indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Sonntag, 24. Juli 2005

Interview

Im Fall Klinsmann hat die SZ massiv Politik gemacht

Telefonat mit Gregor Derichs, freier Journalist, über Vor- und Nachteile der Kommunikation Jürgen Klinsmanns, dessen Verhältnis zu Medien und die Unsäglichkeit der DFB-Pressekonferenzen im Fernsehen

indirekter-freistoss: Wie bewerten Sie die Kommunikation Jürgen Klinsmanns, der nun ein Jahr Bundestrainer ist?

Derichs: Ich erkenne eine Schwäche: Mir ist sein Optimismus zu dick aufgetragen. Das mag seine Art sein, ich kritisiere das nicht öffentlich. Aber geheuer ist mir das nicht. Ich würde als Trainer ein bisschen bremsen. Rudi Völler ist nach dem zweiten Platz bei der WM 2002 immer skeptisch geblieben. Gut, Probleme mit dem Selbstbewusstsein kann man Klinsmann nun wirklich nicht nachsagen, doch er sollte sich davor hüten, die Erwartungen zu sehr zu „pushen“. Auf der anderen Seite muss man ihm große Selbstständigkeit attestieren. Das ist ihm sehr wichtig – kein Geklüngel, kein Hintenrum, keine geheimen Absprachen, keine Seilschaften aus seiner Spielerzeit, keine Gefälligkeiten. Der Mann ist unabhängig, das sieht man auch an seinem Verhältnis zum DFB.

if: Sehen Sie eine Gefahr für Klinsmann, dass er den Schwung verliert, den er mitnehmen will? Vielleicht durch eine Personalentscheidung…

Derichs: In manchen Dingen hat er sich ungeschickt verhalten, und das könnte auf ihn zurückschlagen. Ich nenne zwei Beispiele: Erstens, als er die Torwartfrage bis Mai 2006 verlängert hat, teilte er das so beiläufig mit, dass man den Eindruck bekam, es wäre ihm rausgerutscht. Mir sind Brisanz und Nachrichtenwert dieser Entscheidung erst nachher klargeworden, als ich mit einem Kollegen darüber sprach. Ich hätte Klinsmann empfohlen, dieses Thema sorgfältig zu klären und ausführlich zu begründen. Offensichtlich hat er das auch intern unzureichend besprochen, selbst Andreas Köpke sagte: „Davon weiß ich ja gar nichts.“ Zweitens haben uns Klinsmann und Bierhoff nach dem Champions-League-Sieg Liverpools Didi Hamann als den herausragenden Spielmacher der Welt dargestellt. Hamann hatte bis dahin gar nicht unter Klinsmann gespielt, von ihm war nie die Rede gewesen; plötzlich hieß es: „Nur deswegen, um andere zu testen.“ Bei Christian Wörns übrigens argumentierten sie im Frühjahr ähnlich, es war ebenfalls überraschend. Das ist unglaubwürdig, da sehe ich eine große Gefahr für die künftige Kommunikation seiner Personalentscheidungen. Da kann es schnell heißen: „Jetzt macht er das gleiche wieder.“ Mein Eindruck ist, manche Journalisten warten geradezu auf seine Fehler. Rudi Völler hat man vieles nachgesehen; Klinsmann kriegt das immer aufs Butterbrot geschmiert. Die Fans mag er auf seiner Seite haben; sein Verhältnis zu den Medien scheint gespalten.

if: Wie kommt das?

Derichs: Er jongliert mit den Medien und instrumentalisiert uns. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was er sagt und dem, was er tut. Er redet sehr wenig über Fußball. Zum Beispiel im Frühjahr in Slowenien: Als man ihn fragte, ob er nun die Balance zwischen Abwehr und Angriff suche, sagte er: „Nein, nein, wir spielen immer stramm nach vorne.“ Dabei plante er etwas ganz anderes. Wenn man sich die Mannschaft heute, drei Monate später, ansieht, stellt man fest: Sie spielt gar nicht mehr bedingungslos offensiv. Sportliche Entwicklung und sportliches Geschehen – das ist, was uns Journalisten interessiert, das ist, worüber man mit uns offen reden sollte.

if: Seltsam, oft hört man von Trainern und Spielern, die deutschen Fußballjournalisten würden nicht gern über Taktik und Sportliches sprechen und schreiben – im Vergleich mit ihren Kollegen aus Italien und England.

Derichs: Ich kenne diesen Vorwurf – und kann ihn nur an den DFB zurückgeben: Wenn Ihr wenig über Fußball sprecht, haben wir keine Möglichkeit, in die Mannschaft „reinzuschauen“. Ich selbst bin Diplomschullehrer mit Schwerpunkt Fußball und kann recht viele Aspekte beurteilen. Ich würde gerne mehr Eindrücke über das Sportliche sammeln und kann nicht mal mehr beim Training zusehen, höchstens 15 Minuten Stretching. Alle Ausführungen zur Mannschaft lehnt Klinsmann aus strategischen Gründen ab. Dafür habe ich ein gewisses Verständnis; ein Trainer muss nicht seine Mannschaftsaufstellung 24 Stunden vorher benennen. Aber wir finden keinen „Anpack“, mit ihm über Sport zu reden. Dann dürfen sich Klinsmann und der DFB nicht wundern, wenn ein Thema wie Kalifornien immer wieder gespannt wird.

if: Da sehen Sie eine Ursache, nach dem Motto: selber schuld?

Derichs: Ja, aber es ist nicht allein Klinsmanns Aufgabe, sondern auch die Harald Stengers (Direktor für Öffentlichkeitsarbeit). Er müsste Klinsmann besser beraten, etwa: „Hör mal, wir gehen zur Pressekonferenz und erzählen was übers Torwarttraining! Wenn du denen ein Thema vorgibst, funktioniert das.“

if: Wie ist sein Verhältnis zur Bild-Zeitung?

Derichs: Er ist deutlich unabhängiger als andere vor ihm. Gegenüber Medien ist er auf Selbstständigkeit bedacht. Die Bild-Zeitung kommt ihm mit ihrer traditionellen Dominanz sogar sehr gelegen, um sein Profil zu schärfen. Für die Leute von Bild ist es außerdem extrem wichtig, dass sie die Aufstellung am Spieltag drucken. Und die bekommen sie, aller Mühen zum Trotz, nicht mehr. Ich weiß ja auch nicht, warum ihnen das so wichtig ist, warum sie daraus einen Sport machen.

if: Und die anderen Zeitungen?

Derichs: Die größte Nähe hat die SZ, ihre Beziehung zu Klinsmann ist ungewöhnlich loyal, sie haben einen Draht zu ihm. Und sie haben ihn mit in Position gebracht, in der er nun ist. In der SZ hatte sich Klinsmann erstmals dazu geäußert, dass er sich das Amt vorstellen könne. Anfangs habe ich gestutzt, weil er früher immer gesagt hatte, mit dem Business wolle er nichts mehr zu tun haben. Die SZ brachte ein Modell mit Klinsmann und Louis van Gaal ins Gespräch. Am Ende war es plötzlich Klinsmann allein. Ich glaube, Sie haben im freistoss mal in einem Teaser geschrieben, dass mittlerweile die SZ im Fußball Trends und Tendenzen setzt; das ist oft richtig. Im Fall Klinsmann hat sie sogar massiv Politik gemacht.

if: Die FAZ hat die deutsche Mannschaft euphorisch bewertet. Woher kommt die Begeisterung für die deutsche Mannschaft? Denken wir auch an die Fans – ist das kein Kommunikationserfolg Jürgen Klinsmanns?

Derichs: Da gibt es keinen direkten Zusammenhang, aber es gibt andere Gründe: Erstens ist die Nationalmannschaft des Deutschen liebstes Sportkind. Zweitens ist die Fan-Stimmung in den vergangenen Jahren insgesamt sehr gut; in der Bundesliga, sind die „Hütten“ ja auch voll. Das liegt zum einen an den moderaten Eintrittspreisen im Vergleich mit dem Ausland, zum zweiten am „Live-Faktor“; auch Konzerte sind schnell ausverkauft. Die Leute erleben sich als Teil des Events; dauernd vor Fernsehen sitzen, ist langweilig. Dass die deutsche Elf und auch Klinsmann gefeiert werden, wie in Leipzig, hängt natürlich drittens mit ihrer Spielweise zusammen. War ja auch ein tolles Spiel gegen Mexiko. Die Mannschaft marschiert, und das ist Klinsmanns Verdienst. Mit der Kommunikation hat das nicht viel zu tun.

if: Wie ist Klinsmanns Team, zum Beispiel Urs Siegenthaler?

Derichs: Klinsmann hat sich die richtigen Mitarbeiter geholt. Siegenthaler macht einen sehr kompetenten Eindruck, ebenso die Fitness-Trainer. Auch Joachim Löw ist ein offener Gesprächspartner. Alles, was Klinsmann sportlich bewegt hat, ist positiv. Diese Personalien entsprechen meiner Forderung nach Umbau, die ich immer geäußert habe. Das Umfeld beim DFB war fürchterlich altbacken und spießbürgerlich.

if: Sollten Siegenthaler und die Fitness-Trainer mehr in den Vordergrund?

Derichs: Ja, das wäre ein gutes Mittel zur Kooperation. Wie wär’s, wenn der DFB uns an Pressekonferenzen Urs Siegenthaler statt, überspitzt gesagt, die Ersatzspieler Brdaric und Owomoyela auf das Podest setzen würde? Das würde das Funktionsfeld durchleuchten. Ob Siegenthaler angenommen würde? Ich weiß es nicht, aber einen Versuch wäre es wert. Wir Journalisten sollten jedoch mit Kritik an den Pressekonferenzen sehr vorsichtig sein. Denn wir haben die Gestaltung der Pressekonferenz in der Hand.

if: Stichwort Pressekonferenz. Was halten Sie davon, diese im Fernsehen zu übertragen?

Derichs: Das sind Katastrophenveranstaltungen.

if: Inwiefern?

Derichs: Sie sind gestelzt. Sobald eine Kamera an ist, sprechen unsere Bezugspersonen anders. Das kennt man aus dem Alltag: Wenn wir irgendwo vor einer Kabine stehen und mit einem Spieler sprechen, und es kommt ein Kollege mit einer Kamera, ändert sich der Ton sofort.

if: Der Ton wird anders?

Derichs: Ja, politisch korrekt. Die Spieler reden vorsichtiger und umgehen Themen, mit denen sie im Einzelgespräch kein Problem hätten. Das gleiche gilt für die andere Seite, den Journalisten. Er fragt befangener. Ein weiteres Problem: Wenn die Kameras bei Pressekonferenzen laufen, fragen plötzlich Leute, die sonst nie fragen würden. Warum? Ihre Redaktionen fordern: „Zeig dich!“ Dann gibt es andere, die fragen nicht mehr, weil sie eine Hemmung fühlen. Oder weil sie einen verrückten Chef haben, der ihnen sagt: „Wenn ich euch da sehe, dann ist der Teufel los!“ Tatsächlich gibt es das bei einer großen deutschen Tageszeitung. Bei Pressekonferenzen, ob sie übertragen werden oder nicht, haben wir ohnehin das Problem, inwieweit wir unsere Idee und unser Thema dem konkurrierenden Kollegen präsentieren. Da hält man sich immer ein wenig zurück. Mit der Übertragung der Pressekonferenz nimmt man uns Schreibenden außerdem unseren Informationsvorsprung.

if: Wie könnte man die Pressekonferenzen gewinnbringender gestalten?

Derichs: Uns Journalisten schreibe ich ins Stammbuch: Wir holen, sagen wir, aus Ballack und Kahn, die beide gut sprechen können, zu wenig raus. Wenn die Lage brisant ist, müssen wir sie ins Kreuzfeuer nehmen – wie bei einer amerikanischen Pressekonferenz: Da muss eine Frage nach der anderen kommen. Wenn wir das nicht machen, dürfen wir nicht aus dem Saal rausgehen und meckern: „Mann, das war wieder eine miserable PK!“ Dazu dürfte aber Stenger die Fragen nicht nach Meldung chronologisch aufrufen. Kollege X fragt: „Wie geht es jetzt strategisch weiter?“ Und dann kommt Kollege Y mit der Frage nach dem Oberschenkel Arne Friedrichs. Drei Fragen später knüpft irgendwer an die erste Frage. Die Pressekonferenz wird thematisch zerrissen, von einer Diskussion kann keine Rede sein. Das habe ich Stenger auch gesagt. Er selbst klagt darüber, dass die Leute, die die Mikros schleppen, zu langsam sind und dadurch oft lange Pause entstehen.

if: Eigentlich sehr fernsehfeindlich, zumindest in dieser Form.

Derichs: Furchtbar ist das. Der VDS (Verband deutscher Sportjournalisten) hat sich in dieser Entscheidung überrumpeln lassen, ohne sich darüber klar zu sein, was das bedeutet. Das rückgängig zu machen, ist sehr schwierig. Wir denken tatsächlich über einen Boykott nach, um ein Druckmittel zu bekommen. So peinlich empfinden die meisten diese Veranstaltung.

if: Beschreiben Sie bitte das Verhältnis der Fußballjournalisten untereinander!

Derichs: Oft entspannt sich die Konkurrenzsituation, wenn wir länger zusammen auf der Piste sind, wie bei großen Turnieren. Dann unterstützen sich Kollegen mehr. Um so eine Kollegenschaft zu verstehen und um zu wissen wie die tickt, muss man mit ihr reisen. Wenn 80 Schreiber sieben Wochen in Japan und Korea unterwegs sind, wächst eine funktionierende Gruppe zusammen. Man verhält sich kollegial, tauscht Stimmen aus, hilft bei Themensuche und Recherche. Das Heimspiel Confed-Cup hingegen ist eine Sternfahrt: Alle kommen aus verschiedenen Richtungen und wohnen verstreut, die Kontakte sind nur locker, die Gruppe wird zudem immer größer. Das macht das Arbeiten schwierig. Bei der WM wird es noch komplizierter.

if: Machtfeld Nationalmannschaft – wie bewerten Sie den ständigen Urteilswillen von Karl-Heinz Rummenigge, Felix Magath und Uli Hoeneß?

Derichs: Die Bayern sind nun mal die größte Fraktion in der Nationalelf – logisch, dass Rummenigge und Hoeneß da mitreden wollen. Das mag zwar manchmal Blödsinn sein, aber immerhin nehmen sie sich des Themas Nationalmannschaft an. Die Bremer haben zwar auch viele Nationalspieler, aber nicht die entscheidenden. Klaus Allofs ist ohnehin ein anderer Typ. Die Bayern-Lobby gibt es, doch wenn Jens Lehmann davon spricht, die Bayern-Maschinerie habe für Kahn gearbeitet, ist das Unsinn. Die haben Kahn gedeckt, wenn ein Konflikt aufkam. Seinen Status hat er sich definitiv durch Leistung erworben. Übrigens: 2002 hatten wir eine Leverkusen-Lobby. Dieser kleine Verein war durch Völlers Heimatbezug sehr stark geworden. Und plötzlich sprang Reiner Calmund um die Nationalmannschaft rum, als Mitglied der Task Force. Das lag natürlich an starken Spielern: Ballack, Nowotny, Schneider, Ramelow, Neuville.

if: Wird die Bayern-Lobby die Torwartfrage beeinflussen?

Derichs: Nein, das glaube ich nicht. Die Stärke von Klinsmann ist seine Unabhängigkeit. Er lässt sich nicht reinreden.

if: Gibt es ein Thema, das die Medien beim Confederations Cup übersehen oder unterschätzt haben?

Derichs: Ich muss zugeben, dass mir nichts einfällt.

if: Ich denke an das Mexiko-Spiel: Mir als TV-Zuschauer war es unangenehm, wie die Leipziger die braven und fairen Mexikaner ausgebuht haben. Außerdem ist die deutsche Elf in den letzten Monaten so unfair wie lange nicht gewesen. Ich denke an das Foul Schweinsteigers gegen den Australier Tony Popovic oder das Foul Ballacks gegen die Russen Marat Ismailow; beide Gefoulte mussten ausgewechselt werden.

Derichs: Das ist Klinsmann.

if: Ist das Klinsmann?

Derichs: Ja, auch das ist Klinsmann. Die Grenze zwischen starker Physis und Härte fließen bei ihm. Als Spieler – er war ja immer der Fitteste – hat er bei der Euro 1996 im Viertelfinale gegen Kroatien nach 20 Minuten einen umgehauen. Das hat er hinterher damit begründet, ein Zeichen setzen zu müssen. Härte sieht er als Zeichen der Professionalität und verlangt es von seinen Spielern. Ich kann mir gut vorstellen, dass er von seinen Spielern fordert, „den Gegnern auf die Socken zu gehen“. Die Spielweise der Elf kann jedenfalls sehr ruppig sein, und aggressiv soll sie ja sein. Michael Ballack liegt das, weswegen man ihn nie mit Andreas Möller vergleichen würde. Er hält dagegen, und deshalb ist er auch ein guter Kapitän.

if: Auch über die sehr gute Leistung des australischen Schiedsrichters Breeze im Mexiko-Spiel hätte ich gerne mehr gelesen. Er hat eine zentrale Rolle gespielt, weil er sich nicht, wie man erwarten könnte, von dem Publikum hat anstecken lassen.

Derichs: Also ich fand, dass er ein bisschen kleinlich gepfiffen hat; Mike Hanke hätte er nicht unbedingt Rot zeigen müssen. Aber er ist bei seiner Linie geblieben, das ist das wichtige. Und es ist immer heikel, ein Publikum zu kritisieren. Ein Länderspielpublikum ist oft noch problematischer. Das sind Leute, die nicht oft zum Fußball gehen. In Leipzig war das wohl anders. Es gehört halt dazu, Gegner und Schiedsrichter unter Druck zu setzen. Mit Fairness hat das, zugegeben, wenig zu tun.

if: Letzter Punkt, wer sind die Sieger des Confed-Cups?

Derichs: Der deutsche Fußball. Zum ersten wegen der Mannschaft, die ungewöhnlich forsch nach vorne spielt; ihr ist anscheinend wirklich ein 4:3 lieber als ein 1:0. Zum zweiten wegen der Stimmung in den Stadien. Und: Die Mexikaner haben gezeigt, wie gut sie sind.

Fragen von Oliver Fritsch

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Interview

Die freistoss-Analyse der Hintergrundgespräche

Kritik an Jürgen Klinsmann

Jürgen Klinsmanns Kritik an den Medien im Allgemeinen und gegen den Boulevard im Besonderen, geäußert im ZDF und in der FAZ, hat jeder gehört und gelesen. Viele Kollegen muss man darauf gar nicht erst ansprechen, sie erwähnen diesen „Angriff“ in den Gesprächen ungefragt; besonders Berries Boßmann betont, dass er ihn als „Drohung“ empfindet. Das Ziel von Klinsmanns Aussagen ist offensichtlich und leicht zu entschlüsseln: die Bild-Zeitung, das haben alle erkannt. Walter Straten aber will sich nicht angesprochen fühlen und spielt die Sache herunter.
Vertreter der Printmedien fürchten aus drei Gründen Bevormundung, Verlust an Status und Entzug der Arbeitsgrundlage. 1. Michael Ashelm sorgt sich nach Klinsmanns Aussagen im FAZ-Interview über die Folge gerade für die Schreibenden. 2. Durch die Beschränkung des Zugangs zu Pressekonferenzen werde vielen Kollegen die Grundlage der Berichterstattung entzogen, fürchtet Michael Horeni. 3. Dass die DFB-Pressekonferenz live im Fernsehen übertragen wird, ist den Schreibenden ein Graus, denn ihnen werde die Story verbrannt.
Die einseitige Rhetorik, die alle Jürgen Klinsmann vorhalten, könnte die Berichterstattung über die positive sportliche Entwicklung verdecken. Auf „Schönrednerei“ und Monotonie verweisen alle Journalisten, nur manche entwickeln Verständnis für die zugrunde liegende Pädagogik und „Philosophie“, wie Ashelm. Doch es dominiert die Ablehnung, damit verbunden könnte ein Verlust an Kredit und Glaubwürdigkeit sein.
Klinsmanns Verhältnis zu den Medien ist ein sehr umstrittener und sensibler Punkt. Seine vermutliche Nähe zur SZ beäugen die manche Journalisten missmutig. Boßmann schreibt der SZ einen großen Anteil bei der Einstellung Klinsmanns zu. Ashelm wiederum betont die Unabhängigkeit Klinsmanns gegenüber Pressevertretern, was Boßmanns Auffassung eher zustimmt als widerspricht. Horeni dagegen wirft ein, dass das Leitmedium in Deutschland nach wie vor die Bild-Zeitung sei.
Einige Journalisten sorgen sich um den Gefühlszustand Klinsmanns und warnen vor dem Werdegang Rudi Völlers, der im Umgang mit Medienkritik irgendwann die Nerven verloren und in zu viele Richtungen ausgeteilt habe.
Die „Wohnsitzdebatte“ wird vermutlich fortgeführt werden – wenn der Erfolg ausbleiben sollte, sehr heftig; wenn der Erfolg anhält, leiser, aber sie wird geführt werden. Sie spaltet die Journalisten: Die Boulevard-Journalisten wollen Klinsmann in ihrer Nähe haben, ihr stärkstes Argument ist ein sportliches: die Validität der Spielerbewertung im Stadion. Den befragten Journalisten der SZ und der FAZ ist es gleichgültig.
Die Torwartfrage hat an Brisanz verloren, insbesondere für die Qualitätspresse hat das Thema sich bis auf weiteres erledigt; sie würde jeder Entscheidung offen begegnen. Für Straten hingegen ist es ein attraktives Thema. Auch die Sport-Bild sieht in Oliver Kahn noch immer den „Titan“, den Klinsmann unnötig erniedrigt habe. Jede andere Nominierung als die ihres „Lieblings“ ist für Bild und Sport-Bild nicht denkbar.
Gefahr, zumindest laute Kritik, vermutet Boßmann im Misserfolgsfall durch die „Rasierten“: Sepp Maier, Bernd Pfaff, Michael Skibbe und so weiter.

Lob für Klinsmann

Die Offensive auf dem Spielfeld gilt bei allen als großer Erfolg Jürgen Klinsmanns.
Ein großes Plus Klinsmanns bei den Medien sind seine Zielstrebigkeit, Unabhängigkeit und Konsequenz, mit denen er seinen Weg geht.
Das Trainerteam wird allseits gelobt, sowohl deren Kompetenz als auch die Zusammenarbeit mit ihnen. Oliver Bierhoffs Einstellung bewertet Boßmann als klugen Schachzug, Joachim Löw ist ein gesuchter Gesprächspartner, Urs Siegenthaler hat die anfängliche Skepsis gegen ihn besiegt.
Der Medientag findet großen Anklang bei den befragten Journalisten, besonders Christof Kneer. Und in der Tat: Kneers Analyse der deutschen Abwehr (SZ v. 7.6.) ist einer der auffälligsten Texte dieses Jahres.

Erwartungen und Wünsche an den DFB

Kneer wünscht sich mehr Substanz und mehr Erkenntnis in der Pressearbeit. Gregor Derichs verlangt mehr Sportliches auf Presskonferenzen. Horeni dagegen stellt bereits mehr Substanz als bei allen Vorgängern fest.
Öffentliche Trainingseinheiten wünschen sich alle öfter und früher, zeigen jedoch Verständnis dafür, dass Training nicht immer für alle zugänglich sein kann.

Sonstiges

Es fällt auf, dass die Schlagzeilen und -wörter der Bild-Zeitung von der Branche – und von Bild selbst – scheinbar nicht ganz ernst genommen werden oder besser: heruntergespielt. Selbst Straten distanziert sich vom eigenen Vorgehen. Welche große Wirkung bild erzielen kann, das wissen vermutlich dennoch alle.
Über die „Bayern-Lobby“ äußern sich alle Befragten ähnlich, auch ähnlich ungenau – außer Horeni, der am Beispiel der Nominierung Carsten Janckers für die WM 2002 den Druck von Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer gespürt habe.
Es gibt vier Gründe, die aus Sicht der Befragten gegen eine TV-Übertragung sprechen: Erstens „schreit das Ganze nach Glosse und Kabarett“ (Kneer). Zweitens ändere die Anwesenheit von Kameras das Verhalten aller. Drittens verunmögliche die Dramaturgie der Live-Übertragung eine lebendige, kritische und kohärente Befragung. Viertens benachteilige die Übertragung die Arbeit der Schreibenden.

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Samstag, 23. Juli 2005

Deutsche Elf

Herr Klinsmann muss begreifen, dass er die Medien nicht beeinflussen kann

Berries Boßmann
Telefonat mit Berries Boßmann, Redakteur der Sport Bild, über Jürgen Klinsmanns Drohung an die Medien, den Zerstörer Robert Huth und den klugen Schachzug, Oliver Bierhoff als Manager einzusetzen

indirekter-freistoss: Oft äußern sich Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Felix Magath über die deutsche Nationalmannschaft, auch in der Sport-Bild. Wie groß ist der Einfluss des FC Bayern auf Jürgen Klinsmann und den DFB?

Boßmann: Dass der FC Bayern versucht, Einfluss zu nehmen, etwa im Konkurrenzkampf der Torhüter, weiß man. Doch auch Bayern-Spieler müssen Leistung bringen, um Nationalspieler zu werden. Es wird nie so weit kommen, dass die Bayern-Führung bestimmen wird, wie viele Spieler ihres Vereins in der Nationalmannschaft spielen. Natürlich werden sie sich immer wieder über zu viele Termine beklagen, und Felix Magath will seine Spieler wieder nicht rausrücken, weil er in der Champions League spielt. Ein Bundestrainer überlegt sich natürlich drei Mal, ob er sich mit den Bayern anlegt. Es klingt halt anders, wenn der VfL Wolfsburg protestiert.

if: Einfluss auf die Aufstellung der Nationalmannschaft vermuten Sie nicht?

Boßmann: Nein, damit würde sich jeder Bundestrainer sehr angreifbar machen. Da haben Medien mehr Einfluss als die Bayern.

if: Vielleicht gibt es ein Zusammenspiel zwischen den Bayern und den Medien…

Boßmann: Sie meinen, dass die Bayern und die Bild-Zeitung zusammen bestimmen, wer für Deutschland auflaufen darf? Das schließe ich aus.

if: Ist, wie oft behauptet, die Süddeutsche Zeitung das neue Fußball-Leitmedium?

Boßmann: Die SZ hat Klinsmann durch ein Interview im Juli 2004 ins Amt geholfen. Da steht man sich näher.

if: Das klingt abwertend. Woran machen Sie das fest? Behandelt die SZ Klinsmann unkritisch?

Boßmann: Man spürt Sympathie auf beiden Seiten. Zuletzt gab er ein Interview im SZ-Magazin? Haben Sie das gelesen?

if: Ja, auch vielen anderen Journalisten ist das im Gedächtnis geblieben.

Boßmann: Die Berichterstattung über Klinsmann fällt schon aus dem gewohnten Rahmen, gerade wenn man bedenkt, dass sich die SZ kritische, ironische und sarkastische Berichterstattung auf die Fahne schreibt – und auch dafür geschätzt wird.

if: Klinsmann hat kürzlich in der FAZ angekündigt, die Zusammenarbeit mit den Medien möglicherweise einzuschränken („Wir können die Arbeit mit den Medien auch zurückschrauben“). Was sagen Sie dazu?

Boßmann: Mich ärgert es sehr, ich empfinde es als Drohung. Hier sollen Pressearbeit beschnitten und Kritiker mundtot gemacht werden. Jürgen Klinsmanns Behauptung, es bestehe ein Unterschied zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung, ist ein stark überzogener Vorwurf – und ein Irrtum. Es ist nämlich keineswegs so, dass die öffentliche Meinung immer mit Klinsmanns Meinung übereinstimmt.

if: Wen hat Klinsmann mit seiner Schelte gemeint, oder war es ein Rundumschlag?

Boßmann: Er spielt vermutlich auf den „Fall Robert Huth“ an, der nach dem Australien-Spiel bei Bild mächtig in der Kritik stand – zu Recht, übrigens. Bild hat ja schon einige Sachen gemacht, die Klinsmann nicht gepasst haben, etwa die ständige Diskussion um seinen Wohnsitz. Wie viele Kritiker sage auch ich: Klinsmann gehört hierher. Wenn man sich einen Überblick über den Leistungsstand eines Spielers schaffen will, muss man im Stadion sitzen und das komplette Spielfeld sehen. Ein kleiner Ausschnitt im Fernsehen in der Zusammenfassung und in 5000 Kilometern Entfernung ersetzt das nicht. Je näher die WM rückt, desto mehr sollte Klinsmann in den Bundesliga-Stadien zu sehen sein. Das kritisiert die Bild-Zeitung zu Recht.

if: Wie bewerten Sie andere Aspekte seiner „Reform“?

Boßmann: Unter Klinsmann hat sich viel geändert, vieles zum Guten, aber nicht alles.

if: Können Sie das genauer beschreiben?

Boßmann: Nehmen wir zum Beispiel die Torwartfrage: Lohnt es sich wirklich, eine dauerhafte Rotation einzuführen? Hat Jens Lehmann solch herausragende Leistungen gebracht, dass man Oliver Kahn in Frage stellen und ihm obendrein die Kapitänsbinde nehmen muss? Nun heißt es, dass diese Entscheidung die Leistung Kahns verbessert haben soll. Doch hat seine Steigerung wirklich mit dem Konkurrenzkampf zu tun? Ich bezweifle es.

if: Zu seiner Pressearbeit: Was ist Klinsmanns Stärke, was ist seine Schwäche?

Boßmann: Da sind wir bei dem entscheidenden Thema. Seine Stärke ist zugleich seine Schwäche: Er redet schwache Leistungen gut. Dadurch vermittelt er einerseits seinen Spielern die Gewissheit, dass er hinter ihnen steht. Andererseits verliert er dadurch unter Beobachtern an Glaubwürdigkeit. Nehmen wir das Nordirland-Spiel im Vorfeld des Confed-Cups: Patrick Owomoyelas Leistung war katastrophal, Klinsmann will ihn gut gesehen haben, und die Journalisten haben nur mit dem Kopf geschüttelt. Gleiches gilt für seine Aussagen über das Mittelfeld, als er sich festgelegt haben wollte, dass Fabian Ernst, Bernd Schneider und Torsten Frings die Platzhalter seien und die jungen Spieler „nur“ Herausforderer. Vier Tage später im Spiel gegen Russland schießt Bastian Schweinsteiger zwei Tore und wird fortan gesetzt sein; Ernst hat man kaum mehr gesehen. Durch Schönrednerei und Widersprüche hat Jürgen Klinsmann unter Journalisten an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

if: Wie ist die Begeisterung der Fans für die deutsche Elf zu erklären? Trägt Klinsmann Anteil daran?

Boßmann: Ja. Die Fans haben ihr Herzen für die Nationalmannschaft in erster Linie dank Jürgen Klinsmanns Fußballphilosophie wiederentdeckt. Er bevorzugt einen anderen Fußball als seine Vorgänger, etwa Rudi Völler, der sehr viel Wert auf Sicherheit gelegt hat: Ergebnisfußball, eben. Klinsmann hingegen lässt Hurra-Fußball spielen, der sehr attraktiv, mutig und herzerfrischend offensiv ist, aber auch viele Risiken birgt. Während der WM kann er das in dieser Form nicht spielen lassen – zumindest nicht mit Erfolg. Alles nach vorn und darauf hoffen, dass man ein Tor mehr schießt als die drei des Gegners, das wird schief gehen. Aber man muss festhalten: Er hat der Mannschaft neues Leben eingehaucht. Er macht, was er für richtig hält – mit allen Risiken und aller Konsequenz. Was Beckenbauer und andere sagen, interessiert ihn nicht.

if: Gibt es etwas, was Sie als Journalist von ihm erwarten?

Boßmann: Ja, er soll die Mannschaft so auf Vordermann bringen, dass wir zumindest ins Halbfinale kommen. Das ist alles, was für mich zählt. Die Bewertung, was er richtig oder falsch gemacht hat, hängt am Ende doch nur vom sportlichen Abschneiden ab.

if: Aber Sie äußern doch schon jetzt Kritik an seinen Methoden, siehe die Wohnsitzdebatte. Gibt es auch Sportliches, das Sie kritisieren?

Boßmann: Ja, das teilweise katastrophale Abwehrverhalten. Da sehe ich ein großes Problem. Robert Huth hat in dieser Mannschaft nichts zu suchen.

if: Ist Huth wirklich so schlecht?

Boßmann: Er ist ein reiner Zerstörer, der seine Stärken nur im Zweikampf hat. Dieser Typ Fußballspieler, wie ihn einst Katsche Schwarzenbeck verkörperte, ist im modernen Fußball überholt. Außerdem, was hat ein Spieler in der Nationalmannschaft zu suchen, der in der ganzen Saison sechs Spiele beim FC Chelsea bestritten hat, davon vier Mal eingewechselt? Was ist mit Klinsmanns Forderung, dass jeder Nationalspieler Stammspieler in seinem Verein zu sein habe? Huth ist ein Paradebeispiel für Klinsmanns Hang zum Widerspruch. Ein anderes ist Mike Hanke, der für Schalke 04 fast eine Saison lang auf der Bank saß. Recht verstanden: Klinsmann soll seine Linie durchziehen und weiterhin neue, junge Spieler testen. Aber zu schnell darf man nicht zum Nationalspieler werden.

if: Ich sehe, Klinsmann muss Sie noch überzeugen. Sehen sie eine weitere Gefahr für ihn, etwa seitens des DFB?

Boßmann: Von der Spitze des Verbands droht ihm nichts und niemand. Er hat von Mayer-Vorfelder offenbar eine Generalvollmacht bekommen und kann schalten und walten, wie er will. Solange Klinsmann Erfolg hat und Deutschland attraktiven Fußball zeigt, solange hat Klinsmann Ruhe. Wenn aber die Ergebnisse in den wirklich schweren Testspielen gegen Holland, Frankreich und Italien auf einmal nicht mehr „stimmen“, desto mehr wird Klinsmann in die Kritik geraten. Einige haben mit ihm noch eine Rechnung offen: Sepp Maier, Bernd Pfaff, Michael Skibbe und so weiter. Er hat nun mal einige Leute radikal rasiert. Ich kann mir vorstellen, dass die bei der ersten Gelegenheit aus ihren Ecken kommen und Klinsmann laut kritisieren werden. Zugegeben, Sepp Maiers Rauswurf kann man vielleicht nachempfinden; ihm fehlte die Objektivität in diesem Torhüterduell, und seine Aussagen waren undiplomatisch.

if: Wie ist das Trainerteam neben Klinsmann zu bewerten?

Boßmann: Oliver Bierhoff als Bindeglied zwischen der Mannschaft und den Journalisten einzustellen, war ein kluger Schachzug vom DFB. Er ist jederzeit für uns ansprechbar. Auch Joachim Löw steht immer zur Verfügung und nimmt sich viel Zeit, um taktische Dinge zu erklären, und seien sie noch so kompliziert. Das passt perfekt. Klinsmann hat dadurch seinen Rücken frei, um sich mehr um die Mannschaft zu kümmern.

if: Zum Schluss: Was halten Sie von Pressekonferenzen im TV?

Boßmann: Nicht viel. Ich bin schreibender Journalist und fühle mich unwohl, wenn ich etwas nicht mehr zurücknehmen kann. Wenn ich mich beim Schreiben verrenne, kann ich immer noch mal drüber lesen und es wieder geradebiegen. Ich kenne genügend Kollegen, die sich gehemmt fühlen, wenn das Fernsehen dabei ist. Auf der anderen Seite gibt es Kollegen, die diese Pressekonferenz nutzten, um ihr Medium in den Vordergrund zu drängen und dann zig zum Teil überflüssige Fragen stellen. Sie wollen sich und ihre Zeitung profilieren.

Fragen von Oliver Fritsch

Freitag, 22. Juli 2005

Interview

Mit Sportjournalisten kann man über Sport reden

Telefonat mit Gregor Derichs über Vor- und Nachteile der Kommunikation Jürgen Klinsmanns, dessen Verhältnis zu Medien und die Unsäglichkeit der DFB-Pressekonferenzen im Fernsehen

Frage: Wie bewerten Sie die Kommunikation Jürgen Klinsmanns, der nun ein Jahr Bundestrainer ist?

Derichs: Ich beschäftige mich seit langem intensiv mit dieser Frage und erkenne auf der einen Seite eine große Schwäche: Mir ist sein Optimismus zu dick aufgetragen. Das mag seine Art sein, ich kritisiere das nicht öffentlich. Aber geheuer ist mir das nicht. Ich würde als Trainer ein bisschen bremsen. Rudi Völler ist nach dem zweiten Platz bei der WM 2002 immer skeptisch geblieben. Gut, Probleme mit dem Selbstbewusstsein kann man Klinsmann nun wirklich nicht nachsagen, doch er sollte sich davor hüten, die Erwartungen zu sehr zu „pushen“. Auf der anderen Seite muss man ihm große Selbstständigkeit attestieren. Das ist ihm sehr wichtig – kein Geklüngel, kein Hintenrum, keine geheimen Absprachen, keine Seilschaften aus seiner Spielerzeit, keine Gefälligkeiten. Der Mann ist unabhängig, das sieht man auch an seinem Verhältnis zum DFB.

Frage: Sehen Sie eine Gefahr für Klinsmann, dass er den Schwung verliert, den er mitnehmen will? Vielleicht durch eine Personalentscheidung…

Derichs: In manchen Dingen hat er sich ungeschickt verhalten, und das könnte auf ihn zurückschlagen. Ich nenne zwei Beispiele: Erstens, als er die Torwartfrage bis Mai 2006 verlängert hat, teilte er das so beiläufig mit, dass man den Eindruck bekam, es wäre ihm rausgerutscht. Mir sind Brisanz und Nachrichtenwert dieser Entscheidung erst nachher klargeworden, als ich mit einem Kollegen darüber sprach. Ich hätte Klinsmann empfohlen, dieses Thema sorgfältig zu klären und ausführlich zu begründen. Offensichtlich hat er das auch intern unzureichend besprochen, selbst Andreas Köpke sagte: „Davon weiß ich ja gar nichts.“ Zweitens haben uns Klinsmann und Bierhoff nach dem Champions-League-Sieg Liverpools Didi Hamann als den herausragenden Spielmacher der Welt dargestellt. Hamann hatte bis dahin gar nicht unter Klinsmann gespielt, von ihm war nie die Rede gewesen; plötzlich hieß es: „Nur deswegen, um andere zu testen.“ Bei Christian Wörns übrigens argumentierten sie im Frühjahr ähnlich, ähnlich überraschend. Das ist unglaubwürdig, da sehe ich eine große Gefahr für die künftige Kommunikation seiner Personalentscheidungen. Da kann es schnell heißen: „Jetzt macht er das gleiche wieder.“ Mein Eindruck ist, manche Journalisten warten geradezu auf seine Fehler. Rudi Völler hat man vieles nachgesehen; Klinsmann kriegt das immer aufs Butterbrot geschmiert. Die Fans mag er auf seiner Seite haben; sein Verhältnis zu den Medien scheint gespalten.

Frage: Wie kommt das?

Derichs: Er jongliert mit den Medien und instrumentalisiert uns. Ein Kernvorwurf: Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was er sagt und dem, was er tut. Er redet sehr wenig über Fußball. Zum Beispiel im Frühjahr in Slowenien: Als man ihn fragte, ob er nun die Balance zwischen Abwehr und Angriff suche, sagte er: „Nein, nein, wir spielen immer stramm nach vorne.“ Dabei plante er etwas ganz anderes. Wenn man sich die Mannschaft heute, drei Monate später, ansieht, stellt man fest: Sie spielt gar nicht mehr bedingungslos offensiv. Sportliche Entwicklung und sportliches Geschehen – das ist, was uns Journalisten interessiert, das ist, worüber man mit uns offen reden sollte.

Frage: Seltsam, oft hört man von Trainern und Spielern, die deutschen Fußballjournalisten würden nicht gern über Taktik und Sportliches sprechen und schreiben – im Vergleich mit ihren Kollegen aus Italien und England.

Derichs: Ich kenne diesen Vorwurf – und kann ihn nur an den DFB zurückgeben: Wenn Ihr wenig über Fußball sprecht, haben wir keine Möglichkeit, in die Mannschaft „reinzuschauen“. Ich selbst bin Diplomschullehrer mit Schwerpunkt Fußball und kann viele Aspekte beurteilen. Ich würde gerne mehr Eindrücke über das Sportliche sammeln und kann nicht mal mehr beim Training zusehen, vielleicht 15 Minuten Stretching. Alle Ausführungen zur Mannschaft lehnt Klinsmann aus strategischen Gründen ab. Dafür habe ich ein gewisses Verständnis; ein Trainer muss nicht seine Mannschaftsaufstellung 24 Stunden vorher benennen. Aber wir finden keinen „Anpack“, mit ihm über Sport zu reden. Dann dürfen sich Klinsmann und der DFB nicht wundern, wenn ein Thema wie Kalifornien immer wieder gespannt wird.

Frage: Da sehen Sie eine Ursache, nach dem Motto: selber schuld?

Derichs: Ja, aber es ist nicht allein Klinsmanns Aufgabe, sondern auch die Harald Stengers (Direktor für Öffentlichkeitsarbeit). Er müsste Klinsmann besser beraten, etwa: „Hör mal, wir gehen zur Pressekonferenz und erzählen was übers Torwarttraining! Wenn du denen ein Thema vorgibst, funktioniert das.“

Frage: Wie ist sein Verhältnis zur Bild-Zeitung?

Derichs: Er ist deutlich unabhängiger als andere vor ihm. Gegenüber Medien ist er auf Selbstständigkeit bedacht. Die Bild-Zeitung kommt ihm mit ihrer traditionellen Dominanz sogar sehr gelegen, um sein Profil zu schärfen. Für die Leute von Bild ist es außerdem extrem wichtig, dass sie die Aufstellung am Spieltag drucken. Und die bekommen sie, aller Mühen zum Trotz, nicht mehr. Ich weiß ja auch nicht, warum ihnen das so wichtig ist, warum sie daraus einen Sport machen.

Frage: Und die anderen Zeitungen?

Derichs: Die größte Nähe hat die SZ, ihre Beziehung zu Klinsmann ist ungewöhnlich loyal, sie haben einen Draht zu ihm. Und sie haben ihn mit in Position gebracht, in der nun ist. In der SZ hatte sich Klinsmann erstmals dazu geäußert, dass er sich das Amt vorstellen könne. Anfangs habe ich gestutzt, weil er früher immer gesagt hatte, mit dem Business wolle er nichts mehr zu tun haben. Erst dachte der DFB über ein Modell mit Klinsmann und Luis van Gaal nach. Am Ende blieb es bei Klinsmann. Ich glaube, Sie haben im freistoss mal in einem Teaser geschrieben, dass mittlerweile die SZ im Fußball Trends und Tendenzen setzt; im Fall Klinsmann kann ich das nur bestätigen. Das liegt natürlich auch daran, dass die FAZ darin ein bisschen schwächer ist.

Frage: Die FAZ hat die deutsche Mannschaft euphorisch bewertet. Woher kommt die Begeisterung für die deutsche Mannschaft? Denken wir auch an die Fans – ist das kein Kommunikationserfolg Jürgen Klinsmanns?

Derichs: Da gibt es keinen direkten Zusammenhang, aber es gibt andere Gründe: Erstens ist die Nationalmannschaft des Deutschen liebstes Sportkind. Zweitens ist die Fan-Stimmung in den vergangenen Jahren insgesamt sehr gut; in der Bundesliga, sind die „Hütten“ ja auch voll. Das liegt zum einen an den moderaten Eintrittspreisen im Vergleich mit dem Ausland, zum zweiten am „Live-Faktor“; auch Konzerte sind schnell ausverkauft. Die Leute erleben sich als Teil des Events. Dass die deutsche Elf und auch Klinsmann gefeiert werden, wie in Leipzig, hängt natürlich drittens mit ihrer Spielweise zusammen. War ja auch ein tolles Spiel gegen Mexiko. Die Mannschaft marschiert, und das ist Klinsmanns Verdienst. Mit der Kommunikation hat das nicht viel zu tun.

Frage: Wie ist Klinsmanns Team, zum Beispiel Urs Siegenthaler?

Derichs: Klinsmann hat sich die richtigen Mitarbeiter geholt. Siegenthaler macht einen sehr kompetenten Eindruck, ebenso die Fitness-Trainer. Auch Joachim Löw ist ein offener Gesprächspartner. Alles, was Klinsmann sportlich bewegt hat, ist positiv. Diese Personalien entsprechen meiner Forderung nach Umbau, die ich immer geäußert habe. Das Umfeld beim DFB war fürchterlich altbacken und spießbürgerlich.

Frage: Sollten Siegenthaler und die Fitness-Trainer mehr in den Vordergrund?

Derichs: Ja, das wäre ein gutes Mittel zur Kooperation. Wie wär’s, wenn der DFB uns an Pressekonferenzen Urs Siegenthaler statt, überspitzt gesagt, die Ersatzspieler Brdaric und Owomoyela auf das Podest setzen würde? Das würde das Funktionsfeld durchleuchten. Ob Siegenthaler angenommen würde? Ich weiß es nicht, aber einen Versuch wäre es wert. Wir Journalisten sollten jedoch mit Kritik an den Pressekonferenzen sehr vorsichtig sein. Denn wir haben die Gestaltung der Presskonferenz in der Hand.

Frage: Stichwort Pressekonferenz. Was halten Sie davon, diese im Fernsehen zu übertragen?

Derichs: Das sind Katastrophenveranstaltungen.

Frage: Inwiefern?

Derichs: Sie sind gestelzt. Sobald eine Kamera an ist, sprechen unsere Bezugspersonen anders. Das kennt man aus dem Alltag: Wenn wir irgendwo vor einer Kabine stehen und mit einem Spieler sprechen, und es kommt ein Kollege mit einer Kamera, ändert sich der Ton sofort.

Frage: Der Ton wird anders?

Derichs: Ja, politisch korrekt. Die Spieler reden vorsichtiger und umgehen Themen, mit denen sie im Einzelgespräch kein Problem hätten. Das gleiche gilt für die andere Seite, den Journalisten. Er fragt befangener. Ein weiteres Problem: Wenn die Kameras bei Pressekonferenzen laufen, fragen plötzlich Leute, die sonst nie fragen würden. Warum? Ihre Redaktionen fordern: „Zeig dich!“ Dann gibt es andere, die fragen nicht mehr, weil sie eine Hemmung fühlen. Oder weil sie einen verrückten Chef haben, der ihnen sagt: „Wenn ich euch da sehe, dann ist der Teufel los!“ Tatsächlich gibt es das bei einer großen deutschen Tageszeitung. Bei Pressekonferenzen, ob sie übertragen werden oder nicht, haben wir ohnehin das Problem, inwieweit wir unsere Idee und unser Thema dem konkurrierenden Kollegen präsentieren. Da hält man sich immer ein wenig zurück. Mit der Übertragung der Pressekonferenz nimmt man uns Schreibenden außerdem unseren Informationsvorsprung.

Frage: Wie könnte man die Pressekonferenzen gewinnbringender gestalten?

Derichs: Uns Journalisten schreibe ich ins Stammbuch: Wir holen, sagen wir, aus Ballack und Kahn, die beide gut sprechen können, zu wenig raus. Wenn die Lage brisant ist, müssen wir sie ins Kreuzfeuer nehmen – wie bei einer amerikanischen Pressekonferenz: Da muss eine Frage nach der anderen kommen. Wenn wir das nicht machen, dürfen wir nicht aus dem Saal rausgehen und meckern: „Mann, das war wieder eine miserable PK!“ Dazu dürfte aber Stenger die Fragen nicht nach Meldung chronologisch aufrufen. Kollege X fragt: „Wie geht es jetzt strategisch weiter?“ Und dann kommt Kollege Y mit der Frage nach dem Oberschenkel Arne Friedrichs. Drei Fragen später knüpft irgendwer an die erste Frage. Die Presskonferenz wird thematisch zerrissen, von einer Diskussion kann keine Rede sein. Das habe ich Stenger auch gesagt. Er selbst klagt darüber, dass die Leute, die die Mikros schleppen, zu langsam sind.

Frage: Eigentlich sehr fernsehfeindlich, zumindest in dieser Form.

Derichs: Furchtbar ist das. Der VDS (Verband deutscher Sportjournalisten) hat sich in dieser Entscheidung überrumpeln lassen, ohne sich darüber klar zu sein, was das bedeutet. Das rückgängig zu machen, ist sehr schwierig. Wir denken tatsächlich über einen Boykott nach, um ein Druckmittel zu bekommen. So peinlich empfinden wir diese Veranstaltung.

Frage: Machtfeld Nationalmannschaft – wie bewerten Sie den ständigen Urteilswillen von Karl-Heinz Rummenigge, Felix Magath und Uli Hoeneß?

Derichs: Die Bayern sind nun mal die größte Fraktion in der Nationalelf – logisch, dass Rummenigge und Hoeneß da mitreden wollen. Das mag zwar manchmal Blödsinn sein, aber immerhin nehmen sie sich des Themas Nationalmannschaft an. Die Bremer haben zwar auch viele Nationalspieler, aber nicht die entscheidenden. Klaus Allofs ist ohnehin ein anderer Typ. Die Bayern-Lobby gibt es, doch wenn Jens Lehmann davon spricht, die Bayern-Maschinerie habe für Kahn gearbeitet, ist das Unsinn. Die haben Kahn gedeckt, wenn ein Konflikt aufkam. Seinen Status hat er sich definitiv durch Leistung erworben. Übrigens: 2002 hatten wir eine Leverkusen-Lobby. Dieser kleine Verein war durch Völlers Heimatbezug sehr stark geworden. Und plötzlich sprang Reiner Calmund um die Nationalmannschaft rum, als Mitglied der Task Force. Das lag natürlich an starken Spielern: Ballack, Nowotny, Schneider, Ramelow, Neuville.

Frage: Wird die Bayern-Lobby die Torwartfrage beeinflussen?

Derichs: Nein, das glaube ich nicht. Die Stärke von Klinsmann ist seine Unabhängigkeit. Er lässt sich nicht reinreden.

Frage: Gibt es ein Thema, das die Medien beim Confederations Cup übersehen oder unterschätzt haben?

Derichs: Ich muss zugeben, dass mir nichts einfällt.

Frage: Ich denke an das Mexiko-Spiel: Mir als TV-Zuschauer war es unangenehm, wie die Leipziger die braven und fairen Mexikaner ausgebuht haben. Außerdem habe ich die deutsche Elf nicht so unfair in Erinnerung wie in den letzten Monaten. Ich denke an das Foul Schweinsteigers gegen den Australier Tony Popovic oder das Foul Ballacks gegen die RussenMarat Ismailow; beide Gefoulte mussten ausgewechselt werden.

Derichs: Das ist Klinsmann.

Frage: Ist das Klinsmann?

Derichs: Auch das ist Klinsmann. Die Grenze zwischen starker Physis und Härte fließen bei ihm. Als Spieler – er war ja immer der Fitteste – hat er bei der Euro 1996 im Viertelfinale gegen Kroatien nach 20 Minuten einen umgehauen. Das hat er hinterher damit begründet, ein Zeichen setzen zu müssen. Härte sieht er als Zeichen der Professionalität und verlangt es von seinen Spielern. Ich kann mir gut vorstellen, dass er von seinen Spielern fordert, „den Gegnern auf die Socken zu gehen“. Die Spielweise der Elf ist jedenfalls sehr ruppig und aggressiv. Michael Ballack liegt das, weswegen ihn man nie mit Andreas Möller oder Thomas Häßler vergleicht. Er hält dagegen, und deshalb ist er auch ein guter Kapitän.

Frage: Auch über die sehr gute Leistung des australischen Schiedsrichters Breeze im Mexiko-Spiel hätte ich gerne mehr gelesen. Er hat eine zentrale Rolle gespielt, weil er sich nicht, wie man erwarten könnte, von dem Publikum hat anstecken lassen.

Derichs: Also ich fand, dass er ein bisschen kleinlich gepfiffen hat; Mike Hanke hätte er nicht unbedingt Rot zeigen müssen. Aber er ist bei seiner Linie geblieben, das ist das wichtige. Und es ist immer heikel, Publikum zu kritisieren, Länderspielpublikum ist oft noch problematischer. Das sind Leute, die nicht oft zum Fußball gehen. In Leipzig war das wohl anders. Es gehört halt dazu, Gegner und Schiedsrichter unter Druck zu setzen. Mit Fairness hat das, zugegeben, wenig zu tun.

Frage: Letzter Punkt, wer sind die Sieger des Confed-Cups?

Derichs: Der deutsche Fußball. Zum ersten wegen der Mannschaft, die ungewöhnlich forsch nach vorne spielt; Ihnen ist anscheinend wirklich ein 4:3 lieber als ein 1:0. Zum zweiten wegen der Stimmung in den Stadien. Und: Die Mexikaner haben gezeigt, wie gut sie sind.

Fragen von Oliver Fritsch

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Interview

Die Leute mögen einfach diese Mannschaft

Telefonat mit Michael Horeni, Frankfurter Allgemeine Zeitung, über die Pressearbeit beim Confederations Cup, die neue Begeisterung für die deutsche Nationalelf und die Bayern-Lobby

indirekter-freistoss: Der Confederations Cup gilt als Generalsprobe für die WM 2006. Bewerten Sie bitte die Organisation, erstens für die Presse…

Horeni: Es gibt ein großes Ärgernis unter den Journalisten: Die Pressekonferenz nach dem Spiel ist nicht mehr für alle zugänglich. Das müssen Fifa und OK ändern, besser: rückgängig machen, denn diese Einschränkung gab es bisher nicht. Da wird vielen Kollegen die Grundlage zu einer Berichterstattung über Fußball entzogen, indem man ihnen den Zugang zu den handelnden Personen verweigert. Die Fifa scheint Interesse daran zu haben, die Printmedien zu reglementieren. So wenig Konflikt, Kritik und Hintergrund und so viel Oberfläche wie möglich, soll das wohl zur Folge haben.

if: …zweitens allgemein?

Horeni: Auf keinen Fall besser als bei anderen Welt- und Europameisterschaften. Wenn man behauptet, die Deutschen könnten alles besser als die andern, dann muss ich was verpasst haben.

if: Überraschend sind Bedeutung und Wertschätzung des Sportlichen während des Turniers deutlich gestiegen. Wie begründen Sie die Begeisterung für die deutsche Nationalelf bei den Fans und in der FAZ?

Horeni: In dieser Mannschaft lebt ein neuer Geist. Die Fans haben ein sehr feines Gespür dafür, dass sich etwas bewegt; sie haben ja alle die letzte Europameisterschaft noch im Kopf. Dank Jürgen Klinsmann spielt die deutsche Elf nun wieder Fußball, den die Leute gerne sehen wollen: offensiv, geradeaus, mit jungen Spielern. Die Leute spüren, dass plötzlich jemand da ist, der etwas wagt, der sich gegen alte Strukturen durchsetzt, der vieles von dem tut, was lange gefordert, aber nirgendwo umgesetzt worden ist – ob in der Bundesliga, in Verbänden oder auch in manchen Medien. Klinsmann hat Mut zu Änderungen, geht Risiko ein, hat Erfolg und zeigt eine neue Perspektive – das ist fast zu viel des Möglichen. Die Leute erwarten gar nicht unbedingt den Weltmeisterschaftstitel, sie mögen einfach diese Mannschaft. Das ist der Erfolg Klinsmanns.

if: Klinsmanns Statements nach Spielen wirken auf den Fernsehzuschauer sehr ähnlich, allenfalls in Nuancen verschieden. Ein Grund für Kritik?

Horeni: Sein Spektrum ist klein, meist gibt es sehr viel Lob für die Spieler. Auf der einen Seite würde ich mir eine Differenzierung wünschen. Auf der anderen Seite muss man sich selbst fragen: „Warum macht er das? Er sieht doch auch, dass manche Dinge schlechter laufen als andere.“ Oliver Bierhoff hat das gut erklärt: Es gehe darum, der Mannschaft Sicherheit zu vermitteln und den Spielern Vertrauen zu dokumentieren; sie dürfe Fehler machen und erfahre trotzdem Rückendeckung, solange sie die Grundsätze der Gemeinschaft befolgt: gegenseitiges Vertrauen, großes Engagement, Leistungsbereitschaft, Lernwilligkeit. Wenn die Mannschaft gefestigter sein wird, kann ich mir vorstellen, dass Klinsmann auch mal andere Töne anschlagen wird.

if: Was halten Sie davon, dass Klinsmann sich oft auf das Urteil anderer Nationaltrainer beruft? Empfinden Sie das als Schwäche?

Horeni: Ich kann ihn gut verstehen. Bei all den vermeintlichen und selbsternannten Experten in den Boulevardmedien und in der Bundesliga, möchte er sich auf eine neutrale Instanz berufen. Gerade in Bild gibt es immer wieder unterschwellige und direkte Kritik von so genannten Fachleuten, die seinen Weg kritisieren. Da ist der Hinweis auf den Beifall anderer Kompetenzen hilfreich: „Seht mal her! José Pekerman lobt uns, Carlos Alberto Parreira lobt uns, die Franzosen loben uns. Seht den deutschen Fußball mal von Außen! Wenn ihr diese, meine, Perspektive einnehmt, dann seht ihr: Es geht voran.“ Aber in der Tat, es ist ein Moment der Schwäche, es ist eine Rechtfertigung.

if: Wie bewerten Sie die Pressearbeit Klinsmanns?

Horeni: Ich war jetzt bei fast allen Spielen dabei, seit er da ist. Der größte Unterschied zu seinem Vorgänger ist, dass die meisten Pressekonferenzen wesentlich substanzieller geworden sind. Man kann plötzlich über sportliche Dinge und taktische Fragen sprechen und sich über den internationalen Fußball austauschen. In dieser Qualität ist das neu. Klinsmann kann viel mehr erzählen als seine Vorgänger; ich denke dabei auch an Rudi Völler. Daher lohnt es sich für Journalisten, bei seinen Pressekonferenzen dabei zu sein. Man stellt Fragen und erhält eine Antwort mit Inhalt. Das ist ein großer Vorteil. Allerdings muss man bei Klinsmann hinzufügen, dass seine Offenheit begrenzt ist. Wenn es um persönliche Empfindungen und Eindrücke geht, zieht er eine Grenze, die er nicht überschreitet. Ein weiterer Vorteil der Klinsmann-Ära ist das Fachpersonal an seiner Seite, die das Meinungs- und Ideenspektrum erweitert haben. Wenn wir die Situation mit der Völler-Zeit vergleichen – da gab es ja überhaupt keinen neben dem Trainer, der eine kompetente Meinung hätte beisteuern können. Mittlerweile arbeiten Oliver Bierhoff, Joachim Löw, Hans-Dieter Hermann, Urs Siegenthaler für den DFB. Das sind mitunter originelle Typen, mit denen es Spaß macht, über Fußball zu reden. Ein Sonderfall, das sollte man TV-Zuschauern mitteilen, ist es, wenn die Kameras bei Pressekonferenzen laufen, wie jetzt beim Confed-Cup. Das erzeugt eine noch künstlichere Atmosphäre als bei Pressekonferenzen ohnehin üblich.

if: Anderes Thema: die Bayern-Lobby, ein Dauerbrenner der Medien. Zum ersten Mal habe ich das bewusst von Ihnen gelesen, in einem Porträt über Andreas Möller vor etwa drei Jahren, der deshalb nicht die Anerkennung erhalten habe, die ihm zusteht, weil er das „richtige“ Trikot nicht getragen habe, nämlich das des FC Bayern. Was ist dran an der Bayern-Lobby, gibt es sie überhaupt?

Horeni: Die Bayern-Lobby gibt es, und sie funktioniert. Lassen Sie mich das an einem Beispiel deutlich machen: Bei der letzten WM ging es im Vorfeld darum, wer im Sturm spielt, Carsten Jancker oder Oliver Bierhoff? Da konnte man sehr gut beobachten, wie Karl-Heinz Rummenigge, Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß immer und immer wieder Bierhoff in verschiedenen Medien angegriffen haben – und Jancker über alles gelobt. Das wurde in allen Zeitungen gedruckt, in jeder Sendung war davon zu hören. Dieser Druck erzeugt Wirkung, nicht alle Trainer können sich davon freimachen. Es gelingt den Bayern-Offiziellen oft, den Wert ihrer Spieler, nicht zuletzt ökonomisch, durch öffentliche Diskussionen zu erhöhnen. Kürzlich traf Bierhoff in offizieller Mission Franz Beckenbauer und war ganz überrascht, wie freundlich Beckenbauer sich gegeben hat. Bierhoff sagte: „Aber du hast mich doch immer nur kritisiert.“ Beckenbauer entgegnete: „Ja schon, aber das war doch nie persönlich gemeint.“ Die Bayern verfolgen zuerst ihre Interessen.

if: Ist Oliver Kahn ein Begünstigter?

Horeni: Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass Klinsmann sich in der Torwartfrage von den Bayern beeinflussen lässt. Das sieht man an der Ankündigung Klinsmanns, die Entscheidung in den Mai 2006 zu vertagen. Übrigens glaube ich, die Bayern sind sehr froh, dass Klinsmann die Torhüterrotation eingeführt hat. Er hat Kahn dadurch klargemacht, dass er sehr viel tun muss, um die Nummer 1 zu bleiben. Das haben die Bayern gerne gesehen, seine Leistungen hat er ja auch im Verein gesteigert.

if: Über die SZ ist zu lesen, sie sei das neue Leitmedium im Fußball – oder kritisch ausgedrückt „das Sprachrohr Klinsmanns“. Welche Bedeutung messen Sie dem Interview bei, das Klinsmann der SZ vor einem Jahr gegeben hat und das die Trainerfindung des DFB beeinflusst haben soll?

Horeni: Ob es einem gefällt oder nicht – das Leitmedium in Deutschland ist nach wie vor die Bild-Zeitung. Klinsmann hat in der Phase nach der EM in Portugal drei Interviews gegeben: Das erste am Tag des Finales in unserer Sonntagszeitung, bereits mit deutlichen Aussagen. Da hat man an ihn als Trainer noch nicht gedacht, weil alle glaubten, Otto Rehhagel werde es ohnehin. Dann ist ein Interview mit Klinsmann in den Stuttgarter Nachrichten erschienen und erst dann das in der SZ, das Sie ansprechen. Diese drei erschienen in der Phase des großen Durcheinanders, wenn man so will, zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt. Der DFB hätte am Ende ja fast jeden genommen.

if: Da können wir ja froh sein, dass die richtigen im Urlaub waren. Und wo verortet sich die FAZ?

Horeni: Wir sprechen mit allen und lassen alle Leute zu Wort kommen, die relevant sind. Wir schreiben unsere Meinung, ohne das Sprachrohr von irgendjemandem zu sein.

Fragen von Oliver Fritsch

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Interview

Die TV-Pressekonferenz ist nur für einen Menschen erfunden worden: Harald Schmidt

Telefonat mit Christof Kneer, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, über nutzlose Wohnsitzdebatten, langweilige Torwartfragen und seine Hoffnung auf mehr Erkenntnisse bei DFB-Pressekonferenzen

indirekter-freistoss: Viele Fußballjournalisten beklagen die Monotonie in der Sprache Jürgen Klinsmanns. Ist das seine größte Schwäche?

Kneer: Schwäche würde ich es nicht nennen, aber es ist eben nicht ungefährlich. Klinsmann macht es sich damit schwerer als nötig. Das, was auf dem Platz so wunderbar funktioniert, tritt in der Berichterstattung zunehmend zurück hinter die Klage an der „Schönrednerei“. Gerade die interpretierenden Medien schauen dann schon mal genauer auf seine Rhetorik, etwa der Spiegel, der Ende 2004 von der „Marketing-Inszenierung Klinsmann“ sprach.

if: Hat Klinsmann in einem Jahr Amtszeit wichtige Erfahrung im Umgang mit den Medien gesammelt?

Kneer: Sicher, aber vermutlich hat auch er das Ausmaß der Medienaufmerksamkeit für einen Bundestrainer unterschätzt, allen voran die des Boulevards. Das kann einem schon mal die Geduld rauben. Man denke an Rudi Völler, der ja eigentlich ein sehr freundlicher Mensch ist: Völler hat nicht erst bei seinem berühmten Ausbruch in Reykjavik, sondern schon bei der WM 2002 angefangen, Leute zu attackieren, Bum Kun Cha zum Beispiel. Erste Tendenzen waren bei Klinsmann auch bereits zu spüren. Es liegt wohl daran, dass er sehr professionell arbeitet und neue Methoden etabliert, seine Arbeit von manchen Zeitungen aber nicht genug gewürdigt findet. Doch Kampagnenführung gehört nun mal zum Berufsbild des Boulevard-Journalisten.

if: Welche Kampagnen könnten ihm denn bevorstehen?

Kneer: Das lässt sich schwer vorhersagen, aber vermutlich müssen wir eine Fortsetzung der Wohnsitzdebatte fürchten. Dabei ist die Sache lächerlich. Von den acht Trainern beim Confederations Cup sind fünf oder sechs schon für ihr „falsches“ Zuhause beschimpft worden. Im modernen, globalisierten Fußball ist so was aber doch normal. Hat eigentlich der Duden die „Wohnsitzdebatte“ schon aufgenommen?

if: Nein, aber die „Torwartfrage“ soll gute Chancen haben.

Kneer: Das kann doch keiner mehr hören, das kann doch keiner mehr lesen. Im Herbst 2004 war das vielleicht noch spannend, da haben alle Toni Schumacher angerufen, und wenn der das Handy ausgeschaltet hatte, dann haben sie Uli Stein angerufen. Aber jetzt ist alles von allen gesagt. Es langweilt und nervt, was nicht bedeutet, dass Klinsmanns Rotationsprinzip falsch ist. Doch wenn wir mitgeteilt bekommen, Oliver Kahn sitze morgen in der Pressekonferenz, dann denken alle gleich: „Hoffentlich reden wir über Sport!“ Allenfalls der Boulevard wird die Ohren spitzen, wenn vielleicht irgendeiner mal ausrastet – was aber, zumindest unter den Torhütern selbst, nicht passieren wird.

if: Klinsmanns Körpersprache verrät manchmal Misstrauen. Ist das Misstrauen gegen über Journalisten?

Kneer: Ich weiß nicht, ob Misstrauen das richtige Wort ist, aber ich weiß, was Sie meinen. In Interviews mit dem ZDF und mit der FAZ hat er sich erstaunlich klar gegen den Boulevard positioniert; ihn nervt manches in der Berichterstattung. Ist diese Konfrontation nun mutig oder unklug? Wahrscheinlich beides, obwohl ich den Grund nicht genau einschätzen kann.

if: Welche Konsequenz könnte das für Sie als SZ-Journalist haben?

Kneer: Angesprochen fühle ich mich nicht, es würde mich auch nicht beeinträchtigen. Und selbst wenn es mich betreffen würde, selbst wenn er mich persönlich gemeint hätte, müsste ich versuchen, es in meiner Arbeit auszublenden.

if: Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit mit dem Trainerteam?

Kneer: Sehr professionell. Oliver Bierhoff, von dessen Job man anfangs nicht genau wusste, wozu er gut ist, bewegt sich sehr professionell zwischen allen Akteuren: Sponsoren, Medien, Mannschaft, Trainer, Funktionäre. Auch Joachim Löw ist ein wichtiger Gesprächspartner. Der Dialog nutzt sich nicht so schnell ab, weil man nicht immer dieselben Sätze hört.

if: Bewerten Sie bitte den Medientag…

Kneer: Ich fand ihn ganz hervorragend. Ich hatte plötzlich die Gelegenheit, eine lang geplante Story über die deutsche Abwehr gründlich zu recherchieren. Ich bin zu jedem Spieler gegangen, endlich hatte ich die Chance, und habe mit allen gesprochen: Andreas Hinkel, Patrick Owomoyela, Per Mertesacker, Robert Huth. So ist ein anderes Bild entstanden, die Geschichte ist „runder“ geworden. Auch von Kollegen weiß ich, dass sie den Medientag sehr gut fanden. Ich bin gespannt, ob der DFB diese Möglichkeit auch bei der WM einsetzen wird. Allerdings ist die Sache dieses Mal zu kurzfristig angekündigt worden.

if: …und die Pressekonferenz im Fernsehen!

Kneer: Die Pressekonferenz im Fernsehen ist im Grunde nur für einen Menschen erfunden worden: für Harald Schmidt. Das Ganze schreit ja nach Kabarett und Glosse. Außerdem wird die Arbeit für die schreibende Presse ohne Sinn und Grund erschwert und pervertiert. Gerade bei langen Turnieren ernähren wir uns immer wieder mal von den Pressekonferenzen. Und wenn die Zuschauer alles schon im Fernsehen gesehen haben – wer liest dann noch Zeitung? Gut, große Redaktionen können die Aussagen interpretieren, einordnen, kritisieren, sie können sich sozusagen eine eigene Geschichte draus drehen; aber die Mehrzahl der Zeitungen hat schlicht die Aufgabe, die Gespräche zu dokumentieren und abzubilden.

if: Worin liegt denn der Erfolg Jürgen Klinsmanns?

Kneer: Er hat frischen Wind nicht nur in der Theorie entfacht, sondern primär auf dem Platz. Die großartigen Leistungen Lukas Podolskis, Bastian Schweinsteigers und Per Mertesackers beim Confederations Cup sind nicht zuletzt der Erfolg von Jürgen Klinsmann.

if: Blumen für Klinsmann von einem SZ-Journalisten überraschen nicht. Die SZ ist auf Klinsmann-Kurs. Ist sie das „neue Leitmedium“ oder gar eine „PR-Agentur Klinsmanns“, wie die taz bissig feststellt?

Kneer: Leitmedium ist ein eher neutraler Begriff, aber „PR-Agentur“ ist natürlich eine Unterstellung. Oder sagen wir: Ironie. Ich liebe Ironie, aber in diesem Fall hat sie mit der Wahrheit leider nichts zu tun. Die Bild-Zeitung hat übrigens nach anfänglicher Zurückhaltung beim Confed-Cup die ach so Klinsmann-freundliche SZ am Ende in Sachen Euphorie auf allen Schienen rechts und links überholt – nicht analytisch, sondern emotional.

if: Die Euphorie beim Confed-Cup war nicht vorauszusehen. Bei der Eröffnung der Allianz-Arena zwei Wochen zuvor schien die Stimmung nicht nur auf den Rängen feindselig.

Kneer: Ob man von Feindseligkeit sprechen sollte, weiß ich nicht unbedingt. Aber so wie es gelaufen ist: mit den Pfiffen gegen Jens Lehmann, den Sprechchören gegen die deutsche Elf und dem Streit zwischen Oliver Bierhoff und Karl-Heinz Rummenigge – so möchte man das nicht mehr haben, das haben ja alle Beteiligten hinterher gesagt.

if: Zum Schluss: Was erwarten Sie als Journalist von Jürgen Klinsmanns im nächsten Jahr?

Kneer: Erstens: Mehr Substanz und mehr Erkenntnis für uns in der Pressekonferenz. Wir Journalisten vermuten, dass Klinsmanns Team hinter den Kulissen Sportliches sehr genau und tief analysiert, daran würden wir alle gerne mal ein bisschen schnuppern. Zweitens sollte der DFB bei der WM die Trainingseinheiten nicht so rigide abschotten, wie er das beim Confed-Cup getan hat, aber das dürfte nur ein frommer Wunsch sein. In dieser Hinsicht ist Fußball-Deutschland unter Klinsmann keineswegs offener geworden. Nach wie vor gibt es fast nur Geheimtrainings, alles strikt nach Fifa-Vorgaben. Das gibt der Sache einen konspirativen Anstrich, den sie gar nicht verdient. Da muss ich manchmal schmunzeln. Natürlich muss nicht jedes Training öffentlich sein, so spannend ist das nun auch wieder nicht. Rudi Völler, der immer noch wie ein Spieler denkt und fühlt, hat das mal schön erklärt: „Wenn ein Rechtsfuß im Training mit links hundert Meter übers Tor schießt, dann will er das am nächsten Tag nicht in der Bild-Zeitung lesen.“ Da ist was dran, deswegen galt Völler bei den Spielern immer als authentisch. Drittens könnte Klinsmann seine Wortwahl ein wenig variieren.

Fragen von Oliver Fritsch

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Interview

Die „Huuuth“-Rufe der Fans waren kein Kompliment für die Bild-Zeitung

Telefonat mit Walter M. Straten, Bild-Sportredakteur, über die überraschende Euphorie beim Confederations Cup und die Stärken und Schwächen Jürgen Klinsmanns

indirekter-freistoss: Die Bild-Zeitung hat Robert Huth stark kritisiert, das ist nichts Ungewöhnliches; erstaunlich war dagegen die starke Unterstützung für Huth durch die deutschen Fans. Wie erklären Sie die „Huuuuuth“-Rufe?

Straten: Es gibt zwei Begründungen: Erstens ist es Mitleid für einen jungen Spieler, der sich ein paar Mal ungeschickt angestellt hat und der – in erster Linie – von uns einiges hören und lesen musste. Die Leute wollen ihm nun helfen. Zweitens, ein schlichter Grund, lässt sich „Huth“ sehr gut rufen. Stellen Sie sich vor, wir hätten Per Mertesacker in den Senkel gestellt! Was hätten sie dann gebrüllt?

if: Das mit den „uuuu“s sehe ich ein, aber Mitleid im Fußballstadion? Das bezweifle ich. Sind die Rufe nicht eher eine Ablehnung Ihrer Berichterstattung?

Straten: Es war sicher kein Kompliment von den Fans. Sagen wir mal so: Die Berichte haben diese Reaktion der Fans hervorgerufen. Mir ist aber lieber, die Leute reagieren auf das, was wir schreiben, als wenn sie das nicht täten. Wenn ich zynisch wäre, würde ich sagen: „Robert Huth müsste uns dankbar sein“, was er in einem Interview mit uns selbst gesagt hat. Ohne uns hätte er diese Unterstützung und diese Popularität nie erhalten.

if: Ihnen ging es also um Wirkung – und weniger um Wahrheit?

Straten: Nein, natürlich ging es uns um Wahrheit. Vielleicht kann man über die Wortwahl streiten; das kann man bei Bild häufiger. Wir treffen die Sache meist auf den Punkt – und manchmal leider auch etwas daneben. Dass die Sache eine solche Wirkung erzeugt, hat mich selbst verblüfft.

if: Was hat Klinsmann von der Bild-Zeitung zu erwarten, wenn er Huth weiterhin aufstellt?

Straten: Was wollen Sie jetzt hören? Etwa eine Drohung? Nein! Egal, wen er aufstellt – wir werden ihn unabhängig von seinem Namen bewerten. Es spricht meiner Meinung nach für den Trainer Klinsmann, dass er an Huth, der von uns zugegeben sehr viel abbekommen hat, festhält.

if: Gibt es weitere Themen, die die Medien überrascht haben?

Straten: Ich kann nur für Bild sprechen. Wir haben die schnelle Euphorie bei den Fans sicher nicht so für möglich gehalten. Wir haben sehr lange sehr kritisch berichtet. Eigentlich heißt es immer, Medien erzeugten Euphorie; beim Confed-Cup hatte ich das Gefühl, es war eher umgekehrt.

if: Die Euphorie für die deutsche Elf – der Erfolg Jürgen Klinsmanns. Wie hat er das hinbekommen?

Straten: Jürgen Klinsmann hat vor einem Jahr ein Fenster aufgestoßen, durch das frische Luft einzieht. Und er hält es weiterhin offen. Er leistet durchgehend sehr gute Arbeit mit ungewöhnlichen Methoden, die auch wir anfangs belächelt haben.

if: Erkennen Sie eine Schwäche?

Straten: Seine Schwäche ist die, die er für seine Stärke hält: sein Nimbus als weltweit agierender Nationaltrainer und die 10.000 Kilometern Distanz zwischen ihm und der Bundesliga, den Fans und den Medien. Da er berechtigte Kritik der Medien annimmt, denke ich, dass wir ihn in der nächsten Saison öfter in den Bundesliga-Stadien sehen werden.

if: Bleiben wir in der Zukunft: Wird er Gefahr laufen, Personalentscheidungen schlecht begründen zu können? Denken wir an die Torwartfrage und an eine mögliche Reaktivierung von Dietmar Hamann, Christian Wörns oder Markus Babbel?

Straten: 1. Die Torwartfrage hat er nun auf Mai 2006 verschoben, wofür ich ihm als Journalist sehr dankbar bin – ein Knochen, an dem das Fleisch nachwächst und an dem wir Journalisten immer wieder nagen können. Außerdem wird er sich, das vermute ich ganz stark, für Oliver Kahn entscheiden. 2. Man muss es akzeptieren, wenn er dem „Kindergarten“ in der deutschen Abwehr ein oder zwei „Erwachsene“ an die Seite stellt.

if: Wie ist das Verhältnis Klinsmanns zur Bild-Zeitung? Ungewohnt unabhängig und selbstständig?

Straten: Die Zusammenarbeit mit Klinsmann ist hochprofessionell und läuft sehr ordentlich. Aber manche Themen, die Bild behandelt, liest er halt nicht so gerne. Das passiert eben.

if: In der FAZ hat Klinsmann eine restriktivere Pressepolitik angekündigt. Was halten Sie von dieser Aussage?

Straten: Ich verstehe nicht, dass immer die Bild-Zeitung gemeint sein soll, wenn jemand allgemeine Medienkritik äußert.

if: Wen könnte er sonst damit gemeint haben?

Straten: Das weiß ich nicht, das müssen Sie Klinsmann fragen.

if: Also fühlen Sie sich von dieser Drohung nicht angesprochen?

Straten: Ich fühle mich genauso angesprochen wie jeder andere Journalist. Aber persönlich muss sich keiner aus der Bild-Redaktion gemeint fühlen. Ich kenne Klinsmann als offenen und ehrlichen Menschen. Er würde uns bestimmt sagen, wenn er ein Problem mit uns hätte. Alles in allem sollte man die Bedeutung seiner Aussage nicht so schwer wiegen, da er nicht mal intern auf jemanden gezielt hat. Vermutlich meint er den Boulevard, wobei es ja auch noch andere Boulevardblätter als Bild gibt.

if: Was erwarten Sie als Journalist von Jürgen Klinsmann im nächsten Jahr? Wollen Sie immer rechtzeitig die Aufstellung erhalten?

Straten (lacht): Das kann ich ja wohl nicht erwarten. Aber das große Manko während des Confed-Cups sollte er beseitigen: Die Mannschaft hat zu spät und zu selten öffentliche Trainingseinheiten abgehalten. Ich glaube, das weiß man mittlerweile beim DFB.

if: Anderes Thema: Wir lesen immer häufiger von der Bayern-Lobby. Wie wirkt sie?

Straten: Ob man von einer Lobby sprechen sollte, bezweifle ich. Man hat immer das Gefühl, von „Bayern-Lobby“ reden immer die, die sie gerne hätten, aber nicht besitzen.

if: Das klingt gut, entkräftet aber nicht den viel gehörten Vorwurf, dass die Bayern zu großen Einfluss nähmen, auch in Dingen, die sie nichts angehen.

Straten: Natürlich hat Bayern die größte Macht im Fußball-Land. Wenn Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und inzwischen auch Felix Magath reden, hört ihnen jeder zu – besonders, wenn sie kritisieren. Das sind nun mal Fußball-Kompetenzen. Klar geht es ihnen in erster Linie darum, ihre Spieler zu protegieren.

if: Und? Gelingt ihnen das?

Straten: Spieler aus Bayern fühlen sich besser beschützt als andere. Uli Hoeneß ist ein Meister des Ablenkungsmanövers. Er schafft es, ein kleines Fass zu öffnen, um ein großes Fass geschlossen zu halten. Denken Sie etwa an die Scampi-Story nach der Niederlage in St. Pauli 2002! Das ist Hoeneß’ Methode.

if: Wirkt diese Strategie auch gegen das Interesse der Nationalmannschaft?

Straten: Bayern first – dafür werden sie immer kämpfen. Das kann zu Konflikten führen. Allerdings wissen die Bayern genau, wie wichtig den Fans und Zuschauern Welt- und Europameisterschaften sind. Das war nicht immer so. Vor der EM 2000 hatte Uli Hoeneß das Ende der Nationalmannschaften vorausgesagt – und musste sich revidieren, weil die Einschaltquoten trotz des Ausscheidens der Deutschen wesentlich höher waren als bei Champions-League-Spielen. Deswegen wird es nie zu einem Bruch zwischen Bayern und der Nationalmannschaft kommen

if: Wollen die Bayern Einfluss auf die Aufstellung der Nationalelf?

Straten: Wie soll das funktionieren?

if: Hätte Carsten Jancker 33 Länderspiele ohne Bayern-Lobby?

Straten: Ich glaube, dass es den Bayern egal war, ob Jancker spielt oder nicht.

if: Ich glaube, dass die Bayern genau wissen, dass der Marktwert eines Spielers mit den Länderspielen steigt, insbesondere bei einer Weltmeisterschaft.

Straten: Tja, Rudi Völler hatte 2002 nun mal wenige Alternativen.

if: Letzte Frage: Wer sind die Gewinner des Confed-Cups? Robert Huth?

Straten: Ein bisschen … aber eher die jungen Deutschen gesamt.

if: Also Podolski und Schweinsteiger – oder Poldi und Schweini?

Straten: Podolski und Schweinsteiger.

if: Und Verlierer?

Straten: Alle die, die nicht dabei gewesen sind.

Fragen von Oliver Fritsch

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Interview

Herr Klinsmann muss begreifen, dass er die Medien nicht beeinflussen kann

Telefonat mit Berries Boßmann, Redakteur der Sport Bild, über Jürgen Klinsmanns Drohung an die Medien, den Zerstörer Robert Huth und den klugen Schachzug, Oliver Bierhoff als Manager einzusetzen

indirekter-freistoss: Oft äußern sich Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Felix Magath über die deutsche Nationalmannschaft, auch in der Sport-Bild. Wie groß ist der Einfluss des FC Bayern auf Jürgen Klinsmann und den DFB?

Boßmann: Dass der FC Bayern versucht, Einfluss zu nehmen, etwa im Konkurrenzkampf der Torhüter, weiß man. Doch auch Bayern-Spieler müssen Leistung bringen, um Nationalspieler zu werden. Es wird nie so weit kommen, dass die Bayern-Führung bestimmen wird, wie viele Spieler ihres Vereins in der Nationalmannschaft spielen. Natürlich werden sie sich immer wieder über zu viele Termine beklagen, und Felix Magath will seine Spieler wieder nicht rausrücken, weil er in der Champions League spielt. Ein Bundestrainer überlegt sich natürlich drei Mal, ob er sich mit den Bayern anlegt. Es klingt halt anders, wenn der VfL Wolfsburg protestiert.

if: Einfluss auf die Aufstellung der Nationalmannschaft vermuten Sie nicht?

Boßmann: Nein, damit würde sich jeder Bundestrainer sehr angreifbar machen. Da haben Medien mehr Einfluss als die Bayern.

if: Vielleicht gibt es ein Zusammenspiel zwischen den Bayern und den Medien…

Boßmann: Sie meinen, dass die Bayern und die Bild-Zeitung zusammen bestimmen, wer für Deutschland auflaufen darf? Das schließe ich aus.

if: Ist, wie oft behauptet, die Süddeutsche Zeitung das neue Fußball-Leitmedium?

Boßmann: Die SZ hat Klinsmann durch ein Interview im Juli 2004 ins Amt geholfen. Da steht man sich näher.

if: Das klingt abwertend. Woran machen Sie das fest? Behandelt die SZ Klinsmann unkritisch?

Boßmann: Man spürt Sympathie auf beiden Seiten. Zuletzt gab er ein Interview im SZ-Magazin? Haben Sie das gelesen?

if: Ja, auch vielen anderen Journalisten ist das im Gedächtnis geblieben.

Boßmann: Die Berichterstattung über Klinsmann fällt schon aus dem gewohnten Rahmen, gerade wenn man bedenkt, dass sich die SZ kritische, ironische und sarkastische Berichterstattung auf die Fahne schreibt – und auch dafür geschätzt wird.

if: Klinsmann hat kürzlich in der FAZ angekündigt, die Zusammenarbeit mit den Medien möglicherweise einzuschränken („Wir können die Arbeit mit den Medien auch zurückschrauben“). Was sagen Sie dazu?

Boßmann: Mich ärgert es sehr, ich empfinde es als Drohung. Hier sollen Pressearbeit beschnitten und Kritiker mundtot gemacht werden. Jürgen Klinsmanns Behauptung, es bestehe ein Unterschied zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung, ist ein stark überzogener Vorwurf – und ein Irrtum. Es ist nämlich keineswegs so, dass die öffentliche Meinung immer mit Klinsmanns Meinung übereinstimmt.

if: Wen hat Klinsmann mit seiner Schelte gemeint, oder war es ein Rundumschlag?

Boßmann: Er spielt vermutlich auf den „Fall Robert Huth“ an, der nach dem Australien-Spiel bei Bild mächtig in der Kritik stand – zu Recht, übrigens. Bild hat ja schon einige Sachen gemacht, die Klinsmann nicht gepasst haben, etwa die ständige Diskussion um seinen Wohnsitz. Wie viele Kritiker sage auch ich: Klinsmann gehört hierher. Wenn man sich einen Überblick über den Leistungsstand eines Spielers schaffen will, muss man im Stadion sitzen und das komplette Spielfeld sehen. Ein kleiner Ausschnitt im Fernsehen in der Zusammenfassung und in 5000 Kilometern Entfernung ersetzt das nicht. Je näher die WM rückt, desto mehr sollte Klinsmann in den Bundesliga-Stadien zu sehen sein. Das kritisiert die Bild-Zeitung zu Recht.

if: Wie bewerten Sie andere Aspekte seiner „Reform“?

Boßmann: Unter Klinsmann hat sich viel geändert, vieles zum Guten, aber nicht alles.

if: Können Sie das genauer beschreiben?

Boßmann: Nehmen wir zum Beispiel die Torwartfrage: Lohnt es sich wirklich, eine dauerhafte Rotation einzuführen? Hat Jens Lehmann solch herausragende Leistungen gebracht, dass man Oliver Kahn in Frage stellen und ihm obendrein die Kapitänsbinde nehmen muss? Nun heißt es, dass diese Entscheidung die Leistung Kahns verbessert haben soll. Doch hat seine Steigerung wirklich mit dem Konkurrenzkampf zu tun? Ich bezweifle es.

if: Zu seiner Pressearbeit: Was ist Klinsmanns Stärke, was ist seine Schwäche?

Boßmann: Da sind wir bei dem entscheidenden Thema. Seine Stärke ist zugleich seine Schwäche: Er redet schwache Leistungen gut. Dadurch vermittelt er einerseits seinen Spielern die Gewissheit, dass er hinter ihnen steht. Andererseits verliert er dadurch unter Beobachtern an Glaubwürdigkeit. Nehmen wir das Nordirland-Spiel im Vorfeld des Confed-Cups: Patrick Owomoyelas Leistung war katastrophal, Klinsmann will ihn gut gesehen haben, und die Journalisten haben nur mit dem Kopf geschüttelt. Gleiches gilt für seine Aussagen über das Mittelfeld, als er sich festgelegt haben wollte, dass Fabian Ernst, Bernd Schneider und Torsten Frings die Platzhalter seien und die jungen Spieler „nur“ Herausforderer. Vier Tage später im Spiel gegen Russland schießt Bastian Schweinsteiger zwei Tore und wird fortan gesetzt sein; Ernst hat man kaum mehr gesehen. Durch Schönrednerei und Widersprüche hat Jürgen Klinsmann unter Journalisten an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

if: Wie ist die Begeisterung der Fans für die deutsche Elf zu erklären? Trägt Klinsmann Anteil daran?

Boßmann: Ja. Die Fans haben ihr Herzen für die Nationalmannschaft in erster Linie dank Jürgen Klinsmanns Fußballphilosophie wiederentdeckt. Er bevorzugt einen anderen Fußball als seine Vorgänger, etwa Rudi Völler, der sehr viel Wert auf Sicherheit gelegt hat: Ergebnisfußball, eben. Klinsmann hingegen lässt Hurra-Fußball spielen, der sehr attraktiv, mutig und herzerfrischend offensiv ist, aber auch viele Risiken birgt. Während der WM kann er das in dieser Form nicht spielen lassen – zumindest nicht mit Erfolg. Alles nach vorn und darauf hoffen, dass man ein Tor mehr schießt als die drei des Gegners, das wird schief gehen. Aber man muss festhalten: Er hat der Mannschaft neues Leben eingehaucht. Er macht, was er für richtig hält – mit allen Risiken und aller Konsequenz. Was Beckenbauer und andere sagen, interessiert ihn nicht.

if: Gibt es etwas, was Sie als Journalist von ihm erwarten?

Boßmann: Ja, er soll die Mannschaft so auf Vordermann bringen, dass wir zumindest ins Halbfinale kommen. Das ist alles, was für mich zählt. Die Bewertung, was er richtig oder falsch gemacht hat, hängt am Ende doch nur vom sportlichen Abschneiden ab.

if: Aber Sie äußern doch schon jetzt Kritik an seinen Methoden, siehe die Wohnsitzdebatte. Gibt es auch Sportliches, das Sie kritisieren?

Boßmann: Ja, das teilweise katastrophale Abwehrverhalten. Da sehe ich ein großes Problem. Robert Huth hat in dieser Mannschaft nichts zu suchen.

if: Ist Huth wirklich so schlecht?

Boßmann: Er ist ein reiner Zerstörer, der seine Stärken nur im Zweikampf hat. Dieser Typ Fußballspieler, wie ihn einst Katsche Schwarzenbeck verkörperte, ist im modernen Fußball überholt. Außerdem, was hat ein Spieler in der Nationalmannschaft zu suchen, der in der ganzen Saison sechs Spiele beim FC Chelsea bestritten hat, davon vier Mal eingewechselt? Was ist mit Klinsmanns Forderung, dass jeder Nationalspieler Stammspieler in seinem Verein zu sein habe? Huth ist ein Paradebeispiel für Klinsmanns Hang zum Widerspruch. Ein anderes ist Mike Hanke, der für Schalke 04 fast eine Saison lang auf der Bank saß. Recht verstanden: Klinsmann soll seine Linie durchziehen und weiterhin neue, junge Spieler testen. Aber zu schnell darf man nicht zum Nationalspieler werden.

if: Ich sehe, Klinsmann muss Sie noch überzeugen. Sehen sie eine weitere Gefahr für ihn, etwa seitens des DFB?

Boßmann: Von der Spitze des Verbands droht ihm nichts und niemand. Er hat von Mayer-Vorfelder offenbar eine Generalvollmacht bekommen und kann schalten und walten, wie er will. Solange Klinsmann Erfolg hat und Deutschland attraktiven Fußball zeigt, solange hat Klinsmann Ruhe. Wenn aber die Ergebnisse in den wirklich schweren Testspielen gegen Holland, Frankreich und Italien auf einmal nicht mehr „stimmen“, desto mehr wird Klinsmann in die Kritik geraten. Einige haben mit ihm noch eine Rechnung offen: Sepp Maier, Bernd Pfaff, Michael Skibbe und so weiter. Er hat nun mal einige Leute radikal rasiert. Ich kann mir vorstellen, dass die bei der ersten Gelegenheit aus ihren Ecken kommen und Klinsmann laut kritisieren werden. Zugegeben, Sepp Maiers Rauswurf kann man vielleicht nachempfinden; ihm fehlte die Objektivität in diesem Torhüterduell, und seine Aussagen waren undiplomatisch.

if: Wie ist das Trainerteam neben Klinsmann zu bewerten?

Boßmann: Oliver Bierhoff als Bindeglied zwischen der Mannschaft und den Journalisten einzustellen, war ein kluger Schachzug vom DFB. Er ist jederzeit für uns ansprechbar. Auch Joachim Löw steht immer zur Verfügung und nimmt sich viel Zeit, um taktische Dinge zu erklären, und seien sie noch so kompliziert. Das passt perfekt. Klinsmann hat dadurch seinen Rücken frei, um sich mehr um die Mannschaft zu kümmern.

if: Zum Schluss: Was halten Sie von Pressekonferenzen im TV?

Boßmann: Nicht viel. Ich bin schreibender Journalist und fühle mich unwohl, wenn ich etwas nicht mehr zurücknehmen kann. Wenn ich mich beim Schreiben verrenne, kann ich immer noch mal drüber lesen und es wieder geradebiegen. Ich kenne genügend Kollegen, die sich gehemmt fühlen, wenn das Fernsehen dabei ist. Auf der anderen Seite gibt es Kollegen, die diese Pressekonferenz nutzten, um ihr Medium in den Vordergrund zu drängen und dann zig zum Teil überflüssige Fragen stellen. Sie wollen sich und ihre Zeitung profilieren.

Fragen von Oliver Fritsch

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Interview

Fußballsachverstand ist global

Telefonat mit Michael Ashelm, Frankfurter Allgemeine Zeitung, über Jürgen Klinsmanns Arbeit als Bundestrainer, dessen Verhältnis zu den Journalisten und die Vorzüge Jens Lehmanns

indirekter-freistoss: Vergleichen Sie bitte Jürgen Klinsmanns Verhältnis zu den Journalisten mit dem früherer Bundestrainer!

Ashelm: Was ich erfahren habe bei Klinsmanns Pressearbeit: Er behandelt die Pressevertreter – so weit dies möglich ist – gleich. Diesen Eindruck hatte man in der Vergangenheit nicht unbedingt immer. Dieser mögliche Grundsatz von ihm überträgt sich sogar auf seine Zusammenarbeit mit den Spielern.

if: Seine Körperhaltung bei den Pressekonferenzen am Ende des Confed-Cups deutete Misstrauen an. Liegt das an der Gegenwart der Journalisten?

Ashelm: Ist es Misstrauen oder vielleicht seine Art der Konzentration? Das ist schwer zu sagen. Natürlich hat Klinsmann den Ehrgeiz, sich im Licht der Öffentlichkeit so gut wie möglich darzustellen. Andererseits ist es kein großes Geheimnis, dass ein bestimmtes Medium schon mal bessere Kontakte zum Bundestrainer hatte und machtvoll genug ist, ihn zu ärgern. Sicherlich nahm er darauf Bezug, als er im Interview mit der FAZ kürzlich gesagt hat, er könne auch „dicht machen“, wenn aus seiner Sicht mit überzogener Kritik an den Spielern seitens der Medien übertrieben würde.

if: Fühlen Sie sich von dieser Drohung angesprochen, oder würde Klinsmann da zwischen „Gut“ und „Böse“ unterscheiden? Würden Sie auch unter dieser Blockade leiden, als FAZ-Journalist?

Ashelm: Es geht gar nicht um „Gut“ und „Böse“. Würde es zu einer Blockade kommen, ist anzunehmen, dass gerade die Printmedien darunter zu leiden hätten. Aber aus professioneller Sicht dürfte Klinsmann das nicht wirklich anstreben.

if: Gibt es etwas, was Sie beruflich im nächsten Jahr von ihm erwarten?

Ashelm: Ich erwarte, dass der Bundestrainer bei der Zusammenarbeit mit den Medien weiterhin mit derselben professionellen Attitüde herangeht wie bei der Vorbereitung seiner Mannschaft auf die WM. Man hat bislang den Eindruck, die Kommunikation mit der Mannschaft und der Presseabteilung des DFB funktioniert. Das sollte Klinsmann weiter fördern – und nicht sagen: „Jetzt ist WM, jetzt müssen wir uns abschotten!“

if: Wieso identifizieren sich die deutschen Fans wieder mit ihrer Nationalmannschaft? Hat Klinsmanns Kommunikation dazu beigetragen?

Ashelm: Beim Confederations Cup konnte man die Begeisterung der deutschen Fans hören und spüren, etwa als sie Robert Huth unterstützten oder in Leipzig das erste Mal auch den Namen des Bundestrainers riefen. Diese Entwicklung ist schon erstaunlich, man denke zurück an Klinsmanns erstes Statement, er wolle Weltmeister werden. Es war am Anfang schon überraschend, dass man ihn für dieses mutige Statement nicht ausgelacht hat. Die Botschaft kam an, weil auch die Mannschaft mitzog. Zwischen Ankündigung und Umsetzung gibt es bislang bei Klinsmanns Projekt keine große Differenz. Das ist ein Teil des Kommunikationserfolgs, mit dem er sehr viele Sympathiewerte in der Öffentlichkeit gewinnen konnte.

if: Hat sich Klinsmann seit seinem Einstand verändert?

Ashelm: Sicherlich hat er das. Nicht so sehr in seiner Sprache, sondern in seinem Auftreten. Diese fast aufreizende Lockerheit der ersten Monate ist einer Ernsthaftigkeit gewichen. Zu Beginn des Confederations Cup war er wohl etwas unruhig, das hat er aber ablegen können, nachdem die Spiele ganz gut gelaufen sind. Er hat seine Ziele hoch gesteckt und mit diesem Bewusstsein ist es nur allzu normal, manchmal Herzklopfen zu bekommen.

if: Zwei Sachen sind bei Klinsmann aufgefallen: Erstens zieht er oft das Urteil anderer heran, insbesondere das ausländischer Trainer. Werten Sie das als Schwäche?

Ashelm: Er hat als Trainer eben noch nicht viel im Lebenslauf stehen. Da kommen positive Reaktionen arrivierter Kollegen natürlich recht. Aber für bare Münze sollte man diese Urteile natürlich nicht nehmen in diesem Show-Geschäft. Außerdem funktioniert diese Art „Hilfestellung“ sowieso nur, wenn parallel erfolgreich gespielt wird.

if: Zweitens beurteilt er viele Spiele seiner Mannschaft gleich – und seien sie noch so unterschiedlich.

Ashelm: Meinen sie gleich gut? Das liegt wohl an den unterschiedlichen Positionen. Natürlich arbeitet er hauptsächlich die positiven Momente eines Spiels heraus. Das ist seine Philosophie. Wir müssen als Medienvertreter aber auch die schwachen Spielphasen ansprechen.

if: Wie finden Sie, dass Klinsmann sich Hilfe von Außen holt, etwa den Schweizer Sportpsychologen Urs Siegenthaler?

Ashelm: Es spricht ja nichts dagegen, dass Klinsmann alte Strukturen aufbricht und sich Know-how von Außen holt. Fußballsachverstand ist global und wenn die Beratung wichtige Erkenntnisse bringt, warum sollte man sie nicht nutzen? In Deutschland haben wir damit wohl ein Problem.

if: ARD und ZDF senden wie bei der Euro 2004 die deutsche Pressekonferenz mittags live. Harald Schmidt hat über die „dämlichen Fragen“ gelästert. Finden Sie sich, als Sportjournalist, gut abgebildet? Was halten Sie von diesem TV-Format?

Ashelm: Ich denke, die Arbeit der Journalisten bei der Nationalmannschaft ist nicht besser oder schlechter als in anderen Bereichen der Berichterstattung. Man kann über den Sinn der TV-Pressekonferenz streiten. Einerseits kann das für die Fernsehzuschauer interessant sein, um mehr Einblick in das System Nationalmannschaft zu erhalten. Andererseits haben die Printmedien ein wenig das Nachsehen, weil interessante Diskussionen oder Stellungnahmen schon am Tag vor der Veröffentlichung in der Zeitung vermehrt über Radio, Fernsehen oder Internet kursieren.

if: Anderes Thema: In letzter Zeit ist wieder vermehrt von der Bayern-Lobby zu lesen. Selbst El País hat darüber geschrieben. Gibt es sie wirklich oder ist es eine Verschwörungstheorie?

Ashelm: Ich kann mir wirklich keine Verschwörung vorstellen, aber natürlich gibt es die Bayern-Lobby. Der FC Bayern ist ein wichtiger Fußballklub in Deutschland, und natürlich gibt es Interessen, die Macht darzustellen und einzusetzen. Wir alle wissen, dass die Protagonisten auf Bayern-Seite gerne gewichtig argumentieren und dabei manchmal auch über das Ziel hinausschießen. Aber das ist ihr gutes Recht. Man kann ja dagegen reden.

if: Wird Oliver Kahn davon profitieren? Oder hat er das schon in der Vergangenheit?

Ashelm: Ich glaube, er wird nicht davon profitieren. Klinsmann hat wohl seinen Vorsatz, denjenigen Torwart spielen zu lassen, den er bei der WM für die richtigen hält. Und wenn Oliver Kahn eine schlechte Serie erwischt und dagegen Jens Lehmann erfolgreich hält, dann wird er ihn nicht spielen lassen. Sollte hier Druck von Bayern aufgebaut werden, wird sich der Bundestrainer davon wohl nicht in seiner Entscheidung beeinflussen lassen. So war es jedenfalls bislang zu spüren.

if: Na, das sind ja gute Zeichen.

Ashelm: Hätten Sie lieber Lehmann?

if: Nein, ich will eine gerechte Lösung. Meine Meinung ist, dass Kahn selbst bei der WM 2002 stärker gemacht worden ist, als er war. Im Finale gegen Rivaldo, das war nicht sein erster Fehler.

Ashelm: Beide, Lehmann und Kahn, haben ihre besonderen Stärken. Kahn der Meister auf der Linie, Lehmann verfügt über ein gutes Raumgefühl und kann mitspielen. Ich denke, die Mannschaft hat zwei sehr gute Torhüter, jedoch darf man gespannt sein, ob jemand in diesem außergewöhnlichen Zweikampf die Nerven verliert.

if: Der Umfang der FAZ-Berichterstattung über den Confed-Cup war sehr groß – EM-Format. Auch im Feuilleton wurde berichtet, auf Seite 1 und meist euphorisch. Finden Sie das angemessen? Schließlich war die Bedeutung des Turniers in Deutschland im Vorfeld bezweifelt worden.

Ashelm: Der Confederations Cup in diesem Jahr war für viele eine Generalprobe. Das Turnier fand in Deutschland statt, da sind die neuen Stadien, die Frage, wie das deutsche Publikum reagieren würde, außerdem befindet sich die deutsche Elf in einem spannenden Prozess der Entwicklung. Ich glaube, das sind genug gute Gründe, viel zu schreiben über diesen Volkssport. Schließlich profitiert der Leser von einem großen Angebot und kann sich bei der Lektüre seinen Präferenzen widmen.

if: Ein paar kurze Fragen: Ist das Sponsoring wirklich so penetrant, wie man immer liest?

Ashelm: Erst einmal ist es natürlich fragwürdig, ob selbst der Münzwurf des Schiedsrichters vor Anpfiff des Spiels von einem Sponsor präsentiert werden muss. Aber ich habe mir von einem Werbepsychologen sagen lassen, dass so lange die Aufmerksamkeit nicht zu sehr von der Hauptsache genommen wird, die Werbeflut vom Zuschauer geduldet wird. Im Fall mit der Münze wäre das so. Trotzdem erscheint es, als ob eine Grenze der Zumutbarkeit erreicht sei und sich die Sponsoren in Zukunft neue überraschende Formate einfallen lassen müssten.

if: Kommerzialisierung – wie hoch schätzen Sie das Protestpotential der Fans? Das war mal kurz ein Thema, aber dann hat man davon wenig mitbekommen.

Ashelm: Gering. Das ist wie mit den Autobahnstaus im Sommer, bei vielen Menschen würde ohne sie gar kein richtiges Feriengefühl aufkommen. Wir leben im Zeitalter ausgiebiger Kommerzialisierung, daran hat sich auch das Fußballpublikum längst gewöhnt. Es begreift sich als Teil des Events und feiert sich selbst. Wir kennen ja den Begriff der Event-Gesellschaft.

if: Bewerten Sie bitte die Organisation, a) für die Presse und b) allgemein!

Ashelm: Zwei Mal eine 2. Aber es gibt trotzdem Nachholbedarf.

if: Woran hat es denn gefehlt?

Ashelm: Nicht alle Stadien, zum Beispiel Leipzig, sind wirklich fertig gestellt. Zudem ist hier und da zu erkennen, dass zwar supermoderne Arenen entstanden sind, aber die Planer sich wenig Gedanken über die Bewältigung des Verkehrs rundherum gemacht haben. Das überrascht doch sehr. Bei der Pressearbeit der Fifa oder des Organisationskomitees ist zu bemängeln, dass sich akkreditierte Journalisten trotz Zulassung für einzelne Spiele nicht nur für den Eintritt in die so genannte Mixed-Zone für Gespräche mit den Spielern bewerben müssen, sondern ihnen auch die Teilnahme an der offiziellen Pressekonferenz nach dem Spiel nicht sicher ist. Dieses Ausschlussverfahren ist für eine ausgewogene Berichterstattung nicht hinnehmbar.

if: Zum Schluss bitte die Gewinner des Confed-Cups, sportlich und neben dem Spielfeld!

Ashelm: Sportlich die jungen Deutschen: Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger. Sie prägen nun erst einmal das Image dieser Mannschaft. Und außerhalb des Platzes: Franz Beckenbauer, das muss man sagen, für seinen Auftritt als OK-Präsident.

if: Was dürfte Franz Beckenbauer nicht sagen? Gibt es da irgendwas?

Ashelm: Nein, gibt es nicht. Er hat den Status, sich alles erlauben zu dürfen. In der Frage, ob Klinsmann den Torhüterzweikampf bis weit ins nächste Jahr betreiben soll oder nicht, hat er sogar mal an einem Tag in verschiedenen Medien gegensätzlich argumentiert. Das war wieder mal typisch Beckenbauer.

Fragen von Oliver Fritsch

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Ballschrank

You‘ve got to love them!

Die deutsche Nationalmannschaft in der ausländischen Qualitätspresse bei der WM 2002

Brasilianische Samba trifft auf italienische Theatralik, spanischer Stolz auf afrikanische Verspieltheit, und teutonische Präzision misst sich mit argentinischer Leidenschaft: Während einer Fußball-WM haben Klischees Konjunktur. Dieser Anlass bietet die spielerische Möglichkeit für holzschnittartige Charakterisierungen, welche als Abbildungen ganzer Staatsvölker verstanden werden (sollen). Es ist ein problematisches Vorgehen, die Presse als Sprachrohr der Nation zu betrachten; sollte doch auch bei sportlichen Großwettkämpfen den Regeln und Ansprüchen der Objektivität weiterhin Rechnung getragen werden. Als Lackmustest für Stimmungen innerhalb der Bevölkerung ist ihre Lektüre aufschlussreich; als Einflussgröße ist sie wirksam. Bei den meisten ausländischen Zeitungen erkennt man Identifikation mit der „eigenen“ Mannschaft erkennen – ebenso eine hierarchisch gegliederte Sympathie mit anderen Teilnehmerländern. In welch zwiespältigem Ruf der deutsche Fußballer in der Weltöffentlichkeit steht, ist bekannt: Einerseits denkt man an den Zerstörer, grätschend, grobmotorisch und talentfrei. Andererseits gelten die Sekundärtugenden Fleiß, Kampfgeist und Disziplin als seine Erfindung.

Dieser Kategorisierung bedient sich, wie man weiß, der Boulevard, von dem man keine sachliche Analyse erwartet; mit Häme und Zerrbild erreicht man Stammtischhoheit. Dass die Qualitätszeitungen aus Madrid, London und Rom zu den gleichen Stilmitteln greifen, überrascht – und bestürzt. Eine Auswertung internationaler seriöser Presseorgane im Rahmen der vergangenen Fußball-WM zeigt: Das Spiel von Ballack, Klose und Linke muss nahezu durchweg als Beweis für deutsche „Mentalität“ herhalten sowie als Projektionsfläche für Beschreibungen deutscher Wesensart. Die Autoren dieser Zeitungen urteilen teilweise drastischer und giftiger als ihre Kollegen von den Revolverblättern.

Liest man die sich wiederholenden Lamenti erkennt man Eigenarten: In Italien und Spanien leiten gesellschaftliche Aversionen gegen die Deutschen die Fußballberichterstattung. Offenbar halten die Kommentatoren die Deutschen wegen ihrer vermeintlichen körperlichen und geistigen Abweichungen für das Produkt eines evolutionären Holzwegs: „Deutschland ist das Grab der Phantasie“, schrieb die römische La Repubblica am Tag nach dem deutschen Final-Einzug und störte sich an der „Unerbittlichkeit“ teutonischen Tuns. „Die Deutschen sind nichts wert“, war die erschütternde Erkenntnis des regierungskritischsten Organ Italiens aus dem „vielleicht schlechtesten Halbfinale aller Zeiten“. Spanische Autoren lassen sich immer wieder zu Kriegs- und neuerdings Industriemetaphorik hinreißen: „Mit der ganzen Feldtruppe im Galopp überrollen und bekriegen sie den Gegner“, schrieb das linksliberale El País nach dem 8:0-Erfolg der DFB-Auswahl gegen Saudi-Arabien und sprach der Elf Individualität ab, denn „sie sind nach einem Muster geklonte Spieler, deren Charakter keine Romantik zulässt. Sie bilden eine Montagekette und schrauben phantasielos am Fließband. Ihre Baukräne beordern sie dabei in den Strafraum“, heißt es weiter über hiesige Fußballkultur. Gleichzeitig fürchten die Autoren die klassische „Turnierbestie Deutschland“ als Gegner, die „das Schöne zerstört“ – womit man die eigene Auswahl meint.

Selbst wenn die Verfasser sich der Gefahr der Schwarz-Weiß-Malerei bewusst sind, schimmern die Stereotypen durch den Schleier vorgeblicher Neutralität. Nach dem deutschen Vordringen ins Halbfinale ging die Neue Zürcher Zeitung in sich: „Wenn es um Sport geht, wird er wahrnehmbar, der antideutsche Reflex, der Futterneid ob deutscher Erfolge“, sah „Arbeiter mit (relativ) wenig Talent“ am Werk und bedauerte augenzwinkernd: „Wir bringen heuer beim besten Willen keinen ordentlichen Deutschland-Hass zustande.“ Die englische Berichterstattung kennzeichnet eine selbstironische Koketterie mit Neid und Affekt. „Lieber die lächerliche Vorstellung, dass Südkorea einen Platz in Yokohama auf dem goldenen Teller präsentiert bekommt als ein faires Spiel, in dem Deutschland einen selbstgefälligen Sieg landet“, hoffte die Times trotzig auf eine Schiedsrichter-Fehlentscheidung zugunsten des deutschen Gegners. In London unterliegt man scheinbar nicht der Versuchung, den Abziehbildern der „Betonköpfe“ und „Panzer“ durch eine neutrale Darstellung zu entgegnen.

Germanische Quadratschädel

Bei genauerem Hinsehen vernimmt man Zwischentöne im internationalen Chor der Spötter. Nach dem Final-Einzug bescheinigte die Times dem deutschen Kollektiv eine achtungsgebietende „Leidensfähigkeit“ – in Anbetracht individueller Mängel und einer Verletzungsmisere im Vorfeld des Turniers und forderte ihre Leser auf: „Steigt herab vom hohen Ross. Die Deutschen bekamen, was sie verdienten. Wir übrigens auch.“ Dem Teamgeist von „la Mannschaft“, wie die deutsche Nationalelf in den französischen Zeitungen respektvoll genannt wird, zollte man in Frankreich zunehmend Respekt. Das Sportblatt L’ Équipe bekannte sogar: „Die deutsche Mannschaft gewann unsere Sympathie“: ein mutiges Bekenntnis.

Die Gegenbeispiele können jedoch nicht über das traurige Fazit hinwegtäuschen, das über das rein Sportliche hinaus Geltung hat: Deutschland hat nach wie vor ein schlechtes Image. Dabei kommt hierzulande dem Fremdbild große Bedeutung bei, vermisst die Öffentlichkeit die aus ihrer Sicht gerechtfertigte Anerkennung – allen Gewöhnungseffekten zum Trotz. Internationale Pressespiegel und Kommentare gehören zum festen Inventar deutscher Tageszeitungen. Auch Trainer und Spieler der DFB-Auswahl werden häufig mit den Ansichten des Auslands konfrontiert; nicht immer reagieren sie darauf gelassen. Man denke an den allergischen Gegenschlag Rudi Völlers auf die Kritik des südkoreanischen Experten und ehemaligen Weggefährten Cha nach Chas Kritik am deutschen Sieg gegen Paraguay.

Für die schablonenhafte Darstellung des deutschen Fußballs im Ausland gibt es zwei Erklärungen, die sich ergänzen: Erstens handelt es sich um Beifall heischende Zugeständnisse an Ressentiments innerhalb der Leserschaft. Zweitens sehen die Kommentatoren das deutsche Spiel und die deutschen Spieler voreingenommen: Nichts ist so hartnäckig wie ein schlechter Ruf. Letztlich widersprechen die Vor-Urteile aus dem Ausland der allseitigen Auffassung, wonach der Weltfußball Globalisierungstendenzen unterliegt und sich Spielsysteme und -stile in einem unaufhaltsamen Angleichungsprozess befinden. Zwar erkannten die internationalen Experten im Nachhinein die Wertlosigkeit ihrer Theorien, die das Finale zwischen Brasilien und Deutschland als Aufeinandertreffen zweier Extremwerte vorausgesagt hatten. Der „Clash der Fußball-Kulturen“ blieb aus. Man gestand Völlers Equipe allseits spielerische Eleganz und Offensivgeist zu. Zur Milde dieses Urteils mag die als Erlösung empfundene Niederlage von Kahn Co. wesentlich beigetragen haben. Doch die Wette gilt: Bei der nächsten Gelegenheit wird wieder von „Robotern“, „germanischen Quadratschädeln“ und „Dampfwalzen“ die Rede sein, wenn die Deutschen „wahrscheinlich keinen Fußball spielen“ (El País). Die Aufforderung Martin Samuels (Times) wird ungehört verhallen: „Come on, you´ve got to love them.“

Oliver Fritsch
(Dieser Artikel erschien, leicht redigiert, in der SZ vom 17.7.2002)

Donnerstag, 21. Juli 2005

Ball und Buchstabe

Stilistisch auf dem Niveau überregionaler Zeitungen

Olaf Sundermeyer (FAZ/Medien 20.7.) schickt Rund, dem neuen Fußball-Monatsmagazin, Blumen: „Die Fußballverleger nennen ihr neues Objekt „originell, frech und unkonventionell” und wirken ein wenig wie die Volksbank Dortmund-Hörde bei dem Versuch, mit einem Jeanssparbuch neue Zielgruppen zu erschließen. Das Heft selbst liest sich zum Glück nicht so gezwungen locker: Die Texte sind stilistisch auf dem Niveau überregionaler Zeitungen, für die sämtliche Autoren geschrieben haben und an deren Leser Rund sich immer noch richtet. Fotos, Bildschnitte und Layout erinnern an das Zeitgeist-Wirtschaftsmagazin brand eins. Porträts, Interviews und Hintergründe mischen sich mit satirischen Spitzen („Die elf größten Pflegefälle des deutschen Fußballs”) und Gastbeiträgen. Regelmäßig schreiben Hans Meyer und der Moderator Jörg Thadeusz. (…) Im Büro der Chefredaktion heißt es: „Vor allem wollen wir nicht nur den Journalisten gefallen, das ist der erste Schritt fürs Scheitern.” Doch sollten wir deshalb jetzt noch ein paar schlechte Worte über dieses neue Magazin verlieren?“

Ein Heft nur zum Durchblättern ist Rund nicht

Björn Wirth (BLZ/Media 21.7.) fügt hinzu: „Es gibt einige gute Geschichten in Rund: Die Reportage über Abbas Suan etwa, einen Palästinenser, der in der israelischen Nationalmannschaft spielt. Oder das Porträt über Walter Beckenbauer, den Bruder vom Franz, der selten bis gar nicht mit der Presse redet. Und natürlich das Interview mit Jürgen Klopp, in dem der erzählt, warum seine Freundin Ulla zu Hause manchmal unter der Klobrille liegt, er im Schlaf gern „Schieß doch endlich!“ ruft und immer noch den Tod von Winnetou beweinen kann. Für den Anfang sind das ganz schön viele gute Geschichten. Auch sonst hat das neue Magazin, das fortan monatlich dem Leser „unerwartete Themen und viele dringend erwartete Informationen“ liefern will, einige hübsche Ideen. Rund hat sich in den Lieblingskneipen von Bundesliga-Profis umgesehen, gläubige Spieler über ihre Meinung zum Papst befragt und erklärt, warum die Nationalmannschaft von Bermuda trotz jüngster Niederlage in der Fifa-Weltrangliste um drei Plätze gestiegen ist. Nun muss die nächste Ausgabe nur noch so stark anfangen, wie die erste aufhört, ein Fußballspiel dauert ja auch 90 Minuten und Schluss ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Und ein Heft nur so zum Durchblättern ist Rund nun wirklich nicht.“

Das Original

Christoph Biermann (taz 21.7.) trennt die Stecktabelle heraus: „Vor gut 400 Jahren kaufte ich mein erstes kicker-Bundesliga-Heft, das ich heute noch besitze und sich besten Zustandes erfreut, weil ich herausfand, dass es selbstklebende Schutzfolie zu kaufen gibt. Deshalb kann ich auch sicher sagen, dass zwischen jenem ersten Sonderheft von 1973 und dem, das ich am letzten Montag gekauft habe, kein wesentlicher Unterschied besteht, auch wenn damals Willy Brandt noch Bundeskanzler war und sich die Menschen heute so genannte DVDs anschauen. Weil das so ist, ist dem aktuellen Sonderheft eine solche beigefügt, die drei Stunden lang ist. (Man hat jedoch schon nach drei Minuten das Gefühl, die ganze Zeit abgesessen zu haben, weiß hinterher aber zumindest, dass die Sportschau-Moderatorin Monica Lierhaus zwei Köpfe kleiner ist als kicker-Chefredakteur Rainer Holzschuh.) Im Heft selbst, das zu Recht mit dem Stempel „Das Original“ versehen worden ist, hat es im Vergleich zu den Vorjahrzehnten keine Änderungen gegeben. (…) Ach, ich könnte ewig so weitermachen und freue mich schon aufs nächste Jahr.“

FAZ: Köln liegt im Poldi-Fieber

Am Grünen Tisch

Die Welt zu Gast bei Franz

Thomas Kistner (SZ 21.7.) klagt über die Vereinnahmung der WM durch Franz Beckenbauer und das Land Bayern: „Bayern und München wollen sich im WM-Land als das ausgeben, was Bayern München im Fußball ist: Ein Sonderfall, der Sonderrechte genießt, ohne dass irgendwo Protest anhebt. Weil aber die Eigenarten der Profibranche nicht einfach so auf das größte Gesellschaftsereignis des Jahrzehnts übertragbar sind, ist stete Reibung mit dem selbstherrlichen Süden programmiert. Ein souveränes WM-OK könnte gegensteuern, das Land braucht nur die eine Task Force. Doch verkörpert just der OK-Chef den elitären Süden: Franz Beckenbauer, mit seinem Adlatus Fedor Radmann die stärkste Lobby, die es in der Branche gibt. Dass es just wieder dicke Luft um Radmanns Verfilzungen gibt, dass nun das Bundeskartellamt eine fragwürdige WM-Etatvergabe an dessen alten Geschäftsfreund prüft, ist kein Thema im Land. Hier soll „die Welt zu Gast bei Freunden“ sein, da stören die Realitäten des deutschen Alltags nur; VW oder Infineon, dubiose ARD-Verträge oder eben WM-Etats. Dass Beckenbauer nun auch noch alle WM-Gäste persönlich besucht, als Gesandter dieses neuen Deutschland, nährt den Verdacht, das Land könnte wirklich nicht mehr zu bieten haben als seine größte Werbe-Ikone. „Die Welt zu Gast bei Franz“ wäre insofern das konsequentere Motto. Dass Franz in Österreich lebt, braucht die Welt ja nicht zu wissen.“

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