Samstag, 12. Februar 2005
Interview
Unsere Möglichkeiten müssen sich in den nächsten Jahren einmal in einem Erfolg spiegeln
Bernd Hoffmann mit Frank Heike (FAZ 12.2.)
FAZ: Inwieweit ist der Profifußball beim HSV kalkulierbares Geschäft?
BH: Man kann Meisterschaften nicht planen. Durch vernünftige Nachwuchsarbeit und ein gute Talentsichtung, durch richtige Trainerauswahl, vernünftige Vereinsführung und durch solides Wirtschaften muß man aber in einer Stadt wie Hamburg dauerhaft einen Platz im oberen Drittel erreichen können. Wir müssen eine Basis schaffen, die uns im oberen Drittel der Liga etabliert. Und wenn dann in einer Serie alles zusammenpaßt, die Bayern also acht bis zehn Punkte unter Niveau spielen, dann kann der HSV Meister werden. Unsere Möglichkeiten müssen sich in den nächsten Jahren einmal in einem Erfolg widerspiegeln. Ich will nicht von der Meisterschaft reden – aber es muß uns mal gelingen, in die Champions League zu kommen oder den Pokal zu gewinnen.
FAZ: Könnten Sie nur so mehr Einnahmen erzielen?
BH: Wir müssen unsere Kosten derzeit aus den 17 Bundesliga-Heimspielen finanzieren. Mit 20 bis 25 Spielen hätten wir natürlich mehr Einnahmen. Die wirtschaftliche Kraft Hamburgs ist unser Wettbewerbsvorteil. Wir nehmen mit einem ausverkauften Stadion von 55000 Zuschauern mehr ein als Hertha mit 74000 oder Dortmund mit 83000 Zuschauern, weil wir mehr VIP-und Sitzplätze haben. Unser Ziel muß immer der fünfte Platz sein, und die Spieler müssen wissen, daß sie empfindlich weniger verdienen, wenn wir Siebter oder Neunter werden.
FAZ: Glauben Sie, daß der Wettskandal Auswirkungen auf die WM in Deutschland hat?
BH: Der Effekt auf die WM wird bei null Komma null liegen.
Internationaler Fußball
Hat es das schon mal gegeben?
Ronald Reng (FR 12.2.) staunt über Iván de la Penas spätes Debüt im spanischen Nationalteam: “Als de la Pena 19 Jahre alt war und beim großen FC Barcelona mit Ronaldo eine infernale Angriffskombination bildete, hieß es: ein Spielmacher, wie er alle Jahre nur einmal auftaucht. Beim 5:0 über San Marino, hat de la Pena sein erstes Länderspiel für Spanien absolviert. Neun Jahre später. Wunderkindern fällt das Erwachsenwerden oft schwer. Doch hat es das schon mal gegeben: dass ein Wunderkind ein Jahrzehnt später plötzlich daran geht, doch noch einzulösen, was es als Teenager versprach? (…) Natürlich erklärt nichts exakt, warum Iván de la Pena ausgerechnet jetzt alles zeigt, was ein Jahrzehnt verschütt lag. Es war nur San Marino, aber es war ein Genuss, ihn dribbeln und passen zu sehen.“
Ball und Buchstabe
Für die Justiz gibt es keine Zeitvorgaben
Thomas Kistner (SZ 12.2.) kommentiert die Forderung Otto Schilys an die Justiz, den Wettskandal innerhalb der nächsten vier Monate aufzuklären: „Das Ultimatum verwundert, das der Bundesinnenminister ganz unverblümt an den DFB richtet: Bis zum Confederations Cup, wenn die große Fußballwelt erstmals ganz genau auf Deutschland schaut, müsse die Affäre bereinigt sein. Dass dies wohl unmöglich ist, dürfte ihm bei Gelegenheit die Kabinettskollegin Brigitte Zypries ins Ohr flüstern. Die war einst seine Sportbeauftragte, heute ist sie Justizministerin und vielleicht nicht ganz einverstanden mit diesem ungenierten Druck auf die Rechtsorgane. Für die Justiz gibt es keine Zeitvorgaben, zumal in einer Affäre, deren Ausmaß nicht bekannt ist. Überdies gäbe ein flottes Vorgehen in diesem nur um Berlin kreisenden Wettbetrug ja keine Gewähr, dass nicht bald irgendwo eine andere Zockerszene auffliegt, in Hessen oder Nordrhein-Westfalen.“
Bundesliga
Götz ließ seinem persönlichen Stabilisierungsprogramm eines für die Mannschaft folgen
Michael Reinsch (FAZ 12.2.) befasst sich mit dem überraschenden Aufschwung von Hertha BSC Berlin und Falko Götz: „Als Trainer von 1860 München erlebte er eine sportliche Talfahrt, publizistische Anfeindungen und menschliche Enttäuschungen. Und als er nach Berlin zurückgekehrt war, zitterte er mit der Hertha. Womöglich hätte er sie in der zweiten Liga übernehmen müssen. Götz ließ seinem persönlichen Stabilisierungsprogramm eines für die Mannschaft folgen. Mal geht das Team gemeinsam in einem Seilgarten klettern, mal setzt es sich mit einem Fläschchen Bier zu einem Action-Film zusammen. Und mal läßt Götz die Mannschaft bei einem Wutausbruch zusammenrücken.“
Die Party, die hier abgeht, ist extrem
Wird Mainz den Weg gehen, den viele prophezeien, Andreas Burkert (SZ 12.2.)? “Man weiß nicht, ob sich die Mainzer momentan einreden, dass sie weiterhin gute Laune haben und an sich glauben. Sie sagen es jedenfalls immerzu. Alle. (…) Für den Neuankömmling Hanno Balitsch sind die Spiele ein Erlebnis, obwohl er schon im Bernabeu und Old Trafford gekickt hat. „Die Party, die hier abgeht, ist extrem, und nach dem dreinull gab es kaum einen Pfiff.“ Mit Köln ist Balitsch schon einmal abgestiegen, mit Bayer 04 beinahe. „Dann geht man nicht mehr richtig in die Zweikämpfe“, erinnert er sich, „und außerhalb des Platzes geht man sich aus dem Weg.“ In Mainz sei davon nichts zu spüren, „ich sehe keine Gefahr, dass die Mannschaft auseinander bricht.“ Balitsch glaubt, die Mainzer würden ihnen einen Abstieg verzeihen.“
Freitag, 11. Februar 2005
Deutsche Elf
Klare Ideen von aggressivem, modernen Angriffsspiel und zeitgemäßer Menschenführung
Ludger Schulze (SZ 11.2.) reißt die Arme hoch: „Klinsmann hat das trudelnde DFB-Team auf dem allmählichen Weg zu einem Drittwelt-Land der Fußball-Weltkarte gestoppt und zurückgeführt an den Rand der exklusiven Weltklasse. Bei Berücksichtigung des perfekt strukturierten und siegesbissigen Gegners, der aktuellen Nummer eins nach verbreiteter Expertenmeinung, kann man sich nicht genug die Augen reiben über die erste Hälfte, in der Klinsmanns junge Leute ihm keine Luft zum Atmen ließ und das Zeugnis spielerischer Gleichwertigkeit, ja partiell sogar der Überlegenheit ablegten. Sind das die gleichen Fußballer, die im Juni 2004 so eine erbärmliche Europameisterschaft durchlitten haben? Sie sind es. Hinzu gekommen ist ein Schuss Jugend und vor allem ein Trainerstab, der klare Ideen von aggressivem, modernen Angriffsspiel und zeitgemäßer Menschenführung besitzt. (…) Wo anfangen mit dem Lob, wo aufhören?“
Leidenschaftlicher Stil
Pressekonferenz – Christof Kneer (FTD 11.2.) hatte mehr Klinsmann’sche Superlative erwartet: “Klinsmann hat aus Deutschland eine andere Mannschaft gemacht, das ist so etwas wie ein Wunder, aber weil man an Wunder wohl nicht mal in Kalifornien glaubt, saß der Bundestrainer hinterher leicht verdattert vor der Presse. Zu hören gab es zwar eine Best-of-Klinsi-Kassette, aber zu sehen gab es etwas Neues: Der Mund, der diese Hymnen textete, saß mitten in einem Gesicht, das eher verhalten dreinblickte. Fast scheint es, als sei Klinsmann das Tempo, in dem seine Renovierungsarbeiten fortschreiten, nicht ganz geheuer. Er hat dieser Elf einen leidenschaftlichen Stil anerzogen, der sie gelegentlich noch zu überfordern scheint.
Die Mannschaft hätte ein besseres Publikum verdient gehabt
Jan Christian Müller (FR 11.2.) stört sich an den Zuschauern: “Die Mannschaft hätte unter dem geschlossenen Dach in der fast auf Wohnzimmer-Temperatur aufgeheizten Arena ein besseres Publikum verdient gehabt. Mitunter mutete die Atmosphäre wie seinerzeit in der Großturnhalle von Sapporo an, wo die Deutschen beim ersten WM-Auftritt 2002 gegen Saudi-Arabien 8:0 gewonnen hatten, was die Japaner damals ungläubig staunend zur Kenntnis nahmen. Nach den acht Toren von Sapporo bis zum Aus bei der EM 2004 hatten Rudi Völler und Michael Skibbe ihrer Mannschaft ein immer abwartenderes taktisches Konzept verordnet, das zum Ende hin degenerierte.“
Plastikwelt
Hier sollen WM-Spiele stattfinden, hier soll WM-Atmosphäre entstehen? Michael Horeni (FAZ 11.2.) rümpft die Nase: “Die Dienstleister in der für 218 Millionen Euro in der Düsseldorfer Fußball-Diaspora errichteten Arena gaben sich ausgesprochen kundenorientiert. Um dem des Profifußballs entwöhnten Publikum in einer kühlen Februarnacht ein angenehm temperiertes Event zu bieten, schlossen sie das Dach und stellten die Heizung an. Das Stadion erwärmten sie auf Frühlingstemperaturen, so daß die Besucher ihre dicken Wintermäntel ablegen konnten. Dazu wurden als zusätzlicher Service auf den Sitzen schwarz-rot-goldene Winkelemente gereicht. Die deutsche Nationalmannschaft – die Leidenschaft, Aggressivität und Tatkraft zu ihrem neuen Wesenzug gemacht hat – bemerkte jedoch schnell, daß sie nicht in einem klassischen Stadion angekommen war, das ihre Qualität emotional beförderte, sondern in einer bunten Plastikwelt, deren Bewohner den Fußball nur still und staunend konsumierten. (…). Das Unentschieden gegen den Favoriten hatte sich die ersatzgeschwächte Nationalelf ganz alleine verdient.“
Kahns weite Abschläge haben eine Streuung wie eine verrostete Schrotflinte
Ludger Schulze (SZ 11.2.) vergleicht Kahn und Lehmann: „Selbst wenn Kahn fast schon wieder der „Titan“ ist, so hat er doch unübersehbare Nachteile gegenüber Lehmann. Als deutlich besserer Fußballspieler kann Lehmann eine Art Ersatzlibero geben, was dem Offensiv-System dienlich ist. Kahns weite Abschläge haben zudem eine Streuung wie eine verrostete Schrotflinte, weshalb sie oft zu Ballverlust führen. Lehmann bringt die Kugel, vor allem bei Abwürfen, häufiger zum eigenen Mann. Obendrein ist er leichter ins Team zu integrieren. Dagegen stehen Kahns bessere Physis, seine Reflexe, die aktuelle Verfassung.“
Donnerstag, 10. Februar 2005
Internationaler Fußball
All das, was für ihn immer Fußball war, zählt auf einmal nicht mehr
Bernd Schuster in Levante – canary in a coalmine. Ronald Reng (FR 10.2.) leidet mit ihm: “Schuster, zur Legende erkoren in den 80er Jahren als Spielmacher des FC Barcelona und von Real Madrid, ist nicht Trainer geworden, weil er es schon immer sein wollte. Es erschien ihm nur die nächstbeste Alternative, nachdem er erkennen musste, dass selbst er, der blonde Engel, nicht für immer Spieler sein konnte. Umso schwerer fällt es ihm nun zu akzeptieren, dass all das, was für ihn immer Fußball war, auf einmal nicht mehr zählt, die Eleganz, die Raffinesse, die Kunst. Der Abstiegskampf hat Levante eingeholt. (…) Ende Januar hatten sie elf Wochen, neun Spiele ohne Sieg hinter sich, und Schuster setzte die eigenen Doktrin vom schönen Spiel aus. „Die Bälle fliegen jetzt hoch und weit nach vorne“, sagt er, so gab es immerhin vier Punkte aus den jüngsten drei Spielen, „und ich mache auf der Trainerbank die Augen zu“.“
Ball und Buchstabe
Was ist das für eine Verkehrung der Rollen
Hoyzer bei Kerner, wie nichtssagend und langweilig. Doch hier drei sehr lesenswerte Rezensionen:
Evi Simeoni (FAZ 10.2.): “Willkommen im Reich der Prominenten, Herr Hoyzer, Sie wackerer Bekenner. Natürlich nicht gerade in der Spitzenklasse, wo sich – hoffentlich und soweit bekannt – nur honorige Menschen bewegen sollten. Aber genaugenommen ist der deutsche Schiedsrichter mit den schmutzigen Händen seit seinem Fernsehauftritt trotzdem aufgestiegen: aus der Regionalliga und der zweiten Liga des Fußballs, wo er vorwiegend mit der mißbrauchten Pfeife sein Unwesen getrieben hat, in die Bundesliga der Allzweck-Gesichter. Wahrscheinlich werden wir ihn demnächst noch häufiger wiedersehen: etwa beim Lederhosen- oder Kettenhemdentragen, beim Käferverzehren oder lustigen Hinfallen in der Loipe. (…) Was ist das für eine Verkehrung der Rollen, die einen Betrüger zum Prominenten werden läßt, der einem Fernsehmoderator zu einer Topquote verhilft; die ihn, der nichts anderes wollte als mit wenig Arbeit viel Geld verdienen und dann den tollen Kerl spielen, nun an die Spitze der Aufklärer katapultiert hat, an dessen Lippen gemeinsam mit Kerner die Boulevard-Medien hängen?“
Mischung aus öffentlichem Beichtstuhl und stalinistischem Schauprozess
Axel Kintzinger (FTD 10.2.): „Hoyzer bei Kerner, das war eine Mischung aus öffentlichem Beichtstuhl und stalinistischem Schauprozess. Es hat Kerner nicht ausgereicht, dass der Skandal-Schiedsrichter dreimal, viermal, fünfmal gestand und erklärte, ihm tue die Sache unendlich Leid und er schäme sich sehr. Er musste es wieder und wieder sagen. Glaubwürdiger wurde der 25-Jährige dadurch nicht, aber diese Prozedur löste den vielleicht schlimmsten Nebeneffekt dieses Dumpfbacken-Duetts aus: Mitleid mit Hoyzer. Diesen Kollateralschaden hätte man sich gerne erspart.“
Hohle Debatte mit hohem Instant-Empörungsgehalt
Michael Hanfeld (FAZ/Feuilleton 10.2.): „Vor diesem Gespräch ist vorab gewarnt worden wie vor kaum einem zweiten. Fast konnte man meinen, da fache ein besonders gewiefter Spin-Doctor eine hohle Debatte mit hohem Instant-Empörungsgehalt an – darin ist die deutsche Presse ziemlich gut –, die in dem Augenblick verpufft und ihre Schuldigkeit getan hat, in dem die Studiolichter angehen. Von einer Gefahr für die Demokratie war zu lesen. So als ob der Moderator des ZDF gleich mit in den Knast gehöre – was für ein Unsinn! Was für eine Verkennung journalistischer Gepflogenheiten. Welche Heuchelei angesichts der ganz alltäglich-unzimperlichen Rauferei um die beste Story, den aufregendsten Gesprächspartner, die nächste Agenturmeldung und den ganz großen „Scoop“. Und was für eine Nebelwerferei den Lesern und Zuschauern gegenüber. Nichts davon an diesem Abend: Und doch läßt sich über das halbstündige Gespräch nur ein hartes Urteil fällen, das härteste, das in dieser Programmkategorie zu vergeben ist: Es war unbedeutend, beinahe bar jeder neuen Information und vor allem – sterbenslangweilig.“
of: Welch eine Wohltat dagegen Harald Schmidt gestern! 30 Minuten beste Fußball-Unterhaltung: kein Wort über Kerner und Hoyzer, statt dessen eine Parodie der Jansen-Pressekonferenz – welch Brillanz, welch Feinsinn für das Relevante! Da meckere noch einer über mangelnde Qualität der Fußball-Berichterstattung bei den Öffentlich-Rechtlichen. (Owomoyela und Asamoah kann man mal verwechseln, auch in der Zeitlupe, Steffen Simon.)
Skandal im Skandal
Wie geschlossen tritt der DFB in der Hoyzer-Krise auf, Christof Kneer (BLZ 10.2.)? „Horst R. Schmidt ist Generalsekretär beim DFB, aber er war immer viel mehr als das. Er ist sozusagen der Gegenentwurf zu Gerhard Mayer-Vorfelder; kein Kameralicht, kein eitles Posieren, keine Skandale. Horst R. Schmidt ist so etwas wie die moralische Instanz in diesem eigenartigen Verband, er ist das gute Gewissen des deutschen Fußballs. Er ist der deutsche Tugendbold. Es ist eine neue Weiterung in diesem Skandalfall, dass nun Schmidts Name hineingerückt ist in die Schlagzeilen, und die Weiterung der Weiterung ist, dass der Name, wenn auch indirekt, von einem anderen DFB-Funktionär platziert worden ist. Vizepräsident Engelbert Nelle hat als Erster aus dem Inner Circle des Verbandes das Schlafverhalten des eigenen Verbandes kritisiert, nachdem der DFB zuvor seinerseits den staatlichen Wettanbieter Oddset des vorsätzlichen Schnarchens verdächtigt hatte. Ganz gleich, ob Nelles verbaler Ausritt tatsächlich in Richtung Horst R. Schmidt und Götz Eilers zielte oder ob er in Wahrheit Mayer-Vorfelder als dem politisch Verantwortlichen galt, jenem Mann, den Nelle schon im Spätsommer vehement bekämpfte – fest steht, dass das Kartell der Schläfer den eigenen Schlaf für Gesundheitsschlaf hielt. Ach, sie wollten doch nur Gutes tun mit ihrer Passivität, sie wollten gute Patrioten sein, und sie wollten keinesfalls diese WM beschädigen, die so etwas wie der Gründungszweck dieser Republik zu sein scheint. Die gemeinschaftliche Verschleppung der Verdachtsmomente ist der Skandal im Skandal.“
Bundesliga
Nicht zur Nachahmung empfohlen
Roland Zorn (FAZ 10.2.) kommentiert den Rücktritt Gerd Niebaums: „Dieser Rücktritt überrascht nur deshalb, weil er so spät kommt. Inzwischen ist auch Niebaum bewußt geworden, daß seine Zeit längst abgelaufen war. (…) Borussia Dortmund bekommt nun endlich den Neuanfang auf allen Führungsebenen, den dieser große Traditionsverein längst verdient hat. Nur so lassen sich in dem mit 98 Millionen Euro hoch verschuldeten Unternehmen der dringend nötige Rückkauf des Westfalenstadions und neues Vertrauen auf seiten künftiger Kreditgeber bewerkstelligen. Niebaums Aufgabe schließt eine wild bewegte Zeit ab, in welcher der BVB dreimal deutscher Meister wurde und einmal die Champions League gewann. Die Triumphe aber waren teuer erkauft. Viel zu teuer, wie man heute weiß – und deshalb nie mehr zur Nachahmung empfohlen.“
Die Bleiglocke über Borussia Dortmund hat sich vielleicht geöffnet
„Am Aschermittwoch war alles vorbei“, spöttelt Freddie Röckenhaus (SZ 10.2.): „Die Gespräche mit dem Londoner Finanzmakler Stephen Schechter wird Reinhard Rauball bereits kommende Woche wieder aufnehmen. Der – zähe wie ruhmlose – Abgang Niebaums soll Voraussetzung für die neue Verabredung gewesen sein. Die Bleiglocke über Borussia Dortmund hat sich vielleicht geöffnet. Die BVB-Aktie stieg gestern um rund drei Prozent.“
Welchen Einfluss hatten und haben die Fans, Felix Meininghaus (FTD 10.2.)? „Während die Basis in Sachen Niebaum ihren Willen bekommen hat, bleibt Meier im Amt. Rauball lehnte dessen Rücktrittsgesuch ab, es sei „erforderlich für das Gesamtkonstrukt BVB, eine handlungsfähige Geschäftsführung zu haben“. Konkret braucht der BVB die Kontakte des Managers zur DFL. In Dortmund heißt es, mit Meier sei die stark gefährdete Lizenz eher zu erhalten als ohne ihn.“
Jan Christian Müller (FR 10.2.) fügt hinzu: “Es hat lange gedauert, sehr, sehr lange, bis Niebaum die notwendigen Konsequenzen aus seiner im deutschen Lizenzfußball beispiellos risikoreichen Finanzpolitik gezogen hat.“
Mittwoch, 9. Februar 2005
Interview
Immer wenn man keine Lust hat, eine Frage zu beantworten, wird ein Ausschuss gegründet
Heribert Bruchhagen mit Ingo Durstewitz (FR 9.2.) über Bruchhagens Vorschlag, die Bundesliga auf 20 Teilnehmer aufzustocken
FR: Wollen Sie sich als Zweitligist mit den großen und mächtigen Clubs anlegen?
HB: Nein. Wenn wir jetzt innerhalb der DFL über die Verteilung der Fernsehgelder sprechen und sagen würden: Alle Vereine bekommen gleich viel Geld, Wacker Burghausen so viel wie Bayern München. Dann kann ich Ihnen sagen, dass sich bei einer Abstimmung eine Mehrheit dafür finden würde. Aber eine solche Abstimmung wäre eine Katastrophe, eine Kampfansage an die großen Vereine, die für die Einschaltquoten sorgen. Das macht ja nicht Wacker Burghausen.
FR: Haben Sie vorher schon mal die Stimmung ausgelotet?
HB: Nein, wenn man paktiert, verhärtet man die Fronten, wenn man Verbündete sucht, dann polarisiert man, aber dieser Antrag hat nur eine Chance, wenn ich im Vorfeld nicht polarisiere. Ich sehe die Verbündeten nur in der Sache.
FR: Das Maßnahmen-Paket gegen Spiel-Manipulationen wird heute alles überschatten. Die Chancen, dass über Ihren Antrag nicht nur gesprochen, sondern auch entschieden wird, sind eher gering, oder?
HB: Ich ahne schon, wie das Ganze endet, nämlich mit einem Ausschuss. Immer wenn man keine Lust hat, eine Frage zu beantworten, wird ein Ausschuss gegründet, der tagt drei- oder viermal, und bis dahin ist das Thema erledigt. Diesen Weg sollte es hier nicht gehen.
Internationaler Fußball
Taxifahren in Argentinien
Ahnenforschung – Javier Cáceres (SZ 9.2.) porträtiert Argentiniens Nationalcoach: „Er ist von unglaublich höflichem Auftreten, weshalb man vermuten möchte, dass die Legende stimmt, wonach er mit dem US-Schauspieler Gregory Peck verwandt sein soll – dem Inbegriff des Gentlemans. Sein Großvater habe behauptet, er sei Cousin von Gregory Peck gewesen, unter Hinweis darauf, das ein Teil der Familie seines Vaters, also von Pekermans Ur-Opa, in die USA ausgewandert ist. „Ich habe das aber nie erforscht.“ Er hat sich seinen Namen selber gemacht. Obwohl, seine Karriere als Berufsfußballer bei Argentinos Juniors war unauffällig. Vermutlich wäre sein Name nur noch Freaks geläufig, hätte er nicht damals, als er seine Karriere beendet hatte und seiner Familie durchs Taxifahren ein Auskommen sicherte, beim argentinischen Verband ein Konzept eingereicht, um die Jugendarbeit zu betreuen.“
Dies ist eine noble Mannschaft, und so muss sie sich auch verhalten
José Néstor Pekermann im Interview mit Martin Mazur und Raphael Honigstein (FTD 9.2.)
FTD: Argentinische Jugendteams gewannen unter Ihnen nicht nur viele WM-Titel, sondern auch regelmäßig die Fair-Play-Trophäe. Wieso ist Ihnen Fair Play so wichtig?
JP: Ich habe meinen Jungs immer gesagt: „Wir können hier auf dem Platz gewinnen oder verlieren, aber der Fair-Play-Pokal muss danach uns gehören.“ Sicher geht es darum, besser als der Gegner zu sein – aber immer mit Integrität. Beim Fußball zeigen Mannschaften und Spieler auch Ihren Sinn für Werte. Dies ist eine noble Mannschaft und so muss sie sich auch verhalten.
FTD: Wie schätzen Sie die deutsche Mannschaft ein?
JP: Mein erster Eindruck ist, dass sie viele sehr gute, komplette Spieler haben. In taktischer Hinsicht komplett, aber auch aus der Sicht eines Fans. Wer den Fußball liebt, liebt bestimmte Spieler, und einige davon findet man im deutschen Fußball.
FTD: Wer gefällt Ihnen am besten?
JP: Natürlich Michael Ballack. Er ist die Ikone, der Fixpunkt in der deutschen Mannschaft, und er sieht wie eine Führungspersönlichkeit aus. Er hat ein hohes Spielverständnis und ist sehr stylisch.
Guido Tognoni (NZZ 9.2.) schreibt über Fußball in Vereinigten Arabischen Emiraten: “In Zeiten des Überflusses an Trainern sind die gut dotierten Posten des Nationalcoachs in Staaten wie Katar und den Vereinigten Emiraten begehrt. Der Holländer Aad de Mos, einst glückloser Nachfolger Otto Rehhagels bei Werder Bremen, könnte sich jedenfalls durchaus vorstellen, den im Sommer auslaufenden Vertrag um zwei Jahre zu verlängern, wie ihm das von der Verbandsführung offeriert worden ist. Es gefällt ihm in Dubai. Die reichen Kleinstaaten VAR und Katar haben sich gesellschaftlich in den vergangenen Jahren immer mehr in die Richtung westlicher Lebensgewohnheiten geöffnet und bieten nicht nur hohe (steuerfreie) Löhne, sondern dank Sicherheit, Sauberkeit und Sonnenschein auch viel Lebensqualität. (…) Die Investitionsfreude der Emire und Scheichs für den Sport scheint grenzenlos.“
Ball und Buchstabe
Wer Elfmeter nicht verträgt, sei auf ewig von diesem Martyrium befreit
Die Unterhachinger protestieren gegen die Wertung eines Spiels, bei dem sie die Profiteure sein sollten; Klaus Hoeltzenbein (SZ 9.2.) ist verdutzt: „Hoyzer hatte versucht, die Partie (gegen Saarbrücken) zugunsten der Hachinger zu verpfeifen, was ihm nicht gelang. Selbst als Ante S. via SMS in der Halbzeit die Schieberprämie von 35 000 auf 50 000 Euro erhöhte, widersetzten sich die Profis: Von dem Elfmeter, den Hoyzer den Hachingern gab, waren diese so irritiert, dass erst Schütze Copado das Geschenk an den Querbalken nagelte und das Spiel dann 1:3 verloren wurde. Nun lautet der Antrag wohl: Wiederholung wg. Spielfluss interruptus. Vielleicht sind Profikicker doch sensibler als gedacht, vielleicht haben sie gespürt, dass damals etwas faul war und intuitiv opponiert. (…) Da hilft nur Langzeit-Therapie: Wer Elfmeter nicht verträgt, sei auf ewig von diesem Martyrium befreit.“
Casino Bregenz scheint, wie wir perplex von Michael Smejkal (SZ 9.2.) erfahren, in den Skandal involviert: „Zwei Sätze im Spiegel schlugen in Österreich ein wie eine Bombe. Robert Hoyzer erwähnte Kontakte der verhafteten kroatischen Gebrüder S. nach Österreich. Und auch wenn für die Bregenzer die Unschuldsvermutung gilt, haben sich die verdächtigen Zocker doch recht zielsicher die Skandaltruppe par excellence des österreichischen Fußballs herausgepickt. Denn just die sonst so seriösen Alemannen vom Bodensee beschäftigten seit geraumer Zeit Staatsanwaltschaft, Anwälte und Spielergewerkschaft. (…) In Bregenz sei am Fiskus vorbei gezahlt worden.“
Deutsche Elf
Eine Geste an den Bayern-Trainer
Christof Kneer (BLZ 9.2.) deutet Ballacks Krankschreibung: „Am Beispiel Ballack lassen sich all die Risiken und Nebenwirkungen personifizieren, die in Klinsmanns Deutschland immer noch stecken. Das Beispiel Ballack zeigt, dass es immer noch führende Vertreter im Land gibt, die das Modell vorsichtig beäugen; Felix Magath etwa, der den Spielerverschleiß beanstandet und den Hype um die Nationalelf dafür verantwortlich macht, dass sich seine Profis zu wenig auf den Verein konzentrieren. Insofern ist die Heimsendung Ballacks auch Sportpolitik – es ist eine Geste an den Bayern-Trainer.“
Penibel, gründlich und in der Analyse sicher
Roland Zorn (FAZ 9.2.) befasst sich mit der wohl bevorstehenden Einstellung Berti Vogts’ beim DFB: „Berti Vogts zurück zum DFB? Vor ein paar Jahren wäre diese Idee noch als absurd und vollkommen unzeitgemäß nicht ernsthaft erörtert worden. Da aber auch im Fußball die Zeit Wunden heilt und derzeit ein großer Reformer das sportliche Sagen im DFB hat, hört ein ganzer Verband auf Jürgen Klinsmann. Der Schwabe in Amerika hat sich auch in Zeiten zum Fachmann Vogts bekannt, da es nicht als chic galt, über eine Wiederverwendung des Kleinenbroicher (of: Ist’s nicht Korschenbroich?) Fußballehrers auch nur nachzudenken. (…) Vogts als Chefscout – diese Vorstellung leuchtet ein, da der Rheinländer in der Funktion des kundigen Beobachters schon Beckenbauer beim deutschen Weltmeisterschaftstriumph 1990 eine große Hilfe war. Penibel, gründlich und in der Analyse sicher: das sind Vogts‘ Stärken.“
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