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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2020

Euro 2020 – Italien feiert, England trauert

Kai Butterweck | Montag, 12. Juli 2021 ohne Kommentar

Italien schlägt England. Die Euro 2020 geht mit einem spannenden Elfmeterschießen zu Ende. Drei britischen Ausnahmetalenten versagen im entscheidenden Moment die Nerven

Italien holt sich den silbernen EM-Pott. Danial Montazeri (spiegel.de) gratuliert: „Italien hat ihn sich verdient. Die Mannschaft spielte in der Gruppenphase den vielleicht beeindruckendsten Offensivfußball aller EM-Teilnehmer, 3:0 gegen die Türkei, 3:0 gegen die Schweiz, 1:0 gegen Wales. Im Achtelfinale rang das Team Österreich in der Verlängerung nieder. Und dann räumte die Squadra Azzurra nacheinander drei der besten Mannschaften der EM aus dem Weg, Belgien, Spanien und nun England. Gerade die beiden letzten Spiele haben gezeigt, dass Italien zwar nicht jeden Gegner schlägt, aber dafür nie verliert.“

Ein Innenverteidigerpärchen zum Verlieben

Christian Spiller (Zeit Online) schließt sich an: „Am Ende gewann die beste Mannschaft des Turniers. Italien überzeugte vom ersten Spiel an, wackelte kaum einmal, hat mit Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci ein Innenverteidigerpärchen zum Verlieben und mit dem hakenschlagenden Federico Chiesa wahrscheinlich die offensive Entdeckung des Turniers in den Reihen. Giovanni di Lorenzo wollen wir natürlich auch nicht vergessen, guter Mann, ist doch klar!“

Amelie Baasner (Tagesspiegel) verfolgt den EM-Showdown im Herzen Italiens: „Über Rom legte sich bis zum Gegentor bleierne Stille. Kaum Autos auf der Straße, das massive Polizeiaufgebot schien beinahe überflüssig. Vor den Bars, in denen sich die Italiener zum Fußballschauen treffen, sah man vor allem in angespannte Gesichter. Eine so unerfahrene Mannschaft im Rückstand, eine Zitterpartie. Ab und zu war ein verzweifeltes ”daje”, ein ”komm schon” zu hören. Umso größer war der Aufschrei als Bonucci den Ball in der 67 Minute über die Linie brachte.“

Eine Mannschaft mit Zukunft

Manfred Münchrath (kicker.de) adelt das italienische Gesamtbild: „Mit Italien hat die Mannschaft den Titel geholt, die bei dieser EM den schönsten Fußball gespielt hat – und bei der Coach Mancini fast allen Akteuren das Vertrauen geschenkt hat. Schon allein deshalb hat sich die Squadra Azzurra diesen großen Erfolg redlich verdient. Eine Mannschaft mit Zukunft, die spätestens jetzt auch offiziell zum Favoritenkreis für die WM im nächsten Jahr in Katar gezählt werden muss – auch wenn im Winter 2022 der „Estate Italiana“ noch ungewöhnlicher wäre als in diesem verregneten englischen Sommer.“

Auch Heiko Ostendorp (sportbuzzer.de) zeigt mit beiden Daumen nach oben: „Vor drei Jahren lag die stolze Fußballnation in Trümmern, verpasste die WM. Jetzt ist Italien Vorbild für taumelnde Großmächte wie Deutschland. „Auf die Zukunft setzen ohne die Vergangenheit ruhen zu lassen“, so das Motto. Mancini hat es perfekt umgesetzt.“

Während man in Italien feiert, kehrt man in London Scherben auf. Lukas Rilke (spiegel.de) nimmt Englands Coach Gareth Southgate in die Verantwortung: „Eine Stunde lang ging seine Taktik gut auf, nach dem Ausgleich verlieh er seiner Mannschaft mit durchdachten Wechseln neue Stabilität. Doch sein letzter Plan ging nicht auf: Seine Joker Rashford und Sancho kosteten England mit verschossenen Elfmetern den Sieg.“

Die alte Krankheit ist nicht ausgeheilt

Tobias Rabe (FAZ) zieht mit: „Dass es nun wieder nicht klappte mit seinem Sieg – und damit dem zweiten Titel nach 1966 – lag auch an Southgate. Der ist inzwischen Trainer und hat in den vergangenen fünf Jahren großartige Arbeit geleistet. Doch die alte Krankheit ist nicht ausgeheilt. Es wird noch lange Debatten über die Auswahl der Schützen geben, die Southgate als Verantwortlicher wählte.“

Auch Tobias Nordmann (n-tv.de) zeigt mit dem Finger auf den Three Lions-Trainer: „Rashford verzögert als dritter englischer Schütze zwar sensationell, verlädt Gianluigi Donnarumma, haut den Ball aber an den Pfosten. Sancho tritt als vierter Löwe an, scheitert mit einem schwachen Schuss am Italiener. Den finalen Strafstoß vergibt Bukayo Saka, ein 19-Jähriger. Man kann, nein, man muss viele Dinge hinterfragen. Warum setzt der Trainer auf zwei Spieler, die er im Turnier allermeist ignorierte? Und warum bürdet er dem jungen Saka die Verantwortung auf, den letzten Schuss zu übernehmen?“

Claus Vetter (Tagesspiegel) atmet durch: „Das Herz hat gewonnen am späten Sonntagabend im Wembley-Stadion, nicht der überbordende Chauvinismus. Denn was wäre passiert, wenn die Engländer das Ding so nach Hause geschaukelt hätten? Nach dem Brexit hätte es bei vielen in der Nation von der Insel wohl kein Halten mehr gegeben, wäre der englische Hochmut für Resteuropa nur schwer zu ertragen gewesen.“

Vor und nach dem Finale sorgten englische Fans wieder einmal für negative Schlagzeilen. Javier Cáceres (SZ) sieht das Grauen kommen: „In London hatte man tagsüber bestens beobachten können, wie sich die Stimmung mehr und mehr zu einem latent unkontrollierbaren Sturm aufbaute. London war unter einem wolkenfreien Himmel erwacht, und wer sich auf den Weg durch die Innenstadt machte, der sah, wie sich Menschen aller Altersklassen, überwiegend Männer, schon am Morgen in englische Fahnen und Trikots gehüllt hatten. Sie zogen zu den emblematischen Plätzen der Stadt, bis sie voll waren. Also sie selbst, und die Plätze eben auch.“

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