es einem ebensolchen Geistesblitz. Eine Weisheit dagegen, um jetzt zum eigentlichen Thema zu kommen, kann und wird zwar auch floskelhaft verwendet, sie unterscheidet sich aber dadurch, dass sie keine Situationsbeschreibung ist, sondern eine Grundaussage trifft, die tatsächlich immer gilt. Ob sie nun unfreiwilllig als Stilblüte geboren oder kalkuliert entworfen wurde, ist da eigentlich egal. Womit ich jetzt nicht sagen will, dass Pacults Obduktion-Versprecher darauf zielte, dass Spieler und Trainer heutzutage unter immer stärkerer öffentlicher Beobachtung stehen.
CB: Hm, „Grundaussagen, die tatsächlich immer stimmen“? Sind das nicht eher Axiome?
MM: Ja, ja, ich glaube unter Fußball-Weisheiten verstehe ich tatsächlich Axiome. „Der Ball ist rund“, „Das Spiel dauert 90 Minuten“, „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“, das ist doch verdammt nah dran an A+B=B+A. Nicht zufällig gab es Fußballer namens Aristoteles. Und für den war ja ein Axiom ein Satz, der keinen Beweis braucht und die Grundlage eines Beweises bildet. Der Kaiser mit seinem „Wenn´s net geht, geht´s halt net“ ist also ein waschechter Aristoteliker. Wobei er mit seinem „Schaumer mal“ schon wieder in den Stoizismus zurückzufallen drohte. Aber das nur am Rande.
CB: Entschuldigung, aber ich muss schon wieder einhaken. Ich kenne nur einen (brasilianischen) Fußballer mit dem Namen Sokrates… oder ist mir in der aktuell erfolgreichen griechischen Auswahl ein Spieler namens Aristoteles entgangen?
MM: Nun ja, es gibt den brasilianischen Spitzencoach und -referee Aristoteles Matos Albuquerque, den man immerhin in eine Reihe mit Joao Havelange stellen konnte. Aber sie haben Recht, dass ich an Sokrates dachte, als ich Aristoteles sagte, wozu ich allerdings noch einen assoziativen Zwischenschritt über Plato habe nehmen müssen, der ja in Frankreich große Erfolge feierte. Jedenfalls war das eine Lehrer-Schüler-Genealogie, da kann sowas doch mal passieren. Sokrates hatte nun aber, philosophisch gedacht, überhaupt keine Ahnung von nichts, geschweige denn vom Fußball. Von dem hätten also bestenfalls Stilblüten kommen können.
CB: Ich glaube, Herr Mertens, inzwischen würde der Frage eine Antwort gut tun. Welche Fußball-Weisheit wollen Sie sein?
MM: Dann will ich mal schnörkellos erwidern, dass ich dem Adi Preissler selig sein „Entscheidend ist aufm Platz“ wollen sein will.
CB: Bemerke ich da eine gewisse Ähnlichkeit mit Ihrem Wunsch, ein Eckstoß zu sein? Damals spielten Sie auf die „heroischen Aspekte“ dieses Spielelements und die „historische Gestalt“ des Eckstoßenden an. Und jetzt dieser Rasenzentrismus… basteln Sie da gerade an Ihrer eigenen Legende?
MM: Ich könnte jetzt mit dem filmhistorischen Zitat „When the legend becomes fact, print the legend“ antworten, aber das wäre nur für Westernfreunde verständlich. Das Schöne an der Preisslerschen Wahrheit ist doch ihr Prä-Heroismus, will sagen, damit jemand überhaupt Held sein kann, muss er erst mal dahin gegangen sein, wo er Held sein kann. Natürlich kann er da auch Versager sein. Deswegen gehen ja die meisten nicht da hin, wo sie Versager sein könnten. Es geht mir also wieder darum, Etwas zu sein und nicht Nichts.
CB: Herr Mertens, Sie überzeugen mich. Dieses „Etwas sein wollen“ liegt im Bestreben der meisten Individuen, selbst wenn sie nicht wissen sollten, was das Etwas ist. Spontan fällt mir dazu ein Satz von Mehmet Scholl ein, von dem ich nicht weiß, ob er hier beiläufig seine Weisheit durchklingen lässt oder die verbale Variante des „tödlichen Passes“ spielt: „Im nächsten Leben werde ich Spielerfrau.“
Freitag, 2. Juli 2004
Vermischtes
Stauffenbergscher Geist
Ottmar Hitzfelds Absage hat „Stauffenbergschen Geist“ (taz) – SZ-Interview mit Günter Netzer und Gerhard Delling u.v.m.
Ein Vorhaben von fast Stauffenbergschem Geist
Robin Alexander (taz/Politik 3.7.) findet Art und Zweck der Absage Hitzfelds vorbildlich für Deutschland: „Im Subsystem Fußball wird öffentlich vorgespielt, welches Verhalten gesellschaftlich akzeptabel ist. Nein sagen, das ist akzeptabel geworden. Und das ist neu. Wer sich der Nationalmannschaft verweigerte, galt bisher als gerissener, fauler Abzocker (Bernd Schuster) oder als prolliger, fauler Abzocker (Stefan Effenberg): in jedem Fall als asozial. Denn die Nationalmannschaft ist nicht irgendeine Fußballmannschaft und Bundestrainer ist nicht irgendein Job. Zwar sind die realen Wirkungsmöglichkeiten sehr begrenzt, aber der Posten ist sozusagen mythisch aufgeladen: Er ist Identifikationsobjekt im an nationalen Symbolen armen Deutschland. Das Amt des Bundestrainers gehört weniger zu einem rationalen Zweckverband als zu einer Schicksalsgemeinschaft. Diese Wahrnehmung ist vormodern – und ein bisschen blöd: Sie führte dazu, dass Bundestrainer als legendäre Charaktere (Herberger), messianische Lichtgestalten (Beckenbauer) und Volkshelden (Völler) gesehen werden. Oder als Versager (Derwall, Vogts, Ribbeck). Dazwischen gab es nichts. Viele solcher Posten gibt es in unserer säkularen Gesellschaft nicht (…) Der Rücktritt von einem oder der Verzicht auf einen Posten aus persönlichen Befindlichkeiten ist eine gute Sache – für den, der verzichtet. Das Amt hingegen leidet: Schon, weil die nachrückende zweite Wahl oft erschreckend wenig Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit hat. Das haben die 68er fein hinbekommen: Flaschen übernehmen die Führung. Einige Linke haben schon gemerkt, was sie angerichtet haben: Joschka Fischer schimpfte, als Tiefensee sich dem Aufbau Ost verweigerte: „Wenn Deutschland ruft, darf man nie Nein sagen!“ Seltsame Zeiten: Die Linken entdecken die Pflicht, ein Fußballtrainer das schöne Leben. Oder doch nicht? Schon geht das Gerücht, Hitzfelds Burn-out sei nur ein Vorwand. In Wahrheit wolle Hitzfeld nur den Druck auf DFB-Präsident Mayer-Vorfelder erhöhen, um den Unfähigen loszuwerden. Hitzfeld opfert demnach die Krönung seiner Karriere, sein erklärtes Lebensziel, um Fußball-Deutschland von einem gefährlichen Irren zu befreien, der auf den Abgrund zusteuert. Ein Vorhaben von fast Stauffenbergschem Geist. Hätte es noch eines Beweises bedurft, er wäre mit dieser heroischen Tat erbracht: Der Mann muss Bundestrainer werden.“
Suchen Sie sich eine Antwort aus, meine Damen und Herren
Auch Ralf Wiegand (SZ/Medien 3.7.) hat mit Otto Rehhagels Abneigung gegen Journalisten schon so seine Erfahrung gemacht: „Nun wird also Otto Rehhagel Bundestrainer. Alle Argumente, die bisher gegen Otto Rehhagel gesprochen hätten, sind ja nicht mehr existent. Der Mann, wir haben das in den letzten Wochen gelernt, ist inzwischen ein Gott, geht wie Zeus im Olymp ein und aus und ist schon von daher alleinig qualifiziert für die Leitung der deutschen Nationalmannschaft. Daneben ist die Behauptung, Rehhagel könne nur mit kleinen Mannschaften in der Provinz arbeiten, geradezu ein Einstellungskriterium. Deutschland ist in Europa nicht nur Provinz, sondern Diaspora. Hat jemand kleinere Mannschaften gesehen? Also wird sich auch für die deutschen Medien einiges ändern, wenn demnächst Rehhagel vom Olymp umsteigt in die Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, wo die anderen Götter sitzen, die vom DFB. Zwischen Rehhagel und der deutschen Presse herrschte immer ein ganz wunderbares Verhältnis, mit festen Regeln. Die Qualifikation eines Journalisten wurde durch Rehhagel („Sind Sie Journalist?“) vor Gesprächsaufnahme quasi notariell festgestellt, fortan die Fragen in Fachfragen und Nichtfachfragen unterteilt. Rehhagel reagierte auf Nichtfachfragen übrigens stets mit der Antwort: „Ich antworte nur auf Fachfragen“, was die Gespräche angenehm verkürzte. Nie waren Pressekonferenzen schneller vorbei als mit Rehhagel. Die Tabelle ist eine Momentaufnahme, alles Kokolores, Fußball ist kein Computerspiel, wichtig is’ aufm Platz – suchen Sie sich eine Antwort aus, meine Damen und Herren.“
SZ-Interview (Medien 3.7.) mit Gerhard Delling und Günter Netzer
SZ: Portugal war jetzt Ihr viertes gemeinsames internationales Fußball-Turnier. Demnächst bricht das so genannte verflixte siebte Jahr Ihrer Beziehung an. Ist mit dem Schlimmsten zu rechnen?
GN: Nein. Wir sind wirklich eng befreundet und haben keine Mühe miteinander. Wir stellen uns immer wieder in Frage, jeder betrachtet sich kritisch, fast zu selbstkritisch – und deswegen stehen wir immer wieder auf dem Prüfstand.
SZ: Und mit dieser selbstkritischen Haltung feilen Sie dann an ihren Fernseh-Sendungen?
GN: Wir nehmen uns nichts Besonderes vor, wenn Sie das meinen. Wir haben keine Pläne, irgendetwas zu tun. Das entwickelt sich so, wie sich sonst alles entwickelt, wenn wir tagsüber zusammen sind.
GD: Also, die Planungen – welche Beiträge, welcher Ablauf – macht die Redaktion. Mit unserer Rolle hat das aber nichts zu tun.
SZ: Man muss sich vorstellen, dass das, was live zuweilen als kammerspielhafter Dialog erscheint, improvisiert ist?
GN: Glauben Sie es mir: Wir haben null Vorbereitung. Ich bin faul. Er muss diese ganze Arbeit als Journalist erfüllen, und diesen Anspruch hat er sich nie abkaufen lassen von mir. Er ist nie beeindruckt gewesen von meiner Popularität. Ich als sein Partner kann mich auf ihn verlassen, und ich weiß bis heute nie, was er in den Sendungen vorhat. Ich frage ihn auch nicht danach. Und deswegen entwickelt sich das. Wir merken oft überhaupt nicht, dass die Kamera da ist. Wir sind so, wie wir uns normal unterhalten. Das ist wohl die wahre Stärke unseres ganzen Tuns: Dass man das und uns nicht programmieren kann.
SZ: Anfänglich schien manches zu dick aufgetragen: Huhu, hier kommt ein Witz. Inzwischen gibt es charmante Zwischentöne. Oder hat man sich bloß an Sie gewöhnt?
GN: Das ist ja hochinteressant, also Ihre Frage. Aber ich glaube, unsere ganze Beziehung hat sich entwickelt. Und wenn Sie glauben, unser Humor auch, dann freut uns das. Wir pflegen ihn aber nicht. Es gibt keine inszenierten Pointen, das wäre Klamauk.
GD: Vermutlich hat nur eine Weiterentwicklung der Süddeutschen Zeitung stattgefunden.
SZ: Haben Sie es auch schon gemerkt? (…) Und Europameister wird?
Netzerdelling: Portugal.
„Nur Männer schauen Fußball mit einer Unkenntnis, die sonst Frauen gerne unterstellt wird“, schreibt Arno Frank (taz 3.7.): “Einfältige Männer tun nur so, als interessierten sie sich für Fußball. Clevere Männer kokettieren damit, dass sie sich eben nicht für Fußball interessieren. Nur ich, ich habe tatsächlich keinen Schimmer vom Spiel, fiebere aber bei Dramen leidenschaftlich gerne mit. Dass die Portugiesen einen „schicken“ Angriffsfußball spielen, die Holländer „zu alt“ oder die Tschechen „technisch überlegen“ sind, das kann ich den ExpertInnen in meiner EM-Stammkneipe nachplappern – nachvollziehen kann ich solche Urteile nicht. Die Mitgucker halten mich für einen Opportunisten. Weil mein Herz immer für die Mannschaft schlägt, die gerade im Rückstand liegt. Wenn ich einen Tipp abgeben soll, überfällt mich Beklemmung. Griechenland gegen Tschechien? „Was weiß ich … 1:0 vielleicht?“, stotterte ich und erntete homerisches Gelächter. Auch sehe ich lieber schöne Torwart-Paraden als schöne Tore. Als ich kürzlich doch mal ein Tor mit hysterischem Triumpfgeheul bejubelte (es war Maniches traumhafter Treffer zum 3:1 gegen Holland), blieb der Rest der Kneipe verdächtig ruhig, weil: Es war die Wiederholung des 2:1.“
Allgemein
Total überreagiert
Christian Zaschke (SZ 2.7.) skizziert die Karriere von Markus Merk: „Der bisherige sportliche Höhepunkt der Laufbahn des Zahnarztes und Schiedsrichters Markus Merk, 42, war die Leitung des Champions-League-Endspiels 2003 in Manchester zwischen dem AC Mailand und Juventus Turin. Interessant ist, was er am Tag nach diesem Endspiel getan hat: Er stand schon wieder auf dem Platz, diesmal in Stuttgart, um das Abschiedsspiel des ehemaligen Bundesliga-Profis Krassimir Balakov zu leiten. Andere Menschen würden vielleicht einen Tag Pause machen, wenn sie einen Gipfel ihrer Laufbahn erreicht haben, doch Merk fand, dass er eine Verpflichtung habe, dieses Spiel zu leiten. Er hatte nämlich Balakov 1997 die Rote Karte gezeigt [of: Allerdings war die rote Karte überzogen. In diesem Spiel am 33 .Spieltag gewannen die Bayern 4:2 gegen zehn Stuttgarter und wurden mit knappem Vorsprung Meister.], es war die einzige Rote Karte in Balakovs Karriere. Merk sagte später, er habe damals „total überreagiert“, und das gibt es sehr selten, dass Schiedsrichter Fehler zugeben und auch noch wieder gutmachen. Nun steht Markus Merk vor einem weiteren Gipfel, am Sonntag ist er Schiedsrichter des Endspiels der Europameisterschaft. Er ist der zweite Deutsche, der in einem derart wichtigen Spiel pfeifen darf; Rudi Glöckner aus der DDR leitete das WM-Endspiel 1970 in Mexiko zwischen Brasilien und Italien. Fachlich bestehen keine Zweifel an der Nominierung Merks. Seitdem er in der Saison 1988/89 sein erstes Bundesligaspiel leitete (Bochum gegen Uerdingen, 1:1), damals als jüngster Bundesliga-Schiedsrichter, hat er Maßstäbe gesetzt. Zunächst wurde er wegen seiner hohen Stimme von manchen Profis verspottet, doch er erarbeitete sich Anerkennung. Er wurde dreimal „Schiedsrichter des Jahres“, er pfiff bei der EM 2000 und der WM 2002. Er hat zudem das Schiedsrichterwesen erneuert, weil er eine enorme Fitness mitbrachte, die heute bei den Referees als selbstverständlich gilt; obschon niemand an den Extremsportler und Marathonläufer Merk heranreicht.“
Und dann erzählten sie mir von grünen Hügeln, Meer und Wind…
Die FR und der Sportinformationsdienst (FR 2.7.) sind ganz beschwingt von Angelos Charisteas: „Abends setzt sich Charisteas im Mannschaftsquartier schon mal ans Klavier. „Er ist eine begabte Persönlichkeit mit vielen Talenten“, sagte Rehhagel der Welt. Das musische Talent ist dem Werder-Spieler, der in der Provinzstadt Serres an der bulgarischen Grenze geboren wurde, in die Wiege gelegt worden. Schon mit fünf Jahren begann er, auf der Bouzouki – einer griechischen Gitarre – zu spielen. Von den fußballerischen Talenten seines Sohns hielt sein Vater Jannis wenig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Angelos eine Musikerlaufbahn eingeschlagen. Stattdessen ist er Fußball-Profi geworden – ein guter sogar. Der Name Charisteas hat in Europa einen ganz anderen Klang als vor Turnierbeginn.“
Ball und Buchstabe
Steigerung des Nonplusultra
Wie beladen und gestützt zugleich
Christoph Biermann (SZ 2.7.) hätte gerne im portugiesischen Mannschaftsbus gesessen: „Wieder war der Hubschrauber dem Mannschaftsbus gefolgt und hatte alle Stationen auf der Reise ins Glück dokumentiert. Live übertrug das portugiesische Fernsehen, wie die Mannschaft ihr Trainingscamp in Alcochete verließ, auf der riesigen Vasco-da-Gama-Brücke den Tejo überquerte, um dann von der Polizeieskorte weiter ins Estadio José Alvalade zum Halbfinalspiel gegen Holland geleitet zu werden. Noch mehr Boote hatten unter der Brücke auf die Passage der Helden gewartet als vor den anderen Spielen, noch länger war der Schweif von Motorradfahrern, die dem Bus folgten, und noch mehr Menschen als bei den Spielen zuvor hatten entlang der Straße gestanden, waren aufgeregt herumgehüpft, hatten ihre Fähnchen geschwenkt und den Spielern zugejubelt. „Es war unglaublich“, erzählte später Miguel, der junge Verteidiger, dessen Leistung viel zum Sieg beigetragen hatte, weil er Arjen Robben aus dem Spiel nahm und den Gegner damit um eine seiner größten Stärken brachte. „Die Erwartungen bedeuten zwar einerseits Druck, aber zugleich haben wir uns frei gefühlt“, sagte Miguel, „als wir am Stadion ankamen, haben wir geglaubt, dass wir nur gewinnen können.“ Man kann nur erahnen, was es wirklich bedeutet haben mag, im portugiesischen Mannschaftsbus zu sitzen. Jeder Spieler musste merken, wie beladen und gestützt zugleich er durch die Erwartung eines ganzen Landes war. Eine Erwartung, die weit über das hinausgeht, was Fußballspieler normalerweise in ihrem Leben erfahren. Auch sonst mögen Profis die Hoffnungen des Publikums spüren, wenn große Derbys anstehen oder entscheidende Spiele um Titelgewinne. Sie mögen ahnen, welche Wünsche sich an ihre Leistungen knüpfen, wenn sie aufgeregte Berichte in den Zeitungen lesen, die Dauerberichterstattung im Fernsehen verfolgen oder hier und da auf ihre Fans treffen. Aber in diesem Bus bekam das eine zusätzliche Qualität, die nicht mehr abstrakt war. Auf jedem Meter der dreißig Kilometer langen Fahrt war das konkret zu erfahren, mit jedem Blick in ein neues Gesicht entlang der Straße. „Das ist einer der Gründe, die uns Stärke geben“, sagte Miguel, und er untertrieb dramatisch. Portugals Mannschaft erfährt gerade das beste Doping, das es im Fußball gibt. Sie spürt die Zuneigung des Publikums in einem Maße, wie das wohl nur wenige Fußballspieler je erlebt haben. Inzwischen hat Portugal sich in einen Rausch gesteigert, der dem in Südkorea ähnlich ist. Aber er geht deshalb weiter, weil Portugal lange schon ein Land des Fußballs ist und die Begeisterung nicht die Naivität hat wie vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Fernost. Die Portugiesen wissen auch, dass ihre Mannschaft keine überragende ist, aber sie ahnen, dass sie die Gunst der Stunde nutzen könnte.“
Steigerung des Nonplusultra
Der Finaleinzug der Portugiesen hat eine historische Dimension, und auch ihr Trainer ist entzückt, weiß Peter B. Birrer (NZZ 2.7.): „Luiz Felipe Scolari erreicht den nächsten Gipfel. Falls immer noch einige Trainer behaupten, dass auf dem Fussball-Planeten nichts mehr kommen könne, nachdem man als Coach der brasilianischen Seleção mehr als einen Monat überlebt habe, müssen die ihre Meinung revidieren. Auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Gewinn des WM-Titels mit Brasilien in Yokohama erfuhr Scolari gemäss eigenen Aussagen noch die Steigerung des Nonplusultra. Brasilien sei damals in Japan bereits zum fünften Mal Weltmeister geworden, blickte Scolari zurück, Portugal steht demgegenüber erstmals im EM-Endspiel. Deshalb sei die Finalqualifikation für sein Curriculum wichtiger als der WM-Titel, übertrieb Scolari in der Hitze des Momentes. Zum Abschluss seiner vergnüglichen Redestellte Scolari mit einem Ehering, den er sich vor laufenden Kameras an den Finger steckte, bildhaft dar, dass er die Heirat mit dem portugiesischen Verband bis 2006 verlängere. (…) Als die Selecção spät in der Nacht im Mannschaftsbus im Camp in Alcochete eintraf, war die Strasse noch immer mit gegen den Bus trommelnden Menschen gesäumt – und das portugiesische Fernsehen live auf Sendung. Der 30. Juni 2004 geht nicht nur für Scolari in die Geschichte ein. Am gleichen Tag, exakt vor 13 Jahren, wurden Luis Figo und Rui Costa in Lissabon Juniorenweltmeister.“
Hunde werden in portugiesische Nationaltrikots gezwängt
Sven Goldmann (Tsp 2.7.) feiert mit den Portugiesen: „Es ist eine laute Nacht in Rot-Grün, und wer je die Partytauglichkeit einer Autohupe angezweifelt hat, der muss sich den nächtlichen Korso durch Lissabon ansehen. Vom Estadio José Alvalade die Nord-Süd-Achse hinunter bis zum Rossio, dem zentralen Platz der portugiesischen Hauptstadt. Alle machen sie mit, die Polizeiautos, die Linienbusse, die Fahrzeuge der Stadtreinigung und die ungezählten Privatautos, aus denen sich junge Mädchen und alte Männer recken. Mitten auf der Avenida da Republica steht ein Kipplaster, beladen mit einer rot-grünen Menschenmasse, die er immer wieder nach oben hebt und fallen lässt. Hunde werden in portugiesische Nationaltrikots gezwängt, und patriotische Taxifahrer lassen auf ihren Leuchtschildern gleichzeitig die rote (Taxi besetzt) und die grüne Diode (Taxi frei) leuchten. Dazu dröhnen die Hupen, aber sie können nicht den Refrain der Nacht übertönen, von Tausenden immer wieder gesungen bis zur glückseligen Heiserkeit: „Portugal olé, Portugal olé, Portugal olé!“ In dieser Nacht räumen die Portugiesen auf mit dem Vorurteil, sie seien eine Nation von romantischen Melancholikern, dem traurigen Fado verfallen und unfähig zur Ausgelassenheit. Nie ist die Wesensverwandtschaft zur früheren Kolonie Brasilien so deutlich wie bei der improvisierten Festa da Lisboa, die keinen Vergleich zum Karneval in Rio scheuen muss.“
Deutsche Elf
One-Man-Show ist vorbei
„Die Überraschung in der Trainerfrage bietet die Chance bei einem renommierten Trainer im Ausland anzuklopfen“ (FAZ) / „Ottmar Hitzfeld wog bei seiner Entscheidung kühl die sportlichen Risiken mit den finanziellen Vorteilen ab“ (FAZ) / Befremden über Hitzfelds Rückzieher (SZ) / FAZ-Interview mit Michael Meier: „ist Hitzfeld umzustimmen?“ / „gibt es eine Affäre Hitzfeld?“ (NZZ) u.v.m.
Zur One-man-Show à la Mayer-Vorfelder taugt Teil zwei der Bemühungen nicht mehr
Wen spricht Gerhard Mayer-Vorfelder als nächstes an, Roland Zorn (FAZ 2.7.)? „Für die Absage von Ottmar Hitzfeld kann Gerhard Mayer-Vorfelder nichts. Dem Präsidenten des DFBs mag dieser Tage aus guten Gründen allerlei Unerfreuliches nachgesagt werden – das Nein des Wunschtrainers, Nachfolger von Rudi Völler zu werden, war davon unbeeinflußt. Unter Druck jedoch, in einer schwierigen Situation Führungsqualitäten zu beweisen, kommt der 71 Jahre alte Stuttgarter jetzt erst recht. Nun muß er nämlich zweierlei bewerkstelligen: aufs neue Anschluß an die über seine Selbstherrlichkeit zuletzt befremdeten Präsidiumskollegen gewinnen und dazu einen neuen Mann finden, der das Anforderungsprofil des DFB zu erfüllen verspricht. Konzentrierte sich bisher alles nur auf eine Person, müssen sich jetzt alle zunächst darauf besinnen, welche Vorstellungen ein künftiger Bundestrainer in die Tat umsetzen soll. Bei dieser Suchaktion ist professionelle Koordination und Diskretion aller Beteiligten gefragt; zur One-man-Show à la Mayer-Vorfelder taugt Teil zwei der Bemühungen, den Richtigen ausfindig zu machen, schon gar nicht mehr. (…) Die überraschende Entwicklung in der zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land ungeklärten Trainerfrage bietet die Chance, über die Beengtheit der deutschen Verhältnisse hinauszublicken und bei einem renommierten, Deutsch sprechenden Trainer im Ausland anzuklopfen. Morten Olsen und Guus Hiddink, die als Kandidaten ins Spiel gebracht worden sind, stehen für modernen Fußball und moderne Menschenführung.“
Michael Horeni (FAZ 2.7.) glaubt, dass Hitzfeld das sportliche Risiko zu groß war: “Bei der Frage um Ruhm und Ehre für das deutsche Fußball-Vaterland stand auch viel Geld und eigene Reputation auf dem Spiel. Hitzfeld hätte rund vier Millionen Euro pro Jahr erhalten, aber der 55 Jahre alte Fußball-Lehrer wog bei seiner Entscheidung auch ganz kühl die sportlichen Risiken mit den finanziellen Vorteilen ab – und da sprach einiges gegen eine Nationalmannschaft, die in den letzten zwei Jahren und bei der Europameisterschaft ihre Defizite immer wieder offenbarte. Hitzfeld faßte in den vergangenen Beratungstagen, wie zu hören ist, neben allen äußeren Belastungen, die der wichtigste Fußballjob des Landes gerade mit Blick auf die WM 2006 mit sich bringt, auch seine ganz persönlichen Erfolgschancen genau ins Auge. Und ob er mit einem Kader, dem der internationale Spitzenmaßstab buchstäblich einen Schritt voraus ist, tatsächlich die immer noch hohen Ziele in Deutschland würde erfüllen können, erschien ihm mehr als fraglich. Hitzfeld sollte in kürzester Zeit bis 2006 eine neue, deutlich verjüngte Nationalelf präsentieren, die wie die führenden Nationen endlich über Spielverhinderung und Spielverwaltung hinaus ihren erfolgreichen Weg findet. Aber junge Kräfte zu formen und zu fördern, das war nie die erste Kompetenz des Titelsammlers und Star-Dompteurs Hitzfeld. Dessen war sich der Meistertrainer aus München und Dortmund sehr wohl bewußt; ebenso wie der Tatsache, daß er in Deutschland zwar große Anerkennung genießt, ihm aber nicht die Herzen zufliegen. Ein Defizit, das Hitzfeld nicht unterschätzte in einem Amt, wo eben nicht nur das Geld, sondern auch die öffentliche Liebe zählt.“
Thomas Kistners (SZ 2.7.) Befremden über Hitzfelds Rückzieher: „Ob aber die Idee mit Ottmar Hitzfeld eine so gute war, lässt sich auch nicht mehr so klar beantworten. Uneingeschränktes Bedauern über dessen Absage wäre angebracht, hätte sich Hitzfeld bisher aus allen Völler-Nachfolgedebatten herausgehalten – vor allem aus denen, die schon vor der EM (unterm Eindruck der Niederlagen gegen Rumänien/Ungarn) angezettelt worden sind. Nun ist es aber so, dass sich Hitzfeld daran beteiligt hat, er hat selbst fabuliert über den ehrenwerte Bundestrainerjob, der „logische Folge“ seiner meisterhaften Trainertätigkeit in Dortmund und München sein könnte – und sich dafür sogar bei Völler entschuldigt: ein Missverständnis. Das bleibt ihm unbenommen, auch, dass er sich Stunden nach Völlers Rücktritt zum Thema Bundestrainer erklärt hatte – gegenüber den Medien, der DFB hatte da noch gar nicht nachgefragt. Nur schürt all dies das Befremden über Hitzfelds Rückzieher: Zu lang hatte er klar den Eindruck vermittelt, den Job zu wollen.“
Friedhard Teuffel (Tsp 2.7.) ist enttäuscht von Hitzfelds Entscheidung: „Bundestrainer, das sollte die logische Konsequenz aus seiner bisherigen Arbeit sein, aus seinen Erfolgen, aus seiner Persönlichkeit. So hatte sich Ottmar Hitzfeld noch vor einer Woche ausgedrückt, kurze Zeit nach dem Rücktritt Rudi Völlers als Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft. Hitzfeld wollte seine Karriere mit dem Posten des Bundestrainers krönen, so wie Johannes Rau seine politische Laufbahn mit dem Amt des Bundespräsidenten gekrönt hatte. Doch Hitzfeld hat es sich anders überlegt. Der Lehrer für Mathematik aus Lörrach in Baden hat die Logik einfach außer Acht gelassen. Er hat seinen Karriereplan geändert und schon am Dienstag Gerhard Mayer-Vorfelder, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, telefonisch abgesagt. Mayer-Vorfelder habe noch versucht, den 55 Jahre alten Hitzfeld umzustimmen, anschließend hätten das auch noch Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge versucht, die Führungstroika des FC Bayern München. Auch Mayer-Vorfelders Angebot, gleich vier Jahre für den DFB zu arbeiten, lehnte Hitzfeld ab.“
FAZ-Interview (2.7.) mit Michael Meier
FAZ: Ist Hitzfeld umzustimmen?
MM: Das Bundestraineramt war immer sein Traum. 2006 hätte er sich die Krone aufsetzen können.
FAZ: Andererseits hat Hitzfeld in den vergangenen Tagen zu spüren bekommen, daß selbst ein Bundestrainer in spe unter stärkeren Druck als jeder Vereinstrainer kommen kann.
MM: Das glaube ich nicht so recht. Wer mit den Großkopferten in München klargekommen ist, wird auch mit den Verhältnissen im DFB klarkommen.
FAZ: Hegte Hitzfeld vielleicht Befürchtungen, es in der Nationalmannschaft mit zu vielen durchschnittlichen Profis zu tun zu haben?
MM: Er bekommt doch fertige Spieler und kann sie wieder wegschicken, wenn sie ihm nicht passen.
FAZ: Scheute ein im Verein überaus erfolgreicher Trainer wie Hitzfeld am Ende sogar den Vergleich mit dem bei den Fans überaus populären Rudi Völler?
MM: Ich glaube schon, daß er die Liebe, die Völler entgegengebracht wurde, immer etwas vermißt hat. Der Ottmar, ein wunderbarer Mensch, ist stets „nur“ respektiert worden.
Die Affäre Hitzfeld?
Martin Hägele (NZZ 2.7.) denkt über die Kür des neuen Bundestrainers nach und zweifelt am gefühlten Burn-Out-Syndrom des Lörrachers: „Man muss ihm das wohl so abnehmen und auch sagen: Chapeau, Ottmar Hitzfeld, Respekt vor so viel Ehrlichkeit. Diese Absage wirft nicht nur eine, sondern mehrere Fragen auf: Warum hat Ottmar Hitzfeld, der als Kopfmensch gilt, so spontan und so direkt seine Bewerbung abgegeben, als Völler noch seine letzten Stunden im DFB-Dienstanzug unterwegs war? Warum herrschte nach dem Gespräch am Sonntag in Valencia so schnell Einigkeit mit Mayer-Vorfelder und schien die erbetene Bedenkzeit nur eine Formsache? (…) War es dann doch die überhitzte deutsche Medienlandschaft, die Hitzfelds Berater Peter Olsson schon am Mittwoch sagen liess: „Die Presse schafft es tatsächlich noch, dass er es nicht macht.“ Die Familie Hitzfeld musste in der Tat in den vergangenen Tagen erfahren, dass Bundestrainer die Steigerung von Bayern-Coach ist. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft potenziert sich der Anspruch der vermeintlichen Fussball-Öffentlichkeit noch: Beatrice und Ottmar Hitzfeld stellten auf einmal fest, dass sie mit den Schröders aus Hannover zusammen Deutschlands bekanntestes Ehepaar waren. (…) Möglicherweise hat sich Ottmar Hitzfeld ja in zwei, drei Monaten mental erholt. Michael Meier, der Dortmunder Manager und enge Vertraute Hitzfelds, schliesst eine solche Umkehr nicht aus. Auch er empfiehlt abzuwarten. Garantiert werden wir bis dahin noch sehr viel Blödsinn in dieser Richtung lesen. Den schlimmsten erzählt ausgerechnet Fussball-Kaiser und WM-Organisationschef in seiner „Bild“-Kolumne. Dort erwähnte er nicht nur Hiddink, Otto Rehhagel und Christoph Daum als Kandidaten, sondern – man traut es kaum zu lesen – tatsächlich auch Lothar Matthäus. Das hiesse nicht nur Alarm oder Scherbenhaufen, das wäre wirklich der GAU in Fussball-Deutschland.“
Die Packung Marlboro eng am Mann
Frank Hellmann (FR 2.7.) weiß zu berichten, daß Mayer-Vorfelder seine Steher-Qualitäten nichts mehr nützen: „ „MV“ ist Affären erprobt, und er hat, so wird kolportiert, seine eigene Taktik damit umzugehen: der herannahenden Lawine einen Schritt zur Seite ausweichen, sie vorbeidonnern lassen, dann wieder an die alte Stelle treten. (…) Nun aber, zwei Jahre vor der WM im eigenen Land, nähert sich sein Rückhalt dem Nullpunkt. Nicht nur in der Öffentlichkeit hat der Machtmensch „MV“ viel Kredit verspielt, sondern auch innerhalb des größten deutschen Sportverbandes. Die DFB-Präsidiumssitzung am Montag wird zur Nagelprobe für den Affären-Profi, den in diesen turbulenten Tagen jeglicher Instinkt verlassen zu haben scheint. Beim DFB duldeten sie lange die Alleingänge ihres Vorstehers, der den vom DFB bezahlten Schattenmann Jan Lengerke in einer grotesken Mischfunktion aus Leibwächter-Horchposten-Gehilfe in jeder Minute neben sich postiert. Der DFB propagiert die Kampagne „Keine Macht den Drogen“ – aber der Verbandsboss als bekennender Genussmensch sucht auffällig oft die Nähe zu einer guten Flasche Weißwein und führt die Packung Marlboro eng am Mann. Mitarbeiter in der Frankfurter DFB-Zentrale lächeln, wenn es der Präsident wieder einmal schafft, sich in der Postille DFB-Journal dutzendfach auf Fotos zu positionieren und mit jugendlichen Kickern zu posieren. Wie selbstverständlich bucht der DFB-Obere seine Frau Margit, seinen Adlatus Lengerke und jüngst im portugiesischen Almancil gar seine Kinder Marc, Michael und Miriam mit ins Mannschaftsquartier ein. Seine mitunter peinlichen öffentlichen Auftritte sind da noch das geringste Übel. (….) Wie die FR erfuhr, hat sich schon 2002 bei der WM in Japan und Korea eines späten Abends eine hochrangige Runde aus dem innersten DFB-Zirkel an einem Tisch versammelt, um ein Thema zu diskutieren: Wie entledigen wir uns dieses in seiner Außendarstellung nicht mehr tragbaren Präsidenten? Schon damals sollte Theo Zwanziger ins oberste DFB-Amt gehievt werden. Was in Asien unter dem Eindruck der bis ins Finale vorstoßenden Mannschaft verworfen wurde, soll nun ob des Schocks der im Alleingang geführten Suche eines Völler-Nachfolgers nachgeholt werden.“
Es geht nicht um einen Elefanten, sondern um die ganze Herde
Jan Christian Müller (FR 2.7.) spricht sogar schon mit dem „designierten Präsidenten des DFB“ Theo Zwanziger: “Konkret, Herr Zwanziger: Ist die Verstimmung besonders groß, weil plötzlich ein Herr Lengerke, der Bürovorsteher des Präsidenten, einen Teil der Öffentlichkeitsarbeit für den Präsidenten erledigt? Da haben Sie völlig Recht, das hat für erhebliche Irritationen gesorgt. Ich habe das dem Herrn Lengerke auch persönlich am Telefon gesagt. Deshalb kann ich Ihnen das hier auch bestätigen. Wir haben eine sehr leistungsfähige Kommunikationsabteilung im DFB. Wir haben einen hervorragenden Generalsekretär, einen allseits angesehenen Fachmann. Da herrschen gewachsene Strukturen, die ich als Dienst am Präsidenten verstehe und die durch diesen jungen Mann an den Rand gedrängt werden. Es geht hier um die wichtigste Frage des deutschen Fußballs. Ich hoffe, dass Herr Lengerke das auch verstanden hat. (…) Sie gelten als designierter Nachfolger, einige Landesverbände haben Sie schon öffentlich ins Gespräch gebracht. Stehen Sie bereit? Das ehrt mich. Ich bin durchaus mit Lob belastbar. Aber ich muss auch klar sagen: Ich habe mit Gerhard Mayer-Vorfelder drei Jahre lang glänzend zusammengearbeitet. Ich war in der Vergangenheit sehr zufrieden mit der Kommunikation. Dahin müssen wir wieder kommen. (…) Der Präsident erweckt in diesen Tagen den Eindruck, als ob die heftige Kritik völlig an ihm abpralle. Es hat den Anschein, als habe er eine doppelte Elefantenhaut… … da stimme ich Ihnen zu. Aber er darf nicht unterschätzen, dass es jetzt nicht um einen Elefanten geht, sondern um die ganze Herde. Ich mag diesen Präsidenten, aber er muss sich auch in diesen Verband eingliedern. Er ist der erste Präsident des DFB, dem ein eigenes Büro in Stuttgart eingerichtet wurde. Wir wollten, dass das dem Verband hilft. Es geht um den Verband, nicht um den Präsidenten.“
Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen fliegen Fliegen Fliegen nach
Das Rädchen Jan Christian Müller (FR 2.7.) dreht sich in der Medienmaschine und kritisiert das Rotieren der Medienmaschine: „Ottmar Hitzfeld hat abgesagt. Prompt rennen die Hühner aufgeregt gackernd durch den Stall. Die gesamte geschwätzige Branche ist aufgeschreckt, Weltuntergangsszenarien werden beschrieben und in Fernsehdiskussionen wird ungeniert Halb- und Viertelwissen verbreitet. Man mag es wohlwollend als Folge von Zeitdruck und Stress interpretieren, dass derzeit Ideen entwickelt werden, die offenbar darüber hinaus Anflügen geistiger Umnachtung geschuldet sind. Zum Beispiel der absurde Vorschlag, ein Bundesliga-Coach wie Felix Magath, Jupp Heynckes oder Thomas Schaaf könnte doch so ganz nebenbei noch die Nationalelf übernehmen. Liga, Pokal, Champions League, zwei nette Lustreisen mit dem DFB im Dezember 04 nach Asien und 05 nach Südamerika, dazwischen mal schnell noch den Konföderationen-Cup und Liga-Pokal bewältigt, die paar Interviewanfragen erledigt und en passant eine schlagkräftige Truppe aus 19-Jährigen fürs klitzekleine Sommerturnier im Juni 2006 vor der Haustür aufgebaut. Noch nicht einmal Reisestrapazen, allenfalls vom Hotel in Bergisch-Gladbach zum Trainingszentrum in Leverkusen. Linienbus. Lächerlich. Eine gigantische Medienmaschinerie ist jetzt angesprungen, ein Motor, der bis zur WM 2006 auf Hochtouren brummen wird. Beim Deutschen Fußball-Bund sind sie drauf und dran, dabei hilflos überfahren zu werden.“
Engelberger Elegie
Das Autorenkollektiv dur/jcm/hel/dpa/sid (FR 2.7.) schraubt sich anlässlich von Hitzfelds Absage hinaus in dichterische Höhe: „Am Donnerstagmorgen hat Ottmar Hitzfeld in seinem Schweizer Urlaubsdomizil Engelberg Golfunterricht genommen. Entspannt, leger, gelöst. Der Himmel lachte in Hellblau, und der Gentleman werkelte akribisch am Schwung. Als wäre nichts geschehen. Als hätte er, der Titelsammler, der Trainer von Welt, nicht kurz zuvor zum Telefonhörer gegriffen und den ranghöchsten Hüter deutschen Fußball-Guts, Gerhard Mayer-Vorfelder, im fernen Lissabon angerufen und in dürren Worten von einer Entscheidung unterrichtet, die um die Mittagszeit über die Medienwelt mit der brachialen Gewalt eines Donnerschlags hereinbrach. Der Sportinformationsdienst sah sich veranlasst, um 12.59 Uhr eine Eilmeldung mit allerhöchster Priorität über den Ticker zu jagen. Die Sensation zu verkünden, genügten vier Worte: „Hitzfeld wird nicht Bundestrainer.“ Auf dem Golfplatz in Engelberg hatte es da bereits zu regnen begonnen. (…) DFB-Boss Mayer-Vorfelder traf die Nachricht in Portugal mit voller Wucht. Als er am frühen Nachmittag im Nobelhotel Le Meridien gemessenen Schrittes die mächtige Treppe hinunterstieg und sich vor der geballten Journalisten-Schar aufbaute, setzte der 71-Jährige aber sein Pokerface auf: „Jetzt muss das Präsidium sagen, was der richtige Weg ist. Ich habe keinen Plan B in der Tasche“, bekannte jener Mann, der die Suche nach dem Bundestrainer jüngst zur „alleinigen Chefsache“ erklärt hatte.“
mm: So, Herr Crichton/Clancy/Brown – fertig schreiben bitte!
Reaktionen zum Rückzug Ottmar Hitzfelds in den Stuttgarter Nachrichten ]
Allgemein
Zwei völlig unterschiedliche Auffassungen des Fussballspiels
Griechenland-Tschechien 1:0 n. V.
Zwei völlig unterschiedliche Auffassungen des Fussballspiels
Felix Reidhaar (NZZ 2.7.) abstrahiert das zweite Halbfinale und sieht Tschechiens Avantgarde gefangen im Dispositiv der Griechen: „Die Mehrheit neigte zur schweren Skepsis angesichts der hellenisch-deutschen Spiel- und Sicherheits-Interpretation und der erheblichen Gefahr, dass auch die offensiv-risikobereiten Tschechen davon hypnotisiert werden könnten. (…) Die aufreizende Geduld, mit der die Griechen verteidigten und den Ball zwischendurch monopolisierten, machte auch den Tschechen schwer zu schaffen. Das Vorgehen entsprach zwar nicht dem Gusto des Publikums, schon gar nicht jenem tschechischer Herkunft, das nur mehr ein paar Hundertschaften zählte, der Mehrheit war offensichtlich das Geld ausgegangen, doch war dies auch nicht bezweckt. Es diente der einzigen Essenz des Spiels: dem Resultat. (…) Kam hinzu, dass Signor Collina, angeblich die unantastbare Instanz seines Gewerbes, die italienische Herkunft nicht ganz verleugnen konnte. Er entschied verblüffend häufig oder meist gegen die tschechischen Angreifer (Stürmerfouls), was der Moral weder Kollers noch von Baros förderlich war, zumal ihnen die scharfe Manndeckung ohnehin die Spielfreude vergällte. (…) Allerdings gingen unter diesem Verlauf auch Tschechiens Avantgarde die Einfälle verloren. So wurden aus dem vergleichsweise weniger homogenen Mittelfeld stereotyp weite und hohe Bälle zum „Bestimmungsort“ Koller geschlagen, doch in Panik gerieten die kopfballstarken, sauber und präzis intervenierenden hellenischen Hünen in der Defensive darob nicht. (…) Im zweiten Halbfinal waren tatsächlich zwei völlig unterschiedliche Auffassungen des Fussballspiels aufeinander geprallt. Hier die aufgrund ihrer stilistischen Besonderheiten atypische Equipe dieses Turniers aus Griechenland, dort das tschechische Team, das mit starken Individualisten fast schon geschaffen ist für Angriffsfussball und deshalb hier die Schönheit repräsentiert. Ähnlichen Sex-Appeal konnte man den Hellenen dagegen nicht bescheiden, dafür traten sie zu nüchtern-deutsch, zu berechnend und deshalb unspektakulär auf.“
Portugal-Holland 2:1
Halb leer? Halb voll? Nein, das Fass ist übergelaufen!
Thomas Klemm (FAZ 2.7.) notiert die Reaktionen der Holländer auf das EM-Aus: „Nach dem schlechten Ende eines überraschend guten EM-Verlaufs wussten die meisten Niederländer nicht so recht, was sie von ihrer Portugal-Reise nun halten sollten. Für die einen war das Glas halb leer, schließlich hatten sie nach ihrem Titelgewinn 1988 den zweiten Einzug ins EM-Finale verpasst, was Starstürmer Ruud van Nistelrooy als „bittere Pille“ bezeichnete; für die anderen war das Glas halb voll, nachdem eine Gruppe von Individualisten zunehmend zu einer Mannschaft zusammengewachsen war. „Wir brauchen keine Ausreden suchen, Portugal war heute besser“, sagte Makaay. Nicht nur für die Fans indes war das Fass längst übergelaufen. Altmeister Johan Cruyff sprach von „einer verlorenen Generation“ und meinte damit die Spieler. Die meisten Niederländer sahen einen einfachen Grund, weshalb die Mannschaft scheiterte, und der hieß Advocaat, alles andere als Volkes Liebling.“
Obi Wan Kenobi gab sein Wissen an den jungen Luke Skywalker weiter
Zeitspiel!!! Christian Zaschke (SZ 2.7.): „Seit es den Fußball gibt, gibt es das Zeitspiel. Einst hatten es die Italiener zu früher Perfektion gebracht, als sie in Europokalspielen ein 1:0 verteidigten, indem sie den Ball 20 und wenn nötig 30 Mal zum Tormann zurückspielten. Damals durfte der Torwart den Rückpass aufnehmen, und die vielleicht einzige geglückte Regeländerung der vergangenen Jahre untersagt das Aufnehmen der Rückpässe. Dennoch entwickelte sich ein Torwart zum Nestor des modernen Zeitspiels. Wann immer die jeweilige Mannschaft von Vítor Baía knapp vor Schluss in Führung lag – knapp vor Schluss ist in Baías Welt ein dehnbarer Begriff, er kann auch bedeuten: 70 Minuten vor Schluss – wann immer also es galt, eine Führung zu verteidigen, verschwendete der portugiesische Torwart Zeit, als sei dies das eigentliche Ziel des Spiels. Als er mit dem FC Porto gegen Celtic Glasgow im Uefa-Pokal-Finale 2003 3:2 in Führung lag, übertraf er sich selbst (was niemand für möglich gehalten hatte). Wenn ihn ein Gegner leicht berührte, blieb Baía mehrere Minuten im Strafraum liegen. Bald darauf war er wieder topfit, kurz darauf lag er wieder. Die Schotten waren fassungslos, so etwas hatten sie noch nie erlebt. Sie verloren 3:2. Ein Aufschrei der Empörung ging durch Portugal, als Nationaltrainer Scolari nicht Baía für die EM nominierte, sondern den Torwart Ricardo. Seit Mittwoch ist jedoch klar, dass Ricardo wie alle portugiesischen Spieler ein Schüler des großen Baía ist. Man muss sich das vorstellen wie im Filmepos „Krieg der Sterne“, in welchem der weise Obi Wan Kenobi sein Wissen an den jungen Luke Skywalker weitergibt. In der Folge ist der Geist Kenobis ein treuer Begleiter des jungen Helden, so wie nun der Geist Baías das portugiesische Team begleitet.“
Barbara Klimke (BLZ 2.7.) wird warm ums Herz: „Gegen halb elf Uhr nachts streifte Trainer Luis Felipe Scolari seinen Ehering vom Finger und verheiratete sich neu. Die Fußball-Chefreporter der drei portugiesischen Sporttageszeitungen O Jogo, A Bola und Record rief er feierlich zu Treuzeugen auf. Dann wandte er sich an den nicht anwesenden Verbandschef Gilberto Madail und leistete sein Gelübde: „Der Präsident der portugiesischen Fußballassoziation hat mit mir ständig über unsere Heirat gesprochen. Hier ist der Ring. Ich sage Ja zu weiteren zwei Jahren.“ Es fehlten nur noch das Geläut der Kirchenglocken, aber draußen vor dem Stadion hatte schon das Hupkonzert begonnen.“
Blut, Schweiß und Tränen
Da soll noch mal einer sagen, Männer könnten nicht zu ihren Gefühlen stehen: Thilo Wagner (FR 2.7.) erzählt vom großen portugiesischen Männerbündnis: „Luís Figo stand minutenlang im Mittelkreis. Sein Kopf ruhte auf den Schultern seines langjährigen Weggefährten Rui Costa, der ihm immer wieder zärtlich über den Hinterkopf strich. Figo war emotional k. o. (…) Figo hatte nicht nur seine mit Abstand spielerisch beste Turnierleistung erbracht, sondern bis zur letzten Minute gekämpft, geschwitzt und Zeit geschunden, damit die Holländer nicht noch in letzter Minute den Ausgleich erzielen würden. „Ich war nach dem Schlusspfiff unheimlich müde,“ sagte Figo. „Dies ist eine fantastische Nacht für ganz Portugal. Ich habe seit 1991 auf dieses Ziel hingearbeitet. Es ist ein sehr intensives Gefühl, das ich nicht beschreiben kann. Ich würde alle meine Titel für dieses Gefühl hergeben.“ Der portugiesische Spielmacher ist nicht der einzige, der mit dem 30. Juni ein ganz besonderes Erlebnis verbindet. Portugals Nationalcoach Luiz Felipe Scolari hatte genau zwei Jahre zuvor bei der WM in Japan und Südkorea Brasilien zum fünften Weltmeistertitel geführt. Und obwohl Scolari diesen Erfolg nicht schmälern wollte, wusste er um die Bedeutung des jetzigen Finaleinzugs des EM-Gastgebers: „Das Erfolgsgefühl ist jetzt sogar noch intensiver als in Tokio. Denn ich weiß: Portugal ist bisher noch nie so weit gekommen.“ (…) „Als mir Deco den Ball zuspielte, gingen mir zwei Gedanken durch den Kopf: Entweder schießen oder flanken. Zum Glück habe ich dann einfach direkt draufgehalten,“ sagte Maniche, der auf dem Platz durch seine aggressive, aber faire Spielweise auffällt, privat jedoch ein zurückhaltender und schüchterner Mensch ist. Auf die Frage, ob er sein Tor für den schönsten EM-Treffer hielt, antwortete der 26-jährige: „Das Tor war schön. Schöner aber war unser Sieg.“ Und weil es in der Selecção schon zum guten Ton gehört, die Siege der Nationalelf dem Volk zu widmen, verwies Maniche auf die Tausende von Motorradfahrern, die den Mannschaftsbus der Portugiesen vom Trainingslager in Alcochete bis ins 50 Kilometer entfernte Stadium José Alvalade mit wehenden Fahnen begleitet hatten. (…) Noch in der Nacht zum Donnerstag verkündete Scolari, dass er Portugal für weitere zwei Jahre trainieren werde. „Ich nehme den Heiratsantrag an, den mir der portugiesische Verbandspräsident gemacht hat,“ sagte Scolari.“
Im Westen nichts Neues
In Jan Christian Müllers Ausführungen (FR 2.7.) zu Holland lassen sich interessante Parallelen zu deutschen Problemen und Diskussionen erkennen: „Advocaat sah elend aus, als er ging. Nach 55 Länderspielen und zwei Amtszeiten hat der 56-Jährige keine Kraft mehr, keinen Mut mehr und keine Lust mehr: „Es gibt ein Leben nach dem Fußball. Ich weiß, was ich tun werde.“ In der nächsten Woche, verkündete sodann der niederländische Presseoffizier mit Leichenbittermiene, werde es ein Presse-Communiqué geben. Der Inhalt ist kein Geheimnis mehr: Dick Advocaat, gebrochen von der anmaßenden, tief verletzenden Medienkritik, die in Morddrohungen gegen ihn und seine Familie mündete, wird seinen Rücktritt bekannt geben. Und kaum jemand wird darüber traurig sein. Nicht der Gedemütigte selbst, nicht seine Frau, und erst recht nicht die meisten Menschen in Holland. (…) Mit Advocaat gehen freiwillig: Jaap Stam, 32, 72 Länderspiele; Frank de Boer, 34, 112 Länderspiele; Paul Bosvelt, 34, 24 Länderspiele; Marc Overmars, 31, 86 Länderspiele; möglicherweise gegen ihren Willen gehen auch: Pierre van Hooijdonk, 34, 42 Länderspiele; Phillip Cocu, 33, 84 Länderspiele; Edwin van der Sar, 33, 89 Länderspiele. Michael Reiziger, 31, 72 Länderspiele, denkt noch nach. Allesamt sind das alternde Männer, die den niederländischen Fußball über ein ganzes Jahrzehnt geprägt haben. Sie sind mitverantwortlich dafür, dass eine individuell herausragend besetzte Mannschaft wiederum gescheitert ist. Trostloser denn je. (…) Niemand konnte erklären, weshalb die eigentlichen Stärken des niederländischen Fußballs, Präzision und Fantasie, im Sommer 2004 einem deutsch-typischen Bolzspiel gewichen sind.“
Figo ist wieder da, Sven Goldmann (Tsp 2.7.): „Luis Figo ist ein Ästhet, und deswegen schaut er ein wenig angewidert auf das blecherne Ungetüm in seinen Händen. Der Pokal für den „Man of the match“ eignet sich als Vase für einen hübschen Strauß Brennnesseln, und Figo lässt sie demonstrativ stehen, als er zurück in die Kabine schleicht. Er ist verschwitzt und müde und wirkt älter, als er mit seinen 31 Jahren ist. Es liegt ein hartes Stück Arbeit hinter Luis Figo, er hat an diesem Abend seine Mannschaft ins EM-Finale geführt und sich dabei auch noch versöhnt mit den portugiesischen Fußballfans, ja mit dem ganzen Land. Vergessen ist der Streit um seine Auswechslung im Viertelfinale und das trotzige Verweilen in der Kabine. (…) Ein fantastischer Morgen folgt. Acht überregionale Tageszeitungen gibt es in Portugal, vier von ihnen machen am Donnerstag ihre Titelseite mit einem Bild von Figo auf, nicht nur Revolverblätter wie „24 Horas“, sondern auch seriöse Blätter wie „Diario de Noticias“. Die Portugiesen sind sich einig: Luis Figo ist wieder einer von ihnen.“
Bumba-la-boi
Matti Lieske (taz 2.7.): „Einfach machen es die portugiesischen Fußballer ihren Fans nie. Ein zweites Tor schießen, dann gleich hinterher ein drittes, den Gegner ein bisschen kommen lassen, dann eiskalt Nummer vier nachlegen – so etwas kommt für das Team von Felipe Scolari nicht in Frage. Hundertmal kann man die Spieler der Gastgeber dieser EM allein auf den gegnerischen Keeper zulaufen lassen, niemals werden sie den Ball ins Tor bekommen. Und sollte der Torwart von seinem Trainer wie beim Eishockey auf die Bank beordert werden, um einem weiteren Stürmer Platz zu machen, dann würden sie an seinem leeren Gehäuse den Pfosten treffen oder sich gegenseitig anschießen. Dafür fällt ihnen auf der anderen Seite immer noch etwas ein, um die Sache richtig dramatisch werden zu lassen. Der blödsinnige Eckball im Viertelfinale zum Beispiel, durch den die Engländer kurz vor Ende der Verlängerung zum 2:2 ausgleichen konnten, oder gegen die Niederlande das Eigentor von Andrade kurz nach dem 2:0. (…) „Purrtugal oléeeee“, schallte die glückstrunkene Sinfonie des Triumphs übers Land, als hätte das Team die EM bereits gewonnen. So ähnlich sehen es die Portugiesen auch. Das Finale ist sozusagen die Zugabe, die „Kirsche auf dem Kuchen“, wie es Felipe Scolari nennt. Ihre eigentliche Mission hat die Mannschaft jedoch schon gegen Holland erfüllt. „Wir segeln in Gewässern, die bisher niemand befahren hat“, nannte der selten um große Worte verlegene brasilianische Coach die Tatsache, dass Portugals Fußballer erstmals das Finale eines großen Turniers erreicht haben. 1966 bei der WM im Halbfinale trotz eines unwiderstehlichen Eusebio an den englischen Gastgebern gescheitert – und am Schiedsrichter, wie auch objektive Beobachter einräumten; 1984 in einem der schönsten Matchs der EM-Geschichte im Halbfinale an Platinis Franzosen; vor vier Jahren im Halbfinale gegen Frankreich an der Pfeife des Schiedsrichters Nielsen, der ein vermeintliches Handspiel mit Elfmeter ahndete. Zweimal also gegen den Gastgeber, dreimal gegen den späteren Titelträger verloren. Nun sind sie selbst das Heimteam und langsam überzeugt, dass dies ihr Turnier ist. (…) Sehr höfliche Worte hatte er für die Holländer, die bis zum zweiten Tor der Portugiesen in der 58. Minute klar unterlegen waren und erst durch den Konzentrationsverlust, die einsetzende Panik, den Kräfteschwund und die verheerende Abschlussschwäche des Gegners die Oberhand bekamen. „Zwei völlig gleichwertige Mannschaften“ wollte hingegen Scolari gesehen haben, und den Spielverlauf charakterisierte er mit dem brasilianischen Terminus „bumba-la-boi“. Was laut Scolari bedeutet: „Eine Richtung, andere Richtung, eine Richtung, andere Richtung.“ Hollands Coach Dick Advocaat hatte von Bumba-la-boi allerdings wenig bemerkt. „Das klar bessere Team ist verdient ins Finale eingezogen“, sagte der niederländische Coach und legte den Finger zielsicher in die Wunde: „Wenn die Stürmer keine Bälle bekommen, sind nicht immer sie selbst schuld.“ Die Pässe, die Bewegungen, das Spiel in die Spitze habe nie funktioniert. Eine Menge Leute in Holland hätten ihm vorher sagen können, dass genau dieser Effekt eintreten würde, wenn er ein Mittelfeld mit Davids, Seedorf und Cocu, jedoch ohne Sneijders und van der Vaart aufstellt. Jetzt werden es alle sagen, und Advocaats Tage als Hollands Coach dürften gezählt sein. Felipe Scolari aber hat in Portugal verlängert und freut sich nach erfolgreich abgeschlossener EM auf die WM 2006. Und auf das kleine Nachspiel am Sonntag natürlich.“
Internationaler Fußball
Vergreister Figo machte den Unterschied
„tanzend zähmt Portugal den zahnlosen niederländischen Löwen“ (De Volkskrant) / „ein Abschied nach einem Halbfinale ist nicht so schlecht“ (Algemeen Dagblad) / „Portugal hat etwas Historisches erreicht“ (Times) / „Scolari würde es vorziehen, wenn keiner von beiden im Finale da wäre und Portugal kampflos gewinnen könnte“ (The Guardian) u.v.m.
Vergreister Figo machte den Unterschied
Maarten Wijffels (Algemeen Dagblad 1.7.) zeigt Respekt für Portugals Leistung: „Mit einer beeindruckenden Leistung führte Luis Figo Portugal in das erste große Finale in seiner Geschichte. Der alte Meister, der zuvor schon beinahe tot und begraben durch die eigenen Fans war, wird nach den 2:1 gegen Holland wieder auf Händen getragen. Die Angst vor diesem Figo war bei Oranje gleichzeitig die Angst vor dem gesamten portugiesischen Team. Der Unterschied zwischen beiden Teams wurde vor allem im Mittelfeld sichtbar. Gerade in der blutgefrierenden Schlussphase zeigte der Künstler Figo seine andere Seite. In der letzten Minute setzten seine alten Beine zur Grätsche an der eigenen Torlinie an. Mit einem verbissenen Lächeln klärte er den Ball ins aus.“
Ein Abschied nach einem Halbfinale ist nicht so schlecht
Chris van Nijnatten (Algemeen Dagblad 1.7.) verabschiedet sich von Dick Advocaat: „Das Spiel gegen Portugal konfrontierte Holland in Lissabon, auf bittere Art und Weise, mit der Realität. Aber das Ergebnis der EM hat für die ausgeschiedene Nationalelf auch einen gewissen Wert: Die Fortschritte, die während des Turniers gemacht wurden, lassen das Team etwas positiver wirken, als das noch zu Beginn des Turniers aussah. Das Team wirkte entschlossen, das Halbfinale wurde erreicht, junge Spieler wie Robben zeigten ihre Leistungsfähigkeit, und die Harmonie und Anspannung in der Mannschaft kamen zurück – vergleicht man das mit dem, was vorher war. Der Zufall gab Advocaats Männern Energie. Aber es reichte nicht, um im Turnier zu bleiben. Die Erkenntnis von gestern Abend ist, dass die holländische Elf das Beste gegeben hat. Das Team stand erst spät, und die Form steigerte sich nur allmählich. Mit dieser Perspektive wird beim KNVB jetzt über die Zukunft des Nationaltrainers geredet. Über dieses Thema herrscht nach außen allerdings „Funkstille“. Nun kann in aller Ruhe hinter den Kulissen evaluiert werden, wie es weitergehen soll. Die Chance ist groß, dass Dick Advocaat nach diesem Sommer zurücktritt. Nach Verlautbarungen hätte er die Entscheidung schon getroffen. Sollte er es tun, kann er auf eine EM zurückschauen, bei der er seine Auswahl nach bestem Vermögen aufgestellt hat. Ein Abschied nach einem Halbfinale ist nicht so schlecht.“
Tanzend zähmt Portugal den zahnlosen niederländischen Löwen
Willem Vissers (De Volkskrant 1.7.) Kriegsberichterstattung: „Nach einem faszinierenden Gefecht, in dem von Emotionen überkochenden Tempel von José Alvalade, musste die holländische Elf vor Portugal den Kopf verbeugen – so wie vor fünf Wochen der FC Porto den AS Monaco ausspielte, so konnte Portugal, mit etwas mehr Mühe, Holland bezwingen. Derweil die Portugiesen feierten, schnellte Trainer Advocaat, vielleicht zum letzten Mal im KNVB-Dienst, in die Katakomben und gab jeden Spieler von Oranje die Hand. Euro 2004 war eine bizarre Angelegenheit, die im Halbfinale zu Ende ging. Die Oranje-Maschine kam wieder zum Laufen, machte allerdings zu wenig Tore.“
Kampflos gewinnen
Jon Brodkin (The Guardian 1.7.) berichtet aus Lissabon über einen glücklichen Brasilianer: ”Luiz Felipe Scolari beschrieb das Erreichen des Finales mit Portugal gestern als „wichtiger“ als den Weltmeisterschaftstitel vor zwei Jahren mit Brasilien. Scolari sagte, sein Team habe in den Schlussminuten aufgrund der ausgelassenen Chancen ganz schön leiden müssen und lehnte es ab, ein Statement über seinen Wunschgegner für das Finale abzugeben. „Ich würde es vorziehen, wenn keiner von beiden da wäre und wir kampflos gewinnen könnten.““
Hilfe! Wölfe!
Henry Winter (Telegraph 1.7.) hört es jaulen: „Die Gastgeber genießen die EM-Party mehr als irgendjemand sonst, und letzte Nacht waren die Straßen Lissabons mit feiernden portugiesischen Fans nach dem heroischen Sieg überströmt. (…) Leider waren die Schlussminuten von schauspierlischen Einlagen von Luiz Felipe Scolaris Spielern überschattet, besonders von Deco und Ricardo, die beide Verletzungen vortäuschten. Aber es ist ihre Party, und sie können, wenn sie möchten, „Hilfe! Wölfe!“ schreien. (…) Die portugiesischen Horden mit ihren Schals und Trommeln, erhoben die Lautstärke noch höher, die Leistung Ronaldos, des Außenstürmers von Manchesters United, lobend, der unterhalb von ihnen Freudentänze aufführte. Der schwedische Schiedsrichter Anders Frisk wollte unweigerlich das Zentrum der Aufmerksamkeit sein und verwarnte prompt eins der wahren Idole der EM 2004, weil er sein Trikot auszog. Jämmerlich! Frisk hielt sich nur an eine UEFA-Direktive; andere, bei weitem schlimmere, Vergehen wurden nicht geahndet.“
Rückenwind aus der früheren brasilianischen Kolonie
Georg Bucher (NZZ 2.7.) macht einen freistoss „a la portugese“ – die nationale Presse widmet sich vor allem dem Verhältnis von Luis Figo zu farbigen Zitrusfrüchten: „Um die mechanische Mandarine, eine Miniatur-Ausführung der mechanischen Orange von 1988, zu kontrollieren, hätte sich Scolari einer taktischen Variante bedient. Portugal eröffnete das Spiel bestimmt und selbstbewusst, doch ohne die Geduld zu verlieren, und verzichtete auf „offensive Lawinen“ wie vorher in den Partien gegen Russland, Spanien und England. Temperierte, genaue Ballpassagen in Erwartung einer Gelegenheit, erfolgversprechend anzugreifen, hätten die Vorgabe realisiert. Und dann sei der grosse Zampano Figo in Erscheinung getreten. Seine Miene, die Anspannung und Glücksgefühl gleichermassen ausdrückt, zeigt das Titelblatt des „Diário de Noticias“. Neben der Schlagzeile „Wir sind im Final“ steht klein gedruckt: „Figo war die entscheidende Figur einer Holland stets überlegenen Mannschaft, die verdient das Endspiel erreichte.“ (…) Wie Phönix aus der Asche unberechtigter Kritiken gestiegen, habe Figo ein Rezital gegeben und das Buch erst mit dem Abpfiff geschlossen. Ausgenommen Jorge Andrades Eigentor und Pauletas Schwächen im Abschluss hätte die Mannschaft genügend Zucker in Reserve gehalten, um den Säuregrad der keinesfalls süssen Orange tief zu halten. (…) Weil Portugal dreimal in den Halbfinals internationaler Turniere gescheitert war, sprechen die Medien unisono vom Durchbruch einer Schallmauer. Scolari sei’s gedankt. Gemäss „A Bola“ hat der Brasilianer seinen Spielern Konzentration, Biss und Willenskraft verliehen und mit dem gelben Ton der Eroberung übermalt. Eine Anleihe an die Glanzzeiten iberischer Conquistadores lässt sich herauslesen – oder gar eine Spitze gegen Spanien? Statt den europäischen Fussball im Nachbarland zu erobern, mussten sich die „Gelbroten“ nach der Vorrunde verabschieden, während Portugal Rückenwind aus der früheren brasilianischen Kolonie spürt und einen kulturellen Rückfluss nutzt.“
Wir haben etwas Historisches erreicht
Matt Dickinson (Times 1.7.) und der erste Finalist: „Nachdem die Portugiesen Spanien, England und Holland aus dem Turnier geworfen haben, werden sie am Sonntag auf heimischem Boden ihr erstes Finale bei einem großen Turnier bestreiten, und Luiz Felipe Scolari und sein Team haben den europäischen Titel vor Augen. Allerdings kann es passieren, dass die Gasgeber alles noch mal neu überdenken müssen, falls nämlich die in Topform aufspielenden Tschechen die Griechen zerquetschen; doch letzte Nacht gab es keinen Anlass zur Warnung, sondern vielmehr für Partys in den Straßen Portugals. Dabei hatte die Kampagne Euro 2004 so schändlich begonnen, nämlich mit einer Niederlage gegen Griechenland. (…) Scolari war gestern nach dem Spiel so erregt, dass er sogar behauptete, dass das Erreichen des Finales den Gewinn des Weltmeistertitels mit Brasilien vor zwei Jahren überbietet. ‚Brasilien ist schon vier Mal Weltmeister geworden’, sagte er‚ das hier ist viel wichtiger, weil Portugal noch nie in einem Finale stand.’ (…) Jedes der drei letzten Partien Portugals hätte das letzte Länderspiel von Luis Figo sein können; wird er Teil einer Nacht voller großer Emotionen sein? ‚Wir haben etwas Historisches erreicht, etwas, was noch keine portugiesische Mannschaft zuvor geschafft hat’, sagt der Kapitän.“
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