Donnerstag, 25. März 2004
Ballschrank
„Irgendwo in Niedersachsen“
„Irgendwo in Niedersachsen“ gewinnt der FC Bayern seine 18. Meisterschaft, vermeldet die taz heute ein offenbar wenig überraschendes und unspektakuläres Ereignis. In ihrer Bundesliga-Kolumne „Blutgrätsche“ berichtet die alternative Tageszeitung Junge Welt die Münchner Meisterschaft beiläufig und im letzten Satz versteckt: „Ach so: Bayern wurde mit einem Sieg über Wolfsburg zum 18. Mal Meister.“ So zu tun, als sei nichts passiert, ist eine Gratulationsstrategie unter vielen.
Eine andere ist diejenige Joachim Mölters (FAS), der einen bemerkenswerten Artikel über die Außendarstellung und Positionierung des deutschen Premiumprodukts Bayern geschrieben hat. „Die wahren Höchstleistungen der Münchner“, so Mölter, „sind weniger sportlicher Natur, sondern vielmehr sprachlicher.“ Lesen Sie im folgenden von einer Gesprächsrunde unter und mit Gratulanten aus der Fußballpresse, die so freilich nie stattfand. Es gibt nämlich doch einiges zu diskutieren. (Die üblichen Lobeshymnen entnehmen Sie bitte kicker und SAT1.)
Joachim Mölter (FAS). „Lange bevor diese Fußballsaison begann, war klar, daß sie nur mit einem Triumph des FC Bayern München enden kann. Denn bei der Auftaktpressekonferenz vor dem Bundesligastart stellte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge die Mannschaft mit den Worten vor: Wir haben den besten Bayern-Kader aller Zeiten. Ui, da staunte die nationale Konkurrenz. Die 17 anderen Bundesliga-Klubs ergaben sich, sie waren der rhetorischen Meisterschaft der Münchner erlegen. Der Mythos des unerschütterlich selbstbewußten FC Bayern gründet sich nämlich vor allem auf die sprachlichen Höchstleistungen, die allen Taten stets vorausgehen. Neben dem besten Kader aller Zeiten präsentierte der Rekordmeister selbstverständlich die meisten und spendabelsten Sponsoren, allen voran die Deutsche Telekom, Europas größtes Telekommunikationsunternehmen, wie sie gepriesen wurde. Mit dem neuen Partner öffnete der FC Bayern gleich ein sogenanntes Multi-Media-Portal, der modernste New-Media-Auftritt aller Fußball-Clubs weltweit, wie umgehend im Jahrbuch geschwärmt wurde. Das ist zwar erstaunlich, daß man das so schnell feststellen kann, aber so funktioniert der Dreiklang des FC Bayern nun mal: in Deutschland am erfolgreichsten, in Europa am größten, am besten weltweit. Mindestens.“
Zwischenruf: Es ist in der Tat immer wieder erstaunlich, wie es den Münchner Wortführern gelingt, ihre erwünschte Sichtweise in großen Teilen der Fußballöffentlichkeit durchzusetzen. Das Muster Bayer Leverkusen aus der Vorsaison vor Augen, wünschten sich Hoeneß und Beckenbauer nach dem titellosen Jahr 2002 nicht nur erfolgreichen, sondern auch schönen Fußball. Die Folge? Nach dem ersten Hackentrick von Scholl in der neuen Saison schrieben nicht nur Boulevardzeitungen und der kicker sogleich in vorauseilendem Gehorsam vom „weißen Ballett“, einer schmeichelhaften Politur. Nach dem Ausscheiden in Runde Eins der Champions League erinnerte die SZ schadenfroh an diese Vorschusslorbeeren für die vermeintlichen Wunderkicker vom anderen Stern, denen nachgesagt wurde, „ihre Freistöße wären wie Blitze, ihre Flanken wie Regenbögen, die Netze der Tore müssten aus Titan sein, um nicht unter der Gewalt ihrer Schüsse zu zerbersten.“
Roland Zorn (FAZ). „Hätten sie sich nur nicht zu Beginn dieser Spielzeit von fälschlichen Etiketten und dem falschen Superlativ ihres Vorstandsvorsitzenden beeindrucken lassen, diese Spielzeit hätte für den nationalen Rekordmeister auch international erfreulicher ausschauen können. So aber schlug die Stunde des Lordsiegelbewahrers alter Münchner Tugenden: Ottmar Hitzfeld. Der auf Titel geradezu programmierte Fußball-Lehrer nutzte den Mehrwert an Trainingszeit und kehrte mit seiner kurz verunsicherten Mannschaft zurück an die Basis aller Bayern-Triumphe. Mit meist schmucklosen Siegen setzten sich endlich wieder wie früher die Rationalität des Handelns und die Effektivität.“
Rückblick: Seit der Verpflichtung Ottmar Hitzfelds 1998 präsentiert sich der Verein ununterbrochen wie kein deutscher Klub zuvor konkurrenzfähig auf höchstem internationalen Niveau. Die Münchner begegnen den mit sündhaft teurem Personal ausgestatteten Klubs aus Spanien, Italien und England inzwischen mindestens auf Augenhöhe. Dank der auf individuellen Stärken (und Schwächen!) des Kaders zugeschnittenen Taktik Hitzfelds fürchtet man die Bayern in Madrid und Manchester als schwer bezwingbaren Gegner. Die SZ bezeichnete sie deswegen einmal „das Unterhaching Europas“, was durchaus als Kompliment gemeint war. Schließlich sind die Bayern verglichen mit den Königlichen von Real Madrid ein Underdog, und zwar ein anerkennenswert erfolgreicher. Daher sollte man die vierjährige Boomphase (1998-2002) eher als Überraschung zu deuten bereit sein als das diesjährige Scheitern in einer mit hochkarätigen Teams (AC Mailand und Deportivo La Coruna) besetzten Gruppe.
Dazu Joachim Mölter (FAS). „Selbst wenn etwas mißlingt, dann nicht einfach so, sondern ganz grandios. Das Ausscheiden in der ersten Runde der Champions League, das jedes Jahr 16 Mannschaften widerfährt, war nicht bloß schade; eine Schande war das, schimpfte Rummenigge die Spieler. Denn die werden von ihrem Trainer Hitzfeld, dem besten der Welt, nebenbei bemerkt, auf ihre Großtaten vorbereitet, und zwar unter besten Bedingungen auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße, wo alles vom Feinsten ist, wie im Jahrbuch nachzulesen ist. Und in naher Zukunft dürfen sie in der Allianz-Arena spielen. Das Stadion wird einmal das schönste auf der Welt, versichert Hoeneß, wahlweise das ungewöhnlichste der Welt, wenn man Präsident Beckenbauer glaubt. Zu den Auswärtsspielen werden sie wohl auch weiterhin im modernsten Reisebus Europas chauffiert, wie es in einer Pressemitteilung einst hieß.“
Stichwort Pressemitteilung: Wie kein zweiter Club schaffen es die Bayern immer wieder gekonnt, ihre eigene Sichtweise in der öffentlichen Diskussion wie bestellt zu platzieren. Aus einen klarem Elfmeter gegen die Münchner – so wie letzte Woche in Dortmund – wird bei „ran“ plötzlich ein „umstrittener“, dem Wortlaut Ottmar Hitzfelds gehorchend. Das entscheidende Tor nach einem umstrittenen indirekten Freistoß in einer sehr langen Nachspielzeit – nach jenem Saisonfinale 2001 in Hamburg sprach die taz beleidigt von „Auftragsarbeit für Dauerbegünstigte“– gereichte den Münchnern wie gewünscht zur langlebigen Legende von der Unbesiegbarkeit.
Roland Zorn (FAZ) erinnert an sportliche Fakten dieser Saison. „Beste Heim-, beste Auswärtsmannschaft, bester Torwart, bester Angriff, beste Abwehr, bester Mittelfeldspieler (Ballack): Wo immer es um die Nummer eins im ganzen wie im einzelnen ging, stets war der FC Bayern in mannschaftlicher Geschlossenheit und individueller Stärke zur Stelle.“
Zur sportlichen Überlegenheit gesellen die Münchner nahezu perfekt Deutungshoheit über sich und ihr Handeln. So funktioniert ihr „perfekter Lobbyismus“ – wie Michael Horeni (FAZ) urteilt –, ihre Nationalspieler zu protegieren. Im Vorfeld der WM 2002 unterstützten einflussreiche Medien den auf internationalem Niveau stets torungefährlichen Bayern-Stürmer Carsten Jancker, während der treffsichere, von Bild-Kolumnist TV-Kommentator Franz Beckenbauer (den das SZ-Magazin als „mächtigsten Mann Deutschlands“ beschrieb) allerdings ungeliebte Oliver Bierhoff, als Auslaufmodell verhöhnt wurde. Oder nehmen wir Oliver Kahn, dessen Privatleben an dieser Stelle niemals interessierte: Wer nach dem WM-Turnier in Fernost auch nur einen Hauch von Kritik üben wollte, konnte sich nicht nur von den Stammtischen Nachtreter und Besserwisser schimpfen lassen. Dabei waren die niedagewesenen Lobesarien auf ihn oft übertrieben, und es war keineswegs so, dass ihm erst im Finale gegen Brasiliens Rivaldo sein erster und einziger Fehler unterlaufen wäre. Im Achtelfinale beispielsweise gegen Paraguay offenbarte Kahn mangelnde Strafraumbeherrschung sowie Fangunsicherheit. Recht verstanden: Er spielte insgesamt ein sehr gutes Turnier, zeigte einige Weltklassereaktionen sowie physische und psychische Präsenz. Vermutlich wäre die deutsche Elf ohne ihn nicht ins Endspiel eingezogen. Letzteres kann man so ähnlich aber auch von Leverkusens Carsten Ramelow behaupten. Kahns Konkurrenten Jens Lehmann wäre ein Fehler in einer derart bedeutenden Situation (oder eine Leistung wie diejenige Kahns beim 1:5 gegen die Engländer in München) lange nachgetragen worden. Dahingegen haftet Kahn nach wie vor das Image an, zu Höhepunkten besonders leistungs- und nervenstark zu sein. Zufall, dass Kahn im Trikot der Münchner spielt und Lehman Dortmunder ist? Nebenbei: Dass das Ausland sich leicht tut, den deutschen Torwart zu loben ist nicht schwer zu erklären, heißt das doch gleichzeitig, dass der Rest der ungeliebten Stolperteutonen ohne ihren Keeper nicht viel zu Stande bringt.
Christian Eichler (FAZ) versteckte seine diesbezügliche Ansicht in der Sommerpause 2002 und zwischen den Zeilen. „Kahn kann ja nichts für seine Erhöhung, die zugleich die Herabsetzung der anderen ist, er tut nur seine Arbeit. Es zeigt aber die Mechanismen, mit denen die Öffentlichkeit mit ihren Helden umgeht. Meistens unsachlich. Sachlich betrachtet, profitiert Kahns Wirkung auch von seinem Stil. Wie anderswo im Berufsleben gibt es auch im Tor die anderen Typen, die ein Problem abwenden, bevor es andere merken, die den entscheidenden Schritt machen, bevor alle hinschauen, und bei denen der sichtbare Teil der Rettungsaktion dann ganz einfach aussieht. Kahn kann auch das, doch vorrangig ist er ein Vertreter der anderen Torwartschule, der spektakulären, deren Taten oft wie das Halten des Unhaltbaren aussehen.“
Hört, hört! Oliver Kahn ein „Schaumann“: kein Kompliment in der Torhütersprache.
Jan Christian Müller (FR) tut sich mit einer Gratulation an die Adresse des Titelhalters schwer. “Weil es also so ist, dass man einem Meister gratuliert, tun wir es hiermit ebenfalls, allerdings nicht, ohne ehrlich einzuräumen, dass sich unsere Begeisterung in engen Grenzen hält. Man muss nicht Trainer von Borussia Dortmund sein oder Fan von Schalke 04, um zugeben zu dürfen, dass man diesen Titelgewinn der Münchner ohne jedwedes Gefühl von Gänsehaut recht teilnahmslos aufgenommen hat. Das hat nichts mit Neid zu tun, den die Bayern so ungefähr jedem zwischen den Zeilen unterstellen, der keine Lust hat, in ihrer Bettwäsche zu übernachten.“
Stimmt! Neid werfen die Bayern samt ihrer Anhänger Kritikern gerne vor. So auch in der Sache Kirch-Geheimvertrag, der wahrhaften (und im Vergleich mit 14 Punkten Vorsprung im Klassement wesentlich wirkungsvolleren) Demütigung für ihre Konkurrenz der „K17“ (die kleinen 17). Abgesehen von den juristischen und moralischen Wertungen, war es für die Kollegen Meier (Dortmund), Assauer (Schalke) Co. ein Schlag ins Gesicht, dass um ihre Gunst nicht gebuhlt wurde. Nicht zufällig kooperierte der damalige Medienmogul mit dem nationalen Zugpferd und gewinnbringenden Allianzpartner schlechthin: dem FC Bayern. Dieser Vertragsschluss demonstrierte deutsche Fußballhierarchie nachdrücklich.
Noch mal Joachim Mölter (FAS). „Klar, daß die vom Kirch-Konzern für diverse Lobbyarbeit in Sachen Zentralvermarktung der Fernsehrechte in Aussicht gestellten 190 Millionen dem Manager Uli Hoeneß nur als Lappalie erschienen, und er nach der Aufdeckung des geheimgehaltenen Vertrags auch nur einen kleinen Verstoß gegen die guten Sitten des Ligaabkommens sah. Auch das hat man also in dieser Saison der Superlative erleben dürfen: die bescheidensten Bayern aller Zeiten.“
Fazit: Am Verdienst der Meisterschaft sowie an der Vorherrschaft der Münchner hierzulande gibt es folglich nicht den geringsten Zweifel. Also Gratulation! Die Bayern sind nicht nur sportlich ihrer Konkurrenz meilenweit voraus.
Thomas Klemm (FAS). „Was bleibt, ist am Ende nur der Titel als Beweis für die intensive Arbeit eines Trainers, für das konzentrierte Können einer Mannschaft und die hohe Professionalität der Administration.“
hier gibt es noch mehr Pressestimmen und Gratulationen
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Ballschrank
Rhythmisch hochstehendes Match
Champions League Londoner Hierarchie scheint stabil, Chelsea gewinnt gegen Arsenal wieder nicht (1:1) – Real Madrid besiegt AS Monaco (4:2) in einem „rhythmisch hochstehenden Match“ (NZZ) – „AC Milan spielt, wie Real es gerne möchte“ (FAZ) – FC Porto , „reife und solide, nahezu perfekt organisierte Equipe“ (NZZ) (mehr …)
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Dräxler, J. Braun, H. – Fußball. München
Die beiden Autoren erzählen in achtzehn Kapiteln von ihren Erfahrungen in und mit dem Fußballsport, wobei es ihnen zumeist gelingt, für ihre Ballleidenschaft die passenden Worte zu finden. Unter dem Titel „Große Oper in kurzen Hosen“ versucht Dräxler die Faszination des Fußballs zu ergründen und greift hierbei mit Bezugnahme auf die Theatermetapher noch einmal legendäre bzw. semilegendäre Fußballgeschichten auf. Harald Braun liefert als nächstes die an Prägnanz kaum zu überbietende Kapitelüberschrift „GibDenBallAbDuArschloch“ und wendet sich, wie zu erwarten, den alltäglichen Dramen des Vereinsfußballs in den unteren Ligen zu. Eine solche Ode an die fußballerisch minderbemittelten, von ihren Partnerin mit milden Spott bedachten, unaufhaltsam alternden (aber nie ganz erwachsen werdenden) Heroen der Kreisklasse suchte man bislang in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vergebens.
An anderer Stelle des Bandes beschäftigt sich Braun dann noch einmal mit dem Vereinsfußball und zeichnet sein – dem Prinzip Hoffnung folgenden – Jugendtraum von einer Karriere als Profifußballer nach. Mindestens überflüssig sind demgegenüber die zwanghaften „witzigen“ Lieblings-Mannschaftsaufstellungen der Autoren. Wahrscheinlich sollten hier ohne viel Aufwand Seiten gefüllt werden. Die Überschriften weiterer lesenswerter Kapitel verweisen des weiteren mehr oder weniger direkt auf den Gegenstand der Betrachtung: „Gurkenspiele ohne Ende“; „Warum ich froh bin, wenn Deutschland gewinnt“; „Die Angstlust im Stadion“; „Der Ball, mein Lustobjekt“ oder „Gibt es ein Leben nach dem Fußball“.
Auf das ewige Unverständnis von Freundinnen und Ehefrauen für unsere tiefe Zuneigung zum Ballspiel verweist das Kapitel „Beim Fußball zeigst Du plötzlich Gefühle“. An anderer Stelle analysiert Johannes Dräxler ein für normale Menschen unfassbares Phänomen: Er rekonstruiert, wie er Fan von Eintracht Frankfurt (!!!) wurde (und bis heute geblieben ist). Selbstverständlich beleuchtet der Band auch das Phänomen des Fernsehfußballs („Sex, Lügen und Video“) sowie die Beziehung zwischen Fußball und Kunst („Pelé, Mozart, Fred Astaire“). Das abschließende Nachdenken der Autoren über die Gründe, warum sie den Fußballsport nicht zum Beruf gemacht haben, rundet den ballsicheren Gesamteindrucks des schmalen Bändchens treffend ab.
Dräxler, J. Braun, H. (2002). Fußball. München: dtv, 8 . (Bezugbei amazon)
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Dietrich zur Nedden – Spiel ohne Ball. Materialien zu einer postheroischen Fußballtheorie für Kunstfreunde
Wer das grün-weiße Bändchen „Spiel ohne Ball“ unter der Herausgeberschaft von Dietrich zur Nedden das erste Mal auf einem gut sortierten Büchertisch erblickt, denkt unweigerlich, der renommierte Merve Verlag hätte eine sportphilosophische Reihe eröffnet. Da in der Tischnachbarschaft dann allerdings Ulf Poschardts „Über Sportwagen“ fehlt, fällt der Etikettenschwindel mit dem grünen Trapez auf dem Cover bald auf – es handelt sich hier um eine geschickte Finte des „Internationale Härte Verlags“, der die theoriehaltige Textsammlung in die Nähe des Berliner Originals stellen will.
Der Titel des Vorworts unterstreicht die hohen Ambitionen – „Der Ball ist rund, damit er in alle Richtungen denken kann“ – der Herausgeber gibt damit die Taktik für die nachfolgenden 142 Seiten aus. Die Leser erwartet dann eine lockere Aneinanderreihung mehr oder weniger theoriestarker Reflexionen über unterschiedliche Themenkomplexe des modernen Fußball-Feuilletons. Hans-Ulrich Gumbrechts bereits in mehreren Variationen in der FAZ publizierten Gedanken über die Ästhetik des Sports eröffnen die Materialsammlung – sein Beitrag lobt die „Schönheit des Sports“ und stützt sich auf die „fundamentale Verbindung zwischen Sport und Gewalt“. Seine Kopplung der Begriffe Gewalt und Sport öffnet geschickt einen weiten Denkraum für ein flüssiges Kombinationsspiel mit den Überlegungen: „Gewalt ist eine ausgespielte Macht. Und was ist Macht? Macht ist das Potenzial, Räume durch Körper zu besetzen oder zu blockieren.“ Hatte Gumbrecht diesen Gedanken auch schon als wesentliches Konzept des American Football formuliert, so lässt er sich unschwer auf den europäischen Fußball übertragen: Hätten Christoph Metzelder und Carsten Ramelow im Spiel gegen Irland (1:1) nur ein wenig mehr Macht ausgeübt, wäre Deutschland bereits vor dem letzten Gruppenspiel gegen Kamerun die Achtelfinalteilnahme nicht mehr zu nehmen gewesen.
Auf den prominenten Aufmacher, der durchaus noch etwas mehr Spielanteile hätte haben können, folgen meist kleinere Textstücke, die von Reportagen aus dem Fan-Leben (u.a. ein Groundhopper-Portrait von Christoph Biermann) bis zur fußnotenhaltigen Darlegung über die gesellschaftliche „Konstruktion von Fußballfans als gefährliche Gruppe“ reichen. Dazwischen tauchen aus der Tiefe des Raumes immer wieder künstlerische Auseinandersetzungen mit der Thematik auf, etwa die „taktischen Sonette“, die Michael Quasthoff dem Fußball-Poeten Ror Wolf widmet, oder die erlebnisorientierte Prosa von Florian Waldvogel.
Passend zur Weltmeisterschaft lässt sich auch Jürgen Roths Collage zu einer „meist monströsen Medienspezies“ lesen – in 13 Miniaturen skizziert der Frankfurter Autor ein amüsantes Bild des Fußballreporters. Am eindringlichsten wirkt dabei der elfte Abschnitt: „1998 erreichte mich aus Stuttgart während einer hochbrisanten WM-Partie von einem befreundeten SDR-Fernsehjournalisten das schlicht-schöne Fax: „Bring´ mir den Kopf von Heribert Fassbender!“. Es hat nichts genützt.“
Im ganzen muss die Analyse allerdings eher kritisch ausfallen – der Band enthält zwar manchen nett anzuschauenden Gedanken, doch das große taktische Konzept ist nicht durchgängig zu erkennen. Außerdem ist den aufmerksamen Anhängern anspruchsvoller Sport-Lektüre vieles davon bereits bekannt, sei es aus anderen Standardwerken oder den Zeitungsseiten der gehobenen überregionalen Sportpresse. Und dennoch gehört der Band ins Bücherregal des denk- und lesefreudigen Fußballfans – nicht zuletzt wegen der schelmischen Aufmachung.
Christoph Bieber
Dietrich zur Nedden (Hg). Spiel ohne Ball. Materialien zu einer postheroischen Fußballtheorie für Kunstfreunde. Hannover, Internationale Härte Verlag.
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BiermannFuchs – Der Ball ist rund
In der if-Rubrik Hoch und Weit werden Bücher besprochen, die sich mit der Trainingspraxis befassen.
Pflichtlektüre aus Italien
In Sachen Taktik haben die Italiener uns Deutschen schon seit jeher etwas voraus. Daher lohnt sich ein Blick in ihre Lehrbücher. Im vorliegenden wird im ersten Teil das klassische 4:4:2-System (Raumdeckung) in seiner Reinform erläutert. Die Autoren überzeugen durch akribische Detailversessenheit, denn keine vorhersagbare Spielsituation scheint ihnen zu entgehen. So erfährt man zB in anschaulicher Darstellung, wie eine Viererkette gegen alle denkbaren Offensivvariationen (1/2/3 Stürmer) situationsabhängig zu (re)agieren hat. Zudem sind italienischer Fußballauffassung zufolge immer elf Spieler bei der Balleroberung beteiligt, weswegen Marziali Mora Verhalten/Stellungsspiel/ Laufverhalten von Mittelfeldspielern, Stürmern und Torwart (zum Torwartspiel bei einer Abseitsfalle ein Beispiel aus einem Länderspiel) gleichberechtigt behandeln. Abseitsfalle, Doppeldeckung, Pressing sind weitere Stichworte ihre Lehre. Unumstößliche Prinzipien sind dabei immer ballorientiertes Verteidigen in Breite (enge Mannschaft) und Tiefe (kurze Mannschaft), kollektives Verteidigen, sowie Verzicht auf feste Gegnerzuteilung.
Im zweiten Teil widmen sich die Autoren dem Offensivspiel, beginnend beim Spielaufbau in der Abwehrreihe. Sehr populär scheint die Halbmondaufstellung der Viererkette in Ballbesitz geworden zu sein, welche garantiert, dass aus Gründen der Sicherheit „der Ball niemals exakt parallel zur Mittellinie gespielt, sondern von einem Verteidiger zum anderen in der Weise weitergegeben wird, dass sein Weg einen gewissen Winkel zur Horizontalachse des Spielfeldes beschreibt“ (S 134). Wem das zu theoretisch klingt, möge sich das Aufbauspiel der englischen Nationalmannschaft genauer ansehen (zB die Videoaufzeichnung der Demütigung von München) und wird in diesem Punkt merken, dass Sven-Göran Eriksson ein Vertreter italienischer Fußballauffassung ist. Den Abschluss des mit zahlreichen Skizzen versehenen Buches bildet das Angriffsspiel mit zwei Stürmern. Hierbei ist anzumerken, dass sich Offensivspiel wesentlich schwerer einstudieren lässt als Defensivverhalten.
Alles in allem ist Spiel im Raum ein faszinierendes Fachbuch, welches jedem ambitionierten Trainer und Experten Pflichtlektüre sein sollte. Erstens ist es dank seiner umfassenden Vielfalt sehr ergiebig, zweitens sehr klar strukturiert und drittens konsequent in seiner Auffassung vom Fußballspiel. Auch wenn der Trend momentan weg vom festen hin zur flexiblen Anwendung mehrerer Systeme zu gehen scheint, so ist das hier vermittelte Wissen unverzichtbar und zudem auf andere Spielsysteme übertragbar. Freilich sollte man einerseits bedenken, dass ein Buch nicht die zeitlich-räumliche Dynamik einer Spielsituation vermittelbar macht (hierfür eignet sich ein audio-visuelles Medium besser) und andererseits ein Spiel sich niemals schematisch voraussagen lässt. Dafür ist der Ball – zum Glück – zu rund. So bleibt einziges Ärgernis die falsche Verwendung des Plurals von Schema: Schemen. Die Ausführungen und Skizzen von Marziali Mora sind nämlich alles andere als schemenhaft, sondern klar und durchdacht.
Oliver Fritsch
Marziali, Floriano Mora, Vincenzo (1997). Spiel im Raum. Didaktische Einführung in das 4:4:2-System. Leer: bfp (17, 90).
weitere Taktikbücher:
BiermannFuchs: Der Ball ist rund
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Nachschuss
Zusammenhänge zwischen Ökonomisierung und Globalisierung des Fußballsports
Dass der Fußball nicht nur ein weltweit verbreitetes Spiel, sondern auch eine sich globalisierende Branche ist, gehört sicherlich schon seit einiger Zeit zu den Allgemeinplätzen des Diskurses über dieses Rasenspiel. Durchaus interessante Einblicke in die Zusammenhänge zwischen Ökonomisierung und Globalisierung des Fußballsports liefert der von den österreichischen Kultur- und Sozialwissenschaftlern Michael Fanizadeh, Gerald Hädl und Wolfram Manzenreiter herausgegebene Sammelband „Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballsports“. Mit seiner interdisziplinären Ausrichtung beabsichtigt das Buch eine Annäherung an die eigenartige Ambivalenz des Fußballs zwischen „säkularer Massenreligion und multinationalem Geschäft“, zwischen Selbstermächtigung und Konsumorientierung zu liefern. Wie bei wissenschaftlichen Sammelbänden durchaus üblich, unterscheiden sich die einzelnen Beiträge hinsichtlich ihres Anspruchsniveaus, ihrer Originalität und Lesbarkeit erheblich. Zu den Highlights zählt dabei sicherlich der einführende Beitrag von Gerald Hädl über die politische Ökonomie des Fußballsports. Ausgehend von der Annahme, dass sich schrittweise eine symbiotische Beziehung zwischen dem Fußballsport, der Medien- und Unterhaltungsindustrie ausbildet, analysiert Hädl kenntnisreich den europäischen Clubfußball entlang der Kategorien Konzentration, Arbeitsmarkt, Diversifizierung, transnationale Netze sowie Ausweitung des Spielbetriebs. Dabei wird sowohl das Wettrüsten der Vereine als auch die zunehmenden Ungleichgewichte zwischen den Clubs und zwischen Anbietern und Anhängern verdeutlicht. Das Fazit fällt vor diesem Hintergrund für Fußballbegeisterte eher beunruhigend aus: Extrapoliert man die beschriebenen Trends und die herrschenden Kräftekonstellationen in die nahe Zukunft, so deutet nichts darauf hin, dass die Kommodifizierungs-, Konzentrations- und Expansionstendenzen sowie die damit verbundene Exklusion der Ökonomisch Schwachen (egal ob Vereine oder Anhänger) abnehmen werden (S. 34).
Der folgende Beitrag von Gertrud Pfister zur Entstehung und Entwicklung des Fußballsports bietet einen kompakten – mitunter aber auch oberflächlichen – Überblick über die Thematik. Unter dem Titel „Kaffeehaus und Vorstadt, Feuilleton und Massenvergnügen“ setzt sich Roman Horak mit der doppelten Codierung des Fußballs im Wien der Zwischenkriegszeit auseinander. Für regelmäßige Kaffeehausgänger dürfte der Aufsatz anregend sein, alle anderen werden wohl achselzuckend weiterblättern. Dies gilt in vergleichbarer Weise für den anschließenden Beitrag Mitropa: Konstruktionen ‚Mitteleuropas‘ im Sport von Matthias Marschik.
Um die Verbindungslinien zwischen dem Lokalen und dem Globalen im Fußballsport kreisen gleich mehrere Texte. Die Bedeutung des Fußballs im sozialen Kontext Ungarns beleuchtet Mikläs Hadas, während Kurt Wachter über Fußball und (Post-)Kolonialismus in Afrika informiert. Der britische Soziologe Richard Giulianotti diskutiert die Zustände im südamerikanischen Fußball, die er unter anderen mit dem Stichwort Politik der Korruption kennzeichnet. Spätestens seit der letzten Weltmeisterschaft in Japan und Korea gilt Asien als der künftige Wachstumsmarkt des Fußballsports. Vor diesem Hintergrund verdienen die Ausführungen von Wolfram Manzenreiter zur Produktion der japanischen J.Leagueâ sicherlich besondere Aufmerksamkeit. Grundsätzlich lesenswert sind ferner die Beiträge von Jörg Zimmermann über die Herstellung von Fußbällen in Pakistan, von Michael Fanizadeh und Markus Pinter über Rassismus und Antirassismus im Fußballsport sowie von Rosa Diketmäller über den Frauenfußball in Zeiten der Globalisierung. Das offenkundige Bemühen der zuletzt genannte Autorinnen und Autoren um gutmenschelnde Political Correctnessâ beeinträchtigt aber mitunter den wissenschaftlichen Wert der Aussagen und hat mich bei der Lektüre durchgängig gestört. überaus anregend ist schließlich der mit Fallbeispielen arbeitende Beitrag von Georg Spitaler und Lukas Wieselberg über die Rolle des Sponsoring bei Fußballweltmeisterschaften. Neben Erläuterungen zum ewigen Duell von Nike und Adidas interpretieren die Autoren auch die Kampagne von Eurocard-Master Card.
Michael Fanizadeh, Gerald Hädl Wolfram Manzenreiter (Hrsg.). Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs. Frankfurt / Main : Brandes Apsel 2002.
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Grüne, Hardy – Vereinslexikon. Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs
Grüne, Hardy (2001). Vereinslexikon. Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs, Bd. 7. Kassel: Agon.
Erik Eggers (taz 31.12.) würdigt das umfangreiche Werk Grünes (528 Seiten; mittlerweile siebter Band einer Enzyklopädie) als verlässliches und fleißiges „Kompendium“. Registriert sind etwa 3.000 deutsche Fußballvereine, die „irgendwann in den letzten 100 Jahren Fußballgeschichte geschrieben haben“ (Grüne), also solche, die in einer hohen Liga spielten. Seit 1994 sind sogar die Viertligisten registriert. Der statistische Kernteil des „Mammutwerks“ und „wahnsinnigen Buchprojekts“ (Eggers) wird abgerundet durch die Abbildung aller jeweiligen Vereinswappen.
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Das Rostock-Trauma. Geschichte einer Fußball-Katastrophe
Die abgelaufene Spielzeit 2001/02 wurde erst am 34. Spieltag zwischen Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Bayern München entschieden. Auch zehn Jahre zuvor sollte sich der Titelkampf um die Deutsche Meisterschaft zwischen drei punktgleichen Mannschaften erst am letzten Spieltag der Saison entscheiden. Meister der Saison 1991/92 wurde der VfB Stuttgart, Borussia Dortmund wurde Zweiter und die Frankfurter Eintracht vergeigte ihre Tabellenführung bei Hansa Rostock, das vor dem Spiel schon so gut wie abgestiegen war; nach dem Spiel sodann tatsächlich.
Ich erinnere mich noch gut: Nahezu die gesamte Saison spielte die Eintracht „Fußball von einem anderen Stern“ und ich wollte kaum glauben, dass mir bereits als 16-Jähriger und Fan von Eintracht Frankfurt einer meiner Lebensträume erfüllt werden sollte: Eintracht Frankfurt als Deutscher Meister. Das hatte die Eintracht zuletzt 1959 geschafft, also zu einer Zeit, als ich noch nicht geboren war und es auch die Bundesliga noch nicht gab. Der Meistertitel wäre der krönende Abschluss für eine tolle Saison gewesen.
„Der 16. Mai 1992 war ein wunderschöner Frühsommertag. Tausende waren aufgebrochen, um die Frankfurter Fußballwelt aus den Angeln zu heben …“ Dieser Klappentext des Buches verrät es bereits. Die Frankfurter verloren das Spiel mit 2:1, die Eintracht wurde Dritter, und alle Eintracht-Fans leiden seitdem unter dem „Rostock-Trauma“.
Es steckt aber noch mehr dahinter, wie Matthias Thoma und Michael Gabriel richtigerweise im Vorwort bemerken: „Rostock war der Beginn eines schleichenden Abstiegs, der in der Saison 2001/02 mit dem Versinken im Mittelmaß der zweiten Liga seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Und Hoffnung auf eine Besserung gibt es derzeit wahrlich nicht.“ Denn wenn die Eintracht in den Schlagzeilen ist, dann bestätigt sie nur ihren Ruf als „Zwietracht“, von einer „Diva am Main“ spricht heute keiner mehr.
Es schmerzt, wenn nahezu minutiös die Ereignisse des Spiels im Ostsee-Stadion nachgezeichnet werden. Da ist insbesondere der „unglaubliche Vorgang, den klarsten Elfmeter der Bundesligageschichte nicht bekommen zu haben“, wofür sich Schiedsrichter Alfons Berg hinterher entschuldigt: „Wenn man die Szene im Fernsehen sieht, kann man sicher der Meinung sein, dass es ein Elfmeter war. Es tut mir leid für die Eintracht, aber das nützt ja nichts mehr.“ Gerade deswegen ist es so wichtig, dass es dieses Buch gibt. Die „Geschichte einer Fußball-Katastrophe“ ist ein bisschen Balsam auf die Seele und hilft, die Erinnerungen an die guten, alten Zeiten am Leben zu erhalten. Einer der künftigen Deutschen Meister wird Eintracht Frankfurt heißen, davon bin ich überzeugt. Ob ich das mit meinen 27 Jahren aber noch erleben darf…
Dennis Kraft
Das Rostock-Trauma. Geschichte einer Fußball-Katastrophe. 9,90 . (Bezug: )
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Jürgen Schwier Oliver Fritsch – Fußball, Fans und das Internet
Medienöffentlichkeit von unten
Die Annahme, dass das World Wide Web des Internet längst zur Welt der Fußballfans gehört, bedarf wohl noch immer einer eingehenden Erläuterung. Jedenfalls zählt die kompetente Nutzung moderner Informationstechnologien kaum zu den allseits bekannten Elementen des öffentlichen Images obsessiv Fußballbegeisterter. Nicht zuletzt die erfindungsreichen Fangesänge und Sprechchöre in den Stadien, die gewalttätigen Auseinandersetzungen am Rande des Spiels sowie schillernde Kleidungs-, Feier- und Reiserituale bestimmen nach wie vor die Wahrnehmung der Fußballfankultur durch die Massenmedien und die Mehrzahl der Menschen in unserem Land. Die genannten Praktiken scheinen auf den ersten Blick jedenfalls weitaus spektakulärer und unterhaltsamer zu sein als die Gestaltung einer fußballbezogenen Fanpage, eines E-Fanzines, einer Webseite zum Thema Groundhopping oder einer Protestkampagne im World Wide Web des Internet. Im Rahmen des Kampfes um die im Medienzeitalter äußerst knappe Ressource Aufmerksamkeit spielen derartige Online-Aktivitäten jedoch eine besondere Rolle. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Popularisierung von Anliegen der Fußballfans als auch für deren kommunikative Selbstdarstellung und etwaige Solidarisierungseffekte. Das Internet erweitert dabei grundsätzlich die Handlungsspielräume des Fantums. Die eigene Leidenschaft für einen Verein und die Wahrnehmung bestimmter Ereignisse oder Prozesse im kommerzialisierten Fußballsport kann nun prinzipiell mit hoher Verbreitungs- und Veränderungsgeschwindigkeit mit einer weltweiten Gemeinschaft geteilt werden. Aus der Sicht der Autoren spricht ferner einiges dafür, dass sich die Nutzung der digitalen Medien und die „Vernetzung“ bestimmter Gruppen von Fußballanhängern zugleich als Symptom und als Motor für Wandlungstendenzen der Fankultur interpretieren lässt.
Einzelne Fraktionen der Fußballfanszene nutzen seit einigen Jahren die neue Technologie des Internet, um mittels eigener Websites, E-Zines oder über Newsgroups quasi eine Medienöffentlichkeit „von unten“ herzustellen, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen sowie für ihre Interessen und Vorstellungen zu werben. Am Beispiel der bundesweiten Medienpräsenz und Resonanz der Online-Faninitiative pro15:30 zeigte sich spätestens im Jahr 2001, dass das World Wide Web inzwischen auch im Feld des Sports zu einem wichtigen Medium der Protest-Kommunikation geworden ist. Mit derartigen digitalen Medienerzeugnissen oder Initiativen werden engagierte Sportkonsumenten zu (Text-) Produzenten, können kostengünstig viele Menschen erreichen sowie die Interaktions- und Mobilisierungsbereitschaft in der Fanszene fördern. Offensichtlich verbinden einige Fangemeinschaften mit ihren Online-Aktivitäten die Hoffnung, die im Zuge der globalen Durchkapitalisierung des Fußballsports aufgetretenen Entfremdungstendenzen zwischen Anhängern und Vereinen bzw. Spielern zu verringern oder sogar die aktuell gegebene Kräftekonstellation im professionellen Fußball herauszufordern und über den Aufbau einer eigenen „Pressure Group“ zumindest einen Teil des verlorengegangenen Einflusses der Fans zurückzugewinnen. In diese Richtung weisen unter anderem von deutschen und englischen Fußballanhängern verfolgte Projekte, für die Parolen wie „Kein Kick ohne Fans“, „Holt Euch das Spiel zurück“, „Dem Ball is´ egal wer ihn tritt“, „Football against Racism in Europe (FARE)“ oder „Stand up for Football“ charakteristisch sind.
In dieser Perspektive deutet die vorliegende Studie die häufig auf Rückkopplung angelegten Online-Inszenierungen der Fußballanhänger im World Wide Web nicht zuletzt als ein ebenso ernsthafter wie spaßorientierter Versuch, mit der scheinbar unaufhaltsamen Internationalisierung des Fußballmarktes und der Digitalisierung des Mediensports noch einigermaßen Schritt zu halten. Damit gerät ferner das dialektische Verhältnis zwischen der (Definitions-) Macht des Sport- und Mediensystems und der semiotischen Macht der Akteure bzw. deren Protestpotenzial in den Blick.
Das Buch beschäftigt sich mit den eigenständigen Internetauftritten und -projekten von Fans sowie den damit verbundenen virtuellen Taktiken, Handlungsmotiven und Wertvorstellungen. Während vor allem das gewalttätige Verhalten von Fußballanhängern aus durchaus nachvollziehbaren Gründen den Fokus der sportwissenschaftlichen Fanforschung in Deutschland bildet, stehen hier also eine neuartige mediale Praxis und die durchaus kreativen Aneignungsprozesse der Fußballfankultur im Mittelpunkt des Interesses. Hinreichende Antworten auf die Frage, warum Menschen den professionellen Fußballsport zum zentralen Element ihrer Freizeitgestaltung machen, sind also genauso wenig zu erwarten, wie eine zufriedenstellende Erklärung des Hooliganismus. Demgegenüber versucht die Studie zu beschreiben, (a) welche auf den Fußballsport bezogenen Sichtweisen, Meinungen und Botschaften auf den Webseiten von Fans präsentiert werden sowie nachzuzeichnen, (b) welche Möglichkeiten des kulturellen Ausdrucks und des Vergnügens die internetgestützten Formen des Fantums bieten.
Vor diesem Hintergrund vollzieht sich die Annäherung an den Gegenstand der Untersuchung in mehreren Schritten. Die einführenden Ausführungen zu den kulturellen und ökonomischen Aspekten des modernen Fußballsports sowie zum Komplex des Mediensports bilden gewissermaßen eine Hintergrundfolie für die weitere Argumentation. Unter Berücksichtigung der neuen medialen Darstellungsformen und der interaktiven Option des „Cybersports“ diskutiert ein weiteres Kapitel ausgewählte wissenschaftliche Befunde zu den Inszenierungen des Sports im Internet und stellt die eigene methodische Vorgehensweise dar.
Mit Blickrichtung auf die Rolle von Medien für die Entwicklung von Subkulturen wird anschließend das relativ junge Phänomen der sogenannten „Post-Fans“ bzw. der kritischen Fußballfans skizziert. Das fünfte Kapitel ist dann der Ausbreitung, den Inhalten und Botschaften der (Print-)Fanzines der neunziger Jahre gewidmet, da diese selbst hergestellten Medienerzeugnisse einerseits das zuvor genannte neue Fantum repräsentieren und andererseits quasi als „Vorläufer“ der sich schnell verändernden digitalen Fußballfankultur anzusehen sind.
An die Ausführungen zur fußballorientierten Fanzine-Bewegung schließt im sechsten Kapitel die Beschreibung und Einordnung ausgewählter Online-Inszenierungen an, wobei aus Gründen einer notwendigen Begrenzung der digitalen Datenflut nur drei Typen von Webseiten berücksichtigt werden. Dabei handelt es sich um die Online-Versionen von Fußball-Fanzines sowie vereinsgebundene und vereinsübergreifende Faninitiativen. Abschließend erfolgen dann eine vergleichende Analyse dieser Objekte der Online-Fankultur sowie eine bilanzierende Interpretation der Ergebnisse.
Jürgen Schwier Oliver Fritsch (2003). Fußball, Fans und das Internet. Baltmannsweiler: Schneider (13 €). Bezug bei amazon.
Jürgen Schwier ist Professor für Sportsoziologie in Gießen und Leiter der if-Rubrik Nachschuss, Oliver Fritsch ist Gründer und Leiter des indirekten freistosses.
Nachschuss
über das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern
„Hofberichterstattung“
aus R.H. (1999): Zur „Beziehungskiste“ zwischen Sport und Medien. In: Gerhard Trosien Michael Dinkel (hg): Verkaufen Medien die Sportwirklichkeit? Aachen: Meyer Meyer: 73-81 (hier S 80).
Ob der sich der Neutralität verpflichtende Rainer Holzschuh seinen eigenen Ansprüchen genügt? Im Rückblick auf das Fußballjahr 2001 schreibt er einleitend (kicker 24.12.):
„Wir haben die Bayern gefeiert nach ihrem Doppeltriumph in Meisterschaft und Champions-League.“
über das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern
Gewinnspiel für Experten
Nachschuss
W. Ludwig Tegelbeckers Dietrich Milles – Quo vadis, Fußball? Vom Spielprozess zum Marktprodukt
Ein Sammelband zeichnet die Ökonomisierungstendenzen im modernen Fußball nach.
Als die Hansestadt Bremen am 15. April bei der Auswahl der Spielorte für die Fußball-WM 2006 nicht zum Zuge kam, war die Empörung an der Weser groß. Ironischer Weise unterstrich die Entscheidung des DFB gegen den peripheren Standort Bremen die Erkenntnisse und Erläuterungen, die eine ganze Reihe bremischer Fußballkenner schon im Jahr 2000 im bemerkenswerten Sammelband Quo vadis, Fußball? zusammen getragen hatte. Die Herausgeber W. Ludwig Tegelbeckers und Dietrich Milles dokumentieren damit die Resultate einer Konferenz, die im Rahmen der 100-Jahr-Feier des SV Werder Bremen im Jahr 1999 durchgeführt worden war. Eingebettet war diese Veranstaltung in die Arbeit des Forschungsprojekts Sozialintegrative Leistung von Fußballvereinen in Bremen, das unter der trickreichen Adresse www.s-port.de noch immer einsehbar ist.
Der umfangreiche Sammelband stellt aus nahe liegenden Gründen die Entwicklungen rund um den Jubilar in den Mittelpunkt, doch die Fokussierung auf den SV Werder schadet der Aufsatzsammlung keineswegs. Vielmehr behandeln die Beiträge exemplarische Problemstellungen, die auch an anderen Standorten des Profi-Fußballs auf der Tagesordnung stehen. Dazu zählen unter anderem die Nachwuchsarbeit, Marketing-Strategien, der Ausbau des Stadions zur Fußballbühne aber auch des Festhalten an einem sozialen Anspruch des Vereins. Gerade diese etwas unübliche Facette bildet die Brücke zu den anderen Texten des Bandes, die aus einer allgemein-abstrakten Perspektive soziale und kulturelle Fragestellungen rund um das Marktprodukt Fußball behandeln. Die wesentliche Hintergrundthese ist die Umwandlung eines ehemals spielerischen Kulturguts in eine Marktprozessen und -strukturen unterworfene Ware. Großen Raum nehmen in der Textsammlung die Betrachtungen der sozialisatorischen Leistungen des Vereinssports ein, die unter dem wachsenden Ökonomisierungsdruck offenbar immer mehr leiden. Durch die in nur wenigen Beiträgen adressierten Fragen der Medialisierung des Sports wird eine weitere treibende Kraft bei der Ausdifferenzierung der wichtigsten Einflusssphären auf den modernen Fußball nur recht unscharf umrissen: die Veränderung des Spiels durch die mediale Darstellung.
Verständlich wird dies vor allem durch die akademische Andockung von Tagung, Forschungsprojekt und Buchpublikation an das Zentrum für Sozialpolitik – und dennoch wird deutlich, dass der traditionsreiche Vereinssport Fußball in die Zange genommen wird: Markt- und Medienorientierung der Profiklubs bedrohen die kulturelle Basis des Vereinssports und erschweren das Beibehalten sozialer Ansprüche. Wie konsequent die ökonomische Modernisierung des Fußballsports voran geschritten ist, zeigt die wachsende Zahl von Ausgründungen – die Lizenzspielerabteilungen werden nicht mehr als organisatorischer Teil des Gesamtvereins behandelt, sondern firmieren als GmbH oder Aktiengesellschaft. Dass mit diesen Trends zur ökonomischen Diversifizierung die Vereinskultur und ihr Einfluss auf die Gesellschaft auf eine Probe mit ungewissem Ausgang gestellt wird, dokumentiert der bremische Sammelband auf ebenso anspruchsvolle wie anschauliche Weise.
Christoph Bieber
W. Ludwig Tegelbeckers Dietrich Milles (Hrsg.): Quo vadis, Fußball? Vom Spielprozess zum Marktprodukt. Göttingen, Verlag die Werkstatt. (Euro 19,40).
Gewinnspiel für Experten
Nachschuss
Michael Pöppl – Fußball – Eine deutsche Leidenschaft
Auf äußerst anschauliche Weise beleuchtet der freie Journalist Michael Pöppl die Geschichte des Fußballs in beiden deutschen Staaten seit Ende des Zweiten Weltkriegs, wobei in dieser Rückschau auch immer ein Blick auf die jeweiligen Ausprägungen beider Gesellschaftssysteme geworfen wird, in denen wir Deutsche lebten. In unterhaltsamer Weise, unterbrochen von zahlreichen Anekdoten, erzählt Pöppl noch einmal das „Wunder von Bern“ nach, erweckt das legendäre „dritte Tor von Wembley“ wieder zum Leben, lässt den Leser die „Schmach von Cordoba“ nachfühlen, bringt die „Hand Gottes“ noch einmal ins Spiel und dokumentiert die „Affäre Daum“.
Am Beispiel dieser Meilensteine der jüngeren und älteren Fußballgeschichte beobachtet und erläutert der Autor gesellschaftliche und politische Entwicklungsprozesse und gewinnt „erstaunliche ethnologische Einsichten über unser seltsames Volk.“
Die Lektüre macht schlichtweg Spaß. Zeitgeschichte wird in diesem Buch lebendig, was dem Autor durch viele kleine Anekdoten und Geschichtchen gelingt, die er in seine Darstellung eingewoben hat. Ein Lob verdient das reichhaltige Literaturverzeichnis, in der sämtliche relevanten Titel zum Thema „Fußball in Kultur, Politik und Gesellschaft“ aufgelistet sind.
Auch für den vermeintlich allwissenden Fußballexperten bietet das Buch eine Fülle an Neuigkeiten und wissenswerter Details. Oder wussten sie, was die so genannten „Kartoffelspiele“ waren oder welchen staatlich organisierten Schlachtruf die linientreuen DDR-Fans 1974 in München anzustimmen hatten?
Andreas Schulz
Michael Pöppl. Fußball – Eine deutsche Leidenschaft. Aufbau Verlag Berlin, 254 S., 8,50 .
Gewinnspiel für Experten
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