Freitag, 26. Januar 2007
Bundesliga
So visionär wie der russische Adel zur Zeit der Oktoberrevolution
Zum Rückrundenbeginn knöpfen sich drei Journalisten die Führung des FC Bayern vor; sie vermissen ein Konzept und eine Leitidee
Heinz-Wilhelm Bertram (Berliner Zeitung) stört sich am Einkauf: „Die Bayern schlingern und wanken und trudeln nur noch durch die Jahre. Keine Linie, kein Konzept, keine Nachhaltigkeit. Jedes Jahr möchten sie Meister sein, doch einen Masterplan für eine wettbewerbsfeste Zukunftsmannschaft auf europäischem Niveau haben sie schon lange nicht mehr. Das Konzept reduziert sich auf populistische Einkäufe bei den Liga-Konkurrenten. Ein pfiffiger Heber, ein rassiger Alleingang genügen – und schon ist Jan Schlaudraff ein Bayern-Profi.“ Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) fügt hinzu: „Schlaudraff ist das personifizierte Zukunftskonzept des FC Bayern, ein kickendes Eingeständnis: Der FC Bayern dürfte sich zukünftig am Mittelmaß des internationalen Fußballs orientieren – und in der Bundesliga genügsam den Meistertitel anstreben.“
Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) zieht eine negative Handelsbilanz und wird aus den Zukunftsplänen nicht schlau: „Bei den Bayern ist es schon fast zur Regel geworden, daß zum Teil teuer eingekaufte Stars (Ballack, Zé Roberto, Robert und Nico Kovac, Kuffour, Lizarazu) den Klub ablösefrei verlassen. In den vergangenen fünf Jahren haben die Bayern daher bei Transfers ein Minus von neunzig Millionen Euro aufgehäuft, Werder Bremen im Vergleich nur rund drei Millionen. Aber es ist weniger die teure Abgabe- als die weitgehend konzeptlose Einkaufspolitik, die bei den Bayern auch intern immer stärker in die Kritik gerät. Was die Bayern in Zukunft wollen, ist weiterhin nur schwach zu ahnen. Hoeneß vertröstet darauf, daß in den kommenden Monaten mit den Transfers die neue Linie der Bayern zu erkennen sei. Bisher aber wirft der Rekordmeister nur mit Namen von Stars um sich wie Kinder beim Fußballquartett: Luca Toni. Ribery. Riquelme. Robben. Bastürk. Altintop. Klose. Aber genauso schnell wie die Namen Schlagzeilen machen, werden sie im internen Hin und Her wieder verworfen. Die einstige Stärke der Bayern, Spieler nur zu verpflichten, wenn sich Manager, Vorstandsvorsitzender und Trainer einig sind, wirkt mittlerweile auch als Hemmnis.“
Bertram wirft einen sehr kritischen Blick auf den Manager: „Dem neuen Mittelmaß entspricht ganz und gar die seit längerem zu beobachtende schwache Außenpolitik des FC Bayern. Im Hier und Heute fehlen die Argumente. Stattdessen häufen sich Hinweise auf Erfolge von gestern. Der große Rest ist Schimpfen, Poltern, trotzige Drohgebärde. Unter den Fans rumort es längst. Der Stolz, dem Ausnahmeverein anzugehören, bröckelt. Ist Uli Hoeneß ein Yesterday’s Hero? Die unantastbare Leuchtfigur ist der Manager für viele längst nicht mehr.“ Osterhaus ergänzt: „Das Dilemma ist hausgemacht. Die Scouting-Abteilung der Bayern? Ein Totalausfall. Binnen weniger Jahre verbrannten die Bayern bei der Fahndung nach einem Innenverteidiger von Weltklasse beinahe zwanzig Millionen Euro. Die Baustelle besteht immer noch. Die Integration der Nachwuchskräfte? Schleppend bis verschleppend.“
Allerdings gibt Osterhaus Bayerns erfolgreiche Ausbildung zu bedenken, kommt aber zu keinem guten Schluß: „Es gibt freilich eine Kehrseite davon: Münchens Nachwuchsarbeit ist prächtig. Kaum ein Klub, einmal abgesehen von der Berliner Hertha, schleudert so viele Nachwuchskräfte in das Profikader – siehe Schweinsteiger, siehe Ottl, siehe Rensing. Nirgendwo werden der Bundesliga so viele Jungprofis zugeführt wie aus dem Münchner Quell. Bleibt einzig das Problem der konsequenten Förderung: Fast alle stagnieren, mitunter auf ganz ordentlichem Niveau, weswegen gern aus der Bundesliga gehobener Durchschnitt hinzugekauft wird. Jenes Konzept, mit dem die Münchner den Herausforderungen begegnen wollen, ist ungefähr so visionär wie die verzweifelten Versuche der Besitzstandswahrung des russischen Adels zur Zeit der Oktoberrevolution. Und mindestens so erfolgversprechend.“
FAZ: Vorschau auf die Rückrunde
FAZ: Die neue Geldmacht der Premier League – John Carew geht lieber zum Vierzehnten Englands als zum Tabellenführer Deutschlands
NZZ: Als umstrittener Notkauf soll Ronaldo Milan aus der Krise schießen
NZZ: Eindhoven weiterhin Hollands Fußball-Hauptstadt
NZZ: Olympique Marseille an einen reichen Kanadier verkauft
Freitag, 19. Januar 2007
Ball und Buchstabe
Ein Jammer für den deutschen Fußball
Die Kommentatoren bedauern den Rücktritt Sebastian Deislers vom Profifußball; überraschend sind sie aber allenfalls vom Zeitpunkt
Nico Stankewitz (stern.de) leidet mit: „Deislers Karriere bleibt unvollendet. Er hätte das Nationalteam zum WM-Titel 2010 führen können, oder die Bayern zum Champions-League-Sieg. Er war als Spieler – begabter als etwa Klose, Ballack, oder Schweini – der beste seiner Generation. Aber sein Platz in der Geschichte des Fußballs wird anderswo sein, bei den Unerfüllten und nicht in einer Reihe mit Pele, Maradona oder Zidane, in deren Nähe er hätte kommen können. Solche Spieler werden selten geboren, der Fußball hat am 16. Januar 2007 einen davon verloren.“
Roland Zorn (FAZ) blickt auf die Zeit, die nun vor Deisler liegt: „Deisler, der jahrelang als größtes Talent des deutschen Fußballs galt, hat für sich selbst die vermutlich einzig richtige Entscheidung gefunden. Er war körperlich wie seelisch nicht so gebaut, den Anforderungen und dem Druck auf einen Athleten der allerersten Qualität gewachsen sein zu können. Er erinnert damit an den ebenfalls massenhaft vergötterten Skispringer und Überflieger Sven Hannawald, der, am Burn-out-Syndrom leidend, aus allen Wolken fiel und dann Schluß machte mit seinem Sport. Jetzt hat der Mann, der immer mehr versprach, als er beim besten Willen halten konnte, den Schlußstrich gezogen. Ein Jammer für den deutschen Fußball, aber auch die Chance, endlich ein eigenes, selbstbestimmtes, anderes und vor allem privates Leben führen zu können.“
Boris Herrmann (BLZ) erinnert an Deislers hoffungweckendes erstes Tor vor rund acht Jahren: „Wenn man so will, hat Deisler einfach zur falschen Zeit am falschen Ort das falsche Tor geschossen. In seinem elften Bundesligaspiel erzielte er nach einem Alleingang über sechzig Meter sein erstes Bundesligator – so wie er es beim FV Lörrach gewohnt war. Viele sahen in ihm von diesem Tag an mindestens einen zweiten Beckenbauer am deutschen Fußball-Horizont. Er ist dann doch nur ein zweiter Lars Ricken geworden.“ Reinhard Sogl (FR) ergänzt: „Unerwartet kam der Rücktritt angesichts der medizinischen Vorgeschichte ja nicht, mit seiner Kapitulation war immer zu rechnen.“
FAZ: Der umstrittene Armin Veh ist wieder eine Vertrauensperson
NZZ: Surreal Madrid
NZZ: Fragiler Hausfrieden im Chelsea FC – Mourinho zieht Machtkampf zum eigenen Vorteil an Öffentlichkeit
FAZ: Mourinhos letzte Vertrauensfrage
NZZ: Die englische Revolution – wie in den britischen Fußballstadien der Kampf gegen den Hooliganismus gewonnen werden konnte
NZZ: Phil Anschutz befeuert die Major League Soccer – die Firma hinter dem Beckham-Deal
NZZ: Inter im Hoch
Freitag, 22. Dezember 2006
Vermischtes
Niedergang der Fan-Kultur
Unter die Begeisterung der Presse über den Aachener Erfolg gegen Bayern München mischen sich Kopfschütteln über die nörgelnden Aachen-Fans und ein sehr geteiltes Echo über die Leistung der Bayern
Stefan Hermanns (Tsp) liest den Aachener Fans die Leviten: „Alemannia Aachen, bisher ein Art Lordsiegelbewahrer des wahren Fußballs, durchlebt eine Identitätskrise. Mit dem Aufstieg hat sich auf dem Tivoli das einfältige Event-Publikum breit gemacht, das nun mit seinen irrealen Ansprüchen die Stimmung vergiftet. (…) Es war eine paradoxe Situation: Während der überraschende Sieger des Pokalspiels eine Grundsatzdebatte über den Niedergang der Fan-Kultur führte, weigerte sich der überraschende Verlierer, in irgendeiner Weise grundsätzlich zu werden.“
Auch Michael Ashelm (FAZ) rümpft die Nase über die Nörgler: „Aachen feierte, Aachen meckerte. Nach Jahrzehnten sportlicher Bedeutungslosigkeit haben sich durch die jüngsten Erfolge Erwartungen aufgebaut, die es nun zu befriedigen gilt. Daß nach dem glorreichen Auftritt gegen den FC Bayern Ruhe einkehrt rund um den Verein, daran glauben die Beteiligten nicht. Die Verantwortlichen von Alemannia Aachen fühlen sich in ihrer Arbeit der vergangenen Jahre insgesamt zu wenig gewürdigt. Während beim ähnlich kleinen FSV Mainz 05 die Fans jämmerlichste Niederlagen noch wie Siege feiern, rümpft die Aachener Kundschaft selbst bei Siegen die Nase.“
Bernd Müllender (BLZ) fügt hinzu: „Viele Vereinsfreunde mosern argumentarm über Michael Frontzeck, diesen Gladbacher, zudem ist die Euphorie am Tivoli seltsam limitiert trotz guter Hinrunde als bester Aufsteiger, einem tollen Platz 13 mit vier Punkten Polster vor den Abstiegsrängen.“
Das Spiel haben die Bayern verloren, doch den Gefallen Philipp Selldorfs (SZ) gewonnen: „Nachdem der FC Bayern das schwierige Halbjahr mit erstaunlichem Erfolg gemeistert hatte, ereignete sich am Tag vor dem Ferienbeginn doch noch ein Totalschaden. Seltsamerweise nach einer Partie, in der die Bayern Begeisterndes geboten hatten. Es war ja, zumindest bis zum 2:3, ein Genuß, ihnen zuzusehen.“
Ashelm jedoch pocht auf seinen Standpunkt, die allgemeine Entwicklung bei den Bayern betreffend: „Da werden Kritiker beschimpft, und zu berechtigten Zweifeln am Potential der Mannschaft des FC Bayern 2006 heißt es nur, sie seien eine Hinterlist, um Unruhe in den Verein zu tragen. Oder die Verantwortlichen überraschen mit einer Umformulierung der sportlichen Ziele, als hätte es den jahrelangen Anspruch, zu den exklusivsten Fußballmarken in Europa zu gehören, nie gegeben. Ob der Branchenprimus nun gewarnt ist, es 2007 unter keinen Umständen so weitergehen zu lassen? Kann die Niederlage einen neuen Ernst im Umgang mit den Problemen bewirken?“ Ashelm zieht den Vergleich mit dem derzeitigen Primus: „Während die Bremer als derzeit spielstärkste deutsche Mannschaft beweisen, wie ein Team mit klugen personellen Veränderungen auf hohem Niveau gehalten werden kann, tritt man in München mit der Personalpolitik auf der Stelle.“ Müllender ist eine falsche Weichenstellung Felix Magaths aufgefallen: „Das Gefühl der Sicherheit hatte die Bayern schon vor der Partie geleitet: Sie gönnten Oliver Kahn eine vorzeitige Weihnachtspause. Ersatzmann Rensing war schwach.“
Tsp: Lob für den FC Bayern trotz des Ausscheidens
SZ: Timo Hildebrands Abschied in Stuttgart könnte auf dem Torhütermarkt der Bundesliga zu wilden Rochaden führen
FR: Was macht eigentlich Ailton?
NZZ: Roberto Mancini, Inters Trainer, erlebt eine gute Zeit
Ascheplatz
Die Heuschrecken kaufen die Bundesliga
„TV-Revolution“ – die Schlagzeile der Bild-Zeitung unterscheidet sich, ausnahmsweise, nicht von den Schlagzeilen anderer Zeitungen. Die Entscheidung über das Recht, die Bundesliga, „das wichtigste Fernsehgut dieses Landes“ (FAZ), zu senden, ist gefallen – ein sehr großes Thema für Deutschlands Sport-, Wirtschafts-, Medien-, Politik- und Feuilletonredaktionen. Es gibt eine Sensation zu melden und zu kommentieren: Premiere ist raus und samt Chef Georg Kofler der große Verlierer. „Koflers gescheiterte Provokation“, meldet die SZ. Er hat zu hoch gepokert, indem er ausschließlich ein Angebot abgegeben hat, das vorsah, die Sportschau vom Markt zu drängen. Doch die Sportschau, das (Schau-)Fenster der Bundesliga, hat sich auch dank seiner Lobby aus Politik und Wirtschaft nicht verdrängen lassen. Gewinner sind die ARD, die Bundesliga und die Sponsoren, deren Einfluss wohl mitentscheidend gewesen ist. Verhandlungsführer Christian Seifert von der DFL ist der „gefeierte Mann des Tages“ (FAZ). Unterschiedlich bewerten die Autoren die Bedeutung des Ergebnisses für die TV-Zuschauer. Nicht alle teilen den Beifall der SZ: „Fans können ihre Fernseh-Gewohnheiten weitgehend beibehalten und sparen auch noch Geld.“ Skeptisch beurteilen die Zeitungen den neuen Inhaber der teuren Live-Rechte, Arena, eine Vereinigung aus Kabelanbietern. „Darauf haben die Kapitalismus-Kritiker nur gewartet: Die ‚Heuschrecken’ kaufen die Bundesliga“, nimmt die FAZ einen ihr wesensfremden Vorwurf vorweg. Alles in allem wird die Sache positiv bewertet, doch es gibt eine Menge Facetten und Nebenwirkungen, die die Presse kritisiert und beargwöhnt.
Grundnahrungsmittel
Michael Hanfeld (FAZ/Seite 1) ordnet das Ergebnis aus Sicht des Kunden in einen medienökonomischen Zusammenhang ein: „Es ist eine tektonische Verschiebung im Rundfunk im Gange; der Fußball als kommerziellster Sport und hochgeschätztes Marktgut zeigt als Gradmesser, wohin die Reise geht. Die Wertschöpfung wächst, die Preise steigen, und doch sollen die Gebühren für ein Bundesligapaket bei Arena in den nächsten drei Jahren ‚nicht über 20 Euro im Monat’ liegen. Das muß einen aber nicht schmerzen, wenn man als Anbieter auch die Kabelkosten erhöhen kann. Und über die Rundfunkgebühr werden die Kosten für den Sport umgelegt auf alle, die wir uns in den nächsten Jahren ohnehin einen Decoder zulegen müssen, wenn das bisherige, analoge Fernsehen abgeschaltet und durch den digitalen Rundfunk ersetzt wird. Beim Fußball zeigt sich, wie das Spiel funktioniert.“ Joachim Huber (Tsp) kann die hohe Summe, die die ARD zahlt, nicht mit der Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders vereinbaren: „Fußball, auch das macht die Entscheidung für die Sportschau und gegen Premiere deutlich, ist eine Art Grundnahrungsmittel für viele Deutsche. Gegen die Fans, gegen die Sesselsportler, geht nichts in diesem Land. Das kann den großen Rest der öffentlich-rechtlichen Zuschauer auch empören. Wenn die ARD tatsächlich 80 Millionen Euro für eine Saison ausgibt, dann entspricht das der Summe, die der größte und reichste ARD-Sender, der Westdeutsche Rundfunk, für seine fünf Hörfunkprogramme in einem Jahr aufwendet. Bei Fußball und Fernsehen liegen Wahnsinn und Vernunft ganz eng zusammen. Der unschuldige Gebührenzahler, so er denn den Fußball verlacht, hat keine Chance. Fußball ist unser Leben, das muss jetzt auch der letzte Leder-Muffel begreifen!“
Zufriedenheit
Jörg Hahn (FAZ) lobt den Weitblick der DFL: „Die Vollversammlung hat sich vor dem Hintergrund, Konflikten aus dem Weg gehen zu müssen, wohl das Maximum an Verbreitung und Rendite beschert. Hut ab! Beim in erster Linie am Bildschirm konsumierenden Fan kommt vor allem die Botschaft an, daß seine Bedürfnisse ernst genommen werden, er also weder zwangsläufig zusätzlich zur Kasse gebeten, noch seine Sehgewohnheit komplett auf den Kopf gestellt wird. Zufriedenheit herrscht auch bei den Sponsor-Partnern.“ Christoph Albrecht-Haider (FR/Seite 3) sieht es ähnlich: „Die DFL hat nicht aus reinem Altruismus auf Geld verzichtet und das höhere Premiere-Angebot abgelehnt. Die Club-Manager wissen, dass nur das Volkssport wird und bleibt, was vom Volk auch gesehen werden kann. Nicht von ungefähr haben die attraktivsten Sportligen in den USA ihre wichtigsten Verträge immer mit frei empfangbaren Sendern abgeschlossen. Die Sponsoren der Bundesligisten wären nicht erbaut gewesen, hätte man ihre Werbeeinsätze in die Nachtstunden verlegt.“
Vabanquespiel
Marcus Theurer (FAZ/Wirtschaft) hingegen warnt vor Unwägbarkeiten mit dem neuen Partner Unity, einem Teil des Arena-Konsortiums: „Die Risiken sind enorm. Unity ist sehr wahrscheinlich auf eine Zusammenarbeit mit dem größeren Betreiber Kabel Deutschland angewiesen, um genügend Fußballfans zu erreichen. Ob die jedoch kartellrechtlich zulässig wäre, ist zweifelhaft. Außerdem fängt Unity beim Aufbau eines Abonnentenstamms für sein Bundesliga-Bezahlfernsehen praktisch bei Null an. Für die Refinanzierung der teuren Rechte braucht der Kabelbetreiber also einen langen Atem. Auch die rein technischen Risiken sind nicht zu unterschätzen. (…) Mit dem neuen Partner läßt sich die Bundesliga auf ein Vabanquespiel ein.“ Ralph Kotsch (BLZ) verweist auf die Nachteile für den Pay-TV-Zuschauer: „Trotz all der Freude unter den Fußballfunktionären und vielen Fernsehchefs darf die unbefriedigende Lösung für das Bezahlfernsehen nicht übersehen werden. Ein Neuling hat den Zuschlag bekommen, der weder über Erfahrung noch über das für Fußballübertragungen erforderliche Personal verfügt. (…) Leidtragende dieser neuen Situation auf dem Markt der Bezahlsender sind die Fußballfans. Viele von ihnen haben sich mit 12- oder 24-monatigen Verträgen an Premiere gebunden. Wollen sie ab nächsten Sommer die Spiele live sehen, müssten sie einen weiteren Vertrag mit Arena abschließen. Zwei Verträge sind künftig auch für diejenigen erforderlich, die Bundesliga und Champions League sehen wollen.“
Katastrophe
Michael Hanfeld (FAZ/Medien) klagt über die Kommerzialisierung der Sportschau: „Die ARD hat sich – was eingefleischten Fußballfans die Sportschau verleidet – dem Kommerzprodukt Fußball verschrieben, macht soviel Werbung wie möglich, bedient die Sponsoren und hat so nach eigenen Angaben die Kosten für die Erstsenderechte wieder hereinbekommen. Ob das noch properes öffentlich-rechtliches Fernsehen ist, das steht auf einem anderen Blatt. (…) So hoch wie Georg Kofler hat im deutschen Fernsehgeschäft wohl noch niemand gepokert. Und noch niemand hat je so hoch verloren.“ Hans-Jürgen Jakobs (SZ/Medien) befasst sich mit Premiere und Kofler: „Für Premiere geschah das schier Unfassbare: die Niederlage im schwersten Spiel, der Knacks in der Karriere eines Managers, der seine Firma im März 2005 trotz schwieriger Voraussetzungen an die Börse gebracht hat. Premiere hängt von exklusiven Fußballangeboten ab – wie soll die Zahl von 3,4 Millionen Kunden da gesteigert werden?“ Peer Schader (taz) fügt hinzu: „So was hat es in der deutschen Medienlandschaft noch nicht gegeben: einen TV-Manager, der mit wehenden Fahnen in den Untergang reitet. Kofler hat seinen Sender in eine tiefe Krise gestürzt. Für Premiere ist dieser Verlust kein Unglück. Es ist eine Katastrophe!“
ARD-Programmdirektor Günter Struve sagt der SZ über den Konkurrenten Premiere: „Herr Kofler war von Anfang an brüsk. Er wollte alles, nur die Sportschau nicht, was ich für seinen Grundirrtum halte. Das war schon der Grundirrtum von Leo Kirch: zu glauben, dass Pay-TV nur funktioniert, wenn die Free-TV-Auswertung erst mit großem zeitlichen Abstand möglich ist. Das ist unsinnig, weil die Abonnentenzahlen bei Premiere nach oben gegangen sind, seit wir die Sportschau erfolgreicher gestalten als Sat1 den Vorgänger ran. Der Zuschauer wird angefüttert mit Zusammenfassungen und bekommt Appetit auf Live. Diesen Hunger kann nur das Pay-TV stillen. (…) Wir haben allen klargemacht, dass, wenn eine Sportart im Pay-TV verschwindet, sie schnell die Massenbasis verlieren kann. Unser Beispiel war Eishockey. Eishockey interessierte vor zehn Jahren fast 20 Prozent der Deutschen, 2004 waren es nur noch 10.“
FTD: Premiere vergibt Wachstumschance
Mit wie viel Geld Peter Ahrens (SpOn) wohl gerechnet haben mag? Wohl mit mehr als 420 Millionen pro Jahr: „Die allerbesten deutschen Talente werden künftig noch früher die Bundesliga verlassen. Die Bundesliga fällt damit endgültig auf den Standard der niederländischen Ehrendivision zurück. Für die Bundesliga mag es heute ein guter Tag gewesen sein, für die Aussichten der deutschen Clubs in der Champions League der kommenden Jahre war es ein schlechter.“ Die FAZ hingegen schreibt: „Wer so viel Geld erlöst, muß dafür auch (erhöhte) Qualität bieten. Der neue Vertrag wird zwar nicht automatisch dazu führen, daß deutsche Teams international konkurrenzfähiger sind. Einen Wettbewerbsnachteil im europäischen Vergleich sollten sie jetzt allerdings wirklich nicht mehr beklagen.“
Die Fans haben verloren
Von wegen im Sinne Fans – in den Augen Ralph Kotschs (BLZ) ist das eine Mär: „Sieger sind die Vereine, die sich über 120 Millionen Euro mehr im Jahr freuen dürfen. Das Gejammer der Manager, allen voran der Herren von Bayern München, hat geholfen. Für horrende Spielergehälter und für Abfindungen bei pausenlosen Trainerwechseln steht jetzt allen mehr Geld zur Verfügung. Bezahlen müssen das die Fernsehsender, die viele Euro draufgelegt haben, ohne mehr Ware zu bekommen. Im Gegenteil. Sie und die Fans haben verloren, weil das Freitagsspiel erst am Samstagabend gezeigt werden darf, weil die Zusammenfassung in der Sportschau erst zwanzig Minuten später beginnt, weil die Sonntagsspiele im DSF erst um 22 Uhr gezeigt werden. Wer Premiere abonniert hat, um gegen Gebühr die Spiele live sehen zu können, ist völlig angeschmiert.“
Der nächste Zoff kommt bestimmt
Auch Philipp Selldorf (SZ) hält Fans und Zuschauer nicht für Sieger und verweist auf einen kommenden Konflikt: „Hurra, es gibt viel mehr Geld für unsere Bundesliga! Das kann doch nur Gutes bedeuten für den deutschen Volkssport, oder? Heißt das, dass die Fußballspiele in Deutschland künftig besser aussehen? Dass ein Spiel zwischen, zum Beispiel, Duisburg und Wolfsburg demnächst aussieht wie derzeit eine Partie zwischen Bremen und Hamburg? Werden die Fußballer für mehr Geld mehr trainieren und mehr laufen? Wird es also zu einer Revolution der Qualität kommen, weil noch bessere Spieler noch besser bezahlt werden? Auf diese Fragen wird niemand ernsthaft ein Ja erwarten. Mit einer Ausnahme: Die Honorare der Spieler werden steigen, und damit auch die Einkünfte ihrer Agenten, Anwälte, Anlageberater, Steuergehilfen, Mätressen und Hoflieferanten. (…) Bringt also das schöne Geld gar nichts? Doch, durchaus. Zuerst einen Streit zwischen den reichen, weniger reichen und armen Klubs, wie die neuen Euros verteilt werden sollen. Und am Ende wird der FC Bayern Meister.“ Köstlich! Roland Zorn (FAZ) beäugt die Harmonie der Ligavertreter: „Die im Augenblick selige Liga wird sich im Januar wieder streiten. Von den 120 Millionen Euro mehr, die jetzt zu verteilen sind, beanspruchen die führenden Klubs einen größeren Anteil, als ihn die kleineren zugestehen wollen. Der nächste Zoff kommt bestimmt, doch nicht mehr vor dem Fest. Viel hätte nicht gefehlt, und die Bundesliga hätte sich gemeinsam mit dem Lied ‚O du fröhliche’ vom alten Jahr verabschiedet.“
Die kleinen Vereine müssen aufholen
Duisburgs Präsident Walter Hellmich (SZ) meldet Anspruch an: „Man darf jetzt auf keinen Fall den Verteilerschlüssel zu Lasten der kleineren Vereine verändern. Schon jetzt ist das Leistungsgefälle in der Liga zu groß. Die kleinen Vereine müssen aufholen, und das geht nur mit Geld. Die kleinen Vereine haben, wenn sie vernünftig haushalten, im Moment klare Defizite. Das Geld soll genauso fair verteilt werden wie bisher. Ich habe Vertrauen in die Gremien der DFL, dass sie die Interessen der kleineren Vereine auch künftig berücksichtigen. Vereinen, die über ihre Verhältnissen leben, kann man sowieso nicht helfen. Den korrekt wirtschaftenden Klubs aber sollte geholfen werden, indem der Schlüssel nicht zu deren Ungunsten verändert wird.“
FAZ-Interview mit Werner Hackmann: „Wir haben gezeigt, daß die Liga nicht geldgierig ist“
BLZ: Aussagen aus der Branche
Tsp: Reaktionen aus der Liga
Mittwoch, 20. Dezember 2006
Bundesliga
Platzhalter
Jürgen Röber muß bei seinem Antritt in Dortmund mit der Skepsis der Presse leben, die sich dabei fragt, welcher Trainer zurzeit überhaupt noch auf dem Markt sei / Bremen sichert sich mit einem glückhaften Sieg gegen Wolfsburg gerade noch die Herbstmeisterschaft
Sven Goldmann (Tsp) glaubt nicht, daß Röber Dortmunds Wunschlösung gewesen ist: „Aus der Bundesliga ist er lange raus und deshalb schwer vermittelbar. Borussia Dortmund wird von Hans-Joachim Watzke geführt – einem Mann, der den Klub finanziell saniert hat, aber sonst das beliebte Klischee bedient, nach dem erfolgreiche Manager nicht viel von Fußball verstehen. Es treffen sich also zwei Absteiger, die keine andere Wahl hatten. Dortmund fand keinen ähnlich guten Trainer, der bereit war, ein halbes Jahr lang den Platzhalter für Thomas von Heesen zu spielen. Und für Röber ist Borussia vielleicht die letzte Möglichkeit, sich interessant zu machen für die Bundesliga. Es gibt bessere Konstellationen für sportlichen Erfolg.“
Auch Frank Hellmann (FR) zweifelt an Röbers Qualität: „Röber gilt als ausgesprochener Gutmensch, was ihm im von vielen Bösartigkeiten durchsetzten Fußballgeschäft häufig zum Nachteil gereichte. Und: Er ist in seiner Trainer-Karriere nicht eben als Visionär aufgetreten. Gewiß, er hat Hertha BSC aus der zweiten Liga bis in die Champions League geführt – doch das war zuvorderst den millionenschweren Zuwendungen der Ufa und sündhaft teuren Zukäufen geschuldet. Als Röber im Februar ’02 den Trainerstuhl bei Hertha räumte, dauerte es mehr als ein Jahr, bis ihn als nächster Klub der VfL Wolfsburg verpflichtete. Das Engagement stand unter ähnlichen Zeichen wie die Berliner Zeit: Geld spielte keine Rolle. Und doch hat es Röber nicht geschafft, seine Philosophien anschaulich zu machen. Am Ende stand nach nur dreizehn Monaten Amtszeit das Chaos: eine zerstrittene Mannschaft, keine taktische Handschrift. Danach ist es ruhig geworden um Röber. So zeigt sich: Seine Verpflichtung ist aus der Not geboren, seine Verweildauer begrenzt. Für Trainer gibt es bessere Voraussetzungen.“
Nicht einmal mehr als Zweckgemeinschaft
Felix Meininghaus (Tsp) wirft den Dortmundern bei der Entlassung Bert van Marwijks schlechten Stil vor: „Natürlich ist es richtig, daß er die armseligen Auftritte des BVB vor heimischem Publikum zu verantworten hat. Genau so richtig ist aber auch, daß van Marwijk den Klub sportlich mit stoischer Ruhe auf Kurs gehalten hat, als der BVB seine schwerste Krise durchlitt. Es spricht daher nicht für das Niveau der handelnden Personen, ihn nun mit Schimpf und Schande aus der Stadt zu jagen. Noch dazu, da es auf die Schnelle keinen geeigneten Nachfolger geben wird, womit die Abteilung Profifußball beim BVB zunächst einmal führungslos ist. Das alles ergibt einen reichlich dilettantischen Gesamteindruck. Wohlkalkulierte Personalpolitik sieht anders aus.“ Philipp Selldorf (SZ) gibt zu bedenken: „Sportlich geht es dem BVB nicht gut. Doch das ist nur die eine Seite. Ähnlich alarmierend ist der moralische Zustand des Klubs, dessen Publikum am Sonntag zu großen Teilen in den Streik trat. Bedrohlich wurde die Atmosphäre in der zweiten Halbzeit, als eine Art Rollkommando aus dem Fanblock die Haupttribüne enterte und sich hinter den Trainerbänken formierte, um van Marwijks Rausschmiß zu fordern.“ Richard Leipold (FAZ) billigt die Trennung: „Zum Schluß funktionierte die Dortmunder Ehe nicht einmal mehr als Zweckgemeinschaft. Deshalb war die Trennung nicht mehr zu umgehen.“
Es gibt in Deutschland ein Trainerproblem
Dabei stellt Leipold, daß der Trainermarkt derzeit keine Reserven bereithalte: „Die Metapher vom Trainerkarussell trifft nicht mehr zu. Wie groß der Mangel an Alternativen ist, zeigen die Spekulationen, die aufkommen, sobald ein Posten vakant wird. Eine Weile wurde Christoph Daum als eine Art Generallösung für fast jeden Klub gehandelt, der etwas auf sich hält. Seit der Zampano in Köln angeheuert hat, grasen die Vereine einen fast leeren Markt ab. Wie groß der Mangel an profilierten Trainern ist, zeigen die Namen, die in die Diskussion geworfen werden, wenn eine Stelle zu besetzen ist: Hitzfeld oder Stevens gelten eher als Männer, deren Bundesligazeit vorbei ist. Andererseits hat sich fürs erste die Einsicht durchgesetzt, daß sogenannte Feuerwehrleute wie Neururer und Berger sich zu oft verbrannt haben. (…) Das Fehlen einer passenden Alternative ist vermutlich der Hauptgrund, warum die Dortmunder so lange gezögert haben, van Marwijk zu entlassen.“
Christian Zaschke (SZ) fügt hinzu: „Es gibt in Deutschland derzeit ein Trainerproblem. Lösen wollen es die Klubs, indem sie sich der schönen Vergangenheit erinnern; Köln hat in einem Anfall von Nostalgie den ehemaligen Trainer Daum verpflichtet, Dortmund wollte den ehemaligen Trainer Hitzfeld. Doch ein neuer Name findet sich nirgends. Die Klubs in der Bundesliga stehen derzeit nur deshalb zu ihren Trainern, weil sie das Gefühl haben, es gebe keinen anderen, der ihnen helfen könnte. Das Erschreckende ist: Sie haben damit vollkommen recht.“
Ballzauberei und Leichtfertigkeit
Steffen Hudemann (Tsp) berichtet den glückhaften Sieg der Bremer gegen Wolfsburg: „Die 90 Minuten waren ein Spiegelbild der kompletten Saison. In der ersten Halbzeit sah der Bremer Fußball wieder einmal so makellos aus, als würde er per Fernsteuerung aus der Stadthalle bedient, wo am Sonntag die größte Computerspiele-Party Deutschlands zu Ende ging. Doch mehr als ein Fallrückziehertor von Daniel Jensen und ein vergebener Elfmeter von Diego sprangen dabei nicht heraus. Auch für Werder zählen sehenswerte Tore nicht doppelt, weshalb Wolfsburg durch Isaac Boakye ausgleichen konnte. Am Ende mußte Bremen über den knappen Sieg dankbar sein. Auch auf die gesamte Hinrunde bezogen hat Werder den besten Fußball gezeigt, hat weit häufiger getroffen als jede andere Mannschaft – dennoch findet der spektakuläre Spielstil in der Tabelle nur zum Teil seine Entsprechung, weil zur Ballzauberei zu oft die Leichtfertigkeit hinzu kommt.“
NZZ: Die Bundesligavereine enttäuschen ihre Anhänger mit einer matten Vorrunde
FR-Interview mit Horst Heldt über seinen Job, den neuen Erfolg des VfB Stuttgart und Timo Hildebrands bevorstehenden Wechsel
Tsp-Interview mit Jan Schlaudraff
Ascheplatz
Letzte Chance auf bessere Tage
Matthias Wolf (FAZ) erörtert das Vorhaben Red Bulls, 50 Millionen Euro in Sachsen Leipzig zu investieren: „Allerdings müßten die Mitglieder die Zustimmung erteilen zu einem Vorgang, der mit Sponsoring nur unzureichend beschrieben ist. Red Bull fordert die Stimmenmehrheit in den Gremien des Klubs, zudem alle Vermarktungsrechte, auf zehn Jahre. Zudem sind unpopuläre Maßnahmen geplant, welche die Traditionalisten unter den Fans, und das sind beim einstigen DDR-Oberligaklub Chemie Leipzig nicht wenige, schon auf die Barrikaden bringt: Die grün-weißen Vereinsfarben sollen dem Rot und Weiß des Konzerns weichen. Der Stadionname wird geändert, womöglich auch der Vereinsname. RB Sachsen Leipzig – das wäre nach deutschem Recht, das nicht so viel zuläßt wie in Österreich, wohl denkbar. LR Ahlen läßt grüßen. Aber Leipzig hat wohl keine Wahl. Um das dem Volk noch einmal zu verdeutlichen, könnte Franz Beckenbauer, ein guter Freund von Red-Bull-Chef Dieter Mateschitz, zur Versammlung kommen. Daß Sachsen Leipzig bald Flügel bekommt, ist derzeit schwer vorstellbar. 3.000 Zuschauer verlieren sich meist nur im weiten Rund. Sämtliche Investitionen in Spieler sind zudem verpufft. (…) Für den Leipziger Fußball, der dann auch ein großes Jugendinternat bekommen soll, ist es womöglich die letzte Chance auf bessere Tage.“
SZ: Beweismittelfälschung in in der Visa-Affäre der Fifa
BLZ: Bei der World Player Gala interessieren einmal mehr die finanziellen Mauscheleien im Fifa-Reich
FR: Beckenbauer sauer, weil die Mannschaft des Jahres bei der Gala als Fußballer-Trio erscheint
BLZ: Minutenmiro und Videoschumacher
NZZ: Curbishley verleiht Flügel – die Ankunft des Wunsch-Managers versetzt West Ham in einen Spielrausch
NZZ: Twente Enschede die Equipe der Stunde
NZZ: Akrobat Materazzi – der Abwehr-Haudegen Inters schießt das Tor des Jahres
youtube: Es ist wirklich Materazzi
Montag, 18. Dezember 2006
Bundesliga
Klein-Italien
Pressestimmen zum 17. Spieltag: Defensive im Vordergrund / Thomas Doll und Jürgen Klopp in der Bredouille, aber nicht grundsätzlich im Zweifel / Der Hamburger SV, eine tragikomische Figur, die eher Mitleid als Spott auf sich zieht / Bayern stark wie nie / Schalke steht auf dem Zettel vieler Journalisten
Klaus Hoeltzenbein (SZ) erwidert zum Teil die landauf, landab übliche Kritik am Niveau der Bundesliga: „Sie ist gar nicht so doof, diese Liga, sie hat gemerkt, daß der Klinsmann’sche Jubelfußball nicht alltagstauglich ist – kein Verein hat immer nur Heimspiele wie ein Nationalteam bei einer Heim-WM. Weil aber die Bundesliga in Kontrast zum Party-Sommer gesetzt wird, heißt es jetzt, die Hinrunde sei eine Enttäuschung gewesen. Das stimmt, wenn allein Offensivfußball glücklich macht. Das stimmt nicht, wenn auch andere Kriterien zählen. Es hat im Sommer ja zwei Weltmeisterschaften gegeben, die eine der Deutschen, und die andere für den Rest der Welt. Die WM der Restwelt, besonders die von Weltmeister Italien, war emotionsärmer, manchmal zynischer und kalkulierter in der Torverhinderung. Und ausgerechnet von diesem Schwung, der Italien ins Finale führte, scheinen viele Bundesligisten etwas mehr mitgenommen zu haben. Ein Klein-Italien ist in der Liga entstanden, besonders im Mittelbau, dort wo Nürnberg, Hannover, Wolfsburg, Bochum, Frankfurt, Bielefeld oder Cottbus wohnen.“
Peter Unfried (Spiegel Online) fügt an: „Die Ansicht, daß die Bundesliga schlechter geworden sei, ist falsch. Sie ist nicht schlechter als in der Vergangenheit. Sie sieht aber schlechter aus. Und fühlt sich ärmer an. Wenn es eine Erkenntnis gibt, so ist es die, daß das Defensivspiel effizienter und besser geworden ist.“
Christoph Biermann (Spiegel) schildert den Mangel vieler Bundesliga-Abwehrspieler im Spiel nach vorne: „Früher mußten Verteidiger vor allem den Gegner beschatten, wobei sie ruhig Angst und Schrecken verbreiten sollten. Inzwischen ist nicht nur das Geschäft der Verteidigung selbst eine hochorganisierte Form der Balleroberung geworden. Weil es auf dem Platz dort sofort äußerst eng wird, wo der Ball ist, muß es auch ganz schnell nach vorn gehen, wenn man ihn dem Gegner abgejagt hat. Ein defensivstarkes und zugleich ballsicheres Pärchen in der Verteidigungsmitte und zwei dynamische Außenverteidiger, davon träumen Trainer heute. Doch hapert es in der Bundesliga an der Qualität des verteidigenden Personals, und dieses Defizit ist nicht nur gefühlt.“ Um diese These zu stützen, referiert Biermann eine Analyse der Firma Mastercoach, die anhand eines Spielanalysesystems festgestellt habe, daß deutsche Verteidiger länger bräuchten, um einen Paß zu spielen als englische und damit weniger Pässe spielten.
Zeichen von Normalität
Michael Horeni (FAZ) weist erleichtert darauf hin, daß Thomas Doll und Jürgen Klopp trotz allem Mißerfolg nicht entscheidend an Reputation eingebüßt hätten: „Es gehört zur Ironie des WM-Jahres, daß ausgerechnet zwei Trainer, die als besonders große Hoffnung auf dem ausgedünnten deutschen Trainermarkt gelten, den Anschluß an die erste Klasse schon fast verloren haben. (…) Es ist in beiden Fällen ein nicht geringer Fortschritt, daß Klopps und Dolls Qualitäten innerhalb der Liga und in den Medien auch nach düsteren Bilanzen nicht grundsätzlich in Zweifel gezogen werden, so wie das vor einigen Jahren noch ‚Fußball-Professor‘ Rangnick widerfuhr. In Doll und Klopp sind in der Vorrunde ganz einfach zwei Trainer mit ihren Teams gescheitert – aber nicht mehr Trainer mit neuen Systemen. Das ist ein Zeichen von Normalität, das der Bundesliga nur guttun kann.“
Tragikomische Spottfigur
Philipp Selldorf (SZ) berichtet das Spiel zwischen Aachen und Hamburg mit offenem Mund: „Dieses im Dauerregen ausgetragene, von taktischen Hemmungen befreite Spiel steht unter Verdacht, einen Torrekordversuch angestrengt zu haben, der bloß daran scheiterte, daß die Spieler auf beiden Seiten oft von rasender Hektik befallen wurden, wenn sie sich Richtung Tor aufmachten, und daß die Torhüter Straub und Wächter sehr ordentliche Leistungen brachten. Am Ende war das Ergebnis genauso schräg wie das Spiel zuvor: Der ruhmreiche HSV verlor beim Aufsteiger Aachen 3:3. Diese Niederlage war für Doll eine der bittersten dieses schrecklichen halben Jahres, denn sie kam zustande auf die gemeinste und höhnischste Art: durch ein herrliches Flugkopfballtor in der 90. Spielminute.“
Auch Gregor Derichs (FAZ) kann die Klimax kaum in Worte fassen: „Im Tivolistadion herrschte der Ausnahmezustand. Die Aachener konnten diesen großen Glücksmoment kaum fassen, für die Hamburger war es ein weiterer herber Dämpfer. Das wahrscheinlich letzte Spiel von Thomas Doll als Trainer des Hamburger SV fand ganz am Ende einen Tiefpunkt, der zum Absturz des ruhmreichen Vereins im vergangenen halben Jahr paßte: ein Eigentor.“ Bernd Müllender (FR) leidet mit dem HSV: „Das war wie ein Stich ins Herz des HSV, ein Hohngelächter höherer Mächte. Der HSV als Sisyphos, als tragikomische Spottfigur mit eingebautem Elendsmagneten, ausgeliefert irgendeinem Fußballgott, der dem 43-jährigen Erstligisten noch jede Schmach gönnt.“
Nicht einmal Kampf und Aufbäumen
Nach dem 4:0 in Mainz – Andreas Burkert (SZ) warnt die Tabellenspitze vor den Bayern: „Nun sind die heillos verunsicherten Mainzer ein dankbarer Aufbaugegner gewesen für einen angeblich geistig und physisch matten Meister, und dennoch muß die noch vorauseilende Konkurrenz aus Bremen und Schalke fürchten, daß sich die Münchner vor ihrem Winterschlaf noch ein wertvolles Erweckungserlebnis gegönnt haben. Die Bayern dominierten ihren Gegner wie ein feister Kater, der mit einem flugunfähigem Käfer spielt.“ Michael Eder (FAZ) beschwert sich über den mangelnden Widerstand der Verlierer: „Nach dem Wechsel nahm das ungleiche Duell für die Mainzer peinliche Züge an, die Mannschaft hatte sich aufgegeben, die Spieler trotteten über den Platz, mit nur noch einem erkennbarem Wunsch: Möge der Schiedsrichter so schnell wie möglich abpfeifen. Es hatte schon depressive Züge, wie die Spieler alles über sich ergehen ließen. Spielkunst hatte man ja nicht erwartet, aber daß nicht einmal Kampf und Aufbäumen zu erkennen waren, schockierte selbst notorisch optimistische Beobachter.“
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Bundesliga
Risiko
Fortsetzung: Pressestimmen zum 17. Spieltag
Richard Leipold (FAZ) schildert das Dilemma Jupp Heynckes‘ nach der Niederlage in Bochum: „Er steckt in einem Zwiespalt. Geht er von sich aus, würde er es dem Klub leichtmachen und alle Schuld auf sich nehmen, aber sein untadeliger Gladbacher Ruf wäre beschädigt. Die Mehrheit der Fans würde ihm vorwerfen, als Ur-Borusse das sinkende Schiff zu verlassen, statt es vor dem Untergang zu bewahren. Andererseits läuft er Gefahr, mit unterzugehen. Auch dann würde er seinen Heldenstatus einbüßen. Ob er den Verein seines Herzens verläßt oder ob er bleibt: Heynckes geht ein Risiko ein.“
Wüst
Christof Kneer (SZ) malt das Tosen und Toben der letzten Minuten des Spiels zwischen Nürnberg und Hannover (3:1) in barockem Stil: „Die Schlußphase sah aus wie ein mittelalterliches Schlachtengemälde, mit dem kleinen Unterschied womöglich, daß ein Ball eher selten durch mittelalterliche Bilder fliegt. In Nürnberg aber flog einer, hoch und weit über die Köpfe von weißen und roten Streitern, die wüst durcheinander rannten. Das einzige, was man sah, waren kämpfende Knäuel, und irgendwann hörte man einen Pfiff. Es war zu Ende. In England, wo mittelalterliche Schlachtengemälde Powerplay heißen, hat man so wilde Spiele häufiger gesehen, in der Bundesliga schon lange nicht mehr. Es war die ironische Schlußpointe eines ironischen Spiels, das selbst den Ironiekenner Hans Meyer überforderte. ‚Ich bin ja schon ein paar Jahre dabei‘, sagte er amüsiert, ‚aber ich bin nicht in der Lage zu erklären, was heute los war.‘ Das muß man erst mal schaffen, als Fußballspiel.“
Nicht schön, clever
1:0 in Bielefeld – Leipold hat die Schalker wegen ihrer Geduld und Ausdauer auf dem Zettel: „Mit dem späten Siegtor gaben sie sich als Meisterschaftskandidat zu erkennen, der im zweiten Quartal Gewinnphantasien geweckt hat. Schalke zeichnete sich durch Ruhe und Routine, Geduld und Glauben aus. Die Gemeinschaft der glücklichen Gewinner zeigte letztlich auch eine Primärtugend, die den knappen Sieg erklärt: Durchhaltevermögen. Diese Eigenschaft wurde am auffälligsten von einem Spieler verkörpert, der erst elf Minuten vor Schluß den Dienst am Ball aufgenommen hatte. Zlatan Bajramovic hätte allen Grund gehabt, sofort wieder Feierabend zu machen. Doch das wollte er seinen Kollegen nicht antun. Schon bei seinem ersten Sprint hatte er einen Muskelfaserriß in der Wade erlitten. Da eine weitere Auswechslung nicht mehr zulässig war, beschloß er durchzuhalten bis zum glücklichen Ende. Seine Kurzarbeit im Krankenstand verhalf Schalke zum Sieg.“
Mit den Schalkern sei zu rechnen, meint auch Milan Pavlovic (SZ): „Das Wort vom Duselsieg machte die Runde, ein Begriff, der einst für den FC Bayern erfunden wurde. Und auch wenn das niemand auf Schalke gerne zugeben wird, war diese Abfälligkeit fast wie ein Ritterschlag – immerhin sind die Münchner dank einiger Duselsiege (und ein paar anderer, weniger duseliger Siege) deutscher Rekordmeister und ebenso gefürchtet wie respektiert. Es erinnerte einiges an den FC Bayern: Der Favorit legte zu, als es an der Zeit war. Und er spielte bestimmt nicht schön, aber dafür clever.“
BLZ: Energie Cottbus glaubt nach dem 0:0 gegen Stuttgart, den Klassenerhalt ohne Verstärkungen schaffen zu können
welt.de: Interview mit Joachim Löw über sein Vorrundenfazit
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Samstag, 16. Dezember 2006
Vermischtes
Aktuelle Links
SZ: Fußballtaumel und Fremdenfeindlichkeit – das Institut für Konflikt- und Gewaltforschung hat sich in einer Studie dem WM-Taumel befaßt. Ergebnis: Die Fremdenfeindlichkeit wächst, die These vom toleranten Patriotismus sei gefährlicher Unsinn
SZ: Ende des Schalker Presseboykotts – über die vermeintliche Redepflicht für Fußballer und die Ahnungslosigkeit vieler Fußballjournalisten vom Spiel
Rund: Bild-Zeitung gegen den HSV
BLZ: Ein Gericht erklärt der Fifa, wer für sie werben darf
SZ-Interview mit Thomas Schaaf über Werders neuen Status in Europa und sein Empfinden, daß die Kritik an seiner Mannschaft, insbesondere an Miroslav Klose, nach der Niederlage in Barcelona zu hart gewesen sei
FAZ: Werder Bremen – Herbstmeisterschaft holen, Klose halten
FR: Hertha verkörpert Durchschnittlichkeit der Liga
FR: Mit viel Ruhe und guter Laune will Trainer Willi Reimann Eintracht Braunschweig vor dem Abstieg retten
SZ: Real freut sich auf Bayern, Bayern freut sich auf Real
SZ-Glosse: Wie ist dem deutschen Fußball auf internationaler Bühne zu helfen?
FR-Kommentar: Am Geld liegts nicht, daß die deutschen Klubs schwächeln
Ball und Buchstabe
Beifall ist kein Kriterium für gelungene Rechtsprechung
Auf die hohe Gefängnisstrafe für Robert Hoyzer reagiert die Presse mit gemischten Meinungen – das Gericht muß mit dem Verdacht kämpfen, populistisch geurteilt zu haben
Wolfgang Hettfleisch (FR) teilt seine Skepsis über das Strafmaß mit: „Daß Hoyzer und Sapina nun lange sitzen müssen, wurde in der Fußballbranche mit Wohlwollen aufgenommen. Doch Beifall ist kein Kriterium für gelungene Rechtsprechung. Hoyzers Fehlverhalten wiegt nicht schwerer als das eines geschmierten Beamten, der Ausschreibungen frisiert. Doch moralische und juristische Kategorien purzeln in der Beurteilung der Affäre bis heute wild durcheinander. Der Schieber-Schiri ist nicht mehr als ein kleiner Gauner. Erst die Bedeutung, die der Fußball hierzulande besitzt, und der mythische Glaube an die Integrität des Spiels machten ihn zur größten Kanaille der Republik. (…) Sapina und Hoyzer müssen einen politischen Preis zahlen.“
Christian Gottschalk (StZ) billigt den Spruch: „Die Leipziger Strafrichter dürfen für sich in Anspruch nehmen, dem Rechtsempfinden der Bevölkerung Genüge getan zu haben. Sie haben im Namen des Volkes gesprochen.“ Michael Horeni (FAZ) stimmt ein: „Manipulierende Zocker und bestochene Schiedsrichter agieren nicht im rechtsfreien Raum. Sie sind Betrüger, die nicht nur Enttäuschung und Empörung auslösen, sondern zu Recht auch Strafverfolgung. Das [Urteil] klingt, als hätten Sport und Politik schon erreicht, worum zu kämpfen sie gerade erst angetreten sind: dem Sport und seinen Werten als schützenswertes Gut Verfassungsrang zu geben.“
Sabine Deckwerth (BLZ) hält das Urteil für undifferenziert: „Trotz aller Lobeshymnen: Am Ende waren die Richter nicht mutig. Mit einem Schlag haben sie mit ihrem Urteil sämtliche rechtliche Bedenken vom Tisch gewischt. Es waren nicht nur die Bedenken von Verteidigung und Bundesanwaltschaft. Viele Rechtswissenschaftler hatten sich in letzter Zeit in zahlreichen Veröffentlichungen darüber gestritten, inwieweit der im Strafgesetz enthaltene Betrugsparagraph auch Manipulationen wie die im Fußball erfaßt. Allein schon wegen all der strittigen Rechtsfragen wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Wettskandal noch einmal eingehend juristisch geprüft worden wäre. Dazu kann es nun aber nicht mehr kommen. Revision verworfen, Diskussion beendet. Die Richter haben ein sehr populäres Urteil gesprochen, ein Urteil im Interesse der Fußballnation.“
Die deutsche Justiz hat gezeigt, daß sie Vertrauen verdient
Auch Heribert Prantl (SZ) zweifelt an der Eindeutigkeit des Delikts: „Was als selbstverständlich erscheint, war so selbstverständlich nicht: Die höchsten Strafrichter mußten bei der Frage, wo bei der Falschpfeiferei eigentlich der Vermögensschaden liegt, komplizierte Überlegungen anstellen: Betrug ist schließlich, und zwar auch dann, wenn es um Fußball geht, kein Empörungs- sondern ein Vermögensdelikt, also muß nicht nur eine Täuschungshandlung festgestellt werden, sondern auch ein Vermögensschaden. Die Bundesrichter haben zu diesem Zweck den klassischen Begriff des Vermögensschadens ausgeweitet: Ein solcher Schaden liege auch dann vor, wenn sich einer eine bessere Wettchance erschleicht – unabhängig davon, ob die sich dann auch realisiert und unabhängig davon, ob der Schaden in Heller und Pfennig berechnet werden kann. Das Urteil wird in Fachzeitschriften herauf- und herunterdiskutiert und zum gefürchteten Prüfungsgegenstand im Examen werden. Die Fußballwelt hat es vorerst wieder ins Lot gebracht.“
Sven Goldmann (Tsp) rügt die Fußballfunktionäre, die nach dem Plädoyer des Staatsanwalts (also vor dem Urteil) durch Kritik Druck auf das Gericht ausgeübt hätten: „Es spricht nicht für das Rechtsverständnis vieler Kritiker, daß sie in dem Antrag auf Freispruch eine Vorwegnahme des Urteils sahen. Die Entscheidung fiel denn auch anders aus, als empörte Kritiker hatten suggerieren wollen. Und doch sahen sich die Richter in eine schwer erträgliche Situation gebracht: Der 5. Strafsenat mußte in seiner Begründung auf die Selbstverständlichkeit hinweisen, keinesfalls auf Druck der Öffentlichkeit gehandelt und deswegen ein populäres Urteil gefällt zu haben. Im Hoyzer-Prozeß hat die deutsche Justiz gezeigt, daß sie mehr Vertrauen verdient.“
Tsp: Hintergrund des Urteils
FAZ/Hintergrund: Hoyzer muß doch ins Gefängnis
welt.de: Interview mit Theo Zwanziger über das Urteil
Freitag, 15. Dezember 2006
Ball und Buchstabe
Gewerkschaft
Klaus Hoeltzenbein (SZ) befaßt sich mit dem Machtstreben der Fans, das sich jüngst in Hamburg gezeigt habe: „Das Streben der Fans (und derjenigen, die sich hinter ihnen verstecken) in den Klubs nach Macht und Mitsprache wird stärker – dies ist ein globaler Trend. In Deutschland sind derzeit vielerorts basisdemokratische Regungen zu erkennen, von denen man noch nicht weiß, in welche Richtungen sie sich entwickeln. Ob beim TSV 1860 München, in Dresden, auf Schalke, Freiburg, Dortmund oder beim HSV, allerorten versucht die Tribüne mit diversen Methoden die Geschicke zu beeinflussen. Jeder Klub bedarf der soziologischen Einzelanalyse, aber der Trend ist allgemein, und positiv würde er sich so darstellen: Die Fans wollen nicht mehr nur Kunden und Trikotkäufer sein, sie sind die Gewerkschaft in ihrem Verein, der vielerorts zum Konzern geworden ist. So dürfte die Debatte mit den Tribünokraten 2007 zur großen Herausforderung des Profifußballs werden.“
FR: Die fröhliche Schwarz-Rot-Gold-Euphorie während der WM hat ausgrenzenden Nationalismus gefördert, nicht aber die positive Identität der Deutschen. Der „softe Patriotismus“ führte laut einer Studie eher dazu, Fremde abzulehnen
Am Grünen Tisch
Es geht um Macht, Geld und Privilegien
Jörg Hanau (FR) teilt die Skepsis der Brasilianer, die MW 2014 zu veranstalten: „Mit der Einführung des Rotationsprinzips, demzufolge die Weltmeisterschaft vom Jahr 2010 an im Ringelreihen von Kontinentalverband zu Kontinentalverband hüpfen soll, wächst der Druck auf die selbstherrlichen Fußball-Bosse aus Zürich, die erkennen müssen, daß sich nicht überall auf der Welt alles nur um das Runde dreht, das ins Eckige muß. Selbst die fußballverrückten Brasilianer sehen einer Bewerbung für die WM 2014 mit gemischten Gefühlen entgegen. Fragen der Sicherheit und Infrastruktur quälen nicht nur das südafrikanische Organisationskomitee. Auch im Land des fünfmaligen Weltmeisters schwant den Sicherheitsbehörden angesichts des zu erwartenden Stroms der WM-Touristen nichts Gutes. Von den Schwierigkeiten im Stadionbau ganz zu schweigen. Den von der Fifa subventionierten Fußball-Mächtigen aus Südafrika und Brasilien bereitet das freilich wenig Kopfzerbrechen. Für sie würde sich die Organisation einer Weltmeisterschaft allemal lohnen. Es geht um Macht, Geld und Privilegien. Der Blatter Sepp vergißt seine Vasallen nie.“
SZ: Der Ton wird rauer – Lennart Johansson und Michel Platini kämpfen mit harten Bandagen; der eine macht schrullige Vorschäge, der andere kontert mit heftigen Attacken
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