indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 25. März 2004

Nachschuss

Kistner, Thomas Schulze, Ludger – Die Spielmacher. Profiteure und Strippenzieher im deutschen Fußball

Hinter den Kulissen und auf der Vorbühne des inszenierten Massenspektakels Fußball erscheint ein Ensemble an Figuren (Beckenbauer, Kirch, Mayer-Vorfelder, Blatter, Dassler, Calmund etc.), „die ein eng geflochtenes nationales wie internationales Netz bilden, das sich der öffentlichen Kontrolle entzieht“ (SZ 30.11.). Deren Bedeutung, Handlungsmotive und Vita müssten nach diesen Enthüllungen von der Öffentlichkeit uminterpretiert werden. So werden zB Calmunds und Mayer-Vorfelders angeblich freundschaftliches Verhältnis zu Daum in der Kokain-Affäre jeweils als pharisäerhafte Haltung enttarnt, während Beckenbauers Ämter- und Funktionshäufung sich schlicht als Geld- und Machtgier entpuppt. „Es geht um die die, die das Spiel machen – und es zu ihren Gunsten verändert haben“ (Thomas Kilchenstein in FR 14.12.). Zum eigenen Wohle und dem ihres Vereins scheint so mancher Funktionär sprichwörtlich über Leichen zu gehen und wie die anderen Strippenzieher aus der Medien- und Sportpolitikwelt nur ein Ziel zu kennen: „Geld zu verdienen, egal, was der Fan dazu sagt“ (Eric Eggers in NZZ 12.09.).

Ein flüssig zu lesendes Buch, dem man gar nicht genug Fußballfans als Leser wünschen kann. Doch mindestens so spannend und aussagekräftig wie die Lektüre ist das öffentliche Echo. Es ist nämlich kaum zu vernehmen. An der mangelnden Resonanz ist festzustellen, dass ein Großteil der Fußballinteressierten entweder keine Notiz von diesen skandalverdächtigen Analysen nimmt oder solche Aussagen schlicht für irrelevant hält. Offensichtlich scheint für die kritische Auseinandersetzung mit dem Geschehen rund um den Fußball und dessen Hintergründen lediglich der Nischenplatz der seriösen Tagespresse reserviert zu sein. Wenn ran und kicker die öffentliche Meinung prägen, zählen ausschließlich Titel, Tore, Trennungen und Tragödien.

Vermutlich trägt ebenfalls gegenüber erfolgreichen Fußballfunktionären loyales Verhalten seitens vieler Sportjournalisten zu dieser zahnlosen Behandlung bei. Mit Franz Beckenbauer oder Uli Hoeneß, mittlerweile auch mit Reiner Calmund, sollte man sich besser nicht anlegen, wenn man künftig Zugang zu wichtigen Informationen sowie deren Gunst nicht verlieren will. Außerdem lässt manche Berichterstattung in TV und Presse deutlich die Vereinsbrille erkennen. Für Kistner Schulze gilt diese Kritik keineswegs, da sie sich Neutralität und beruflicher Ethik verpflichtet fühlen. So bleibt zu hoffen, dass diese Art von investigativem – wenn auch hier und da zu Alarmismus neigendem – Journalismus rund um das gesellschaftliche Ereignis Fußball nicht weiter an Boden verliert. „Schließlich hat der Fußball seine Seele verloren“ (Eggers). Viel Aussicht besteht allerdings nicht.

Oli Fritsch

Kistner, Thomas Schulze, Ludger (2001): Die Spielmacher. Profiteure und Strippenzieher im deutschen Fußball. Stuttgart; München: Deutsche Verlags Anstalt.

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Bellos, A. – Futebol. The Brazilian Way of Life

Der Fußballsport bildet für Bellos letztendlich den Mikrokosmos des größten lateinamerikanischen Landes. In der Welt des brasilianischen Fußballs treten daher alle gesellschaftlichen Widersprüche offen zu Tage, zugleich bleibt er aber das Symbol für harmonische Rassenbeziehungen und nationale Identität. Ein Brasilien ohne Fußball wäre in dieser Sicht kaum denkbar. Der Stil des „Futebol do Brasil“ wird dabei in Kategorien der Musik beschrieben. Mit seiner Betonung des Dribblings, der Tricks und Finten, der Improvisation mit dem ganzen Körper legt dieser Spielstil den Vergleich mit dem Samba (als Tanz und als Lied) geradezu zwingend nahe. Brasilianischer Fußball ist für Alex Bellos eben visionärer Kunst-Fußball und gelebte Volkskunst. Dazu passen sicherlich auch die im Buch angeführten Aussagen des schottischen Fußballers Archie Mc Lean, der ab 1912 für mehrere Jahre in Sao Paulo gespielt hat: „There were great players there, but they were terribly undisciplined. … During a game a couple of players tried to find out who could kick the ball highest“ (S. 35).

In diesem Buch findet man zwar jede Menge Fakten über das fünftgrößte Land der Erde, aber vor allem Geschichten und Mythen rund um den Ball. Der Autor berichtet so zum Beispiel über die brasilianischen Profi-Fußballspieler Marcelo Marcolino, Messias Perreira und Marlon Jorge, die in der ersten Liga der Faröer-Inseln beim Club B68 angestellt und dort den widrigen Wetterbedingungen sowie der rustikalen Spielauffassung ihrer Mit- und Gegenspieler ausgesetzt sind. Weiter erfahren wir, dass gegenwärtig rund 5000 Brasilianer als Profis im Ausland spielen. Neben den Faröern sind diese unter anderem in Armenien, Australien, Haiti, Libanon, Vietnam, China, Senegal oder Jamaika tätig. Zahlreiche dieser Fußballspieler zählen nicht nur zu den besten Botschaftern ihres Heimatlandes, sondern erweisen sich bei genauerem Hinschauen ebenfalls als Arbeitsmigranten, die auf der Flucht vor der Armut der Favela in der ersten Fußballliga eines Entwicklungslandes gelandet sind. Die ebenso facettenreiche wie nachdenklich stimmende Globalisierung des Spiels erzeugt dabei in Brasilien gewissermaßen eine eigene Fußballindustrie: Heute sind dort rund 23000 hauptberufliche Fußballer registriert, die in 500 Profi-Vereinen um eine Anstellung ringen. Diese gigantische Konjunktur des Fußballs lässt Bellos von einem Gewährsmann prägnant kommentieren: „The best way to project yourself in Brazil is either to start a church or a football club. … People use football clubs to serve their own interests“ (S. 21). Diese „Spielauslegung“ ist nun nicht erst seit Berlusconi, Kirch, MV und Co. auch in Europa anzutreffen.

Als interessant erweisen sich ferner auch die Ausflüge in die Geschichte des brasilianischen Fußballsports, die 1894 (sechs Jahre nach Abschaffung der Sklaverei) beginnt. Während zunächst vor allem Anglo-Brasilianer (die mit dem Fußballspiel aber erst nach Beendigung der Cricket-Saison beginnen) oder deutschstämmige Einwanderer (die 1900 in Rio Grande den ersten Fußballverein gründen) das Spiel praktizieren, ist der Fußball schon um 1910 die bei allen Brasilianern populärste Sportart. Das Dickicht der ethnischen Beziehungen in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dokumentiert nicht zuletzt die Episode um Vasco da Gama, den portugiesischen Club Rio de Janeiros. Dieser Verein wurde 1923 vor allem deshalb Meister der ersten Liga, weil er farbige Spitzenspieler an sich binden konnte. Da eine direkte Bezahlung der Spieler verboten war, wurden diese kurzerhand von portugiesischen Fabrikanten und Ladenbesitzern angestellt. Trotz erheblicher Folgeprobleme mit den anderen Vereinen der Liga war Vasco da Gama der erste brasilianische Fußballclub, in dem die Hautfarbe der Spieler ebenso nebensächlich war wie ihr sozialer Hintergrund.

Weitere Kapitel diskutieren die Aneignung des Fußballs durch die Indianerstämme, stellen die eigenartige brasilianische Fankultur vor oder porträtieren den symbolischen Dualismus von Garrincha und Pelé. Alex Bellos thematisiert des weiteren ein brasilianisches Trauma, dass uns Europäern in seiner nationalen und emotionalen Tragweite bislang kaum geläufig sein dürfte: Die Niederlage im WM-Endspiel 1950 gegen Uruguay. 1:2 im heimischen Maracana-Stadion. Alle Triumphe der folgenden Jahrzehnte haben anscheinend diese als Katastrophe empfundene Niederlage („Our Hiroshima“) nur bedingt kompensieren können. Die besondere Bedeutung dieses Ereignisses wird darauf zurückgeführt, dass es in eine Zeit des demokratischen und ökonomischen Aufbruchs fiel und diese gesellschaftliche Grundstimmung quasi konterkariert habe. Das WM-Endspiel 1950 meint im kollektiven (Unter-) Bewusstsein Brasiliens offenbar Ähnliches, was mit umgekehrten Vorzeichen die WM 1954 für Deutschland repräsentiert. In diesem denkwürdigen Match gelang Friaca übrigens etwas, was weder Garrincha, Pelé, Zico oder Ronaldo vergönnt gewesen ist: Als bislang einziger Brasilianer erzielte er auf heimischen Boden in einem WM-Endspiel ein Tor. Dieser Traum ist – siehe oben – für Herrn Friaca allerdings eher zum Alptraum geworden. Oder wie Alcides Gigghia, der Schütze des Siegtores für Uruguay, noch nach fünfzig Jahren zu Protokoll gibt: „You know, sometimes I feel like I am Brazil´s ghost. I´m always in their memories. In Uruguay we lived the moment. Now it´s over“ (S. 76). Erst achtundvierzig Jahre – und viele Legenden, Stars und Skandale – später hat die brasilianische Fußballnationalmannschaft 1998 wieder einmal ein WM-Endspiel verloren. Und vier Jahre danach den Titel gewonnen. Wenn der Fußball eine Heimat hat, dann ist das eben Brasilien, wo dieser Sport Kunst, Karneval, Religion, Machtinstrument, Spekulationsobjekt und Lizenz zum Gelddrucken sein kann. Und wenn es einen Fußballgott gibt (Bob Marley?!), dribbelt dieser wohl entspannt an der Copacabana und liest bei kühlen Getränken gelegentlich ein Kapitel im Buch von Alex Bellos.

Wie fast schon zu erwarten, endet das Buch mit einem sokratischen Dialog. Gewidmet ist dieser dem WM-Team von 1982 und ihrem Mannschaftskapitän Socrates. Für Bellos bildeten Socrates, Zico, Falcao, Oscar, Serginho und Co. eine der letzten Auswahlmannschaften, die noch genuinen brasilianischen Kunst-Fußball zelebrierte. Und die in günstigen Momenten eine dem Fußball eigene Verbindung von Leidenschaft, Moral und Lebenskunst erahnen ließ. Weltmeister sind sie damals selbstverständlich nicht geworden. Aber wie hat Bellos an anderer Stelle lakonisch festgehalten: „Brazil is not a country of winners. It is a country of a people who like to have fun“ (S. 115).

Abschließend sei noch erwähnt, dass die typisch britische Cover-Gestaltung im wahrsten Sinne des Wortes als vorbildlich bezeichnet werden muss. Auf dem Cover sind als Zeichnungen einige der Entwürfe abgebildet, die dem damals neunzehnjährige Aldyr Garcia Schlee 1953 als Vorlagen für ein neu zu schaffendes brasilianisches Nationaltrikot gedient haben. „Futebol. The Brazilian Way of Life“ gehört für mich zu den Büchern, die man unbedingt gelesen haben muss und immer griffbereit in seiner Nähe wissen will.

Jürgen Schwier

Bellos, A. (2002), Futebol. The Brazilian Way of Life. London : Bloomsbury Publishers (ca. 12,90 ).

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Dembowski, Gerd Scheidle, Jürgen – Tatort Stadion

Bilanzierend bleibt festzuhalten, dass „Tatort Stadion“ nachdrücklich auf einige Schattenseiten des modernen Fußballsports hinweist und rassistische, antisemitische sowie sexistischen Tendenzen bei Spielern, Funktionären und Fans beleuchtet. Andererseits sind nicht wenige Beiträge in einer Szene-Sprache geschrieben, die das Sozialarbeiter-Deutsch unfreiwillig karikiert, Welterklärungen bevorzugt in einem sich selbst nicht verstehenden Satz zusammenfasst und einiges über die Political Correctness selbsternannter Linksintellektueller verrät. Die selbstironische, selbstkritische und für zeitgenössische Wiedersprüche sensible Sichtweise des Beitrags von Klaus Walter bildet da leider eine der wenigen Ausnahmen.

Jürgen Schwier

Dembowski, Gerd Scheidle, Jürgen (Hrsg.) (2002), Tatort Stadion. Köln: PapyRossa Verlag (12, 90 ).

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Christoph Bausenwein – Was-ist-was-Fußballbuch

Eike Hebecker

Was-ist-was-Fußballbuch. Christoph Bausenwein. 105 Seiten, Tessloff-Verlag (Nürnberg), 12,90 Euro.

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Masannek, Joachim – Die wilden Fußballkerle

Die im folgenden vorzustellende Neuerscheinung auf dem Markt der Fußballliteratur beschäftigt sich endlich einmal nicht mit den Beckenbauers, Maradonas oder Effenbergs dieser Welt; sie ist auch nicht abstrakten Spielsystemen oder gar Tante Käthes Eleven gewidmet. Der dreibändige Fußballroman für Kinder huldigt vielmehr den einzig wahren Helden des Spiels: Den ebenso unbekannten wie leidenschaftlichen Dribblern und Keepern unserer Kindheit. Unter dem Titel „Leon der Slalomdribbler“ porträtiert der erste Band die Auseinandersetzungen von zwei Jungengruppen um die Nutzungsrechte an einem lokalen Bolzplatz. Die Entscheidung im finalen Verteilungskampf soll – wie nicht anders zu erwarten – in einem Fußballmatch beider Parteien fallen. Das Buch erzählt nun von den Bemühungen der jüngeren und körperlich unterlegenen Mannschaft sich auf dieses ungleiche Duell vorzubereiten. Es berichtet von Leons Motivationskünsten und vom Ex-Profi Willi (Lippens? Entenmann? Schulz?), der die wilden Fußballkerle nun zu trainieren beginnt. Wie das Spiel am Ende ausgeht, soll natürlich nicht verraten werden. Aber wenn der wenig sympathische Anführer der gegnerischen Partei uns als „Dicker Michi“ präsentiert wird, können wir den Ausgang wohl erahnen.

Im zweiten Band wird die Grundmelodie der im Sport möglichen Siege über die soziale Ungleichheit auf die Kategorien Ethnizität und Klasse bezogen. Hier geht es um die sich entwickelnde Freundschaft von Rocce, dem Sohn eines brasilianischen Bayern-Profis, und von Felix, dem Wirbelwind einer Straßenmannschaft. Das gemeinsame Fußballspielen gerät in Gefahr als der Vater von Rocce – in typischer Bayern-Manier – diesem das Mitwirken in der unstandesgemäßen Straßenmannschaft verbieten will. Von da ab geht es weiter wie oben beschrieben : Die Truppe um Felix und Rocce gibt die Straßen-Attitude schrittweise auf, legt sich eine bürgerliche Arbeitsethik zu (Trikots, Satzung sowie Training, Training, Training) und fordert die Jugendauswahl des großen FCB zum Duell. Alles wird gut! Und Uli Hoeneß geht als Sozialarbeiter an die Grünwalderstrasse. Wer nun glaubt, dass dieses Ausmaß an Political Correctness nicht zu überbieten sei, wird im dritten Band überrascht. Wie zu befürchten war, steht nun ein kickendes Mädchen im Mittelpunkt. Vanessa ist ein echter Fußballfreak und will – laut Klappentext – „die erste Frau sein, die in der Männer-Nationalmannschaft spielt. Ihre Mädchen-Mannschaft geht ihr auf den Keks, mit denen wird sie nie gewinnen“. Also wechselt die unerschrockene Maid in eine Jungenmannschaft, begegnet dort vielen Widerständen und setzt sich am Ende bei den wilden Fußballkerlen durch. Das Buch ersetzt spielend die oft recht anstrengende Lektüre einschlägiger Befunde der Gender Studies, da es recht plastisch schildert, wie Geschlecht sozial konstruiert wird: „Oh, Mann! Das war´s. Ich hatte es endlich geschafft. Endlich war ich, Vanessa, die Unerschrockene, ein Wilder Kerl. Ich fühlte mich wie ein Bauernjunge, den man zum Ritter geschlagen hatte…“ (Originalzitat).

Die Erzählstruktur aller Bände folgt im wesentlichen jenem Muster, dass aus einer Vielzahl us-amerikanischer Sportfilme seit Jahrzehnten bekannt ist: Die benachteiligten Außenseiter können im Sport (und im Leben) alles erreichen, wenn sie sich nur hinreichend anstrengen und solidarisch zusammenarbeiten. So wie Leon, Felix, Vanesssa, der kleine Rudi (später: Tante Käthe) oder Jerry Maguire. In diesem Sinne zeigen die Bücher von Joachim Massannek auch wie nahtlos sich die Mythologie des Sports mit der Mythologie der Kindheit verschmelzen lässt.

Jürgen Schwier

Masannek, Joachim (2002), Die wilden Fußballkerle, 3 Bände, Frankfurt/Main: Baumhaus Verlag.

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

René Martens – Wunder gibt es immer wieder (2)

In einer Zeit, in der sowohl historisch fundierte als auch kopflos drauflos faselnde Abhandlungen über traditionsreiche deutsche Fußballvereine sich zumindest bei Verlagen einer nicht unerheblichen Beliebtheit erfreuen, kann es kaum überraschen, dass René Martens eine umfassende Chronik des FC St. Pauli vorgelegt hat. Schließlich gilt dieser Verein unter Fußballanhängern als der spaß- und zugleich wertorientierte „Underdog“ des deutschen Profifußballs, als eine der letzten wilden Alternativen zu den durchkapitalisierten Fußballunternehmen der Bundesliga.

Sicherlich muss man dem Autor des Buches in diesem Zusammenhang dankbar sein, dass er die sich geradezu aufdrängenden Klischee-Titel (etwa: „You´ll never walk alone“) vermeidet. Ob allerdings der in stiller Erinnerung an einen unsäglichen Song von Katja Ebstein gewählte Titel „Wunder gibt es immer wieder“ nicht besser zur Vereinschronik der Spielvereinigung Oer-Erkenschwick oder des VfB Gießen gepasst hätte, soll hier nicht entschieden werden. Kein Buch und kaum ein Fußballverein haben jedenfalls einen derartigen Titel verdient.

Bei näherer Lektüre stellt man allerdings fest, dass Martens trotz des Titel-Missgriffs keinesfalls wie ein wiedergeborener Waldemar Hartmann fabuliert. Diese Geschichte des FC St. Pauli ist ohne Zweifel ausgezeichnet recherchiert, gut geschrieben und fast immer lesenswert. Besonders gelungen ist aus meiner Sicht der Einstieg in das Thema, der die besondere Rolle der Fans für die Entfaltung des St. Pauli-Images beziehungsweise der eigenartigen Vereinskultur herausarbeitet. Diese Entwicklungstendenz illustriert beispielsweise der Umstand, dass die von den Fans ursprünglich als Sympathiekundgebung für Klaus Störtebeker benutzte Piratenflagge – der „Jolly Roger“ – inzwischen zum quasi offiziellen Vereinswappen geworden ist. Dem inzwischen offensichtlichen Wandel der Fankultur am Millerntor und deren schleichender Entpolitisierung ist ein anschließendes Roundtable-Gespräch gewidmet, dass einen interessanten Einblick in aktuelle Strömungen der Fanszene liefert. Auf den folgenden rund 150 Seiten erfolgt dann die akkurate und mitunter allzu biedere Wiedergabe der Geschichte des FC St. Pauli von 1907 bis 2002. Im Verlauf seiner Argumentation macht Martens unter anderem deutlich, das der FC die meiste Zeit seines Bestehens ein national gesinnter und bürgerlicher Sportverein gewesen ist. Den vermeintlich anarchischen und nonkonformistischen Charme dieses Clubs sucht man jedenfalls in der Vereinsgeschichte bis zu den frühen achtziger Jahren vergebens. Allenfalls eine latente Anfälligkeit für chaotische Vereinspolitik scheint in mehreren Epochen wiederzukehren. Weitere Kapitel beschäftigen sich (noch einmal ausführlich) mit der aktiven Fankultur, mit den Gründen für die Rivalität zum HSV, der Arbeit der vereinseigenen Vermarktungs GmbH und dem Millerntor-Stadion.

Trotz seiner Sympathie für den FC St. Pauli kann der Rezensent auf eine abschließende Anmerkung nicht verzichten: Vereinsgeschichten sind wohl nur für echte „Die-Hard-Fans“ ein ungetrübter Genuss. Wer seinen Kaffee nicht täglich aus einer Tasse mit Totenkopf-Emblem trinkt und ohne St.Pauli-Schal oder Bettwäsche leben kann, wird von der zweihundertfünfundachtzigseitigen Anekdoten- und Faktenfülle irgendwann überfordert. Auf die komplette Auflistung der Spielerkader von 1947 bis heute hätte ich so ebenso verzichten können wie auf die Meisterschaftsplatzierungen seit 1922 oder die Top 100 der St. Pauli-Spieler. Mehr als überflüssig sind ferner die ebenso qualvollen wie niveauarmen Ausführungen über etwaige Gemeinsamkeiten von St. Pauli und „kritischer Theorie“. Insgesamt überwiegt beim Lesen jedoch das Vergnügen, wozu ebenfalls die ansprechende Gestaltung des Buchs durch den Verlag beiträgt.

Jürgen Schwier

René Martens (2002). Wunder gibt es immer wieder. Die Geschichte des FC St. Pauli. Göttingen : Verlag Die Werkstatt. 21,90 . (Bezug amazon)

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Christoph Bieber – Sneaker-Story. Der Zweikampf von adidas und Nike

Sportkonzerne wie adidas und Nike stellen schon seit längerem nicht einfach Sportschuhe, Trikots und andere notwendige Gerätschaften für die Leibesübung her, sondern verkaufen letztendlich vor allem textilgewordene Bilder einer gelingenden Lebensführung. Interessante Einblicke in die Strategien und die Corporate Identity der beiden genannten Konzerne bieten unter anderem die ausgezeichnet geschriebene Bücher von Christoph Bieber („Sneaker Story“) sowie von Robert Goldman und Stephen Papson („Nike Culture“).

Grundlegend für die Argumentation der us-amerikanischen Soziologen Goldman und Papson erscheint die Annahme, dass es in zeitgenössischen Gesellschaften längst zur Durchsetzung einer Ökonomie der Zeichen gekommen ist, deren Relevanz für den Markterfolg die Firma Nike wohl als einer der ersten Sportartikelkonzerne erkannt und für sein Marketing genutzt hat. Nicht zuletzt die Allgegenwärtigkeit des Swoosh oder die Popularität von Slogans wie „Just do it!“ deuten an, dass Nike inzwischen weltweit zu einen Synonym für die Sportkultur geworden ist. „Nike Culture“ beschreibt und dekonstruiert die vielfältigen Themen und Botschaften der für den Konzern typischen Werbespots, wobei nicht zuletzt der von Nike gewählte Umgang mit den Kategorien Ethnizität, Klasse und Gender untersucht wird. Im Rahmen ihrer Rekonstruktion der Fernsehspots der Firma Nike kommen Robert Goldman und Stephen Papson zu dem Ergebnis, dass dieses Unternehmen unentwegt die Mythologie des Sports nacherzählt. Die TV-Werbung von Nike konstruiert Sportarten zunächst als kulturelle Praktiken, um dann sein Produkt (den Swoosh) und seine Firmenphilosophie („Just do it“) in diese Praktiken einzuweben. Nike dominiert wohl auch deshalb in der globalen Ökonomie der Zeichen, weil seine Werbespots das Image ins Zentrum stellen sowie wesentliche kulturellen Widersprüche und Gegensätze unseres Zeitalters aufgreifen: „In this regard, we see Nike advertising as representative of a newly unfolding stage of commodity culture mixed with cultural politics. … Nike is a company that competes par excellence in an economy of signs and images“ (S. 3-4).

Wie aus den Schuhfabriken adidas und Nike global konkurrierende Lifestyle- und Marketingkonzerne werden konnten, diskutiert ebenso kenntnisreich wie kurzweilig der Politikwissenschaftler Christoph Bieber. Seine „Sneaker-Story“ erzählt die Geschichte des Zweikampfes der beiden Firmen sowie ihrer jeweiligen Protagonisten (von Adi, Horst und Rudolf Dassler bis zu Bill Bowermann und Philip Knight. Die Vermessung des unübersichtliche Sneaker-Universums erfolgt dabei in fünf Hauptkapiteln, deren Titel eigentlich für sich sprechen: „Herzogenaurach und Beaverton: Von der Provinz in die Welt“; „Air Jordan und Predeator: Das Schuhwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit“; „His Airness und Kaiser Franz: Starsystem und Event-Marketing“; Inszenierungen auf allen Kanälen sowie „Jugend, Pop, Kultur. Und Turnschuhe“. Bieber spannt nicht nur souverän den Bogen von Fritz Walter bis Run DMC, sondern zeichnet darüber hinaus am Beispiel des Zweikampfs von adidas und Nike zentrale Entwicklungstendenzen der (post-) modernen Sportkultur nach. Vor diesem Hintergrund kann es dann auch kaum überraschen, wenn Bieber am Ende seines Buches die beiden Sportkonzerne zu Mitspielern erklärt: „Im wechselseitigen Austausch tragen sie beinahe gleichberechtigt zur Konstitution der Bild- und Symbolwelten bei, die von den Sneaker-Fans aus aller Herren (und Damen) Länder fortwährend gelesen, auseinandergenommen und immer neu zusammengesetzt werden“ (S. 162). Und gerade anlässlich einer Fußballweltmeisterschaft – samt dazugehöriger Werbespots – dürften wir Konsumenten besonderes Vergnügen beim (Sinn-)Basteln haben.

Jürgen Schwier

Christoph Bieber (2000), Sneaker-Story. Der Zweikampf von adidas und Nike. Frankfurt/Main: Fischer ( 7,90).

Robert Goldman Stephen Papson (1998), Nike Culture. London: Sage.

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Hardy Grüne – Notbremse

Dieser Artikel erschien in der taz (15.2.)

Hannover 96 hat in letzter Zeit überwiegend für positive Schlagzeilen gesorgt. Nachdem der Traditionsverein Ende der 90er Jahre für zwei Spielzeiten sogar in den Niederungen des Amateurfußballs verschwunden war, gelang im März 2002 die 13 Jahre lang ersehnte Rückkehr in die Bundesliga als bester Aufsteiger aller Zeiten. Die Beobachter vor Ort erkennen seitdem eine anhaltende Zuschauereuphorie, zumal die Heimstätte „AWD-Arena“ den Zuschlag als Spielort für die WM 2006 erhielt. Zur Erinnerung: Im August 2000 begann im damaligen Niedersachsenstadion mit einem 4:1 gegen Spanien die inzwischen so erfolgreiche Völler-Ära, bei deren Höhepunkt im WM-Finale von Yokohama zwei Spieler auf der Bank der deutschen Nationalmannschaft saßen, die bei den 96ern eine entscheidende Sprosse auf ihrer Karriereleiter erklommen hatten: Sebastian Kehl und Gerald Asamoah.

Der durch gelungene Abhandlungen zur Fußballgeschichte bekannte Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ hat nun diese jüngste Erfolgsstory zum Anlass genommen, die Historie des Klubs auf den aktuellen Stand zu bringen. „Festtage an der Leine“ heißt das über 300 Seiten umfassende und mit zahlreichen Abbildungen versehene Werk von Hardy Grüne. Am Schreibprozess beteiligt waren zudem die Redaktionsmitglieder des Hannoveraner Fanzines „Notbremse“, was Einblick in das Innenleben derjenigen Protagonisten aus der Kurve ermöglicht, deren engagierte und hörenswerte Stimmen meist nicht über das Stadionrund hinaus reichen. Alles in allem handelt es sich um eine detailreiche Berichterstattung über die sportlichen Ereignisse seit der Vereinsgründung Ende des vorletzten Jahrhunderts bis fast zum heutigen Tag, inklusive eines breiten Statistikteils mit Spieler- und Trainerlexikon.

Dahingegen wissen wir mit Walter Jens, dass Fußball „nicht nur aus Bilanzen, Ergebnissen und Meisterschaften besteht“, wie der Rhetorikprofessor 1975 anlässlich einer Feierstunde den empörten Herren des Deutschen Fußball-Bundes die Leviten ob deren Geschichtsvergessenheit las, sondern Politik ständiger Wegbegleiter des runden Leders ist. Zwar muss man Sportchroniken nicht zwingend nach den Spielregeln politischer Korrektheit und an der Fragestellung messen, ob die Rolle des Vereins und dessen führenden Köpfen im Dritten Reich angemessen aufgearbeitet wurde. Aber die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte fällt nun mal in die NS-Zeit – 1938 erreichte Hannover 96 den ersten von zwei Meistertiteln –, so dass es einem Autor eines deklarierten Geschichtsbuchs Pflicht sein muss, an dieser Stelle Sorgfalt walten zu lassen sowie möglichst Ross und Reiter zu nennen.

Diesbezüglich wirkt die Darstellung allerdings nachlässig und flapsig. Immerhin wird die anbiedernde Haltung der Vereinsvertreter, Ehrenvorsitzender zu dieser Zeit war übrigens Paul von Hindenburg, erwähnt; doch in Form einer Fußnote. Darüber hinaus hätte der Lektor bei folgenden Sätzen besser die Notbremse gezogen: „1933 war der lauteste unter den politischen Schreihälsen am Ziel“, und „die Nazis krempelten auch im Sport alles um“, weswegen „betrübliche Dinge“ zu berichten seien. Diese streng genommen beschwichtigenden Einschätzungen über das verbrecherischste Kapitel der Weltgeschichte erinnern an die Chronik eines Dorfvereins, in der die Verstrickungen des Einzelnen und die Entwicklung des Vereinsgeschehens aus falsch verstandener Rücksichtnahme auf einen einzigen Satz reduziert werden: „1933 zogen dunkle Wolken über dem Vereinsgelände auf, bevor 1945 die ersten Aufbauarbeiten nach den Zerstörungen durch den Krieg begannen.“ Grünes Klappentext-Credo, wonach Fußballgeschichte ein „ziemlich faszinierender Teil der Sozial- und Kulturgeschichte“ sei, könnte man folglich als ironischen Leitfaden des Buches lesen.

Man wird den Autoren nicht Verharmlosung vorwerfen wollen. Ihr Vorhaben ist auf 1:0-Berichterstattung beschränkt. Außerdem muss man ihnen für manche Anekdote danken, wie die folgende und nur auf den ersten Blick belustigende, als der damals alkoholkranke Ex-Trainer Werner Biskup nach seiner Amtszeit im Stadtwald gesehen worden sein soll, wie er einer Ansammlung von Bäumen Trainingsanweisungen gab, offenbar in der Annahme, es handle sich um seine Spieler.

Hardy Grüne Notbremse: Festtage an der Leine. Die Geschichte von Hannover 96. Verlag Die Werkstatt (2002), 320. S., 21,90 . (Bezug bei amazon)

Oliver Fritsch

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Nachschuss

Jürgen Schwier – Mediensport. Ein einführendes Handbuch

Anlässlich von Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften wird besonders deutlich, dass das vielzitierte Medienzeitalter zugleich als eine Ära des Sports interpretiert werden kann. Der Bedeutungszuwachs des Sports in heutigen Konsumkulturen, seine Beliebtheit in nahezu allen gesellschaftlichen Fraktionen und Milieus, das verbreitete Interesse am professionellen Spitzensport oder die grenzenüberschreitende Popularität einzelner Sportarten und Sportstars sind ohne den Einfluss der Massenmedien kaum denkbar. Der Sport und die Medien gehören sowohl zu den (post-)industriellen Wachstumsbranchen als auch zu den einflussreichsten kulturellen Kräften unserer Zeit und weisen darüber hinaus vielfältige Wechselbeziehungen auf, die eine Verschmelzung beider Phänomene zu einem einheitlichen Produktionskomplex schon in näherer Zukunft möglich erscheinen lassen. Grundsätzlich bleibt dabei zu berücksichtigen, dass sowohl Zeitungen und Zeitschriften als auch Radio, Fernsehen oder die so genannten Neuen Medien die Welten des Sports nicht einfach abbilden, sondern maßgeblich zu deren Formung, Transformation und Globalisierung beitragen. Der vorliegende Band versucht im Sinne einer Momentaufnahme einen Überblick über das komplexe und unübersichtliche Feld des Mediensports zu geben.

Aus dem Inhalt: Sport, Medien und Repräsentation – ein Wort vorweg (Jürgen Schwier), Sportjournalismus in Deutschland(Michael Schaffrath); Freunde fürs Leben. Kulturelle Aspekte des Fußballs, Fernsehen und Fernsehfußball (Lothar Mikos); Sportspiel und Fernsehspiel. Ein medienwissenschaftlicher Kommentar (Ralf Adelmann Markus Stauff); Sport im Fernsehen – Angloamerikanische Studien zum Phänomen des Mediensports(Jürgen Schwier); Die Entwicklung des Fernsehsports in Deutschland (Verena Burk Helmut Digel); Die Bedeutung von Geschlechterkonstruktionen in der Sportberichterstattung (Ilse Hartmann-Tews Bettina Rulofs); Zuschauer und Mediensport (Bernd Strauss); Methodologische Defizite sportpublizistischer (Wirkungs-) Forschung (Peter Frei); Wirkungen des Mediensports (Thorsten Schauerte); You`ll never Surf Alone. Online-Inszenierungen des Sports (Christoph Bieber Eike Hebecker); „American Gladiators“ – Merkmale einer massenmedialen Inszenierung von Spiel und Sport (Georg Friedrich); Sport, Medien und Gewalt (Gunter A. Pilz).

Jürgen Schwier (Hrsg.) (2002). Mediensport. Ein einführendes Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider Verlag, 19 .

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Ronald Reng – Der Traumhüter

Die mit einigem Kritikerlorbeer bedachte Erzählung Der Traumhüter von Ronald Reng besticht in der Tat nicht allein durch die schicke Aufmachung: das grasgrüne Bändchen ziert eine zentrale Eins, das Erkennungszeichen schlechthin für den einzigen im Spiel der ungestraft die Hände benutzen darf. Der England-erfahrene Sportjournalist (Süddeutsche Zeitung, Tagesanzeiger) hat den in Deutschland weitgehend unbekannten Ballfänger Lars Leese über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet und nicht allein aus der sportlichen Perspektive portraitiert. Heraus gekommen ist eine Doku-Soap zum Lesen, die die Außensicht des Journalisten immer wieder mit den subjektiven Stellungnahmen des Traumhüters kombiniert. Rengs kenntnisreiche Beschreibungen des internationalen Fußball-Business blicken dabei auf die den Zuschauern häufig verborgen bleibenden Personen, Strukturen und Mechanismen hinter den Glitzerfassaden der sportiven Unterhaltungsmaschinerie.

Dass dabei nicht alles aus dem sprichwörtlich glänzenden Gold ist, zeigt sich schnell am rasanten Karriereverlauf des portraitierten Towart-Hünen. Die Charakterfigur Leese opfert zunächst im Stile des zornigen jungen Mannes die vorgezeichnete Laufbahn im Nachwuchsteam des 1. FC Köln den Verlockungen einer freien Jugendzeit, um sich dann ein halbes Jahrzehnt später als Keeper einer Kreisligamannschaft im Westerwald wieder zu finden. Dem Wechsel ins Spitzenteam der Provinz folgen Mitte der 90er Jahre Engagements in der dritten Liga und von dort der Sprung ins Profiteam von Bayer Leverkusen – als wenig aussichtsreicher dritter Torwart.

Bei der Beschreibung des Wechsels ins Profilager kommen die dokumentarischen Qualitäten des Traumhüters zum Vorschein: die Modalitäten der Vertragsverhandlungen zeigen einen unerfahrenen, unsicheren Profi und einen gewieften, aber keineswegs unfairen Manager bei einem fußballerischen Allerweltsgeschäft – Rainer Calmund. Auch wenn die Saison bei Leverkusen für Leese sportlich nicht den erhofften Sprung ins Team bringt, so wird das verspätete Profijahr doch zum Katalysator. Durch die Vermittlungsdienste von Tony Woodcock erhält Leese, inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter, einen Vertrag beim Premier League-Neuling Barnsley, der ihm bessere sportliche Perspektiven bieten sollte. Zwei wechselvolle Jahre erlebt Lars Leese schließlich, vom Kulturschock im rauhen britischen Profifußball, der Tristesse eines nordenglischen Provinznests bis zu überschwänglichen Fans und dem Highlight eines Auswärtssieges beim FC Liverpool an der Anfield Road ist alles dabei. Leese lebt Hobbyfußballers Traum und Alptraum, denn sein Vertrag wird nicht verlängert und nach einer quälenden Zeit in der Arbeitslosigkeit geht er inzwischen einer geregelten Tätigkeit als Büroartikelverkäufer nach.

Rengs Text erzählt einerseits die mit sportlichen wie privaten Facetten sehr ungewöhnliche Geschichte vom Aufstieg und Fall des Provinzkeepers und beschreibt nebenbei exemplarisch Normalitäten und Fallstricke im Geschäft mit dem Ball. Die Vermengung dieser unterschiedlichen Bestandteile ist durchaus gelungen und macht den Traumhüter zu einer auffälligen Neuerscheinung auf dem Fußball-Büchertisch, wo sich derzeit viel Nachgemachtes, neu Aufgelegtes und nur wenig Originelles drängt.

Christoph Bieber

Ronald Reng. Der Traumhüter. Kiepenheuer Witsch, 256 S., 8,90 .

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Cashmore, Ellis – Making sense of sports

„Making sense of sports“ ist der programmatische Titel eines Buches von Ellis Cashmore, das inzwischen zu den Standardwerken der angloamerikanischen Sportsoziologie zählt und nun in einer dritten, neu überarbeiteten Auflage vorliegt. Ausgangspunkt seiner Betrachtungen bleibt für Cashmore an jeder Stelle die Frage nach der Anziehungskraft und Faszination, die der Sport auf uns ausübt. Wer also einigermaßen befriedigende Antworten auf die Frage sucht, warum sich Milliarden von Menschen über fünf Wochen 64 Spiele im Fernsehen anschauen, in deren Verlauf 22 überbezahlte Athleten um den Besitz eines Lederballs ringen, dürfte von diesem Buch nicht enttäuscht werden. Ganz ohne Zweifel ist die Bedeutung des Sports in den vergangenen Jahrzehnten sowohl in kultureller, sozialer als auch in ökonomischer Hinsicht angewachsen. Im Rahmen dieses Prozesses sind allerdings ebenfalls vermehrt komplexe gesellschaftliche Probleme und Widersprüche im Feld des Sports wirksam geworden. Stichwörter wie Gewalt, Rassismus, Chauvinismus, Drogenkonsum oder Korruption gehören so heute ganz selbstverständlich zum Diskurs des professionellen Spitzensports, dessen Transformation in eine von Sportlern, Medienanbietern, Clubeigentümern, Sportartikelherstellern und Sponsoren getragene Unterhaltungsindustrie gleichzeitig scheinbar unaufhaltsam voranschreitet. Auf der sozialwissenschaftlich orientierten Suche nach den Sinngebungen und Bedeutungshorizonten des Sports in heutigen Konsumkulturen legt Ellis Cashmore, der nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten von Massachusetts, Tampa, Washington und Hongkong inzwischen Professor für „Kultur, Medien und Sport“ an der Staffordshire University in England ist, einen multidisziplinären Ansatz vor und versucht diesen auf zahlreiche aktuelle sportbezogene Themenfelder und Ereignisse anzuwenden. Diese Vorgehensweise wird von Ellis Cashmore (Seite 3) selbst wie folgt beschrieben: „None of what follows denies the validity of the views of the fans, the athletes, the sports journalists, nor indeed the cynics. I will integrate as many different perspectives as necessary in the attempt to make sport comprehensive as an enduring, universal phenomenon“. Bei der Lektüre des Bandes überraschen dann in der Tat die breitangelegte Argumentation (von der Anthropologie und Biologie über die Psychologie bis zu Geschichtswissenschaft) und die Vielfalt der Fragestellungen (u.a.: Haben Linkshänder im Sport Vorteile? Welche Sportart ist die härteste? Warum bekennen sich nicht mehr Sportler zu ihrer Homosexualität? Was macht wetten im Sport so attraktiv?). Cashmore beschäftigt sich im Einzelnen eingehend mit der historischen Entwicklung des Sports, der Rolle der Evolution, dem menschlichen Körper (als biologische und soziale Tatsache), diskutiert vorliegende Theorien über den Sport sowie die Benachteiligung von Frauen im Sport, den Rassismus, die Gewalt- und die Dopingproblematik. Die letzten Kapitel widmen sich dann den Wechselbeziehungen von Sport und Medien, der zunehmenden Kommerzialisierung und Globalisierung des Sports (u.a. am Beispiel von Rupert Murdoch und von Nike) sowie den Verflechtungen von Sport und Politik („same rules, different game“). Ein Ausblick auf die Zukunftsperspektiven des Showsports rundet den gelungenen Gesamteindruck des Bandes ab.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass sich endlich ein Verlag findet, der das für (selbst-) kritische Sportfans sowie für Studierende der Kultur-, Medien-, Sozial- und Sportwissenschaften überaus anregende Buch ins Deutsche übersetzt.

Jürgen Schwier

Cashmore, Ellis (2001), Making sense of sports. 3rd Edition. London, New York: Routledge (ca. 29,- ).

Gewinnspiel für Experten

Nachschuss

Matiás Martinez – Warum Fußball?

Spätestens wenn der Rest der zivilisierten Welt dem ersten Spiel einer neuen Fußball-Weltmeisterschaft entgegenfiebert, stellen sich anscheinend auch Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler die Frage aller Fragen: Warum Fußball? Der von dem Bremer Literaturwissenschaftler Matiás Martinez herausgegebene Sammelband möchte dabei aus der Sicht aktueller kulturwissenschaftlicher Theorien – laut Klappentext: der Kultursoziologie, Diskursanalyse, Erzählforschung, Ästhetik und Medientheorie – die Bedeutung des Fußballsports nachzeichnen. Wie bei Sammelbänden üblich, variiert die Qualität und Originalität der acht Beiträge insgesamt erheblich. Der Einführung von Martinez (Warum Fußball?, Seite 7-35) gelingt es zunächst, eine eher seltene Balance zwischen der Wissenschaftlichkeit der Argumentation und dem eigenem Fantum aufzubauen und diese auch sprachlich ansprechend zu gestalten. Diesen Aufsatz kann man mit Vergnügen lesen, obwohl er keine wirklich neuen Deutungsmuster enthält. Der anschließende Text von Hans Ulrich Gumbrecht „Ästhetik und Sport – am Beispiel von Fußball und American Football“ (Seite 38-49) wiederholt die von Gumbrecht schon häufig vorgetragene These, dass Sport eines der „Phänomene unserer Kultur ist, die sich nicht interpretieren lassen“. Dieser Beitrag dürfte vor allem für Existentialisten, Funktionäre, Hooligans und andere Nicht-Sportler interessant sein. Ähnlich ratlos hinterlässt mich der Text von Annette Siefert über die „Kriegsmetaphorik in der Fußballberichterstattung“ (Seite 113-123), der die entsprechenden Befunde der Sportwissenschaft leider weitestgehend ignoriert – was aber zugegebenermaßen für nahezu alle Autoren dieses Bandes gilt. Die restlichen fünf Beiträge sind sehr unterschiedlichen Themen gewidmet, kreisen aber alle zumindest implizit um die Frage nach dem Sinn des Sports: Johannes John präsentiert Ergebnisse einer Feldstudie zu den „Kleiderordnungen“ im Sport (Seite 51-70), erzähltheoretische Bemerkungen zur Fußballberichterstattung liefert erneut Matiás Martinez („Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, Seite 71-85). Die Bedeutung des Konzepts der Ehre im Fußball diskutiert Clemens Ott (Seite 87-102), während Clemens Pornschlegel den Zusammenhang von Fußball und Nationalismus sowie die identifikatorische Funktion des Fußball untersucht (Seite 103-111). Abschließend analysiert schließlich Bernhard Siegert die Fußballreportagen im deutschen Radio von 1923 bis 1933. Es liegt letztendlich in der Natur der Sache – also dem sprichwörtlich runden Ball – das der vorliegende Band die selbstgestellte Frage „Warum Fußball?“ nicht hinreichend beantworten kann, wobei kritisch-konstruktive Antwortversuche im Dickicht der Bezugstheorien und behandelten (Rand-)Themen mitunter verschwinden. Diese Form von Kulturwissenschaft läuft jedenfalls Gefahr zur akademischen Lieblingsdisziplin des Deutschem Fußball-Bundes zu werden.

Jürgen Schwier

Martinez, Matiás (Hrsg.) (2002). Warum Fußball? Kulturwissenschaftliche

Beschreibungen eines Sports. Bielefeld: Aisthesis Verlag.

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