Montag, 19. November 2007
Deutsche Elf
Warum geht das nicht beim FC Bayern?
Die Journalisten gönnen Lukas Podolski seine herausragende Leistung beim 4:0 gegen Zypern von ganzem Herzen und feiern Bundestrainer Joachim Löw dafür, dass er weiß, was er mit dem zuletzt blassen Stürmer anzufangen hat – im Gegensatz zu dessen Heimatklub
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) gratuliert dem Bundestrainer zu seiner Entscheidung, Podolski als Linksaußen aufzustellen: „Seine Laufbahn als Stürmer drohte in der Sackgasse zu enden, doch Joachim Löw hat Podolski nicht nur eine neue Position gegeben, sondern eine Perspektive für seine Karriere. Er hat die sportlich nebensächliche Partie als Test genutzt, aber er hat nicht neues Personal oder eine neue Taktik erprobt, sondern einen neuen Podolski. Er hat die Außenbahnen im Mittelfeld mit Podolski und Clemens Fritz sehr offensiv besetzt und dadurch das Angriffsspiel belebt. Löw hat mit dieser List bewiesen, dass er extrem kreativ ist und dass er Lösungen findet, auf die sonst niemand kommt. Er hat Ideen, die so simpel sind wie brillant. Er kennt die Stärken und Schwächen seiner Spieler, er analysiert sie exakt und stellt jeden Akteur früher oder später auf die ideale Position. Er hat die Fachwelt überrascht und die Möglichkeiten, die in seinem Aufgebot schlummern, perfekt genutzt; er ist wieder mal neue Wege gegangen – in diesem Fall, indem er Podolski neue Wege gehen ließ. Er hat ihn in den vergangenen Wochen nicht nur klar kritisiert, sondern ihm jetzt auch klar einen Weg aus seiner Schaffenskrise gezeigt.“
Christof Kneer (SZ) stimmt zu, verlangt von Podolski aber bessere Abwehrarbeit: „Ja, es war nur Zypern, eine freundliche, nicht sehr aufsässige Elf, deren Stürmer oft nett angriffen, um dann noch netter stehen zu bleiben, was den Deutschen großzügig Räume eröffnete – es war nur Zypern, dennoch darf als Erkenntnis des Spiels hängen bleiben, dass Deutschland zurzeit einen Bundestrainer hat, dessen Innovationskraft den einheimischen Fußball belebt. (…) Womöglich hat der neue Flügeltrend dem deutschen Fußball eine spektakuläre personelle Erkenntnis verschafft. Diese Spielweise erscheint wie erfunden für Podolski: Sie betont seine Stärken und kaschiert seine Schwächen. Womöglich markiert dieses Spiel das endgültige Ende des Sommermärchens. Womöglich heißt es bald nicht mehr Schweini & Poldi, sondern Schweini oder Poldi – sie sind jetzt Konkurrenten. Ob Podolski im Mittelfeld eine dauerhafte Option ist, wird sich gegen forderndere Gegner erweisen müssen – sein Defensivverhalten ist in dieser Rolle stark ausbaufähig, was im Zentrum Hitzlsperger zu spüren bekam, der gar nicht so viele Laufwege machen konnte, wie da manchmal Löcher klafften.“
Michael Horeni (FAZ) hört Zweifel und Sorgen aus Podolskis Worten: „Es war ein Spiel von Podolski, wie er es lange nicht mehr erlebt hatte. Er erzielte ein Tor selbst, zwei weitere bereitete er erstklassig vor. Er war kombinationsstark und torgefährlich, wendig und wuchtig, schnell und präzise und zu alldem taktisch auch noch sehr klug. Er war der beste Spieler auf dem Platz, und die Fans riefen seinen Namen. Nach seinem herausragenden Auftritt war die Zeit für Podolski dann aber schon wieder begrenzt. Nur sieben Minuten gestand der Mediendirektor DGB dem Mann des Tages auf der Pressekonferenz zu. Das Flugzeug nach Frankfurt wartete. Aber diese sieben Minuten genügten, um einen Lukas Podolski zu erleben, der mit dem Lukas Podolski der ersten Jahre bei der Nationalmannschaft nicht mehr viel gemeinsam hatte. Bisher glaubte man ja, dass er mit einem außergewöhnlichen Talent zum Fröhlichsein gesegnet sei oder dass es zumindest keiner großen Ereignisse bedürfe, um die Fröhlichkeit in ihm zu wecken. Aber in diesen sieben Minuten spricht Lukas Podolski sehr ernst in die Kameras. Er will einfach nicht fröhlich sein, oder er kann es nicht. Trotz des schönen Spiels. Dass Lukas Podolski in den letzten eineinhalb Jahren, seit er zum FC Bayern München gehört, seine besten Leistungen immer wieder in der Nationalmannschaft zeigt, ist mittlerweile schon so etwas wie das sportliche Podolski-Naturgesetz. Und die Frage, die sich mit diesem Phänomen verbindet, kennt er mittlerweile auch schon zur Genüge: Warum geht das nicht beim FC Bayern?“
Podolskis Wellnessoase
Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) ergänzt: „Kein Zufall, dass Podolskis große Gala wieder einmal in einem Länderspiel zur Aufführung gekommen ist und nicht bei seinem Heimatverein, dem FC Bayern. Die Nationalmannschaft ist so etwas wie Podolskis Wellnessoase. Hier fühlt er sich zu Hause, hier spürt er die Anerkennung, die er in München vermisst, hier ist er ein anderer Mensch. In München spürt Podolski kein Vertrauen, dort sitzt er meist auf der Ersatzbank – und wenn er doch mal spielen darf, zeigt er, wie vor einer Woche in Stuttgart, nicht selten unterirdische Leistungen. Bisher jedenfalls war sein Wechsel nach München ein einziges Missverständnis.“
FAZ: Jens Lehmann, gut in Form und von der Bild am Sonntag verleumdet?
Podolski, Sahne! Sehenswert aber auch Phlipp Lahms koordinativ höchst anspruchsvoller Flankenlauf vor dem 2:0
Freitag, 16. November 2007
Internationaler Fußball
Antisemitischer Zungenschlag
Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) spürt Englands Nervosität angesichts der fast aussichtlosen Lage in der EM-Qualifikation: „Am schlimmsten an dieser misslichen Lage ist für die stolze Fußballnation die Abhängigkeit von fremden Misserfolgen. Nur wenn die Kroaten in Mazedonien verlieren oder die Russen in Israel nicht gewinnen, kommt McClarens Mannschaft am Mittwoch gegen Kroatien überhaupt noch in den Genuss einer letzten Chance. Wie man es von den Ausländern erwartet hat, kneifen sie schon wieder, bevor es überhaupt losgeht. England setzte auf die Schützenhilfe von dem beim FC Liverpool angestellten Yossi Benayoun; Israels bester Spieler fällt nun aber mit einer Muskelverletzung gegen Russland aus. Und Alexander Ubarow, der aus Russland eingewanderte Torwarttrainer der Israeli, drückt zu allem Überfluss den früheren Landsmännern die Daumen. Man muss also nicht an die in den englischen Internetforen ohne echte Verve diskutierten Verschwörungstheorien (‚Roman Abramowitsch spendiert den Israeli Luxusautos, wenn sie verlieren’) glauben, um zu verstehen, dass Englands Fußballer heute im Wiener Ernst-Happel-Stadion vor einer ziemlich unmöglichen Aufgabe stehen: Sie sollen im Testspiel gegen Österreich Spannung für ein Endspiel aufbauen, das voraussichtlich gar nicht mehr stattfindet.
Wolfgang Hettfleisch (FR) missfällt, dass auch dunkle Töne erklingen: „Da die Nerven im Mutterland des Fußballs blank liegen, wird jeder noch so kleine Hinweis darauf, dass die Gastgeber die für sie bedeutungslose Partie nicht mit allerletzter Hingabe angehen könnten, auf der Insel sofort zum Skandal aufgeblasen. Die Konstellation ist, zugegebenermaßen, pikant: Chelsea-Boss Abramowitsch ist ein großzügiger Förderer der Sbornaja. Er zahlt Guus Hiddinks Millionengage aus eigener Kasse, hat für jeden Spieler 80.000 US-Dollar Prämie fürs Erreichen des EM-Turniers ausgelobt und unterhält enge Beziehungen nach Israel. Der einflussreiche israelische Spieleragent Pini Zahavi, ein Schwergewicht im globalisierten Handel mit Fußballprofis, gilt als wichtiger Ratgeber des russischen Milliardärs. Schon bei der Beförderung des Israelis Avram Grant zu Chelseas Cheftrainer mischten sich unappetitlich Töne in die Berichterstattung einiger englischen Zeitungen. Die Times scheute nicht davor zurück, unter Hinweis auf Abramowitschs ‚jüdisches Erbe’ zu erwähnen, der Ölmagnat sei ein häufiger Gast von Länderspielen der israelischen Auswahl und dabei auch schon ‚nahe den Umkleidekabinen’ gesehen worden – was auch immer das heißen soll. Ein latent antisemitischer Zungenschlag fand sich in diversen Berichten über die vorgeblich russisch-israelische – gemeint war offenbar: jüdische – Machtachse beim FC Chelsea.“
Nicht mehr die Elektrizität eines Weltklassestürmers
Ronald Reng (Stuttgarter Zeitung) teilt uns mit, warum Spaniens Nationaltrainer der Forderung der Fans und Medien nicht nachkommt, den Star Rául wieder zu nominieren: „Denkmäler lassen sich in keinem Land ohne Krach wegrücken, man erinnere sich nur, wie 1998 der Bundestrainer Berti Vogts durch den öffentlichen Druck umfiel und den gealterten Lothar Matthäus zurückholte. Spanien wird sich in den beiden Heimspielen gegen Schweden Nordirland für die EM 2008 qualifizieren (denn es braucht im schlimmsten Fall noch ein Unentschieden), es hat in diesem Jahr achtmal gewonnen, zweimal Remis gespielt, nie verloren – doch diese Freude geht im Reizklima verloren. (…) Luis Aragonés ist entschlossen, Raúl nie mehr zu nominieren. Er fühlt sich von ihm verraten. Er hat Raúl stoisch verteidigt, als dessen Form 2006 ins Unerkenntliche kippte, nur um dann zu sehen, wie der Kapitän bei der WM gegen seine zeitweilige Ersatzrolle meuterte und aus Egoismus die schlechte Laune ins Team brachte. Zudem übersieht Aragonés, anders als das Massenpublikum und die Madrider Jubelpresse, hinter Raúls frischem Schwung die Details nicht: Mit dreißig Jahren hat Raúl den Opportunismus eines erfahrenen Torjägers im Strafraum wiedergefunden, aber nicht die Elektrizität von Weltklassestürmern.“
Raúl: Tore, Tore, Tore
FR: Heimlich, still und leise hat sich Finnland gute Chancen auf die Qualifikation für die EM ermauert – mit einem Team, dessen Spieler ausnahmslos nicht in der Heimat spielen
SZ: Früher stand er im Irak unter Vertrag, heute betreut er Weißrusslands Fußballer: Bernd Stange sieht sich als Trainer, für Politik interessiert er sich nicht
BLZ: Wenn Fatih Terim, selbstgerechter Nationaltrainer der Türkei, die EM-Qualifikation verpasst, ist er seinen Job los
BLZ: Simon Rolfes steht für die aufstrebenden Vorwärtsdenker im Mittelfeld der deutschen Nationalelf
Bundesliga
Der Münchner Pulverdampf wird sich bald wieder verziehen
Nicht nur Contra, heute auch mal Pro zum Thema Uli Hoeneß, sein Gemüt, die Fans und Champagner im Stadion / „Wäre es möglich, dass Beckenbauer nur deshalb als Lichtgestalt rüberkommt, weil er in unmittelbarer Nähe der Haudraufis Rummenigge und Hoeneß unwillkürlich Weltmännischkeit ausstrahlt?“ (Volk ohne Raumdeckung) / Lukas Podolski, „Leidtragender einer phantasielosen und verfehlten Personalpolitik“ (NZZ)
Roland Zorn (FAZ) hat Uli Hoeneß in sein Herz geschlossen und kann ihm nicht verübeln, dass er auch mal in die Luft geht: „Wenn die Richtigen die falsche Tonlage treffen, ist das Erschrecken erst einmal groß. Uli Hoeneß, die Personifizierung und Identifikationsfigur des FC Bayern München, hat mit seiner derben Fan-Schelte Wind gesät und Sturm geerntet. Daraus jedoch auf ein nachhaltig gestörtes Verhältnis des Managers zur Basis des über 100.000 Mitglieder starken deutschen Kultklubs zu schließen, wäre nicht richtig. Gerade an diesem Standort der Liga war die Spannbreite zwischen denen, die zusehen, um gesehen zu werden, und denen, die die Fankurve füllen, schon immer besonders groß. Bayern steht mehr als jeder andere deutsche Klub für großes Geld und große Welt im Fußball. Gerade Hoeneß hat in Kenntnis dieser Polarität stets die Sorgen und Wünsche der Südkurve gehört und, wo immer möglich, geholfen – schon zu den Zeiten, da Bayern im zugigen Olympiastadion spielte. Weil das auch diejenigen wissen, die sich über den Ausfall des Managers besonders geärgert haben, wird sich der Münchner Pulverdampf bald wieder verziehen. (…) Hoeneß selbst wird auch in Zukunft der Champion der Underdogs bleiben.“
Ein Mensch wie Du und ich: Uli Hoeneß holt sich einen Fasserriss (via Trainer Baade)
Natürlich sollte im Stadion der Schal und die Mütze gekauft werden
Michael Stefovic, Mitglied des Fan-Clubs Bayern Kings, stellt sich auf eurosport.de dankend auf Hoeneßens Seite: „Ich fand die Reaktion von Hoeneß ganz gut. Es kann nicht sein, dass der Vorstand für die Stimmung im Stadion verantwortlich gemacht wird. Die Verantwortlichen des FC Bayern haben uns den Bau des neuen Stadions ermöglicht, für die Stimmung sind ganz alleine die Fans zuständig. Herr Hoeneß hat durch seine emotionalen Äußerungen ein Zeichen gesetzt, hat gezeigt, dass er Mensch ist und mit ganzem Herzblut am FC Bayern hängt.“ Auch die – Ökonomen, weggehört! – Subventionspolitik des FCB stützt Stefovic in großer Dankbarkeit: „Ich empfinde die Logen als notwendiges Übel zur Finanzierung des ganzen Projekts Allianz-Arena. Natürlich ist es kein schönes Bild, wenn in der Halbzeitpause die halbe Haupttribüne leer gefegt ist, weil sich die Leute alle in ihre Logen zum Essen und Trinken zurückziehen. Aber dafür zahlen sie auch sehr viel Geld und dafür müssen wir Fans dankbar sein, denn deswegen profitieren wir im Vergleich zum Rest der Liga von günstigen Eintrittspreisen.“
Zudem fordert er die Fans zu stärkerem „Support“ und größerem Dank auf: „Der Fußball ist im Laufe der Jahre zu einem großen Geschäft geworden. Das ist aber nicht nur bei Bayern so, dieses Phänomen ist überall zu beobachten. Natürlich sollte im Stadion auch die Wurst und das Bier verzehrt werden, oder hin und wieder mal der Schal und die Mütze gekauft werden, dass noch zusätzliche Einnahmen generiert werden.“
Zensur
Ralf Busch, der Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fan-Projekte in Deutschland, hingegen erwidert im Tagesspiegel: „Die schlechte Stimmung in München ist ein Zeichen dafür, wie angespannt das Verhältnis zwischen Fans und Vereinsführung ist. Vor kurzem haben Mitglieder des Fanklubs Schickeria auf einem Rastplatz eine Schlägerei angezettelt, bei der eine Frau verletzt wurde. Danach wurden Stadionverbote ausgesprochen, und über 500 Fans haben keine Dauerkarte mehr erhalten. Und dies nur, weil sie über eine Sammellliste der Schickeria Karten bestellt hatten. Das war eine Art Sippenhaft – allen wurde unterstellt, potenzielle Gewalttäter zu sein. Da ist eine Vertrauensbasis verloren gegangen.“
Zur Diskussion über die „Champagner“-Fans fügt er hinzu: „Die Leute in den Logen sind auch die ersten, die wegbleiben, wenn die Leistung nicht stimmt. Das unterschätzt der Herr Hoeneß. Die Leute in den Logen gehen doch dahin, weil der Fußball so ist, wie er ist, mit der Stimmung und allem. Und dafür sorgen in erster Linie die Fans. Deshalb fühlen sie sich manchmal benutzt für das Image, das der Verein nach außen abgibt – und wenn dann mal Kritik von ihnen geäußert wird, fühlen sie sich oftmals vom Verein abgebügelt.“
Buschs fällt allgemein aus: „Die Manager müssen akzeptieren, dass es kritische Fans gibt und das eben nicht einige wenige Störenfriede sind, sondern sie für die anderen Fans sprechen. Wenn man das nicht lernt, wird es noch mehr atmosphärische Störungen wie Stimmungsboykotte und Stadionverbote geben. Stattdessen werden die Hürden im Stadion immer höher. Selbst bei Choreographien – das muss alles vorher angemeldet werden und dann aus brandfestem Material sein und so weiter. Und wenn dann kritische Transparente und Banner ganz verboten werden, ist dies für die Fans Zensur.“
Weltmännischkeit
Volk ohne Raumdeckung bleibt kopfschüttelnd an einem Rummenigge-Zitat über Hitzfelds Verhandlung mit der Schweiz hängen („Sollen wir uns irritieren lassen, dass mit einem Herrn Lämmli oder Schwämmli gesprochen wird?“) und macht sich Gedanken über Provinzialität und Mondänität: „Es gibt nur noch einen, der Hartmut Mehdorn den Titel ‚Manager des Jahres’ streitig machen kann. Karl-Heinz McRummenigge, der Mann der den FC Bayern zu einer Weltmarke hochsterilisieren möchte, und dabei einen unvergleichlichen Umgangston kultiviert hat. Insider berichten, die Angestellten des FC Bayern, vom sympathischen Jahrhunderttalent Lukas Podolski bis zum kurz vor dem Rückfall stehenden Magengeschwüroholiker Ottmar Hitzfeld, bezeichnen sich intern nur noch als Rummenigger, weil der Master of Insults and Injuries gar so gerne öffentlich und derb vom Leder zieht. Irgendjemand muss ihm eingeflüstert haben, Management sei eine Spielart von Triumph des Willens, und ein paar kernig dahingebratzte Leitsprüche reichten aus, um alles wieder ins Lot zu bringen. Ballack schwächelt – McR ruft ihn in der Winterpause zum besten Fußballer Europas aus. Podolski neben der Spur – McR befiehlt ihm besser zu spielen. Vier von fünf Pflichtspiele ohne Sieg: ‚Ottmar ist nicht entmündigt.’ Da ist mir der beleidigte Leberwurstfabrikant Hoeneß noch viel lieber, in seinem authentischen bajuwarischen Bierzeltfuror. Eine Abteilung Attacke, die sich schon mal in den eigenen Arsch beißt, wenn dieser aufmüpfig wird. Wäre es möglich, dass Beckenbauer nur deshalb als Lichtgestalt rüberkommt, weil er in unmittelbarer Nähe dieser Haudraufis unwillkürlich Weltmännischkeit ausstrahlt?“
Wir haben heute morgen mal nachgeschaut – nur zu Ihrer Information: Google und Ebay gibt es noch. Man musste sich ja schon Gedanken machen nach den erratischen Anspielungen aus der Zentrale der Weltmacht an der Säbener Straße.
Leidtragender einer phantasielosen und verfehlten Personalpolitik
Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) fragt sich, was Lukas Podolski noch in München verloren hat: „Die Frage, warum Hoeneß einen Spieler für zehn Millionen Euro gegen den Willen des damaligen Trainers Felix Magath nach München lotste, blieb unerörtert. Podolski in München, das ist ein großes Missverständnis. Er ist der Leidtragende einer phantasielosen und verfehlten Bayern-Personalpolitik, die in diesem Jahr mit sehr viel Geld und Transfers im großen Stile korrigiert wurde. Und genau darin liegt das Problem des gebürtigen Polen: Gegen Luca Toni und Miroslav Klose hat er nichts zu bestellen. Wer Toni, dem wendigen Riesen, und Klose, dem explosiven Allrounder, zuschaut, der mag partout nicht mehr an die Zukunft des Kölners in München glauben.“
Donnerstag, 15. November 2007
Internationaler Fußball
Glaube daran, eine große Fußballnation zu sein
Zwei kleine Schritte von der EM-Qualifikation entfernt – Johannes Aumüller (SZ) legt dar, welche Geister Guus Hiddink in Russland geweckt hat: „Wenn die russische Opposition vor den Präsidentschaftswahlen doch noch eine personelle Alternative zum Putin-Lager aufstellen will, sollte sie sich vielleicht ganz besondere Maßnahmen ausdenken – zum Beispiel die Blitz-Einbürgerung eines Holländers. Denn in Russland kann es an Popularität derzeit höchstens einer mit Putin aufnehmen: Guus Hiddink, seit August 2006 Trainer der Nationalmannschaft. Dass die Sbornaja nach dem 2:1 gegen England und vor den entscheidenden Spielen in Israel und Andorra die EM-Qualifikation selbst in der Hand hat, verhilft Hiddink bei den Fans zu großem Ansehen. Als im Oktober der Holländer und der russische Fußballverband die Zusammenarbeit bis 2010 verlängerten, kursierte folgender Scherz: ‚Hiddink ist etwas gelungen, was selbst Putin noch nicht geschafft hat. Er hat schon verlängert.’ (…) Vor dem Spiel in Israel loben die Funktionäre nicht nur, sondern formulieren schon höhere Aufgaben. Als müsste es ja fast zwangsläufig so sein, dass ein so erfolgreicher Trainer wie Hiddink, der doch den Fußball-‚Zwerg’ Südkorea ins WM-Halbfinale und die noch kleineren Australier ins WM-Achtelfinale führte, mit der traditionsreichen Sbornaja Erfolg hat. Verbandspräsident Wladimir Mutko fabulierte schon etwas von der Finalteilnahme als Ziel. Der Glaube daran, eine große Fußballnation zu sein, ist in Russland nicht erloschen. Und Hiddink ist im Moment das passende Sahnehäubchen.“
Am Grünen Tisch
Die Moralkeule trifft die Schwächsten
Saisonunterbrechung in der Zweiten und Dritten Liga nach dem Tod eines Fußballfans – Peter Hartmann (Neue Zürcher Zeitung) entmummt die italienische Politik des Scheins: „Jetzt wird die Tragödie zur Farce: Warum wird nach dem Aufruhr der ‚Teppisti’ (wie die Hooligans in Italien genannt werden), nach den Guerillaszenen in Rom, Bergamo, Mailand und anderen Städten zur Darstellung melodramatischer Betroffenheit die Meisterschaft der Serie B und der Serie C ausgesetzt? Was bezweckt diese Geste, wenn die Serie A ohnehin pausiert, weil die Squadra Azzurra in Glasgow um ihre Euro-Qualifikation spielt und die Show nachher weitergeht nach Kalender? Die Moralkeule trifft die Schwächsten, das Armenhaus des Calcio, die Schattenliga, die kaum wahrgenommen wird und keine Lobby hat. Die 22 B-Klubs erhielten keine Fernsehverträge mehr, nachdem sich Juventus, Genoa und Napoli mit ihrem großen Zuschauerpotenzial Ende letzter Saison nach oben verabschiedet hatten. Die verbliebenen Vereine hängen am Subventionstropf der Serie A, die jährlich 100 Millionen Euro in einen Solidaritätsfonds abzweigt, zu wenig zum Überleben. Zu den Spielen kommen im Schnitt kaum 5.000 Zuschauer, nur Brescia und der Traditionsklub Bologna haben mehr Zulauf. Die Präsidenten hatten einen Boykott erwogen, um auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. Nun hat ihnen die absurde Zwangspause vorerst verunmöglicht, selber zu handeln.“
Bundesliga
Es gibt in der Bundesliga viele andere Vereine, bei denen es besser und lauter ist
Die Nachricht des Tages: Uli Hoeneß wird für seinen unprofessionellen Auftritt auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern nicht mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, wie das, wäre er Politiker oder Mann der Wirtschaft, sicher geschehen wäre – aber der Fußball hat eigene Gesetze. Die Kritik an seiner „Rede“ hält an, wird aber leiser, und die Vereinsführung gibt inzwischen etwas klein bei
Die FAZ spricht heute mit Felix Redetzki, dem Vorsitzenden des FCB-Fan-Klubs Red Sharks, über Hoeneßens Argumente und die Beziehung zwischen Verein und Anhängerschaft. Sein Empfinden, als er den schnaubenden Hoeneß sah, schildert Redetzki so: „Das war nur schwer verdaulich. Aber der Eindruck auf den Mitgliederversammlungen beim FC Bayern ist generell: Je vernünftiger und intelligenter die Beiträge, desto mehr werden die zerrissen. Kritische Stimmen werden einfach nicht aufgegriffen. Ich habe den Saal verlassen, weil es mir gereicht hat, dass auf vernünftige Argumente nicht eingegangen wird.“
Die Beobachtung, dass die Atmosphäre bei Bayern-Heimspielen schlechter geworden sei und diese Entwicklung an der Zusammensetzung der Zuschauer liege, teilt Redetzki: „Die Stimmung ist beschissen, Note 6, ein totales Trauerspiel. Für mich liegt das vor allem daran, dass sich das Publikum insgesamt gewandelt hat. Natürlich wären gegen Bolton früher ins Olympiastadion höchstens 30.000 gekommen, aber auf den Sitzplätzen in der Arena sind heute fast nur noch Touristen. Ich kenne viele Münchner, die gar nicht mehr hingehen. Das mit dem Konsumtempel stimmt schon. Man spürt, dass man da nicht mehr so willkommen ist. Vielen im Verein wäre es doch am liebsten, wenn es die ganze Südkurve gar nicht mehr gäbe. Es gibt in der Bundesliga viele andere Vereine, bei denen es besser und lauter ist, wo die Stimmung nicht aus der Kurve, sondern aus dem ganzen Stadion kommt, zum Beispiel in Dortmund.“
Auf die Frage, ob die Klubführung prinzipiell auf die Fans eingehe, antwortet Redetzki differenziert: „Hoeneß beschäftigt sich zumindest damit. Ich glaube schon, dass er weiß, dass da zur Zeit etwas schiefläuft. Aber jemand wie Rummenigge, der noch nie in der Südkurve war, hat doch von der Fan-Szene überhaupt keine Ahnung.“ Hoeneßens Entgegnung, der Verein brauche die reichen Leute im Stadion (um ihnen dann „das Geld aus der Tasche zu ziehen“), erwidert Redetzki: „Die Champions League gewinnen will jeder. Die Frage ist: Um welchen Preis? Ich muss nicht unbedingt jedes Jahr die Champions League gewinnen.“ Sein Fazit: „Ob ich heute noch einmal Fan werden würde, da wäre ich mir nicht so sicher. Es kommen jedenfalls immer weniger Leute nach.“
„Wehret den Anfängen!“ Vor diesem heiklen historischen Zitat macht die Bayern-Führung in ihrem offenen Brief an alle Fans, in dem sie halb um Zustimmung, halb um Verzeihung wirbt, keinen Halt. Auch fragt man sich nach der Lektüre: Gibt es in der Bayern-Kurve tatsächlich noch „Kutten“-Träger, wie der Brief nahe legt, oder haben Hoeneß, Rummenigge und Hopfner einfach keine Ahnung, wer dort steht?
Deutsche Elf
Geraten die Vereinsärzte unter Systemzwang und Erfolgsdruck?
Verletzte Nationalspieler: Geben Bundesligavereine ihren Spielern zu wenig Zeit zur Heilung? / Bundestrainer Joachim Löw ist der Presse eine unangefochtene Autorität in strategischen Fußballfragen
Zweifel an den Fußballärzten – einige Nationalspieler leiden an wiederaufgebrochenen Verletzungen; Michael Ballack kann nun endlich wieder trainieren. Philipp Selldorf (SZ) kann nicht ausschließen, dass ihnen die Bundesligavereine zu wenig Zeit zum Kurieren gegeben haben: „Es wurden immer wieder neue Fristen für den Wiedereinstieg gesetzt, statt der Heilung Vorrang und Zeit zu geben. Mit diesem Problem ist Ballack kein Einzelfall, eher ein Musterbeispiel. Joachim Löw muss auf mehrere Akteure verzichten, die an ihrer Unentbehrlichkeit im Klub leiden. Torsten Frings zum Beispiel, der nach seiner Ende Juli erlittenen Knieverletzung Anfang Oktober wieder für Werder spielte, drei Wochen später aber erneut krankgeschrieben wurde. Eingehende Untersuchungen ergaben, dass das Knie doch noch nicht so gesund sei wie angenommen, hieß es in Bremen. Nun fehlt er bis zur Rückrunde. Christian Pander spielte in Schalke wochenlang unter Schmerzen mit einem Bluterguss im Oberschenkel, weil auf seinem Posten keine Alternative zur Verfügung stand. Nach einer Zwangspause fing er, wie er dann selbst befand, zu früh wieder an, inzwischen setzt ihn eine Innenbanddehnung matt. In Leverkusen erlebt Bernd Schneider die längste Verletzungspause seiner Karriere, auch ihn traf nach der Mitte September erlittenen Verletzung der Wille seines Klubs auf schnelle Gesundung. Das erste Bulletin war eine Art Wunschvorstellung: Von einem Bluterguss war die Rede, Physiotherapeut Trzolek aktivierte bereits seine berüchtigten Blutegel; das wahre Problem – ein Außenbandschaden – wurde erst Wochen später erkannt. Geraten die Vereinsärzte unter Systemzwang und Erfolgsdruck?“
Dazu zitiert Selldorf Joachim Löw: „‚Die Klubs müssten sich fragen, was sie ihrem Personal zumuten können’. Ottmar Hitzfelds Rotation, derzeit das große Politikum in München, hält der Bundestrainer für unerlässlich: ‚Ein Klose, Ribéry und Toni müssen in drei Wettbewerben Top-Leistungen bringen, aber das geht nicht in allen 60 Spielen. Die Dosierung zwischen Belastung, Regeneration und Training muss stimmen.’“ Außerdem wird Löws Meinung zum Ausbau des Betreuungspersonals wiedergegeben: „Ich kann mich da nur wiederholen. Es ist unabdingbar, in den Trainerstab zu investieren – es braucht Spezialisten, die den Spielern Vorgaben machen und sie auch überwachen. Das ist wichtiger, als ständig noch einen Spieler und noch einen Spieler zu kaufen.“
Messerscharfer Kritiker
Frank Hellmann (FR) rät der Liga, auf den klugen Löw zu hören: „Der Bundestrainer hat Recht, wenn er die fehlende Bereitschaft zum Üben elementarer Dinge im deutschen Berufsfußball moniert; wenn er sich darüber mokiert, dass vielen Fußball-Lehrern eine Philosophie abgeht und die Ausbildung der Trainergilde verbesserungsfähig ist. Löw ist kein Mann, der wie Jürgen Klinsmann die Konfrontation sucht. In fundamentalen fachlichen Fragen geht es ihm um Kompromiss und Konsens, deshalb war es beinahe weise, auch anzuregen, dass sich DFB, DFL und Trainer schleunigst an einen Tisch zu setzen hätten. Bleibt nur die Frage, ob die weisen Ratschläge wirklich bei der Liga das nötige Gehör finden oder in der bereits fehlgeleiteten Diskussion fruchtlos verhallen.“
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) stimmt ein: „Der Bundestrainer hat sich innerhalb von noch nicht einmal anderthalb Jahren seine eigene Welt geschaffen. Er ahnt, dass in dieser Welt die üblichen Regeln der Branche nicht gelten. Er sagt Sätze, die bei den meisten Bundesligaklubs zum Aufreger für einen Tag taugten. Er weiß nicht nur, was er will; er sagt es auch. Nach wie vor sieht sich Löw in einer Position der Stärke, nach wie vor lässt er es sich nicht nehmen, als Vordenker des deutschen Fußballs aufzutreten. Er spielt diese Rolle gut. Er wirkt nicht so verbissen und oberlehrerhaft wie Klinsmann, er verpackt seine Botschaften eleganter. Aber im Kern ist seine Kritik messerscharf. Löws Ansichten wirken schlüssiger, durchdachter und moderner als die Wortmeldungen vieler Bundesligafunktionäre. Löw kanzelt das Gejammer von Karl-Heinz Rummenigge, die Bundesliga brauche mehr Geld vom Fernsehen, locker im Vorbeigehen ab.“
Mittwoch, 14. November 2007
Allgemein
Dortmunder Gesicht
Richard Leipold (FAZ) verkneift sich eine Träne, weil Lars Ricken seine Profikarriere (vorerst) beenden und ins Büro der Borussia wechseln wird: „Das Trainee-Programm mit anschließender Beschäftigungsgarantie ermöglicht Ricken einen erträglichen Abgang von der großen Bühne. Ricken gilt in Dortmund als Identifikationsfigur, auch weil er in guten wie in schlechten Tagen als Profi nie den Verein gewechselt hat. Auf eigentümliche Weise spiegelt er die Entwicklung des Klubs, dem er schon als Jugendlicher angehörte. Als junger Spieler, der mit siebzehn Jahren sein erstes Bundesligator schoss, gab er dem scheinbar grenzenlosen Wachstum des einstigen Bayern-Herausforderers ein Dortmunder Gesicht, neben all den Söldnern. Als der BVB der Insolvenz entgegentaumelte, war Ricken immer noch da, aber fortan stand er, auch auf dem Platz, für den Niedergang. Das klingt fast tragisch. Aber Ricken hat die fettesten Jahre des deutschen Fußballs in vollen Zügen genossen, und er hat schneller als die meisten seiner berühmten Kollegen eine Antwort auf eine existentielle Frage gefunden: Was kommt danach?“
Sein größter Auftritt
Am Grünen Tisch
Was kümmert es die Fifa?
Aus der endlosen Reihe Fußball, Politik, Verbrechen und Macht – Peter Burghardt (SZ) sammelt kritische südamerikanische Pressestimmen zum neuesten Geldwäsche- und Vertuschungsverdacht im brasilianischen und internationalen Fußball: „Wie die Justiz in Sao Paulo herausfand, machte der Fußballklub Corinthians dubiose Geschäfte mit der noch dubioseren Spekulantentruppe MSI (Media Sports Investment). Das Geld kam vor allem vom russischen Finanzflüchtling Boris Beresowski, gehandelt wurden unter anderem die argentinischen Profis Carlos Tevez und Javier Mascherano. 209 Volksvertreter in Brasilia hatten ihre Unterschrift für die Untersuchungskommission abgegeben. Doch als abgestimmt wurde, meldeten sich bloß noch 168. 3 zu wenig, die Aktion wurde abgeblasen. Was war passiert? Nun, Brasilien hatte zwischendurch von der Fifa feierlich die Weltmeisterschaft 2014 bekommen. Da soll nicht weiter im Sumpf gewühlt werden. Weitere Nachforschungen ‚könnten die Investoren erschrecken’, soll Präsident Joseph Blatter laut der Zeitung Clarin aus Argentinien gewarnt haben. Wie brasilianische Medien berichteten, übte Brasiliens berüchtigter Verbandspräsident Ricardo Teixeira in Blatters Sinn offenen Druck auf die Politiker aus. Der Vorfall ist ein weiteres Zeichen für die Macht von Teixeira, Schwiegersohn des ehemaligen Fifa-Granden João Havelange und Vertrauter von Blatter. Teixeira hat bereits parlamentarische Recherchen zu Delikten wie Korruption, Betrug und Steuerflucht hinter sich, ohne dass ihn das aus der Bahn geworfen hätte. Der Fall Corinthians/MSI wäre geeignet für internationale Ermittlungen. Dies sei ‚das offensichtlichste Beispiel für Geldwäsche im Weltfußball’, schreibt die argentinische Zeitung La Naciõn.“
Ärgerlich findet Burghardt, dass Fifa und Co. kein Interesse an Transparenz in diesem dunklen Fall zeigen: „Aus dem aktuellen Corinthians-Nachwuchs wurden vor kurzem Anzeigen wegen Pädophilie bekannt. Ansonsten kämpft das inzwischen ausverkaufte Team gegen den Abstieg. Carlos Tevez schießt seine Tore für Manchester United des Milliardärs Malcolm Glazer, obwohl er vielleicht auch dem isländischen Patron Bjorgolfur Gudmundsson von West Ham United gehört und vielleicht auch der russisch-iranisch-englischen Konstruktion MSI. Was kümmert das alles schon die Fifa und Brasiliens Parlament?“
Sumpf aus Sport, Geschäft und Politik
Tod eines Fußballfans – Kordula Dörfler (Berliner Zeitung) beklagt die Diskrepanz zwischen Wort und Tat im italienischen Fußball: „Die Politik schweigt so wortreich, wie man in Italien schweigen kann. Da wird schwadroniert und lamentiert, da wird nicht weniger als der nationale Notstand beschworen. Da wird nach dramatisch inszenierten Krisensitzungen verkündet, dass man hart durchgreift und die Fans Reiseverbot zu Auswärtsspielen erhalten. Donnerwetter! Die Kunst der Inszenierung beherrschen auch die Funktionäre, die nach langer Sitzung festlegen, dass keine Spiele der B- und C-Liga stattfinden. Am Ende, so lehrt die Vergangenheit, bleibt vom Theaterdonner wenig außer dem hässlichen Befund: Italiens Fußball ist seit Jahren krank, geschüttelt von Korruption und Skandalen. Der Sumpf aus Sport, Geschäft und Politik ist ein besonders üppig gedeihendes Biotop, das kaum trockenzulegen ist, ohne die Grundfesten der Gesellschaft einzureißen. Entsprechend gering ist das Interesse daran.“
zeit.de: Die Gewaltausbrüche nach dem Tod eines Fans von Lazio Rom sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, die in Italien kaum jemand wahrhaben will: des wiedererstarkten Rechtsextremismus
stern.de: Auch wenn in Deutschland keine italienischen Verhältnisse drohen – auf das Land könnten schwierige Zeiten zukommen, denn schon längst beginnen sich Gewalttäter aus den unterschiedlichsten Lagern gegen die Polizei als gemeinsamen Feind zu verbünden, wie in Italien
DFL-Präsident Reinhard Rauball gibt im FAZ-Interview zu bedenken: „Ich glaube, Gewalt und Rassismus haben sich von der Bundesliga auf untere Ligen bis hin zu Jugendspielen verlagert. Gewalt bei Jugendspielen haben wir gerade im Ruhrgebiet erleben müssen – deshalb würde ich bei den Themen nicht zwischen Ost und West trennen.“
BLZ: Richard Pound, Chef der Weltantidopingagentur, scheidet nach acht Jahren aus dem Amt
Unterhaus
Umbruch gut hinter sich gebracht
Zweite Liga – die junge Mannschaft von 1860 München imponiert der Presse beim 0:0 gegen den Favoriten aus Mönchengladbach / Lob für den Trainer Marco Kurz
Elisabeth Schlammerl (FAZ) blickt zurück und stellt fest, dass 1860 München die Erwartungen übertrifft und es seinen Gegnern schwermacht: „Gegen 60 sahen die Gladbacher einige Male viel schlechter aus als knapp zwei Wochen zuvor beim Pokalauftritt an gleicher Stelle gegen Bayern. (…) Die Löwen haben eine weitere Bewährungsprobe bestanden und dabei eine Leistung geboten, die ihnen vor Saisonbeginn nicht sehr viele zugetraut hätten. Der Traditionsklub aus München hat wieder einmal einen Umbruch hinter sich. Nach der vergangenen Saison waren viele Spieler transferiert worden, vor allem aus finanziellen Gründen. Trainer Marco Kurz, der die Mannschaft erst im Winter von Walter Schachner übernommen hatte, musste sich in Bescheidenheit üben mit einem stark verjüngten Team. Niemand sprach mehr vom Aufstieg, der sehr realistische Trainer schon gar nicht. Das Durchschnittsalter der Löwen-Defensive betrug in den letzten zehn Minuten nicht einmal mehr zwanzig Jahre, und dennoch waren die Münchner einem Tor auch in der Schlussphase näher als Gladbach.“
Moritz Kielbassa (SZ) fügt an: „Es galt, was Kurz schon vorher gewusst hatte: dass 1860 ‚ans oberste Limit gehen’ musste, um der Borussia Paroli zu bieten. Das gelang seiner Mannschaft in intensiven, kampfbetonten neunzig Minuten, die torlos zu Ende gingen. Damit verteidigten die Mönchengladbacher ihre Serie von nunmehr zehn Spielen ohne Niederlage – obwohl die Löwen in der Schlussphase auf den Siegtreffer drängten und nahe dran waren am ganz großen Wurf.“
Bundesliga
Die eigenen Fans stechen Nadeln ins Fleisch des großen FCB
Die Jahreshauptversammlung des FC Bayern München bietet den Zeitungen zwei Themen von höchster Brisanz: das gestörte Verhältnis der Vereinsführung zu ihren Fans, die Uli Hoeneß scharf angreift; und die Spannung zwischen Karl-Heinz Rummenigge und Ottmar Hitzfeld, die wohl nur eine leichte Entschärfung erfahren hat
Markus Schäflein (SZ) rückt Hoeneßens Polemik gegen diejenige Fan-Fraktion in den Vordergrund, die die schlechte Stimmung in der Allianz-Arena und die Vorliebe der Oberen für die reichen Leute kritisiert; anhand von einigen wörtlichen Zitaten dokumentiert Schäflein die Distanzierung der Vereinsführung von den Fans: „Mit hochrotem Kopf setzte der Manager zum Rundumschlag gegen die Anhängerschaft auf den billigen Plätzen an. ‚Das ist eine populistische Scheiße’, zeterte Hoeneß, ‚für die Scheiß-Stimmung, da seid ihr doch selbst verantwortlich.’ Und auch das Stichwort von den ‚Sozialticket-Empfängern’, wie Bayern-Vizepräsident Fritz Scherer die Stehplatzbesucher einst genannt hat, kam wieder auf: ‚Euch finanzieren die Leute in den Logen!’, rief Hoeneß. ‚Wir reißen uns den Arsch auf, damit da dieses Stadion steht. Das hat 340 Millionen gekostet, das ist mit den 7 Euro aus der Südkurve nicht zu machen.’ Und dann stellte Hoeneß, ohne es zu beabsichtigen, die entscheidende Frage: ‚Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?’ Wer die Bayern-Fans eigentlich sind, in ihrer eigenen Wahrnehmung und aus der Sicht der Vereinsspitze, das ist ziemlich schwer zu beantworten. In jedem Fall fühlen sie sich nicht wichtig und nicht ernst genommen, und das schon seit Jahren.“
Ein Clip von hinterm Mond? Nein, hier spricht der bodenständigste („Was glaubt Ihr eigentlich, wer Ihr seid?“) und modernste („Ich werde Ebay und Google nicht verhindern”) deutsche Fußballmanager
Den Vorwurf, der FC Bayern wolle sich seine Zuschauer aussuchen, konnten Hoeneß und Co wohl nicht aus der Welt räumen – und er trifft sie. Schäflein schreibt: „Hoeneß’ Wutausbruch war die Kulmination einer nicht enden wollenden Kette von Missverständnissen und gegenseitigen Beleidigungen zwischen Basis und Führung. Es wurde deutlich, wie sehr der seit langem schwelende Konflikt an seinen Nerven zehrt. Die vergangene Krise liegt nicht lange zurück: Nachdem der FC Bayern im Frühjahr über 500 Personen die Dauerkarte entzogen hatte, weil sie sich auf einer von der nicht mehr erwünschten Gruppierung Schickeria geführten Dauerkarten-Liste eingetragen hatten, hatte Hoeneß erklärt, der FC Bayern werde sich seine ‚Gäste aussuchen’. Daraufhin gründeten sich die Fanklubs ‚Kalles Kunden’ und ‚Ulis Gäste’. Ihre Fahnen – mit Strichcode und Euro-Zeichen bei ‚Kalles Kunden’, mit Flower-Power-Blümchen bei ‚Ulis Gästen’ – gehören mittlerweile zum Erscheinungsbild des FC Bayern. Das kann den Verantwortlichen nicht gefallen, sie können gegen die Fahnen aber nichts tun. Es sind Nadelstiche ins Fleisch des großen FCB – von den eigenen Anhängern.“
Hoeneß’ Entgegnung wird den Konflikt wohl nicht mindern: „Die schlechte Stimmung liegt doch daran, dass die Fans untereinander zerstritten sind! Und jeder weiß, dass da vor allem der Club Nr. 12 eine ganz beschissene Rolle spielt.“ Schäflein erläutert: „Der Club Nr. 12 ist eine Dachorganisation der Fan-Klubs, die viele Choreografien und Auswärtsfahrten organisiert hat, deren Einfluss den Klub-Verantwortlichen aber nicht geheuer ist. Mit dem Problem, dass sie sich unverstanden fühlen, sind die Anhänger des FC Bayern immerhin nicht allein. Rummenigge klagte: ‚Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Arbeit von den Fans so geschätzt wird, wie sie eigentlich zu bewerten wäre.’“
Eine Parodie kritischer Bayern-Fans (via SZ)
Wir sind nett zueinander, aber der Chef bin ich
Sebastian Krass (taz) zitiert Rummenigge und bezweifelt, ob dessen autoritäre Worte angemessen sind, den Trainer zum Bleiben zu bewegen: „‚In Sachen Taktik, Training und Aufstellung hat nur einer das Sagen: nämlich Ottmar Hitzfeld.’ Gefolgt von einem gefährlich missverständlichen Satz. ‚Ich halte es aber nicht für unklug, die Verantwortlichen im Vorfeld einzubeziehen.’ Einer der Verantwortlichen, Hoeneß, schwieg bezeichnenderweise weiter in der Trainer-Debatte, während sich Franz Beckenbauer als Vermittler bemühte. Das Thema Vertragsverlängerung mied Rummenigge in der Rede. Erst nach der Versammlung ließ er sich den dürftigen Satz abringen: ‚Die Vertragsverhandlungen finden im Januar statt, keinen Tag früher.’ Sein doppelbödiges Spiel ist gefährlich. Denn Hitzfeld kokettiert mit dem Angebot, Schweizer Nationalcoach zu werden. Und der dortige Verband lockt.“
Michael Neudecker (FR) pflichtet bei: „Die Jahreshauptversammlung des FC Bayern, sie war wie ein Spiegel des Vereins. In den über vier Stunden zeigte der FC Bayern alles, was er hat und kann: Beckenbauer, den lustigen Aufsichtsratsvorsitzenden, der kabarett-ähnlich zum Beispiel von der Reise nach Italien zur Verpflichtung von Luca Toni erzählte Karl Hopfner, den ruhigen Geschäftsmann, der sachlich über den Rekordumsatz und Rekordgewinn sprach, Hoeneß, den emotionalen und immer wieder erstaunlich dünnhäutigen Manager, und schließlich Rummenigge, den kühlen Taktiker. (…) Hitzfeld saß in der ersten Reihe, mit versteinerter Miene. Es war, als wollte Rummenigge vor aller Öffentlichkeit zeigen: Schaut her, wir sind nett zueinander – aber der Chef bin ich. So tickt der FCB nun mal: Niemand steht über dem Verein, und der Verein sind Rummenigge und Hoeneß.“
Hinter den Kulissen ist es wohl hoch hergegangen
Auch Elisabeth Schlammerl (FAZ) rügt die Zweischneidigkeit Rummenigges und versetzt sich in Hitzfelds Lage: „Symbolisch reichte Rummenigge vom Rednerpult dem Trainer die Hand. Rummenigge hat zum einen nichts von seiner Kritik zurückgenommen und zum anderen in seiner Rede wieder reichlich Diskussionsstoff geliefert – und viel Raum für Spekulationen gelassen. Hitzfeld hat die Aussagen des Vorstandsvorsitzenden gleichmütig zur Kenntnis genommen. Vermutlich aber lässt er es sich nicht gefallen, dass sich jemand in seine Belange einmischt. Er darf es sich auch gar nicht gefallen lassen, weil sonst seine Autorität innerhalb der Mannschaft auf dem Spiel stünde. Die Dünnhäutigkeit von Rummenigge schon beim ersten kleinen Einbruch zeigt nur, wie sehr die hohen Investitionen in neues Personal die Bayern-Führung unter Erfolgsdruck gesetzt haben.“
Über Kontroversen innerhalb der Troika mutmaßt Schlammerl: „Die Chefetage demonstriert gerne nach außen Einigkeit, aber es gibt einige Indizien dafür, dass es hinter verschlossenen Türen nicht immer so friedlich zugeht. Die Beziehung zwischen Hoeneß und Rummenigge ist schon lange eine rein geschäftsmäßige, und der Manager steckt zum Wohle des FC Bayern eben auch mal zurück, weshalb er vielleicht auch dieses Mal geschwiegen hat in der Öffentlichkeit. Es könnte aber gut sein, dass es hinter den Kulissen in diesen Tagen hoch hergegangen ist. Das, was in den vergangenen Tagen passiert ist beim FC Bayern, hat Hoeneß sicher nicht gefallen. Der von Rummenigge losgetretene öffentliche Disput um die Personalpolitik des Trainers dürfte nicht im Sinne von Hoeneß gewesen sein, wenngleich er seinem Führungskollegen in der Sache wohl recht gibt – wie auch Präsident Franz Beckenbauer.“
Allerdings kommentierte Beckenbauer den Applaus der Leute für Hitzfeld mit Worten, die Hitzfeld sicher das Lachen gefrieren ließ: „Ottmar, den Beifall hast du dir verdient. Vielleicht kannst du uns dann später erklären, warum du in den letzten beiden Spielen so viel gewechselt hast.“
Der fürsorgliche Vereinspatriarch
Nach dieser Dokumentation von Selbstgerechtigkeit, Chauvinismus, Doppelmoral und parvenühafter Unverschämtheit, die uns die Zeitungen (und Video-Seiten) von heute darlegen und die uns Demokraten einigermaßen fassungs- und wortlos zurücklässt, lesen wir Ludger Schulzes (SZ) Versuch, Hoeneß als guten Menschen vorzustellen, mit Skepsis – nein mit Abscheu: „Einmalig in der Unterhaltungsindustrie Fußball ist es, wie der Klub ein Startkapital von minus zehn Millionen Mark im Jahr 1979, als Jungmanager Hoeneß seinen Dienst antrat, in den solidesten Haushalt der Branche verwandelte. Das hat dem Verein weltweit einen Ruf gesichert, der sich mit Goldpokalen kaum aufwiegen lässt. Das Kerngeschäft hat der FC Bayern dabei niemals aus der Hand gegeben. Während die Konkurrenz beispielsweise den Handel mit Fan-Produkten sowie Akquise und Betreuung der Sponsoren den Heerscharen betriebswirtschaftlicher Glücksritter anvertraute und dafür bis zu 25 Prozent der Einnahmen abgeben muss, kümmert sich beim FC Bayern der Vorstand persönlich darum, neben Hoeneß der Vorstandsvorsitzende Rummenigge und Finanzexperte Hopfner. Bisweilen hilft Präsident Beckenbauer mit seinem glänzenden Draht in die Chefetagen von Wirtschaft und Politik. In den Klub-Beiräten ist eine gesellschaftliche Elefantenrunde versammelt: Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Stoiber, Adidas-Boss Hainer, die Unternehmensberater Berger und Henzler oder VW-Chef Winterkorn. Wer den aggressiven Fußballkapitalisten Hoeneß vor den Fernsehkameras agitieren sieht, ahnt kaum, dass sich dahinter ein fürsorglicher Vereinspatriarch verbirgt; der sich verlässlich um persönliche Belange seiner Angestellten und Vertrauten kümmert, um den Alkoholiker wie den an Krebs erkrankten Ex-Spieler. Auch dass Prämien im Erfolgsfall nicht nur an die Fußballer, sondern bis hinunter zum Platzwart ausgeschüttet werden, schafft eine einmalige Motivation und Identifikation mit dem eigenen Verein.“
Ascheplatz
Tricks und Vertragsbruch gehören zum Arbeitsstil
Michael Ashelm (FAZ) nimmt die Gründung der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV) zum Anlass, den schlechten Ruf der Spielerberater zu ergründen: „Manchem gelten die Provisionsjäger als Menschenmakler oder Mafiosi. Seit Fußballspieler zu begehrten Handelsobjekten geworden sind und das Bosman-Urteil Transferfreiheit ermöglichte, sind sie die kleinen Könige im Geschäft. Doch so groß ihr Einfluss ist, so schlecht verhält es sich mit ihrem Leumund. Auf dem Markt tummeln sich verurteilte Betrüger und verkrachte Existenzen – sie fädeln Millionen-Deals ein und entscheiden über den Karriereweg junger Menschen. (…) Beklagt wird schon seit längerer Zeit die Macht der Spielervermittler. Mehr als dreißig Millionen Euro müssen die Bundesligavereine zusammen pro Jahr aufwenden für deren Dienste, obwohl die Berater meist im Auftrag der Spieler tätig werden. Tricks und auch der systematische Vertragsbruch gehören zum Arbeitsstil, denn nur wenn der Spieler den Verein wechselt, bringt das auch die Provision in die Kasse seines Beraters. Hinzu kommt hier und da auch kriminelle Energie. Korruption im Profifußball ist das große Thema, doch es ist schwer für die Fußballverbände, dies zu beweisen. Beim so genannten Kick-back-Modell geht es um verdeckte Provisionen der Spielervermittler an Vereinsangestellte wie Manager oder Trainer, damit diese ihre Klienten anheuern oder regelmäßig spielen lassen. In England sind schon Fälle öffentlich geworden.“
Auch erfahren wir, dass es innerhalb der Branche zwei Fraktionen gebe, davon eine intern-kritische: „Von ‚unqualifizierten Dummköpfen’ spricht der promovierte Jurist Michael Becker, seit Jahren Vertreter Michael Ballacks. Unter den Beratern wird mit harten Bandagen gekämpft. Die kleine Gruppe der Rechtsanwälte sieht sich auf der seriösen Seite und hat von den Verbänden die automatische Zulassung für die Vermittlungsdienste. In dem neuen Interessenverband fehlen sie deshalb.“
Das Ziel, das die Initiatoren mit der Gründung ins Auge fassen, nämlich Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit der Gilde zu stärken, zieht Ashelm in Zweifel: „Es wäre für die Anerkennung der Branche sicher hilfreich, wenn die bisher nur fünfunddreißig Vertreter der DFVV seriöser aufträten als ihre Kollegen vom übergeordneten Europaverband. Dort sitzt nämlich seit neuestem auch Sören Lerby im Vorstand – und der zog im bizarren Wechselstreit seines Klienten Rafael van der Vaart zwischen Hamburg und Valencia im Hintergrund die Strippen.“
SZ: Die deutschen Fußball-Spielerberater wollen ein seriöseres Berufsbild und gründen einen Verband
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