indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 6. Juli 2004

Allgemein

Schön spielen können die anderen, gewinnen nur einer

„die Griechen haben weder unverschämtes Glück gehabt noch eine negative Attitüde an den Tag gelegt“ (SZ) / „schön spielen können die anderen, gewinnen nur einer“ (FAZ) / „die Griechen waren viel mehr als Betonmischer oder Barrikaden-Bauer“ (NZZ) / „die Griechen sind zwar keine Leichtathleten, aber eigentlich auch keine Fußballer“ (taz) u.v.m.

Portugal-Griechenland 0:1

Schön spielen können die anderen, gewinnen nur einer

Thomas Klemm (FAZ 6.7.) gratuliert: „Griechenland ist Europameister – alle Achtung. Der überraschende Titelgewinn des Teams und seines Trainers Otto Rehhagel verdient den allergrößten Respekt, der ihm von allen Seiten zuteil wird. In das Lob aus allen Ecken Europas mischt sich indes auch jene Kontrolliertheit, die auf dem Platz zum erfolgreichen Markenzeichen des neuen Titelträgers geworden ist. Die Komplimente erinnern an jene Huldigungen, die gewöhnlich deutschen Fußball-Nationalmannschaften im Erfolgsfall zuteil werden. Der historische Triumph Griechenlands, der eine deutsche Handschrift trägt, wird selbst von Otto Rehhagel auf deutsche Art gewürdigt: „Wunderbar diszipliniert“ – ein derart schwärmerisches Lob der Selbstkontrolle würde nicht vielen Fußballtrainern in Europa einfallen. (…) Es war der Triumph des Kopfes über das Herz, das aus Griechenland einen Europameister und aus Portugal einen Finalteilnehmer gemacht hat. Zwei Trainer, die von außen kamen, haben souverän die Mentaliäten ihrer Mannschaften ein gutes Stück verändert. (…) Ein fremder Fußball-Lehrer muß keinen Kulturschock hervorrufen, sondern kann die Vorzüge verschiedener Mentalitäten zu einer erfolgreichen Einheit verbinden. Schön spielen können die anderen, gewinnen nur einer.“

Luis Figo und Fernando Couto beobachteten die Pokalübergabe wie zwei Sicherheitsbeamte

Thomas Klemm (FAZ 6.7.) trocknet die Tränen der Portugiesen: „Der alte Mann weinte hemmungslos Er stand mitten auf dem Platz des Estádio da Luz zwischen zwei Polizisten, die den Pokal Henri Delaunay in den Händen hielten. Eusebio wollte nicht hinschauen, vergrub sein Gesicht in jenem weißen Frotteehandtuch, das er bei Länderspielen der portugiesischen Nationalmannschaft stets als Talisman mit sich trägt, und wischte sich die Tränen aus den Augen. 38 Jahre nachdem das Fußballidol mit der Selecção auf dem Weg ins Weltmeisterschaftsfinale 1966 von Gastgeber England aufgehalten worden und mit feuchten Augen vom Platz geschlichen war, waren Triumph und Trophäe wieder einmal in nächster Nähe so fern. Erstmals hatte eine portugiesische Nationalmannschaft das Endspiel eines großen Turniers erreicht, konnte die Fußballfestwochen aber nicht mit sportlichem Erfolg veredeln. Als die Tränen getrocknet waren und die portugiesische Schicksalsergebenheit sich ihre Bahn brach, vermischte sich die Trauer über das Verpaßte mit Stolz auf das Erreichte. „Ich glaube, der Schmerz nach dem Schlußpfiff wird bald übertroffen werden von dem Stolz auf unseren gesamten EM-Auftritt“, sagte Luis Figo. „Wir dürfen zuversichtlich nach vorne schauen.“ Kapitän Figo und Fernando Couto, beide Vertreter der sogenannten goldenen Generation, die seit dem Gewinn der Junioren-Weltmeisterschaft 1991 auf einen Titel wartet, beobachteten die Pokalübergabe wie zwei Sicherheitsbeamte, die dabeisein dürfen, aber nicht geladen sind: Die Hände auf dem Rücken, die Brust nach vorne gedrückt, den Kopf erhoben, blickten die beiden Altstars starren Blickes hinauf auf das Siegerpodest, wo sie selbst hinwollten. Ob sie einen neuen Anlauf nehmen werden oder wie ihr gleichaltriger Kollege Rui Costa ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklären, wollte keiner von beiden sagen.“

Die Griechen haben weder unverschämtes Glück gehabt noch eine negative Attitüde an den Tag gelegt

Christoph Biermanns Stimmung (SZ 6.7.) schwankt zwischen Enttäuschung und Respekt: „Am Titelgewinn der griechischen Mannschaft ist wenig auszusetzen, außer dass er falsch ist. Doch was daran falsch ist, dafür kann man Otto Rehhagel und die Seinen nicht bezichtigen. Sie haben Gastgeber Portugal zweimal, sowie Frankreich und Tschechien besiegt. In der K.o.-Runde haben sie keinen Gegentreffer hingenommen. Sie haben dabei weder unverschämtes Glück gehabt, noch eine negative Attitüde an den Tag gelegt. Kein griechischer Spieler mag ein großer Künstler des Fußballs sein, aber es gibt in diesem Team auch keine Rumpelfüßler. Sie haben das Halbfinale und das Endspiel nach Ecken bzw. Freistößen gewonnen, und gut ausgeführte Standardsituationen gehören zum Fußball wie die Kunst der Verteidigung. Die perfekt organisierte Defensive der Griechen zeigt, dass bei ihnen ein großer Taktiker auf der Bank gesessen hat. Otto Rehhagel hat die beschränkten Kräfte seiner Mannschaft auf schon fast geniale Weise kombiniert. Er hat Synergien hergestellt, würde man auf Neudeutsch sagen, oder: Das Ganze war größer als die einzelnen Teile. (…) Welt- und Europameisterschaften sollten eigentlich Feiertage des Fußballs sein und die Bühne, auf der sich die Besten zu den höchsten Höhen ihrer Kunst aufschwingen. Zidane und Beckham, Raúl und Figo zeigten jedoch nur Fragmente ihrer Kunst. Sie kamen müde, waren zu schnell verschwunden und das Publikum musste sich mit dem Rest begnügen, den Tapferen und den Ausgeruhten.“

Die Griechen waren viel mehr als Betonmischer oder Barrikaden-Bauer

Felix Reidhaar (NZZ 6.7.) fasst das Turnier Griechenlands zusammen: „Was wurde nicht alles geschrieben in den letzten Tagen und Wochen über die fast etwas vorwitzigen Emporkömmlinge der südosteuropäischen Balkanhalbinsel! Wie sie das Gastgeberteam gleich im Eröffnungsspiel auf die unhöfliche Art vor den Kopf stiessen, wie sie den Spaniern völlig entgegen dem Spielverlauf noch zwei Punkte stahlen und wie sie dann den kritischen Punkt auf der Schanze in die Viertelfinals gegen die Russen gerade noch ohne Sturz bewältigten (schon ein Tor mehr der Russen hätte den Spaniern zur Qualifikation gereicht), das hinterliess doch einen etwas schalen Beigeschmack. So richtig wollte man an die Wettbewerbsfähigkeit einer Mannschaft der „Namenlosen“ nicht glauben. Man musste sich, auch wir, eines Besseren belehren – oder besser einer Unterlassungssünde bezichtigen lassen. Denn wie oft an solchen Grossturnieren hat eine Gruppe, die von allem Anfang an Mut schöpfte und durch Erfolgsresultate Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewann, sich doch auf dieser Basis über ein Turnier hinweg regelmässig im Verbund gesteigert. So paradox es klingen mag angesichts des sensationellen Charakters, der Europameistertitel der Mannen aus dem Reich der Mythen hatte eben auch eine logische Komponente. Der etwas strapazierte Begriff der typischen Turniermannschaft trifft auf Otto Rehhagels Auswahl durchwegs zu. Sie wurde von Match zu Match kompakter, (selbst)sicherer, solidarischer und dann zunehmend frecher und wagemutiger mit Kontern. Der historische Vergleich mag etwas weither geholt sein, genau 4000 Jahre, als indogermanische Stämme in Griechenland einwanderten und sich mit mediterranen Völkern mischten, aber ein bisschen hilft er die von niemandem vorhergesagte Entwicklung der Hellenen erklären. Der germanische Taktiker, Defensiv-Stratege und Verfechter eiserner Disziplin mit Erfolgsausweis in kleineren (Bundesliga-)Klubs muss mit seiner Gestik so überzeugend gewirkt haben, dass es nicht ins Gewicht fiel, dass ihn sprachlich keiner richtig versteht. Wer auch immer auf dem Feld stand und sich bewegte, tat es wie nach per Funk übermittelter Anweisung. Zudem entlud sich die Energie von Griechen, eine weitere Anleihe in der Geschichte sei erlaubt, seit je nach aussen. Jetzt marschierten sie quasi als Kolonisten ans Westende des Kontinents und zogen dort als nicht ernst genommene Eroberer die hellblaue Flagge auf. (…) Die Griechen waren letztlich eben viel mehr als Betonmischer oder Barrikaden-Bauer; mit ihrem angeborenen technischen Können, dank den Temperament-“Blockern“ und erstaunlich ausgebildeter Athletik sowie dem ausgeprägten Organisationssinn spielten und hypnotisierten sie schliesslich zunehmend besser, am besten im Finale, mit dem dritten 1:0 und vor einer Kulisse, wie man sie so feurig, stimmungsvoll und laut selten zuvor erlebte – auch dank den tanzenden hellenischen Fans. Franzosen, Tschechen und Portugiesen, drei der spielerisch stärksten Teams der Welt, schienen hintereinander vor lauter Irritation die Beine gebunden.“

Keine Feldherrenstrenge, kein stilles Kaiserschreiten

Philipp Selldorf (SZ 6.7.) sonnt sich in Otto Rehhagels Weisheit: „Für einen Moment, der viele Minuten dauerte, wurde Otto Rehhagel wieder zum Kind. Er hüpfte in die Luft, als ob er auf den Spielplatz rennen würde; er ließ sich auf den Arm nehmen und hin und her wiegen wie ein Baby (wozu es naturgemäß zweier ausgewachsener Männer bedurfte, des Verteidigers Fyssas und des Mittelfeldkopfs Basinas); er ließ sich Huckepack tragen von den Fußballern, und er lief kreuz und quer und ziellos über den Rasen, als ob die Eltern ihn soeben vom Hausarrest befreit hätten. Was er unterließ: Er posierte nicht. Keine Feldherrenstrenge, kein stilles Kaiserschreiten. Otto Rehhagel war Otto Rehhagel. Erwachsen wurde er erst wieder, als er sich zur Goldmedaillenvergabe vor dem Siegerpodest in die Schlange seiner Spieler stellte. Da brachte er noch mit schnellen, eingeübten Handgriffen den verrutschten Scheitel in Ordnung wie ein Mann, der gleich beim Chef vorspricht. Dann gab’s ein Händeschütteln mit Uefa-Boss Lennart Johansson und eine Umarmung mit Portugals Alt-Idol Eusebio, dem er obendrein die Wange tätschelte – ein tröstendes Tätscheln von Otto Rehhagel, nach dem 1:0-Sieg gegen Portugal Europameister mit Griechenlands Nationalmannschaft. Kein einziger Mensch auf der Welt, weder der hinterwäldlerischste Hirte in den nordgriechischen Bergen noch der exzentrischste Mann in Großbritanniens Wettbüros, hätte vor Beginn des Turniers nur mit einem Funken Ernsthaftigkeit behauptet, dass Griechenland den Europawettstreit gewinnen könnte. Griechenlands bis dahin größter Erfolg im Fußball liegt fast so weit zurück wie die lehrreichen Spaziergänge des Philosophen Sokrates: der dritte Platz bei den Olympischen Spielen 1906. Der beste griechische Moment bei einer EM ist mehr als 24 Jahre her und ereignete sich 1980 in Turin: Hristos Ardizoglu traf den Pfosten beim 0:0 in der Begegnung mit Deutschland, dem späteren Europameister. (…) Als der Bus bereits zur Abfahrt hupte, hat Charisteas prophezeit, dass die Mannschaft von mindestens drei Millionen Menschen am Flughafen von Athen empfangen werde („da brauchen wir viel Security“). Rehhagel erlaubte sich, darüber zu lächeln: „In der Freude und in der Trauer übertreiben sie etwas – aber sie werden sich auch wieder beruhigen“, sagte er und erfreute sich an seiner großen Weisheit.“

Der Fussball ist im Gegensatz zur Politik in der Lage, alle Menschen zu vereinen

Mit Kritik an ihrer Spielweise gehen die Griechen genauso souverän um wie mit ihren Gegnern auf dem Platz – Peter B. Birrer (NZZ 6.7.): „Hinterher war in den Kommentaren in Bezug auf Griechenland von „Parasiten-Fussball“ („Público“) die Rede, britische Reporter sprachen von „ugly football“; generell soll es ein Rückschritt in vergangen geglaubte Zeiten sein. Nun, auch das Endspiel gewann keinen Schönheitspreis, weil zu sehr von griechischem Realismus und portugiesischer Verzweiflung geprägt. Die Turnier-Hierarchie war spätestens dann in Frage gestellt, als es zur Halbzeit immer noch 0:0 stand. EM-Sieger wird, wer in 300 Spielminuten gegen Frankreich, Tschechien und Portugal kein Tor erhält. Die Sieger zuckten danach in der düsteren Tiefgarage des Stadions mit den Schultern und wiesen nüchtern auf ihren Erfolg hin. (…) Besagtes Team, das erneut nur gewinnen konnte, blieb ruhig, hatte Ausdauer, strahlte Selbstsicherheit (Dellas) aus und behalf sich selten mit Fouls. Wer das miserable Gruppenspiel der Griechen gegen Russland gesehen hatte, hätte nicht einmal im kühnsten Traum daran gedacht, soeben den Europameister erlebt zu haben. Der Russland-Match war jedoch auch der einzige Match, in dem die Hellenen etwas zu verlieren hatten. Die Stunde des Triumphs war nicht zuletzt die Stunde des Otto Rehhagel. „Der Fussball ist im Gegensatz zur Politik in der Lage, alle Menschen zu vereinen“, sagte der 65-Jährige in Anspielung auf die ekstatischen Zustände in Griechenland. Mit dem Satz „Alle Menschen werden Brüder“ zitierte er Friedrich Schiller, im Wissen darum, dass „sich auch die Griechen wieder beruhigen werden“. Otto Rehhagel, von einem ZDF-Reporter auf Schritt und Tritt begleitet, leuchtete auch später noch wie eine eben erst aufgegangene Sonne.“

Die Griechen sind zwar keine Leichtathleten, aber eigentlich auch keine Fußballer

Matti Lieskes (taz 6.7.) Begeisterung stößt an Grenzen: “Die Griechen sind zwar keine Leichtathleten, aber eigentlich auch keine Fußballer. Zwar stehen die Besten von ihnen bei englischen, italienischen, spanischen oder deutschen Klubs unter Vertrag, doch zur Ausübung ihrer Tätigkeit kommen sie selten. Die meiste Zeit schmoren sie auf der Reservebank. Gewisse Attribute aus der leichtathletischen Zunft besitzen sie durchaus. Lasst lange Kerle um mich sein, lautet Rehhagels Devise, der es eher mit dem alten Fritz als dem der Dickleibigkeit verfallenen Julius Caesar hält, die Durchschnittsgröße der Mannschaft beträgt 1,87 m. Und affenschnell sind sie alle, vor allem die Abwehrspieler. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Laufarbeit, Zweikampfverhalten, Kopfballstärke inzwischen die wesentlichen Elemente des Fußballs sind, nicht etwa fußballerische Brillanz und Kreativität, dann haben ihn die Griechen geliefert. (…) Tatsächlich ist der griechische Ottonaccio trotz Manndeckung und Libero gar nicht so altmodisch, wie er manchmal scheint. Mit seinen schnellen und aufmerksamen Abwehrspielern, den großartigen, auch offensivstarken Verteidigern Seitaridis und Fyssas, sowie dem raschen Aufrücken und Umschalten auf Angriff bei Ballgewinn erinnert das griechische Spiel an das System, welches etwa Juventus Turin pflegt. Gegen Frankreich waren die Griechen sogar eine Halbzeit lang das angriffsfreudigere Team, und die ballgewandten Tschechen und Portugiesen hatten auch andere Mannschaften wie England, Dänemark oder Holland weit in die Abwehr zurückgedrängt. Am Ende waren die Griechen der zwar sensationelle, aber im Grunde logische Gewinner dieser EM. Die Defensive hatte bei allen Teams, außer Tschechien und Bulgarien, absoluten Vorrang, die Griechen spielten sie so, wie die meisten anderen gern gespielt hätten. Im Angriff besaßen sie dank des Bremer Reservisten Charisteas und der unermüdlichen Antreiber Zagorakis und Karagounis die Fähigkeit, die nötigen Tore zu schießen, und das erforderliche Glück war in den wenigen brenzligen Situationen, die sie zuließen, auch auf ihrer Seite.“

Ganz unverheult

Die Portugiesen schauen wieder nach vorne. Christoph Biermann (SZ 6.7.): „Wie groß die Enttäuschung auch zunächst war, hatte man spüren können, als die griechische Mannschaft noch auf dem Rasen feierte. Die Party war trotzdem schon vorbei und Ränge fast leer, als die Sieger ihre Ehrenrunde drehten. Nach Hause aufgemacht hatten sich die portugiesischen Zuschauer oder standen auf den Gängen apathisch und etwas verlegen. Kaum einer sprach, die Blicke gingen aneinander vorbei und die Jubelgesänge aus der griechischen Kurve klangen hier wie das Geheul böser Geister. Auch Felipe Scolari kostete es sichtlich Mühe, über eine Niederlage zu sprechen, mit der kaum einer gerechnet hatte, und sein Pressesprecher übersetzte wie mit letzter Kraft nur leise wispernd. Es hätte also genug Anlass zum Wehklagen gegeben, doch am Tag danach hingen die grün-weiß roten Fähnchen immer noch stolz aus den Fenstern und flatterten an den Balkonen der Häuser. Warum hätte man sie auch einholen sollen? „Wir sind immerhin so weit gekommen, wie noch keine portugiesische Mannschaft zuvor“, hatte Cristiano Ronaldo gesagt, als er aus der Kabine kam. (…) Portugals Bester im Endspiel, Cristiano Ronaldo, ist erst 19 Jahre alt. Helder Postiga und Simao sind 21, das Innenverteidigerpaar Carvalho und Jorge Andrade ist 26 und hat ebenfalls noch etliche Jahre vor sich. „Auf Wiedersehen bei der WM 2006″, sagte Scolari zum Abschied. So gab es nachts auf den Straßen von Lissabon gar noch trotzige Freudenfeiern. Winzig waren sie im Vergleich zu den Eruptionen der vorangegangenen Spiele, doch wurden dabei die letzten Spuren von Fado und Saudade weggehupt. Und wenn es noch eines Zeichens bedurfte, dass in Portugal das Leben ganz unverheult weitergeht, war es am Montag auf den Titelseiten der Sportseiten zu sehen. Das verlorene Endspiel rutschte an den unteren Rand, weil die nächste Sensation schon auf dem Weg war. Der Hauptstadtklub Benfica Lissabon hat einen neuen Trainer verpflichtet. Der heißt Giovanni Trapattoni, und da gab es viel zu diskutieren.“

Matti Lieske (taz 6.7.) notiert Fehler Scolaris: “Gegen die spärlichen Attacken der Griechen eine Viererkette zu stellen, war die pure Verschwendung von Ressourcen, und warum Scolari den form- und nervenschwachen Stürmer Pauleta immer wieder aufstellte, weiß ohnehin nur er selbst. Ein Angriff mit Nuno Gomes und Helder Postiga als Spitzen und Anspielstationen in Strafraumnähe hätte die Griechen jedenfalls vor mehr Probleme gestellt und Räume für die dahinter agierenden Figo, Deco und Ronaldo öffnen können. Die Hilflosigkeit der Portugiesen lässt sich auch an der Statistik ablesen. Keine andere Mannschaft bei diesem Turnier hat so oft aufs Tor geschossen, keine andere aber auch so hochprozentig vorbei. Von 17 Schüssen im Finale kamen nur fünf aufs Tor. Noch jämmerlicher die Flankenbilanz. Meist aus dem Mittelfeld geschlagen, waren diese ein gefundenes Fressen für die langen Griechen, trotzdem versuchten es die Portugiesen immer wieder. Von 40 Flanken kamen ganze fünf an. Sechs von 17 lautete dagegen die Bilanz der Griechen. Erst mit Rui Costa wurde das portugiesische Spiel gefährlicher, doch seine Einwechslung in der 60. Minute kam zu spät. Das Gegentor kurz zuvor hatte Hektik und Übereifer ins Spiel einkehren lassen, was besonders deutlich wurde, als Costa sich glänzend zur Grundlinie durchspielte, den Ball mustergültig zum Elfmeterpunkt zurücklegte, die drei Angreifer Pauleta, Figo und Ronaldo aber geschlossen am Fünfmeterraum versammelt waren. ?Otto Rehhagel hat bewiesen, dass er definitiv ein besserer Trainer ist als der bereits vergötterte Scolari?, lautete das harsche Urteil der Zeitung Público über den eigenen Coach. Kratzen wird das den sturköpfigen Brasilianer wenig, und los werden ihn die Portugiesen sobald auch nicht. Nach dem Halbfinale hatte Scolari seinen Vertrag bis zur WM verlängert, was mächtig bejubelt wurde im Lande. Aber da glaubte Portugal ja auch noch fest an den Titel.““

Internationaler Fußball

Die FR fasst das Finale zusammen

The Guardian meldet „in der Angelegenheit Urs Meier“: „Am Morgen, nachdem Sven-Goran Erikssons englische Truppe aus der EM2004 geflogen war, brachte der Daily Star die Gefühle seiner einfältigen Leserschaft zum Ausdruck. „Was für ein Urs-loch“ titelte die Zeitung wütend und deutet mit erhobenem, ausländerfeindlichem Finger auf den armen Urs Meier. Der Schweizer Schiri, welcher die Frechheit besaß, eine klare Behinderung von John Terry an Torhüter Ricardo zu ahnden, bevor Sol Campbell den Ball ins Tor beförderte. Bals darauf stürzten sich die Boulevardblätter „The Sun“ und „Daily Asylum Seeker“ auf das gefundene Fressen. Die alljährliche Suche nach einem Sündenbock hatte begonnen. Jedoch diesmal ist es sogar noch viel schrecklicher als normalerweise. Und heute ist Meier traurigerweise gezwungen, sich rund um die Uhr in Polizeischutz zu begeben, nachdem er von englischen Hooligans Morddrohungen erhalten hat. „Ich nehme diese Drohungen sehr ernst“, gesteht Meier, „Die Polizei ist rund um die Uhr in meiner Nähe. Ich habe nicht vor, die Schweiz zu verlassen, jedoch bin ich an einem Ort, wo mich keiner kennt.“ Der Schweizer attackiert ebenfalls die britische Boulevardpresse, die „in meinem Privatleben schnüffelt und meine Familie ausspioniert.“ Er fügt noch hinzu: „Ich habe keine Angst um meine eigene Person, jedoch fürchte ich, dass denen, die ich liebe, etwas zustoßen könnte.“ Als ob dies nicht schon alles schlimm genug wäre, wurde ein Mädchen aus der Schweiz von englischen Fans zu Boden geworfen und mit einem gebrochenem Arm zurückgelassen. Dies ereignete sich auf der griechischen Insel Zakynthos und alles nur, weil sie ein T-Shirt mit der Flagge der Schweiz trug. „Einer von ihnen schlug mir mit der Faust ins Gesicht, so fest, dass ich von der Wucht des Schlages zu Boden fiel“, berichtete Manu Peyer. Die kahlgeschorenen Gewalttäter traten weiter auf sie ein, als sie wehrlos auf dem Boden lag. Als sie von ihr abließen, hatte sie ein geschwollenes Auge, eine blessierte Nase und einen gebrochenen Arm. Macht einen doch stolz Engländer zu sein, oder etwa nicht?“

Montag, 5. Juli 2004

Vermischtes

Es fehlt die Kultur des Sieges

Euphorie und Tatendrang in Griechenland, „ist wirklich Rehhagel-Land“ (SZ) – „es fehlt den Schweizern die Kultur des Sieges“ (FAZ) – TV-Dokumentation (ARD) über die WM 74 u.v.m.

Michael Martens (FAZ/Politik 6.7.) schildert Euphorie und Entschlossenheit in Athen: „Der Tag nach dem Wunder beginnt still in Athen. Stiller als üblich jedenfalls, denn nach den Feiern der vergangenen Nacht erwacht die Stadt später als sonst. Ab acht Uhr morgens, so steht es auf einem kleinen Schild neben dem Eingang zum Museumsgelände der antiken Agora, des vorchristlichen Zentrums von Athen, seien die Tore für Besucher geöffnet. Doch an diesem Tag regt sich um diese Uhrzeit vielerorts noch nichts in der griechischen Hauptstadt, und auch das kleine Wärterhäuschen neben dem Eingang scheint heute erst etwas später besetzt zu werden als sonst. Aber niemand ist erbost darüber, denn alle wissen, daß dieser Montag kein normaler Tag ist in Griechenland, sogar die beiden älteren Damen aus Amerika, die nichts ahnend in den lautstarken Freudentaumel geraten waren und nun immer noch rätseln, was wohl am „soccer“ das Besondere sei, der ein ganzes Volk gleichsam außer Betrieb setzen kann. Viele Athener, die sonst durchaus ruppig miteinander umgehen, begrüßen sich an diesem Morgen mit einem freundlichen Lächeln. Man beglückwünscht einander, und es wirkt so, als habe das ganze Land Geburtstag. Schließlich hat in der vorigen Nacht der Essener Fußballehrer Otto Rehhagel (die griechischen Fernsehkommentatoren legen mit Wonne die Betonung auf das „a“ des Nachnamens) Portugal besiegt. Mit Hilfe seiner Spieler natürlich, die am Montag ein Empfang im Panathinaikos-Stadion erwartete, dem Austragungsort der Olympischen Siele von 1896. Doch der hektische Alltag kündigt sich auch an diesem Ausnahmedatum an, denn das nächste naht. Die zweiten Spiele Athens, die im kommenden Monat, am 13. August, eröffnet werden sollen, halten die Stadt in Atem. Allenfalls für eine Nacht boten die Feiern nach dem Fußballsieg in Portugal eine Ablenkung von den Strapazen, denen die Athener seit Monaten ausgesetzt sind. Noch immer wird an allen Ecken und Enden der Viermillionenmetropole gebaut, und wie schon vor Wochen rätseln viele Laien weiterhin darüber, wie aus der größten Baustelle Südosteuropas in den kommenden Wochen jenes blitzblanke Forum für das größte Sportereignis der Welt werden soll, das pünktlich herzurichten die Verantwortlichen versprochen haben. Immerhin, Forschritte sind unverkennbar.“

Ist wirklich Rehhagel-Land

Christiane Schlötzer (SZ/Seite 3 6.7.) ergänzt: „Eigentlich sollte Rehhagel-Land jetzt ruhen, nach der Ekstase und den Seelenstürmen, dem Taumel und den Freudentänzen, in der Nacht der Nächte. Hatte uns Konstantinos Anastasiakis, der Arzt aus einem Athener Krankenhaus, nach dem Abpfiff nicht versprochen, ganz Athen würde heute eine Auszeit nehmen, nach dem größten Triumph des griechischen Fußballs? „Keiner wird zur Arbeit gehen“, hatte Anastasiakis, der in blau-weißes Fahnentuch gewickelte Chirurg, vorhergesagt. Und nun ist Montag, sieben Uhr morgens, und auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament braust der Verkehr, wobei der einzige Unterschied zur Epoche vor dem Europapokal ist, dass Taxis und Polizeiautos griechisch beflaggt fahren und junge Frauen auf dem Weg ins Büro mit blau-weißen Baseballmützen an der Bushaltestelle stehen. Der Zeitungsverkäufer trägt sein Fahnen-Tatoo, das neue Indianer-Zeichen des weltweit verzweigten griechischen Stammes, auf beiden Backen. Der Mann grüßt mit einem festen Kalimera, an seinem Stand flattern Fußball-Shirts, blau-weiß natürlich, im Wind, ordentlich an Kleiderbügeln aufgehängt. Davor fegen Straßenkehrerinnen den Festmüll weg, wobei die Zahl der leeren Wasserflaschen auffällig die der Bierdosen übersteigt. Sogar die Bauarbeiter auf dem Platz, der immer noch im Olympia-Staub versinkt, sind schon da, was nun wirklich an eine andere, hell leuchtende Prophezeiung aus dieser langen Nacht glauben lässt. „Morgen“, hat uns ein langjähriger Kenner der hellenischen Verhältnisse im Überschwang der Siegerlaune gesagt, „morgen wacht Griechenland auf und ist ein anderes Land.“ Ist wirklich Rehhagel-Land. Diszipliniert und mannschaftsstark, organisiert und voller Selbstvertrauen, und das alles, weil das ganze Land – und nicht nur 23 Männer in kurzen Hosen – jetzt einen Coach gefunden hat. (…) Der emotionale Schub ist angekommen. Die Stadien werden voll werden, niemand will die griechischen Sportler nun allein lassen. Das sagen jedenfalls viele in dieser Nacht, in der den neuen Helden die Herzen zufliegen. „Das war das schönste Geschenk, das uns passieren konnte. Dieses kleine Griechenland, von dem man nicht so Großes erwartet hat, wird wunderbare Olympische Spiele machen“, sagt die Athener Bürgermeisterin Dora Bakoyanni. Sie tut es im deutschen Fernsehen, auf Deutsch, wie der Trainer mit dem Titanentitel Rehakles, dem sein griechisches Gastland nun seine zweite Nationalhymne gewidmet hat: „Einai trelos o Germanos, einai trelos o Germanos“, er ist verrückt, der Deutsche, er ist verrückt. Auf Griechisch klingt das wie eine Liebeserklärung. Vom Dach des Athener Rathauses, eines prächtigen neoklassizistischen Baus aus der Zeit Otto I., des Bayern-Königs von Griechenland, schießt in der Nacht das blau-weiße Feuerwerk in den Himmel. Aber der Platz explodiert schon in der 57. Spielminute, als Angelos Charisteas den Ball in Lissabon ins portugiesische Tor befördert. Tausende auf dem Platz haben den Schuss allerdings gar nicht gesehen, weil die Menge vor der Großleinwand schon seit der ersten Minute auf Zehenspitzen steht. Nicht mal, wer der Torschütze war, spricht sich in der Aufregung bis in in hinteren Reihen durch. Dafür skandieren alle immer wieder „Hellas, Hellas“ und „Einai trelos“. Es ist ein absolut friedliches Fußballfest, (…) Eigentlich hätte die griechische Elf an diesem Sonntag ja gar nicht mehr gewinnen müssen. „Wir sind bereits die Sieger“, hatte die Zeitung Kathimerini ihre Leser nach dem griechischen Crescendo auf das Finale eingestimmt. Aber Coach Rehhagel, der große Seelen-Masseur, wusste es besser. „Bei den Griechen ist es wie bei allen anderen Menschen auf der Welt: Je mehr man hat, umso mehr will man.“ So war es dann auch, und deshalb feuerten die Menschen ihre von den Medien längst zur Götter-Elf verklärte Mannschaft auf dem Athener Rathausplatz so heftig an, als wären sie alle im Estadio da Luz. Deshalb wollten auch alle dabei sein. 88 Prozent betrug die Fernseheinschaltquote, nicht mitgezählt die vielen im Freien aufgestellten Großleinwände. Sogar für Hochzeiten und Kindstaufen wurden Projektoren bestellt, und sogar die Präfekturen hatten am Samstag ausnahmsweise geöffnet, damit sich Griechen, die noch nie einen Reisepass beantragt haben, Dokumente für den Trip nach Portugal holen konnten.“

Gott, gib mir mehr Tränen, damit ich weiter weinen kann

Die Griechen feiern, und Gerd Höhler (FR 6.7.) hört und sieht hin: „Viele Griechen hatten sicherheitshalber schon vor dem Spiel gefeiert. Hupend und Fahnen schwenkend fuhren sie am Sonntagnachmittag durch Athen. Schließlich wusste man nicht, ob es nach dem Abpfiff Grund zum Jubeln geben würde. Und die Zeitung Kathimerini tröstete ihre Leser bereits in der Sonntagsausgabe mit der Schlagzeile: „Wir sind jetzt schon Sieger!“ Umso ausgelassener wurde gefeiert, als feststand, dass sich die Griechen nicht mit dem Trostpreis begnügen müssen. „Griechenland auf dem Thron Europas“, meldete am Montag die Zeitung Apojevmatini. „Gott ist Grieche, die Griechen sind Götter“, reimte das Magazin Ethnospor. „Gott, gib mir mehr Tränen, damit ich weiter weinen kann“, fleht das Blatt Sporttime. „Wahnsinn!“, stöhnt die Zeitung Eleftherotypia, „Ganz Europa verneigt sich vor uns“, glaubt die Gazette Chora. Dieser Sieg ist Balsam für die verwundete griechische Seele. Seit Monaten stehen die Hellenen wegen ihrer chaotischen Olympia-Vorbereitungen in der Kritik. Jetzt haben sie sich und der Welt bewiesen, was sie leisten können, wenn sie sich einen Ruck geben. „Wir sind ein kleines Land mit einem großen Ego, wir tragen schwer an der Last unserer Geschichte und Mythen“, analysiert der Schriftsteller Nikos Dimou. „Wenn wir erkennen, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht miteinander übereinstimmen, versinken wir in Depression, Selbstmitleid und Minderwertigkeitskomplexe“. So sei es zu erklären, dass sportliche Siege in Griechenland zu nationalen Triumphen stilisiert werden. „Lasst uns die Euphorie dieses Sieges genießen“, meint Dimou, „aber wir sollten nicht vergessen, dass wir diesen Erfolg den strategischen Talenten eines deutschen Trainers verdanken, der die Fähigkeiten unserer Mannschaft bündelte.““

Der für seine Reha-Maßnahmen Berühmte

Was wäre das Leben und die Morgentoilette ohne Streiflicht (SZ 6.7.)? „Wie auf manch anderem Felde, so lassen die Deutschen sich auch in ihrer Griechenbegeisterung nur ungern in den Schatten stellen. Mehr denn je wird man in diesen Tagen Bankiersgattinnen und frühpensionierte Professoren dabei beobachten können, wie sie schon am Vormittag „bei unserem Griechen“ im Gemüseladen stehen und sich, besoffenen Störchen gleich, zum Sirtaki rüsten. Und „unser Grieche“? Der schaut entschuldigend über das Treiben hinweg und sagt: „Den Briasi.“ Laut Griechenkampfblatt Bild heißt das „macht nichts“, und das wiederum ist so richtig wie die Auslassungen von Franz Josef „Thersites“ Wagner. Jedes unserer medizinischen, wissenschaftlichen und theologischen Wörter sei griechisch, sagt er. Doch was ist mit Senkspreizfuß, mit Drittmittelwerbung, mit Bergpredigt? Wagners kleiner Crashkurs gipfelt in der Behauptung, „Volk“ heiße auf Griechisch „Demus“ – eine Meinungsäußerung, die man in einer Demukratie ertragen muss. (…) So oder so, jetzt gibt es den nagelneuen König Rehakles I., und ehe auch der uns wieder aus den Augen kommt, sollten wir seinen Namen zu deuten versuchen. Die Nachsilbe -kles ist bei griechischen Namen nicht ungewöhnlich, man erinnere sich nur an Herakles, Sophokles oder Perikles. Dieses -kles kommt von tâkléos (der Ruhm), sodass man die Namen besagter Herren mit „Ruhm der Hera“, „berühmt durch Weisheit“ oder „der rundum Berühmte“ wiedergeben könnte. Ohne Otto Rehhagels Arbeit damit bewerten zu wollen, doch auch ohne falsche Scheu vor Kalauern sei unter diesem philologischen Aspekt der Name Reha-kles folgendermaßen übersetzt: der für seine Reha-Maßnahmen Berühmte.“

Es fehlt ihnen die Kultur des Sieges

500 Jahre Demokratie und Frieden, und auch nach der EM 2004 ist bei den Schweizern nicht mehr herausgekommen als die Kuckucksuhr – höchstens ein bisschen Speichel, bedauert Jürg Altwegg (FAZ/Medien 5.7.): „“Für „typisch schweizerisch“ hält der Walliser Soziologe Bernard Crettaz die helvetische Variante des Vorfalls: Anderswo wird offen, direkt und ins Gesicht gespuckt – so machte es Totti. Und genauso hatte der Holländer Frank Rijkaard Rudi Völler 1990 ins Gesicht gespuckt. Die Schweizer spucken hintenrum und hinterrücks. Man weiß es seit einem Präzedenzfall, den alle zitieren und als dessen Wiederholungstat Alex Freis Attacke, die in den Nacken des Engländers zielte, gedeutet wird: Vor einem Jahr hatte es ein Schweizer Bundesrichter gegenüber einem Journalisten der „Neuen Züricher Zeitung“ vorgemacht und sich danach mit einem Hustenanfall herausgeredet. Crettaz hält diese Hinterlist für einen ganz besonders prägnanten Ausdruck der „Schweizer Ohnmacht“. In Portugal, lehrt der Soziologieprofessor, hat die Mentalität der Schweizer Schiffbruch erlitten: Der Fußball der Eidgenossen reproduziert ihre ungelösten Identitätsprobleme und ihre Unbeweglichkeit. Sie freuen sich über ehrenvolle Niederlagen. Es fehlt ihnen die Kultur des Sieges. Man ist froh, überhaupt dabeizusein. Zu zehnt spielten sie eine Halbzeit lang gegen die Kroaten und wurden vom Fernsehsprecher am Schluß als „moralische Sieger“ gefeiert. Der Soziologe bemitleidet sie: „Wie soll man kämpfen und siegen, wenn man das ganze Leben im Konsens zu Hause ist und mit dem Schließen von Kompromissen verbringt?“ Der Schweiz fehlten ein „kollektives Projekt“ und Führungsfiguren: „Die paar wenigen, über die sie in der Politik verfügt, bekämpfen und neutralisieren sich gegenseitig.“ Wenn selbst jene SVP-Haudegen, die sich dem Angriff auf den Konsens und das System verschrieben haben, in der Stunde des Gedenkens und der Wahrheit den Geist der Kappeler Milchsuppe beschwören, kann man dem kaum widersprechen: Mißtrauisch gegenüber Krieg und Frieden, neutral noch in der Niederlage – damit sind auf Europas Fußballplätzen keine Spiele zu gewinnen. Eine Nationalmannschaft, die schlechter ist als die Summe ihrer im Ausland gar nicht so erfolglosen Einzelspieler: Der Befund fällt um so deprimierender aus, als bei dieser Europameisterschaft kleine Länder, die kaum größer sind als die Schweiz, mit Kampfgeist und Toren für Furore gesorgt haben. Die Schweiz, stöhnen die Leitartikler und Kulturkritiker, bleibt dazu verdammt, sich mit ein paar wenigen Einzelsportlern und Helden wie Roger Federer, Simon Ammann oder Bertrand Piccard begnügen zu müssen. Modell und Mythos Wilhelm Tell: Vor zweihundert Jahren wurde Schillers Nationaldrama der Schweizer uraufgeführt. Ihm wird nach dem 475. Jubiläum der Kappeler Milchsuppe und dem portugiesischen Fiasko der anbrechende Kultursommer gewidmet sein. Nach dem nationalen Freilichttheater ist vor dem Euro-Flutlichtfußball. Die nächste Milchsuppe werden die Eidgenossen zusammen mit Österreich, das dank dem EU-Beitritt zur blühenden Landschaft wurde, auslöffeln müssen. Gemeinsam werden die beiden Staaten die nächste EM in vier Jahren ausrichten – wenn in der eidgenössischen Basisdemokratie, die die Schweizer so verbissen gegen Europa verteidigen, nicht noch etwas dazwischenkommt. In den Zeitungen von Zürich bis Lausanne wird auf den Debattenseiten die Frage diskutiert, wie lange in die Nacht hinein Ausländergruppen mit Hupkonzerten die Siege ihrer Mutterländer feiern dürfen und wann die Polizei einschreiten muß. Mancherorts hat es Bußen geregnet. Schweizer Architekten bauen die schönsten Fußball-Kathedralen der Welt. Aber in Zürich, wo die Fifa zu Hause ist, bleibt es unmöglich, gegen den Protest einiger Anwohner ein neues Stadion zu erstellen. Selbst wenn die Stadt, die Banken, Blochers SVP und alle anderen dafür sind. Daß sich die Eidgenossenschaft mit ihrer Provinzposse in der Hauptstadt der Wirtschaft zum Gespött der Welt mache, deutete durch die Blume Franz Beckenbauer bei einem Besuch an.“

Michael Hanfeld (FAZ/Medien 6.7.) befasst sich mit dem Erfolg von ARD und ZDF: „Die wahren Sieger auf hiesiger Seite standen nach der Vorrunde bereits fest. Ihrem Triumph konnte die frühe Abreise der Nationalkicker gar nichts anhaben: Es sind ARD und ZDF, die, was immer die Kommentatoren an Unfug auch von sich geben mochten, von einer Begeisterung für den Sport profitieren, die ihresgleichen sucht. 29,14 Millionen Zuschauer haben die letzten fünf Minuten des Endspiels dieser gesehen, ein Spiel, das fußballerisch zu den schlechtesten des Turniers überhaupt zählte und am Ende einen Sieger sah, dem man den Sieg gönnt, um dessen Spielweise attraktiv zu nennen, aber man wohl hellenischer Abstammung sein muß. ARD und ZDF sind trotzdem Sieger, weil sie übertragen, was Zuschauer in zuvor kaum gekannter Zahl sehen wollen. Und sie werden diesen Sieg nach Quoten gegenüber der privaten Konkurrenz nicht nur auskosten, sie werden ihn in Serie fortsetzen. Schließlich sind sie die einzigen, die noch in der Lage sind, die dafür anstehenden Kosten zu bewältigen, weil sie die hohen Preise für die Senderechte nicht vollständig aus ihren üppig sprudelnden Nebeneinahmen decken müssen, sondern mit Gebühren bezahlen. Außer der Formel 1 übertragen ARD und ZDF inzwischen fast alles: die Fußballbundesliga, die Tour de France, die WM 2006 und die Olympischen Spiele sommers wie winters 2004, 2006, 2008, 2010 und 2012. (…) Da ging selbst privaten Konkurrenten wie dem Abonnementsender Premiere, der allein für die Rechte in Deutschland rund 200 Millionen Euro bot, die Puste aus. Und es nimmt wenig wunder, daß ein Senderchef wie Georg Kofler vor Wut in den Teppich beißt und bald gen Brüssel reist, um sich über eine solche Vormachtstellung der Öffentlich-Rechtlichen zu beschweren. Er braucht den Sport zum Überleben jetzt und erst recht, wenn er mit seinem Sender an die Börse geht. Denn allein mit dem Sport – neben Kinohits und Pornographie – ist im Fernsehen noch neues Geld zu verdienen, vorausgesetzt, man kommt an die Rechte, die auch dank der gebührenfinanzierten Mitbieter ARD und ZDF so unerschwinglich geworden sind. Es ist zwar richtig, darauf hinzuweisen, daß das Rennen um die Rechte erst in dem Moment eröffnet worden ist, in dem die privaten Sender aufliefen. Doch treiben ARD und ZDF aufgrund ihres uneinholbaren Finanzierungsvorsprungs die Sache eben in der Tat auf die Spitze. Und bekommen obendrein immer zur rechten Zeit von vermeintlich sportbegeisterten Politikern (Kurt Beck und andere) einen Paß in die Tiefe des medienpolitischen Raumes, wenn sie drohen, ins Abseits zu geraten. Es wird nur interessant sein zu sehen, wie ARD und ZDF bei dem Auswärtsspiel in Brüssel abschneiden, wenn sie in den kommenden Wochen mit der Anfrage der EU-Kommission umgehen müssen. Die will von den Sendern wissen, wie sie ihre verschiedenen Finanzierungs- und Ertragsquellen auseinanderhalten. Die Kommission, die mit dieser Anfrage auf die Einhaltung der sogenannten „Transparenz-Richtlinie“ dringt, hat netterweise gefragt, „wie“ ARD und ZDF das machen, nicht „ob“. Dabei bestehen berechtigte Zweifel daran, daß ARD und ZDF über Mechanismen verfügen, die ihre Mischkalkulation aus Gebühren, Werbegeldern, Sponsoring und Gewinnspielen wirklich „transparent“ machen.“

Und denken Sie daran, der ist erst achtzehn

if-Leser Christop Mahnel tritt Johanns Kerner und Reinhold Beckmann drei Mal kräftig vors Schienbein: „Hallo Herr Fritsch, könnten Sie bitte Ihre ‚Connections’ spielen lassen und dafür sorgen, dass die Herren Beckmann und Kerner, die sich in den letzten Wochen als die beiden Blinden unter den einäugigen geoutet haben, Ihren if-newsletter zugestellt bekommen und er ihnen als Pflichtlektüre auferlegt wird. Dann könnten die beiden auch mal etwas ‚content’ während ihrer Übertragungen rüberbringen. Selbst wenn ich vormittags an der Arbeit nur fünf bis zehn Minuten aufbringe, um die Artikel Ihres Newsletters zu scannen, habe ich schon mehr erfahren als in einer 90-, 105- oder 120-minütigen Reportrage meiner beiden Lieblingskommentatoren. Gerade beim Halbfinale zwischen Griechenland und Tschechien hat es mich geärgert, dass ich erstens mein kicker-Sonderheft nicht dabei hatte und zweitens auch nicht die von mir gewünschten Infos von Johannes Baptiste erhaschen konnte. Man kennt natürlich von den Griechen und Tschechen die Bundesliga-Legionäre und auch die Superstars wie Nedved, aber was ist mit dem tschechischen Torwart? Spielt der etwa bei Sigma Olmütz oder Slovan Bratislava? Nein, ich konnte einen Tag später bei Eurosport erfahren, dass er von Stade Rennes nach Chelsea wechselt. Aber Herrn Kerner kümmert das wahrscheinlich nur am Rande seiner Reportage für das Volk – oder soll ich sagen für die Frauen? Denn die bestätigen mir mitunter, dass ihnen dieser Reportage-Stil gefällt („und denken Sie daran, der ist erst achtzehn…“, „meine Damen und Herren, wir dürfen nicht vergessen: Das hier ist die B-Elf der Tschechen…“, etc.). Was soll’s? Bitte schick diesen Dusselköppen einfach deinen Newsletter, vielleicht gibt’s dann demnächst mehr Infos.“

Keine richtige Mannschaft am Anfang; keine WM-Form, keinen Schwung, keine Begeisterung

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ/Medien 6.7.) bespricht die ARD-Dokumentation der WM 74: „Nun reicht es aber mit den Rückblicken! Na gut, diesen einen noch. Einige ältere Herren von Franz Beckenbauer bis Jürgen Sparwasser dürften sich diese Dokumentation mit besonderem Vergnügen zu Gemüte führen. Am Vorabend ihres offiziellen Wiedersehenstreffens in München. An diesem Mittwoch vor dreißig Jahren war Deutschland zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister geworden. Zwanzig Jahre nach Bern 54 wurde das Finale 2:1 im Olympiastadion über Holland nicht zur Kategorie der Wunder gerechnet. Es fügte sich so, wie die Dokumentation des Norddeutschen Rundfunks über die WM belegt. „Wir hatten“, erinnert sich Paul Breitner, der Verteidiger mit dem strammen Schuß, „keine richtige Mannschaft am Anfang; keine WM-Form, keinen Schwung, keine Begeisterung.“ Das läßt doch hoffen für die WM 2006, egal, was personalpolitisch noch kommen mag . . . Damals war ja längst nicht alles besser als heute. Auch im Sommer 74 regnete es fast ständig, durch das geteilte Deutschland verlief mit der Grenze auch die Front des Kalten Krieges. Willi Brandt nahm die Guillaume-Affäre zum Anlaß, als Bundeskanzler zurückzutreten. Im Frankfurter Westend gingen die Studenten gegen Immobilienspekulanten und Fahrpreiserhöhungen protestierend auf die Straße. Turbulente Zeiten, in denen der Bundestrainer Helmut Schön wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche wirkte. Die Reporter verfolgten den Weg der Nationalmannschaft mit allen Höhen und Tiefen mit der Sachlichkeit von Nachrichtensprechern heutigen Zuschnitts. Die Spieler trugen Frisuren wie aktuell nur noch der Tscheche Pavel Nedved. Günter Netzer, der Kerl mit der auffälligsten Mähne, wirkte wie ein frühes Produkt der antiautoritären Erziehung. Sie hatten fürwahr Typen in ihren Reihen.“

René Martens (FTD 6.7.) auch: „Etwas enttäuschend ist auf den ersten Blick die Auswahl der Zeitzeugen. Biereichel hat unter anderem mit Franz Beckenbauer gesprochen, mit Paul Breitner, Uli Hoeneß, Günter Netzer, Wolfgang Overath, Johan Cruyff. Da fehlt ein Überraschungsmoment. „Ich wollte Leute, die gut erzählen und analysieren können“, sagt der Autor. Außerdem sei es aufwändig gewesen, diese Gesprächspartner zu rekrutieren. Man hat ja zuweilen den Eindruck, dass für jemanden wie Paul Breitner ein Tag ohne Fernsehauftritt ein verlorener Tag ist. Aber ausgerechnet der steht für Dokumentationen dieser Art normalerweise nicht zu Verfügung, beteuert Biereichel. Am diffizilsten sei es mit Cruyff gewesen. Der holländische Sender NOS habe vor einigen Jahren eine sechsstündige Sendung zu seinem 50. Geburtstag gemacht – ohne den Meister persönlich gewinnen zu können. „Die haben ihn für zehn Champions-League-Spiele pro Saison, mehr Auftritte macht er nicht“, sagt der NDR-Mann. „Und dafür zahlt NOS ihm mehr als die ARD Günter Netzer für die EM bezahlt hat.“ Das mag alles so sein, und gewiss taugen „Hacki“ Wimmer oder „Katsche“ Schwarzenbeck nicht für substantielle Gespräche. Dennoch: Eine Randfigur, ein halb vergessener Ersatzspieler, der heute jenseits der Fußball-High-Society sein Dasein fristet, hätte dem Film gut getan. Einer wie der Bremer Horst-Dieter Höttges (ein Kurzeinsatz gegen die DDR). Im Kasseler Agon-Verlag ist gerade ein Buch zur WM 74 erschienen, in dem er interviewt wird. Auf dem Foto sieht er aus wie ein Bierkutscher, und aus der biographischen Notiz erfahren wir, dass er derzeit unter anderem Co-Trainer der U15 beim SV Werder ist.“

Der Triumph von München. Heute 23.00-0.30 (ARD)

Deutsche Elf

Otto Rehhagel ist amtlich

Otto Rehhagel folgt auf Rudi Völler, das ist wohl amtlich (SZ) – “wie weit der Weg für Deutschland zurück an die Spitze ist, hat diese EM in aller Schönheit gezeigt” (FAZ) / FAZ-Interview mit Jürgen Klinmann über das Defizit im deutschen Fußball / “ganz gewiß muß der deutsche Fußball seine Strukturen in der Nachwuchsarbeit selbstkritisch hinterfragen, will er zu alter Stärke zurück” (FAZ) – Interview mit Ottmar Hitzfeld (Tagesanzeiger) u.v.m.

Jämmerlich

Ludger Schulze (SZ 5.7.) ärgert sich über die Trainersuchenden – in Vergangenheit und Gegenwart: “Tatsächlich wäre es ehrlicher, den künftigen Teamchef per TED-Umfrage ermitteln zu lassen, weil die Angelegenheit an Populismus ohnehin nicht zu überbieten ist. Nachdem der griechische Nationaltrainer Otto Rehhagel von Bild auf den Favoritenschild gehoben wurde, kann an seiner baldigen Ernennung kaum mehr ein Zweifel sein. Kolumnist der Nackedei-Gazette ist Franz Beckenbauer, der einflussreichste Mann im deutschen Fußball. Und damit ist die Personalie quasi amtlich. Nun sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert, dass es Beckenbauer war, der im Jahre 1996 als Präsident des FC Bayern jenen Rehhagel wegen Unfähigkeit fristlos entließ. Rehhagel, argumentierten die Münchner seinerzeit, habe es an Inkompetenz nahezu mit seinem Vorvorgänger Erich Ribbeck aufgenommen, er sei unbelehrbar, selbstgerecht, jeder Kritik gegenüber unempfänglich und taktisch hinter dem Mond. Was nun – ist Rehhagel in Griechenland als Ander-Otto wiedergeboren worden, oder haben die Bayern einen furchtbaren Irrtum eingesehen? Rehhagel hat auf dem Peloponnes glanzvolle Arbeit geleistet, was niemand bezweifeln kann. Vielleicht auch deshalb, weil er einen geschickten Übersetzer hat, der die selbstverliebten Tiraden des Meisters besser verschweigt und somit möglichen Unmut von vornherein erstickt. Hierzulande sind die aus der Vergangenheit rührenden Vorbehalte gegen Rehhagel durch seinen Erfolg hinweg geschwemmt worden. Und dabei spielen die Bayern erneut eine ähnliche Rolle wie im Jahr 1998. Damals wurde Erich Ribbeck als Nachfolger von Berti Vogts installiert, obwohl sich die gesamte Branche hinter vorgehaltener Hand über den Rentner aus Teneriffa lustig machte. Die Großhirne des FC Bayern, Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge, verschwiegen ihre Kenntnisse und ließen das Nationalteam ins Verderben der EM 2000 laufen. Es musste erst ein kleiner, aufrichtiger Mann wie Jens Jeremies kommen, um den Zustand dieser Mannschaft als das zu bezeichnen, was er war: jämmerlich.“

Wie weit der Weg für Deutschland zurück an die Spitze ist, hat diese EM in aller Schönheit gezeigt

Michael Horeni (FAZ 5.7.) fügt hinzu: “Die Erfolgsgeschichte von Rehhagel sollte nicht darüber täuschen, daß moderner Fußball erfreulich anders aussieht als in seiner griechischen Variante. Aber in Deutschland erscheint für dringend nötige frische Spielideen angesichts einer schwierigen Trainersuche die Zeit noch immer nicht reif. Bis zur WM sind es nur noch 23 Monate, und es wird dem Nachfolger Völlers, wie auch immer er heißen mag, kaum gelingen, die Defizite nach vielen verschenkten Jahren auszugleichen. Wie weit der Weg für Deutschland zurück an die Spitze ist, hat diese EM in aller Schönheit gezeigt.”

So einen Rummel um meine Person habe ich noch nie erlebt

Fredy Wettstein (Tagesanzeiger, Zürich 4.7.) spricht mit Ottmar Hitzfeld: “Dunkel hängen die Wolken in den steilen Bergwänden, dazwischen scheint die Sonne wieder, und die Aussicht von der Terrasse der Dachwohnung im Haus ist imposant, unten liegt das Dorf Engelberg, gegenüber der Titlis. „Und dort“, und Ottmar Hitzfeld zeigt auf die linke Seite, „liegt der Golfplatz, es ist ein wunderschöner Platz.“ Hitzfelds Gesicht ist entspannt, er strahlt, lacht, ist bester Laune, und als später, drinnen im Wohnraum, seine Frau Beatrix den Fernsehen einschaltet und beim Zappen auf das Deutsche Sportfernsehen kommt, wird ein EM-Talk aus Lissabon gesendet. Auch Udo Lattek plaudert in der Diskussionsrunde, und er sagt: „Irgendwann kommt die Wahrheit heraus“ und man werde die Hintergründe kennen, weshalb Ottmar abgesagt habe. Auch andere stellen ihre eigenen Theorien auf, und Hitzfeld sieht sich alles an, nicht sehr konzentriert, eher amüsiert, schmunzelt immer wieder. Irgendwie scheint es nicht, als sitze einer hier und höre zu, wie über ihn geredet und spekuliert wird, sondern als würden sie eher über einen Fremden reden, als sei für ihn alles weit weg. Auf dem Tisch vor ihm liegt auf einem Stapel die „Süddeutsche Zeitung“ vom Samstag, „Deutschland spekuliert“ heisst ein Titel, darunter die „Bild“ vom Vortag, „Chaos nach Hitzfelds Absage“ war die Schlagzeile auf der Frontseite gewesen. Daneben liegt auch „Der Methusalem-Komplott“ von Frank Schirrmacher, das Buch des Herausgebers der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, das sich mit dem Problem des Älterwerdens befasst. Schon seit langem wollte es Hitzfeld lesen, und „jetzt habe ich endlich auch dazu Zeit und ich freue mich“, sagt er. Lattek plaudert am TV weiter drauflos.”

T: An diesem Wochenende müssten Sie aber in Lissabon sein, um den Vertrag als neuen deutschen Bundestrainer zu unterschreiben.
OH: Ich hatte mich vor einer Woche in Sevilla mit Gerhard Mayer-Vorfelder getroffen, und er wollte, dass ich zusammen mit Karl-Heinz Rummenigge nochmals nach Portugal komme. Aber das ist kein Thema mehr. Wenn man einmal abgesagt hat, dann ist der Entschluss endgültig, dass habe ich auch MV mitgeteilt.
T: Es gab seither für Sie nie einen Zweifel, ob Sie richtig entschieden haben?
OH: Überhaupt nicht, im Gegenteil: Eher Erleichterung. Der Druck, der aufgesetzt wurde, war ja immens . . .
T:. . . alle wollten, dass Sie es machen.
OH: Ich spürte eine grosse Unterstützung bei den Medien, in der Öffentlichkeit, auch viele Freunde haben angerufen, mir schon gratuliert. Ich kriegte viele SMS, und das hat meine Entscheidung natürlich noch schwerer gemacht.
T: Die Debatte, die in Deutschland nach dem Rücktritt von Rudi Völler losging, war enorm, nur zu vergleichen mit Diskussionen um einen neuen Bundeskanzler.
OH: So einen Rummel um meine Person habe ich noch nie erlebt, obschon ich ja schon vieles kannte und schon manche Schlagzeile geliefert habe. Aber diesmal ging es in eine Richtung, die schon unglaublich war.
T: Unvorbereitet waren Sie aber nicht.
OH: Ich hatte es seit einigen Wochen gespürt. Zwischen den Zeilen konnte man ja lesen, dass Rudi Völler bei einem Scheitern vielleicht aufhört . . .
T:. . . und Sie dann zum Thema werden.
OH: Deshalb konnte ich ja meine Ferien auch nicht richtig geniessen. Ich spürte, dass der Druck, den ich in den letzten sechs Jahren bei Bayern München hatte, bald wieder kommen könnte. Und wenn man weiss, dass man keine Topleistungen bringen kann, als Trainer auf die Spieler nicht eine riesige Begeisterung und Freude ausstrahlt, dann helfe ich mir nicht und auch Deutschland nicht. Nur ein Amt anzunehmen, weil es eine Ehre, ein Traum . . . (er macht eine Pause und sagt dann Natürlich ist jetzt ein Traum geplatzt. (Nochmals Pause) Aber was nützt mir, das Amt anzunehmen und dann zu scheitern und die Gesundheit zu riskieren. Das ist ein zu hoher Preis. Das wäre in höchstem Masse unvernünftig.
T: Am Tag, als Völler zurücktrat, machten Sie aber den Eindruck, als seien Sie bereit und wollten deutscher Bundestrainer werden.
OH: Innerlich wehrte ich mich zwar dagegen, aber ich war im Zwiespalt. Das Herz war dafür, aber die Vernunft sagte nein. Und da wusste ich, jetzt gibt es in dir drin eine Auseinandersetzung. Wer übernimmt die Oberhand?
T: Aber Sie sagten, Sie seien bereit.
OH: (energisch) Die Medien haben es so interpretiert. Ich sagte immer nur, es sei offen. Ich sagte damals dem Journalisten der „Welt“, der mich als Erstes angefragt hatte, ich sei offen. Daraus wurde aber überall die Schlagzeile, Hitzfeld sei bereit.
T: Wie sind ihre Gefühle heute?
OH: Als der Entscheid definitiv war, das Communiqué draussen, da habe ich schon mit den Tränen kämpfen müssen.
T: Tränen?
OH: Nicht Freudentränen, mehr Traurigkeit. Vom Herzen wollte ich es ja machen, und vom Herzen her war ich enttäuscht. Aber es war auch eine Befreiung: Jetzt ist es draussen. (Pause) Aber jetzt, heute, spüre ich, wie erleichtert ich bin. Jetzt beginnen die Ferien, jetzt kommt die innere Zufriedenheit, kann ich befreit das Leben geniessen. Ich freue mich jetzt auf das EM-Finalspiel, jetzt kann ich auch einmal ein Fan sein.
T: Ein neues Gefühl für Sie.
OH: Das können doch viele nicht begreifen: Als Trainer kannst du das Spiel nie geniessen. Du hockst in der Kabine, hast Angstschweiss auf der Stirn, machst dir Gedanken, was kannst du vielleicht während des Spiels ändern, welche Spieler, ein anderes System? (Pause) Das Champions-League-Final beispielsweise habe ich nicht genossen, das war purer Stress.
T: Verrückt, Sie sind in einem Beruf tätig, der eigentlich keinen Spass, keine Freude bereiten kann.
OH: Das ist doch wie ein Clown im Zirkus. Rolf Knie hat mir einmal erzählt, wie er vor einem Auftritt Weinkrämpfe hatte, Nervenzusammenbrüche. Er musste rausgehen, wusste, dass er lachen und Witze machen muss, und er war manchmal nicht in der Laune, sondern in einer angespannten und traurigen Stimmung. Das ist ein enormer Druck, Stress.

Jämmerlich
FAZ-Interview (5.7.) mit Jürgen Klinsmann über Deutschlands Fußball

FAZ: Beinahe jede Fußballnation hat einen Ronaldo, einen Rooney oder Robben. Was hat der deutsche Fußball zu bieten im Hinblick auf die WM 2006 im eigenen Land?
JK: Abgesehen von den Talenten, die wir auch haben wie Lahm, Hinkel und Schweinsteiger, sind wir an einem sehr kritischen Punkt angelangt, an dem wir über unsere Gesamtstruktur nachdenken müssen. Es sind ein paar Fehler passiert nach dem Ausscheiden, die einfach nicht passieren durften. Wir stehen vor der einmaligen Situation, eine WM im eigenen Lande zu haben. Wir haben die Chance, uns zu präsentieren, wie wir sie in den nächsten dreißig, vierzig Jahren nicht mehr bekommen werden. Deshalb können wir es uns einfach nicht erlauben, ein so unwürdiges Bild abzugeben.
FAZ: Was ist des DFB unwürdig?
JK: Es geht damit los, daß Rudi Völler einen Tag nach dem Ausscheiden seinen Rücktritt erklärt. Da hätte jemand da sein müssen, der das abfängt, der gesagt hätte: Rudi, laß uns mal vier, fünf Tage die Sache analysieren, und dann kannst du immer noch zurücktreten, wenn du unbedingt möchtest. Wir müssen dringend eine Art Manager für die Nationalmannschaft schaffen. Es muß jemand da sein mit Stärke und Ausstrahlung, der dem Trainer zur Seite steht, der auch mal als Schutzschild dient.
FAZ: Wer könnte diesen Posten übernehmen?
JK: Wir haben genügend qualifizierte Manager in den Bundesligaklubs, die diese Ausstrahlung haben. Es muß jede Position mit Profis besetzt sein. Was macht ein Uli Hoeneß seit dreißig Jahren beim FC Bayern? Er ist ein Auffangbecken für Spieler, Trainer und die Vereinsoberen, nur beim DFB wehrt man sich dagegen, weil da wohl Ego-Gedanken eine Rolle spielen.
FAZ: Es sind also neue Personen gefordert im DFB?
JK: Es muß dringend überlegt werden, wie sich der Verband weiter zeigen möchte. Im Ausland wird über uns gelacht, weil wir ein jämmerliches Bild abgeben. Es kann doch nicht sein, daß man direkt nach Völlers Rücktritt auf einen Trainer zugeht, um ihn zu verpflichten. Es wurde nur versucht, von den eigenen Schwächen abzulenken und schnell jemanden zu präsentieren. Vielleicht hätte Ottmar Hitzfeld in zwei, drei Monaten ganz anders gedacht.

Wie geht es weiter in der Trainersuche? taz

“Ganz gewiß muß der deutsche Fußball seine Strukturen in der Nachwuchsarbeit selbstkritisch hinterfragen, will er zu alter Stärke zurück”, schreibt Michael Ashelm (FAZ 5.7.), nachdem er mit Experten gesprochen hat: “Es gibt genug Fachleute, die nicht an ein schnelles Comeback des deutschen Fußballs glauben. „Es hat sich nichts getan. Wir müssen so ehrlich sein und endlich erkennen, daß wir nicht mehr das Niveau der Spitzenteams haben“, sagt Felix Magath. „Was in der Bundesliga zu sehen ist, genügt fußballerisch und mental nicht erstklassigen Ansprüchen.“ Der neue Trainer des FC Bayern München, der in Stuttgart mit Philipp Lahm, Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel drei junge Spieler in die Nationalmannschaft brachte, gehört zu den schärfsten Systemkritikern. Längst hat die deutsche Trainergilde erkannt, daß der schöne Erfolg als WM-Zweiter von 2002 die Probleme der Kickernation nur kurzzeitig überdecken konnte. Mit dem Powerfußball aktueller Prägung tun sich deutsche Spieler schwer. „Die EM hat bestätigt: Der moderne Profi braucht totale Fitneß, Technik in allerhöchstem Tempo und taktische Disziplin“, sagt Falko Götz (…) Die Wohlstandsgesellschaft mit all ihren negativen Auswirkungen fördert nicht gerade den Spitzensport: schlechte Ernährung, Übergewicht, vielerlei Ablenkungen. Die Zahl der Sportstunden in den Schulen geht zurück, Kinder zeigen wegen Bewegungsmangels körperliche und koordinative Defizite. Zudem fehlt oft der Antrieb, die Sportleidenschaft zum sozialen Aufstieg zu nutzen. Zwar ist die Begeisterung in Deutschland für Fußball ungebrochen, doch es fehlt die Konstanz auf dem Platz. Der DFB, größter Sportfachverband der Welt, zählt in seiner aktuellen Mitgliederstatistik mehr als 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre. Doch davon bleibt in der Altersgruppe bis 18 Jahre meist nur etwas mehr als ein Drittel der Jugendlichen übrig. Es scheint, andere Länder arbeiteten effektiver. „In Skandinavien, Holland oder England wird viel gezielter und mit mehr Fachwissen gefördert“, sagt Ralf Rangnick, der Querdenker unter den Trainern. Er fordert mehr Konzentration auf die Fußballkinder. „Fünf, sechs Jahre – das ist das beste Lernalter“, sagt Rangnick. „Da bräuchten wir gut ausgebildete Fachkräfte. In den meisten Vereinen wird doch hier nur ein reduziertes Erwachsenentraining angeboten.“ Es fehlen qualifizierte Trainer und eine gezielte Trainerausbildung. Immer noch spielt bei der Schulung für die A- oder B-Lizenz das Kindertraining eine Nebenrolle. Für die Altersgruppe der Jugendlichen hat der DFB vor zwei Jahren ein Nachwuchsprogramm aufgelegt. 390 Stützpunkte sind über das Land verteilt und sollen Jahr für Jahr rund 22 000 talentierten Kickern eine „Sonderförderung“ neben der Vereinsarbeit ermöglichen. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Rangnick. Insgesamt werde in Deutschland noch viel zuwenig trainiert. „Bei uns gehen C-Jugendspieler im Leistungsbereich dreimal pro Woche auf den Platz. In Holland siebenmal.“ Und auch die vielzitierten Nachwuchsleistungszentren der 36 deutschen Profiklubs, Bedingung für eine Lizenzerteilung in der ersten und zweiten Liga, „erfüllen nur zu einem Drittel die Forderungen auf dem Papier“, sagt ein Bundesliga-Insider, der nicht genannt werden will.”

Allgemein

Keine Lücke für die portugiesischen Traumtänzer im griechischen Abwehrdispositiv

“keine Lücke für die portugiesischen Traumtänzer im griechischen Abwehrdispositiv” (NZZ) / “es gibt Tage, an denen ist der Fußball völlig unberechenbar, aber manchmal hat man ihn auch im Gefühl” (BLZ) / “Tonnen schwer lastete der Druck einer euphorisierten Nation auf elf portugiesischen Schulterpaaren” (SZ) u.v.m.

Portugal-Griechenland 0:1

Keine Lücke für die portugiesischen Traumtänzer im griechischen Abwehrdispositiv

Peter B. Birrer (NZZ 5.7.) hat es geahnt: “Nach dem von Griechenland gewonnenen Viertelfinal gegen Frankreich und dem ebenfalls erfolgreich verlaufenen Halbfinal gegen Tschechien hatten nur die Utopisten damit gerechnet, anlässlich des Endspiels im Estádio da Luz einem Spektakel bewohnen zu können. Das war es nicht, bei weitem nicht, weil die letzte Partie der Euro 2004 allzu sehr von Realitätssinn und Nüchternheit geprägt war. Es war abermals erstaunlich, wie sich die von Trainer Otto Rehhagel bestens disponierte Mannschaft wehrte. Sie praktizierte – wie gehabt – in der eigenen Platzhälfte eine enge Manndeckung, schloss den Raum und versperrte den Weg zum Tor. Bisweilen schien es, als würden die Portugiesen auf eine weisse Wand rennen, ohne durchschlagenden Erfolg, mit wenig Ideen und Bewegung zunächst, so dass die Aufgabe für den Aussenseiter nicht die schwierigste wurde. Und was dem Abwehrspiel der Griechen vor allem förderlich war, war dessen Ruhe und Abgeklärtheit. Kaum einmal verlor ein Hellene den Ball zur Unzeit, kaum einer zeigte sich unsicher, und wenn einmal nichts mehr half, wurde der Ball im weiten Bogen weggedroschen. Es war zu erwarten, dass der Final für die Einheimischen um so schwieriger würde, je länger das Resultat 0:0 lautete. Das Team von Trainer Luiz Felipe Scolari wurde denn auch unruhig, dann und wann sogar richtiggehend nervös und machte über weite Strecken keine Anzeichen, den griechischen Torhüter Antonios Nikopolidis ernsthafter Gefahr aussetzen zu können. Im Gegenteil: Das portugiesische Offensiv-Viereck, bestehend aus Deco, Figo, Pauleta und Cristiano Ronaldo, tat sich sehr schwer. Deco war der Deco dieser EM, einmal sehr gut, dann wieder aufreizend langsam und mit dümmsten Ballverlusten; Figo liess sich wiederholt zurückfallen, brachte aber keinen Rush zu einem Ende; Cristiano Ronaldo tänzelte wie gewohnt, sah seine Versuche aber ebenfalls schon vor dem Strafraum abgewehrt, und Pauleta hatte im Sturmzentrum nicht eine gute Szene. Nach Henry, Trézéguet, Zidane, Baros und Koller fanden auch die portugiesischen Traumtänzer keine Lücke im griechischen Abwehrdispositiv.“

Es gibt Tage, an denen ist der Fußball völlig unberechenbar, aber manchmal hat man ihn auch im Gefühl

Auch Barbara Klimke (BLZ 5.7.) hat Griechenlands Erfolg kommen sehen: “Wie die Tschechen, so bemühte sich auch Portugal um gepflegten Kombinationsfußball, aber wieder waren Rehhagels Griechen humorlos genug, um deren Verdienste um den Ball einfach zu negieren. Den ersten Defensivriegel hatten sie schon in der gegnerischen Hälfte installiert, und das war schon genug gegen diese Portugiesen. Figo drehte effektfreie Pirouetten, auch die Dribblings von Ronaldo endeten vorzeitig. Am Ende konnten die Griechen nicht anders, als sich von den zahnlosen Gastgebern zu eigener Offensive inspirieren zu lassen; nach 16 Minuten kam Angelos Charisteas nach einer fast tschechischen Kombination nur um eine Kickschuhspitze zu spät. Selten hat man schöner verfolgen können als in diesem Finale der Euro 2004, dass Ästhetik kein Wert an sich ist. Gewiss, die Portugiesen waren gut zum Ball, sie streichelten ihn liebevoll, aber außer Zärtlichkeiten wussten sie wenig mit ihm anzufangen. Sie brachten ihn viel zu selten dorthin, wo er hingehört, in Gegners Strafraum nämlich, und je länger das so ging, desto mehr schien es den Griechen ein Anliegen zu sein, dem versammelten Europa zu zeigen, dass sie auch ein bisschen streicheln können. Immer wieder tauchten sie munter vor Portugals Tor auf. Es gibt Tage, an denen ist der Fußball völlig unberechenbar, aber manchmal hat man ihn auch im Gefühl. In diesem Finale war das wieder so; man hat förmlich spüren können, dass vielleicht bald wieder so ein Eckball hineinfliegen würde wie gegen Tschechien. Er kam tatsächlich geflogen.“

Jan Christian Müller (FR 5.7.) ergänzt: “Der vom Malergesellen zum König von Griechenland aufgestiegene Rehhagel hatte zum Entsetzen aller Freunde der Schönspielerei in den Spielen zuvor immer einen zähen Defensiv-Kleister angerührt, in dem nacheinander die großen Ballzauberer aus Spanien, Frankreich und Tschechien hängen geblieben waren. Gegen Portugal hatte der listige Taktiker seinen Helden zwar wieder eine schöne Manndeckung verordnet, aber vor allem die Offensivkräfte Angelos Charisteas und Zisis Vryzas erschreckten die portugiesische Abwehr immer mal wieder. Kein Wunder also, dass die griechischen Fans sich im ausverkauften Stadion äußerst selbstbewusst und lautstark bemerkbar machten. Gegen Ende der ersten Halbzeit wurden die Portugiesen immer stiller. Dabei hatten die Gastgeber durchaus die Offensive gesucht.”

Tonnen schwer lastete der Druck einer euphorisierten Nation auf elf Schulterpaaren

In der SZ (5.7.) lese ich: “Cristiano Ronaldos Tränen, die traurigen Augen von Luis Figo, Rui Costa am Boden, den verschwimmenden Blick auf etwas Unerreichbares in der Ferne gerichtet – und auf der anderen Seite die jubelnden Griechen, die noch beim Freudenausbruch dirigiert wurden von ihrem einzigen Star, dem Trainer Otto Rehhagel. Dieses Szenario im Lissaboner Estadio da Luz beendete, nicht mehr ganz überraschend, das Endspiel und die EM. Ein hoch verdienter Sieg der als krasse Außenseiter ins Turnier gestarteten Griechen, der nicht nur auf unbeugsamer Wehrkraft aufgebaut war, sondern auch auf der Angst der unterlegenen Mannschaft, die in fast jeder Minute zu spüren war. Griechenland hat Einzigartiges geleistet – für Portugals Künstler aber war diese letzte Pflichtaufgabe zu groß: Sie hätten ja siegen müssen. Endlich ein besonderes Finale. Eines, an dessen Ende eine neue Identität auf einen der Teilnehmer wartete: Für immer auf der internationalen Fußball-Landkarte zu stehen. Daneben stand auch der vielleicht richtungsweisende Stilentscheid für den modernen Fußball auf dem Spiel: Wer obsiegt, die spielerische Brillanz der vom brasilianischen Weltmeister Scolari trainierten Portugiesen oder die Stärke des griechischen Abwehrzements, angerührt von dem (neben Referee Markus Merk) verbliebenen deutschen Relikt bei dieser EM, Rehhagel? Diese Personalie hat dafür gesorgt, dass binnen kürzester Zeit und dank der großartigen Energieleistung des unverwüstlichen Griechen-Teams auch der Defensivfußball urdeutscher Prägung eine atemberaubende neue Wertschätzung erfahren hat: Otto Rehhagel, der Trainer, dessen Stärken und Schwächen im deutschen Fußball seit einem Vierteljahrhundert bekannt sind, wird in der Heimat als neuer Heilsbringer stilisiert. Die Griechen jedenfalls setzten ihre Taktik fort – und durch: Schon die Tschechen hatten sie müde rennen lassen, um sich irgendwann (damals in der Verlängerung) blitzartig aus der Deckung zu wagen. Das war der Generalplan, und auch das Finale folgte dieser Dramaturgie. Rehhagels Hünen hielten ihre Positionen und zogen einen dichten Abwehrriegel um den Strafraum auf, in der gewohnten, bestaunenswerten Perfektion. Die Portugiesen suchten darin von Anfang an erkennbar kopflos nach einer winzigen Lücke. Das griechische Angriffsspiel bot das Gewohnte: Lauern auf gegnerische Fehler, schneller Vorstoß – und Fehler gab es öfter. Denn Portugal startete übernervös, Tonnen schwer lastete der Druck einer euphorisierten Nation auf elf Schulterpaaren. Die Griechen indes hatten ihr Soll bei den Lieben daheim bereits mit dem Finaleinzug übererfüllt.“

Christoph Biermann (SZ 5.7.): “In den Tagen vor dem Finale war die Begeisterung über die Euro 2004 etwas abgeflacht, und nicht wenige Fans in Deutschland hatten mit kaum verhohlener Aversion darauf reagiert, dass sich Griechenland fürs Finale qualifiziert hat. Otto Rehhagel sollte das so wenig persönlich nehmen wie die griechischen Fans. Denn so sehr man dem Außenseiter für seine Leistungen Respekt zollen muss, standen Otto der Partyschreck und sein Team doch für eine Gegenbewegung des Turniers. „Moderner Fußball ist, wenn man gewinnt“, hat Rehhagel zwar mehrfach gesagt, doch war es für neutralen Zuschauer kaum ein Vergnügen, der hellenischen Betonmoderne zuzuschauen. Legitim ist sie angesichts des Mangels an individuellem Talent allemal gewesen, und zudem bildete die Besetzung des Endspiels in Lissabon eine erstaunliche Parallele zum Finale der Champions League. Wobei allerdings Griechenland eher den Part des FC Porto und der AS Monaco den des portugiesischen Teams eingenommen hat. Denn der FC Porto unter José Mourinho stand zweifellos für einen wohlorganisierten Ergebnisfußball, während sich Monaco auf dem Weg in die Arena AufSchalke zumindest teilweise in Angriffsräusche hineinsteigern konnte. In allen Fällen blieben aber die nominell großen Mannschaften auf der Strecke. (Und wer will, kann auch noch den Titelgewinn von Werder Bremen einreihen.) 2004 ist jedenfalls nicht das Jahr der Stars, sondern das der Teams.“

morgen mehr über das Finale und den Europameister Griechenland

Internationaler Fußball

Nach einer Niederlage am Ostersamstag verdonnerte er seine Spieler dazu, Ostereier zu suchen

if-Leser Henk Mees schreibt einen holländischen freistoss über die Trainersuche in Holland: “Mit klaren Aussagen, scharfen Analysen und Erfolg auf dem Feld hat Co Adriaanse die Pole-Position erobert im Streit um die Führung der holländischen Nationalmannschaft. Noch hat Dick Advocaat nicht gesagt, dass er als Bondscoach ausscheiden werde. Und ganz formell hat Henk Kesler, der Direktor des Fußballverbands erklärt, der KNVB werde gerne weiter machen mit Advocaat. Es gibt einen Vertrag bis nach der WM 2006. Festgelegt darin ist, dass beide Parteien zufrieden zurückblicken können auf die EM 2004. Advocaat sagt, er sei zufrieden mit dem Ergebnis Halbfinale. Der Verband beteuert, dass das gesetzte Ziel erreicht sei. Dennoch bereiten sowohl KNVB als auch Advocaat eine Trennung vor. Denn das Vertrauen in Advocaat ist weg, und er selbt fühlt sich nicht wohl. Da gibt es viel Kritik, sogar Bedrohungen im Privaten solle es gegeben haben, und da will Advocaat nicht länger mitmachen. Auch das Vertrauensvotum vom holländischen Ministerpräsident Jan Peter Balkenende hat nichts geholfen. Die Oranje-Fans halten nicht mehr an Advocaat fest, und er selbst hat sich schon verabschiedet. Als die holländische Mannschaft am Donnerstag nach der Niederlage gegen Portugal nach Amsterdam flog, war nur die Hälfte der Spieler und Betreuer da. Den Spielern hatte man die Wahl gelassen, und Advocaat war schon geflogen. Er bevorzugte, so früh wie mäglich einen Flug Richtung Amsterdam zu buchen, und niemand hat ihn bisher in der Öffentlichkeit kriegen können. Also wird schon über die Nachfolge geredet. In der täglichen Fernsehen-Talkshow Villa BVD gibt es jeden Abend eine neue Rangordnung. Fest steht, dass die Umfragen klar Co Adriaanse favorisieren. Bisher haben 24.000 ihre Stimme abgeben, 31 Prozent gingen an Adriaanse, der damit große Nahmen wie Marco van Basten und Ronald Koeman hinter sich lässt. In der Reihe von sechs Kandidaten kommen nach dem beliebten Clubtrainer aus Friesland, Foppe de Haan (Ex-Trainer Heerenveen), am Schluss noch Assistent-Bondscoach Wim van Hanegem und Huub Stevens, neuer Trainer des 1. FC Köln. Wer aber ist Co Adriaanse? Der fast 57-jahrige Sportlehrer machte 176 Spiele in der holländischen Ehrendivision fur FC Utrecht. Er ist gebürtiger Amsterdamer und war zwei Mal fur Ajax tätig. Zuerst war er Jahre lang verantwortlich für die Jugendabteilung von Ajax Amsterdam. Nachher kehrte er zurück als Clubtrainer – ohne großen Erfolg. Adriaanse war nie beliebt als Coach von Ajax, vor allen wegen seiner sturen Haltung. Er verweigerte Kompromisse, streitete mit beliebten Spieler und musste Platz machen für Ronald Koeman, dessen strenge Zügel Ajax wieder hinauf geführt haben. Aber genau so wie zuvor bei ADO Den Haag, FC Zwolle und Willem II war er die letzten Jahre wieder erfolgreich als Trainer. Mit AZ Alkmaar schlug er Ajax im eigenen Haus und schaffte die Qualifikation fur den UEFA-Pokal. Umstritten bleibt er aber, dieser Adriaanse, der von seinen Spielern viel fordert. Er wählt manchmal unübliche Methoden. Bei AZ verdonnerte er nach einer Niederlage am Ostersamstag seine Spieler dazu, Ostereier zu suchen. Bei Willem II verordnete er nach Niederlagen gelegentlich einen Marsch von über 20 Kilometern. Aber nie führte dies zu einer Spaltung. Mit Willem II erreichte Adriaanse den zweiten Platz und damit die Champions League. Mit AZ hat er soviel geleistet, dass er maßlos an Überzeugung gewonnen hat. Das zeigte er während der EM mit harten Aussagen über die Nationalmannschaft, Kritik an Advocaat und seiner Vorliebe für Spieler wie Sneijder oder Van der Vaart. Es wäre interessant, wenn dieser gradlinige Typ die Stelle der grauen Maus Advocaat übernehmen würde.”

Das Ergebins der Umfrage (30000 Teilnehmer):
1. Co Adriaanse 32 %
2. Marco Van Basten 22%.
3.Ronald Koeman 18%
4. Foppe de Haan 16%
5. Wim van Hanegem 6%
6. Huub Stevens 6%

Im Krankenhausschlafanzug Sportgeschichte schreiben

Michael Walker (Guardian 3.7.) berichtet von großen Gefühlen der portugiesischen Jugend: „Die Kinder aus dem Krankenhaus Santo Antonio wissen, was es dieses Wochenende bedeutet, Portugiese zu sein. Nach dem Halbfinalsieg gegen Holland durften die kranken Kinder aus ihren Betten aufstehen – manche in Rollstühlen, alle in Krankenhausschlafanzügen – und konnten vom Krankenhausgelände aus auf die Feier auf dem vor ihnen liegenden Praca da Cordoaria mitten in Porto schielen, dort wo 15000 einheimische Portugiesen Spiele auf einer Großbildleinwand verfolgen. Kleine Portugal-Fähnchen in den Händen haltend, ist dies eine Nacht, an die sich alle von ihnen erinnern werden. Sie wurden Teil portugiesischer Sportgeschichte. Dies sind Tage, die viele Portugiesen für immer verehren werden. Die Teenager, die die Avendia Da Liberdade in Lissabon nach dem Sieg verstopften, werden in ein paar Jahren über sich selber lächeln. Für die anwesenden jungen Frauen, die als Oberteil meist nur einen Schal trugen, wurde dies die neue Mode. Sehr viele rot-grüne Schals sind für eine Stadt mit diesen Temperaturen verkauft worden. Die Jungs sind glücklich.“

Sonntag, 4. Juli 2004

Vermischtes

Interview mit Franz Böhmert und Jürgen Friedrich, EM-Fazit der NZZ

FR-Interview mit Franz Böhmert und Jürgen Friedrich über die Qualität Otto Rehhagels – die NZZ zieht ein EM-Fazit: “leistungsmässig und substanziell lag das Turnier ziemlich genau in der Mitte zwischen seiner Vorgängerin vor vier Jahren sowie der WM in Ostasien 2002” u.v.m.

Otto, Du bist der prädestinierte Mann dafür
FR-Interview mit Franz Böhmert und Jürgen Friedrich, Weggefährten Otto Rehhagels

FR: Können Sie für uns das Erfolgsgeheimnis von Otto Rehhagel lüften?
FB: Er ist ein exzellenter Taktiker. Er weiß genau, wie er wo welchen Spieler einsetzen muss. Ich erzähle Ihnen mal ein Beispiel: Irgendwann in den 80ern liegen wir mit Werder ganz schnell 0:2 in Leverkusen zurück. Da bringt der Otto Manni Burgsmüller und Norbert Meier, es waren noch keine 20 Minuten gespielt. Hinter mir saßen Leverkusener Fachmänner und haben sich über den Otto lustig gemacht. Wir haben 3:2 gewonnen, Burgsmüller und Meier haben die Tore gemacht. Da habe ich mich umgedreht und denen gesagt: „Und deshalb verdient der Otto ein paar Mark mehr und ist bei uns.“
JF: Otto erkennt Stärken von Spielern wie kein anderer. Er sagt dem Dellas, seinem Koloss von Rhodos: „Du bist 1,93 Meter groß. Wenn du zehnmal über die Mittellinie gehst, bist du bald mausetot, mach‘ es dreimal, aber dann im richtigen Moment.“
FR: Rehhagels Ansprache galt immer als seine große Stärke. Aber er kann ja kein griechisch und es klappt trotzdem. Wieso?
FB: Weil er sehr viel mit der Körpersprache arbeitet. Die kommt auch in Griechenland an. Haben Sie ihn dabei mal beobachtet? Er macht das unglaublich gut. Er ist ein großer Psychologe.
JF: Er ist ein sehr gut erzogener Mensch. Das spüren die Leute. Er kehrt nicht den Deutschen raus und biedert sich auch nicht an. Er macht deutlich, dass er im Herzen Deutscher ist, aber die Griechen liebt. Die Leute merken: Der meint das ernst.
FR: Wie schafft er es, aus durchschnittlichen Spielern so gute Mannschaften zu formen?
JF: Er ist ein Menschenfreund. Er kommt an die Herzen der Spieler. Er kann sie unheimlich stark reden. Aber er ist auch Realist. Dem Jens Nowotny hätte er gesagt: „Jens, Du bist noch ein Reha-Patient. Arbeite an Dir, werde fit, danach bist Du mein Mann.“ Aber eben erst danach. Das hätte Otto erkannt.
FB: Er ist wie ein Vater für alle seine Spieler. Aber er war auch bereit, den von ihm hoch geschätzten Klaus Fichtel nach 20 Minuten auszuwechseln, um auf eine offensivere Taktik umzustellen. Wenn er gewollt hätte, wäre er noch immer Trainer bei uns.
FR: Wäre er auch der richtige Mann als Bundestrainer?
JF: Ich habe ihm schon vor Jahren gesagt: Otto, Du bist der prädestinierte Mann dafür. Aber ich glaube, dass er bei Griechenland im Wort steht. Er hat sein Wort bisher immer gehalten. Aber es wird dort jetzt ganz schwierig. Nach der Meisterschaft mit dem 1. FC Kaiserslautern hat er zu mir gesagt: „Jetzt haben wir den Salat.“ Da hat er recht behalten.
FB: Er wäre auf jeden Fall ein geeigneter Kandidat. Er ist Weltklasse, dieser Otto.

Welche Note bekommt die EM? Felix Reidhaar (NZZ 5.7.) verteilt „gut”: “Leistungsmässig und substanziell lag das Turnier ziemlich genau in der Mitte zwischen seiner Vorgängerin vor vier Jahren sowie der WM in Ostasien 2002. An das durchschnittliche Spielniveau der Euro 2000 reichte diese Endrunde nicht ganz heran – vielleicht war es dafür vor allem nachmittags zu heiss. Aber ein Turnier der Müdigkeit, wie überspitzt der World Cup vor zwei Jahren bezeichnet wurde, war sie höchstens partiell, und für die Favoriten. Denn jene Mannschaften bzw. Professionals, die unter konstruktiven und offensiven Geistern auf der Trainerbank einen intensiven Rhythmus einzuschlagen versuchten, drückten den drei Fussball-Wochen den Stempel auf. Es waren dies ausgeprägt die „Kleinen“, die im Konzert der Grossen den Solopart an sich rissen. Sie zogen Nutzen daraus, dass die europäischen Cracks in den Spitzenklubs aus den führenden Ligen müde ans Westende Europas kamen, gezeichnet von oft bis zu 60 Ernstkämpfen (oder mehr) während der Saison, zum Teil auch überheblich ihres Status wegen und vielleicht übersättigt. Am Beispiel von Real Madrid lässt sich dies am besten veranschaulichen; die Krise in Bernabeu war manchem Star anzumerken – ausser Figo. Die Teams aus kleineren Verbänden zählten auf frischere, motiviertere und jüngere Spieler, die sich in der Emigration noch nicht durchgesetzt haben und wegen der geringeren Belastung von Teileinsätzen noch Kraftreserven aufbieten konnten. Sie sprühten vor Tatendrang, waren noch hungrig, erfüllten die athletischen Grundvoraussetzungen und wirkten ambitioniert auf der nicht alltäglichen Bühne der Eigenwerbung: Rooney, Ronaldo II, Baroš, Robben, Cassano, Ricardo Carvalho, Miguel, Seitaridis, Charistea, Ibrahimovic, Poulsen, Heinz, Lahm, um die auffälligsten der „neuen“ Generation zu nennen. Für manch anderen mag „Portugal“ das letzte grosse Turnier gewesen sein.“

“Fest des Fußballs” – ein euphorisches Fazit der FR

Die FR nennt die Gewinnerder EM und die Verlierer

“Während der Europameisterschaft in Portugal haben deutsche Feuilletonisten wieder einmal versucht, sich dem gesellschaftlichen Phänomen Fußball gedanklich zu nähern.“ Eine Collage der taz

Die FAZ (5.7.) meldet: “Francesco Totti hat um göttliche Vergebung für seine Spuckattacke bei der Euro in Portugal gebeten. Am Schrein der Heiligen Madonna der Göttlichen Liebe südlich von Rom wurden nach einem Bericht der „Gazzetta dello Sport“ eine Karte und sein Trikot mit der Nummer 10 niedergelegt. „Ich bitte Dich, mir zu vergeben und mich niemals zu verlassen“, stand auf der handschriftlich verfaßten Karte.”

Hollands Fußball scheitert nicht zuletzt an der Urteilsfreude der Holländer, meint Siggi Weidemann (SZ/Feuilleton 5.7.): “Eines der hartnäckigsten Missverständnisse betrifft die Qualität des holländischen Fußballs, das über keine intelligenten Spieler verfüge. Kolumnist Frits Abrahams: „Dieser Mythos ist ein schwer zu bekämpfendes Virus. Die Niederlande sind kein Fußball-Land, sondern ein Fußball-Streitland. Deshalb werden sie nie Fußball-Weltmeister werden.““

Marcus Jauer (SZ/Medien 5.7.) schaut Wetten dass: „Es brauchte erst einen wegen Erfolglosigkeit zurückgetretenen Fußball-Teamchef, bis die Waldbühne geschlossen aufstand und klatschte. Rudi Völler, so sahen es alle auf der Leinwand, drang die Rührung ins Gesicht, während er in der zum Steinbruch dekorierten Bühne stand. Gottschalk, der angekündigt hatte, Rudi sei vor Fachfragen sicher, erkundigte sich zuerst nach dessen Plänen für eine neue Frisur, bevor er fragte: „Du bewirbst Dich ja mit Harald Schmidt um den besten Rücktritt des Jahres. Glaubst Du, dass DFB-Präsident Mayer-Vorfelder Dir noch den Rang ablaufen kann?“ Völler glaubte das nicht und bat wieder für alle und jeden um Verständnis. Dann liefen nochmal Bilder des Portugal-Ausflugs, bei dem Völler alle Hoffnung auf Überdurchschnittlichkeit mit einem einzigen Schulterzucken erledigt hatte. „Es ging eben nicht besser.“ Das muss man ihm erst mal nachmachen.“

Axel Kintzinger (FTD 5.7.) freut sich auf die Bundesliga: “Für die Korrespondenten in Portugal werden die Entzugserscheinungen besonders schlimm. Wie weiterleben, ohne die warme Singsangstimme von Luis Felipe Scolari? Worüber reden, wenn nicht über den weinenden Pavel Nedved? Worüber lästern, wenn nicht über Otto Rehhagels ungebetene Proseminare zu journalistischer Ethik? Wovon träumen, wenn nicht von Zlatan Ibrahimovics Hackensprungseitfalldrehtor gegen Italien? Und überhaupt: Was trinken, wenn nicht Vinho Verde? Aber das Schlimmste kommt noch. Irgendwann im August fängt in Deutschland die Fußball-Bundesliga an, auch so eine alte Liebe. Wie konnten wir uns jemals in sie verknallen? Dann heißt es: Wolfsburg gegen Rostock statt Holland gegen Tschechien. Freier statt Figo, Rydlewicz statt Ronaldo. Regen statt Sonne.”

Allgemein

Zwei Portraits Luis Figos

Figo wünscht Einbrecher in seine Privatsphäre zur Hölle (FAS) / Manchmal benimmt sich Luis Figo wieder, als wäre er auf dem Bolzplatz (NZZaS) u.v.m.

Manchmal benimmt sich Luis Figo, als wäre er auf dem Bolzplatz. Georg Bucher (NZZaS 4.7.): „Seine beste Zeit erlebte der portugiesische Fussball in den sechziger Jahren. Benfica gewann gegen Barcelona und Real Madrid den Europacup der Landesmeister, die Auswahl scheiterte erst im WM-Halbfinal 1966 am späteren Champion England. Oft zeigt das Fernsehen noch die Bilder von Eusebios Tränen im Wembley, denn Portugal identifiziert diese Epoche mit dem „schwarzen Panther“, einer Lichtgestalt des Weltfussballs. Rund vier Jahrzehnte später könnte sich der Kreis triumphal schliessen. Porto hat den Uefa-Cup 2003 und die Champions League 2004 geholt, die Nationalmannschaft greift erstmals nach den Sternen. Ihre unbestrittene Leitfigur Luis Figo würde für den EM-Titel seine Trophäensammlung hergeben. Anderthalb Jahre vor der Nelkenrevolution 1974 geboren, gehört Figo einer Zwischengeneration an. Wie viele talentierte Strassenfussballer wuchs er in einfachen Verhältnissen in der Umgebung von Lissabon auf, wurde aber gezielter und professioneller gefördert als seine Vorgänger. Den Systemwechsel vollzog Mitte der achtziger Jahre Carlos Queiroz, Figos sportlicher Ziehvater. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Trainingsmethoden, besserer Infrastrukturen und regionaler Vernetzung gelang es dem für alle Jugendauswahlen zuständigen Sportlehrer, ballverliebten, virtuosen Individualisten Teamgeist zu vermitteln. Figo hat dies stärker verinnerlicht als beispielsweise Rui Costa und gilt auch in Madrid als exemplarischer Mannschaftsspieler. Nur wenn es nicht nach Wunsch läuft, machen sich die alten Instinkte wieder bemerkbar. Dann vagabundiert er über das Spielfeld und glaubt, wie früher auf dem Bolzplatz alles selber machen zu müssen. An den Seiten kommt seine offensive Dynamik, Dribbelkunst, schneller Antritt und präzise Flanken, wirkungsvoller zur Geltung. Zur Persönlichkeit gereift ist Luis Figo in Barcelona; zur charismatischen Gestalt in Madrid. Deshalb hat ihn Portugal auf eine Stufe gestellt mit dem „Botschafter“ Eusebio.“

Versicherungsfachmann, Zahnarzt, Haushaltswarenhändler und Finanzberater

Was machen Schiedsrichter nebenbei, Daniel Puntas Bernet (NZZaS 4.7.)? „Während der Tscheche Baros, der Portugiese Maniche und Englands Rooney von der Welt geliebt, den Medien hofiert und vom Geschäft vergoldet werden, geben sich Fussballschiedsrichter selbstlos und leben, nebst immerhin anständigen Entschädigungen, im besten Fall von einem anerkennenden Schulterklopfen des inspizierenden Funktionärs. Wen wundert’s also, wenn es die Alphatiere der Branche nach noch mehr guten Taten und öffentlicher Aufmerksamkeit dürstet. Der Schwede Anders Frisk ist nebenbei IKRK-Botschafter für Afrika, der Deutsche Markus Merk leitet in Südindien ein Kinderdorf, und der Italiener Pierluigi Collina, glatzköpfige Galionsfigur des Klubs der schwarzen Männer, publizierte nach der WM vor zwei Jahren seine Schiedsrichtererfahrung in Buchform. Im richtigen Leben sind die Herren Versicherungsfachmann, Zahnarzt und Finanzberater. Urs Meier versucht es auf seine Weise. Der Haushaltswarenhändler gründete seinen eigenen Fanklub und moderiert nebenbei auf einem Zürcher Lokalfernsehsender Sporttalks. Dass er sich aus Publicity-Gründen in die Fifa-Schiedsrichterin Nicole Petignat verliebte und mit ihr vor kurzem zusammenzog, will man ihm nicht unterstellen – in die People-Magazine brachte es ihn allemal.“

Figo wünscht Einbrecher in seine Privatsphäre zur Hölle

Thomas Klemm (FAS 4.7.) bringt uns Luis Figo näher: „Dreizehn Jahre, seit dem Titel bei der Junioren-WM in Portugal, hat Figo darum gespielt, einmal in einem großen Fußballfinale zu stehen; dreizehn Jahre, in denen nicht er, sondern die Gesellschaft drum herum sich geändert hat. Sie interessiert sich immer noch für seine Dribblings, seinen Antritt, seine kurzen Pässe und langen Flanken, aber eben auch für seine Frau (das schwedische Fotomodell Helen Svedin), für seine Autos (er besitzt einen Mercedes in Madrid sowie einen Jeep in Portugal), für den größten Luxus, den er sich gönnt (teure Armbanduhren). Als er vor drei Jahren seine langjährige Lebensgefährtin heiratete – im Sommer, in der Spielpause, versteht sich –, lud Figo Familie, Freunde und Kumpels aus seinen Mannschaft an einen geheimen Ort. Ein paar Paparazzi hatten dennoch die Villa an der Algarve ausfindig gemacht, sich angeschlichen, ehe sie erst von den Sicherheitskräften und dann von Figo selbst entdeckt wurden. Auf ihren Fotos sieht man ihm an, daß er die Einbrecher in seine Privatsphäre zur Hölle wünscht. Solange er seine öffentlichen Auftritte mitbestimmen darf, erfüllt der Portugiese die öffentliche Sehnsucht nach dem schönen Schein. Er hat für Modeaufnahmen posiert, winkt bei gesellschaftlichen Ereignissen lässig mit der linken Hand, während er mit der rechten die Hand seiner Frau hält. Mit David Beckham, dem Glamourboy im Weltfußball, versteht er sich gut. Sein englischer Mitspieler von Real Madrid fragte sich, nachdem Figo vorige Woche verschwunden war, sogar bis zum Schwimmbecken durch, um mit ihm das Trikot zu tauschen. Luis Figo gilt auch in seinen Mannschaften als zurückhaltend, aber einflußreich. Man schätzt seine Spielweise im Dienste des Kollektivs, vertraut seinem Urteil.“

Am Grünen Tisch, Deutsche Elf

Sohn einer Kiezgröße und einer Multimillionärin

Gerhard Mayer-Vorfelder ist eigentlich sehr sympathisch (TspaS) / Die Macht, die er in all den Jahren anhäufte, gründete sich auf sein Fähigkeit, Macht intern zu organisieren (FAS) – Die Nationalelf braucht frischen Wind durch einen ausländischen Bundestrainer (TspaS) – FAS-Interview mit Karl-Heinz Rummenigge – BamS-Interview mit Ottmar Hitzfeld u.v.m.

Äußerlich der Sohn einer Kiezgröße und einer Multimillionärin, ist der wahre Mayer-Vorfelder anders

Mann, ist der nett! Martin Hägele (TspaS 4.7.): „Viele Menschen, vor allem Lehrer und Anhänger des VfB Stuttgart, die zum ersten Mal direkt mit dem Kultus- und Sportminister oder dem Patron des schwäbischen Traditionsklubs zu tun hatten, schwärmten geradezu von dieser Begegnung, und erzählten davon, wie doch der persönliche Kontakt ihr Bild von Gerhard Mayer-Vorfelder verändert hätte. Auch er selbst hat oft berichtet, wie angetan Menschen von ihm gewesen seien: „Sie sind ja ganz anders, als wir Sie aus Fernsehen und Zeitung kennen“, habe es oft geheißen. MV trug immer Goldkettchen, Rolex und Boss-Anzüge und tut das bis heute. Äußerlich der Sohn einer Kiezgröße und einer Multimillionärin, ist der wahre Mayer-Vorfelder anders: bemüht volksnah. Häufig bot er schon nach wenigen Minuten das Du an, als kenne er alle neuen Gesprächspartner seit Jahren vom Stammtisch. „Ich bin der Gerd.“ Zu seinen guten Zeiten hat den Rechtsaußen der CDU im Ländle auch nie die politische Coleur seines Gegenübers gestört. Er wurde nicht nur wegen seiner Kampfeslust im Parlament und im Kabinett gefürchtet, wenn er mit offenem Hemdkragen und markanten Sprüchen auf die Opposition losging, ebenso berühmt war die Art seiner Streitkultur. Ein Zank war nicht selten von kurzer Dauer. MV konnte sich heute wieder auf ein paar Viertele mit dem Gegner von gestern zusammensetzen. In geselligen Runden war Gerhard Mayer-Vorfelder stets ein glänzender Unterhalter. Er kennt sich in historischen Sachverhalten ungewöhnlich gut aus. Er liebt es, wenn er sein Wissen in die Gegenwart übersetzen kann. Fühlte er sich in einer solchen Runde wohl – und das war meistens rasch der Fall – gab er gern ein Liedchen zum Besten. Singen, auf einer Bühne stehen, ist ihm der größte Genuss. Der unerlässliche Abschluss vieler großer Parties im Mayer-Vorfelder’schen Bungalow im Stuttgarter Stadtteil Muggensturm war ein Frank-Sinatra- Songs dahinschmachtender Hausherr. Dieser Wunsch nach Nähe wich, als Mayer-Vorfelder aus dem Ministeramt ausschied, er ist um einiges reservierter geworden. Empfindlicher, vor allem sturer ist er geworden und schottet sich immer mehr in seinem „inner circle“ ab. (…) Nun steht er da, als Präsident von Franz Beckenbauers Gnaden. Auch weil er fühlt, dass der Präsident des größten Fachverbandes der Welt mit seinen sechseinhalb Millionen Mitgliedern nicht mehr viel zu sagen hat, weil die großen Geschäfte im DFB vom Organisationschef der WM 2006 und von den Strippenziehern aus der Bundesliga (DFL) erledigt werden, hat MV die Bundestrainersuche zu seiner Privatsache gemacht. Er wollte zeigen, dass nur er den Mann nach Völler holt. Dass er den alten Volkshelden nicht hat halten können, liegt wohl auch daran, dass Völler seinem Vorgesetzten nicht mehr blind vertraut hat. Den neuen Wunschtrainer des Landes, Ottmar Hitzfeld aber hat MV nicht gekriegt, weil er dem nicht schnell genug sein volles Vertrauen ausgesprochen hat. Der hätte sich sonst wohl kaum eine Bedenkzeit erbeten und hätte vermutlich nicht abgesagt. All das wird Mayer-Vorfelder am Montag bei einer außerordentlichen Präsidiumssitzung den Kollegen erklären müssen. Falls dieses Gremium seinem Chef überhaupt noch einmal richtig zuhören will. Die älteren Herrschaften sind verbittert, weil sie zu oft übergangen worden sind. Falls der 59-jährige Jurist Theo Zwanziger, im Verband bisher Schatzmeister , seinen Hut in den Ring wirft, würde eine Wiederwahl Mayer-Vorfelders beim Verbandstag im Oktober in Osnabrück unwahrscheinlich. Die Frage, die eine südwestdeutsche Zeitung vor vier Jahren an ihre Leser gestellt hatte, wäre ganz einfach beantwortet: „Wer entlässt Gott?“ hat es damals über dem Porträt Mayer-Vorfelders geheißen.“

Die Trainerausbildung des DFB ist längst zu einem geschlossenen System geworden

Brauchen wir einen ausländischen Bundestrainer, Stefan Hermanns (TspaS 4.7.)? „Der DFB sucht verzweifelt einen neuen Bundestrainer. Doch dass es ein Ausländer wird, Guus Hiddink, der Däne Morten Olsen oder der Franzose Arsène Wenger, das ist unwahrscheinlich. „Nicht durchsetzbar“, hat DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle einen ausländischen Trainer genannt. Der wichtigste Posten im deutschen Fußball muss offensichtlich einem Deutschen vorbehalten bleiben. Warum eigentlich? Wenn heute im Finale der EM Portugal und Griechenland aufeinander treffen, spielen zwei Mannschaften ohne einheimischen Trainer um den Titel. Zum ersten Mal überhaupt wird ein Land mit ausländischem Coach Europameister – entweder Griechenland mit dem Deutschen Otto Rehhagel oder Portugal mit dem Brasilianer Felipe Scolari. Ein Zufall ist diese Entwicklung nicht. Schon bei der WM vor zwei Jahren hatten 8 der 32 Mannschaften einen ausländischen Trainer. Selbst bei den Nationalmannschaften verliert die nationale Komponente an Bedeutung. In Deutschland gibt es viele ausländische Trainer von Nationalmannschaften – abgesehen vom Fußball. In anderen Sportarten ist es kein Problem, wenn der Bundestrainer keinen deutschen Pass besitzt. Vlado Stenzel, der die bundesdeutschen Handballer 1978 zum WM-Titel führte, ist Jugoslawe. Die deutschen Basketballer wurden von Svetislav Pesic trainiert, einem Jugoslawen – und später von Henrik Dettmann, einem Finnen. Stelian Moculescu, Trainer der Volleyball-Männer, stammt aus Rumänien, der Coach der Frauen, Hee Wan Lee, aus Südkorea, und der US-Amerikaner Greg Poss übernimmt demnächst die Eishockey-Nationalmannschaft. Bei der WM vor zwei Jahren war Südkorea so erfolgreich, weil es Hiddink in kurzer Zeit gelungen war, traditionelle Denkstrukturen zu verändern. Auch der deutsche Fußball braucht dringend andere Impulse: in der Trainingsarbeit, in der Taktik, im Verständnis des Spiels. Aber woher sollen neue Ideen kommen? Die Trainerausbildung des DFB ist längst zu einem geschlossenen System geworden, das sich nur aus sich selbst erneuert. Ihre Absolventen sind meist ehemalige Spieler, die in deutschen Vereinen von deutschen Trainern trainiert wurden. Selbst in der Bundesliga arbeiten kaum noch ausländische Trainer. Der Österreicher Ernst Happel war vor 20 Jahren beim Hamburger SV der letzte, der mit seiner Idee vom Pressing den Fußball in Deutschland befruchtet hat. Genau wegen dieser hohen fachlichen Qualität war Happel 1978 Bondscoach der holländischen Nationalmannschaft, mit der er bei der WM in Argentinien Vizeweltmeister wurde. Dass der Gedanke an einen ausländischen Nationaltrainer zunächst gewöhnungsbedürftig ist, hat das Beispiel England gezeigt. Als der Schwede Sven-Göran Eriksson vor drei Jahren den Posten übernahm, schrieb die „Daily Mail“: „Jetzt hat das Fußball-Mutterland sein Geburtsrecht an eine Nation von Skifahrern und Hammerwerfern verkauft, die ihr halbes Leben in Dunkelheit verbringen.“ Inzwischen sind die Engländer froh, dass Eriksson seinen Vertrag verlängert hat.“

Wir stehen nicht gegen ihn
FAS-Interview (4.7.) mit Karl-Heinz Rummenigge

FAS: Immer mehr unter Druck kommt durch die Trainersuche der umstrittene DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Welche Fehler sehen Sie bei ihm?
KR: Dafür kann der Mayer-Vorfelder überhaupt nichts. Der hatte sich auf einen Kandidaten konzentriert, und das wäre auch der beste Kandidat gewesen. Doch der Ottmar Hitzfeld hat eben abgesagt. Daraus aber eine Problematik Mayer-Vorfelder zu kreieren, das halte ich für weit hergeholt.
FAS: Doch immer mehr im DFB-Präsidium halten Mayer-Vorfelder nicht mehr für tragfähig.
KR: Das sind diejenigen, die in der Vergangenheit nichts zu sagen hatten. Wie der Herr Nelle zum Beispiel. Der ist für die Amateure zuständig, und da ist er bestens aufgehoben. Der Mayer-Vorfelder ist sturmerprobt, ich kann mir nicht vorstellen, daß er sich durch diese Sachen aus der Ruhe bringen läßt.
FAS: Sie sehen keinen Handlungsbedarf, was den DFB-Präsidenten angeht?
KR: Überhaupt nicht. Leute wie der Schatzmeister Dr. Zwanziger stehen auch loyal zu Mayer-Vorfelder.
FAS: Sehen Sie seine Wiederwahl im Herbst in Gefahr?
KR: Er hat kundgetan, daß er sich wiederwählen lassen will, dementsprechend kann man davon ausgehen, daß er im Oktober wieder zur Verfügung stehen wird.
FAS: Der mächtige FC Bayern und sein Vorstandsvorsitzender Rummenigge stehen also hinter Mayer-Vorfelder?
KR: Wir stehen nicht gegen ihn.
FAS: Das klingt kryptisch. Gibt es Alternativen?

Das Bild, das der DFB abgibt, ist einfach jämmerlich

Jürgen Klinsmann (FAS 4.7.)übt heftige Kritik am DFB: „In Portugal erhob am Samstag Jürgen Klinsmann, Kapitän der deutschen Europameistermannschaft von 1996, schwere Vorwürfe gegen den DFB in Sachen Krisenmanagement. „Das Bild, das der DFB abgibt, ist einfach jämmerlich. Die ganze Welt schaut auf Deutschland und dann stellt die internationale Presse fest, daß der deutsche Fußball ein Scherbenhaufen ist und sein Verband orientierungslos. Dabei stehen wir zwei Jahre vor dem wichtigsten Sportereignis, das in den nächsten 40 Jahren in diesem Land stattfindet“, so Klinsmann. Der ehemalige Stürmer fordert insbesondere, daß sich Verband, Liga, Organisationskomitee 2006, Sponsorenvertreter, Rudi Völler und „zwei, drei Spieler“ in einem Kommission zusammensetzen, um Fehler zu analysieren und Aufgaben eines jeden Mitarbeiters zu definieren und eventuell strukturelle Änderungen vorzunehmen. Als erste Maßnahme regt Klinsmann die Schaffung des Postens eines Nationalmannschafts-Managers an. „Der hätte als Gesprächspartner für Rudi da sein müssen, damit der eine Schulter zum Abladen gehabt hätte. Dann wäre seine Entscheidung vielleicht anders ausgefallen. Er wurde im Stich gelassen.““

Der Überlebenskünstler versuchte stets auch Lebenskünstler im engen Korsett seiner Ämter zu sein

Michael Horeni (FAS 4.7.) hält nicht viel von Mayer-Vorfelder: „“MV“, wie er in Fußball- und Politkreisen nur kurz genannt wird, hatte sich in den vergangenen dreizehn Jahren ständig mit staatsanwaltlichen Ermittlungen herumzuschlagen, deren Bedeutung stets weit größer erschien als die präsidialen Eigenmächtigkeiten, mit denen er sich nun bei seinen ehemaligen Fußballfreunden in den vergangenen Tagen immer weiter ins Abseits gestellt hat. Die im Stile eines Bundeskanzlers zur „alleinigen Chefsache“ deklarierte Suche nach einem Nachfolger für Teamchef Rudi Völler erwies sich zwar als taktischer Fehler. Dazu gesellte sich die Verärgerung der Funktionäre, daß nur der MV-Familientroß im Pool des Mannschaftshotels in Almancil planschen durfte. Die Allmachtsphantasien seines persönlichen und vom DFB bezahlten Helferleins, als Referent eingestellt, schadeten ihm ebenso wie die eigenmächtige Vertragsverlängerung mit dem umstrittenen „U21″-Nationaltrainer Uli Stielike – aber was ist das alles schon, mag sich MV denken, für einen ehemaligen Minister aus Baden-Württemberg, den der Verdacht der Untreue und der Steuerhinterziehung bis ins Amt des DFB-Präsidenten verfolgte? Denn immer wieder überstand der (sport)politische Überlebenskünstler diese juristisch nicht hieb- und stichfesten Vorwürfe. Auf die Anklagebank kam der Jurist Mayer-Vorfelder, für den der Grundsatz der Unschuldsvermutung immer wieder außer Kraft gesetzt wurde, jedoch nie. (…) Tatsächlich hat es Mayer-Vorfelder schon immer genossen, im mausgrauen Heer der Fußballfunktionäre auch durch seinen Habitus hervorzustechen. Der Überlebenskünstler versuchte stets auch ein bißchen Lebenskünstler im engen Korsett seiner Ämter zu sein. Schon in seiner Zeit als Staatsdiener gefiel es Mayer-Vorfelder, dessen Witz und Kumpelhaftigkeit immer auch viele Freunde fanden, sich als unangepaßten Politiker wider den Zeitgeist zu präsentieren und zu profilieren – auch wenn er dabei übers Ziel hinausschoß. Die Hausbesetzer der Hafenstraße setzte der Oberstleutnant der Reserve einst in Beziehung zu SA-Horden, und er wünschte sich, daß Schüler die erste Strophe der Hymne singen sollten (rund zwanzig Jahre später wird es ihn beim EM-Spiel gegen Lettland gefreut haben, daß Tausende Zuschauer ohne ministeriellen Rat das Deutschlandlied aus freien Stücken während des Spiels spontan anstimmten). Auf die Öffentlichkeit kann ein polarisierender Fußball-Politiker wie Mayer-Vorfelder seit Jahren schon nicht mehr setzen. Die Macht, die er in all den Jahren anhäufte, gründete sich auf sein Fähigkeit, Macht intern zu organisieren.“

Heute Morgen hätte ich fast noch geheult
BamS-Interview (4.7.) mit Ottmar Hitzfeld

BamS: Warum haben Sie den Job des Bundestrainers ausgeschlagen?
OH: Weil ich mich nicht in der Verfassung fühle, die nötig wäre, um dem deutschen Fußball wirklich zu helfen. Ich kann so ein Amt nicht übernehmen, wenn ich körperlich nicht topfit bin. Und das bin ich nicht. Ich muss mir und dem DFB gegenüber ehrlich sein: Ich fühle mich nach sechs Jahren Bayern wie seinerzeit nach sechs Jahren Dortmund ausgebrannt und verbraucht. So kann ich weder Freude noch Begeisterung auslösen oder vermitteln.
BamS: Wie hat DFB-Präsident Mayer-Vorfelder auf die Absage reagiert?
OH: Als ich ihn in Portugal anrief, war er natürlich tief enttäuscht. Er hatte mir vollstes Vertrauen entgegen gebracht und wir kennen uns ja schon 30 Jahre. Er hat versucht, meine Argumente zu verstehen, wollte mich noch umstimmen.
BamS: Bundestrainer – das war doch immer der letzte, große Traum für Sie…
OH: Ja. Aber ich darf nicht egoistisch sein. Ich nehme ein Amt nicht des Amtes wegen an. Ich arbeite ja schon seit einem Jahr sozusagen im roten Bereich. Ich hatte in der letzten Saison nicht mehr das Feuer und die Power, die man bei Bayern gebraucht hätte. Glauben Sie mir, ich hatte seit dem Gespräch am letzten Sonntag mit Mayer-Vorfelder schlaflose Nächte. Ich habe gegrübelt, ich habe schon über eine neue Nationalelf nachgedacht. Und ich bin jetzt traurig. Heute Morgen hätte ich fast noch geheult. Mein Herz hätte Ja gesagt, aber der Verstand hat gesiegt.“

Allgemein

Jetzt fühlt sich das kleine Griechenland wie eine große Nation

Vor dem Finale

Womit ist der Finaleinzug Griechenlands zu vergleichen? TspaS

Jetzt fühlt sich das kleine Griechenland wie eine große Nation

Peter Hess (FAS 4.7.) beobachtet die Vorfreude der Griechen: „Irgendwie erfuhren englische Kollegen von Reuters, dass die ach so vaterlandstreuen Griechen vor dem Halbfinale gegen Tschechien mit Streik gedroht hätten, weil ihnen die Erfolgsprämie zu niedrig vorkam. Von den knapp mehr als zehn Millionen Euro, die der griechische Verband von der Uefa für die EM-Teilnahme seiner Nationalelf erhält, wollen die Aktivisten 6,9 Millionen Euro haben und sich nicht wie vorgesehen mit 2,3 Millionen Euro abspeisen lassen. Nun, wie man weiß, traten die Griechen an und gewannen sogar. Es darf als gesichert gelten, dass es auch an diesem Sonntag nicht zu einem Arbeitskampf kommen wird. Der Einzug in das Finale hat in Griechenland eine nationale Begeisterung ausgelöst wie noch nie seit jenen Tagen des Zweiten Weltkrieges, als die Invasion der Nazis und Italiener endete. Tausende von Menschen zogen jubelnd durch die Straßen nach dem 1:0 im Halbfinale. „Griechen erhalten anders als Deutsche und Engländer nie das Gefühl, einer großen Nation anzugehören“, sagt Marianna Pyrgioti, Nachrichtenchefin eines Radiosenders. „Jetzt fühlt sich das kleine Griechenland wie eine große Nation.“ Die Feiern hätten etwas Nationalistisches, das weit über den Fußball hinausgehe. Eine Reaktion des kollektiven Unterbewußtseins. In Athen druckte die liberale Zeitung „Eleftherotypia“ die erste Strophe der Nationalhymne auf der Titelseite. Einige Zeitungen erschienen in den Nationalfarben auf der ersten Seite. Der griechische Kirchenführer Christodoulos gratulierte der Mannschaft und namentlich Rehhagel zu ihren Erfolgen. „Ihre Instruktionen waren ausgezeichnet. Ausschlaggebend war, dass Sie allen griechischen Spielern Disziplin, Mannschaftsgeist sowie systematische und methodische Arbeit eingehaucht haben.“ Damit ist der Kirchenführer zur selben Meinung gelangt, die Rehhagel von sich hat.“

Die nationale Karte sticht immer

Werden die Griechen ihre olympischen Spiele genauso euphorisch begleiten, wie die EM, Torsten Haselbauer (FAS 4.7.)? „Die griechische Nationalmannschaft ist für wirklich alle Hellenen in Griechenland, aber auch für die in der ganzen Welt verstreuten, ein glattes, leicht zu erfassendes Identifikationsmuster. „Ihr seid nicht nur elf, ihr seid elf Millionen“, steht unter dem griechischem Mannschaftsfoto auf einem Werbeplakat einer Telefongesellschaft. Die nationale Karte sticht immer! Jedes Kind kennt mittlerweile die Namen der dort abgebildeten Helden. Mit den knapp 12000 Sportlern jedoch, die in knapp sechs Wochen aus 201 Nationen zu den Olympischen Spielen nach Athen anreisen, weiß man in Griechenland indes noch recht wenig anzufangen. Sie sind Fremde, denen die Griechen zwar ihre klassische Gastfreundschaft in der Olympiastadt anbieten werden, aber sonst? Gerade deshalb läuft der olympische Kartenvorverkauf so überaus schleppend an. Und genau deshalb bezahlen griechische Fans mal eben rund 1000 Euro für einen Flug, eine Hotelunterkunft für zwei Nächte und ein Eintrittskarte für das Fußball-Endspiel in Lissabon – anstatt sich für nur zwölf Euro zum Beispiel ein Ticket für ein olympisches Baseballspiel zwischen Nicaragua und Japan zu ordern. Nicht wenige Griechen haben sich sogar extra einen Kleinkredit aufgenommen, um ans andere Ende von Europa zu fliegen. Die Olympischen Spiele vor der eigenen Haustür indes sind ihnen oft keine zehn Euro wert. Doch dies kann sich schnell ändern – sobald das erste Gold an Griechenland vergeben ist.“

Strafstoss

Strafstoß #18 – Gib mich die Kalebasse – transtheologische Erläuterungen der Fußballergebnisbeeinflussung

von Mathias Mertens

Es müssen ja nicht immer gleich Verschwörungen hinter bestimmten Spielkonstellationen und –ergebnissen stecken – etwa, daß man nach Rehhagels Äußerung im Spiegel-Interview „Ich kenne Markus Merk schon, seit er 15 Jahre alt war und ich noch Spieler auf dem Betzenberg. Er ist ein ausgezeichneter Schiedsrichter.“ vermutet, bestimmte Kreise in der UEFA verfolgen seit 27 Jahren einen Plan, der dazu führen sollte, daß Griechenland eine Europameisterschaft gewinnt. Das kann schon deshalb nicht stimmen, weil Otto Rehhagel nachweislich nur bis 1972 in Kaiserslautern spielte, danach sofort als Co-Trainer in Offenbach anheuerte und während des 16. Lebensjahres Merks (geb. 1962) in Dortmund auf der Trainerbank saß. Aber wie gesagt, es müssen nicht gleich Verschwörungen vermutet werden. Meistens steckt da bloß handfester Voodoo-Zauber dahinter. Häh? Ja, richtig gelesen. Oder haben Sie noch nie den Verlauf eines Spieles dadurch beeinflusst, indem Sie zum Kühlschrank oder aufs Klo gegangen sind und dadurch ein Tor verursachten? Na sehen Sie. Ich selbst habe sogar das Viertelfinale Portugal gegen England zum besten Spiel des Turniers gemacht, weil es die einzige Partie war, die ich nicht sehen konnte. Und Friedrich Christian Delius erleichterte 1994 sein Gewissen, als er in „Der Sonntag, an dem ich Fußballweltmeister wurde“ gestand, für den frühen Doppelschlag der Ungarn verantwortlich gewesen zu sein: „Ich faßte es nicht sofort, völlig überrascht, und das Schlimmste an der Enttäuschung über das Tor war, daß ich mich ertappt fühlte, weil ich dazu beigetragen hatte: mein Hochgefühl am Radio in Wehrda hatte auf dem Spielfeld in Bern den Gegenschlag ausgelöst. Das Tor fällt immer dann, wenn man überheblich und leichtfertig wird, dann paßt man nicht auf, dann passiert es, so viel verstand ich vom Fußball.“

Die Mischreligion Voodoo und die Parareligion Fußball sind von jeher in einer unheimlichen Allianz verbunden. Das beginnt schon bei ihrem Vokabular. Mit „Vodun“, „Orisa“, „Hun“ oder „Tron“ wird in den verschiedenen Kwa-Sprachen der afrikanischen Stämme das bezeichnet, „was man nicht ergründen kann“. Im Trappatonischen wird Fußball als „Ding, Dang, Dong“ beschrieben, denn „es gibt nicht nur Ding“. Und daß man trotz entgegenlautender Aussagen ein Spiel nicht lesen, also ergründen kann, zeigen schon die tautologischen Ontologismen des Existentialschamanen Sepp Herberger, für den das Spiel das Spiel, der Ball der Ball und der Platz der Platz war. Oder, wissenschaftlich präziser gefaßt: „Hinsichtlich der Fußball-Rituale fehlt die eindeutige Interpretation: 1. weil die Kontingenzbewältigung Fußball einer inneren Kontingenz unterliegt: Der Ausgang des Fußballspiels ist nicht vorherbestimmbar.“ So Dietmar Kehlbreier in seiner Studie Ein Tor zum Leben? Säkulare Rituale und ihre Bedeutung für die kirchliche Kasualpraxis Statt also Eindeutigkeit zu erreichen, steht im Zentrum des Voodoo die kultische Inkorporation der „Loa“, der Gottheiten, durch Besessenheitstrance. Im Zentrum des Fußballs steht die kultige Inkorporation der „Ola“, der Welle an Begeisterung, die von Zuschauerrängen bis zum Torwart durchs Stadion schwappt und Milliarden von Menschen an Altären weltweit in Trance versetzt.

Die augenfälligste Gemeinsamkeit ist aber in der Kosmologie zu sehen. Nicht nur Dirk Schümer hat ja ausgeplaudert, an was die Eingeweihten in die Fußballreligion denken, nämlich daß Gott rund sei – ursprünglich eine mit Lumpen umwickelte Schweinsblase, inzwischen ein mit Längen- und Breitengraden versehener und in patentierter Klebetechnik hergestellter Globus namens Roteiro. Entsprechend ist das Universum im Voodoo eine getrocknete Kalebasse, deren zwei Hälften Himmel und Erde bilden. In diesem geschlossenen System gibt es kein Oben und Untern, keine Trennung von Leben und Tod, Menschlichem und Nichtmenschlichem. Und in beiden Religionen, Voodoo und Fußball, muß man sich für alles, was man tut, sofort vor den Göttern verantworten. Diese haben durchaus menschliche Charakterzüge und können fröhlich und großzügig, aber auch launisch und wütend sein. Sie helfen nicht nur, sondern sie strafen auch – etwa, wenn ihnen nicht der nötige Respekt für ihren Siebziger-Jahre-Fußball/Voodoo gezollt wird, oder wenn gegen die religiösen oder sittlichen Gebote verstoßen wurde, die da sagen, daß man zu gewinnen hat, der Gegner niemals besser war und es keine Zwerge mehr gibt. Dann lassen die Götter Krankheiten, Dürre oder Kolumnen über einen kommen.

Also: heute abend sich einfach zum (immer schon praktizierten) Voodoo bekennen und für einen genehmen Verlauf des Endspiels sorgen. Zum Beispiel, indem man statt der europäischen Variante der Puppenmagie, den Panini-Bildern, tatsächlich mal kleine Puppen aus Wachs, Stoff und Sisal bastelt und manipuliert. Dabei muß man allerdings auf die Farben achten. Rote, grüne, rosa und schwarze Puppen, die für Sex, Glück im Spiel, Erfolg bzw. Abwehr von bösem Zauber sorgen würden, hätten schon innerhalb der Woche geweiht werden müssen. Am heutigen Sonntag lassen sich nur noch weiße, die für Friede, Ruhe, Heilung und Gesundheit sorgen, und gelbe, die das Böse, Ängste und Depressionen vertreiben, an den Start bringen. Völlig sinnlos wäre es, blaue Puppen herzustellen, um die Griechen zu piesacken oder sie anzustacheln, denn diese Farbe hat keinerlei magische Wirkung. Ansonsten empfiehlt es sich natürlich weiterhin, auf die Toilette zu gehen, um das Spielergebnis zu bestimmen. Egal in welche Richtung.

Samstag, 3. Juli 2004

Vermischtes

Medienfußball: Auf Medienwirkung zielen, bis Inhalte nebensächlich werden

Medienfußball: Auf Medienwirkung zielen, bis Inhalte nebensächlich werden (FAS) – Griechenland gewinnt, und Deutschland jubelt (NZZaS) u.v.m.

Als zeitgemäß gilt, was die Politik vormacht

Christian Eichler (FAS 4.7.) findet, dass die Steins und Effenbergs ausgestorben sind: „Wenn man derzeit die Frage diskutiert, ob Rehhagel als Bundestrainer tauge, hört man oft statt einer fachlichen Diskussion die Gegenfrage, ob Rehhagel „mit den Medien“ könne, ob ein solcher Mann „noch zeitgemäß“ sei. Als zeitgemäß gilt demnach, was die Politik vormacht: auf Medienwirkung zielen, bis Inhalte nebensächlich werden. Herberger war wie Adenauer: klare Sprache, sturer Kopf. Muß heute ein Bundestrainer wie Schröder sein? 1954 war Fußball, heute ist Medienfußball. 1954 waren in Deutschland 27952 Fernseher gemeldet, 2004 schauten bis zu 25 Millionen Menschen zu. 1954 brachte die ARD unter Teamleitung von Robert Lembke als Einstimmung aufs WM-Finale eine vierstündige Sendepause. 2004 übertrugen ARD und ZDF sogar die täglichen deutschen Pressekonferenzen. Deren Nachrichten- und Unterhaltungswert ähnelte dem einer ständigen Wiederholung von Lembkes Klassiker „Was bin ich?“ Wobei der Mann, dessen Beruf man erraten soll, immer ein Fußballer ist. Wir müßten wahnsinnig viel mehr über Fußball wissen als 1954. Tun wir das? (…) Spiele werden nicht mehr von Kommentatoren kommentiert, sondern von Talkmastern getalkt – Teil eines großen Gutelaunepakets, in dem niemand mehr auftaucht, der das Spiel wichtiger nimmt als das Medium; und kaum jemand, der noch in der Lage wäre, das Spiel, dessen Linien und Stimmungen, Facetten und Nuancen, Tiefen und Untiefen zu lesen. Oder gar vorzulesen. Nein, früher war nicht alles besser. Schon Herberger mußte sich von der Presse auffordern lassen, die Lauterer nach der Blamage in der Meisterschaft gegen Hannover aus dem Kader zu nehmen; er blieb stur. Und natürlich ist die Qualität und Frische der heutigen Ware Fußball in Bild und Wort ein Klasseangebot für den Endverbraucher. Und doch, es äußert sich in alledem eine gewisse Ratlosigkeit rund um jenes Ereignis, zu dem Fußball geworden ist: Medienfußball. Man hat in den fünfzig Jahren seit Bern eine großartige Oberfläche geschaffen, mit Dutzenden Kameras – und erfaßt doch nicht immer das Wesentliche des Spiels. Man hat um den Fußball herum eine Glamourwelt gebaut, die deren persönlich meist biedere Stars nicht mit echtem Leben erfüllen können. Man hat eine Nachfrage nach Klatsch hochgefüttert – um nun festzustellen, daß es die gewohnten Krawallgeschichten bei der EM nicht mehr gab; und wenn, dann haben Medien sie selber gemacht, wie die persönlichen Attacken gegen Advocaat oder Schiedsrichter Meier. Aus den Trainingslagern kam fast gar kein Stoff mehr für Boulevardthemen, die Steins und Effenbergs sind ausgestorben. Man erlebt eine Spielergeneration, die mit Medienschulung aufgewachsen ist; die öffentliche Kritik an Trainer oder Nebenmann zu meiden gelernt hat wie ein Tackling von hinten. So ist das Seltsame am neuen deutschen Fußball, daß er skandalfrei ist. Der einzige Skandal ist das Spiel. Doch für dessen Analyse fehlt denjenigen Medien, die Fußball immer mehr auf ein Bild- und O-Ton-Spektakel reduziert haben, etwas Entscheidendes: eigener Einblick, eigene Worte.“

Elf Mann ohne Führer

Auswechseln! Aus dem Spiel geht der Spieler mit der Nummer … für ihn kommt, die FAZ (Feuilleton 3.7.): „An einen eingewechselten Köhler oder gekündigten Schröder kann man sich gewöhnen. An der Staatsspitze herrscht sowieso pure systemische Gleichgültigkeit. Aber was ist mit der Fußballspitze und, damit eng zusammenhängend: mit der Theaterspitze? Dort ist der starke Mann unverzichtbar: Man mißtraut ihm zwar, liegt aber vor ihm auf den Knien. Und alles, was er ist, ist er durch Vertragsverlängerung. Sonst bricht das System zusammen. Und das ist es jetzt – auf breitester Front. Feuilletondeutschland empört sich denn auch: Rudi Völler weg; Ottmar Hitzfeld abseits; Frank Castorf bei den Ruhrfestspielen vom Platz gestellt; Volker Hesse bekommt seinen Vertrag beim Gorki-Theater nicht verlängert, Wilms den seinen als Chef des Deutschen Theaters womöglich auch nicht. Man denke nur: Lauter an sich unkündbare Radfahrer, denen von Gewerkschaftern, Kulturpolitikern, ausländischen Stürmern oder auch nur Mayer-Vorfeldern kurz und gemein Spazierstöcke in die Karriere-Speichen gehalten wurden. Was soll aus der Nationalmannschaft werden? Elf Mann ohne Führer! Was aus dem Deutschen Theater? Ein Haus ohne Brüter! Was aus dem Gorki-Theater? Ein Bühnenvolk ohne Volker! Was aus den Ruhrfestspielen? Ein Chaos ohne Chaot! Die wahre deutsche Krise: nicht verlängerte Verträge. Empörend. Was aber hülfe? Eine große Auswechslung. Castorf, der beste Blutgrätschen-Regisseur, könnte Bundestrainer werden. Im Gegenzug übernähme Hitzfeld, der Trainer der Ausgebranntheit, die abgebrannten Ruhrfestspiele, während Völler, der nie für irgendwas kann, glanzvoll dem Gorki-Theater vorstände, dieweil Volker („Ich mach‘ das alles alleine“) Hesse den DFB-Vorsitz einnähme, wenn Bernd („Ich liebe dieses Theater“) Wilms sich auf die Wahl zum nächsten, dann aber unkündbaren Bundespräsidenten vorbereitete. Nur so kommt Deutschland weiter.“

Die Dinge sind simpler

Peter B. Birrer (NZZaS 4.7.) hat die Nase voll von Medien-Kampagnen im Fußball: „In die EM-Sorgen reihen sich mediale Auswüchse ein, die alle Grenzen des Tolerierbaren überschreiten, bisweilen ausser Kontrolle geraten – und mit einem Spiel nichts zu tun haben. So fand in Holland gegen den Trainer Dick Advocaat trotz Halbfinalqualifikation eine öffentliche Inquisition statt, in deren Verlauf offenbar seine Familie bedroht wurde. Gleiches erfuhr der Schweizer Schiedsrichter Urs Meier, der von zur Perversion neigenden englischen Boulevardmedien – ohne Anhaltspunkt – als Sündenbock für Englands Ausscheiden den Kopf hinhalten muss. Die Kampagne endete damit, dass Meier für seine Familie Polizeischutz anfordern musste. In einem Turnier, in dem allzu oft nur Glück und/oder Pech entscheiden, werden noch öfters Erklärungen und Begründungen konstruiert. Aber die Dinge sind simpler. Hier gibt’s ein Tor, dort gibt’s nur einen Fehlschuss; hier trifft ein Stürmer den Pfosten oder den Goalie, dort macht einer durch zwölf Beine hindurch das 1:0; hier trifft Ricardo beim Penalty, dort verschiesst Beckham. Hätte etwa der Schwede Mattias Jonson in der 89. Minute gegen Dänemark nicht das 2:2 erzielt, wären die Italiener im Viertelfinal gewesen. Oft entscheiden Zentimeter über Erfolg oder Misserfolg – und nicht Superstars, Taktiken und Spielsysteme. Vielfach wirken sich Details aus – nicht mehr und nicht weniger. Und dennoch wird stets simplifiziert, werden Sieger hochgejubelt (sie haben alles richtig gemacht) und Verlierer mit Kritik eingedeckt (sie haben alles falsch gemacht), was sich an der Person des Trainers am extremsten zeigen lässt.“

Der nächste bitte, Peter Heß (FAZ 3.7.): „Wenn es kein Ausländer sein darf, was inzwischen nicht mehr so sicher scheint, wird es schwer, Alternativen zu Rehhagel zu finden: Daum, Heynckes, Toppmöller, Augenthaler – die Liste wirkt nicht allzu eindrucksvoll. Nur einen gäbe es noch, der alle Anforderungen erfüllt. Er versteht etwas vom Fußball, kommt mit den Medien zurecht, ist ein Liebling der Massen und hat Zeit – Harald Schmidt.“

In Portugal sind 250 Jahre währende deutsch-griechische Träume wahr geworden

Griechenland gewinnt, und Deutschland jubelt. Die NZZaS (4.7.) kennt die deutsche Sehnsucht nach edler Einfalt und stiller Größe: „Wo andernorts die Mittel bedauert wurden, mit denen der Erfolg möglich wurde, schwelgen ARD und ZDF wie nur noch die Griechen selbst in der Freude über die grosse Überraschung der EM. Zunächst könnte man meinen, das liege vor allem an Otto Rehhagel, dem Trainer der Griechen und einer der markantesten Figuren im deutschen Fussballgeschäft – gleichermassen erfolgreich wie mit seinem Auftreten polarisierend. Doch schon die Bezeichnung als „König Otto“, die nach der Viertelfinalqualifikation rasch zu Hand war, deutet an, das hier mehr im Spiel ist als bloss die Freude über einen erfolgreichen Landsmann in fremden Diensten. Denn sie erinnert an die Epoche nach dem siegreichen Befreiungskampf der Griechen gegen die Türken, als zwischen 1832 und 1862 der Wittelsbacher Otto I. seine absolutistische „Bayernherrschaft“ in Griechenland ausübte – freilich mit deutlich weniger Sympathien seitens der Untertanen als sein später Nachfolger. Zuvor schon hatte Winckelmann die Sehnsucht nach den Schönheiten des antiken Griechenland geweckt, und Hölderlin hatte im „Hyperion“ eine Erlösung aus der deutschen Misere durch griechische Inspiration erhofft. Heerscharen von Archäologen schafften im 19. Jahrhundert Bruchstücke antiker Kunst in deutsche Museen, und in München und Berlin wurden die hellenischen Träume architektonische Realität. Kulturelle und damit immer auch politische Identität ist in Deutschland lange aus einem imaginären Griechenland importiert werden. „Das Land der Griechen mit der Seele suchen“, so lautete die Devise aus Goethes „Iphigenie“, und dass es lange nur im eigenen Innern und auf deutschem Boden gefunden werden konnte, lag wohl an dem Diktum des gleichen Autors aus „Faust II“: „Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel!“ Den untüchtigen Bewohnern des arkadischen Landstrichs ist erst Rehhagel beigekommen. Mit seiner taktischen Disziplin ist die deutsche Seele in Griechenland angekommen. In Portugal sind 250 Jahre währende deutsch-griechische Träume wahr geworden.“

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