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Deutsche Elf

Die Türken sind viel mehr als das Bielefeld Europas

Oliver Fritsch | Dienstag, 24. Juni 2008 Kommentare deaktiviert für Die Türken sind viel mehr als das Bielefeld Europas

Ist Deutschland gegen die Türkei hoher Favorit? / Wird Torsten Frings in die Startelf zurückkehren, obwohl die Startelf (vom Portugal-Spiel) keinen Grund dazu bietet? / Vorwurf an die Bayern wegen der Verhandlung mit Mario Gomez / Joachim Löw im Interview über Gedanken über einen möglichen Rücktritt, seinen Umgang mit Bastian Schweinsteiger und die Fotos von seiner Frau in der Bild-Zeitung

Vor dem Halbfinale nimmt Roland Zorn (FAZ) Deutschland die Bürde des Favoriten: „Selten herausragend gespielt, aber oft genug ganz oben dabei: Das Ausland staunt wieder einmal über die Mannschaft, die sich durch die EM-Gruppenspiele gerumpelt und dann ein tolles Spiel gegen Portugal hingelegt hat. Leiten sich daraus Gewissheiten für das Halbfinale gegen die Türkei ab? Vorsicht ist geboten. Den verletzungsgeplagten Türken gehört das Momentum. Manche halten sie sogar für die Griechen von heute. Das Comeback der Underdogs haben sie auf ihren EM-Etappen schon dreimal gefeiert. Wie zukunftsträchtig der türkische Fußball ist, weiß niemand so recht. Einstweilen ist er auf hohem Niveau angekommen. Sich dort zu halten ist bei der paneuropäischen Fluktuation schwer. Von den Halbfinalisten vor vier Jahren, Griechenland, Portugal, Tschechien und die Niederlande, ist jedenfalls niemand mehr dabei.“

Christof Kneer (SZ) ergänzt: „Ach, wie schön war das nur gegen Portugal! Da haben die Deutschen genüsslich den Außenseiter-Status kultiviert, sie haben sich kleingemacht bis zur Unsichtbarkeit, und umso entgeisterter waren die zugspitzhohen Favoriten aus Portugal, als die Unsichtbaren sie von der ersten Sekunde an ziemlich sichtbar attackierten. Joachim Löw weiß genau, wie gefährlich dieses Halbfinale ist – zumal die Türken viel mehr als das Bielefeld Europas sind.“

Der Huub Stevens des deutschen Mittelfelds

Über die bedeutende und offene Frings-Frage schreibt Kneer: „Das Komplexe an dieser Debatte ist, dass es dabei nicht nur um Taktik-, Hierarchie- oder Form-Fragen geht; so hat sich das Duell um den Stammplatz/die Stammplätze auf der 6er-Position zwar einerseits aus dem Portugal-Spiel ergeben, andererseits ist dieses Duell am Wochenende durch ein paar verstreute Äußerungen erneut zur Klimadebatte aufgeladen worden. Wie man inzwischen weiß, ist das innerbetriebliche Klima ein großes Thema gewesen bei der so genannten Aussprache nach dem Kroatien-Spiel; offenbar haben sich Spieler an der dominanten Art des Herrscherduos Ballack/Frings gestört, die die Kollegen im Spiel ziemlich zusammenfauchten. In der Tat ist Frings mit einer gewissen Knurrigkeit begabt, er ist der Huub Stevens des deutschen Mittelfelds, und was ein Team an guten Tagen nach oben zieht, kann es an schlechten Tagen runterziehen. Niemand bezweifelt, dass Frings in Normal- oder gar Bestform ein zentraler Akteur des Teams ist, aber noch ist nicht sicher, ob er wieder gesund genug ist für ein Halbfinale.“

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Im Nationalteam für Unruhe gesorgt

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) kritisiert die Bayern: „Die Spekulationen um die Zukunft der deutschen Stürmer reißen nicht ab. Es fällt auf, dass alle Gerüchte um den FC Bayern kreisen, jenen Klub, den künftig Jürgen Klinsmann trainiert. Man muss dem früheren Bundestrainer nicht unterstellen, seinen Nachfolger stören zu wollen. Fest steht jedoch, dass die Münchner mit ihrem Werben um Mario Gomez im Nationalteam für Unruhe sorgen. Wer das Theater begonnen hat, dazu gibt es zwei Theorien. Die eine Theorie besagt, dass erst die Münchner Gomez umgarnt haben und darauf Podolski von seinem Weggang gesprochen hat, womöglich zu seinem Heimatklub, dem 1. FC Köln. Die andere Theorie besagt, dass die Münchner zuerst von Podolskis Abwanderungsgelüsten erfahren und sich danach um Gomez gekümmert haben.“

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Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass es Rücktrittsgedanken nicht gegeben hat

Joachim Löw hat der SZ ein langes Interview gegeben, deren wichtigste Passagen wir hier wiedergeben. Löw über sein Innenleben während der Vorrunde: „Nach dem Kroatien-Spiel war ich völlig überzeugt, dass wir gegen Österreich gewinnen werden. Nicht mit einer tollen Leistung, aber das hatte ich auch nicht eingefordert. Es ging ums Weiterkommen, sonst wäre es eine Mega-Blamage gewesen. Da ist nachher auch von mir eine Last abgefallen. Dass ich aber nicht zufrieden war, ist auch klar. Ich habe der Mannschaft gleich gesagt: ‚Leute, der Fußball, den wir nun zweimal gespielt haben, der gefällt mir nicht.’ Es muss sich etwas ändern, sonst schaffen wir es im K.o.-System nicht mehr.“

Über mögliche Rücktrittsgedanken: „Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass es solche Gedanken nicht gegeben hat.“

Nicht die Bälle ins Niemandsland schlagen

Über die Aussprache der Mannschaften nach der Kroatien-Niederlage: „Ich habe nach dem Spiel den Ansatz – wirklich nur den Ansatz – von gegenseitiger Schuldzuweisung gespürt. Und so habe ich zwei, drei erfahrenen Spielern gesagt: Setzt euch doch zusammen und klärt es mal untereinander! Macht eine Aussprache ohne Trainer, in der ihr euch gegenseitig die Meinung sagt, ohne dass es eine öffentliche Selbstzerfleischung gibt. Die Aufgabe von uns Trainern ist zu analysieren und euch zu kritisieren, aber euer Recht ist es nicht, in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Ich wollte eine Kommunikation unter allen. Du brauchst, wenn die Mannschaft untereinander spricht, einen Moderator. Ich sagte Michael Ballack und Jens Lehmann, setzt Euch mal maximal eine halbe Stunde zusammen! Und dann möchte ich eine Rückmeldung.“

Über den Wechsel von 4-4-2 auf 4-5-1 gegen Portugal: „Wir haben die Spiele gegen Österreich und Kroatien in diesem System einfach nicht mit dieser Wucht und Kraft durchgezogen wie in den vielen Spielen zuvor. Jetzt ist viel über einen Systemwechsel geschrieben worden, aber die taktische Ausrichtung war dieselbe wie beim 4-4-2: schnell, geradlinig nach vorn spielen, nicht die Bälle ins Niemandsland schlagen. Alles das Gleiche wie vorher, nur mit einer anderen Raumaufteilung. Es gibt eben Momente, da muss man eine andere Lösung bieten.“

Schweinsteiger war unglaublich enttäuscht

Über die Mutmaßung einiger Medien, ob Michael Ballack großen Einfluss auf den System- und Personalwechsel genommen und wie Löw ihn in die Entscheidung eingebunden habe: „Informiert. Ich habe ihn informiert.“

Über Bastian Schweinsteiger: „Als er beim Polen-Spiel nicht in der ersten Elf war, war er unglaublich enttäuscht. Wirklich unglaublich enttäuscht. Das war für ihn schwer zu verarbeiten, deshalb musste ich ihn aufbauen und heranführen. Aber nach dem Kroatien-Spiel war die Situation anders: Da musste man ihn nicht aufbauen, sondern ihm klar machen, dass er uns allen geschadet hat. Nach Österreich habe ich seinen Einsatz angekündigt, weil ich wusste, dass wir ihn brauchen, als frischen Spieler auf dieser Position.“

Eingriff

Über den Vierten Mann in Wien: „Ich habe gedacht, er hat einen Papagei dabei, der immer das gleiche sagt. Immer nur: ‚Go back, go back, go back!’ Das hat mich gestört, und genau das gleiche hat er Hickersberger gesagt. Ich würde ihn nie beleidigen. Ich habe ganz einfach gesagt, dass er aufhören soll, mich in der Konzentration zu stören. Das ist aber auch ein grundsätzliches Problem: Der Vierte Mann nervt die Trainer zusehends. Beim Spiel Russland gegen Holland habe ich gesehen, wie Guus Hiddink nach einem Tor zu seinem Kapitän spricht – prompt kommt der Vierte Mann und mischt sich ein. Was hat er da zu suchen? Das Spiel war sowieso unterbrochen. Selbstverständlich gibt der Trainer Anweisungen.“

Über die Fotos von seiner Frau in der Bild-Zeitung, deren Anwesenheit beim Kroatien-Spiel als mögliche Ursache für die Niederlage betrachtet wurde: „Das hat mich irritiert. Das war nicht gewünscht. Meine Frau möchte nicht in die Öffentlichkeit. Sie ist eigentlich immer im Stadion. Jetzt ist diese Situation dargestellt worden. Ich war überrascht davon, und es war mir nicht recht. Das ist einfach ein Eingriff. Bei uns zuhause stehen Leute vor der Tür und vor dem Garten, sie schießen Fotos, befragen Nachbarn und Familienmitglieder. Das belastet mich, weil es auch die Betroffenen belastet. Man ist ohnmächtig. Meine Verwandten können sich ja nicht einschließen.“

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