indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 11. Oktober 2006

Ascheplatz

Wer Geld braucht, kann sich seine Partner nicht aussuchen

Weiterhin Skepsis über den Deal zwischen Schalke und Gasprom, das zuerst mit der Absage Borussia Dortmunds leben mußte, da die Dortmunder um ihren Ruf fürchteten / „Welcher Teufel reitet eigentlich Gasprom, sich ausgerechnet Schalke herauszusuchen?“ (BLZ)

Wladimir Putin, dessen Besuch keinen deutschen Demonstranten auf die Straße treibt, spricht heute mit der SZ unter anderem über die Georgien-Frage, den zugedrehten Gashahn für die Ukraine, den Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen Rußland und Deutschland und über die Partnerschaft zwischen Gasprom und Schalke: „Ich glaube, sie sollten sich darüber freuen. Was Schalke 04 betrifft, so geht es nicht um einen Kauf des Vereins. Es gibt den Wunsch einer Partnerschaft zwischen Schalke und dem St. Petersburger Verein Zenit, der ebenfalls von Gasprom gesponsert wird. Soweit ich weiß, sind die traditionellen Fans von Schalke 04 Bergleute. Das gehört ja auch zum Energiebereich. Für Gasprom ist Schalke also ein natürlicher Partner.“

Die SZ veröffentlicht noch einmal den Putin-kritischen Text der ermordeten Anna Politkowskaja aus dem Mai 2005 in einer Kurzfassung: „Rußlands Präsident hat den Weg des Landes zur Demokratie, den sein Vorgänger Jelzin eingeschlagen hatte, längst verlassen.“

Aus den Zeitungen erfahren wir heute auch, daß Gasprom zuerst, und zwar im letzten Jahr, an einem Sponsoring bei Borussia Dortmund interessiert gewesen sein soll. Die Dortmunder Vereinsführung um Hans-Joachim Watzke habe jedoch aus Sorge um den Ruf des Vereins abgelehnt. „Die Dortmunder Sanierer fürchteten, als leichte Beute osteuropäischer Investoren weiteren Image-Schaden zu erleiden, nachdem der Größenwahn der Dortmunder Vorgängergeschäftsführung den BVB an den Rand der Insolvenz getrieben hatte“, schreibt Richard Leipold (FAZ). Watzkes Vorgänger, der zwischendurch größenwahnsinnig gewordene Gerd Niebaum, hätte zugeschlagen, zitiert Leipold die Behauptung eines anonymen Insiders.

Schuldenmeister

Erstaunlich offen goutiert Leipold die Vorzüge der Dortmunder jetzigen Sponsoren, die er beim Namen nennt: „Die neue Geschäftsführung des börsennotierten Klubs, der viel zu lange viel zu hoch geflogen war, entschied sich für die bodenständige Lösung und gewann drei Partner, die nicht so mit dem Geld um sich werfen wie die Russen, aber hohes Ansehen genießen: das Investmenthaus Morgan Stanley ermöglichte als Kreditgeber den Rückkauf des Dortmunder Stadions; der Essener Energiekonzern RAG (der zunächst mit Schalke verhandelt hatte) und der Versicherungskonzern Signal Iduna wurden die wichtigsten Sponsoren.“

Was Dortmund und Schalke vereine, das sei die Attraktivität für einen Sponsoren: „Die Tradition, die Hingabe der eigenen Fans und die hohe Aufmerksamkeit auch beim sportlichen Gegner sind ein werthaltiger Standortfaktor in einer sonst strukturschwachen Region. Auch die wirtschaftliche Verfassung sprach für den einstigen deutschen Schuldenmeister Dortmund und seinen Nachfolger Schalke als Werbeträger für Gasprom. Wer dringend Geld braucht, kann sich seine Partner oft nicht aussuchen. Hier trennen sich die Wege von Dortmund und Schalke.“

Armen, reiche Russen

Jan Christian Müller (FR) bekundet sein Mißtrauen gegen den neuen Investoren wegen der Höhe dessen Einsatzes: „Weil Gasprom mehr als das Doppelte dessen zu zahlen bereit ist, was das Engagement marktüblich eigentlich kosten dürfte, fragt man sich, ob der vom Kreml kontrollierte Energiemulti nicht mehr vorhat, als nur den Namen auf einem königsblauen Fußballtrikot schillern zu sehen. Eine feindliche Übernahme des Kultklubs aus dem Pott lassen gleichwohl die Statuten der DFL nicht zu. Und doch: Die Schalker Verantwortlichen machen sich nun zwar von den Schechter-Millionen, deren Kapitaldienst ihnen wie ein Klotz am Bein hängt, unabhängiger. Aber sie begeben sich in einer neue, unbekannte Abhängigkeit. Ausgang ungewiß.“

Matti Lieske (BLZ) dreht den Spieß um: „Welcher Teufel reitet eigentlich Gasprom, sich von allen Klubs, die sich auf jenem europäischen Markt tummeln, den der Konzern erobern möchte, ausgerechnet Schalke 04 herauszusuchen? Gibt es denn keine hoffnungsvolleren Kandidaten, die möglicherweise noch nicht über alle Ohren verschuldet sind und nebenbei sogar noch besseren Fußball spielen? Sollten die armen reichen Russen tatsächlich auf ihr deutsches Aufsichtsratsschmuckstück hereingefallen sein, Gerhard Schröder? Einen Mann, der in seiner dunklen Vergangenheit als Fußballfan Klubs wie Hannover 96, Borussia Dortmund und Energie Cottbus hofierte? Immerhin waren die Gasprom-Leute so klug, leistungsbezogene Zahlungen in den Vertrag aufzunehmen, was die Kosten drastisch reduzieren dürfte. Andererseits haben sie sich einen Sitz im Aufsichtsrat ausreden lassen. Schade eigentlich, denn diesen Posten hätte – Möllemann läßt grüßen – gewiß der brave Herr Schröder übernommen, als eine Art Teutonen-Abramowitsch sozusagen. So aber können die russischen Gasmänner für ihr vieles Geld nicht einmal mitreden und müssen tatenlos zusehen, wie ihre schönen Euros im Schalker Pott verpuffen.“

SZ: Daß Schalke 04 in Zukunft im Stile von Roman Abramowitschs FC Chelsea den Transfermarkt abgrast, gilt als unwahrscheinlich
NZZ: Anrüchiges Geld aus der Taiga vom sibirischen Samariter?
Am Tropf des Kremls – das bevorstehende Geschäft zwischen Gasprom und Schalke weckt die Skepsis und eine diffuse Furcht in der deutschen Presse; sie warnt vor dem russischen Versuch, ungebeten Einfluß zu nehmen

Deutsche Elf

Aktuelle Links zur Vorberichterstattung Slowakei gegen Deutschland

BLZ: Die Nationalelf ist gereift, sie traut sich zu, schwere Auswärtsspiele zu dominieren
FR: Ein Jahr nach der Niederlage in der Slowakei – bloß kein Blick zurück
SZ: In Bratislava steht die phänomenale Einstandsbilanz von Bundestrainer Löw auf dem Spiel

FAZ: Michael Ballacks Warnung vor Selbstgenügsamkeit, ein Zeichen der neuen Stärke
SZ: Ballacks Ansichten über José Mourinho, Lukas Podolski und die Slowakei
FR-Interview mit Michael Ballack: „Es wird in England viel schneller nach vorne gespielt. Es wird mit mehr Risiko gespielt. Demzufolge passieren auch mehr Fehler. Gleichzeitig pushen die Fans viel mehr. Wenn man mal in Ruhe ein bisschen Positionsspiel aufziehen will, dann merkt man schnell, daß es im Stadion rumort. Da sucht man dann lieber schneller eine Aktion.“

FAZ-Portrait Clemens Fritz, ehemals Stürmer, jetzt Verteidiger

FAS-Interview mit Jens Lehmann: „Was mich ein wenig schmunzeln läßt, ist, daß alle Torhüter derzeit versuchen, den Stil, den ich spiele und der in der Nationalmannschaft gefordert wird, umzusetzen. Das ist mir in der Bundesliga aufgefallen.“

Tsp: Keine Stars, kaum Fans, schwache Liga – die Nationalelf trägt alle Hoffnungen der Slowaken
FAZ: Slowakeis Trainer Dusan Galis, Pendler zwischen Fußball und Politik, steht vor der Ablösung
SZ-Interview mit dem Slowaken Jan Kocian, einem ehemaligen Nationalspieler der CSSR und möglichen Nachfolger Galis‘, über die Fußballnation Slowakei

NZZ: Zur schwierigen Situation des österreichischen Fußballs

Dienstag, 10. Oktober 2006

Am Grünen Tisch

Belehrungen aus dem Norden

WM 2010 – ist der Zweifel an Südafrika berechtigt?

Die NZZ kommentiert die Zweifel an der Fähigkeit Südafrikas, die WM 2010 auszutragen: „Mit Geld allein ist weder grassierende Kriminalität zu dämmen noch ein moderneres Verkehrsnetz aus dem Hut zu zaubern. Die 19. Weltmeisterschaft bleibt ein großes Wagnis. Nicht daß man sie dereinst mit der vorangegangenen in Deutschland messen und vergleichen sollte (ebenso unsinnig sind Nachahmungsversuche der österreichisch-schweizerischen Euro-08-Promotoren). Aber ihr Erfolg wird in überproportionaler Weise vom Faktor Glück abhängen.“ Die taz belächelt die Diskussion in unseren Breitengraden als überheblich: „In Europa wird über den Stand der Vorbereitungen für die WM 2010 in Südafrika gelästert – dort ist man Belehrungen aus dem Norden leid und verweist auf bereits angestoßene Maßnahmen.“

NZZ: Ein langer, detailreicher Hintergrundbericht über den Stand der Dinge in Südafrika
if v. 5.10.: Über die politische Bedeutung der WM 2010 für Südafrika und die hohe Kriminalitäts- und Gewaltrate
if v. 20.9.: Die Presse verfolgt mit Spannung, ob die WM 2010 tatsächlich in Südafrika stattfinden wird; zu deutlich sind die Organisationsmängel

NZZ: Über die Probleme der österreichischen Nationalelf gut anderthalb Jahre vor der EM

NZZ: Dem Wettanbieter Bwin soll in Deutschland der Internet-Zugang gesperrt werden

Ascheplatz

Am Tropf des Kremls

Das bevorstehende Geschäft zwischen Gasprom und Schalke weckt die Skepsis und eine diffuse Furcht in der deutschen Presse; sie warnt vor dem russischen Versuch, ungebeten Einfluß zu nehmen

Die Russen kommen – wie oft und in wievielen Zeitungen haben wir in den letzten Tagen diese mahnende Schlagzeile gelesen? Das Erdgasförderunternehmen Gasprom, eine Aktiengesellschaft die mehrheitlich in Staatshand ist, steigt sehr wahrscheinlich als generöser Hauptsponsor bei Schalke 04 ein. Das Geschäft soll am Rande des Treffens zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin in Dresden verkündet werden.

Vor dem wachsenden Einfluß russischer Geschäftsleute auf Europas Fußball hat die deutsche Presse in den letzten Monaten häufig gewarnt, allerdings eher aus der Distanz, beschränkte sich das Zugriffsgebiet schließlich hauptsächlich auf England. Daß nun ein deutscher Verein beteiligt ist und daß die Politik ins Spiel kommt, beunruhigt die Kommentatoren. Bisher finden sie jedoch keine handfesten Anhaltspunkte zur Kritik; doch aus den Texten sprechen Skepsis und Mißtrauen, auch gegenüber dem „lupenreinen Demokraten“ Putin und dessen Ansicht von der Meinungsfreiheit.

Image-Politur

Klaus Hoeltzenbein (SZ) argwöhnt, daß sich Šалке für Verschleierung hergeben könnte: „Posdrawlenie! Glückwunsch!, Schalke, das muß man erst einmal schaffen, die Weltpolitik derart auszuspielen, daß vor dem 6. Petersburger Dialog ein notleidender Bundesligist die Nachrichtenspalten füllt. Und damit alles in den Hintergrund drängt, was sonst noch – und viel weiter oben – auf der Tagesordnung steht: die Terrorismusfrage, die Beziehung zwischen Rußland und der EU, die Pressefreiheit nach dem Mord an der populären Journalistin Anna Politkowskaja oder die Energiepolitik. Da sind die Schalker eigentlich Randfiguren, aber nicht wenigen werden sie als Tarnung willkommen sein, wenn der Klub verkündet: Die Quelle, von der jeder Darbende träumt (Schalkes Verbindlichkeiten werden auf plusminus 200 Millionen Euro geschätzt), ist angezapft, Gasprom, der russische Mischkonzern für Gas, Öl und sonstige Macht- und Wirtschaftsfragen, sprudelt in Kürze als Trikotsponsor herein. Womit schon bei Verkündung des für die Bundesliga so revolutionären Geschäfts ein erster Zweck erfüllt wird: eine Image-Politur für den Konzern. (…) Schalke hängt künftig am Tropf des Kremls.“

Russen kommen immer durch die Hintertür

Richard Leipold (FAZ) hat sich in der Fußballszene umgehört und referiert Warnungen: „Skeptiker halten die Verbindung für riskant, weil russischen Unternehmen mitunter ein rabiates Geschäftsgebaren nachgesagt wird. Formaljuristisch scheint diese Sorge aufgrund des deutschen Vereinsrechts unbegründet. Schalke ist keine Kapitalgesellschaft, sondern ein eingetragener Verein, der nicht ohne weiteres übernommen werden kann wie etwa ein börsennotiertes Unternehmen.“ Aber es seien warnende Stimmen vernehmen: „Ein Hauptsponsor hat praktisch immer die Möglichkeit, Einfluß auszuüben“, zitiert Leipold einen anonymen Bundesliga-Manager: „Je größer die Summen sind, desto größer die Gefahr der Einflußnahme. Die Russen kommen immer durch die Hintertür, niemals durch den Haupteingang.‘“

Daniel Theweleit (BLZ) grübelt über das Vorhaben Gasproms: „Was will Gasprom in Gelsenkirchen? Der Konzern kann in Deutschland erst Gas an den Endverbraucher verkaufen, wenn der Energiemarkt weiter liberalisiert wird, weshalb sich sofort Befürchtungen regten, Gasprom könne sich neben den Brustflächen der Trikots auch Einfluß im Klub zusichern lassen.“ Doch über Wingas, ein Gemeinschaftsunternehmen von Gasprom und der BASF-Tochter Wintershall, liefert Gasprom zumindest an viele deutsche Stadtwerke und Gasunternehmen.

Christian Eichler (FAZ) gibt zu bedenken: „Die Kombination aus der Höhe russischer Zuwendungen und der Höhe Schalker Schulden wird den Verdacht einer größeren Einflußnahme nicht so schnell zerstreuen.“ Mit Blick auf das Ausland beleuchtet Eichler die Gründe der russischen Geldgeber, indem er sie mit den amerikanischen vergleicht: „Der Trend geht zum russischen Fußball-Imperium mit Klubs in mehreren Ländern. Weil die Regeln das verhindern sollen, dürften Bieter mehr und mehr im Hintergrund agieren. Während die amerikanischen Investoren, Malcolm Glazer bei Manchester United und kürzlich Randy Lerner bei Aston Villa, auf Rendite setzen, schwingt bei russischen Käufern mehr mit. Sähe Abramowitsch in Chelsea nur ein Geschäft, es wäre wohl das schlechteste, seit die Russen Alaska an die Amerikaner verkauften. An die 700 Millionen Euro hat es ihn bisher gekostet. Über die Motive schweigt er. Die häufigste Vermutung besagt, er habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: ein Hobby, das ihm Trophäen und die Nähe zu Fußballstars beschert; und eine Art Lebensversicherung, die ihn durch Präsenz und Prominenz im Westen vor dem Zugriff der russischen Staatsmacht schützt.“

FAS: Bestürzt sind deutsche Manager von übernommenen Firmen, wenn sie mit dem russischen Führungsstil in handfesten Kontakt kommen
SZ: Über die Rolle Gerhard Schröders bei der Einfädlung dieses Deals und seinen „Verrat“ an einem seiner Lieblingsvereine Borussia Dortmund
FR/Hintergrund: Russische Wirtschaft drängt auf Westeuropas Märkte – der Einstieg des Energie-Riesen Gasprom bei Schalke 04 ist das jüngste Engagement von russischen Unternehmen in Deutschland. Moskau wünscht mehr Investitionen heimischer Firmen im Westen

Montag, 9. Oktober 2006

Internationaler Fußball

Links zur EM-Qualifikation

Tsp-Bericht Wales–Slowakei (1:5)

BLZ: 1:0 gegen Norwegen – Griechenlands Elf weckt Erinnerungen an die EM 2004
BLZ: In Griechenland verliert der einst hoch angesehene Nationaltrainer Rehhagel rapide an Vertrauen

BLZ: Nach zwei sieglosen Qualifikationsspielen bezwingt Italien die schwache Ukraine mühsam mit 2:0
taz: Die Nationalelf ist wieder im EM-Rennen, doch Italiens Fußball steckt weiterhin im Sumpf. Neu im Morast: Inter Mailand, das vom Opfer zum Täter zu werden droht
BLZ: Die schwierige Aufgabe Roberto Donadonis in Italien

Welt: Holland – Spieleraufstand gegen van Basten

FR: Frankreichs Coach Raymond Domenech setzt nach der Pleite gegen Schottland zur Generalkritik an
Welt: Frankreichs Trainer läßt Rücktritte nicht zu – wie Domenech seine Spieler drangsaliert

BLZ: Wie Uli Stielike Trainer der Elfenbeinküste geworden ist

Deutsche Elf

Quell der Freude

Die deutsche Presse saugt erstaunlich viel Optimismus aus dem 2:0 gegen Georgien / Verschwörungstheorien um Timo Hildebrand

Philipp Selldorf (SZ) stellt, den Vergleich mit anderen Ländern im Sinn, die Nationalmannschaft als Aushängeschild des deutschen Fußballs hin: „Daß Liga- und sonstige Quervergleiche in die Irre und die Nationalteams ein Eigenleben führen, sieht man nicht nur am Beispiel Spanien, sondern auch an der EM-Kampagne von Italien, Frankreich, England – und an Deutschland. Dort beklagte man zuletzt hohe Verluste im Uefa-Cup und graust sich, weil Rumäniens Liga im Begriff ist, internationale Startplätze streitig zu machen. Aber Joachim Löws Nationalelf siegt und siegt und präsentiert sich als der am besten funktionierende Betrieb des deutschen Fußballs.“

Andreas Lesch (BLZ) staunt, wie schnell Löw Kredit gewonnen zu haben scheint: „Als während der Weltmeisterschaft über mögliche Nachfolger von Jürgen Klinsmann diskutiert wurde und der Name von Joachim Löw fiel, hieß die Frage: Kann der das? Ist der Job des Bundestrainers für den nicht eine Nummer zu groß? Nach den ersten vier Länderspielen, die Löw zu verantworten hat, wirken diese Fragen wie eine längst vergangene Absurdität. Löws Leistung spiegelt sich nicht nur in den Statistiken, die ihm einen historischen Wert bescheinigen: den besten Auftakt aller deutschen Bundestrainer und Teamchefs. Sie zeigt sich in vielen Facetten seiner Arbeit. Er führt das Werk von Klinsmann fort, aber er ist mehr als ein braver Erbverwalter. Er verwandelt Freundschaftsspiele in einen Quell der Freude.“

Neuer, alter Mut

Peter Heß (FAZ) zollt Löw dafür Respekt, daß er vier Neuen die Chance zum Einsatz gibt: „Es gab Zeiten, da wäre dem Bundestrainer ein solcher Personalplan als Ausdruck seiner Sehnsucht nach einem neuen Arbeitsplatz ausgelegt worden, als verklausuliertes Kündigungsersuchen. Nach der Ära Klinsmann und dem glücklichen Beginn der Zeitrechnung Löw wird dieser Mut fast schon als Selbstverständlichkeit hingenommen. Der Mut, konsequent die Zukunft zu planen und nicht nur dem nächsten Ergebnis hinterherzuhecheln. Man erinnere sich an die Zeiten, als die Teamchefs Ribbeck und Völler hießen. Damals wurde der Sinn der Testspiele generell in Frage gestellt, weil die in der Liga gestressten Nationalspieler sich den Schongang auferlegten, sobald es nicht um Punkte ging. Ein Nutzen, eine Entwicklung des Spiels und der Spieler waren kaum einmal zu entdecken. Heutzutage reut es niemanden mehr, den Fernseher einzuschalten, wenn die Nationalhymne erklingt. Löw hat es verstanden, die von Klinsmann geweckte Begeisterung der Profis für das Nationalteam am Leben zu erhalten.“ Heß gibt aber auch zu bedenken: „Die Frage wird sein, ob der Nachfolger die Zähigkeit und das Format besitzt, seine Vorstellungen durchzusetzen, wenn ihm das Spielglück einmal nicht mehr zur Seite steht. Die Begegnung mit Georgien hätte anders enden können.“

Zentralorgan des deutschen Fußballkollektivs

In der Einzelkritik gibt es Gewinner und Verlierer: Dem Debütanten Piotr Trochowski bescheinigt die FAS: „Entdeckung des Spiels. Mittelfeldspieler mit Esprit und Dynamik. Gleichermaßen starke Szenen in Offensive wie Defensive. Blick für die Situation. Harmonierte auf Anhieb mit Ballack.“ Thomas Hitzlsperger hingegen bekommt von derselben Zeitung zu lesen: „Langsam im Denken, langsam im Handeln. Blockierte mit seinen ungenauen Alibi-Pässen eher das deutsche Spiel, als daß er es förderte.“ Die FR fügt an: „Hitzlsperger verteidigte in einer Position, die seine übersichtlichen Stärken vollends verdeckt.“ Michael Ballack wird von der FAS geadelt: „Das Zentralorgan des deutschen Fußballkollektivs. Wirkte spritziger und fitter als bei der WM. Präsent in jeder Region des Spielfeldes.“

Saustark, saudumm

Im Blickpunkt sind auch Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, die bekanntermaßen in einem Atemzug genannt werden. Doch ihre Verfassung könnte unterschiedlicher kaum sein. Stefan Hermanns (Tsp) vergleicht den Rotsünder mit dem Torschützen: „Podolski und Schweinsteiger sind gleichzeitig – kurz vor der Europameisterschaft 2004 – in die Nationalmannschaft berufen worden, sie haben anschließend beide unter dem EM-Blues gelitten, sie haben annähernd gleich viele Länderspiele gehäuft, waren im Sommer 2005 die großen Entdeckungen des Confed-Cups und hatten danach erneut Schwierigkeiten, sich an den Ligaalltag zu gewöhnen. Nach der Weltmeisterschaft scheint nun zumindest Schweinsteiger die Post-Turnier-Depression erspart zu bleiben. Lukas Podolski aber fällt zurzeit wenig leicht. “ Die Bild am Sonntag bringt es auf den Punkt: „Schweini saustark, Poldi saudumm!“

Michael Ashelm (FAZ) drückt seine Sorge über Podolski aus: „Bei seinem neuen Arbeitgeber in München vermeintlich vernachlässigt, unglücklich in der Rolle des Reservisten, verunsichert in der Nationalelf – eine Serie von Enttäuschungen, die eine belastende Wirkung auf die atemraubend steile Karriere Podolskis haben könnten. Die Verantwortlichen in der Nationalmannschaft versuchen den Fall unaufgeregt zu behandeln. Sie sprechen von einer Affekthandlung. Doch auch sie erkennen, daß der Nationalstürmer zwischen eigenem Ehrgeiz, den Erwartungen des professionellen Umfelds und dem Anspruch der Fußball-Öffentlichkeit nicht zur erwünschten Stabilität findet.“

FR: Trochowski traut sich bei seinem Debüt gleich ziemlich viel zu
SZ-Interview mit Lukas Podolski

Splitter: Hartmut Scherzer (FAZ) findet: „Die Georgier entpuppen sich stärker, als sie ihr Trainer vorher gemacht hat.“ Selldorf hat ein Extra-Lob übrig: „Dem österreichischen Linienrichter Reimund Buch gebührt die goldene Plakette des Optikerverbandes, weil er vor der Pause die Abseitsstellung des Torschützen Kaladze erkannte.“

Und: Wird das jetzt eigentlich zum Ritual der deutschen Fans, daß sie Lieder der Boehsen Onkelz singen, einer höchst mittelmäßigen Band, die seit mehr als zwei Jahrzehnten dem Vorwurf ausgesetzt ist, rechtsextremistisch zu sein und die von den meisten Radiostationen geächtet wird? „Mexiko“, der neue Hit der deutschen Anhänger, ist zwar ein unverdächtiges Fußball-Stück aus dem Jahr 1985 – aber ihrem Musikgeschmack tun sie damit keinen Gefallen.

Verschwörungstheorien um Hildebrand

Die Torfrage hat sich darauf reduziert, wer die Ersatztorhüter werden. Andreas Lesch (BLZ) vermißt ein wenig die Brisanz: „Die neue T-Frage wirkt wie der Gegenentwurf zur alten T-Frage. Sie trägt nicht mehr die Züge des klassischen Duells, das zwingend einen Sieger und einen Verlierer hervorbringt. Sie handelt nicht mehr von zwei Konkurrenten, die sich im Alter, in der Erfahrung, im Ehrgeiz ähnlich sind. Sie kommt entspannter daher, sie birgt keine akute Kratz-, Beiß- und Würge-Gefahr mehr.“ Michael Ashelm (FAZ) billigt die Abschaffung des Anciennitätsprinzips im deutschen Tor: „Die Besetzung der Torhüterposition funktionierte über Jahre wie in einer Behörde. Wer lange genug im zweiten Glied ausgeharrt hatte ohne besonders laut aufzubegehren, wurde irgendwann nach dem altersbedingten Rückzug der Nummer 1 zum neuen Chef erklärt. Ein festgefügtes Hierarchiespiel das die Beständigkeit des deutschen Fußballs symbolisieren sollte. Mit den einschneidenden Veränderungen unter dem WM-Projektleiter Jürgen Klinsmann wurde jedoch auch dieses ungeschriebene Gesetz kurzerhand abgeschafft und durch ein anderes Bewertungssystem zur internen Beförderung ersetzt.“ Mit Blick auf die zunehmenden Zweifel an Timo Hildebrand berichtet Ashelm: „Im Hintergrund kursieren Verschwörungstheorien, angeblich wollten bestimmte Interessengruppen den Torwart durch gezielte Kritik ins Hintertreffen bringen bei der Nationalmannschaft.“

taz: Robert Enke bedankt sich für die öffentliche Anteilnahme am Tod seiner Tochter
SZ: Nach dem Tod seiner Tochter beeindruckt Torwart Robert Enke bei seinem ersten Auftritt im Kreis der Nationalmannschaft

Jetzt kommen auch mal junge Spieler dran

Torsten Frings blickt in einem Interview mit dem Tagesspiegel kritisch zurück: „Es gab früher Spieler, die hier nichts zu suchen hatten und trotzdem immer eingeladen worden sind. Jetzt liegt es an jedem selbst, wie lange er bei der Nationalmannschaft dabei ist. Wir haben einen Trainer, der jedem eine Chance gibt, wenn er auf Dauer gute Leistungen in der Bundesliga bringt. Das war nicht immer so. Wenn man dich früher nicht haben wollte, bist du eben nicht eingeladen worden. Da ist immer auf dieselben Leute zurückgegriffen worden, egal, ob sie verletzt waren, in einem Tief steckten oder den größten Käse gespielt haben. Ich mußte fast 150 Bundesligaspiele bestreiten, bevor ich zur Nationalmannschaft eingeladen wurde. Heute bist du schon langsam, wenn du zehn Bundesligaspiele brauchst. Früher gab es eben keinen, der gesagt hat: So, jetzt kommen auch mal junge Spieler dran. Ich bin froh, daß sich das geändert hat.“

FR: Frings, der neue Führungsspieler
BLZ: Der leise und langsame Aufstieg Frings‘

FAZ-Interview mit Manuel Friedrich

Tsp: Die Bank von Deutschland – Arne Friedrich ist als Abwehrchef der Nationalelf ausgerufen, seine Perspektive ist ungewiß

taz: Die jüngsten Erfolge der U21 und der Aufstieg vieler junger Fußballer in das A-Team provozieren die Frage: Was will Sportdirektor Matthias Sammer eigentlich verbessern?
Tsp: Trotz Ausfällen gibt sich die U 21 selbstbewußt

TspaS-Interview mit Oliver Bierhoff über Persönlichkeitsentwicklung, künftige Lektüre und neue Ziele

Freitag, 6. Oktober 2006

Ball und Buchstabe

Die Rückkehr des häßlichen Deutschen

Angst vor deutschen Hooligans in Bratislava – Mißbrauchen ungarische Hooligans den Protest gegen ihren Ministerpräsidenten?

Wolfgang Hettfleisch (FR) nimmt betroffen Notiz von dem Gerücht, deutsche Hooligans hätten sich Zutritt verschaffen ins Stadion von Bratislava, wo am nächsten Mittwoch das EM-Qualifikationsspiel stattfinden wird: „Man hatte derlei ja als staunender Zeuge des schwarz-rot-goldenen WM-Rauschs fast vergessen. Zumal Sönke Wortmanns Film uns die erstaunliche Selbstdiagnose noch einmal vor Augen führt: Nix teutonischer Furor, alles total prima! Und nun? Schon auf sportlicher Ebene war zuletzt viel von Alltag die Rede. Von den Mühen der Ebene, über die sich Joachim Löw, der Erbe des wundertätigen Brüll-Motivators Jürgen Klinsmann, und sein Team auf dem Weg zu den noch fernen Gipfeln der Alpen-EM schleppen müssen. Die ohnedies beschwerliche Rückkehr in die fußballerische Normalität könnte nun von der denkbar unappetitlichsten Begleiterscheinung beschleunigt werden: der Rückkehr des häßlichen Deutschen. Das deutsche Fußballmärchen währt nur im Kino ewig.“

Tsp: Berliner Fußball-Verband und DFB wollen nach antisemitischen Pöbeleien gegen Hetze vorgehen
FR: Rassismus in Stadien – Haß in den Köpfen
tagesschau.de: Ein (leider wieder aktueller) Beitrag des ARD-Politmagazins Panorama (April 2006) über die Schmähungen und die Gewalt gegen Ade Ogungbure (Video)

Der Weltöffentlichkeit ihre gut trainierten Muskeln und ihre kahlen Schädel zeigen

Dem Feuilleton der NZZ entnehmen wir heute, daß die Empörung der Ungarn über die „Skandal-Rede“ ihres Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány nicht so groß sei wie es zunächst schien; besonders Intellektuelle sympathisierten mit ihm. Und die Revolutionäre seien in erster Linie Fußballrabauken, die eine Bühne gefunden haben: „Viele von ihnen sind einschlägig bekannte Hooligans des beliebtesten ungarischen Fußballklubs Ferencváros, der gerade in die zweite Liga strafversetzt worden ist. Frisch frustriert, fehlte ihnen schmerzhaft die Bühne, die Politik hat sie ihnen jetzt großzügig geschenkt. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit konnten sie zeigen, was sonst im engen Bannkreis der Fußballplätze dem Blick der großen Öffentlichkeit verborgen bleibt: ihre gut trainierten Muskeln und ihre kahlen Schädel. Woche für Woche provozieren sie, besonders gern mit übelstem Antisemitismus, jetzt durften sie sich in den Wogen der diffusen und weitverbreiteten Wut auf die linksliberale Regierung suhlen wie in einem Meer massenhafter Zustimmung, und prompt gelang, was ihnen beim Fußball so gut wie nie glückt, sie durchbrachen die Phalanx der Polizisten und durften für Stunden den Palast des ungarischen Fernsehens nach Belieben verwüsten. Auch in der Bilanz der Verletzten gingen sie ausnahmsweise als Sieger hervor.“

taz: Mit Fußball lesen lernen – in den großen Stadien, über Vereine und Fanprojekte soll über Analphabetismus in Deutschland aufgeklärt werden

Donnerstag, 5. Oktober 2006

Vermischtes

Die Weichen scheinen gestellt

Die Presse-Höhepunkte des 6. Oktober 2006

Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main erhebt Anklage wegen erneuter versuchter und vollendeter Wettmanipulationen in der Zweiten Liga, in verschiedenen Regionalligen und in der österreichischen Bundesliga
USA-Korrespondent der FAZ rechnet damit, daß Jürgen Klinsmann die USA trainieren wird

Betrug

Noch schlägt sie keine Wellen, doch die Meldung im Tagesspiegel von heute hat es in sich: erneute versuchte und vollendete Wettmanipulationen in der Zweiten Liga, in verschiedenen Regionalligen und in der österreichischen Bundesliga. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main erhebt Anklage gegen acht Verdächtige in zehn Fällen, die sich von Sommer 2005 bis zum 6. März 2006 ereignet haben. Den Betrug beim Zweitligaspiel zwischen Siegen und Rostock (Februar 2006, 2:0 für Rostock) hält sie für erwiesen. Ein 45-jähriger Asiate und ein 26-jähriger Libanese befinden sich seit dem 7. März in Untersuchungshaft, wie aus der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft hervorgeht.

Weichen gestellt

american arena, der sehr lesenswerte Blog des USA-Korrespondenten der FAZ Jürgen Kalwa, legt sein Ohr auf die Schienen und rechnet damit, daß Jürgen Klinsmann Nationaltrainer der USA wird: „Zwar gibt es Klinsmanns offizielle Aussage, er habe kein Interesse an dem Job. Aber dieses Statement stammt aus dem Juli, als sein Freund Bruce Arena noch offiziell amtierte. Dem wollte er nicht von hinten in die Hacken treten. Weshalb auch? Manche Dinge erledigen sich von alleine. Den ersten Hinweis auf einen Stimmungswandel gab er vor ein paar Tagen, als er einer Trainerkonferenz über Video zugeschaltet ungenötigt folgendes mitteilte: ‚Wer weiß, vielleicht bin ich bei der WM 2010 wieder Trainer?‘ In einem E-Mail-Interview im September wich er der Frage lieber aus. Er hätte sein Desinteresse bei der Gelegenheit nochmals klar und deutlich bekräftigen können. Er tat es nicht. Die Weichen scheinen gestellt.“

Ball und Buchstabe

Wiederholungstäter

Michael Kölmel (BLZ) sagt deutschen Fußballfans Hang zu Rassismus und mangelnde Zivilcourage nach und fordert vom DFB eine harte Strafe für Halle: „Die Bundesligisten Aachen und Mönchengladbach sowie der Zweitligist Rostock wurden mit Geldstrafen belegt, weil ein Teil ihrer Fans sich rassistisch gebärdeten. Zwischen 19.000 und 50.000 Euro müssen die Klubs zahlen – eine lächerliche Strafe für Unternehmen, die mit Millionen jonglieren. Daß viele Fans sich distanzierten, wurde im DFB und den Medien als Erfolg der Aufrichtigen gefeiert. Dabei war das wohl das Mindeste. Vergessen wird, daß die Masse während der Spiele geschwiegen hatte. Einzig das beschmutzte Image hat zu menschlichen Handlungen geführt. All die Vorfälle sind der traurige Beleg, daß es unter den Fußballfans zahlreiche Rassisten gibt, und eine Mehrheit, der das egal ist. Daran kann der DFB kurzfristig wenig ändern – aber er kann mit Macht darauf hinwirken, daß der Hallesche FC, sollten sich die Berichte bewahrheiten, als Wiederholungstäter mit dem Abzug von Punkten bestraft wird.“

„Deutschland ist, wie die WM zeigte, ein selbstbewußtes, weltoffenes und begeisterungsfähiges Land – es ist aber auch ein rassistisches Land, wie zum Nationalfeiertag ein Interview Gerald Asamoahs in Erinnerung rief“ (SZ)

Welt: Theo Zwanziger hat Verständnis für Asamoahs Rücktrittsgedanken
BLZ: Der Nordostdeutsche Fußball-Verband reagiert allzu zaghaft auf erneute rassistische Übergriffe gegen den Oberliga-Spieler Adebowale Ogungbure
Tsp: Die große Linie des DFB gegen Rassismus und Antisemitismus gibt es noch nicht

FAZ: Über Fußballbücher an der Buchmesse

Am Grünen Tisch

Weltmeister in der Kategorie folgenloser Power-Point-Präsentationen

Über die politische Bedeutung der WM 2010 für Südafrika und die hohe Kriminalitäts- und Gewaltrate – Joseph Blatter will das Elfmeterschießen in WM-Finals abschaffen, „in der Regelkommission sitzen vermutlich viele Engländer“ (FAZ)

WM 2010 – zwei weitere Texte, die die großen Probleme Südafrikas mit dem Stadionbau und mit Kriminalität und Gewalt behandeln. Allein, Geld sei genug da, weil die Politiker die WM 2010 als einmalige Chance begriffen, Südafrika den Weg zu weisen, erfahren wir vom Afrika-Korrespondenten der FAZ, Thomas Scheen. Er leitet aus dem Willen der südafrikanischen Politiker, die WM auszurichten, die vorsichtige Prognose ab, daß die WM wie und wo geplant stattfinden werde: „Die Kritiker verkennen den ungeheuren politischen Stellenwert, den die Ausrichtung der ersten WM in Schwarzafrika für das Land am Kap hat. Das Schwellenland Südafrika geriert sich gern als gleichwertiger Partner der entwickelten Länder, und die WM ist der Lackmustest. Für Präsident Thabo Mbeki, der 2010 nicht mehr im Amt sein wird, ist die Weltmeisterschaft zudem so etwas wie ein politisches Vermächtnis. Nelson Mandela steht für das Ende der Apartheid und damit die Rückkehr des geächteten Südafrika in die Staatengemeinschaft. Sein Nachfolger Mbeki arbeitet an seinem eigenen Denkmal, nämlich als Architekt der wirtschaftlichen und politischen Emanzipation des Landes in die Geschichtsbücher einzugehen. Sein Anspruch ist, daß Südafrika international ernstgenommen wird, und kein Symbol ist dafür besser geeignet als ein globales Ereignis wie die Fußball-WM.“

Dennoch bestünden Zweifel an der Zuverlässigkeit der Organisatoren, die Zeichen seien unverkennbar: „Von ihrer ursprünglichen Forderung, daß die Arenen bis 2008 fertiggestellt sein sollen, mußte die Fifa mittlerweile Abstand nehmen. Die südafrikanische Regierung wird abermals ihrem Ruf gerecht, heimlicher Weltmeister in der Kategorie folgenloser Power-Point-Präsentationen zu sein.“ Scheen zitiert südafrikanische Zeitungen, die die Verpflichtung Horst Schmidts, des Vizepräsidenten des deutschen WM-OKs, kommentieren: „Südafrika bekommt ein Kindermädchen.“ Die FR verweist auf die Tötungsrate: „Jahr für Jahr werden mehr als 19.000 Südafrikaner ermordet.“

In der Regelkommission sitzen vermutlich viele Engländer

Joseph Blatter will das Elfmeterschießen in WM-Finals abschaffen, und Peter Penders (FAZ) klopft sich auf die Schenkel: „Ein Wiederholungsspiel bei einem Finale ohne Sieger – der Anstand verbietet es, darüber zu spekulieren, wie bunt die Abendgestaltung war, bei der eine solche Idee geboren wurde. Die Fifa könnte zwar darüber nachdenken, ob sie das Abseits abschafft, um das Spielfeld zu vergrößern, sie könnte den fliegenden Wechsel einführen, statt als einzige Spielsportart immer noch die Anzahl der Einwechslungen zu begrenzen. Warum aber will der Präsident bloß genau das abschaffen, was der Fernsehzuschauer am allerliebsten sieht? Es ist kein Fußballspiel bekannt, bei dem die Einschaltquote sank, nachdem die Verlängerung beendet war, und weil das Gegenteil richtig ist, würde kein Sender der Welt auf die Idee kommen, das Elfmeterschießen abzuschaffen. Abgesehen davon wäre das ein schönes Durcheinander, wenn Tausende Flüge umgebucht und Hotelzimmer verlängert werden müßten – was aber Blatter selber natürlich weniger betrifft. Es kann nur einen Grund geben: In der Regelkommission sitzen vermutlich viele Engländer.“

welt.de-Interview mit Felix Magath: Ballack fehlt uns, und meine Arbeit wird hier nicht gewürdigt

FR: Die Lage beim SC Freiburg

Deutsche Elf

Unabhängige Instanz

Joachim Löw hat die Presse für sich gewonnen; er gewinnt im Vergleich mit Jürgen Klinsmann an Profil; die Journalisten erkennen Löws Vorzüge: Ruhe, Besonnenheit, Höflichkeit – bei anhaltendem entschiedenen Reformwillen / „Klinsmanns Einpeitscher-Szenen im Sommermärchen wirken künstlich“ (SZ)

Michael Ashelm (FAZ) stellt Löws Besonnenheit als sein wichtigstes Wesensmerkmal heraus: „Der Wille zu Veränderungen bleibt einer der wichtigsten Grundsätze“, doch „Löw erneuert auf stille Weise“. Löws Diplomatie gegenüber der Liga verschaffe ihm Unterstützung: „Die Bundesliga hat nicht wie erhofft einen neuen Schub nach der Weltmeisterschaft erhalten. Im Gegenteil, die Darbietungen nähren den Eindruck, der Abstand zur ausländischen Konkurrenz könnte sich sogar vergrößern. Der Bundestrainer will das allerdings nicht kommentieren, im Gegensatz zu früheren Tagen, wo sein Vorgänger oder auch Oliver Bierhoff die Defizite in der Bundesliga offen ansprachen. Der Bundestrainer bleibt ruhig und läßt vorerst die tadellose Bilanz der Nationalelf sprechen.“

Stefan Hermanns (Tsp) findet Gefallen daran, daß Löw Taten sprechen läßt: „Löws exzessive Nominierungspraxis kann man auch als Signal an die Bundesliga verstehen: Seht her, es gibt auch deutsche Spieler, die es zu fördern lohnt!“ Auch Andreas Lesch (BLZ) fällt auf, daß Löw drei unerfahrene Bundesligaspieler (Schlaudraff, Trochowski, Fritz) angerufen hat: „Der Bundestrainer betrachtet sich als Instanz, die unabhängig von der Bundesliga und ihren Maßstäben ist. Er ist selbstbewußt genug, schnelle oder ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen. Er vertraut der eigenen Weitsicht mehr als der hin und wieder auftretenden Kurzsichtigkeit der Klubs.“ Ralf Köttker (Welt) betont Löws Höflichkeit: „Im Gegensatz zu Vorgänger läßt er sein Umfeld die Hierarchien nicht so deutlich spüren. Der kompromißlose Klinsmann verbreitete bei Untergebenen oft Angst, bei Löw ist es Respekt. Wo Klinsmann E-Mails verschickt hat, greift Löw lieber zum Telefon.“

SZ: Löw beruft ungewöhnlich viele Neulinge – doch der Nachwuchs tut gut daran, nicht zu kühne Träume zu verfolgen

Klinsmanns Einpeitscher-Szenen wirken künstlich

Philipp Selldorf (SZ) gewinnt aus dem Kinogang die Erkenntnis, daß Löw der Bessere sei: „Während sich Klinsmann in der Rolle des Motivators abmüht, sieht man Lukas Podolski gähnen, Michael Ballack träumen und Bernd Schneider mit unbeteiligter Miene im Türrahmen stehen, als ob er nur aus Höflichkeit das Ende der Predigt abwartet. Und man kann es ihnen auch nicht verdenken. Klinsmanns zum Teil erstaunlich rüde Worte erreichen nicht das Niveau der sportlichen Leistungen seiner Mannschaft, und sie passen auch nicht zu ihm, sie wirken künstlich. Nach Ansicht dieser Einpeitscher-Szenen wird noch deutlicher, warum Klinsmann nach der WM unmöglich seine Arbeit fortsetzen konnte. Umso interessanter ist dann der Gegensatz: Den faktischen und taktischen Erläuterungen von Joachim Löw und Urs Siegenthaler folgen die Spieler mit gespannter Aufmerksamkeit.“

Zeit: Das Sommermärchen mit Schiller gesehen

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Internationaler Fußball

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