indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 30. Juni 2004

Ballschrank

Ticker-Vergleich

von Timo Marzinzik

Für all diejenigen, die von ihrem Chef dazu genötigt werden, im stickigen Büro zu sitzen oder im Kampf um die Fernbedienung gegen ihre Frau keine Chance haben, und trotzdem auf Fußball nicht verzichten wollen und können, gibt es ja noch die Online-Ticker auf verschiedenen Websites. Für diese glücklichen Menschen haben wir, während der Gruppenphase und dem Viertelfinale, diese Ticker unter die Lupe genommen.

Erstens, der Ticker von sport1.de: Es gibt zwei Varianten dieses Tickers, die Standard- und die Premium-Version. Beim Standardticker haben die Gestalter Wert aufs Wesentliche gelegt. Hier gibt es außer den aktuellen Kommentaren sowie einer Archivauswahl der anderen Spiele keine Extras. Das Spielgeschehen ist nicht sehr übersichtlich dargestellt. Zwar wird das Ergebnis zu jeder Zeit über den Kommentaren dargestellt, doch bleibt man nicht die kompletten 90 Minuten vor dem Bildschirm, sind einzelne Vorkommnisse, wie zum Beispiel Karten, Ecken oder Auswechslungen nicht direkt ersichtlich. So muss man, um auf den neusten Stand zu kommen, die einzelnen Kommentare lesen. Der Premium-Ticker hat da schon etwas mehr zu bieten: Neben dem Kommentar, der identisch mit dem der Standardversion ist, gibt es noch Links zur Aufstellung, Telegramm und Spielerstatistik. Die Aufstellung zeigt die Namen der Spieler, angeordnet in taktischer Ausrichtung. Klickt man auf einzelne Spieler, erhält man neben einem Foto des Spielers den kompletten Namen, das Geburtsdatum, die Position, den Verein, sowie Information über die aktuelle Europameisterschaft des Spielers mit Spielen, Toren, Ein- und Auswechslungen und Platzverweisen. Auch seine EM-Historie wird dargestellt. Beim Telegramm wird eine Leiste abgebildet auf der Tore, Karten und Wechsel symbolisch dargestellt werden. Dies wäre schon in der Standardversion und dem eigentlichen Ticker wünschenswert gewesen, da dies für die Übersicht sehr praktisch ist. Allerdings werden Kommentare an der Seite zu jeder Zeit eingeblendet (dies gilt auch für die Aufstellung und die Spielerstatistik), so dass es durchaus ratsam ist, direkt auf das Telegram zu klicken, wenn man nicht das komplette Spiel verfolgt. Man bekommt hier einen schnellen und trotzdem aktuellen Überblick. Die Spielerstatistik zeigt die einzelnen Spieler im Überblick mit Toren, Karten und Ein- und Auswechslungen. Die Kommentare sind manchmal sehr emotional und damit vielleicht nicht für jeden geeignet, ein Beispiel:
„Scolari flippt! Mit der portugiesischen und brasilianischen Flagge in der Hand hüpft der Coach über den Rasen.“ Doch die einzelnen Ereignisse werden regelgerecht wiedergegeben.
Trotz der etwas längeren Wartezeiten lohnt es sich die Premium-Version anzuschauen, da es hier viele Extras gibt, die durchaus praktisch, aber auch in langweiligen Phasen des Spiels interessant sind. Die eigentliche Spieldarstellung könnte noch übersichtlicher dargestellt werden und die Leiste mit zum Teil entscheidenden Spielereignissen, sowie den Torschützen sollte auch in die Standardversion eingebaut werden.

Zweitens, der Ticker der Internetseite sat1.de: Dieser Ticker hat außer aktuellen Kommentaren nicht viel zu bieten. Einzige Extras sind die Aufstellungen der Mannschaft inklusive ihrer taktischen Ausrichtung und während der Gruppenphase eine Live-Tabelle. Die Kommentare zum Spiel sind ähnlich dargestellt wie bei der Standardversion von sport1.de. Wichtige Ereignisse sowie Torschützen müssen erst durch Lesen der Kommentare herausgefunden werden. Auch hier wäre eine Übersicht wünschenswert gewesen.
Die Kommentare sind alles in allem sehr kurz und sachlich und mit der Spielminute und dem zwischenzeitlichen Ergebnis dargestellt. Es wird versucht, Spannung aufzubauen, indem man Sätze anfangs fett darstellt und die Folge klein darunter:
Wieder einmal Madsen.
Jetzt köpft er knapp links vorbei.“
Dieser Ticker ist auf das Wesentliche beschränkt, und dies soll wohl auch so sein, allerdings wäre eine Übersicht mit den wichtigsten Ereignissen, sowie Torschützen wünschenswert.

Der dritte Ticker ist auf sport.de und gleichzeitig auf rtl.de. Auf den ersten Blick wirkt dieser Ticker sehr überfüllt. Aber hat man sich erstmal einen Überblick verschafft, gibt es eine Reihe von praktischen Darstellungen. Ein großer Vorteil gegenüber anderen Tickern ist: Die Paarung samt Flaggen der spielenden Nationen und dem Ergebnis sind über allem anderen dargestellt. Unterhalb des Spielstandes sind die Torschützen sowie die Spielminute der geschossenen Tore abgebildet So hat man gleich bei Öffnen des Tickers das Wesentliche im Blick. Schiedsrichter sowie Stadion und Zuschauerzahl befinden sich darunter. Links und rechts vom Ticker sieht man die Aufstellung der Mannschaften, zwar nicht mit taktischer Ausrichtung, aber immerhin mit Unterscheidung der einzelnen Positionen (Torhüter, Abwehr, Mittelfeld und Sturm). Neben den einzelnen Spielernamen sind deren Nummer sowie eventuelle Gelbe und Rote oder Gelb-Rote Karten und Auswechslungen symbolisch abgebildet. Die eingewechselten Spieler befinden sich mit gleichen Informationen bestückt direkt unter der Startelf. Im Nachhinein werden noch Noten der einzelnen Spieler hinzugefügt. Der Live-Ticker hat ein weiteres praktisches Extra, das die anderen beiden nicht haben: Nicht nur die Minute sondern auch noch spezielle Symbole befinden sich neben dem Kommentar, die die Suche nach wichtigen Ereignissen erleichtert, so werden Karten und Tore mit eigenem Symbol dargestellt. Auch hier sind die Kommentare emotional und zum Teil auch sehr persönlich. z.B.:
„Und jetzt schießt Ricardo, ich glaub es nicht.“ Auf dieser Seite sind sehr viele Informationen auf einmal; hat man sich erstmal zurechtgefunden, ist die Verfolgung des Spiels relativ einfach – auch wenn man nur hin und wieder mal auf die Seite guckt.

Der vierte Ticker befindet sich auf mehreren Seiten: faz.net, rundschau.de und abendblatt.de. Am besten greifen sie über das Hamburger Abendblatt auf den Ticker zu, denn hier finden sie gleich ein Fenster, das sie zu diesem Ticker führt. Dieser Ticker ist nicht nur etwas für Leute, die auf dem aktuellen Stand sein wollen. Neben der Spieldarstellung gibt es hier verschiedene Extras, bei denen man auch während langweiliger Spiele auf seine Kosten kommt. Neben dem Live-Ticker finden sie das Archiv mit allen Spielen, die Matchanalyse zu allen Spielen, sowie Stadien und Wetter, Teams, Spielstatistik und Gruppe und Termine. Der Ticker selbst ist sehr übersichtlich dargestellt. Das Ergebnis ist sehr schnell zu finden. Über dem Kommentar befindet sich eine Leiste, auf der alle wichtigen Spielereignisse zu finden sind. Hierzu gehören Tore, Karten und Auswechslungen. Bleibt man mit dem mit dem Mauszeiger etwas auf dem Symbol stehen, werden symbolgerecht zum Beispiel Torschütze oder Sünder angezeigt. Unterhalb dieser Leiste befindet sich der Kommentar. Neben diesem sind auch hier Symbole vorhanden, mit denen man schnell zu spielentscheidenden Szenen findet. Der Kommentar selbst ist sachlicher als bei den anderen Tickern, trotzdem wie alle anderen auch sehr ausführlich. Die Mannschaftsaufstellungen werden nicht ganz optimal und nicht gesondert aufgeführt, sondern lediglich am Anfang per Kommentar beschrieben. Hinzu kommt, dass man etwas länger braucht, um die Seiten zu öffnen. Allerdings ist das mit DSL oder auch ISDN kein Problem. Auf die Extras dieses Tickers einzugehen würde den Umfang des Artikels sprengen, aber so viel ist sicher: Auch wenn kein Spiel im Gange ist, macht man nichts falsch, sich diese Seite anzugucken. Denn hier kann man sich sicherlich nicht nur während eines ereignislosen Spiels unterhalten, sondern sich auch mal eine schlaflose Nacht um die Ohren hauen.

Mein persönlicher Favorit ist der fünfte Ticker, da alleine die Statistiken sehr beeindruckend und interessant sind. Möchte man aber einen Ticker, der alles sehr kompakt auf einen Blick darstellt, ist der Ticker von sport.de sehr zu empfehlen.

Allgemein ist noch zu sagen, dass sich punkto Aktualität nicht wirklich sagen lässt, welcher am besten ist. Hier sind alle sehr akzeptabel. Es ist auf jeden Fall lohnenswert, sich per Ticker über das aktuelle Geschehen auf dem Platz zu informieren. Zwar gibt es individuelle Unterschiede, doch nichts ist wohl schlimmer, als unwissend im Radio nach jedem Lied zu hoffen, dass man einen aktuellen Zwischenstand erfährt. Somit hat das Internet auch den Fußballfans auf der ganzen Welt sicherlich in diesem Fall einen Dienst erwiesen. Und wer’s multimedial will, kann ja Fernsehen schauen und den Ticker verfolgen – um zu vergleichen und kontrollieren.

Ballschrank

Taschenspielerstricks in Schalke

Richard Leipold (FAZ 1.7.) befasst sich mit den Taschenspielerstricks in Schalke: „Wenn Finanzakrobaten ein wenig Phantasie aufbringen, lassen sich sogar Gegenstände, die gar nicht silbrig glänzen, als besonders wertvoll darstellen. Mit seinem trockenen westfälischen Witz erläuterte Schnusenberg, wie er den hohen Verlust buchhalterisch zu begrenzen vermochte. Das Gelände des verrotteten Parkstadions, von dem nur noch die wenig appetitliche Haupttribüne und deren Innenräume erhalten sind, wurde neu bewertet. Die Stadt Gelsenkirchen hatte dem FC Schalke die 63 000 Quadratmeter messende Immobilie für den symbolischen Preis von einem Euro verkauft – angeblich um sich des Reparaturstaus oder der Abrißkosten zu entledigen. Für die Schalker war das bilanztechnisch eine Art Sechser im Lotto. Ein unabhängiger Gutachter aus Bochum taxierte das Grundstück auf 15,6 Millionen Euro. Und Schnusenberg buchte das alte Land im frischen Gewand einer „Schalke Parkstadion GmbH und Co. KG“ als außerordentlichen Ertrag wieder in die Bilanz ein. So wurden aus einem Euro über Nacht mehr als fünfzehn Millionen. Ob das angemessen sei, wisse er nicht, sagt Schnusenberg. „Darüber kann man sicher streiten.“ Aber daß ein neutraler Sachverständiger diese Summe ermittelt habe, begründe zumindest „den Anschein, daß der Wert stimmt“. Dank der rasanten Wertentwicklung des Parkstadions und der Berücksichtigung einiger kleinerer Posten ließ sich das schlechte Ergebnis auf eine bilanzielle Überschuldung von knapp zwei Millionen Euro zurückführen. Wären die Spieler im zentralen Mittelfeld annähernd so kreativ wie Schnusenberg auf seinem Terrain – die deutsche Meisterschaft wäre dem Revierklub so gut wie sicher.“

Dienstag, 29. Juni 2004

Vermischtes

Die Angst vor dem Versagen stand in seinen Augen

wie hält man Elfmeter (BLZ) – die Bild-Zeitung fliegt mit Rudi nach Florida (SZ) – zweifelhafte Sprachkritik an Kerner und Beckmann u.v.m.

Die Angst vor dem Versagen stand in seinen Augen

Ronald Reng (BLZ 30.6.) fragt Thomas Ravelli, wie man Elfmeter hält: „Dem Torwart, der Elfmeter tötet, wie es heißt, haftet etwas Zauberhaftes an. Doch Übernatürliches oder gar Glück hat wenig damit zu tun, warum manche Torhüter wie damals Ravelli und heute der Italiener Francesco Toldo Spezialisten im Elfmeterstoppen sind. Schon eher liegt es an der Sprungtechnik des Torwarts, sagt Ravelli: „Ich beobachte, wie viele Torhüter beim Elfmeter einen Fehler machen: Sie gehen erst einmal einen Schritt nach vorne, um Anlauf für den Absprung ins Toreck zu nehmen.“ So verlieren sie wertvolle Hundertstel einer Sekunde, um den Ball noch zu erreichen. „Die Explosivität, aus dem Stand schnell und weit ins Eck springen zu können, ist sehr wichtig.“ Der Torwart, der außergewöhnliche Sprungkraft besitzt, kann zudem länger warten, bevor er losfliegt – und so hoffen, dass seine Regungslosigkeit auf der Torlinie den Schützen aus der Fassung bringt. Zu erahnen, in welche Ecke der Schütze zielt, ist der entscheidende Punkt. Die meisten Torhüter gehen hierbei von der Faustregel aus: Ist der Schütze Rechtsfüßler, schießt er ins – aus seiner Sicht – rechte Ecke, ein Linksfüßler zielt nach links. Es ist für den Schützen der natürliche, der gerade Weg. Tatsächlich waren die beiden einzigen Schüsse, die Torhüter bei den Elfmeterschießen in Portugal bislang halten konnte, Versuche von Rechtsfüßlern ins rechte Eck, sowohl vom Schweden Olof Mellberg gegen Hollands Edwin van der Sar als auch von Vassell gegen Ricardo. Man sah Mellberg zum Elfmeterpunkt gehen und wusste, er würde scheitern. Die Angst vor dem Versagen stand in seinen Augen. Aber das sieht nur der Fernsehzuschauer. Der Torwart, der Elfmeter tötet, schaut dem Schützen nicht ins Gesicht. Er liest dessen Körpersprache. „An den Schultern kannst du sie erkennen“, sagt Ravelli. „Ein Rechtsfüßler, der nach rechts zielt, reißt die Schulter des Führungsarms beim Ausholen nach hinten. Zielt er nach links, muss er die Schulter erst einmal nach vorne legen.““

Holger Gertz (SZ 30.6.) stimmt die Europa-Hymne an: „“Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, sagte man früher, aber das ist lange her. Jetzt gibt es Pfennige und Taler nur noch in vergessenen Geldbörsen, und das Sprichwort haben die Portugiesen auch umgedichtet: „Wer den Euro nicht will, kann die EURO nicht haben.“ So stand es auf Transparenten, die sie ins Stadion schleppten vor dem Spiel gegen die Engländer, die den Euro als Zahlungsmittel – und als Idee – verschmähen und die EURO als Fußballmeisterschaft wieder nicht gewinnen werden. Die Portugiesen siegten durch den Strafstoß eines von seinen Handschuhen befreiten Torwarts; die Portugiesen, die den Euro stolz in ihren Taschen tragen und zur Belohnung das Halbfinale geschenkt bekamen und Tage drauf auch die Aussicht, den Chef Europas zu stellen. Jose Manuel Barroso, künftiger Kommissionspräsident. Nach langem Feilschen und Schachern und Jammern steigt endlich weißer Rauch auf, und dem entsteigt: ein Portugiese. (…) Kaum einer kennt die Vorzüge jener Figuren, die sein Land nach Brüssel oder Straßburg oder sonst wohin schickt, während ihm die Europaparlamentarier der anderen Nationen erst recht nichts sagen. Allerdings: Fragt man in London Passanten nach dem Zweikampfverhalten eines französischen Fußballspielers sogar der unspektakuläreren Kategorie, etwa Willy Sagnol – die meisten werden was antworten können. Im nervösen Berlin kennen nur Ignoranten nicht die Melancholie des Portugiesen Rui Costa, wie man im – zur Schnauzbärtigkeit neigenden – südeuropäischen Raum die während der Turniers fortschreitende Vollbärtigkeit des Schweden Olof Mellberg registriert haben dürfte, vermutlich wohlwollend. (…) In der europäischen Politik müssen die kleinen Staaten Angst haben und um Stimmrechte schachern, aus dem Gefühl heraus, über den Tisch gezogen zu werden. Bei der EURO können sie das auskämpfen, austragen. Tschechien gegen Deutschland, Griechenland gegen Frankreich, Portugal gegen England. Der Fußball kann gewachsene Minderwertigkeitsgefühle winzig machen, die Kleinen spielen mit den Großen. Und die Allermächtigsten, die EU-Kommissare mit den dicksten Autos sozusagen, das sind bei der EURO die Schiedsrichter. Der Italiener Collina, der Deutsche Merk. Auch sie konnten nichts tun für ihre mächtigen Länder.“

Matti Lieske (taz 30.6.) phantasiert: „Ennio Morricone eine glänzende Wahl für einen Auftritt bei der EM. Seine Stücke sind wie geschaffen als Soundtrack eines Fußballturniers und ihre Motive passen perfekt. Im Grunde sollte man die Filme noch einmal als Remake mit Fußballern und Trainern drehen, und mit Giovanni Trapattoni als Regisseur. „Spiel mir das Lied vom Tod“ etwa, der genialste deutsche Verleihtitel aller Zeiten, scheint dem portugiesischen Coach Felipe Scolari praktisch auf den Leib geschrieben. Andauernd redet der Brasilianer davon, dass es beim Fußball um Töten und Sterben gehe, und qualifiziert sich damit konkurrenzlos für den Part von Henry Fonda. Den von Claudia Cardinale kann Victoria Beckham übernehmen, deren Ehemann ja, im Scolari-Sinne, verdammt früh dahin gemurkst wurde bei diesem Turnier. Wahlweise könnte man sie natürlich auch als Uma Thurman in „Kill Wayne, Part I“ besetzen, Regie: Paul Gascoigne. Der listen- und gestenreiche Scolari wäre auch erste Wahl für die Rod-Steiger-Nachfolge in „Todesmelodie“, nicht ganz so gelungener, weil sich arg beim Vorläufer anbiedernder deutscher Titel von „Giú la Testa“, „Nimm den Kopf runter“, jener Satz, den der irische Knallfrosch James Coburn immer sagt, wenn er eine kurze Lunte gelegt hat. Die ideale Rolle übrigens für Francesco Totti, auch wenn dessen Munition ein bisschen weniger explosiv ist. Den unglücksseligen Taubstummen aus Sergio Corbuccis „Il Grande Silenzio“ könnte der Däne Morten Olsen übernehmen, Lieblingssatz: „Kein Kommentar.“ Dieser Film lief in Deutschland als „Leichen pflastern seinen Weg“, eine saudumme Variante des würdigen Originaltitels und etwa so, als hätte man „The Big Sleep“ in „Hau mir auf die Rübe, Kleines!“ transformiert. Die Kinski-Rolle in „Silenzio“ wird extern besetzt – mit Bernd Hollerbach.“

Bei so vielen spannenden Fragen schlagen Leser-Herzen schneller

Ralf Wiegand (SZ/Medien 30.6.) zerknüllt die Bild-Zeitung: „Zum Glück hat wenigstens einer einen Sitz in der Maschine von Rudi Völler ergattert – der Mann von Bild. Darüber hat er sich so sehr gefreut, dass er gleich eine Kolumne schrieb: „Rudi Völler in Florida, und ich, der Bild-Reporter, darf ganz nah bei ihm sein.“ Dank Bild wissen wir nun: Rudi grillt. Rudi telefoniert. Rudi schaut fern. Er erholt sich bei Vanilleeis mit Schokoladen-Sauce. Rudi spielt sogar mit seinen Kindern, weil, weiß Bild: „Kinderherzen hüpfen ehrlicher als ein Ball.“ Und Reporter-Herzen zerspringen vor Mitgefühl für diesen geschundenen Mann. Vielleicht allerdings hätte Völler seine Reisebegleitung etwas sorgfältiger auswählen sollen. Als Bild im vergangenen Sommer schon einmal ihre Ermittler auf die Palmen des US-Sonnenstaats schickte, fanden sie nämlich Florida-Rolf. Erst fing es harmlos an („So schön lebt Sozialhilfe-Empfänger Rolf in Florida“) – und dann ließen sie ihn nicht mehr in Ruhe, bis das Sozialgesetz geändert und der Langzeit-Arbeitslose wieder in die Heimat überführt worden war. Heute ist er so vergessen wie Erich Ribbeck. Die Parallelen sind frappierend: Wie damals Florida-Rolf ist jetzt auch Florida-Rudi republikflüchtig geworden, weil er den Druck der täglichen Arbeit in Deutschland nicht mehr aushielt. (…) Wie lange wird der Bild-Reporter durch- und Völlers Fahne hochhalten? So lange vom Grill des Teamchefs mal ein italienisches Würstchen für ihn runterfällt? Bis Völler den ersten Job ablehnt, den Bild ihm vorschlägt? Bis er mit seiner Ehefrau mal wieder alleine ins Eis-Café gehen will? Bei so vielen spannenden Fragen jedenfalls schlagen Leser-Herzen schneller, ganz ehrlich!“

Die Berliner Zeitung (30.6.) meldet: „Endlich darf David Beckham aufatmen, denn jetzt steht fest: Er kann gar nichts dafür, dass sein Elfmeter in den Wolken landete statt im Tor, im Viertelfinale der EM gegen Portugal. Uri Geller, der Welt berühmtester Löffelverbieger, hat enthüllt: Beckham ist das Opfer einer telepathischen Fehlsteuerung. Geller höchstpersönlich wollte ihm Energie senden vor seinem Elfmeter, positive natürlich, er lebt ja in London. Nur leider lief irgendwas falsch – allein deshalb schoss Beckham übers Tor. Welch ein Drama, einerseits. Andererseits: Welche Freude! So viel ist unklar gewesen während des Turniers – damit ist es aus. Nun weiß man: Stets hatte Geller, der Mann fürs Mysteriöse, die Finger im Spiel. Er hat den deutschen Spielern die Beine verzaubert, auf dass sie schleichen wie Schnecken. Er hat dem Italiener Totti den Speichel vermehrt und dem Schweizer Frei dazu – da mussten sie ja spucken. Was soll jetzt noch passieren? Selbst wenn Griechenland Europameister wird und all die Ahnungslosen schreien von einer Sensation, werden Kenner nur gähnen: Sie wissen, woran es wirklich lag.“

Die Zeitschrift Deutsche Sprachwelt kritisiert, nahezu ohne Beleg, die TV-Kommentatoren für deren „unmäßigen Gebrauch überflüssiger Anglizismen“ und fordert deren Auswechslung. Warum wird eine solch substanzlose Pressmitteilung auf Spiegel-Online und der FAZ veröffentlicht? Anglizismen sind doch wohl das letzte, was mich bei Kerner und Co stört.

Allgemein

Heilsbringer aus Brasilien

Felipe Scolari, „Heilsbringer aus Brasilien“ (FAZ), schart ganz Portugal hinter sich, ganz Portugal? ganz Portugal! – Milan Baros, Star der EM – neuer holländischer Teamgeist u.v.m. (mehr …)

Am Grünen Tisch, Deutsche Elf

Markus Merk im Finale, Hackmann-Interview, DFB-Trainersuche

bei der Trainersuche gibt es bereits Verlierer: die Sucher (SZ) / FR-Interviews mit Werner Hackmann und Wolfganz Holzhäuser u.v.m.

Bei der Trainersuche gibt es schon jetzt Verlierer, Ludger Schulze (SZ 29.6.) nennt sie: „Im Fußballgeschäft durchaus sattelfeste Leute wie Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge oder Reiner Calmund sind diesmal nicht einmal Randfiguren, weil die Sache mit dem Siegel „alleinige Chefsache“ versehen wurde, also niemanden etwas angeht außer: Gerhard Mayer-Vorfelder. Auch Werner Hackmann, als Präsident der DFL Sprecher der gesamten Bundesliga, ist einigermaßen irritiert über die Verhandlungs- und Informationspolitik des DFB-Bosses. Obwohl er nur ein paar Kilometer westlich urlaubt, ist er in die Gedankengänge des MV „überhaupt nicht“ eingebunden. Es kann nicht wundern, dass ihn und natürlich auch die einflussreichen Klubs wie der FC Bayern München, Bayer 04 Leverkusen, Borussia Dortmund, Werder Bremen oder der FC Schalke 04 ein solches Solo heftig verärgert. Gemeinsam hat die Liga bei Werner Hackmann ein scharfes Kommuniqué in Auftrag gegeben: „Der Präsident hat erklären lassen, dass er das zur Chefsache macht. Das ist aus unserer Sicht nicht in Ordnung.“ Zudem äußerte die DFL „die klare Erwartung, dass der Präsident mit Ottmar Hitzfeld ernsthaft verhandelt“, so Hackmann weiter. Es dürften keine Bedingungen gestellt werden, die Ottmar Hitzfeld eine Zusage unmöglich machten. Das kommt einem Misstrauensvotum gleich und unterstellt, dass Mayer-Vorfelder nur Scheinverhandlungen mit dem allgemeinen Wunschkandidaten führen könnte, jedoch mit dem eigentlichen Ziel, diese mit geheucheltem Bedauern platzen zu lassen, um dann ein eigenes Kaninchen aus dem Zylinder zu zaubern. Dass die Liga nicht die allerhöchste Meinung vom DFB-Präsidenten hat, nun ja, geschenkt, aber dass sie ihn für fähig eines solchen Vertrauensbruchs hält, lässt Rückschlüsse zu auf das Klima im deutschen Fußball zwei Jahre vor der WM im eigenen Land.“

Nationalmannschaft und Bundesliga hängen zusammen. Das ist ein Geben und Nehmen
FR-Interview (29.6.) mit Wolfgang Holzhäuser, Geschäftsführer Bayer Leverkusens

FR: Sie haben Mayer-Vorfelder im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „patriarchalischen Populismus“ vorgeworfen. Was ist damit konkret gemeint?
WH: Unter der Voraussetzung, dass stimmt, was man mir zugetragen hat, nämlich dass Rudi Völler ausdrücklich darum gebeten hat, den Werner Hackmann (Präsident der DFL, Anm. d. Red.) in das Abschlussgespräch einzubeziehen, und Hackmann bis vier Uhr morgens vor der Tür saß, muss ich sagen: Das ist eine Kritik, die sich der Präsident gefallen lassen muss. Das kann sich die Liga nach meiner Auffassung nicht bieten lassen, darüber muss man mit dem DFB-Präsidenten reden.
FR: Völler hat in jener Nacht also darum gebeten, dass Hackmann hinzu kommt, und dieser Bitte ist nicht entsprochen worden?
WH: So ist es mir berichtet worden. Ich gehe davon aus, dass das stimmt.
FR: Was wäre denn nach Ihrer Auffassung jetzt das richtige Procedere bei der Auswahl eines neuen Bundestrainers?
WH: Zunächst muss man mal klarstellen, wer die Einstellungskompetenz hat. Die ist und bleibt beim DFB-Präsidium. Ich würde es allerdings für richtig halten, wenn der Präsident – oder wer auch immer vom Präsidium beauftragt wurde – vor abschließenden Entscheidungen die Bundesliga oder den Lizenzfußball insgesamt in die Meinungsbildung miteinbezieht. Denn es geht nicht allein um die Frage, wer zukünftig Bundestrainer ist. Sondern es kann und muss auch um die Frage gehen, wie die Konzeption rund um die Nationalmannschaft bis 2006, bis zur Weltmeisterschaft in Deutschland, aussehen soll. Und das ist ein Thema, das auch die Bundesliga sehr stark interessiert. Nationalmannschaft und Bundesliga hängen ja kausal zusammen. Das ist ein Geben und Nehmen.

FR-Interview mit Werner Hackmann, DFL-Präsident

FR: Herr Hackmann, Sie haben sich über das Vorgehen von DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder bei der Suche nach einem Nachfolger für Rudi Völler ziemlich verärgert geäußert.
WH: Ich habe mich nicht verärgert geäußert. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass neben allen formalen Kriterien die Liga inhaltlich den Anspruch erhebt, am Findungsprozess für einen Bundestrainer beteiligt zu werden. Das ist bisher nicht geschehen, und darüber habe ich mein Befremden zum Ausdruck gebracht.
FR: Hat sich denn Mayer-Vorfelder nach Rudi Völlers Rücktritt bei Ihnen gemeldet?
WH: Wir haben am Freitag ein einstündiges Gespräch geführt, in dem ich auch die Bitte geäußert habe, die Liga zu beteiligen. Mayer-Vorfelder hat gesagt, er wolle mit Hitzfeld Kontakt aufnehmen. Seitdem habe ich in dieser Angelegenheit nichts mehr gehört.
FR: Wie hat man sich denn eine solche Zusammenarbeit von DFB und Liga konkret vorzustellen?
WH: Nun, es muss ja gar nicht mal darum gehen, an den Gesprächen unbedingt beteiligt zu werden. Aber eine Information über Absichten und Verläufe, die wäre schon wichtig.
FR: Sie wollen also gar nicht zwingend in der Personalfrage mitmischen?
WH: Es ist so, dass ich von einigen Clubs gebeten worden bin zu übermitteln, dass sie sich Ottmar Hitzfeld als neuen Bundestrainer sehr gut vorstellen können – und Christoph Daum weniger.

Leserbriefe an die FR-Sport-Redaktion, Thema: Trainersuche

Thomas Kistner (SZ 29.6.) freut sich mit Markus Merk: „Plötzlich sind wir im Finale, stehen als erste Endspielteilnehmer fest! Markus Merk sei Dank. Der Pfälzer Schiedsrichter verkörpert alles, was die Helden des EM-Alltags auszeichnet: beneidenswerte Fitness, blitzschnelle Auffassungsgabe und ein wohltemperiertes Selbstbewusstsein. Schließlich gilt es bei jedem Auftritt, dem Druck von Millionen Zeitlupe guckenden Fernsehjuroren standzuhalten. Mit dem Typus Merk, so scheint es, haben die modernen Pfeifenmänner ihre Rollensuche abgeschlossen. Waren sie unlängst mit gespreiztem Getue und Gefuchtel noch selbst Zielscheibe unangemessener Aufmerksamkeit, begegnen sie den Profis heute dort, wo es die gelernten Staatsschaupieler am wenigsten mögen: auf Augenhöhe.“

Ballschrank

Absurdes Maß an Disziplin und Unterordnung

Schalke 04 zieht Bilanz, die SZ hört genau zu – Felix Magaths Einstand in Müchen u.v.m.

Bilanzartistik

Wenn Schalke 04 Geschäftszahlen vorlegt, hört die SZ (29.6.) genau zu und sieht genau hin: „Nur mit einem raffinierten Trick konnte der Fußball-Bundesligist seine Bilanz, die Grundlage für die Lizenzerteilung bei der DFL ist, einigermaßen ausgeglichen gestalten. Zur Bilanzaufhübschung diente den Schalkern das abgetakelte Parkstadion. Zum symbolischen Preis von einem Euro hatte die Stadt Gelsenkirchen dem Verein 2003 die ausrangierte Spielstätte verkauft. „Da hat uns die Stadt mal was zukommen lassen“, sagt Schalkes Finanzvorstand Josef Schnusenberg. Die Schalker ließen das Grundstück mit der Stadionruine im Dezember von einem Bochumer Gutachter bewerten. Der taxierte das Areal, auf dem irgendwann einmal zwei Fußballplätze entstehen sollen, als wertvolles Bauerwartungsland mit 15,6 Millionen Euro. Diese Summe ging als Kapital in die neugegründete „Schalke Parkstadion GmbH & Co. KG“ ein – und damit als „außerordentlicher Ertrag“ in die Jahresbilanz des FC Schalke 04. Nur mit diesem windigen Papiergeschäft konnte der Revier-Klub seinen Jahresverlust von knapp 19 Millionen Euro auf 4,1 Millionen Euro verringern. Die Stadt Gelsenkirchen hingegen hatte bei der Veräußerung des Parkstadions lediglich einen Grundstückswert von einer Million Euro errechnet. Genauso hoch sind die geschätzten Abrisskosten, die Schalke 04 mit dem Deal übernommen hat. Aus diesem Nullsummenspiel machte der Verein in seiner Bilanz für 2003 eine satte Einnahme und konnte so seine dramatische Überschuldung von 17,4 Millionen Euro kaschieren und auf 1,8 Millionen Euro drücken. Für Joachim Gassen, Dozent am „Lehrstuhl für internationale Unternehmensrechnung“ der Uni Bochum, sind diese Tricksereien „ein ökonomisches Nullsummenspiel“. Es diene „nur zur besseren bilanziellen Darstellung des Vereins“. Selbst Aufsichtsräte des FC Schalke 04 sprechen von „Bilanzartistik“. Angesichts eines solchen finanziellen Drahtseilakts ist das Team des Bundesligisten in der neuen Saison zum Erfolg verurteilt. „Wenn wir mit dem Spielbetrieb Verluste machen, dann kriegen wir ein Bilanz- und Liquiditätsproblem“, räumt Finanzvorstand Schnusenberg ein. Falls die Mannschaft ähnlich mittelmäßig agiert wie in der vergangenen Saison, droht dem Klub ein finanzielles Desaster.“

Magath vermied die Attitüde des kühlen Starcoaches

Felix Magath beginnt seine Arbeit in München, Josef Kelnberger (SZ 29.6.) berichtet: „„Ich will Meistertrainer werden.“ Das ist eine Aussage von bemerkenswerter Offenheit. Magath vermied die Attitüde des kühlen Starcoaches, der alles schon gesehen und erlebt hat. Die Gelassenheit von Ottmar Hitzfeld im Umgang mit den vielen Expertenstimmen im eigenen Lager, von Beckenbauer bis Hoeneß, will er sich zum Vorbild nehmen. Gerne räumte er ein, dass er bislang weder Kabinen und Trainingsplätze noch Spieler von dieser Qualität vorgesetzt bekam. „Ich freue mich, dass ich endlich einen Verein gefunden habe, der mir die Voraussetzungen bietet, um sagen zu können: Ich will Meister werden.“ Diese Offenheit will er, so scheint es, auch im Umgang mit den Spielern pflegen, schon um das Image des Schleifers zu widerlegen. Er maße sich nicht an, jemanden aus der Ferne zu beurteilen. Und dasselbe, sagte er, habe er auch den Spielern geraten. Sie sollen ihn erst kennen lernen, bevor sie sich ein Bild von ihm machen.“

Elisabeth Schlammerl (FAZ 29.6.) ergänzt: „Magath schien der große Medienandrang an seinem ersten Arbeitstag nicht zu stören, obwohl er eine derartige Aufmerksamkeit bei seinen bisherigen Vereinen nicht gewohnt war. Die Fragestunde an der Säbener Straße schien ihm beinahe Spaß zu machen. Der 50 Jahre alte Franke erinnerte dabei ein bißchen an seinen Vorgänger Ottmar Hitzfeld, weil er ebenso geschickt alle brisanten Fragen umkurvte und sich nicht aus der Reserve locken ließ. Magath wählte nur andere Formulierungen als sein Vorgänger Ottmar Hitzfeld, aber herausgekommen ist genauso viel oder wenig. Für Magath ist der Wechsel vom VfB Stuttgart zum erfolgreichsten deutschen Fußballverein wie die Ankunft nach einer langen Reise. „Ich fühle mich hier zu Hause, weil der Klub die gleichen Ansprüche hat wie ich.“ Die Ansprüche sind, Titel zu gewinnen.“

Wie sollten wir den Nachwuchs fördern? Die taz (29.6.) weiß, wie es nicht geht: „Zwar tobt derzeit ein übler Scheinkampf um die Völler-Nachfolge, gleichzeitig heißt es aber inzwischen, deutscher Fußball sei nur von ganz unten zu heilen. Aber: Wo ist ganz unten, wenn man schon ganz unten ist? Richtig, des Rätsels Lösung lautet: Straßenfußball! Aber: „Wo sind unsere Straßenfußballer“, schreit man allerorten, ganz so, als wäre nichts einfacher, ein paar Wohngegenden der Republik zu autofreien Zonen zu erklären und nach einem Jahr die Talentspäher auszusenden ins Fußballland: „Melde mich hier aus Berlin-Kreuzberg. Ungeheuerlich, der kleine Peer hat einen gewaltigen Wumms, und Murat ist auch nicht schlecht, wir müssten ihn nur noch einbürgern …“ Warum eigentlich sollte man den armen Moppels den Spaß verderben, sie von der Straße holen und in einen Verein zwingen? Die Straßenfußballer meiner Nachbarschaft jedenfalls scheinen mir nicht versessen darauf, um Verkehrshütchen herumzudribbeln und Laufeinheiten zu absolvieren. Sie spielen zu fünft; ihr Ziel ist es, über drei Stationen auf ein Hoftor zu kicken. Das kann Stunden dauern. Wenn sie keine Lust mehr haben, stürzen sie sich auf ihre Fahrräder und jagen wohl hundertmal um den Block. Ein Leistungssportlerleben ist längst nicht so schön, wie ich als ehemalige Schwimmerin weiß. Noch heute bin ich meiner damaligen Freundin Kathrin dankbar dafür, dass sie sich eines Tages beschwerte: Vier wahrhaft ermüdende Trainingseinheiten in der Woche, am Wochenende meistens ein Wettkampf, in den Ferien Trainingslager – wann, wenn ich noch die Hausaufgaben erledigen wollte, war da Zeit für etwas anderes als diesen verdammten Sport? Die viel beschworene Jugendarbeit, aus der unsere zukünftigen Spitzen- und Nationalspieler hervorgehen sollen, erfordert ein absurdes Maß an Disziplin und Unterordnung; einen durchstrukturierten Alltag, der mit normaler Kindheit und Adoleszenz nichts zu tun hat.“

Allgemein

Manchmal kann es von Vorteil sein, erst noch groß werden zu müssen

Tschechien gewinnt auf alle erdenklichen Weisen (SZ) / Dänemark verkauft sich unter Wert (FAZ) u.v.m.

Manchmal kann es von Vorteil sein, erst noch groß werden zu müssen

Wird ein Außenseiter die EM gewinnen, Peter Heß (FAZ 29.6.)? ““Stay hungry“ heißt einer der Low-Budget-Filme, mit denen Arnold Schwarzenegger als unbekannter österreichischer Kraftmeier seine Hollywood-Karriere begann. Der Titel zitiert Schwarzeneggers Erfolgsrezept. Wohin es führte, wissen wir aus den politischen Nachrichten. Tschechien und Portugal haben diesen gesegneten Appetit, weil sie noch nie einen Welt- oder Europameistertitel gewonnen haben, weil es kleinere Länder sind, die einmal Fußball-Geschichte schreiben wollen und jetzt die vielleicht einmalige Gelegenheit dazu haben. In jedem Interview wird deutlich, daß die Profis dieser beiden Länder von ihrer nationalen Verpflichtung durchdrungen sind, daß sie ihre Egoismen weit hinter das Interesse der Mannschaft und der Nation stellen. Manchmal kann es von Vorteil sein, erst noch groß werden zu müssen.“

Tschechien-Dänemark 3:0

Das hat die Mannschaft nicht verdient

Dänemark verkauft sich unter Wert, meint Peter Heß (FAZ 29.6.): “Mit etwas Glück hätte es für die Dänen zum Einzug ins Halbfinale reichen können. Die Begegnung verlief viel ausgeglichener, als es das Resultat verheißt. An einem Tag, an dem Kleinigkeiten entschieden, waren es die paar Zentimeter Körperlänge, die der tschechische „Dino“ Jan Koller (2,02 Meter) seinem dänischen Gegner Martin Laursen (1,91 Meter) voraus ist. Poborsky zirkelte den Eckball punktgenau und unerreichbar für alle anderen auf Kollers erhobenes Haupt. Damit mußten die Dänen ihre Grundordnung aufgeben, um offensiv den Ausgleich anzugehen, was Baros mit zwei Gegentreffern bestrafte. Olsens Maß der Enttäuschung spiegelte die Größe seiner Hoffnungen. Der Däne gilt als einer der forderndsten, kritischsten und anspruchsvollsten Trainer im Geschäft. Wenn ein Perfektionist wie er voller Begeisterung von seiner Mannschaft spricht, unaufgefordert die Möglichkeit des Gewinns des EM-Titels anspricht, dann sagt das eine Menge über die Qualität dieses gescheiterten Teams. In der Vorrunde waren die Skandinavier in allen drei Spielen gegen Italien, Bulgarien und Schweden das bessere Team, obwohl es nur zu einem Sieg und zwei Unentschieden reichte. „Das hat die Mannschaft nicht verdient“, sagte Olsen zum Ausscheiden im Viertelfinale. „Wir haben so guten Fußball gespielt, und dann so etwas. Es ist fürchterlich, aber so ist der Fußball.“ Vielleicht spielt Dänemark ja in zwei Jahren bei der WM in Deutschland auch im Viertelfinale so gut wie in der Vorrunde der EM. Dann kann es doch noch etwas werden mit einem Halbfinale.“

Fülle von Erscheinungsformen

Christoph Biermann (SZ 29.6.) bewundert die Tschechen: „Kühl abwarten und dann eiskalt kontern, gehört auch das zum Repertoire der Tschechen? War gegen Dänemark gar das wahre Gesicht des Teams zu sehen? In den vorangegangen drei Spielen hatten die Tschechen dreimal einen 0:1-Rückstand in einen Sieg verwandelt. „Dass wir erstmals kein Tor hinnehmen mussten und selbst zuerst getroffen haben, hat für uns alles verändert“, erläuterte Torhüter Petr Cech, „wir konnten endlich den Fußball spielen, der uns am besten liegt und mussten nicht einem Rückstand hinterher rennen.“ Ob man nun gegen Dänemark das wahre Tschechien sah oder nicht, unbestreitbar hat kein anderes Team bei diesem Turnier sich in einer solchen Fülle von Erscheinungsformen gezeigt. Gegen Lettland erlebte man einen Kraftakt nebst dem Griff zur Brechstange, gegen Holland eine offene Schlacht und gegen Deutschland entschlüpften sie einem Belagerungsring. Die Variante des geduldigen Lauerns und blitzartiger Erledigung des Gegners gegen Dänemark war die vierte, und es würde kaum wundern, wenn Brückner auch den richtigen Bohrer für den griechischen Beton im Halbfinale finden würde.“

Internationaler Fußball

Meier reibt Salz in Englands Wunden

„die sieben Sünden der französischen Nationalmannschaft“ (Le Figaro) – ein holländischer freistoss – „Rooney, lies ein Buch!“ (Guardian) – „es bereitete Schmerzen, Frankreichs Spiel zuzuschauen“ (Le Monde) u.v.m.

Meier reibt Salz in Englands Wunden

Dem Daily Mirror (29.6.) lässt die Entscheidung von Urs Meier keine Ruhe: „Schiedsrichter Urs Meier, der großen Mist gebaut hatte, erhielt, wie vorhergesehen, Unterstützung von seinen UEFA-Kumpanen. Der Mann, der den späten Siegtreffer von Sol Campbell aberkannte, rieb zudem noch mehr Salz in Englands Wunden, indem er sagte, dass sein letztes Spiel bei dieser Europameisterschaft ein ‚schönes’ gewesen sei. Meier, der für seine haarsträubende und lächerliche Entscheidung bei der UEFA natürlich Rückendeckung erhielt, sagte, dass er mit seiner Leistung in dem Turnier sehr zufrieden und erfreut sei. Der Schweizer sagte: ‚Mein letztes Spiel war ein sehr schönes Match, also ist alles OK für mich. Ich hoffe nur, dass die ganze Welt in der Lage sehen kann, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, und es enttäuscht mich natürlich sehr, dass die englische Presse nicht dazu in der Lage ist, die richtige Entscheidung zu akzeptieren.’“

Die sieben Sünden der französischen Nationalmannschaft

Dominique Pagnoud (Le Figaro 28.6.) erstellt eine alttestamentarische Klage: „Aus der katastrophalen Weltmeisterschaft in Asien haben die Franzosen keine Lehren gezogen und sich nicht ausreichend hinterfragt. Sie haben ihr „kontinentales Zepter“ verloren, ohne den Eindruck zu hinterlassen, sich dagegen zu wehren. Ohne Leben und ohne ein taktisches Konzept irrten diese „verwaschenen Blauhemden“ wie schmerzende Seelen umher. (…) Diese Europameisterschaft hat auf brutalste Weise aufgedeckt, was schon 2002 vorausgesagt worden ist. Hier die sieben Hauptsünden, die die Franzosen vernichtet haben:
1. Selbstgefälligkeit: Eine gewisse Selbstgefälligkeit und ein Mangel an Ehrfurcht haben sich wieder einmal im Geist der Nationalspieler festgesetzt. „Sie haben in keiner Weise gegen uns so gespielt wie gegen England. Sie haben uns von oben herab betrachtet.“, erklärt Dado Prso, kroatischer Nationalspieler. Genau wie 2002 hat sich diese Selbstgefälligkeit mit einer für einen Titelkandidaten unangebrachten Arroganz vermischt. Hinzu kamen fehlende Selbstkritik und mangelndes Urteilsvermögen.
2. Resignation: Hiervon ausgenommen ist lediglich die Ansprache von Zidane im Kroatien-Spiel. „Das war bewundernswert, was er nach dem zweiten Tor der Kroaten machte. Er hat uns im Mittelkreis zusammengeholt und gesagt, dass wir noch genügend Zeit hätten, um auszugleichen. Wir müssten bis zum Ende daran glauben.“, sagt Robert Pires. Die Franzosen dösten gegen die Schweiz und Griechenland vor sich hin. Sie ergaben sich ihrem Schicksal und waren unfähig, den geringst möglichen Widerstand aufkommen zu lassen. Sie zeigten sich unwürdig, Frankreich zu repräsentieren.
3. Verschleiß: moralisch und körperlich. Neben dem „gewichtigen“ Alter, das Marcel Desailly förmlich zu belasten schien, waren auch Olivier Dacourt und Sylvain Wiltord den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Während der Saison verletzt, fehlte ihnen nun auf dem Rasen der Rhythmus. Genauso erging es Vieira und – noch vielmehr – Thierry Henry. Alles in allem war es die Unfähigkeit, Lust und Ehrgeiz in einem überfüllten Terminplan zu finden.
4. Unbeholfenheit: Eine gute Spieleröffnung existierte im Prinzip überhaupt nicht. Dafür gab es eine Unmenge an Fehlpässen, auch von Zidane, „seiner Majestät“. Einem ehemaligen Europameister unwürdiger Abfall.
5. Individualismus: Der Egoismus einiger schadete dem Interesse der Gemeinschaft. Willy Sagnol stimmte dieser These zu: “Verteidigen ist nicht nur Sache der Abwehr. Alle müssen mitmachen, aber manche scheinen dies vergessen zu haben.“
6. Eintönigkeit: An der inzwischen durchsichtigen taktischen Ausrichtung wurde festgehalten. Keiner konnte mehr überrascht werden. Nach der Amtsübernahme von Lemerre blieb Santine dem 4-4-2 treu. Dieses System verlor jedoch völlig seine Wirkung.
7. Bequemlichkeit: Zu verwöhnte Nationalspieler! Durch und durch verdorben von ihren Werbeaufträgen und ihren Millionen, erhielten sie nun auch noch die hübsche Prämie von 69 000 Euro für ihre „brillanten“ Leistungen bei der EM.“

Es wäre klasse, van Nistelrooy zu schlagen

Milan Baros ist der Mann der Stunde, Matt Dickinson (Times 29.6.): „Nachdem Rafael Benitez, neuer Coach bei Liverpool, vermelden konnte, dass es ihm gelungen war, bei einem Besuch im englischen Mannschaftshotel während der Euro 2004 Steven Gerrard dazu zu bewegen, in Liverpool zu bleiben, schlug der Trainer die Gelegenheit aus, sich für 15 Pfund ein Taxi zum Hotel der Tschechen zu nehmen, um seinen Charme auch bei Milan Baros spielen zu lassen. Nun, da er der erfolgreichste Angreifer des Turniers ist, hat er guten Grund dazu, sich zurechtweisen zu lassen und sich entsprechend zu benehmen. (…) Wie auch immer, jedenfalls dürfte Benitez ein wenig beunruhigt und besorgt sein, wenn er sich mit Baros an einen Tisch setzt, nachdem dieser nämlich van Nistelrooy und Wayne Rooney in der Torschützenliste überholt hat und immer noch dazu in der Lage ist, sein Torkonto zu bessern. Dazu sagte Baros gestern: „Es wäre natürlich klasse, van Nistelrooy im Kampf um die Torjägerkrone schlagen zu können, aber eigentlich interessiert mich das alles nicht. Ich will nur, dass unser Team den Titel holt.“ Nachdem die Tschechen vier Siege eingefahren haben und somit das einzige Team mit einer weißen Weste sind, ist es klar, dass sie ein hoch gehandelter Favorit auf den Titel sind (…) Am Donnerstag bekommen es die Tschechen mit der defensiven Unerbittlichkeit der Griechen zu tun, aber nachdem sie die letzten neun Pflichtspiele siegte, sieht vieles danach aus, dass sie den Triumph von 1976, als sie Deutschland die erste und einzige Niederlage in einem Elfmeterschießen zufügten, wiederholen werden.“

Die holländische Mannschaft ist in deutscher Art in das Halbfinale hinein geschlichen

Unser Korrespondent Henk Mees macht einen holländischen freistoss: (Henk, was heißt eigentlich freistoss auf holländisch?)
Der deutsche Geist lebt weiter bei der EM – in Orange gehüllt. Es sind die Holländer, die mit ‘deutschem Glück’ und ohne Glanz bis ins Halbfinale vorgerückt sind. ‘Wie die neuen Deutschen hat Oranje eine imponierende Ausstrahlung’, heißt der Titel des Artikels, in dem Chris van Nijnatten (Algemeen Dagblad 28.6) der holländischen Erfolg analysiert. ,,Man könnte sagen, dass die holländische Mannschaft in deutscher Art in das Halbfinale hinein geschlichen ist. Ein Spiel gut, der Rest viel Glück. Wir kennen und verachten das Szenario von unseren Nachbarn und gestalten es jetzt selbst. Es ist aber mehr als Glück allein. Es gibt auch ein Fundament, gebildet von einer Mischung von frischem Elan und neue Entschlossenheit. Die Jugend in der Auswahl Dick Advocaats hat uns überzeugt, als die alle ihre Finger gehoben haben, auf die Frage, wer sich mit einem Elfmeter beteiligen möchte. Am späten Abend zeigten sie ihren ganzen Mut, mit Robben in der Hauptrolle. Der große Gewinn der Holländer, außer dem EM-Ergebnis, ist dem Dienstwillen der Spieler geschuldet – das, was immer die Schwäche der Mannschaft war. Advocaat und seine Kollegen sind verantwortlich für diesen Gruppenprozess, was dazu geführt hat, dass die Mannschaft jetzt eine ‘fighting machine’ ist. Daher resultiert Vertrauen, mit dem man das Glück auf seine Seite zwingt.”
Hört, hört! Kolumnist Hugo Borst versucht, im Algemeen Dagblad zu erklären, woher dieser Teamgeist kommt. ,,Ich glaube dass die Wende mit der sporthistorischen Auswechslung von Robben kam. Der kollektive Wutausbruch über Advocaat hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Auch alle wichtige Spieler haben diese Maßnahme nicht verstanden, aber dass Volk und Medien so frontal gegen den Bondscoach vorgegangen, haben sie nicht akzeptiert. Nur frage ich mich noch: Geschieht das aus Respekt oder aus Mitleid?”
Was Johan Cruijff im Fernsehen verschwieg, versteckt er nicht mehr in seiner Analyse im Telegraaf (28.6). ,,Das Spiel von Holland hatte zu viel Leerlauf. Der Raum zwischen den Linien war viel zu groß, das Tempo des Balles zu langsam, und es wurde zu wenig auf die einzelne Qualitäten der Spieler geachtet. Deshalb verstehe ich gar nicht, dass einer wie Wesley Sneijder so viel Zeit auf der Bank verbringen muss. Auch gegen Schweden fehlten seine Pässe Richtung Sturm und seine Schüsse aus der zweiten Reihe. Da blieb das ganze Mittelfeld weit vom optimalen Niveau. Gerade gegen Portugal, das viel Ballbesitz im Mittelfeld bevorzugt, werden wir so Probleme bekommen. Im Halbfinale müssen wir andere Qualitäten zeigen als gegen Schweden.”

Oranje vertreibt endlich die Sorgen

Paul Onkenhout (Volkskrant 28.6.): „Am ehesten ins Auge fiel die Abrechnung mit dem Elfmetertrauma, ein Virus, der das Nationalteam seit 1992 verfolgte. Vielleicht noch auffallender war allerdings die Geschlossenheit, die Mannschaft und Begleiter demonstrieren. Die Elf zeigt immer noch einige Mängel, technisch und taktisch, aber der Terror des Eigennutzes hat endlich ein Ende gefunden.“

Als die neuen Deutschen haben die Oranje-Elf eine imponierende Ausstrahlung

Chris van Nijnatten (Algemeen Dagblad 28.6.): „Da wir die neuen Deutschen sind, ist es einfacher und weniger quälend, eine Analyse des Erfolges zu betreiben. Ein näherer Blick lehrt allerdings, dass es mehr als Glück allein ist. Darunter liegt ein Fundament, gegossen aus der richtigen Mischung von jugendlichem Elan und einer neuen Entschlossenheit. Die Jugend in der Auswahl von Dick Advocaat hat sich am Samstag allemal bewiesen. Der verwandelten Elfmeter von Arjen Robben brachte ihm einen Platz auf dem Ehrenpodest, wo der wartende Van der Sar ihn in die Arme schloss. Dies symbolisierte die Vereinigung von Alt und Jung und besiegelte eine neue Hierarchie in der holländischen Elf. Das hat nicht so viel mit sichtbaren Führungsrollen zu tun, sondern mehr mit Verteilung von Verantwortung.“

Rooney, lies ein Buch!

John Rawling (The Guardian 28.6.) berichtet vom Rummel um Wayne Rooney und gibt ihm einen Tipp: „Voraussichtlich wird Wayne Rooney, während er seine Füße hochlegt, genug Zeit zur Verfügung haben, stets in der Hoffnung, dass der im britischen Sport meist diskutierte Knochenbruch, rechtzeitig zur neuen Saison heilt. Wenn er sich den Zeitungsartikeln entziehen kann, die seine Leistungen feiern, wäre es gar nicht verkehrt, ein paar Stunden damit zu verbringen, die gerade publizierte Autobiographie von Paul Gascoigne zu lesen. Denn nicht nur ist es ein unterhaltsames Buch, das von Gazza mit einer fast schon angstauslösenden Ehrlichkeit erzählt wird, es könnte Rooney auch die eine oder andere Sache beibringen, während er sich sonnt in der Wärme der lächerlichsten Übertreibung der Medien – seit eben diesem Gascoigne.“

Inter Bratislava

Was steht in der Vitrine Karel Brückners, Dominic Fifield (The Guardian 28.6.)? „Ein einziger slowakischer Pokal mit Inter Bratislava, gewonnen im Elfmeterschießen vor ungefähr neun Jahren. Es könnte jedoch sein, dass diese magere Ausbeute kurz davor steht, ausgebaut zu werden.“

Strafstoss

Strafstoß #14 – Reine Nervensache 3 – Stoßgebete in Super Mario World

von Herrn Bieber und Herrn Mertens

Christoph Bieber: Wenn Sie eine Standardsituation wären, Herr Mertens, welche wären Sie?

Mathias Mertens: Tja, Herr Bieber, da werde ich Sie jetzt überraschen, weil ich keine langen historischen und allgemeinen taxonomischen Erörterungen brauche. Ich würde ein Eckstoß sein wollen.

CB: Bravo, Herr Mertens, das nenne ich eine schnörkellose und direkte Spielweise. Doch Sie haben ja sicher schon geahnt, dass ich alles tun werde, um den Ball noch eine Weile im Spiel zu halten. Nun, bekanntlich ist der Eckstoß Paragraph 17 der Fußballregeln als eine „Spielfortsetzung“ definiert. Erlauben Sie mir daher eine kleine Nachfrage: Warum möchten Sie ein Eck-Stoß sein und kein Eck-Ball?

MM: Ich wäre schon sehr enttäuscht gewesen, wenn Sie sich nicht auch beim Fragenstellen als Taxonomiker erwiesen hätten. Aber diesmal scheinen Sie ins Leere zu rennen. Da liegt nun Paragraph 17 der Fußballregeln vor mir, und ich finde darin ausschließlich den Eckstoß beschrieben. Einen Eckball dagegen nicht.

CB: Hm, einen Eckball gibt es also nicht. Dann, Herr Mertens, erklären Sie mir doch bitte die 44.000 google-Einträge für „Eckball“ gegenüber den bescheidenen 5.000 für „Eckstoß“.

MM: Na ja, unter den 43.200 Einträgen muss ich Sachen wie „Eckball-toaster in der fritoise? Muß das sein?“ lesen, bei den 5010 Einträgen handeln gleich die ersten fünf vom Paragraph 17 der internationalen Fußballregeln. Was ich damit sagen will? Auch wenn alle „Lübien“ sagen, ist damit das richtige „Libüen“ nicht falsch. Was ich damit sagen will? Ein Eckstoß ist ein Eckball ist ein Eckstoß, wie es Gertrude Stein sagen würde. Bloß weil ein Ball dabei ist, darf der Stoß nicht übersehen werden. Beziehungsweise der Ball ist immer da, in jeder Situation des Spiels, der Stoß dagegen nur gelegentlich.

CB: Angesichts solch messerscharfer Entgegnungen wundert es mich eigentlich, dass sie keine trickreiche „Abseitsfalle“ sein mögen, sondern nur ein Allerwelt-Eckstoß. Warum so bescheiden?

MM: Interessante Sichtweise. Andere können die eigene Person ja immer besser einschätzen als man selbst. Aber es geht ja nicht um die Realität, sondern um das, was ich, wenn ich könnte, sein wollte. Die Abseitsfalle mag kunst- und anspruchsvoll sein, aber ihr Ziel ist doch, dass nichts passiert. Der Eckstoß dagegen, wie Sie schon richtig recherchierten, ist eine Spielfortsetzung aus der, so heißt es weiter, „für die ausführende Mannschaft ein Tor direkt erzielt werden“ kann. So soll mein Leben sein. Alles starrt gebannt auf mich, ich lege alles zurecht, und obwohl sich alle auf mich einstellen konnten und sich vollständig versammelt haben, gleite ich mühelos durch alles hindurch, setze vielleicht noch einmal auf, verändere aufgrund meines Spins die Richtung und tropfe ungehindert hinter die Torlinie. 50 Augen plus X können mir nur zuschauen, niemand hat einen Fehler gemacht, und doch war nichts möglich gegen mich. War das unbescheiden genug?

CB: Dazu zwei Anmerkungen – die Ecke als Standardsituation dient wohl wie keine zweite dazu, Spiele, in denen sonst nichts passiert, wiederzubeleben (das gilt auch in Bezug auf „die ausführende Mannschaft“). Und: Direkt verwandelte Ecken resultieren stets aus den Fehlern der Gegner, besonders des Torwarts. Ich erkenne durchaus noch Bescheidenheitsreste, Herr Mertens. (nebenbei – die FAZ braucht Nachhilfe: „Poborsky zirkelte den EckBALL punktgenau und unerreichbar für alle anderen auf Kollers erhobenes Haupt.“)

MM: Sie beschreiben genau den heroischen Aspekt des Eckstoßes, der mir so zusagt. Alles scheint verfahren, die Weltläufte stagnieren, da erscheint die historische Gestalt, erschafft ein neues Paradigma, und schlagartig ist wieder eine Entwicklung begonnen. Wer will ein Freistoß in der eigenen Hälfte sein? Oder ein Elfmeter, von dem man nichts anderes erwartet, als dass er reingeht? Oder, dass er nicht reingeht, denn das wäre das Außergewöhnliche. Leider wieder Etwas, was Nichts als Resultat hat. Lasst mich also eine Ecke von Basler sein! Ich könnte mich zufrieden ob meiner Lebensleistung zurücklehnen.

CB: Schön gesagt, Herr Mertens. Im übrigen würde sich Herr Basler an Ihrer Wahl erfreuen, denn Super Mario wusste sehr wohl, welche Last er, zur Ecke gedrängt, als historische Gestalt, zu schultern hatte: „Ich bin wieder derjenige, der wo alles ausbaden muss.“

Montag, 28. Juni 2004

Vermischtes

Europa ist rund

Dirk Schümer (FAS) macht ernst: Europas Wirklichkeit vollzieht sich in Portugal, „Europa ist rund“ – „Otto Zeus, geb. Rehhagel“ (SZ/Streiflicht) – Real Madrid ist der Verlierer der EM (NZZ) u.v.m.

Die Anrufung des runden Gottes ist die gemeinsame Basis

„Europa ist rund“; Dirk Schümer (FAS/Feuilleton 27.6.) hat genug von Brüssels Bürokratie und spürt statt dessen in Portugal den „Vollzug der europäischen Wirklichkeit“: „Jahrelang stritten sich Europas Politiker über eine Verfassung und nahmen nicht wahr, daß es bereits eine gibt: Die Statuten der Uefa. Denn erst mit dem sportlichen Präfix ergibt die mühselige Nachkriegsordnung des Alten Kontinents einen Sinn, wird sie tragfähig auch für die heranwachsenden Generationen, die von der Milchordnung und den Fischereiquoten nichts, aber von der Europameisterschafts-Qualifikation, vom Bosman-Urteil und der Champions League alles begriffen haben. Und darum war es historisch auch alles andere als zufällig, daß die späte Brüsseler Einigung auf eine Europäische Verfassung und die Europawahl mit dem eigentlichen Ereignis zusammenfielen, nämlich der grandiosen Europameisterschaft. Hätten sich bei den Europawahlen auch nur annähernd so viele Bürger beteiligt, wie jetzt Abend für Abend von den Azoren bis Anatolien vor den Fernsehgeräten sitzen – das Europaparlament würde alle nationalen Volksvertretungen grandios in den Schatten stellen. Es scheint merkwürdig, doch während der Politik es kaum gelingt, die nationalen Belange und Diskurse zu überschreiten, schafft dies der Fußball mühelos. Wer sonst nur die knorrige Bundesliga liebte, wird nach dem Genuß fabelhaft schöner Europadramen den provinziellen deutschen Markt fortan mit Verachtung links liegenlassen und seinen Horizont europäisch erweitern. Die Sonntagsreden der Politiker über den europäischen Wettbewerb, über das Ende des Chauvinismus werden erst beim Fußball verständlich. Beim Jonglieren mit dem Ball wird auch dem Dümmsten und Verstocktesten evident, daß sich auf diesem Kontinent wundervolle Traditionen und Kunstfertigkeiten herausgebildet haben, die kein nationaler Markt allein liefern könnte. (…) Die einstigen Machtinteressen stoßen symbolisch und gezähmt aufeinander, werden ausagiert im Miteinander. Dieser spielerische Nationalismus im postnationalen Zeitalter bedeutet zivilisatorischen Fortschritt. Früher wurde Deutschland erheblich schmerzhafter aus der Liga der europäischen Großmächte herauskatapultiert als diese Woche von Tschechien. (…) Ein Gottesbezug ließ sich in Europas Verfassung nicht durchsetzen. Die Anrufung des runden Gottes Fußball ist die gemeinsame Basis.“

Die Sehnsucht nach den gleichmäßigen Schmerzen einer Dauerwerbesendung

Harald Staun (FAS/Feuilleton 27.6.) stöhnt: „Wer von Folter-TV spricht, darf vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht schweigen, auch wenn die Opfer gar nicht im Fernsehen zu sehen sind: Es sind die Zuschauer. Weil sie nach 20 Uhr keine Werbung mehr machen dürfen, haben sich ARD und ZDF in ein Format verliebt, das mit wenig Aufwand riesige Qualen verursacht: das Gewinnspiel. Die Übel aus zwei Welten kommen hier zusammen, die Penetranz der Werbung und der Sadismus eines redaktionellen Anstrichs, und natürlich sieht das Ergebnis nicht aus wie ein Massenmörder, sondern wie ein Maskottchen. Paolo heißt die Kreatur, die sich das ZDF ausgedacht hat, damit T-Mobile ein paar Handyverträge mehr verkauft. Paolo hat alles, was ein Sympathieträger braucht: eine lustige Mütze, Dreitagebart, Tolpatschigkeit und einen portugiesischen Akzent, kurz: Er ist der perfekte Peiniger. Paolo fragt nach all den unwichtigen Dingen, die man als Fußballfan halt so weiß, wie hoch die Eckfahne ist oder wer in der Halbzeitpause auf den Ball aufpaßt. Seine Grausamkeit liegt im Timing: Wenn alle Werbeblöcke überstanden sind, Beckenbauer ruhiggestellt ist und man den Anpfiff schon zu hören glaubt, wenn man also als Fußballfan, als Opfer seiner Leidenschaft, bereits am Boden liegt: dann tritt das ZDF noch einmal drauf. Es ist ein kurzer Schlag, zu schnell, um ihm auszuweichen, zu schnell vorbei, um zurückzuschlagen. Was bleibt, ist die Paranoia, jederzeit wieder getroffen werden zu können, und die Sehnsucht nach den gleichmäßigen Schmerzen einer Dauerwerbesendung.“

Beim Zahn des Zeus!

Von wegen Deutschland sei ausgeschieden – Benjamin Henrichs (SZ/Medien 29.6.): „Wohl jeder Mensch (männlich) hat dies in seinen Kindertagen erlebt: Er kommt an eine grüne Wiese, er sieht dort andere Knaben Fußball spielen. Er stellt sich an den Spielfeldrand. Und nun geht es ihm wie dem Fischer in Goethes Gedicht. Das Herz wächst ihm so sehnsuchtsvoll wie bei der Liebsten Gruß. Der Knabe wartet: dass einer kommt und ihn auffordert, mitzuspielen. Oder dass nun eine gestrenge Mutter erscheint und eines der Fußballkinder („Du kommst jetzt sofort nach Hause!“) vom Rasen holt. Dann wäre ein Platz als Einwechselspieler frei. Immer schreiben die anderen den Leitartikel, denkt der Journalist, und wie oft verschießen sie ihn! (…) Die Deutschen spielen nicht mehr mit. Kahn ist weg, Rudi ist raus, alles ist aus. Aber man kann jetzt nicht einfach traurig dahocken, man muss etwas tun. Wer nicht verzweifeln will, sucht sich Ersatz. Der Knabe damals, wenn man ihn nicht mitspielen ließ, machte sich als Balljunge nützlich. Oder bot seine Dienste als Schiedsrichter an. Und damit sind wir endlich im Hier und Heute angekommen, bei unserem neuen Retter, Schiedsrichter Merk, Kaiserslautern, Beruf Zahnarzt. Tagelang fieberte ganz Fußballdeutschland: Pfeift Merk das Endspiel, pfeift er es nicht? Jetzt, kurz vor Dienstschluss des Kolumnisten, kommt die beglückende Nachricht: Er pfeift! Markus Merk, der Schiedsrichter der Herzen. (…) Vielleicht erreichen ja beide Heldenmänner, Rehhagel und Merk, das Endspiel. Dann wären die Deutschen, eben noch am Boden, fast schon wieder das glücklichste Volk der Welt. Beim Zahn des Zeus!“

Martin Hägele (NZZ 29.6.) hält Real Madrid für den großen Verlierer der EM: „Nur Figo war in die Real-Krise nicht involviert. Einem Vertrauten erzählte er, wie dankbar er über seine körperliche und mentale Verfassung sei und dass es ihm so viel besser ergehe als den anderen Real-Stars. Portugals oberster Fussball-Repräsentant hatte seine Lektion aus dem WM-Desaster gelernt. Statt die verletzte Achillessehne operieren zu lassen, versuchte Figo 2002 die Schwellung des rechten Fusses zu verbergen. Er zwängte ihn in einen Schuh, dessen hinterer Teil zwei Nummern grösser war – und wie ein Fusskranker spielte Figo sodann auch in Korea. Im Leiden übrigens vereint mit den Klubkollegen Zidane und Raúl sowie dem späteren „Königlichen“ Beckham. Entweder waren die Stars verletzt oder körperlich geschwächt vom strengen Alltag in den 20er-Klassen Englands und Spaniens, von den Höchstbelastungen der Champions League sowie jeder Menge Show-Engagements. Auf Raúls Tacho standen am Ende jener Saison 2001/02 schon 1500 Spiel-Kilometer. Die Hälfte wäre normal und vernünftig gewesen. Leider kommen Athleten meist erst sehr spät zu Vernunft, wenn es um die Einschätzung ihrer Kräfte geht. Andererseits bezahlt die königliche Traumfabrik den Big Five der Branche deren Hollywood-Gagen auch explizit dafür, dass sie die Real-Marke ständig durch die Märkte dieser Welt tragen – im Bernabeu-Stadion, kreuz und quer in spanischen oder europäischen Arenen und möglichst noch ein paarmal rund um den Globus. Kein Programm jedenfalls, das die Bedürfnisse des Sportlers berücksichtigt und die körperlichen Voraussetzungen schafft für Auftritte auf höchstem Niveau. Zidane hat sich zwar mokiert auf der fünfwöchigen Welttournee im letzten Sommer, dass es keine richtige Saisonvorbereitung sei und auch nicht unbedingt im Sinne des Fussballs, wenn die Sportplätze auf mehrere Kontinente verteilt seien und schon im Training in Tokio oder Schanghai 60 000 Zuschauer abkassiert würden. Beckham schiebt erst jetzt seine mangelnde Fitness auf die lockere Art, wie im berühmtesten und erfolgreichsten Fussballklub geübt werde (…) Der Weltbewegung Fussball und besonders deren Angehörigen in den Traditionsländern England, Frankreich und Spanien könnte nun eine Petition an Real-Präsident Nuñez helfen, eingereicht und vorgetragen von den leitenden Angestellten Zidane, Raúl und Beckham, mit der Bitte um erfolgsorientierte Arbeitsbedingungen und ein bisschen weniger globales Marketingdenken im Konzern.“

Er, der Gott, war jahrelang unter uns, und wir haben’s nicht gemerkt

Das Streiflicht (SZ 28.6.) verfasst eine deutsch-griechische Mythologie: „Die Athener Zeitschrift Goal News behauptet, die Götter seien wieder auf dem Olymp und der neue Zeus heiße Otto. Also Otto Zeus, geb. Rehhagel? Das gerade nicht, da Zeus kein Nachname war, sondern eher ein Vorname, wenn nicht sogar eine Art Markenname. So oder so: Man wird, um den neuen Zeus würdigen zu können, auf die Trainerqualitäten des alten ein Auge werfen müssen. Das Team, das früher auf dem Olymp spielte, war ja zuzeiten ein, mit Verlaub, richtiger Sauhaufen. Man denke nur an Zeus“ Gattin Hera, eine Führungsspielerin immerhin, die sich in ihren ständigen Fouls gegen Herakles dermaßen vergaß, dass Zeus sie eine Weile an den Himmel hängte und ihre Füße mit einem Amboss beschwerte. Selten wurde im Olymp die rote Karte härter und, wie man mit Blick auf manche der heutigen Fouls sagen muss, mustergültiger vergeben. „Das ist vielleicht ein Otto“, soll der stets vorlaute Hermes damals gesagt haben, ein Ondit, das sich uns erst im Hinblick auf Rehhagel in seiner ganzen Hellsichtigkeit erschließt. Zeus war ein Meister der Mimikry, vor allem bei seinen Amouren. Der Europa nahte er sich als Stier, zu Leda gesellte er sich als Schwan, und was die schöne Danaë anging, die ihr Vater in einen Turm gesperrt hatte, so verführte er sie in Gestalt eines Goldregens. Wie immer das gegangen sein mag: Es war erfolgreich, denn Danaë gebar ihm den Helden Perseus. Könnte es im Lichte dieser Überlieferung nicht sein, dass Rehhagel gar kein neuer Zeus ist, sondern der alte in all seiner Raffinesse? Wäre dem so, dann müsste man seine Trainerjobs, vom FV Rockenhausen bis herauf zum 1. FC Kaiserslautern, als Varianten einer langen Maskerade werten. Wir Deutschen aber könnten sagen: Er, der Gott, war jahrelang unter uns, und wir haben’s nicht gemerkt.“

Hartmann nochmal in die Journalistenschule und Rehhagel in die Nationalmannschaft

Rehhagel hat uns allen was voraus, berichtet Hans Werner Kilz (SZ/Medien 28.6.): „Nach zwei Wochen Fernsehen rundet sich das Bild: Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kann nur werden, wer auch die Medien beherrscht. Lothar Matthäus? Scheidet aus! Seine Weisheiten sind allein im Ausland zu vermitteln, weil sie dort Dolmetscher brauchen, um einen Sinn zu ergeben und nur übersetzt so klingen, als seien die Sätze ordentlich aus Subjekt, Prädikat und Objekt gebildet. (…) Bleibt einer, der die Medien beherrscht und den die Medien gerade deshalb nicht wollen: Otto Rehhagel. Wer sein Interview mit dem Sportreporter Waldemar Hartmann, genannt „Waldi“, nach dem triumphalen Sieg über Frankreich gesehen hat, weiß, wo beide jetzt hin gehören: Hartmann nochmal in die Journalistenschule und Rehhagel in die Nationalmannschaft. „Sie können doch einem alten Fuhrmann nicht das Peitschen beibringen“, mokierte sich der Erfolgstrainer über die vordergründig-einfallslosen Fragen Hartmanns. In diesem Gespräch, erkannte ARD-Analytiker Günter Netzer, war Rehhagel „besser, als seine Mannschaft Fußball gespielt hat“. Schon wieder dieser Hochmut, den alle Sportkommentatoren reflexartig an den Tag legen, wenn sie über Rehhagel reden oder schreiben. „Der underdog hat es geschafft“, schrie Spielbeobachter Steffen Simon respektlos ins Mikrophon, und Studioplauderer Gerhard Delling empfahl, Rehhagel möge „noch zwei Spiel machen und dann zurücktreten“. So kennt Rehhagel die Journalisten: “Das sind bösartige Leute“, sagt er, „denen habe ich ab und zu mal die Meinung gesagt.“ Recht so. Und wenn er nach zwei weiteren Spielen als Europameister heimkehrt, wird er den Deutschen erklären, wie er aus Kleinen ganz Große machen kann: mit „ein bisschen demokratischer Diktatur“, hat er verraten. Und das im Mutterland der Demokratie! DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, dem in seiner Stuttgarter Ministerzeit demokratische Verhaltensweisen nicht fremd waren, sollte sich beeilen.“

Er hat eine griechische Seele

Die SZ (29.6.) meldet: „Otto Rehhagel soll die griechische Staatsbürgerschaft erhalten. Das erklärte Georgios Voulgarakis, zuständiger Minister für Öffentliche Ordnung der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia (ND), mit Blick auf die Erfolge des deutschen Trainers mit der Nationalelf des Landes. „Ich würde vorschlagen, Rehhagel zum Griechen zu machen. Er hat eine griechische Seele. Wenn er will und den Vorschlag annimmt, kann ihm die Staatsbürgerschaft verliehen werden. Es reicht, wenn alle gesetzlichen Prozeduren eingehalten werden“, sagte er. Was passiert erst, wenn die Griechen im Halbfinale gegen Tschechien gewinnen? Wird ein Platz im Götterhimmel frei geräumt?“

Diese Schallplatte ist verkratzt

Christoph Biermann (SZ 29.6.) kann das Sprachengewirr nicht entknoten: „Die Stimme seines Herren ist Jaroslav Dudl jedoch mit großer Ernsthaftigkeit, wenn er nach den Spielen bei dieser EM die Äußerungen von Trainer Karel Brückner ins Englische überträgt. „Das Spiel der Teile hat spezielle Regeln“, gibt also Herr Dudl seinen Coach wieder und fügt an, dass dabei zunächst der erste Teil kommt. Also die erste Halbzeit? Nein, denn es gibt auch einen zweiten, einen dritten und mitunter noch mehr Teile. Hm? Da fliegen die Fragezeichen durch den Raum und erneut wird der Tag verdammt, an dem der Mensch den Bau des Turms zu Babel begann und von Gott mit unterschiedlichen Sprachen gestraft wurde. Es sei schon im Tschechischen schwer zu verstehen, was er sagt, gibt Herr Dudl zu, doch Karel Brückner ist scheinbar nicht der einzige Unübersetzbare dieses Turniers, in dem oft ein alter Sketch von Monty Python nachgestellt wird. Dort kommt ein Ungar mit einem Wörterbuch, bei dem die Phrasen vertauscht sind, in einen Zigarettenladen. „Diese Schallplatte ist verkratzt“, sagt er zur Begrüßung, was nur der Auftakt zu größter Konfusion ist und schließlich in Handgreiflichkeiten endet.“

Texte eines Geschlagenen

Holger Gertz (SZ 28.6.) fühlt sich klein und kleiner: „Unsereiner allerdings trägt die Akkreditierungskarte inzwischen als Abzeichen der Schmach. Das liegt daran, dass darauf jenes Land vermerkt ist, in dessen Auftrag der Träger hier arbeitet. Bei Otto, rechtzeitig ausgewandert, ist das inzwischen Griechenland, bei uns immer noch Germany, kurz GER. Dieses Kürzel löst nur noch Mitleid aus, bei den Ordnern am Eingang des Stadions, die einen so halb lächelnd anschauen, bei den Kontrolleuren im Pressezentrum, die einem sanft auf die Schulter klopfen, bei der Frau gestern am Schalter der Shuttle-Busse: Sie las GER und fragte, warum man immer noch hier sei, es sei doch längst vorbei mit GER, warum man nicht längst dort sei, wo man hingehört, daheim bei den Hamännern und Baumännern. Man kommt sich allmählich vor wie einer, der auf einer Party rumsteht, ohne eingeladen zu sein. Und – um einmal persönlich zu werden: Es macht sich nicht gut, wenn man als Reporter aus GER dieses GER auch noch klein im Vornamen trägt und ziemlich groß im Nachnamen. Da ist man gleich doppelt und dreifach stigmatisiert als Germane, rumpelfüßig, schwach im Abschluss. (…) Es ist nicht mehr auszuhalten. Alle grinsen, wenn man kommt, alle glucksen, wenn man geht, alle bringen einem Taschentücher, wenn man weinend vor seinem Laptop sitzt und Kolumnen hineintippt – Texte eines Geschlagenen. “

Gerhard Stadelmaier (FAZ/Feuilleton 28.6.) schreibt übers Theater – und nimmt sich die richtigen Vorbilder: „Es war einer der folgenreichsten Doppelpässe der Welttheatergeschichte, als sich im Jahr 534 vor Christus der griechische Mythen-Stürmer Thespis (damals noch nicht von Otto Rehhagel, sondern von Rudi Dionysos trainiert) von der Chor-Viererkette löste und den Ball steil nach vorne spielte – zu einem gegnerischen Spieler, den die anderen bis jetzt gar nicht wahrgenommen hatten, der den komischen Namen „Gott“ trug und nun gezwungen wurde, mit dem Angreifer Thespis um den Ball zu rangeln, zu tricksen, zu grätschen und zu täuschen – so lange, bis einer von beiden zum Schuß aufs Tor kam. So wurde in Europa das Drama durch die Spieltechnik des Dialogs und die Kampftaktik des Konflikts erfunden. Wenn nun also in den letzten zehn Tagen in Wiesbaden und Frankfurt die sogenannte Theaterbiennale titelgemäß achtundzwanzig „Neue Stücke aus Europa“ gezeigt hat, hätte man mitten in des Dramas eigenem Kontinent ja mindestens achtundzwanzig Konflikte erleben müssen: achtundzwanzigmal Spitz auf Knopf, Leben oder Tod. Man erlebte keinen einzigen. Das gerecht-ungerechte Fazit dieser Europameisterschaft der Stück-Kunst lautet: Ganz Europa hat sich vom Drama, also von der Auseinandersetzung mit Gott und der Welt, verabschiedet. Keine Figuren mehr, die hergestellt oder entwickelt werden, allenfalls Kommentare, Behauptungen, Berichte zu Figurenähnlichem, gerne begleitet von Musik (vorzugsweise Cello). Der Kick dieser undramatischen Dramen-Europameisterschaft liegt in der Weigerung, Tore zu schießen, also Konflikte sieg- oder verlustreich auszutragen. Jedes Spiel ein Spiel ohne Ball.“

Die SZ (28.6.) teilt mit: „Nicht mehr so hoch im Kurs steht Fígo im Vergleich zum Turnierbeginn auch bei Portugals Schwulen. In einer Umfrage auf der Internetseite portugalgay.pt rutschte der Madrilene vom ersten auf den fünften Platz mit neun Prozent Stimmen ab. Die Spitzenposition eroberte Cristiano Ronaldo von Manchester United (14) vor Nuno Gomes (13) und Torjäger Pauleta (12). Spielmacher Deco, dem nicht das beste Verhältnis zu Spielführer Figo nachgesagt wird, landete mit nur 2 Prozent weit abgeschlagen.“

Allgemein

Alle Shooting Stars der EM

Hat diese Europameisterschaft eine neue Generation von Stars zu Tage gefördert? Die FR stellt unter dem Titel Jugend forsch alle Shooting Stars der EM vor!

Deutsche Elf

Rudolf hat sich bemüht

„man spricht Deutsch in der Bundesliga, und das klingt zunehmend provinziell“ (Spiegel) – „Ottmar Hitzfeld sieht die Gefahr, inmitten politischer Interessen zerrieben zu werden“ (FAZ) / Ottmar Hitzfeld und Gerhard Mayer-Vorfelder verstehen sich nicht besonders gut (NZZ) u.v.m.

Also, Ottmar Hitzfeld, unterschreiben Sie

Gerhard Mayer-Vorfelder und Ottmar Hitzfeld sind schon häufig aneinander geraten, weiß Martin Hägele (NZZ 28.6.): „Vor dem momentanen Hintergrund scheint interessant, dass sich Mayer-Vorfelder schon Mitte der achtziger und auch Mitte der neunziger Jahre bereits zweimal mit Ottmar Hitzfeld an einen Tisch gesetzt hat. Und jedes Mal wurde der ehemalige Goalgetter der VfB-Aufstiegsmannschaft von 1977 von Mayer-Vorfelder anschliessend düpiert. Das erste Mal erfand MV die Geschichte, wonach Aaraus Präsident eine Million Ablöse für den jungen Erfolgstrainer verlange; das zweite Mal lancierte der VfB-Funktionär überzogene Gehaltsforderungen Hitzfelds in den Medien. Beide Male hat Hitzfeld die Fäuste in den Taschen geballt, ohnmächtig gegenüber den Intrigen, „weil man sich mit diesem Mann nicht anlegen kann, wenn man im deutschen Fussball nach oben will“. Diese leidvollen Erfahrungen mit dem Machtmenschen sind ein Grund dafür, dass Hitzfeld, der am Wochenende von Mayer-Vorfelder kontaktiert worden ist, die Chancen für eine Vertragsunterschrift mit „unter 50 Prozent“ bezeichnet. Sollte der vom FC Bayern freigestellte Coach tatsächlich am Montag nach Lissabon fliegen, könnte er im Uefa-Hotel die Bedingungen diktieren – und sich sogar das absolute Vertrauen Mayer-Vorfelders schwarz auf weiss festschreiben lassen. Der Plan von MV, im Falle von Hitzfelds Absage in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Daum zu inthronisieren, ist schneller aufgeflogen, als er geglaubt hatte. Die Bundesliga und alle vernünftigen Stimmen im deutschen Fussball stehen wie eine moralische Phalanx gegen den DFB-Präsidenten sowie dessen Lieblingstrainer. Christoph Schickhardt, der Anwalt von Hitzfeld, glaubt sogar, „dass die DFL den Grundlagenvertrag mit dem DFB aufhebt“, falls Mayer-Vorfelder auf Daum beharre. Andererseits ist der Funktionär auch Populist und will seine Wiederwahl in den Bundestag im Oktober nicht gefährden. Der Posten des Nationaltrainers verträgt keine dubiose Figur; Daum ist nicht nur deshalb ungeeignet, weil er ein ganzes Land für dumm verkauft und belogen hat. In seinem Wahn, Bundestrainer zu werden, wollte er sogar verdienstvolle Mitglieder des deutschen Fussballs, wie etwa den Bayern-Manager Uli Hoeness, anschwärzen. Nicht nur Völler verlangt zu Recht, dass „der Neue unbefleckt im Geschäft“ sein soll. Also, Ottmar Hitzfeld, unterschreiben Sie.“

Pech-und-Schwefel-Beziehung

Ludger Schulze (SZ 28.6.) warnt vor Mayer-Vorfelders Befangenheit: „„I did it my way“, schluchzte Gerhard Mayer-Vorfelder in das Mikrofon und sah hinunter auf den Mann, der vor ihm kniete und eine rote Rose empor reichte. Dieser Akt der Anbetung unter Männern fand zum 65. Geburtstag des heutigen DFB-Präsidenten statt, es war in der Alten Reithalle zu Stuttgart, der glühende Verehrer zu seinen Füßen hieß Christoph Daum. Die beiden verbindet eine Pech-und-Schwefel-Beziehung, die nicht einmal irritiert wurde, als der Fußballtrainer den Funktionär im Verlauf seiner Koks-Affäre arglistig täuschte. Mag sein, dass sich der emeritierte Berufspolitiker Mayer-Vorfelder an eigene Verhaltensmuster in Krisenzeiten erinnert fühlte und deshalb geradezu väterliche Verzeiher-Gefühle für Daum entwickelte. Wen das seltsame Gebahren des DFB-Präsidenten bei der Nachfolgersuche für Rudi Völler wundert, der sollte einen Blick zurückwerfen auf dessen Stuttgarter Zeit. Kein Präsident hat mehr Trainer verschlissen als MV, nirgendwo sonst wurde die Trainersuche zu einem derart absolutistischen Akt verbogen wie in dessen VfB-Präsidentschaft. (…) Mag irgendwer, außer MV, einen Lügenbaron als Bundestrainer, der unbedenklich Andere, wie etwa Uli Hoeneß, in den beruflichen Abgrund zu stoßen bereit war? Weil es hier nicht um die Qualitäten eines Gebrauchtwagenhändlers geht, weil der Posten des Bundestrainers auch moralische Anforderungen stellt, kommt Daum unter allen bekannten Fußballtrainern so ziemlich als Letzter in Frage. Doch der starre, alte Mann in seinem Hotel an der Algarve negiert dies, deshalb müsste man ihm die Verhandlungsführung aus der Hand schlagen.“

Der Mann sieht die Gefahr, inmitten politischer Interessen zerrieben zu werden

Wie geht es hinter den Kulissen zu? Roland Zorn (FAZ 28.6.) klärt auf: „Ob Hitzfeld, um den ein großes Tauziehen im Gange ist, am Ende überhaupt noch zusagen will, fragen sich inzwischen sogar enge Wegbegleiter. Hitzfeld hat das von Mayer-Vorfelder initiierte Procedere bei der Trainersuche nicht besonders gut gefallen. Der Mann sieht die Gefahr, inmitten politischer Interessen zerrieben zu werden. Im Hintergrund wirkt nämlich auch die eigentlich mächtigste Institution im deutschen Fußball an der bevorstehenden Inthronisation des neuen Bundestrainers mit: Franz Beckenbauer. Der Präsident des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2006 und Weltmeister als Spieler und Teamchef macht sich dafür stark, daß Hitzfeld und niemand sonst den Job bekommt, den Rudi Völler am Donnerstag unter Verzicht auf das ihm vertraglich bis 2006 noch zustehende Gehalt von rund fünf Millionen Euro aufgab. Aber auch das DFB-Präsidiumsmitglied Beckenbauer möchte in diesen Tagen nicht unbedingt Flagge zeigen und dabei möglicherweise Mayer-Vorfelder attackieren. Konkret muß sich der DFB-Präsident allerdings darauf gefaßt machen, daß er viel Gegenwind aus der Bundesliga zu spüren bekommen wird. Wie er mit Werner Hackmann, dem Präsidenten des Ligaverbandes und Aufsichtsratsvorsitzenden der DFL, in Almancil verfuhr, bewies keinen Stil. Hackmann sollte, wie es heißt auf Wunsch von Völler, bei dem nächtlichen Gespräch dabeisein, das letztlich zum Abschied des Teamchefs nach dem deutschen Scheitern bei der EM führte. Tatsächlich versuchten nur Mayer-Vorfelder und DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt aber, Völler zum Bleiben zu bewegen. Hackmann blieb draußen vor der Tür. „Ich habe das bedauert“, sagt der Hamburger mit hanseatischer Höflichkeit, „der Präsident hat es zur Kenntnis genommen.“ Die DFL werde sich „zu gegebener Zeit“ zu Mayer-Vorfelder äußern. (…) In diesem Klima zwischen wenig Kooperation und sich abzeichnender Konfrontation soll Hitzfeld in ein paar Tagen zum Bundestrainer ernannt werden. Ob er das Spielchen noch lange mitmacht?“

Ottmar Hitzfeld pokert, denkt Frank Hellmann (FR 28.6.): „Das erste Gespräch, um auszuloten, was schon vor dieser EM gemutmaßt wurde: Hitzfeld wird Bundestrainer und Nachfolger von Rudi Völler. Doch die Gemengelage nach den ersten Telefonaten erscheint diffiziler; zu viele Einzelinteressen und Einflüsterungen fließen in diese bedeutende Personalie mit ein. Der vermutete Selbstgänger ist die Zusage des hoch dekorierten Vereinstrainers auch nicht. Die Chancen lägen bei „weniger als 50 Prozent“, ließ Hitzfeld beim Golfspielen aus der Schweiz verlauten, „es ist wirklich sehr, sehr offen.“ Und sein Zögern hat der Lörracher, ganz den Familienmensch mimend, gleich auch erläutert: „Ich muss das mit meiner Frau besprechen. Sie hat sich gefreut, dass ich das Jahr etwas anderes mache. Ich wollte doch ein Jahr regenerieren.“ Aussagen, die als Teil des begonnenen Pokerspiels verstanden werden dürfen. Denn Hitzfelds Lebenstraum ist es, die von Völler freigeräumte Planstelle zu besetzen. Unverhohlen hat der clevere Mathematik-Lehrer schon erste Forderungen gestellt. Eine entscheidende lautet: Er möchte seinen Assistenten Michael Henke ebenfalls beim DFB unterbringen. „Zu ihm habe ich ein absolutes Vertrauensverhältnis. Er ist ein Freund von mir.“ Zudem müsse ja noch über Konzepte und Vertragslaufzeit gesprochen werde; möglicherweise möchte Hitzfeld gleich eine Option bis zur EM 2008 in der Schweiz und Österreich ausgehandelt haben. Vom Verband erwarte er absolute Rückendeckung.“

Jan Christian Müller (FR 28.6.) übt Kritik am DFB: „In diesen Tagen wird scharfe Kritik an der Außendarstellung des DFBs geübt. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Es hat keinen guten Eindruck gemacht, dass die Mannschaft nach ihrer Landung in Frankfurt hermetisch abgeschirmt wurde. Nicht besser hatte sich die Delegation vor dem Abflug aus Faro präsentiert. Der Bus wurde vom Sicherheitspersonal weiträumig vor einigen wenigen Berichterstattern mit Hunden geschützt, damit die Spieler stumm in das Gefährt steigen konnten. Dabei war anderthalb Stunden zuvor Teamchef Rudi Völler zurückgetreten, und es gab einen berechtigten Anspruch, eine Reaktion der Spieler auf diese einschneidende Entscheidung einzuholen. Auch das selbstgerechte Verhalten von Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der tags darauf nicht zu einem kurzen Gespräch im vereinsamten Mannschaftshotel bereit war, wirft kein gutes Licht auf einen Verband, der eigentlich stets bemüht ist, sich für seine Verbundenheit zur Basis ins rechte Licht zu rücken. Stundenlang hockte Mayer-Vorfelder mit seinem Bürovorsteher Jan Lengerke beim Kaffee und las Zeitung, ehe der Mediendirektor Gerhard Meier-Röhn seinen keine zehn Meter hinter ihm hockenden Präsidenten im Pressegespräch vertreten musste und sich dabei spürbar unwohl fühlte. (…) Nun, da ein neuer Mann die sportliche Verantwortung übernimmt, ist es an der Zeit, die Fenster weit aufzureißen und frische Luft hereinzulassen.“

Rudolf hat sich bemüht

Sehr lesenswert! Warum hinkt Deutschland hinterher, Klaus Brinkbäumer & Jörg Kramer (Spiegel 28.6.)? „Es folgten die Grabreden. Mayer-Vorfelder sagte, Völler sei ein Mensch von „großer Akzeptanz“, Franz Beckenbauer sagte, Völler sei „ein wunderbarer Mensch“, und Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach von einem Menschen, „an dessen persönlicher Integrität man nun wirklich nicht zweifeln kann“. Das kann man nicht, aber mancher wird solche Sätze so verstehen, als meinten sie einen Trottel: sehr lieb, aber fachlich leider ungeeignet, so wie einstmals im Grundschulzeugnis: „Rudolf hat sich bemüht.“ Dieses Ende machte die Expedition der besten deutschen Mannschaft in die Welt der guten Mannschaften endgültig absurd. In Wahrheit gab es ja genau drei starke Figuren in der deutschen Nationalmannschaft: Philipp Lahm, Michael Ballack und Rudi Völler, der Teamchef jedenfalls war so stark wie nie zuvor. Es gibt andere Gründe für das Resultat, es gibt andere Wahrheiten: Die Bundesliga hat drei lausige Jahre hinter sich, sie ist, im internationalen Maßstab, mittelmäßig. Das liegt unter anderem daran, dass die guten ausländischen Spieler nach Spanien, Italien und England gehen; und es liegt daran, dass ausländische Trainer kaum gefragt sind – man spricht Deutsch in der Bundesliga, und das klingt zunehmend provinziell. Ein Austausch von Trainingsmethodik und Erfahrungen findet zwar überall in Europa statt, nur an der Bundesrepublik zieht das alles vorbei: Jenes direkte Spiel, das Trainer wie Arsène Wenger oder José Mourinho in endlosen Wiederholungen üben lassen, lernen bei Arsenal London oder dem FC Porto Spieler vieler Nationen, nur keine deutschen. Dass jahrelang der Nachwuchs nicht systematisch geschult wurde, gilt ja schon länger als gesicherte Erkenntnis. Dass dies natürlich längst korrigiert sei und bald eine Ära neuer deutscher Dominanz anbrechen würde, das galt bisher als gleichfalls gesichert; „Man muss nur Geduld haben, es dauert halt“, sagt Franz Beckenbauer. Darum sind die Ergebnisse von Portugal so trist: In Wahrheit ist der Abstand größer denn je. „Ich zieh mir persönlich für Deutschland so einen Schuh nicht an“, sagte Bundestrainer Skibbe. Und es stimmt ja, es hat sich etwas getan, aber wie soll jemand aufholen, dessen Rivalen eine Runde Vorsprung haben und sich im gleichen Tempo bewegen? Die Bundesliga-Trainer begriffen vor etwa sechs Jahren, wie Dreier- und Viererkette funktionieren, und die Spieler kapierten es dann auch. Aber da lernten die besten Mannschaften anderer Länder bereits, wie sich zehn Spieler, wenn sie verteidigen, in Ballnähe zusammenziehen und dann, bei Ballbesitz, übers Feld verteilen. Als die Deutschen auch diese Neuerung verstanden und sogar schöne deutsche Worte dafür gefunden hatten („Zustellen“), gab es international schon dieses direkte Passspiel, das in Portugal vier, fünf Mannschaften weit über die anderen erhebt: rasant und trotzdem fehlerfrei. Das üben nun auch die Deutschen, und da sehen sie mit Schrecken, dass jetzt Dribbler wie der Portugiese Cristiano Ronaldo in Mode kommen, die enge Abwehrreihen allein knacken können. Es ist also die Geschichte von Hase und Igel, und als Völler sagte, „dass es leider ein Tick zu wenig war“, und dabei ganz verloren auf die Wand am Saalende starrte, da sah er so aus, als habe er in Lissabon kapiert, dass der Gastgeber der „WM zwo-sechs“ (Völler) in Wahrheit schon zwei Jahre vor dem Eröffnungsspiel besiegt ist. Die Trainer Völler und Skibbe haben nicht viele Fehler gemacht in Portugal, vielleicht nur zwei. Völler hat neulich gesagt: „Es wäre der Anfang vom Ende eines Trainers, wenn du überlegst, wen du einwechselst, damit du besser wegkommst.“ Aber genau so wechselte er am Ende ein, da spielte dann Podolski, von dem Völler nicht sehr viel hält. Und sie schafften es nicht, diese Angst zu vertreiben, die zu 45 Minuten Lähmungszustand im Spiel gegen Tschechien führte, zu Hamanns Querpässen, zu Schneiders Stillstand, zu Arne Friedrichs Vorsicht. Andere Teams wollen ein Spektakel, und dieses Spektakel wollen sie gewinnen – die Deutschen spielten, als wollten sie bloß nicht verlieren. Aber sonst? Völler trat lässig und klar auf in Portugal, und jene, die ihm in den Talkshows nach dem Rücktritt vorhielten, er sei „zu wenig Schwein“ gewesen, zielten vorbei: Seiner Mannschaft mangelte es nicht am Willen und schon gar nicht an Disziplin, und deshalb hätte keine noch so harte Hand geholfen – es mangelte an Begabung. Diese Mannschaft hatte das Niveau von Kroatien, sie komplettierte die Vorrunde, sie gehörte in eine B-Europameisterschaft (…) Andreas Hinkel litt in Portugal noch an den Folgen eines doppelten Bänderrisses, aber er gilt als sicherer Kandidat für die WM 2006, und er brachte es vermutlich deshalb so weit, weil er in der D-Jugend, mit zehn Jahren, vom TSV Leutenbach zum Bundesligaclub VfB Stuttgart gelotst wurde. Da lernte er an der Taktik-Tafel das Abwehrsystem der Viererkette kennen und das Verschieben der ganzen Mannschaft. „Bei den kleinen Vereinen in Deutschland hapert es an der Qualität der Trainer“, sagt er, „da macht es schnell mal irgendein Vater, der keine Ahnung hat.““

Erfolge sind eine logische Folge bei einer derartigen Konzentration von Talenten

Die FAZ (28.6.) geht mit gutem Beispiel voran und berichtet das A-Jugend-Endspiel (Bayern München – VfL Bochum 3:0): „Die Vielzahl von begabten Fußballspielern beim FC Bayern ist kein Zufall, sondern systematische Arbeit. Mitte der neunziger Jahre haben die Münchner begonnen, die Nachwuchsarbeit zu professionalisieren. Vor sechs Jahren standen die A-Junioren zum ersten Mal im Finale, vor vier Jahren holten sie zum ersten Mal die Meisterschaft in der Vereinsgeschichte. Titel sind für das Juniorteam zwar nur Nebensache, im Vordergrund steht die Ausbildung von bundesligatauglichen Spielern. Aber Erfolge sind eine logische Folge bei einer derartigen Konzentration von Talenten.“

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