indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 23. Mai 2005

Internationaler Fußball

Er kam nach Turin, sah und siegte

Juve ist Meister – ein Erfolg des Trainers, findet Peter Hartmann (NZZ 23.5.): „Der 28. Titel von Juventus Turin innert hundert Jahren hat einen Namen: Fabio Capello. Der Charakter steht diesem Mann ins Gesicht geschrieben. Ein überlegener, blauäugiger Radarblick, ein Kinn wie ein Bulldozer. Juventus war die härteste Mannschaft der Saison, mit den meisten Fouls und mit der stärksten Abwehr. Wo Capello arbeitet, baut er an seiner Ruhmeskathedrale. Sieben Meisterschaften hat der Fussballtrainer, Sohn eines Lehrers aus dem Friaul, in 13 Jahren erarbeitet, mit vier verschiedenen Klubs in drei Ländern [drei?]. Viermal triumphierte er mit Milan, auf Anhieb reüssierte er 1997 mit Real Madrid, mit der AS Roma gelang ihm 2001 das Unmögliche. Er kam nach Turin, sah und siegte. (…) Bei Juventus erhielt er, ein Pionierbeispiel im Calcio, die hundertprozentige Kompetenz, nach dem Beispiel der englischen Teammanager.“

So viele Fragezeichen wie nie

Arsenal gewinnt gegen ManU den FA Cup nach Sieg im Elfmeterschießen – Christian Eichler (FAZ 23.5.) notiert Lob für Jens Lehmann und spürt Unruhe in Manchester: „Zur neuen Legende fehlte nur eins, wie das Blatt The People fand: „Ein gebrochener Nacken“. Dabei hatte Bert Trautmann seinem Nachfolger Jens Lehmann per Fax vor dem Spiel genau das gewünscht: „Hals- und Beinbruch“. Trautmann hielt 1956 den Sieg im englischen Pokalfinale für Manchester City mit gebrochenem Halswirbel fest. Lehmann wurde mit Arsenal der zweite deutsche Torwart, der den ältesten Fußballwettbewerb der Welt gewann. Und auch er machte Geschichte. Im ersten Elfmeterschießen der 133jährigen Cup-Historie wurde er der erste und einzige, der einen Elfmeter hielt. Erst rettete Lehmann seinem unterlegenen Team mit einer Weltklasseleistung ein 0:0 gegen Manchester United. Dann hielt er den Elfmeter von Paul Scholes. (…) United hat das Problem: eine Saison ohne Titel, in England wie im Vorjahr nur die Nummer drei, in Europa wie im Vorjahr nicht mehr unter den besten acht. Ein alternder Trainer, ein neuer Besitzer, frustrierte Fans. So viele Fragezeichen wie nie.“

Unterhaus

Talentschuppen

Ralf Weitbrecht (FAZ 23.5.) bemerkt zum Frankfurter Aufstieg: „Mit dem einstigen Oberstudienrat Heribert Bruchhagen, einem schon in Bielefeld, Schalke und Hamburg erprobten Manager, der vor seiner Frankfurter Zeit als Geschäftsführer bei der DFL wirkte, hat die Eintracht einen Kurs eingeschlagen, der Stabilität und Seriosität verspricht. Die Lizenz für die kommende Bundesligasaison hat die Eintracht ohne jegliche Auflagen und Bedingungen erhalten. Die sportliche Lizenz, wieder für lange Zeit zum Bundesliga-Establishment zu gehören, steht noch aus. Doch der von Funkel angeleitete Talentschuppen ist auf einem guten Weg.“

Bundesliga

Durchschnittsware

Roland Zorn (FAZ 23.5.) kommentiert den letzten Spieltag: „Europa muß Deutschland auch im kommenden Spieljahr nicht fürchten – das wurde zum Bundesliga-Abschluß überdeutlich. Zu Ende ging eine Saison, die nur einem Verein gehörte: Bayern München, der als einzige deutsche Fußballadresse von Rang auch jenseits der Landesgrenzen höchstes Ansehen genießt. 14 Punkte dahinter, also vom Tabellenzweiten Schalke an, beginnt schon das Mittelmaß. Eine stetig fallende Tendenz, die dem heimischen Publikum nichts auszumachen scheint. Wer mit 11,5 Millionen Zuschauern in den großenteils neuen oder renovierten Arenen Rekordbesuch vermeldet, muß Wochenende für Wochenende zumindest keiner verwöhnten Kundschaft Angebote machen. Das Publikum hat sich mit der sportlichen Durchschnittsware angefreundet und genießt im Zweifel dann eben den sogenannten Eventcharakter rund um die Begegnungen. Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft sind zumindest die Rahmenbedingungen längst erstklassig, doch ob Verpackung auf Dauer Inhalt schlagen kann, ist beim Blick auf den diesmal einseitigen und auf verschiedenen Ebenen früh entschiedenen Wettbewerb zweifelhaft.“

Alles eine Frage des Geldes?

Frank Hellmann & Jan Christian Müller (FR 23.5.) sorgen sich um die Ungleichheit der Liga: „Die Schwäche der Konkurrenz kann auch dem FC Bayern nicht dienlich sein: Die böse Überraschung, die Magaths Mannen an der Stanford Bridge bei der Lehrstunde gegen Chelsea London erlebten, führten viele Experten auf die Unterforderung im Liga-Alltag zurück. Ist es alles eine Frage des Geldes, wie es die Bayern-Oberen in ihrer Aufarbeitung nun ständig und bestimmt nicht völlig grundlos wissen lassen? Wirtschaftlich zählt die Bundesliga trotz aller aufgeregten Wehklagen des Branchenführers „zu den drei Top-Ligen mit dem höchsten Erlösvolumen weltweit“, wie DFL-Geschäftsführer Christian Müller in seiner Expertise zur wirtschaftlichen Situation im deutschen Lizenzfußball darlegt. Doch sportlich erlöst die Liga längst nicht jenen Stellenwert.“

Gut für Deutschland

Andreas Burkert (SZ 23.5.) hingegen sieht die Bundesliga in der nächsten Champions League gut aufgestellt: „Man wird das sehen im nächsten Jahr, wenn die Liga und ihre Hauptdarsteller in eine aufregende WM-Saison gehen – und Schalker wie Bremer auf Bewährung um ihr Vorankommen in der kontinentalen Hierarchie spielen. Dem VfB, welchem offenbar ein gravierender Umbruch bevorsteht, möchte man diesen nationalen Auftrag ebenso wenig anvertrauen wie der Hertha, die weiterhin zu sehr mit dem diffizilen Projekt Hauptstadtklub beschäftigt ist (und mit einer erheblichen Schuldenlast). Bayern deutlich vor Königsblau und Werder, das ist nicht besonders originell. Aber gut für Deutschland.“

Zaghaftigkeit, Mutlosigkeit, Lethargie

Die Stuttgarter enttäuschen Roland Zorn (FAZ 23.5.): „Wer im finalen Saisonduell so etwas wie Stuttgarter Hingabe erkennen wollte, konnte sie nicht einmal in Spurenelementen finden. (…) Bei der Ursachenforschung für den Niedergang der Stuttgarter Spielkultur und die Verkümmerung des Selbstbewußtseins gehören auch Sammers Fehler zur Gesamtbetrachtung. So defensiv der Coach sein Team nicht nur am Samstag aufgestellt hatte, so schüchtern trat es den unerschütterlichen Münchner Meistern entgegen. Von Freude an der anspruchsvollen Aufgabe, dem Klassenprimus wenigstens am Samstag beikommen zu können, war nichts zu spüren. Statt dessen Zaghaftigkeit, Mutlosigkeit, Lethargie.“

Oliver Trust (FR 23.5.) befasst sich mit dem Stuttgarter Trainer: „Der einstige Wunschtrainer Matthias Sammer längst nicht mehr als die ideale Lösung angesehen wird, die die Schwaben auf dem Weg weiter führt, den Felix Magath einst beschritt. Vom Schwung, von der Begeisterung vergangener Tage ist nicht viel übrig geblieben.“

Erfreuliche Wesensart

Ludger Schulze (SZ 23.5.) lobt den Charakter der Bayern: „Der FC Bayern besitzt eine Mannschaft von erfreulicher Wesensart. Der Versuchung, den Berufsalltag nach getaner Arbeit in Urlaubslaune ausklingen zu lassen, haben die neuen Deutschen Meister widerstanden und der Serie aus acht Siegen eine neunte Perle hinzugefügt. Bei der Tour de France beispielsweise ist es üblich, auf der letzten Etappe „die Beine hochzunehmen“ und sich im Stolz auf die eigene Leistung zu sonnen. Auch im Fußball stellt man in der Regel einen krassen Verlust an Lust und Laune fest, sobald ein Team sein Ziel erreicht hat.“

Fallhöhe

Immerhin Uefa-Cup – Javier Cáceres (SZ 23.5.) fordert von Hertha mehr Freude und Demut: „Eine unbekannte Hand reichte den Angestellten die anderen weißen Hemden: „Wir sind im UEFA-Cup 2005/06“, war dort aufgedruckt. Es gab Spieler, die konnten sie gar nicht schnell genug wieder fortwerfen. Nichts half, die Fallhöhe zu mildern – weder das Wissen darum, dass man vor genau einem Jahr erst am vorletzten Spieltag dem Abstieg entgangen war, noch der vielsagende Fakt, dass Hertha nicht eine einzige Minute auf einem Champions-League-Platz gestanden hatte, in der ganzen Spielzeit nicht. Wer wollte angesichts der Nähe der Champions-League-Ränge die Ratio mühen?“

Sonntag, 22. Mai 2005

Vermischtes

Aus einem Scherz erwuchs ein Stück Sportgeschichte

Den Sieg Turbine Potsdams im Uefa-Cup beschreibt Ronny Blaschke (SZ 23.5.) mit Blick auf den Trainer: „Vielleicht liegt die Ursache dieses Erfolgs in Bernd Schröders Weitsicht. Es scheint, als würden seine Gedanken nur um den Tag danach kreisen. Er argumentiert so sachlich wie ein Versicherungsvertreter. Sechsmal war Turbine DDR-Meister, im vergangenen Jahr gewann das Team die Deutsche Meisterschaft und den Pokal. Der Uefa-Cup, der Pokal der Meister, ist nun die Krönung. Nach dem WM-Sieg der Deutschen 2003 wurde der Frauenfußball wieder ins Rampenlicht gezerrt. Für Potsdam ist er einer der wichtigsten sportlichen Werbeträger. Es war in der Sylvesternacht 1970, als Schröder an seiner Arbeitsstelle nach einer lustigen Runde mit Kollegen einen Zettel an die Wand hängte. Darauf stand sinngemäß: „Suche Mädchen für Fußball-Team.“ Am nächsten Arbeitstag hatte sich vor seinem Büro eine Schlange gebildet und Schröder wollte die Frauen nicht wegschicken. Aus einem Scherz erwuchs ein kleines Stück Sportgeschichte. Heute zählt Turbine zu den ersten Adressen im Frauenfußball.“

Samstag, 21. Mai 2005

Bundesliga

Volksaktie Premiere

Armin Lehmann (Tsp 21.5.) resümiert die Saison und blickt auf die Verhandlung um TV-Geld: „Auch in Deutschland wollen die Fans große Stars sehen, die spielen hier aber nicht. Die 300 Millionen Euro für die DFL aus den Fernseheinnahmen reichen nicht, um mit anderen europäischen Ligen zu konkurrieren. Wer alles haben will, eine ausgeglichene Liga, teure Stars und internationalen Spitzenfußball, der wird sich verabschieden müssen von der guten, alten Zeit. Die Fans werden entscheiden. Vielleicht macht der Fußball aus Deutschland ja doch noch ein Land von Anteilseignern. Die Volksaktie hieße dann Premiere.“

Perfektionismus

Schalke vor dem letzten Spiel – Richard Leipold (Tsp 21.5.): „In der Boulevardpresse ist Ralf Rangnick längst nicht mehr unumstritten. Zum ersten Mal, seitdem er am siebten Spieltag die damals in Nähe der Abstiegsplätze stehende Mannschaft übernommen hat. Es wird kolportiert, er gehe einigen Profis mit seinem Perfektionismus auf die Nerven. Selbst Rudi Assauer äußerte sich in einem Interview nicht gerade dankbar über seinen Trainer. Er habe manchmal eine andere Denkart als Rangnick.“

Woche der gespielten Harmonie

Stuttgart vor dem letzten Spiel – Oliver Trust (FR 21.5.): „Überall mühten sie sich um den Anschein spielerischer Leichtigkeit. Sammer beschränkte die Trainingsumfänge auf ein Mindestmaß, Fußballtennis, Spielchen der Generationen – und am Ende der Woche der vorgespielten Harmonie gibt es Videovorführungen der schönsten VfB-Tore. Als gelte es, laut in den dunklen Keller zu pfeifen, verkündete Matthias Sammer, wie wertvoll der bereits erreichte Uefa-Cup sei. (…) Jetzt tragen die Protagonisten Masken, bis Samstag. Hinter den Kulissen aber brodelt es.“

taz: Warum gehört der VfB nicht in die Champions League?

Ohne schlagkräftigen Sturm

Berlin vor dem letzten Spiel – Andreas Rüttenauer (taz 21.5.): „Hertha ist immer noch nicht bescheiden genug, anzuerkennen, dass die Champions League eine Nummer zu groß ist. Es täte der Mannschaft gut, wenn sie erst einmal versuchen würde, eine Runde im Uefa-Cup zu überstehen. Das wird schwer genug. Eine Elf ohne schlagkräftigen Sturm wird sich in Europa schwer tun.“

Werder boomt in Bremen

Bremen vor dem letzten Spiel – Jan Christian Müller (FR 21.5.): „Bei allem Frust über vergebene Chancen und vermeintliche Benachteiligungen durch Schiedsrichter, wehrt sich Thomas Schaaf mit einiger Berechtigung dagegen, die Saison rundheraus als verkorkst abzutun. „Die Mannschaft hat eine gute Saison gespielt. Sie lebt. Wir haben unsere Fans erreicht.“ Damit hat der Trainer Recht: Selbst die letzten Heimspiele gegen wenig attraktive Gegner wie Bielefeld und Freiburg waren mit 40 000 Karten nahezu ausverkauft. Werder boomt in Bremen trotz Platz fünf.“

taz-Interview mit Martin Petrov

FR-Interview mit Sabine Töpperwien

Ascheplatz

Blutsauger

Christian Eichler (FAZ/Politik 21.5.) erklärt, warum die Fans von Manchester United Malcolm Glazer verachten: „Die Heuschrecke hat es noch nicht in den englischen Wirtschaftswortschatz geschafft. Den Tausenden Fußballfans, die gegen die Übernahme wettern, klänge der Vergleich mit dem hungrigen Insekt ohnehin viel zu vegetarisch. Sie vergleichen Glazer eher mit einem Blutsauger. Fußball ist eine Wirtschaftsbranche, die nur zum Teil mit Toren und TV-Rechten handelt. Vor allem verkauft sie Emotionen. Dieses Produkt holt man sich nicht einfach bei einem anderen Anbieter, wenn Preis oder Leistung nicht mehr stimmen. Gerade in England gilt die Unterstützung für einen Klub als ein Stück Identität, lebenslänglich. (…) Glazers Geschichte entspricht zu sehr dem amerikanischen Klischee, als daß er bei der Basis populär werden könnte.“

Freitag, 20. Mai 2005

Ball und Buchstabe

Zu recht abgewiesen

Thorsten Jungholt (Welt 20.5.) stimmt dem Bundesgericht zu, das den Einspruch RW Erfurts gegen die Dopingstrafe gegen Senad Tiganj abweist: „Zumindest die Kosten für das Berufungsverfahren hätte Schickhardt seinen Mandanten ersparen können. Denn außer dem Hinweis, Rudi Völler und mit ihm die Mehrheit der Deutschen würden das Urteil nicht gutheißen, hatte der Advokat nur seinen Appell an die Fairneß zu bieten. Fair play aber heißt nicht, juristische Purzelbäume zu schlagen, um Korrekturen in einem in der Tat emotional bewegenden Einzelfall hindeichseln zu können. Fair play bedeutet, daß die Regeln für alle Wettbewerbsteilnehmer gleich sein müssen und sie sich auf deren Gültigkeit jederzeit verlassen können. Das Bundesgericht hat den Einspruch zu recht abgewiesen und damit eine klare Haltung im Kampf gegen Doping bewiesen. Bestrebungen, die Regel abzuschaffen, wonach der Verein bei Fehlverhalten eines Spielers automatisch mitbestraft wird, sollten dagegen wohl überlegt sein. Denn nur durch die klare Vorgabe „Mitgefangen, mitgehangen“ werden die Klubs dazu erzogen, ihre Angestellten immer wieder auf die Gefahren durch Medikamentenmißbrauch hinzuweisen und sie zu kontrollieren. Die Folgen mögen wie im Fall Erfurt manchmal bitter sein. Das Ziel aber ist es wert.“

Allgemein

Fußballrandgebiet

ZSKA Moskau gewinnt den Uefa-Cup – Ronald Reng (taz 20.5.) überrascht das nicht: „Für die Trendforscher war der erstmalige russische Triumph nichts wirklich Neues: Im Uefa-Cup haben die vermeintlich Großen schon länger immer weniger zu sagen; ZSKA ist der vierte Cup-Gewinner in sechs Jahren aus einem Fußballrandgebiet. Wobei es zu erwähnen gilt, dass es derzeit kein spannenderes Projekt im Vereinsfußball gibt als die russische Liga. Während im alten Europa der Markt stagniert, wächst der russische Fußball ungehemmt. 14 Jahre nach Zusammenbruch der Sowjetunion haben die neuen Kapitalisten des Landes das Spiel entdeckt; wer was auf sich hält im Öl- und Gasgeschäft, hält sich ein Fußballteam. In bester Tradition der Noveau Riche wollen die Mäzene ihr Geld zeigen. Sie wollen große Stars. (…) Solange die neureichen Ölmänner Spaß an ihrem Spielzeug haben, gibt es nichts, was unmöglich scheint.“

Beim ersten Schluck Wodka fiel der Löwe auf die Knie

Ein Analyse in Sachen Giftresistenz von Georg Bucher (NZZ 20.5.): „Euphorie davor, mit zunehmender Spieldauer Tristesse, hinterher Jammern und Wehklagen: Die Befindlichkeit der Portugiesen hat sich innert knapp eines Jahres wiederholt. Hatte 2004 die Nationalmannschaft höchste Erwartungen geweckt, so musste sich heuer Sporting im eigenen Estádio José Alvalade geschlagen geben. 3500 Anhänger des ehemaligen Rote-Armee-Klubs entwickelten geradezu mediterrane Ausgelassenheit, doppelt so viele Immigranten bejubelten vor einem Riesenbildschirm auf dem Expo-Gelände die Schritte zum Uefa-Cup-Gewinn. Dass Bier ohne Wodka zum Fenster herausgeworfenes Geld sei, hatten sie vor dem Match einem Radioreporter anvertraut, während Sporting-Fans auf der Praça da Figueira brüllende Löwen mimten und die Lacher auf ihre Seite zogen. „Beim ersten Schluck Wodka fiel der Löwe auf die Knie“, überschrieb A Bola ihre Chronik. Bezüglich Klub-Symbolen hätte man auch formulieren können: „Russisches Nationalgetränk verwandelt Löwen in Eidechsen.““

Bundesliga

Das Stadion als therapeutische Anstalt

Rainer Moritz (FTD 20.5.) blickt auf 33 Folgen Bundesliga-Soap zurück: „Was haben wir in der Saison alles durchlitten. Johan Micouds rätselhafte Lustlosigkeit, Delron Buckleys Wiedergeburt, Oliver Neuvilles Torflaute, Oliver Kahns zurückgewonnene Power, Thomas Dolls Gruppentherapie zum Zwecke der Toppmöller-Austreibung, den Zusammenhang von Finanzkrise und Abstiegsangst in Dortmund, Uwe Rapolders Zerrissenheit, Volker Finkes Ausgebranntsein, Ailtons Schmollmund … Bis ins Detail wurde die Seelenlage feinfühliger Profis ausgebreitet, und längst sind Salonkommentatoren wie Reinhold Beckmann dazu übergegangen, ihre Talkshowrhetorik ins Stadionrund zu übertragen. Monatelang war zu erdulden, wie die Bochumer Abschlussschwäche mit dem unglücklichen Ausscheiden gegen Standard Lüttich erklärt wurde und wie Peter Neururer auf der Bank das Seelendesaster eines vom Schicksal Geschlagenen vorführte. Küchenpsychologie kaschierte eine Saison des grausamen Mittelmaßes und des internationalen Versagens. Das wird – machen wir uns nichts vor – in der kommenden Spielzeit keinen Deut besser werden (…) Das Stadion als therapeutische Anstalt – so weit hat es die Saison 2004/05 gebracht, und wahrscheinlich ließ sich dies in einer Gesellschaft nicht verhindern, in der Selbstfindungs-, Atemtherapie- und Heilwasserkurse nicht nur im Volkshochschulangebot stehen und der Buchmarkt von Titeln wie „Der innere Garten“, „Das Arbeitsbuch zur Aussöhnung mit dem inneren Kind“ oder „Ab heute kränkt mich niemand mehr“ überschwemmt wird.“

Mischung aus Drama, Schmierenkomödie und Telenovela

„Großes Theater“ sieht Javier Cáceres (SZ 20.5.) in Wolfsburg, „eine neuartige Mischung aus Drama, Schmierenkomödie und Telenovela, in denen die Dolche im Gewande geführt werden (…) Dass für eine Zusammenarbeit zwischen Strunz und Gerets keine Basis besteht, ist Allgemeingut, die beiden divergieren, wo sie nur können, von der PR-Arbeit bis zur Personalplanung. (…) Dass Strunz trotz der massiven Zurückweisung, die er bei den Fans erfährt, am längeren Hebel sitzt, ist wenig verwunderlich. Zwar sind nicht alle Aufsichtsräte über Strunz’ Vorgehen glücklich. Doch Strunz war im Januar nach einem zähen, viermonatigen Auswahlverfahren vom Aufsichtsrat berufen worden; ihn nun zu schassen, käme einem Offenbarungseid gleich. Zudem wird Gerets nachvollziehbar angelastet, dass er es nicht vermocht habe, im Team eine Einheit zu bilden; wie schon in Kaiserslautern zerfiel die Belegschaft unter seinen Händen in Grüppchen.“

Donnerstag, 19. Mai 2005

Allgemein

Rückpaß, Neuaufbau

Marco Reich hat in Derby County sein Protokoll gelöscht – Christian Eichler (FAZ 19.5.) spricht mit ihm: „Jeder Fußballer kennt das: Wenn man sich festgerannt hat. Neu aufbauen, heißt es dann, „hintenrum“ spielen. Marco Reich nennt es so: „Einen Schritt zurück, wieder bei Null anfangen.“ Er meint keinen Spielzug, sondern eine ganze Karriere. Der Mann, der als Teenager Meister mit Kaiserslautern war, Nationalspieler unter Ribbeck, torloser Millionenkauf bei Aufsteiger Köln, Bankdrücker bei Meister Bremen – dieser Marco Reich entschied sich Anfang 2004 für die Nullösung: zweite Liga in England, einen Punkt vor einem Abstiegsplatz, und das in den reizarmen Midlands. Rückpaß, Neuaufbau einer Karriere. (…) Wie fast alle, denen Fußball Herzenssache ist, schwärmt Reich von der englischen Erfahrung: Für jeden Zweifler am eigenen Fußball ist es eine Art Pilgerfahrt zum Herzen des Spiels. Und zur eigenen Mitte.“

Internationaler Fußball

Paramilitärisch

Christoph Ruf & Olaf Sundermeyer (FTD 18.5.) schildern besorgt die Lage in Polens erster Liga: „Spielerisch bewegt sich die ironischerweise Ekstraklasse getaufte Staffel allenfalls auf Regionalliga-Niveau; jeder Spieler, der aus dem Mittelmaß herausragt, will schleunigst in einer westlichen Liga unterkommen. Auch wirtschaftlich sieht es düster aus. Neben der mangelnden fußballerischen Klasse hat die polnische Liga ein Imageproblem. Frauen, Familien oder gar politisch links orientierte Menschen bleiben den Spielen vor allem deshalb fern, weil sich Wochenende für Wochenende rund um die Stadien Hunderte Hooligans prügeln. Die Gruppen sind streng hierarchisiert und treten paramilitärisch auf. Die Jüngeren müssen sich als Vorhut erste Sporen verdienen und verehren die älteren Haudegen umso mehr, je aktiver die im Rotlicht- und Knastmilieu sind. In keinem europäischen Land wird die Hooliganszene so von Rechtsradikalen dominiert wie in Polen (…) Während bürgerliche Zuschauer dem polnischen Fußball entsetzt den Rücken kehren, strahlen die archaischen Verhältnisse auf deutsche Fans einen seltsamen Reiz aus. Besonders in der ostdeutschen Ultraszene formieren sich an den Wochenenden Reisegruppen aus so genannten Groundhoppern – Fans, die Stadionbesuche statt Briefmarken sammeln. Angetrieben werden sie auch von der Neugier auf eine Fanszene, die meist mehr Unterhaltung bietet als die tristen Darbietungen auf dem Platz.“

Ball und Buchstabe

Dritte Gewalt

Roland Zorn (FAZ 18.5.) kommentiert die Drohung des Wada-Chefs Richard Pound, der von der Fifa die übliche Pauschalstrafe in Dopingfällen fordert: „Die Fifa muß lernen, daß sie mit dem Beitritt zum Wada-Code auch Verpflichtungen eingegangen ist, die der eigenen Autonomie Grenzen setzen können; die Wada hat zu begreifen, daß sie in der Fifa einen stärkeren Partner an der Seite hat, dem auch in Streitfragen besser behutsam und respektvoll zu begegnen ist. So wie das Prinzip „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“ untauglich ist, so wenig hilfreich sind Pounds letztlich nicht ganz ernst zu nehmende Drohungen, den Fußball notfalls aus der olympischen Familie auszuschließen oder die Austragung der Weltmeisterschaft in Frage zu stellen. Viel besser wäre es, die Wada ginge gegen eine ihrer Ansicht nach zu milde Dopingstrafe der Fifa vor, indem sie den internationalen Sportgerichtshof anriefe. Nur diese in Lausanne ansässige oberste Instanz der dritten Gewalt im Sport könnte verbindlich zwischen dem Prinzip Einzelfallentscheidung und dem Grundsatz Regelstrafe Recht sprechen. Gegen ein dort getroffenes Urteil im nachhinein zu verstoßen fiele auch der mächtigen, aber nicht allmächtigen Fifa schwer.“

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