Donnerstag, 25. März 2004
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Europas Fußball vom Wochenende: Resultate – Tabellen – Torschützen
Europas Fußball vom Wochenende: Resultate – Tabellen – Torschützen NZZ
Christian Eichler (FAZ 18.8.) berichtet Lehmanns gelungenen Einstand in England. „Es ist fast ein halbes Jahrhundert her, daß ein deutscher Torwart in England zum Helden wurde, der frühere Kriegsgefangene Bert Trautmann, der mit gebrochenem Halswirbel Manchester Citys Sieg im Pokalfinale 1956 festhielt. Eike Immel, der auf seine alten Tage beim selben Klub aktiv wurde, kam da nicht mit. Und auch der frühere Dritt-Torwart von Bayer Leverkusen, Lars Leese, erwarb mit ein paar Spielen beim FC Barnsley weniger sportliche als literarische Bekanntheit (als Hauptfigur des Fußballbestsellers Der Traumhüter). Lehmann aber hat schon die ersten kleinen Schritte geschafft, um sich auf der Insel zu etablieren: erst im Elfmeterschießen des Supercups der gehaltene Schuß von Ruud van Nistelrooy, der zuvor 17 Elfmeter in Folge verwandelt hatte; nun die Rettungstat gegen Everton. Premier League, das ist für einen 33 Jahre alten Torwart das Gegenteil von Vorruhestand. Tempo, Strafraumszenen, Zweikämpfe, Luftduelle, alles läuft dort um einige Umdrehungen höher als auf dem Kontinent. Daß einer wie Oliver Kahn erst in der zweiten Halbzeit seines dritten Spiels, am Samstag gegen Bochum, seinen ersten Saisonball zu halten bekommt, wäre in der Premier League undenkbar. Dort herrscht ein atmosphärischer Überdruck, dem auch als Weltklasse geltende Neuzugänge nicht immer gewachsen sind. So erlitt beim FC Liverpool der polnische Nationaltorhüter Jerzy Dudek im letzten Jahr sein Waterloo und landete auf der Bank. Bei Manchester United wurde der Franzose Fabien Barthez im April von Trainer Alex Ferguson ausgemustert und damit endgültig als Fehleinkauf eingestuft. Am Samstag gegen den FC Bolton bewährte sich der amerikanische Neuzugang Tim Howard. Manchester gewann 4:0, wobei die 67000 Zuschauer feststellten, daß es ein Leben nach Beckham gibt. Nun schießt eben ein anderer die Freistöße: Giggs besorgte so den Führungstreffer aus fast dreißig Metern.“
Vergesst Goethe
Birgit Schönau (SZ 18.8.) blickt voraus. „Vergesst Goethe. Seit der famosen Habe-Fertig-Rede ist Giovanni Trapattoni der wichtigste Mittler zwischen den Kulturen von Germania und Italia. Was man schon an seinen Auftritten in der Fernsehwerbung sehen kann – in Deutschland als Vorzeigeitaliener, in Italien als il tedesco. So nennen sie ihn nämlich. Im Fußball hat er jedenfalls keine barbarischen Einflüsse zugelassen. Unter Trapattoni ist unter den Azzurri die Figur des Dreiviertel-Spielers wieder erstarkt, des klassischen Halbstürmers „mit guten Füßen“ hinter der einzigen Spitze. In Francesco Totti und Alessandro Del Piero wird er gleich zwei Vertreter dieser sehr italienischen Spezies des „Avanti-ma-non-troppo“ hinter dem Stürmer Christian Vieri aufbieten. Ein Trio Infernale, hoffen wenigstens die Tifosi. In der gleichen Rolle hat Trapattoni den Lazio-Spieler Bernardo Corradi und Juves Zugang Fabrizio Miccoli gefördert, die ebenfalls im Aufgebot gegen Deutschland stehen. Filippo Inzaghi, der oft ein wenig zu weit vorn steht, bleibt „aus taktischen Gründen“ zu Hause. Im Mittelfeld wirken keine Überflieger, aber was es an Begabungen gibt, hat der Commissario Tecnico ausprobiert. Zurzeit verlässt er sich auf Juventus: Camoranesi, Tacchinardi, Zambrotta. Sieben Spieler kommen vom Meister, zwei vom Champions-League-Sieger AC Mailand. Im Tor Gianluigi Buffon und Francesco Toldo, zwei überragende Spieler der vergangenen Champions-League-Saison. Italien hat, eine Generation nach Weltmeister Dino Zoff, wieder herausragende Keeper und mit Alessandro Nesta einen der elegantesten Verteidiger der Welt. Am Mittwoch wird gespielt, in Stuttgart, und Giovanni Trapattoni wird, wie immer, neben der Bank stehen, mit den Armen rudern und auf zwei Fingern pfeifen. Der Fels ist noch ganz schön beweglich.“
Zwei Grüße von der iberischen Halbinsel
Aus Portugal schreibt mir Freitößler Davi Georgi:
Zunächst ein großes Lob. Ich lese den Newsletter immer mit großer Begeisterung und er ist zu meiner Stammlektüre, was den deutschen Fußball betrifft, geworden. Nun will ich Dir einige Zeilen über den portugiesischen Ligastart schicken.Auch wenn die Superliga vielleicht nicht die spannendste, bekannteste und beliebteste ihrer Art ist, so bringt sie viele Talente, geschulte Trainer und, etwas portugiesisches…. Skandale mit sich. Die kommende Saison, unmittelbar vor der EM wird insofern interessant – Portugiesen sind eigentlich keine Stadiengänger – aus den verschiedensten Gründen, dennoch sind sie leidenschaftliche Fans. Nehmen sie die neuen Stadien an? Viele Fragen sind vor der neuen Saison und vor der EM noch offen. Schade, dass die meisten europäischen Zeitungen den portugiesischen und südamerikanischen Fußball erst dann entdecken, wenn die Talente in den eigenen Reihen stehen. Nun aber genug der Worte.
Dubioser Start in eine neue Zukunft
Eigentlich sollte am heutigen Freitag die portugiesische Superliga mit der Begegnung Belenenses gegen Estrela da Amadora eröffnet werden. Doch nun hat der portugiesische Ligaverband kurzer Hand das Spiel abgesagt. Mit sofortiger Wirkung werden alle Spiele von Aufsteiger Estrela sowie dem Zweitligisten Naval bis auf weitere Anweisung ausgesetzt. Der Grund: Am letzten Zweitligaspieltag der vergangenen Saison gastierte Naval beim bereits aufgestiegenen Verein – Rio Ave. Dessen Fans die Feierlichkeiten nicht abwarten konnten und das Spielfeld während der zweiten Halbzeit stürmten. Das Spiel wurde beim Stand von 0 : 0 abgebrochen, während gleichzeitig Estrela auswärts bei Portimonense mit einem 3 : 2-Erfolg den Aufstieg in die Superliga besiegelte. Hätte Naval sein Spiel gewonnen, wären sie an Stelle Estrelas aufgestiegen. Zwei Monate später gab nun der portugiesische Verband dem Protest Navals statt und setzte die Spiele beider Teams aus. Morgen soll dann der Ball endlich rollen. Doch auch die Begegnung zwischen Académica de Coimbra gegen Sporting Lisboa war lang umstritten. Das neue 30.000-Sitzplatz-Stadion Municipal in Coimbra wird erst Ende Oktober seinen Ligabetrieb aufnehmen können. Coimbra fragte beim Ligaverband an, ob man die beiden Topspiele gegen die großen, Lissaboner Vereine entweder in den Oktober verschieben könne, oder zuerst auswärts austragen dürfe. Dieser Vorschlag wurde vor zwei Wochen abgelehnt. Nun bleibt der finanziell gebeutelten Académica nichts anderes übrig als im benachbarten Taveiro die Begegnung in einem wesentlich kleineren Stadion auszutragen. Na dann, im diesem Sinne, boa sorte no jogo.
of: Besten Dank! Wir werden die Augen nach Berichterstattung über Portugal offen halten. Allerdings vermute ich, dass sich außer der Neuen Zürcher Zeitung keine andere deutschsprachige Zeitung dafür interessieren wird.
Aus Spanien schreibt mir Gunnar Ehrke:
„Hi Oli, ich sehe gerade Valencia – Madrid in so einer Art spanischem Supercup. Beckham ist bei jeder Ballberührung ausgepfiffen worden und wurde gerade in der 60. gegen Guti ausgewechselt. Guti gilt in Spanien auch als Modepüppchen. Bei Auswechselungen gibt es ja verschieden Formen des Abklatschens. Hände geben, auf den Hintern hauen, ignorieren… Bei den beiden gab es im Vorbeigehen ein Küsschen auf die Wange. Habe ich beim Fußball nie gesehen. In Spanien ist der doppelte Kuss auf die Wange zwar üblich, aber nicht unter Männern (höchstens bei engen Familienangehörigen). Außerdem war Beckham schlecht. Hasta luego, Gunnar.
P.S.: Meinst Du, Du könntest dieses Küsschen auf die Wange auch in Deinem Verein einführen?
of: Schlecht! Wir sind aufm Dorf.
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Den beschwingtesten, leichtfüssigsten, attraktivsten Fussball
Peter Hartmann (NZZ 20.5.) analysiert die schwierige wirtschaftliche Situation bei Lazio Rom. „Sie haben unter dem jungen Trainer Roberto Mancini den beschwingtesten, leichtfüssigsten, attraktivsten Fussball dieser Saison gespielt. Die Spieler von Lazio Rom könnten nächsten Sonntag unbeschwert mit dem Schönheitspreis in die Ferien ans Meer fahren. Schon in der vorletzten Runde erreichten sie endgültig die nächste Champions-League-Qualifikation, nach dem 3:1-Heimsieg gegen Brescia ist ihnen zumindest der vierte Meisterschaftsplatz sicher. Aber die Sorgen der Spieler bleiben im Urlaub die gleichen wie schon das ganze Jahr über: Sie wissen nicht, wie viel ihnen die Bank Capitalia, die den Klub im Verbund mit andern Finanzinstituten notversorgt, aufs Salärkonto überweist. Fest zugesagt sind ihnen die ausstehenden Bezüge für Dezember und Januar. Die Gehälter von Februar bis Juni sollen ihnen in Form von – allerdings fast wertlos gewordenen – Aktien des börsenkotierten Klubs abgegolten werden. Die Mehrheit der Mannschaft hat diesem Sparplan des Generaldirektors Luca Baraldi, der letztes Jahr schon die AC Parma saniert hat, zähneknirschend zugestimmt und würde auch in der nächsten Saison eine Teilentschädigung in Papieren des Arbeitgebers akzeptieren. Ausgeschert sind jedoch die Stars, die einen Markt haben: Der holländische Abwehrrecke Jaap Stam (für den sich Juventus interessiert), der serbische Mittelfeldspieler Stankovic (im Visier von Inter) und der gesamte Angriff mit Corradi (dem Offerten aus England vorliegen), Chiesa (der schon ein Opfer der Pleite von Fiorentina geworden war) und dem Argentinier Lopez (den Valencia zurück haben möchte). Auch der in den Medien mit Komplimenten überhäufte Trainer ist unschlüssig: Mancini ist zwar in den Vorstand berufen worden und soll eine Art Manager-Funktion nach britischem Vorbild erhalten, aber ihn hofiert hartnäckig der Inter-Präsident Massimo Moratti. Denkbar ist auch, dass Mancini, wenn er geht, ein ganzes Paket von Spielern mitnimmt. Denn das Schicksal der Lazio, die im Jahr 2000 noch Meister war, ist nach wie vor völlig ungewiss.“
Andalusier sind heitere Menschen, wir aber werden vom Atlantik nass gemacht
Georg Bucher (NZZ 20.5.) charakterisiert Deportivo La Coruña. „Schlau seien sie, bodenständig und zugleich weltoffen, geizig und solidarisch, eben etwas anders, sagen Spanier von den Galiciern. Wer ihren Charakter nicht mag, über unverhofften Richtungsänderungen die Orientierung verliert, sieht Mutanten am Werk und vergisst dabei, dass auch der Wind hier beständig dreht. „Andalusier sind heitere Menschen, wir aber werden vom Atlantik nass gemacht“ – mit dieser Metapher bringen die Kelten im Nordwesten der Peninsula selbstironisch Unterschiede zu Landsleuten auf den Punkt. Ein Sprichwort der römischen Kolonisatoren, „per aspera ad astra“, könnte am Saisonende auf ihren Vorzeigeklub zutreffen. Nach 33 Runden war Deportivo erstmals an die Spitze vorgerückt, theoretisch von einem leichten Restprogramm begünstigt. Doch am Samstag drehte der Wind erneut und blies dem Klub gegen Valencia (1:2) ins Gesicht. Damit er im Finish wieder aus dem Windschatten angreifen kann? Sein fünftes Jahr in La Coruña bezeichnet der baskische Trainer Javier Irureta als das schwierigste. Sechs Innenverteidiger sollten dem Kader Garantien geben, wenn alle verletzt sind, führt auch Improvisationskunst nicht zu erwünschten Resultaten. Wenn dann noch der Spielmacher Valerón und nach einer Krebserkrankung der Goalie Molina monatelang ausfallen, wenn Disziplinarfälle laufend das Gleichgewicht stören, dann ist es schon ungewöhnlich, wenn der Kontakt zur Spitze hält. Im März war der Tiefpunkt erreicht. Champions League und Copa del Rey konnten abgehakt werden, die Meisterschaft stand wieder im Vordergrund. Weil Deportivo heuer die beste Bilanz auf fremden Plätzen (30 Punkte) verzeichnet, bleibt der Titelkampf mit Real Sociedad und Real Madrid offen; drei bzw. zwei Punkte Rückstand sind aufzuholen. Trophäen in der Ära Irureta – ein Campeonato, zwei Copas del Rey, eine Supercopa – haben Selbstvertrauen und Krisenresistenz gestärkt. Sollte die Champions League zum vierten Mal in Folge erreicht werden, ist eine Fortsetzung der Zusammenarbeit wahrscheinlich.“
Die Copa Libertadores mit interessanten Viertelfinals NZZ
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Zwei Zuchtmeister auf dem Betzenberg, Portrait Peter Neururer
Drei Themen heute: 1. „Zwei Zuchtmeister auf dem Betzenberg“ titelt die FR über die Verpflichtung des „schweizerisch-belgischen Care-Pakets“ (FAZ) Eric Gerets und René C. Jäggi. Den beiden erfahrenen Führungskräften traut man den Kurswechsel in Kaiserslautern durchaus zu. 2. Angesichts des ersten EM-Qualifikationsspiels der DFB-Elf in Litauen fragt man sich, wer die Tore schießen soll, denn die Stürmer sind durchweg nicht in Höchstform. Allerdings hegte man diese Bedenken auch vor der Weltmeisterschaft in Fernost – zu Unrecht, wie sich herausstellte. 3. Portrait Peter Neururer. (mehr …)
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Gelungen!
„Schon lange hat es auf der Bühne Bundesliga nicht mehr einen solch furiosen Einstand gegeben.“ Dieses Urteil des Berliner Tagesspiegels bezieht sich auf das Debüt des 20-jährigen Neu-Schalkers Altintop, der mit zwei spektakulären Toren auf sich aufmerksam macht. Gleichzeitig freuen sich Fußballfreunde und Experten über einen generell abwechslungsreichen Ligastart: viele Tore, viele Zuschauer, gute Stimmung; dazu zwei überraschend hohe Heimniederlagen der beiden ambitionierten Vereine aus Hamburg und Berlin, einen guten Neustart des Fastabsteigers aus Leverkusen an die Tabellenspitze sowie ein Ruhrderby, das wie gewohnt Gesprächsstoff bietet.
Auch mit der ARD-Sportschau, auf deren Comeback man gespannt war, sind die Chronisten zufrieden: „solides Handwerk, frei von technischen Pannen, aber nicht ohne Platitüden“, zensiert die FAZ die Schulnote 3. Die NZZ atmet auf: „In Bezug auf Bildführung und Interviewthemen wurde – so der erste Eindruck – ins Zentrum gerückt, was dorthin gehört. Nasenbohrende, auf die Tribüne verbannte Ersatzspieler oder gähnende Spielerfrauen wurden ebenso gemieden wie irrlichternde Reporter auf der Recherche nach der Herkunftsgeschichte eines Talismans. Die Reduktion auf das Wesentliche ist hier eine Wohltat.“
Kunst am Ball
Jan Christian Müller (FR 4.8.) berauschte sich an unterhaltsamem Sommerfußball. “Leider muss man keine prophetische Gabe besitzen, um düster zu erahnen, was parallel zum Wettereinbruch in der Fußball-Bundesliga geschehen wird. Dann werden wir uns erinnern an jenen ersten Spieltag der 41. Spielserie, der bei fast 40 Grad im Schatten die Freunde des Balls in der Sonne glänzen ließ. Derart viele Streicheleinheiten für das hier zu Lande gern auch mit roher Rücksichtslosigkeit behandelte Spielgerät haben wir – ran-Sat 1 ist gänzlich schuldlos – schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr frei Haus geliefert bekommen. Vielleicht zuletzt, als Ernst Huberty und Dieter Adler noch ihre Papptäfelchen drehen und selbst in der Bundesliga auch leicht übergewichtige Männer oberhäusig gänzlich ohne Eile störungsfrei Doppelpass spielten durften. Am Wochenende aber zeigten Ponte, Conceicao, Altintop, Micoud, Ailton, D‘Allessandro, Zé Roberto, Deisler, Simak, Stajner, dass es bei entsprechender balltechnischer Ausbildung auch bei dem inzwischen im Spitzenfußball üblichen hohen Tempo noch Raum für Kunst am Ball gibt. Selbst bei den schlechtesten Mannschaften des ersten Spieltages, Eintracht Frankfurt und SC Freiburg, stachen die besten Techniker heraus: Ervin Skela und Zlatan Bajramovic.“
Auch Gerd Schneider (FAZ 4.8.) amüsierte sich. „Seit Jahren hat die Liga nicht mehr eine so bewegte und bewegende Premiere erlebt. Fast 360 000 Zuschauer waren trotz der Hitze am ersten Spieltag in die Stadien gekommen, soviele wie seit Mitte der 60er Jahre nicht mehr. Und sie bekamen den heißen Tanz geboten, den sie sich versprochen hatten. Die Hauptrolle im Gefühlstheater übernahm, wie könnte es anders sein, Bayer Leverkusen. Kaum einem Albtraum entronnen, fand sich Bayer zumindest für einen Tag unversehens in lichter Höhe wieder, nämlich ganz oben in der Tabelle. Womöglich hat der Richtungswechsel viel mit Klaus Augenthaler zu tun, der dem sprunghaften Bayer-Ensemble spürbar Halt gibt.“
Aufgeblasene Gute-Laune-Halligalli
Frank Ketterer (taz 4.8.) amüsierte sich nicht. „Jetzt, da die Bundesliga in ihre neue Runde gestartet ist, ist einem jedenfalls ziemlich schlagartig bewusst geworden, was man diesen schönen, warmen Sommer lang so gar nicht vermisst hat: Dieses ganze Gedöns ums Leder, dieses aufgeblasene Gute-Laune-Halligalli, all die angetrunkenen Fans in ihrer lächerlichen Verkleidung, bärenfellige Maskottchen, die auf einem Motorroller ums Rasengrün rasen und dümmlich winken, und, schließlich, all die sich selbst überschätzenden Jungmillionäre, deren Verstand bisweilen so kurz geraten ist wie ihre Hosen. Man könnte also auch sagen: Der Sommer ist seit Samstag vorbei. Aus, aus, aus, einfach aus – und vorbei. Und jetzt, da das Land heftig dem Herbst entgegenstrebt, kriechen auch all die Fußballfetischisten wieder aus jenen Löchern, in denen sie sich die letzten zweieinhalb Monate vergraben hatten. Jene, für die Fußball alles ist und die nichts im Kopf haben außer: Fußball, Fußball über alles. Anders gesagt: die etwas angeballert sind. Einfach ballaballa. Menschen, die in Viererketten denken und für die Nichtigkeiten wie Elfmeter, Platzverweis, Abseits und Tor Schicksalhaftes in sich tragen, obwohl sie doch nur dem Zufall entspringen; für die ein Sieg ihrer Mannschaft alles ist und eine Niederlage das reine Verderben; und die längst aus dem Blick verloren haben, dass alles doch nichts mit der Wahrheit zu tun hat und somit mit dem Leben, sondern nur ein großes, aufgemotztes Spiel ist, bei dem es um nichts geht als ums Geld. Um sehr viel Geld.“
Man nimmt es, woher man’s kriegen kann
Philipp Selldorf (SZ 2.8.) berichtet die ökonomischen Zwänge in der Bundesliga. „Man ist zum Sparen und zu neuer Orientierung verdammt, obwohl das Interesse am Fußball um nichts nachgelassen hat und sein enormer sozialer Stellenwert sich durch die Dauerpräsenz abseits des Platzes nachweisen lässt. Fußball bleibt, zumal mit Blick auf die WM 2006, ein wichtiger politischer Faktor, und er liefert dank lebensnaher Hauptdarsteller wie Oliver Kahn oder Franz Beckenbauer genügend Stoff für das gesellschaftliche Geschehen. Doch Fußball als Industrie muss sich reformieren – mit Ausnahme des scheinbar autonom existierenden englischen Marktes überall in Europa. Im italienischen und spanischen, aber auch im türkischen oder französischen Fußball grassiert die Finanznot. Die Spieleragenten, die mit ihren Provisionen für hin und her geschobene Kicker reich geworden waren, sterben auf einmal einsam. Doch noch weiß keiner, wohin die Trendwende führt. Zu moderater Gesundung? Oder zu neuen, noch gefährlicheren Abhängigkeiten? Während sich in Italiens Serie A Familie Ghaddafi aus Libyen Geltung als Geldgeber verschafft (und Sohn Al Saadi sogar unentgeltlich beim AC Perugia kickt), hat sich in England der russische Oligarch Roman Abramowich beim FC Chelsea eingekauft und die „russische Revolution“ eingeläutet, weil er mit den Pfundnoten nur so um sich wirft. Schon steht auf der Insel der nächste zweifelhafte Investor bereit – ein venezolanischer Milliardär, der zunächst nicht mal genannt werden wollte. Man nimmt es, woher man’s kriegen kann. Der TSV 1860 München flog nach Südkorea zu einem gut bezahlten Turnier, hinter dem die Moon-Sekte stand – und fragte lieber nicht nach. Selbst der FC Bayern bezeugte mit seinem geheimen Kirch-Vertrag, dass Käuflichkeit auch beim Stärksten nicht halt macht. Die Gründe für den geplatzten Boom gleichen sich. Sowie der Neue Markt zusammenbrach, verflogen auch die Illusionen im Fußball. In Italien, Spanien und Deutschland gingen ganze Senderketten Pleite, die mit Fantasiesummen die Klubs alimentiert hatten. Für diese Saison sah der TV-Vertrag der Kirch-Gruppe mit der deutschen Profiliga 460 Millionen Euro Honorar vor – aber die Kirch-Gruppe gibt es nicht mehr. 290 Millionen Euro zahlt nun der nächste Rechte-Inhaber, doch die Tendenz ist fallend, und die Klubs sind gezwungen, die ausgefallenen, aber verplanten Einnahmen auszugleichen. Ein Kunststück angesichts eines Schuldenstands von insgesamt 682 Millionen Euro. So hat sich die Bundesliga zum Sparverein gewandelt, und das ist nur zu begrüßen nach Jahren spekulativen Wirtschaftens und unseriöser Bündnisse.“
Pressestimmen zu den einzelnen Spielen
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Sorgen um Andreas Hinkel und Kevin Kuranyi
Sorgen um Andreas Hinkel und Kevin Kuranyi – Assauer, der Bösewicht der Liga – Hinkel und seine Heimat – FAZ-Interview mit Hinkel
of Die Zeitungen spekulieren – wie die ganze Fußball-Nation – über die Karriere-Ziele der Stuttgarter Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel und die Aufführungen im Rahmen der „Transfer-Folklore“ (FAZ): das meint den üblichen Mix aus Andeutung, Leugnung, Verschleierung und Beteuerung, den die beiden Jung-Profis auch vor Kameras bereits gut beherrschen. Viele Journalisten möchten den beiden raten, ihr vertrautes Heim, das „Bundesligabiotop VfB Stuttgart“ (SZ), nicht zu verlassen – schon gar nicht Richtung Schalke.
Schalkes Manager Rudi Assauer, mit Scheinen lockend und wedelnd, ist in den Augen vieler Betrachter der Bösewicht der Liga. „Woher hat Schalke nur so viel Geld?“, hat die FAZ vor sechs Wochen misstrauisch gefragt, „elf Söldner müsst ihr sein“, beschreibt der Spiegel das neue Leitbild von Schalke 04. Doch ist dessen Reichtum wirklich etwas Neues? Hat Schalke nicht schon jetzt einen der teuersten Kader der Liga? In Zukunft wird es Assauer und Trainer Jupp Heynckes nicht mehr gelingen, sportliches Versagen mit dem fehlerhaften Hinweis zu erklären, bei ihrer Mannschaft handle es sich um ein unerfahrenes Team, bestehend aus Lehrlingen und Novizen.
„Will der VfB den Nationalspieler Hinkel in seinem Bundesligabiotop behalten, darf er nicht geizig sein“, schreibt Philipp Selldorf (SZ 14.11.): „Viele Schwaben leiden an ihrer Herkunft, ihrer Identität und ihrem Dialekt. Andreas Hinkel nicht. Der aus Backnang stammende Verteidiger des VfB Stuttgart erklärt gern mit einer italienisch anmutenden Begeisterung, wie stolz er auf diese Gegend und ihre Errungenschaften sei. „Die ganzen großen Firmen“, sagt er dann, „das kann kein Zufall sein, dass die alle aus der Region kommen. Mercedes, Porsche, Kärcher, Stihl, Bosch und was weiß ich. Dahinter steht einfach die Arbeitermentalität, der Wille, die Tüftlerei.“ Das Schwäbische eben. Manche Schwaben fliehen aus ihrer Heimat, weil sie mit der Strebsamkeit ihrer Landsleute nicht zurecht kommen, und sie schrecken vor grauen Orten nicht zurück. Dieser Tage herrscht nun große Aufregung im Schwabenland, weil wieder einer der Ihren verloren zu gehen droht. Ebenso wie von Kevin Kuranyi wird auch von Andreas Hinkel befürchtet, dass er sich demnächst nach Gelsenkirchen oder gar Leverkusen verabschieden könnte, und das löst eine gewisse Panik aus, denn die größte schwäbische Fußballfirma, der VfB, befindet sich – auch dank Hinkels Leistungen – auf den Höhen von Porsche und Mercedes, hat aber nicht so viel Geld. In Anbetracht der romantischen Erfolgsgeschichte des VfB und Hinkels enger Bindung an sein württembergisches Zuhause erscheint es beinahe widersinnig und irgendwie auch schamlos, dass sich Unternehmen wie Schalke 04, Bayer Leverkusen oder AC Mailand ein Wettrennen um die Arbeitskraft des Nationalspielers liefern (…) Vor drei, vier Jahren, als er anfing bei den Profis, und der VfB im Abstiegskampf stand, da kam keiner. Die Fans sind halt so, die schwäbischen. „Wenn man im Schwabenland eine richtige Freundschaft hat, dann ist die intensiver als überall woanders“, sagt Hinkel, „aber bis man die Distanz überwindet, das braucht ‘ne Riesenzeit.“ Womöglich werden die schwäbischen Freunde bald getrennt. Andreas Hinkel sagt: „Es gibt auch schwäbische Sachen, die ich nicht so mag: Das Geizige und so.“ Und Geiz ist etwas, das sich der VfB wirklich nicht mehr leisten kann.“
Der VfB ist ein großer Teil meines Lebens
FAZ-Interview mit Andreas Hinkel
FAZ: Bayern-Manager Uli Hoeneß hat den Egoismus von Spielern beklagt. Ist es egoistisch, wenn Sie den VfB Stuttgart verlassen und zum FC Bayern wechseln?
AH: Über Vereinswechsel wird ein bißchen viel geredet. Ich will das nicht pushen. Jeder sollte seine Entscheidung treffen und hundertprozentig dahinterstehen. Ich denke nicht, daß man dann egoistisch ist.
FAZ: Sind Sie dem VfB dankbar für die Chance, die Sie dort erhalten haben?
AH: Der VfB ist ein großer Teil meines Lebens. Ich war früher Fan des VfB, ich komme aus der Region. Es war immer mein Traum, dort Profi zu werden. Deswegen bin ich dem VfB dankbar. Aber mittlerweile kann der VfB auch mir dankbar sein, weil ich meine Leistung gebracht habe.
FAZ: Hat Dankbarkeit auch eine praktische Konsequenz in dem Sinne, daß Sie ein lukrativeres Angebot ablehnen – oder wäre das unprofessionell?
AH: Wir haben noch so viele wichtige Spiele – wenn ich mir jetzt über einen Wechsel Gedanken mache, leiden meine Leistungen. In der Winterpause habe ich mehr Luft.
FAZ: Hängt Ihre Entscheidung auch von Kuranyis Plänen ab?
AH: Wenn man egoistisch ist, dann ist es einem egal, was der andere macht. Aber ich bin nicht egoistisch. Ich kann nicht alleine Fußball spielen. Es hängt bei uns alles zusammen. Auch Kevin und ich können nicht alleine spielen. Das wird oft unterschätzt. Die Mannschaft beim VfB ist charakterlich sensationell. Ich weiß nicht, ob es noch besser sein kann.
FAZ: Ihr eigentlicher Berater hat es sicher nicht auf eine Provision abgesehen. Sie vertrauen auf den Rat in der Familie, warum?
AH: Ich hatte mal einen Berater. Aber ich habe mich von ihm getrennt. Das war eine richtige Entscheidung. Meinen Vater aber würde ich nie Berater nennen. Er ist mein Förderer, er gibt mir Hilfestellung. Wir besprechen alles, analysieren die Situation. Alles, was an mich herangetragen wird, geht über ihn. Er sortiert aus und kommt nur mit den wichtigen Dingen zu mir. Das schließt aber nicht aus, daß man seine Experten trotzdem in steuerlichen, finanziellen und juristischen Fragen hat. Berater bieten diese Leistungen im Paket an. Ich glaube, man kann sich die Experten aber auch selbst suchen – und bleibt frei.
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VfB Stuttgart erlangt, langsam zunehmend, gesellschaftliche Anerkennung und die Gunst der regionalen Wirtschaft u.a.
VfB Stuttgart erlangt, langsam zunehmend, gesellschaftliche Anerkennung und die Gunst der regionalen Wirtschaft u.a.
Gesellschaftliche Hauptrolle in der Stadt
Evi Simeoni (FAZ 26.11.) schildert den gemächlichen Akzeptanzanstieg des VfB Stuttgart bei Land, Leuten und Bossen: “Nur so liebt man im Musterländle den Fußball: als solide Geschäftsgrundlage. Wahrscheinlich hat es deshalb so lange gedauert, bis der Erfolg des VfB Stuttgart die Herzen der Schwaben erreicht hat. Und noch heute verfolgen viele eher ungläubig die Erfolgsgeschichte dieses Fußballvereins, der dabei ist, zum ersten Mal in seiner Stadt eine gesellschaftliche Hauptrolle zu übernehmen. Dazu ist schon einiges nötig: Die Tabellenführung in der Bundesliga war nur ein Anfang. Die Sternstunde gegen Manchester United überzeugte schon kritischere Beobachter. Dazu die Tatsache, daß die Mannschaft in der Bundesliga in 13 Spieltagen erst drei Gegentore hinnehmen mußte. Und das alles mit Spielern, die entweder aus dem eigenen Nachwuchs stammen oder von Teammanager Felix Magath für ein Budget eingekauft wurden, das bei anderen Klubs mit der Portokasse verwechselt würde. Ja, Herrgottsack! Dieser reig’schmeckte Aschaffenburger scheint tatsächlich Schwaben-Gene zu besitzen! Irgendwie wird es langsam Zeit, sich zu freuen. (…) Ha, no! Die Honoratioren im Busineß-Center, die die Spiele des VfB von Logen und Busineß-Seats aus verfolgen, legen eigentlich Wert auf Seriosität. Da sitzt schon einmal der Ministerpräsident neben einem Industrievorstand, und wenn Kevin Kuranyi ein Tor schießt, liegen alle einander in den Armen. Unser Kundenkreis ist der Who’s who der Wirtschaft in Baden-Württemberg, sagt Elfriede Eck, die Verantwortliche für die Hospitality. Doch vollständig ist er nicht. Selbst jetzt, in Zeiten des großen Booms, sind 11 von 42 VIP-Logen (je nach Lage für 84 000 bis 92 000 Euro für 17 Bundesliga-Heimspiele zu haben) nicht auf Dauer vermietet. Dafür gibt es für die 1200 Busineß-Seats (3500 Euro) sogar Wartelisten. Das Wunder von Stuttgart fällt unglücklicherweise in das wirtschaftliche Tief. So zögert mancher mittelständische Unternehmer, in einer VIP-Loge Champagner zu trinken, während seine Angestellten sich um ihr Weihnachtsgeld sorgen. Das tut ein Schwabe nämlich nicht. Überhaupt, die Finanzen. 13 Millionen Euro Bruttoeinnahmen durch die Gruppenspiele der Champions League sind ein heilsamer Segen für den Verein. Man will einen Teil für Prämien, einen anderen für Spielerverpflichtungen und einen Teil für die Tilgung von 16 Millionen Euro Verbindlichkeiten verwenden. Bei der Stadt Stuttgart steht der Verein allerdings viel tiefer in der Kreide. Die Modernisierung der Haupttribüne mit Parkhaus und Busineß-Center wurde von der Stadt mit mehr als 50 Millionen Euro vorfinanziert. Die VIP wärmen also ihre Sitzflächen auf gemütlich beheizten Stadionsesseln, die eigentlich dem Steuerzahler gehören, zahlen die Miete aber an den VfB. Der hat inzwischen nach eigenen Angaben mit der Rückzahlung begonnen. Doch scharfe Rechner stören sich trotzdem an dem aktuellen Poker um die Gehälter der Nationalspieler Andreas Hinkel und Kevin Kuranyi. 2,5 Millionen Euro im Jahr soll der 21 Jahre alte Hinkel angeblich nach seiner Vertragsverlängerung verdienen. Kritiker rechnen das in Sozialleistungen und Kindergartensanierungen um, die die Stadt ihren Bürgern aufgrund der angespannten Finanzlage streichen mußte. Aber Ernst beiseite, Fußballspaß herbei. Sollte der Einzug ins Achtelfinale gelingen, wird die neue VfB-Society wahrscheinlich wieder bis halb fünf Uhr morgens in der Piano-Lounge die Atmosphäre des Erfolges genießen, und die Vereinsbosse werden die Aussicht auf weitere Sponsoren begießen. Und auch in den Kneipen der Stadt werden die Anhänger zusammensitzen und fachsimpeln über die Leistungen des schier unbezwingbaren Torwarts Timo Hildebrand, des Düsentriebs Alexander Hleb und des soliden Kapitäns Zvonimir Soldo. Die Champions League ist ein Straßenfeger in Stuttgart, und die Wirte haben ordentlich zu tun. Der VfB ist gut fürs Geschäft.“
Erfolgreicher Fußball ist die richtige Balance aus Talent, Psychologie und Geschäft
Oliver Trust (Handelsblatt 26.11.) hakt, ganz vorsichtig, nach: “Über das Selbstbewusstsein einer Mannschaft in einem wichtigen Spiel entscheiden nicht nur die sportlichen Fähigkeiten der Akteure, sondern auch Dinge, die wenig mit Sport zu tun haben (…) Das Weiterkommen in Europa ist wichtig für den Zusammenhalt des schwäbischen Vereins. Bisher hat der Klub etwa 15 Millionen Euro aus den Gruppenspielen der Champions League eingenommen. Im Achtelfinale, das Ende Februar ausgetragen wird, kämen noch einmal 2,2 Millionen Euro dazu, die der mit rund 16 Millionen Euro verschuldete Klub gut brauchen kann, um seinen Jungstars neben Perspektive und Heimatliebe auch irdische Güter zu präsentieren. Ein müdes Lächeln zeigt Magath, wenn die Sprache auf seltsam anmutende Versuche der Marketingabteilung kommt. Die hat es fertig gebracht, dass am Mittwoch eine Frau mit Namen Manuela Schaffrath als Ehrengast auf der Tribüne zwischen namhaften Lokalgrößen sitzt, die unter dem Künstlernamen Gina Wild eine gewisse Berühmtheit in Filmen erlangte, die mit hüllenloser Freizügigkeit Kundschaft anlocken. Beim Geschäft mit dem Fußball haben die Schwaben Nachholbedarf. 51 Millionen Euro nimmt der FC Bayern ein, Dortmund, Schalke, Hertha und Leverkusen kommen auf 15 bis 20 Millionen Euro Marketingeinnahmen. Der VfB Stuttgart verbucht nur bescheidene sechs Millionen. „Wir operieren auf verschiedenen Spielwiesen, sagt Präsident Erwin Staudt unkonkret. Felix Magath allerdings ist es wichtiger, dass Andreas Hinkel dabei ist, der ihm als „wahrer Sportsmann mit Größe gegen Glasgow sicher besser weiterhelfen kann als Gina Wild. Erfolgreicher Fußball ist die richtige Balance aus Talent, Psychologie und Geschäft. An dieser Balance arbeiten sie noch beim VfB Stuttgart.“
BLZ-Interview mit Erwin Staudt, Präsident des VfB Stuttgart
NZZ-Spielbericht Celtic Glasgow – Bayern München (0:0)
NZZ-Spielbericht Inter Mailand – Arsenal London (1:5)
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Am 12.12. fällt die Entscheidung, wer die Europameisterschaft 2008 austragen darf
Am 12.12. fällt die Entscheidung, wer die Europameisterschaft 2008 austragen darf. An dieser Stelle sammeln wir für Sie Hintergründe über die einzelnen Bewerber (hier eine Übersicht) und weitere Informationen.
Michael Horeni (FAZ 12.12.) kommentiert die Vielzahl der Bewerber. “Rußland macht gutes Wetter für die Europameisterschaft 2008. Das kann man sogar wörtlich nehmen. Als vor einigen Monaten die Inspektorengruppe der Europäischen Fußball-Union (Uefa) in Moskau Station machte, präsentierte Oberbürgermeister Juri Luschkow die neueste russische Technik, um graue Wolken zu vertreiben. Sollte also das Land an diesem Donnerstag in Genf den Zuschlag für die EM erhalten, könnte das Turnier unter einem blankgeputzten Himmel stattfinden – so heißt es zumindest aus Moskau. Diese atmosphärische Skurrilität unter Europas Fußballhimmel kann man aber auch symbolisch verstehen. Denn mittlerweile, so scheint es, glauben die Kandidaten schon das Blaue vom Himmel versprechen zu müssen, um an eine Europameisterschaft heranzukommen (…) Die Uefa muß sich angesichts der massenhaften Bewerbungen und des enormen Aufwands jedoch fragen lassen, ob ihr Verfahren ohne zeitige Vorauswahl noch der veränderten Wirklichkeit entspricht. In Zeiten knapper Kassen werden in Genf die sechs enttäuschten Verlierer des Tages nicht nur ihre Hoffnung begraben müssen. Auch viele Millionen Euro sind dann vergeblich für viel zu viele Kandidaturen investiert worden – Mittel, die dem Fußball vor allem in den Ländern, die nicht zur first class in Europa zählen, fehlen werden.”
Gerhard Fischer (SZ 12.12.) fragt sich angesichts der gemeinsamen Bewerbung von Finnland/Schweden/Dänemark/Norwegen (Nordic 2008) . “Was ist mit den realen Problemen dieser EM-Bewerbung? Was ist zum Beispiel mit den Entfernungen zwischen den Ländern? Was macht ein Fan, der die Deutschen in Kopenhagen und die Engländer in Helsinki sehen will? Man kann nicht mit dem Auto von einem Stadion zum nächsten fahren – so wie in Portugal bei der EM 2004. Würde also eine richtige Endrunden-Atmosphäre aufkommen? Und wie verstehen sich überhaupt Finnen mit Dänen, Norweger mit Schweden. Politisch? Gesellschaftlich? Wirtschaftlich? Eigentlich kommen sie alle gut miteinander aus. Aber manchmal tauchen Rivalitäten auf, Ressentiments sogar. Vor drei Jahren scheiterte eine Fusion zwischen den Telekom-Konzernen Telia (Schweden) und Telenor (Norwegen) an, so hieß es, „nationalen Befindlichkeiten“. Schwedens Wirtschaftsminister Björn Rosengren sagte damals – im Glauben, die Kameras seien schon ausgeschaltet – einen Satz, der unter die Oberfläche blicken ließ: „Die Norweger“, meinte er, „sind der letzte der sowjetischen Satellitenstaaten. Die sind wirklich so nationalistisch.“ Jünger ist ein Konflikt zwischen der schwedischen und der dänischen Regierung. Stockholm warf Kopenhagen eine zu harte Ausländerpolitik vor. Die Dänen konterten, Schweden solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Die rechtslastige Politikerin Kjaersgaard drohte sogar damit, die Öresundbrücke nach Schweden zu schließen.”
“Nur ein EM-Bewerber für 2008 überzeugt – trotzdem muss die Liaison Österreich/ Schweiz bangen.” Martin Hägele (SZ11.12.) ist skeptisch, ob die Besten gewinnen werden. “Bis zu sechs Herrschaften der 14-köpfigen Exekutive sind nämlich schon wegen Befangenheit vom ersten Wahlgang ausgeschlossen. Das deshalb nötige Prozedere kann nicht garantieren, dass wirklich der beste Bewerber den Zuschlag bekommt. Auch Top-Funktionäre denken – gerade in solch entscheidenden Momenten – gerne an den persönlichen Nutzen. Bestünde die elitäre Herrenrunde aus lauter echten Sportfreunden, die sich von den Idealen ihres Spiels sowie politischer, sozialer und geschäftlicher Vernunft leiten ließen, wäre allerdings längst klar, wo das Euro-Festival in sechs Jahren steigen wird: In der Alpenregion, wo sich acht Stadien auf 1000 Kilometern zwischen Genf und Wien in attraktiver Lage verteilen (…) dann ist da noch das russische Rätsel: Kann Moskau, dessen Fußball-Klubs immer mehr mit der Mafia und sonstigen Kriminellen verwoben sind, Aushängeschild für eine solche Turnier-Premiere sein? Greift Putin persönlich ein? Und bittet das Staatsoberhaupt den deutschen Kollegen um Hilfestellung? In russischen Politkreisen ist genau notiert worden, dass weniger Franz Beckenbauers Wahlkampfreisen, sondern viel mehr Kanzler Gerhard Schröders Lobby in den Großkonzernen die WM 2006 nach Deutschland gebracht hat. Zudem gehört ein Teil der Stimmberechtigten von damals auch den Wahlmännern von morgen an. Michel Platini etwa. Frankreichs früherer Mittelfeldstar verdankt seinen Aufstieg in die Kabinette von Uefa und Fifa vor allem einem Stimmenpaket aus dem Osten. Oder Gerhard Mayer-Vorfelder. Vielleicht erinnert sich der DFB-Chef noch daran, dass der Schweizer Fußballverband nach dem Krieg den geächteten Nachbarn Deutschland in die internationale Fußballfamilie zurückholte. Wahrscheinlich aber wird MV wieder denjenigen wählen, der ihn am wärmsten umgarnt. Dankbarkeit gibt es in jenen Kreisen schon noch, nur ist sie nicht garantiert. Und man sollte sie auf keinen Fall einplanen.”
Michael Horeni (FAZ 11.12.) begutachtet die gemeinsame Bewerbung Österreichs und der Schweiz. “Die hohen Anforderungen, die von der Uefa bei einem Turnier mit 16 Mannschaften gestellt werden, sind für eine Fußball-Mittelmacht nicht mehr zu bewältigen. Acht Stadien für mindestens 30.000 Zuschauer müssen her, und das glauben für 2008 gerade noch Rußland und Ungarn allein schaffen zu können. Wie das Alpenduo haben sich daher auch anderswo Partner unter dem Druck der ökonomischen Notwendigkeit mehr gefunden als gesucht: Schottland und Irland, die nordische Fraktion mit Dänemark, Finnland, Schweden und Norwegen, dazu Bosnien-Hercegovina und Kroatien sowie Griechenland und die Türkei. Die beiden Länder in der Mitte Europas können an diesem Mittwoch exzellente Bedingungen vorweisen, ohne sich ihrer Sache angesichts der großen Konkurrenz und eines komplizierten Wahlmodus auch nur halbwegs sicher zu sein. Seit die Europameisterschaft im Jahr 2000 durch die Erweiterung auf 16 Teams zu einem lukrativen Geschäft geworden ist, wurde die Sache auf einmal für viele Länder interessant. Die mittleren europäischen Fußball-Nationen – für die Österreich und die Schweiz exemplarisch stehen können – fürchten aber, daß eine EM künftig auch für die großen Länder wieder interessanter wird. Nämlich dann, wenn Europa bei der WM-Vergabe immer seltener an die Reihe kommt (…) Tatsächlich können die beiden Länder manche Schmuckkästchen vorweisen, die sich in der Bewerbung hinter dem technokratisch anmutenden Begriff vom multifunktionalen Stadion verstecken. Was den Ländern allerdings fehlt, sind Fußball-Leidenschaft und Erfolge im großen Stil. Als beste Argumente für die gemeinsame Sache führen die Partner daher nicht Pokale, sondern eine besondere Perspektive auf den Fußball an. Zunächst die günstige geographische Lage: Sie ermögliche vielen Fans aus ganz Europa, die EM zu sehen. Zudem wurden alle Mannschaften in der Vorrunde nur je zwei nahe beieinanderliegenden Städten zugeordnet, was Reisekosten, Logistik und Streß minimiert. In der Schweiz bilden Basel und Zürich sowie Bern und Genf ein Paar, in Österreich Salzburg und Innsbruck sowie Wien und Klagenfurt. Unter dem Slogan Kultivierter Fußball bringen die beiden Länder dann aber vor allem die Qualitäten ein, für die sie bei Touristen aus aller Welt hoch beliebt sind: schöne, sichere Länder, in denen sich eben nicht nur gut leben und arbeiten läßt – sondern wo 2008 auch mal ein Sommerurlaub mit Fußball-Europameisterschaft drin sein soll.”
Thomas Renggli (NZZ 10.12.) beleuchtet die Vorzüge der gemeinsamen Bewerbung von Schottland und Irland . “Glasgow als Zentrum Europas bezeichnen kann nur jemand, der im Geographieunterricht am Fenster sass – oder der schon einmal ein Fussballspiel in der grössten schottischen Stadt gesehen hat. Wohl kein anderes Derby dieser Welt weckt mehr Emotionen als “The Old Firm”, der Vergleich des irisch-katholischen Celtic FC mit den protestantisch geprägten Rangers. Die Glasgower Fussballkultur ist bis in den hintersten Winkel der Stadt spürbar. Restaurantbesitzer, die sich aus dem Glaubenskrieg der beiden Stadtrivalen heraushalten wollen, hängen Schilder mit der Aufschrift “No Football-Colours allowed” an die Tür. Jeder Taxichauffeur hat ein paar Tipps für den schottischen Nationaltrainer Berti Vogts auf Lager, jeder Pub-Besucher weiss, wie sich Celtic gegen Basel für die Champions League hätte qualifizieren können und wie die Blamage der Verbandsauswahl gegen die Färöer zu verhindern gewesen wäre. “Fussball ist in den Köpfen der Leute drin – unauslöschlich”, sagt Simon Lyons, Marketing-Direktor der schottisch-irischen Kandidatur. Leidenschaft und Enthusiasmus der fussballbesessenen Öffentlichkeit sind wichtige Argumente für “Scotland-Ireland 08”.”
“Irland bewirbt sich gemeinsam mit Schottland um die Fußball-EM 2008. Das Problem: Es verfügt über kein Fußballstadion. Und im Dubliner Croke Park ist das barbarische Spiel verpönt”, schreibt Ralf Sotschek (taz 10.12.). “die irische Nationalmannschaft trägt ihre Heimspiele im Rugby-Stadion Lansdowne Road aus, dem antiksten Stadion Europas, wie es ein Funktionär des Europäischen Fußballverbands Uefa nannte. Es ist mehr als hundert Jahre alt, soll aber rechtzeitig zur EM modernisiert werden. Dabei hätte man ein perfektes Stadion: Croke Park, das vor kurzem mit Hilfe von Steuergeldern generalüberholt wurde und die Uefa-Anforderungen spielend erfüllt. 80.000 Zuschauer passen hinein, alle auf Sitzplätzen. Der Haken: Fußballer haben dort keinen Zutritt. Das Stadion in der nördlichen Dubliner Innenstadt gehört der Gaelic Athletic Association (GAA), die sich um die traditionellen Sportarten Gaelic Football, Hurling und Camogie kümmert. 1884 gegründet, war die GAA ein Hort des Widerstands gegen die britische Besatzung. So traf 1920 nach einem IRA-Attentat der britische Vergeltungsschlag nicht zufällig den Croke Park: Englische Söldner erschossen während eines Gälischen Fußballspiels 13 Menschen, darunter den Kapitän des Teams aus Tipperary. Deshalb verachten viele Traditionalisten noch heute vor allem die englischen Sportarten Fußball, Rugby, Hockey und Cricket. Bis 1971 war es den GAA-Mitgliedern sogar streng verboten, sich diese barbarischen Spiele anzusehen, geschweige denn selbst zu spielen (…) In Schottland sieht es besser aus. Mit Hampden Park, Ibrox und Celtic Park in Glasgow und Murrayfield in Edinburgh hat man bereits vier EM-taugliche Stadien, und dierestlichen beiden werden rechtzeitig für das Turnier fertig, so hat die schottische Regionalregierung versprochen. Eigentlich wollte sich der schottische Fußballverband ja auch im Alleingang für die EM bewerben, doch so viel Geld mochte die Regierung in Edinburgh dann doch nicht locker machen. So befürchtet man nun, dass das politische Gerangel in Dublin einen Strich durch die keltische Europameisterschaft machen könnte. Als Geheimwaffe hat der Verband Alex Ferguson aufgeboten, den schottischen Trainer von Manchester United, der für die Erfolge seiner Mannschaft von der Queen geadelt wurde. Man solle die Schotten und Iren das Turnier ruhig austragen lassen, erklärte er den Uefa-Funktionären neulich, schließlich hätten sie die besten Fans der Welt. Sicherheitsprobleme gäbe es daher nicht.”
“Noch ist die Fussball-EM 2008 nicht an die Schweiz und Österreich vergeben”, meldet Peter B. Birrer (NZZaS 8.12.). “Dass nämlich oft der im Vorfeld als Favorit gehandelte Kandidat das Rennen nicht macht, zeigt das jüngste EM-Beispiel. Denn Portugal, das 1999 den Zuschlag für die EM 2004 erhielt, wurde neben Favorit Spanien nur Aussenseiterchancen zugebilligt. Die Vorteile Spaniens waren offensichtlich: Eine kompetitive Landesliga mit grossen Stadien sowie die Erfahrung mit der Austragung der WM 1982 und der EM 1964. Dem hatte Portugal wenig entgegenzusetzen. Das Land hatte nur in den Zentren Lissabon und Porto (baufällige) Grossstadien anzubieten. Über die Gründe, warum Portugal mit zehn Stimmen gegenüber vier für Spanien (und zwei für die Doppelkandidatur Österreich/Ungarn) obsiegte, kann bis heute nur spekuliert werden. So soll der damalige DFB-Patriarch Egidius Braun über ein falsches Zitat in einer spanischen Sportzeitung so erzürnt gewesen sein, dass er die Stimmung gegen Spanien beeinflusst habe; Eigeninteressen der Uefa und auch EU-politische Überlegungen in Brüssel sollen ins Gewicht gefallen sein. Die Vergabe der EM 2004 zeigt jedenfalls, dass die Favoritenrolle nicht zwangsläufig zum Wahlsieg führt.”
„Bosnien und Kroatien wollen die Vergangenheit vergessen – und werden von ihr eingeholt. Durch die Präsenz der internationalen Gemeinschaft ist es auf dem Balkan derzeit opportun, von Multikulturalismus und interethnischer Zusammenarbeit zu reden. Auch die Kandidatur der Verbände Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens für die Fussball- Europameisterschaft 2008 fällt in diesen Rahmen. Doch der Fussball auf dem Balkan wird weiterhin von der Vergangenheit belastet“, berichtet Dario Venutti (NZZ 7.12.). „In Sarajewo und Zagreb dominiert bei Fussballverantwortlichen neuerdings eine Phraseologie, die noch vor wenigen Jahren als Landesverrat gegolten hätte. “United in football, united in Europe” lautet das Motto der gemeinsamen Kandidatur Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens für die Fussball-EM 2008. Nachdem im jugoslawischen Zerfallskrieg der neunziger Jahre die Nationalisten in beiden Ländern die Unterschiede betont hatten und der Sport, insbesondere der Fussball, den Zerfallsprozess als Medium des Hasses mit vorbereitet hatte, präsentieren die beiden Verbände jetzt eine gemeinsame Broschüre, die jeden Tourismusdirektor vor Neid erblassen liesse. Die karge Schönheit der venezianisch geprägten dalmatinischen Küste wird dabei auf der gleichen Seite gezeigt wie der raue Charme des balkanischen Binnenlandes in Bosnien. Die Repräsentanten der beiden Verbände bemühen sich auf Schritt und Tritt um politische Korrektheit. Man gewinnt den Eindruck, dass sie die Gemeinsamkeiten nur deshalb hervorstreichen, weil auf Grund der Präsenz internationaler Organisationen und Geldgeber gar keine Alternative besteht (…) Die Kandidatur Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas zeigt nicht nur den Opportunismus einzelner Funktionäre, sie schliesst auch an eine Vergangenheit an, die man vor wenigen Jahren ebenfalls noch negiert hätte. Vlatko Markovic, der kroatische Verbandspräsident, beansprucht das Recht der beiden Länder auf die Durchführung der EM 2008, schliesslich liege das letzte Grossereignis mit den Olympischen Winterspielen in Sarajewo 1984 lange zurück. Zudem habe dieser Teil Europas Fussballer und Teams hervorgebracht, die den jeweiligen Konkurrenten um die EM 2008 hoch überlegen seien. Damit rekurriert Markovic auf den ex-jugoslawischen Fussball, dessen Ahnengalerie tatsächlich eindrücklich ist. Durch die politische Entspannung auf dem Balkan ist es ihm und seiner Generation wieder erlaubt, auf diesen Teil der Vergangenheit positiv zurückzublicken, schliesslich macht dieser Abschnitt auch einen grossen Teil ihrer Identität aus. Dass die jüngste Vergangenheit weiterhin eine Belastung für den Balkan darstellt und dies in absehbarer Zeit so bleiben wird, zeigt sich gerade im Fussball. Seit letzten Sommer existiert eine bosnisch-herzegowinische Fussballmeisterschaft, die alle drei ethnischen Gruppen umfasst. Die Spiele aber sind weiterhin eine Plattform für ethnischen Hass, was insofern auch nicht verwundern kann, als die Funktionäre noch die gleichen sind, die bereits in der Zeit der mentalen Vorbereitung des Krieges auf ihren Posten sassen. Am vorletzten Wochenende kam es im Stadtderby in Mostar zu Ausschreitungen, nachdem die Anhänger des kroatischen Vereins Zrinjski Bilder des Ustascha- Führers Ante Pavelic gezeigt und nach dem Spiel das Feld gestürmt hatten. Und in Banja Luka, im serbischen Teil Bosniens, feierten Fans das Massaker in Srebrenica mit einem Transparent, als Zeljeznicar aus Sarajewo dort spielte.”
„Die nordeuropäische Kandidatur für die Fussball-EM 2008 setzt neue Massstäbe. Erstmals bewerben sich vier Ländergemeinsam um die Durchführung eines bedeutenden Turniers. Nordic 2008 besticht durch Realismus und eine solide infrastrukturelle Basis. Noch wichtiger könnte aberein politischer Aspekt werden: Lennart Johansson ist Präsident der Uefa – und ausserdem Schwede“, schreibt Thomas Renggli (NZZ5.12.). „Vier Länder (Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland) als Veranstalter eines Turniers; dazu Island und die Färöer-Inseln als moralische und logistische Sekundanten: Aussenstehende runzeln irritiert die Stirn. Wo führt das hin, halb Europa als Organisator eines Anlasses? Beanspruchen die Veranstalter vier fixe Startplätze? Würde man während dreier Wochen öfter im Flugzeug als in Fussballstadien sitzen? Und überhaupt: Hat Schweden die EM nicht schon vor zehn Jahren durchgeführt? – Pertti Alaja bringt solchen Einwänden wenig Verständnis entgegen. Der Direktor der Kandidatur „Nordic 2008“ leistet Aufklärungsarbeit im Akkord, ist darum bemüht, Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Er weist auf die gemeinsame Geschichte der Länder, die kulturellen und politischen Schnittstellen hin. Der ehemalige Torhüter der finnischen Fussball-Nationalmannschaft hat auch in technischer Hinsicht stapelweise Argumente parat, wieso die nordische Kandidatur den Zuschlag verdient hätte – Argumente, die plausibel Tönen. Das Konzept, das Turnier auf vier Nationen zu verteilen, gilt als Entscheid der Vernunft und wird der Situation in den einzelnen Ländern gerecht. Auf Grund der breiten Basis befinden sich die Nordeuropäer in Sachen Infrastruktur in einer beneidenswerten Lage. Präsentierten andere Bewerbungs-Komitees den Uefa-Inspektoren vor allem Projekte, Absichtserklärungen und Luftschlösser, so stehen in Nordeuropa sieben von acht Stadien schon heute und müssten bloss ausgebaut oder renoviert werden. (…) „König Fussball“ hat auch in Nordeuropa das Sagen. Die Allsvenska beispielsweise überschritt in der zu Ende gegangenen Saison erstmals seit 1968 die Marke von 10.000 Zuschauern pro Spiel. Das Göteborger Stadtderby zwischen IFK und Örgryte – übrigens während der Eishockey-Weltmeisterschaft ausgetragen – sahen im letzten Mai 42.000 Fans. In Dänemark, Norwegen und Finnland werden diese Werte im Meisterschaftsalltag zwar nicht erreicht; schreiten aber die Nationalmannschaften zur Tat, erreicht der Enthusiasmus fast schon südländische Dimensionen. Ausserdem blickt der Fussball-Norden Wochenende für Wochenende gebannt in Richtung Grossbritannien. Die vielen skandinavischen Legionäre im britischen Fussball, aber auch die hohen Umsätze an den nordeuropäischen Wettschaltern machen die Premier League zum omnipräsenten Medienthema. Auch in anderer Beziehung könnte das am 12. Dezember zu einem relevanten Aspekt werden. Dass sich Nordeuropäer und Briten gern haben, bereitet in der Schweiz und in Österreich einigen Leuten Sorgen. In politischer Hinsicht noch wichtiger dürfte ein anderer Faktor werden. Lennart Johansson ist Präsident der Uefa und ausserdem Schwede. Er unterlag 1998 im Rennen um die Fifa-Präsidentschaft dem Schweizer Sepp Blatter. Auch sonst hatte er nur selten das letzte Wort. Johanssons Amtszeit neigt sich dem Ende entgegen. Könnte er seine Abtritts-Gratifikation frei wählen, wäre die Europameisterschaft 2008 vermutlich schon jetzt vergeben. Die Nordeuropäer setzen auf traditionelle Werte, auf die fast schon selbstverständliche Sportbegeisterung der Bevölkerung und auf einen gewissen Sympathie-Bonus. „United Smile“, steht auf ihrem Dossier. Wer schon einen Sommer im Norden erlebt hat, der weiss, dass das kein leeres Versprechen ist. Sind die Tage erst einmal länger als die Nächte, lacht im Norden nicht nur die Sonne. Und alle, die sich vor Eisbären fürchten, seien hier beruhigt. Die gibt’s nur am Nordpol. Und dort wird selten Fussball gespielt.“
Ilja Kaenzig (NZZ 4.12.) über den Kandidaten Russland. „Die russische Bewerbung für die Fussball-EM 2008 stand von Anfang an unter keinem guten Stern: Nach Ablauf der Frist eingereicht, wurde sie von der Uefa nur auf Grund der Datierung der Unterlagen noch akzeptiert. Schwächen der Kandidatur sind die unsichere Finanzierung von Stadionneubauten (…) Für das Lobbying der entscheidenden Uefa- Exekutivmitglieder wird das ganze politische Gewicht Russlands in die Waagschale geworfen: In den jeweiligen Herkunftsländern der Mitglieder wurden die russischen Botschafter für diese Aufgabe aktiviert. Auf allerhöchster Staats- und Wirtschaftsebene soll Präsident Wladimir Putin nach Vorbild von Bill Clinton und François Mitterrand (die die Olympischen Spiele 1996 beziehungsweise die Fussball-Weltmeisterschaft 1998 in ihre Länder holten) agieren. Für die Transfers der Uefa-Inspektorengruppe wurden standesgemäss das Flugzeug des Präsidenten und ein speziell für diesen gebautes Schiff zur Verfügung gestellt. Moskaus Oberbürgermeister Juri Luschkow präsentierte anlässlich des Besuchs dieser Gruppe in Moskau eine Technologie zur Auflösung von Wolken, so dass, sollte Russland den Zuschlag zur Ausrichtung der Spiele erhalten, die Europameisterschaft garantiert unter klarem Himmel stattfinden würde. Lässt man Spekulationen über mögliche Einflüsse auf die Entscheidung über die Vergabe der Europameisterschaft 2008 jedoch beiseite und betrachtet nur die Fakten der einzelnen Bewerbungen, so erscheint die russische Kandidatur als sehr „künstlich“ und enthält zudem die typischen Unzulänglichkeiten. Bei der Auswahl der Städte wurde nicht auf touristische Orte wie beispielsweise Sotschi an der Schwarzmeerküste gesetzt, sondern, nach einem Prinzip von Koloskow, auf Städte, in denen eine entsprechende Organisations-Infrastruktur bis jetzt völlig fehlt, von Seiten der Bewohner und der regionalen Verwaltung aber eine grosse Fussballbegeisterung vorhanden ist. Gleichzeitig soll die Auswahl der Austragungsorte aus der Provinz des Riesenreichs die Möglichkeit eröffnen, den Tourismus im Land wiederzubeleben, besteht Russland für die meisten Westeuropäer doch nur noch aus den beiden Städten Moskau und St. Petersburg.“
„Die gemeinsame Bewerbung um die Austragung der Fußball-Europameisterschaft 2008 soll nicht nur die Versöhnung zwischen der Türkei und Griechenland vorantreiben, sondern auch das türkische Anliegen einer EU-Mitgliedschaft fördern“, berichtet Jürgen Gottschlich (taz 30.11.). „Tatsächlich hat die gemeinsame Bewerbung um die Ausrichtung der Fußball-EM das Glück des richtigen historischen Augenblicks im Rücken. Als die Idee vor ein paar Jahren aufkam, befanden sich Griechenland und die Türkei noch mitten im Kalten Krieg, und eine gemeinsame EM schien die Träumerei einiger Phantasten. Mittlerweile sieht das ganz anders aus. Seit der emotionalen Annäherung der beiden Länder im Gefolge des großen Erdbebens 1999 hat sich die politische Szenerie erstaunlich verändert. Heute treffen sich griechische und türkische Außenminister mitsamt ihren Familien an ihren Urlaubsorten, die Zahl griechischer Besucher in der Türkei hat erheblich zugenommen, und der griechische Ministerpräsident ist im Kreise seiner EU-Kollegen mittlerweile zum eifrigsten Befürworter einer türkischen EU-Mitgliedschaft geworden. In der letzten Woche reiste der Sieger der jüngsten türkischen Wahlen, Tayyip Erdogan, zu einem Besuch von Ministerpräsident Kostas Simitis nach Athen. Und seit UN-Generalsekretär Kofi Annan seinen Zypernplan vorlegte, gibt es berechtigte Hoffnungen, dass dieser größte Stolperstein zwischen den beiden Ländern genau rechtzeitig zum 11. Dezember aus dem Weg geräumt sein könnte.“
Andreas Oplatka (NZZ 3.12.) beleuchtet die Kandidatur Ungarns. „Ungarn hatte sich, zusammen mit Österreich, schon um die Veranstaltung der Europameisterschaft von 2004 beworben, und nun wurde in Budapest wie in Wien erwogen, diese gemeinsame Kandidatur zu erneuern. Dass das westliche Nachbarland schliesslich lieber mit der Schweiz zusammenspannte, empfand man in Ungarn als einen kleinen Verrat der aus historischen Gründen neckend-freundlich „Schwäger“ genannten Österreicher. Gespräche mit Kroatien über die gemeinsame Veranstaltung der EM führten schliesslich zu keinem Ergebnis, wobei nach kroatischer Angabe die Ungarn auch die Idee aufwarfen, eine „mitteleuropäische Meisterschaft“ unter Beiziehung der Slowakei, Sloweniens und Rumäniens ins Auge zu fassen. Hernach entschloss man sich aber in Budapest, allein zu kandidieren. Bestärkt fühlten sich die ungarischen Instanzen in dieser Wahl durch Fachmeinungen, so auch durch den Präsidenten der Fifa, Sepp Blatter, der bei einem Besuch in Budapest erklärt hatte, Ungarn habe wohl dann die günstigsten Aussichten, wenn es sich allein bewerbe. Der damalige Minister für Jugend und Sport, Tamás Deutsch, schätzte, dass die Chancen seines Landes jetzt etwas besser seien als vor der EM von 2004, er trauerte allerdings ein wenig der – seinerzeit auch erwogenen – Möglichkeit einer ungarisch-österreichisch-kroatischen Kandidatur nach (…) Das in Budapest vor rund fünfzig Jahren eingeweihte Népstadion ist unlängst wohl nach Ferenc Puskás, dem legendären Stürmer der «goldenen Mannschaft» jener Zeit, umbenannt worden. Doch man hat die zweite obere Hälfte der Arena bis heute nicht gebaut. Wozu auch? Damals, 1954, wohnten gut 80.000 Zuschauer dem Spiel bei, in dem das von Puskás angeführte ungarische Nationalteam die Fussballgrossmacht England mit 7 zu 1 Toren überfuhr. Jetzt dagegen machen die Fussballbegeisterten an einem Länderspiel, selbst wenn der Gegner Rang und Namen hat, zumeist nur noch einen Viertel der einstigen Besucherzahlen aus. Auf Begegnungen in der ungarischen Meisterschaft sind gewöhnlich nur einige Tausende neugierig, und selbst die populärste Klubmannschaft, Ferencváros, ist schon zufrieden, wenn sie ein Heimspiel vor mehr als 10.000 Anhängern austragen darf. Die Gleichgültigkeit hat, versteht sich, mit dem ärgerlich bescheidenen Niveau zu tun, auf dem der ungarische Fussball nun schon seit längerer Zeit verharrt. Nur allzu natürlich in dieser Lage, dass sich angesichts der Ambitionen, die Europameisterschaften 2008 zu organisieren, Zweifel regen. Eine einzige einfache Frage fasst sie zusammen: Und was geschieht nachher?“
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Streit zwischen Borussia Dortmund und der SZ setzt sich fort
Streit zwischen Borussia Dortmund und der Süddeutschen Zeitung setzt sich fort – Was macht eigentlich Mehmet Scholl? – über einen Aufstieg RW Oberhausens würde sich nicht alle freuen – neues Magazin für Frauenfußball (mehr …)
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Imagewandel der Bundesliga
Imagewandel der Bundesliga – Frankfurter Theater – laut Raphael Honigstein (FTD) sei Beckhams Weggang aus Manchester primär auf sportliche Gründe zurückzuführen – Transferstratgie von Makaay und Berater – Russlands “Patriarch” (FAZ) Romanzew entlassen – Entscheidung über Teilnehmerzahl bei der WM 2006 wird von Interessenskonflikten des Fifa-Boss begleitet (mehr …)
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Im stillen Geschäft des Interessengeschachers
Thomas Kistner (SZ 27.2.) sorgt sich. „Im stillen Geschäft des Interessengeschachers kommt es aber weniger darauf an, wie viele Lobbyisten man beschäftigt, sondern vor allem auf deren Qualität. Diesbezüglich liegen erste Ergebnisse vor – Kirch hat sich gern ganz oben verbandelt, auf der Chefetage sportiver Entscheidungsträger. Im WM- Organisationskomitee 2006 etwa standen zwei der vier Topleute auf seiner Liste: Präsident Beckenbauer und dessen graue Eminenz, Wirtschaftskontakter Radmann. Und weil hier einer mit offiziellem Kirch-Kontrakt (Beckenbauer) ganz allein den Geheimvertrag des anderen absegnen durfte, hat Kirch ein ihm genehmes Geschäftsklima auf oberster WM-Ebene geschaffen, von dem bis vor Wochenfrist auch ein so hochkarätiger OK-Aufsichtsrat wie Bundesinnenminister Otto Schily kaum etwas geahnt haben dürfte. Das riecht unangenehm. Und dass der bekannte, mit vielen Euro- Millionen dotierte Kommentatoren-Vertrag Beckenbauers mit Kirch zumindest nicht dazu geführt hat, dass sich der smarte Fußballkaiser weiterführenden Kirch-Plänen entgegen gestemmt hat, ist in der Parallel-Affäre zu besichtigen – dem Geheimvertrag mit dem FC Bayern. So schaut es aus, das Fußballmodell Deutschland. Von Nachahmungen ist abzuraten. Oder nicht? Die Antwort geben die Verantwortlichen. Nicht nur die in den Verbänden, auch die Politik ist gefragt, wenn es um Selbstreinigung auf höchster WM-Ebene geht. Schon geht die Rede von Filz und Vetternwirtschaft durchs Land. Es sollte verhindert werden, dass sie zum Maßstab wird für alle künftigen Aktivitäten des OK. Die WM 2006 ist das größte Gesellschaftsereignis, es zieht sich noch Jahre hin. Nicht, dass es unerträglich wird.“
FR (26.2.). „An der Basis gärt es. Nur ein eilig ausgesprochener Maulkorberlass der DFL hat die erheblich irritierten so genannten Kleinen, deren Umsätze nur bis zu einem Zehntel des Branchenführers ausmachen, vorläufig ruhig stellen können. Deren Erwartungshaltung ist wenig missverständlich: Der große FC Bayern, der den Kirch-Vertrag statutenwidrig (siehe Zur Sache) nicht vorgelegt hat, darf keine Sonderrechte bekommen, fordert ein Bundesliga-Manager, der nicht genannt werden will und sich deshalb traut zu sagen: Die DFL steht vor einer Zerreißprobe. Die Konkurrenz fühlt sich brüskiert und schamlos ausgenutzt, aber sie weiß auch, dass sie sich in der aktuell ohnehin schon schwierigsten wirtschaftlichen Lage des 40-jährigen Bestehens der Bundesliga keine Skandale leisten kann. Und vor allem: keine Liga ohne die Bayern. Derweil gerät Bayern-Manager Uli Hoeneß zusehends unter Druck, absolutes Neuland für ihn, in dieser Rolle kennt er sich nicht, sagt ein Insider. Hoeneß, so erinnern sich Beteiligte in einer Mischung aus tiefer Verwunderung und persönlicher Enttäuschung, habe Ende der 90er Jahre wie ein Löwe darum gekämpft, die zentrale Vermarktung durch den DFB zu kippen. Es habe bei Manager-Tagungen gar wüste Attacken des streitbaren, gleichwohl immer mit offenen Visier kämpfenden Münchners gegeben, der sich – Ironie der Geschichte – regelmäßig bitter darüber beschwert habe, dass der damalige Ligadirektor und heutige DFL-Geschäftsführer Wilfried Straub die TV-Verträge nicht offen lege. Es war die Zeit, da Hoeneß zum Saisonstart den TV-Anstalten mit Stadionverbot drohte, um Druck gegen die DFB-Vermarktung zu erzeugen. Den damaligen Ligaausschuss unter dem heutigen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder hatte Kirch-Mann Franz Beckenbauer zu jener Zeit längst als Lachsack verspottet, die Bayern zogen sich bald aus dem Gremium zurück, ehe Hoeneß dann auf Aufforderung der verschüchterten Manager-Kollegen an der Seite von Straub und Mayer-Vorfelder den Kirch-Vertrag über drei Milliarden Mark für vier Jahre aushandelte. Jetzt durfte er endlich persönlich am Fleischtopf schnuppern, kannte nun die Vertragsdetails und könnte sein somit erworbenes Insiderwissen genutzt haben, um den umstrittenen Geheimdeal mit Kirch hinter dem Rücken von Mayer-Vorfelder und Straub in Form zu bringen. In der Öffentlichkeit warb Hoeneß plötzlich und unerwartet für das am 1. November 1999 von den Profivereinen verabschiedete Solidarmodell, das den Top-Clubs erheblich höhere Einnahmen zusprach als in den Jahrzehnten zuvor (siehe Zur Sache). Am 9. Dezember unterschrieben Hoeneß, Geschäftsführer Karl Hopfner und Schatzmeister Fritz Scherer laut kicker den ominösen Kirch-Kontrakt und berufen sich nun darauf, Kirch habe auf Geheimhaltung bestanden. Eine Forderung, die die Bayern angesichts der Vorlagepflicht bei der Lizenzierung rundheraus hätten ablehnen müssen.“
Im stern (27.2.) liest man. „Natürlich kann der Rekordmeister diese Affäre selbstbewusst und selbstgerecht wie immer überstehen. Denn auch wenn manche Fanseele kocht – die Münchner dürften ihre Lizenz nicht verlieren und auch keine Punkte. Wie der stern erfuhr, wird sich die DFL allenfalls zu einer Geldstrafe durchringen, die den Möglichkeiten des Liga-Krösus angemessen scheint. Womöglich müssen die Bayern allerdings noch mehr bluten. Denn der Verteilungsschlüssel der TV-Gelder aus der Zentralvermarktung dürfte zugunsten der klammeren Vereine geändert werden. Von den 290 Millionen Euro bekommen die 18 Erstligavereine in dieser Saison 232 Millionen. Die Hälfte dieser Summe wird gleichmäßig an die Klubs verteilt, die andere Hälfte nach einem komplizierten Schlüssel ausgeschüttet; je erfolgreicher der Verein war, desto höher ist sein Anteil. Der FC Bayern bekam in der vergangenen Saison 23,8 Millionen Euro, Borussia Mönchengladbach nur 8,07 Millionen. Ein DFL-Mann rechnet nun damit, dass die Davids der Bundesliga den Goliath Bayern mit der Wucht der Moral in die Knie zwingen. Als Lösung ist denkbar, dass in Zukunft drei Viertel der Lizenzgelder gleichmäßig verteilt werden. Und zwar schon ab der kommenden Saison – zur Wiedergutmachung. Doch viel spricht dafür, dass die Affäre damit keineswegs ausgestanden ist. Denn die Bayern-Kungelei wirft ein grelles Licht auf jenes fein gesponnene Netz der Macht, das sich der öffentlichen Sicht weitgehend entzieht. Dieses Netz warfen einst Leo Kirch und seine Manager aus; darin verfangen haben sich viele, die im Fußball etwas zu sagen haben.“
Interview mit Rummenigge („Ich war kein Lobbyist für Kirch“) stern
Interview mit Sportrechtler Stopper zum Kirch-Vertrag mit dem FC Bayern SZ
Fedor Radmanns Beratervertrag entfacht Streit um Medienzentrum für WM 2006 SZ
Erklärungen von Bayern-Chef Rummenigge werfen Fragen aufSZ
Gewinnspiel für Experten
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„Wir werden auch für Trondheim kämpfen.“
siehe dazu auch folgenden Artikel: Sieger Trondheim
Quizfrage
Vor zwei Jahren wurde Rosenborg Trondheim dem FC Bayern in der Zwischenrunde der Champions League zugelost. Wie heißt im Glauben des Journalisten Beckenbauer – welcher den Klub nicht kannte – der norwegische Serienmeister und ununterbrochener Teilnehmer der europäischen Eliteliga?
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Wolfs vergleichsweise leise inszeniertem Abgang
Wolfgang Hettfleisch (FR 5.3.) gibt zu bedenken. „Das eigentlich Interessante an Wolfs vergleichsweise leise inszeniertem Abgang ist aber, dass sportlicher Misserfolg hier nur bedingt das in Gang setzte, was man gern als die Mechanismen der Branche bezeichnet. Der bodenständige Fußballlehrer aus der Pfalz hat aus Sicht so manches Kochs in Nadelstreifen, der in der VfL-Suppe mitrührt, einen Makel, der schwerer wog, als etliche Niederlagen: Er passte nicht zum angestrebten Image. Mit neuem Stadion und Stefan Effenberg wähnen sich viele im Umfeld des VfL auf dem Weg zum Topclub. Da soll auch der Mann an der Seitenlinie ins Bild passen. Jürgen Röber weiß offenbar, was von ihm erwartet wird. Brav preist er die großartigen Perspektiven der Wolfsburger. Derlei hört man dort gern. Erfolg, so lautet das Lehrstück aus Leverkusen oder auch jenes aus Berlin, wo die abgewrackte Hertha binnen weniger Jahre ins deutsche Fußball-Establishment zurückkehrte, ist planbar – die entsprechenden Millionen vorausgesetzt. Und an Geld ist kein Mangel beim VfL Wolfsburg. Auch Charisma auf der Trainerbank kann man kaufen. Das sollte auch Röber zu denken geben.“
Jörg Marwedel (SZ 5.3.). „Die Debatten um den Trainer Wolfgang Wolf sind somit beendet, ob es seinem Nachfolger auf Dauer besser ergeht, muss abgewartet werden – schließlich war Röber längst nicht mehr die erste Wahl. Der VfL hatte bei internationalen Kalibern angeklopft. Beim Schweizer Christian Gross, der schon in Englands Premier League arbeitete; beim Dänen Morten Olsen, der die Nationalelf seines Landes betreut und als Profi ein Star war. Doch beiden hat sich der Reiz der Fußballstadt Wolfsburg trotz der schönen neuen Volkswagen Arena nicht auf Anhieb erschlossen. So opferte VfL-Manager Peter Pander unter wachsendem Druck schließlich einen Teil seiner Visionen. Er brauchte jemanden, der sofort bereit stand zur Schadensbegrenzung. Röber für Wolf, das ist im Grunde eine kuriose Personalie. Nicht nur, weil Röber den Kollegen Wolf auf Wunsch des VfL-Aufsichtsrates schon vor Jahresfrist ablösen sollte, was damals am Veto Panders scheiterte. Es sind vor allem die Parallelen zwischen den beiden Fußballlehrern, die einen staunen lassen. Wie Wolf den VfL Wolfsburg führte auch Röber seinen letzten Arbeitgeber Hertha BSC aus den Tiefen des Raumes bis ins internationale Geschäft – Ausgangspunkt war die zweite Liga gewesen. Wie bei Wolf stagnierte das Team am Ende und schürte Zweifel, ob Röber die Kompetenz für den dauerhaften Sprung in Europas Spitzenklasse mitbringe. Und wie Wolf war Röber an dem Versuch gescheitert, trotz beschlossener Trennung zum Saisonende auf der letzten Etappe die nötige Autorität zu bewahren. Auch er musste vorzeitig gehen.“
Peter Unfried (FTD 5.3.). “Nicht zu übersehen ist, dass Röbers Profil Panders Zielvorgabe entspricht. Er kann mittelfristigen Erfolg für gehobene Ansprüche nachweisen – und hat zudem Erfahrung in der Champions League. Wenn man nachvollziehen will, woran Wolf letztlich scheiterte, reicht ein Blick auf die Tabelle nicht: Der VfL steht zwar nicht gut. Aber fast exakt da, wo er immer steht – auf Platz elf. Die Sache hatte nun die branchenübliche Dynamik bekommen. Zum einen durch die beschlossene Trennung: Das schwächt einen Trainer extern und intern. Nach der Winterpause jedenfalls funktionierte der auf Laufarbeit, Engagement und Stefan Effenbergs Strategien fußende Kollektivfußball des ordentlich besetzten Teams nicht mehr. Dazu beteiligten sich an der daraufhin einsetzenden öffentlichen Diskussion auch Teile des Aufsichtsrats. Am Ende herrschte jedenfalls tatsächlich Aufregung in der sonst eher stillen 120.000-Einwohner-Stadt im Osten Niedersachsens. Kritiker werfen Wolf schon länger vor, er hätte in knapp fünf Jahren mehr leisten müssen, als aus einem zufällig aufgestiegenen Zweitligisten einen etablierten Mittelklasseklub zu machen. Wolf selbst hat die tabellarische Stagnation angesichts eines begrenzten Haushalts stets als „Fortschritt“ gedeutet. Er zählt sich zur Generation, die in den letzten Jahren nach der Vorleistung von Kollegen wie Volker Finke und Christoph Daum den deutschen Fußball in der Breite modernisiert und darüber hinaus die Jugend gefördert hat.“
Frank Heike (FAZ 5.3.). „Seit im Januar bekannt wurde, daß Wolf zum Saisonende gehen würde, war der 45 Jahre alte Fußballehrer nicht mehr Herr des Verfahrens – die Profis machten, was sie wollten. Er habe Klimmzüge machen müssen, um die Mannschaft noch zu erreichen, sagte Wolf. Daß ihm das am Ende gar nicht mehr gelang, verrieten nicht nur die schwachen Heimspiele in der neuen Arena, sondern vor allem die vielen Disziplinlosigkeiten: die Posse um Effenbergs Auswechslung im Spiel gegen Bielefeld, die Weitergabe von Mannschaftsinterna an die Medien, vier Rote Karten und Schlägereien im Training zwischen Thiam und Präger, Effenberg und Karhan. Wir wollten mit dem neuen Trainer die richtigen Signale in Richtung Mannschaft senden, sagte Manager Pander, so konnte es nicht weitergehen. Überhaupt Effenberg: Zunächst als der Mann gefeiert, der die graue Maus VfL in die Medien bringt, nun als derjenige entlarvt, der die Mannschaft in einem halben Jahr in zwei Lager geteilt hat: in Freunde und Feinde Effenbergs. Wolf und Pander, der seine Verpflichtung verantwortet, haben immer zu ihm gehalten. Auch wenn seine Leistung selten gut war. Miroslaw Karhan, der eigentlich der Mann im zentralen Mittelfeld sein sollte, hat sich von Effenberg an den Rand drängen lassen und spielt nur noch mit. Jürgen Röbers Hauptaufgabe wird es sein, Effenberg zu integrieren. Der machtbewußte Altstar lobte den neuen Chef vorauseilend schon einmal als genau den richtigen Mann für Wolfsburg.
Hans Trens Wolfgang Hettfleisch (FR 5.3.). „Ich kann gut nachvollziehen, wie Wolfgang Wolf sich jetzt fühlt, sagte Jürgen Röber denn auch, als er gestern in der Wolfsburger Arena nach knapp einjähriger Arbeitslosigkeit als neuer Cheftrainer des Bundesligisten präsentiert wurde. Röber selbst war anzusehen, dass er sich prima fühlt. Die erzwungene Untätigkeit muss zuletzt am Selbstbewusstsein genagt haben. Aber Röber wusste, was er wollte, genauer gesagt: Er wusste, was er nicht wollte. Aus Graz und Istanbul kamen Anfragen. Röber sagte ab. Und zum Weg von Kollege Werner Lorant über die Türkei in die westfälische Provinz zum abstiegsgefährdeten Zweitligisten LR Ahlen hat er jüngst mal sinngemäß gesagt: Für so etwas sei er nicht verzweifelt genug. Lohn der Geduld ist nun ein Vertrag als Cheftrainer beim VfL Wolfsburg bis zum 30. Juni 2006. Die beträchtliche Laufzeit könnte entweder für Röbers Verhandlungsgeschick sprechen oder dafür, dass der Neue als Idealbesetzung gilt. Der VfL-Aufsichtsratsvorsitzende und VW-Markenvorstand Lothar Sander mühte sich gestern naturgemäß, die zweite Version zu stützen: Röber ist ein Trainer mit internationaler Erfahrung, der alle Voraussetzungen dafür mitbringt, um aufbauend auf der Basis, die Wolfgang Wolf geschaffen hat, erfolgreiche Arbeit zu leisten. Und Wölfe-Manager Peter Pander, dessen ursprünglich bis 2005 datierter Vertrag vorzeitig bis sage und schreibe 30. Juni 2008 verlängert wurde, erklärte auf skeptische Nachfragen kategorisch: Der Trainer, den wir holen, ist immer erste Wahl. Nun ja. Der VfL Wolfsburg hatte durchaus noch ein paar andere Kandidaten im Auge, seit Wolf und Pander im Dezember überein gekommen waren, den zum Saisonende auslaufenden Vertrag des Fußballlehrers aus der Pfalz nicht zu verlängern. Nur zu gern, so erzählt man sich in Wolfsburg, hätten die eifrig am Fußball-Mittelklassewagen VfL herumschweißenden VW-Manager einen ausländischen Trainer unter Vertrag genommen. Einen, der den vom Weltkonzern ersehnten Imagetransfer leistet; der imstande ist, den grün-weißen Fußball-Golf binnen weniger Jahre ins (schwer vermittelbare) VW-High-end-Modell Phaeton zu verwandeln. Kurz: Einen, der das genaue Gegenteil dessen verkörpert, wofür der hemdsärmelige Arbeiter Wolf steht. Doch der Schweizer Christian Gross (FC Basel) soll ebenso abgewunken haben wie der dänische Nationaltrainer und Ex-Coach des 1. FC Köln, Morten Olsen.“
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