Mittwoch, 27. Juli 2005
Interview
Man hat Angst, dass der FC Bayern München davon rennt
Karl-Heinz Rummenigge mit Wolfgang Hirn (manager magazin)
KHR: Einem Spieler wie Beckham dürfte man eine Umgebung, in der die Neiddebatte immer wieder eine große Rolle spielt, nicht zumuten. Unabhängig von seiner sportlichen Qualifikation ist Beckham auch eine Gesellschaftsikone. Es gibt andere Länder und Gesellschaften, die mit dieser Ikone anders – und ich fürchte, aus seiner Sicht besser – umgehen, als es in Deutschland der Fall wäre.
mm: Trotzdem geht es Ihnen darum, den Verein international stärker ins Rampenlicht zu rücken. Für welche Regionen gilt das – neben Asien?
KHR: Osteuropa ist für uns sehr wichtig. Wir haben in Umfragen festgestellt, dass Bayern München in Osteuropa mit Abstand der populärste Verein ist, populärer als Real Madrid und Manchester. Das zweite Argument: Wir können hier in München mittags abfliegen, in Budapest spielen und sind am Abend wieder da. Ein Auftritt in Japan kostet dagegen vier Tage. Der Stress für die Mannschaft ist deutlich höher.
mm: Bei Manchester United regiert dagegen der milliardenschwere US-Amerikaner Malcolm Glazer. Ein Vorteil?
KHR: Manchester wird Probleme bekommen. Das Modell von Roman Abramowitsch, der den FC Chelsea gekauft hat, wird für Manchester nicht funktionieren. Chelsea war eine finanziell bescheidene Veranstaltung. Abramowitsch hat den Transfermarkt geschickt genutzt und wird die Mannschaft weiterhin über Zukäufe aufbauen. Chelsea ist ein Club, der langfristig Erfolg haben wird, weil der Aufbau der Mannschaft geschickt gestaltet wird. (…)
mm: Bei den TV-Einnahmen scheint noch deutlich mehr Spielraum zu sein als bei der Stadionvermarktung …
KHR: Da sind wir nicht nur schlecht, da ist es eine Katastrophe. Im Schnitt bekommt jeder Bundesligaverein 13 Millionen Euro aus der zentralen TV-Vermarktung. Ein Club wie der FC Bayern bekommt 15 Millionen Euro und der Tabellenletzte 11 Millionen Euro. Milan erzielte dagegen vergangene Saison 134 Millionen Euro aus TV-Einnahmen, Juventus Turin 130 Millionen Euro. Das ist ein immenser Wettbewerbsnachteil für uns. Wenn wir in die neue Saison starten, haben wir ein Minus von zum Teil rund 100 Millionen Euro gegenüber den Kollegen in Italien und Spanien, die die TV-Rechte im Gegensatz zu uns dezentral vermarkten. Und dann müssen wir mit denen um neue Spieler bieten. (…)
mm: Hat der FC Bayern die Möglichkeit, aus der zentralen TV-Vermarktung auszusteigen?
KHR: Im Prinzip nicht. Wenn wir aussteigen, würde es einen Erdrutsch geben. Ich glaube, dass Clubs wie Bochum, wie Freiburg, die ich sympathisch finde, ohne einen FC Bayern in dieser Fußballwelt in Deutschland nicht überleben könnten. Aber das liegt nicht an der Frage der TV-Vermarktung: Wenn man auf dezentrale TV-Vermarktung umsteigen würde, müsste man über einen Solidaritätsschlüssel nachdenken, um den kleineren Vereinen zu helfen. Aber das hat man bislang nicht getan, weil man es nicht wollte. Weil man Angst davor hat, dass ein Club wie der FC Bayern München dann davon rennt. Deshalb versucht man, die dezentrale Vermarktung aus politischen Gründen zu verhindern.
FAS-Interview mit Hans-Joachim Watzke
11 Freundinnen
Adams Rippe entnommen
Jürgen Nendza (FAZ 27.7.) erinnert an die Verachtung des DFB für Frauenfußball in den 50er und 60er Jahren: „Damenfußball schickt sich nicht in der stramm männlich besetzten Fußballwelt der frühen fünfziger Jahre. (…) Gleichberechtigung auf dem Fußballplatz? Es sind die Männer, die im Deutschland der Restauration die (Fußball-)Hosen anhaben, und die Vehemenz, mit der sie ihren männerbündlerischen Alleinvertretungsanspruch in Sachen Fußball durchzusetzen versuchen, läßt beinahe vermuten, daß auch das Fußspiel Adams Rippe entnommen ist. Kampfsport wird dabei zum wichtigsten Kampfbegriff gegen den Damenfußball. Die Angst vor einer Vermännlichung des weiblichen Geschlechts wird heraufbeschworen und eindringlich davor gewarnt, daß die Frau weder physisch noch psychisch für den Fußballsport geeignet sei. Kampf und fußballerischer Kick seien allein männliche Kategorien (…) Der männliche Blick sieht aber auch sein ästhetisches Empfinden gestört, wenn eine Frau statt Anmut Erschöpfung zeigt und – gleich dem Mann – sportlich die Grenzen körperlicher Belastbarkeit auslotet. Von den männlichen Irritationen, ausgelöst durch vermeintlich sexuelle Anzüglichkeiten vollmotorisch agierender „Fußball-Amazonen“ einmal ganz abgesehen. DFB-Präsident Peco Bauwens empfiehlt daher den Damen „Schwimmen, Tennis oder Leichtathletik“ als geschlechtsadäquaten Sport.“
Bundesliga
Bodenständigkeit
Daniel Meuren (FTD 27.7.) schildert die Stimmung in Frankfurt: „Die Eintracht des Jahres 2004/05 hat vieles wieder gutgemacht, was vorherige Generationen mit drei Abstiegen in nur acht Jahren zerstört hatten. Der neuerliche Aufstieg ist verbunden mit der Hoffnung auf eine mittelfristige Rückkehr zu alter Größe. Der Grundstein dafür wurde im vergangenen Sommer gelegt. Damals kam der eher biedere Friedhelm Funkel nach der Absage des umworbenen Ralf Rangnick als Trainer. Mit ihm – und dem Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen – hielt die Bodenständigkeit Einzug bei der Eintracht. Die Besinnung auf wenig namhafte, dafür kostengünstige und talentierte Spieler wie Patrick Ochs, Benjamin Köhler und Alexander Meier war nicht nur dem geringen finanziellen Spielraum des Klubs geschuldet. Auch die Vereinsführung wollte den Kurswechsel. Die neue Eintracht sollte ehrgeizig und unverbraucht und mit Spielern besetzt sein, die sich mit Klub und Fans identifizieren. Die Eintracht versuchte es ausschließlich mit Deutsch sprechenden Profis. Das Experiment erzielte die gewünschte Wirkung.“
BLZ: Uwe Rapolder führt den Bundesliga-Aufsteiger in die Geheimnisse des Konzeptfußballs ein
FAS: Keine Konkurrenz für die Bayern, nirgends
FAZ: Auch ohne erste Geige will Dirigent Trapattoni schön spielen lassen
Welt-Interview mit Fabian Ernst
Ascheplatz
Klassenunterschied
Roland Zorn (FAZ 27.7.) kommentiert die Asienreise des FC Bayern: „Business as usual – das gilt dieser Tage für 17 von 18 Fußball-Bundesligavereinen. Business unusual – das ist der Maßstab für den einen Klub ganz oben. Der FC Bayern München macht der Konkurrenz vor, was der überdehnte Begriff global player im sportlichen Alltag von internationalen Spitzenprofis wirklich bedeutet: Die nationale Spielklasse jederzeit im Auge und im Griff, gleichzeitig die Welt des Fußballs im Visier zu haben. (…) Doch mit einem Aushängeschild allein wird die Bundesliga in Fernost schwerlich gegen die Konkurrenz anglänzen können. Mißt man die 175 Millionen Dollar, die die Premier League aus ihrer Auslandsfernsehvermarktung erlöst, an den 15 Millionen Dollar, welche der Bundesliga aus Auslandslizenzen zufließen, zeigt sich der Klassenunterschied auf den ersten Blick. Die einen sind schon da und werden rund um den Erdball als Weltmarke geschätzt, die anderen kommen gerade an und müssen sich fragen lassen, ob es nicht schon zu spät ist.“
Leitfiguren mit Sex-Appeal fehlen
Auch Philipp Selldorf (SZ 27.7.) blickt auf die Konkurrenz: „Die Japaner haben derzeit beneidenswert viele Freunde in aller Welt. Die Erkenntnis, dass in Asien mit der Vermarktung des Fußballs viel Geld zu verdienen ist, hat zu lebhaftem Besuchsverkehr der Teams aus Europa und Südamerika geführt. Derzeit gastieren in Tokio außer München, Madrid und Manchester auch die Boca Juniors aus Buenos Aires und der AC Florenz, am Wochenende gibt sich der FC Barcelona die Ehre. Die Konkurrenz ist groß, und die Bayern haben noch viel nachzuholen. (…) Die Bundesliga muss bei ihren Bemühungen jedesmal feststellen, dass ihr die Leitfiguren mit dem entsprechenden Sex-Appeal fehlen.“
Negative Folgen
Auf Spiegel Online lesen wir: „Um den asiatischen Markt kämpfen derzeit viele europäische Clubs: Real Sociedad San Sebastian, Olympique Lyon sowie der PSV Eindhoven waren allesamt Gäste beim „Peace Cup“ in Südkorea. Dass solche Werbetouren aber auch negative Folgen haben können, beweisen die aktuellen Auftritte von Real Madrid. Lustlos und ohne Stars präsentierten sich die Spanier dieser Tage in China und Japan – entsprechend harsch fiel die Kritik bei den Fans aus.“
Montag, 25. Juli 2005
Interview
Ein Jahr Jürgen Klinsmann und die deutsche Elf
Der Einstand
Jürgen Klinsmann startet im Juli 2004 mit Vorschusslorbeeren. Die FAZ feiert Klinsmann (und Bierhoff) nach dem Einstand auf Seite 1: „Beide verstehen den Charakter und den Stil des deutschen Fußballs“. Gleichzeitig verweisen einige Kommentatoren skeptisch auf die Unerfahrenheit des „Berufsanfängers“ Klinsmann. Doch Hoffnung und Vertrauen überwiegen, zum Beispiel in der FAZ: „Dem Fußball ist zu wünschen, dass Klinsmann mit einer Vision antritt, die über 2006 hinausgeht.“ Der Tagesspiegel blickt in die Zukunft und behält mit seiner Prognose recht: „Klinsmann ist ein Kulturschock für den deutschen Fußball.“ Lothar Matthäus, den viele Beobachter befürchtet haben, hätte anderes zu lesen bekommen. An den Urteilen der Qualitätspresse spürt man Erleichterung darüber, dass dem DFB trotz langer Suche eine bessere Lösung geglückt ist – Ergebnis einer unabhängigen Entscheidung, wie die taz betont: „Für Beckenbauer war das eine herbe Schlappe, für Bild nicht minder.“ Die NZZ fasst das Ende der Trainerfindung zusammen“Die vernünftigen Kräfte im deutschen Fußball haben gesiegt.“
Der Beginn
Viele Änderungen Jürgen Klinsmanns polarisieren zunächst die deutsche Fußball-Diskussion: das neue Koordinationstraining, die Absetzung Oliver Kahns als Kapitän, die Entlassung Sepp Maiers, die Verpflichtung ausländischer Experten und eines Psychologen, die WM-Quartierfrage und nicht zuletzt die Wohnortdebatte. Die Diskussionen verlaufen oft ähnlich: Ankündigung einer „Reform“, großer, aber kurzer Schrei auf dem Boulevard, Rückendeckung durch die Redakteure der Qualitätspresse, die Klinsmann bei seiner „Palastrevolution“ (FR) meist auf seiner Seite hat; sie nehmen die laute Kritik des Boulevards oft zum Grund, über Deutschlands „Fußball-Stammtisch“ zu spotten – und das Ignorieren dieser Kritik als Gelegenheit für Spott. Ein Teil dieser Zustimmung mag durch die Genugtuung begründet sein, die ihnen Klinsmann bereitet, indem er den Lautsprechern und vermeintlichen Experten kein Gehör schenkt. Den inzwischen beliebten, aber oft unfairen Vergleich mit Rudi Völler gewinnt Klinsmann um Längen. Sehr wohlwollend registrieren alle Journalisten die ersten Ergebnisse auf dem Spielfeld.
Erste Bewährungsprobe
Ungewöhnlich früh, nämlich nach etwa 60 Tagen, und ungewöhnlich heftig gerät Klinsmann in die Kritik: für seine Absicht, das WM-Quartier Leverkusen zugunsten Berlins abzulehnen. Die FR warnt bissig vor zu viel Macht für den „präpotenten Projektmanager im Bundestrainer-Gewand.“ Und selbst die FAZ schreibt: „Man kann darüber streiten, ob Klinsmanns Reformfuror hier und da ein bisschen heftig ausfällt.“ Die Quartierfrage ist zwei Monate später fast vergessen.
Unbeirrt weiter
Die Entlassung Sepp Maiers im Oktober 2004 (siehe auch Torwartfrage) hätte mehr Kritik verursacht, vor allem auf dem Boulevard, wenn Maier sich geschickter verhalten hätte. Seine Äußerungen unter alle Gürtellinien haben es ihm aber verunmöglicht, den schwarzen Peter Klinsmann zuzuschieben. Schon bald wird es keinen Journalisten oder Experten geben, der Maiers Rauswurf rügt. Klinsmanns Konsequenz beeindruckt die Redaktionen, vor allem die BLZ („scharf konturierte Personalpolitik“) und die SZ: „In Deutschlands wichtigster Mannschaft ist ein nie für möglich gehaltenes Klima von Initiative und Zuversicht eingekehrt, der Fußball der Nationalelf hat wieder eine methodische Grundlage und eine glaubwürdige Perspektive erhalten, es gibt Phantasie und frische Ideen.“
Das vorläufige Ende der Kritik
Seit dem 3:0 gegen Kamerun im November 2004 wird Klinsmanns Arbeit als Bundestrainer meist sehr positiv bewertet. Die Welt am Sonntag stellt fest: „Klinsmanns Kritiker schweigen, das ganze Land sammelt sich hinter seinem Hoffnungsträger für 2006.“ In der SZ liest man: „Das ganze Land scheint sich hinter Klinsmanns schmalen Schultern sammeln zu wollen.“ Diese Euphorie mag übertrieben sein, doch die Kritiker sind mundtot und seitdem nicht mehr so laut zu hören wie in den ersten Monaten. Warum ausgerechnet das Kamerun-Spiel? Vermutlich ist Fußball-Deutschland erstens von der leidenschaftlichen Spielweise und der heißen Atmosphäre bei diesem Freundschaftsspiel überrascht worden. Ein großer Pluspunkt sei, „dass unter Klinsmann jedes Testspiel zum Ernstfall wird“, schreibt (nicht nur) die BLZ. Zweitens merken die Beobachter, dass sich Klinsmann an Ergebnissen messen lässt und dafür gerade steht. Immer öfter ziehen die Journalisten Vergleiche mit Gesellschaft und Politik: ‚Vorbild Klinsmann‘, ein, wenn auch, leichtfertiger Ritterschlag. Die Asien-Reise, sportlich Mittelmaß, verläuft ohne nennenswerte Kritik. Die Berichte am Ende des Jahres, die immer auch nachhaltige Resümees, sind Hymnen und Oden: Die FAZ fühlt eine „geistig-sportliche Wende“, für die FR „ist die Nationalmannschaft wieder zu einem Erlebnis geworden.“
Die Ausnahme
Der sehr kritische Spiegel-Bericht im Dezember 2004 bleibt zuerst ohne nennenswerte Resonanz: „Die ganze Figur Klinsmann wirkt seit der Kür zum Bundestrainer wie eine einzige Marketing-Inszenierung.“ Die Langzeitwirkung einer Spiegel-Recherche muss beachtet werden: Ein Kommentar in einer anderen Zeitung ist flüchtiger, eine Spiegel-Kritik bleibt haften. Den Vorwurf der Schönrednerei („Die Bilanz der Asien-Reise ist mäßig, doch rhetorisch ist der neue Bundestrainer schon sehr, sehr gut“) taucht beim Confederations Cup gelegentlich und in Hintergrundgesprächen immer wieder auf.
Vor dem Höhepunkt Confed-Cup
Die ersten Monate des Jahres 2005 verlaufen ohne Höhepunkte in der Berichterstattung, erst im Vorfeld des Confed-Cups nimmt sie Fahrt auf. Profil gewinnen Klinsmann und zunehmend Bierhoff durch die Abgrenzung von Bayern München, dem alle Experten großen Einfluss zuschreiben. Dass Bierhoff nach der Eröffnung der Allianz-Arena die Pfiffe für Jens Lehmann und deren Duldung durch die Bayern-Offiziellen öffentlich rügt, wird ihm seitens der Qualitätspresse sehr hoch angerechnet. „Das Duo setzt den jahrelang von Völler praktizierten Schmusekurs mit dem mächtigsten deutschen Fußballverein nicht fort“, lobt die FR.
Interview
Die Torwartfrage
Die Qualitätspresse stützt die Entscheidung Klinsmanns, sich auf der Torhüterposition nicht festzulegen. Die Journalisten befürworten diese Gleichbehandlung Oliver Kahns, obwohl oder weil sie eine Degradierung bedeutet. Sie scheinen regelrecht eine Befreiung zu fühlen, denn die Sonderregeln für Kahn und seine Alleinstellung in der Mannschaftshierarchie ließen sich nach Meinung der Presse nicht oder nicht mehr durch seine Leistung rechtfertigen. Die WM 2002 hat zur „Heiligsprechung“ Kahns geführt, Kritik an ihm war lange verpönt, selbst in der seriösen Presse wurde er überhöht. Die Torhüterrotation durch Klinsmann habe nun zwei positive Wirkungen: erstens eine Leistungssteigerung Kahns und zweitens seine Integration in das Mannschaftsgefüge. Die Boulevardmedien und viele TV-Kommentatoren sehen das anders; keine andere Frage polarisiert die Medien so sehr wie die Torwartfrage. Den Rauswurf Sepp Maiers hingegen nehmen sogar viele Boulevardjournalisten hin, wenn auch zähneknirschend.
Interview
Einleitung: Inhalt und Methode (1)
Nichts scheint so alt wie die Zeitung von heute, müsste man im Zeitalter des Internet die Behauptung von der geringen Halbwertszeit von Pressetexten zuspitzen; doch sie stimmt nicht in ihrer Radikalität. Viele Ereignisse, speziell im Fußball, verlieren zwar in der Tat rasch an Aktualität – und mit ihnen die Zeitungsberichte, die sich mit ihnen befassen. Doch manche Themen, die über das Ergebnis hinausgehen, erleben eine besondere Resonanz, viele Meinungen wirken latent und kehren wieder. Das gilt in Deutschland besonders für die Nationalmannschaft, unser Lieblingskind. Ein Jahr vor der WM 2006 vor unseren Haustüren beschäftigt sie Gedanken und Phantasie der Deutschen – und auch die der Redakteure, Autoren und Chronisten.
Der Confederations Cup ist der Testlauf für die WM 2006 – nicht nur auf dem Spielfeld und für die Organisation, sondern auch für die Medien und die Zusammenarbeit der DFB-Führung mit den Medien. Die Aufmerksamkeit der großen Redaktionen für die „kleine WM“ ist gründlich gewesen; die FAZ etwa hat ihr den Umfang einer „normalen WM“ gewidmet. Ein Turnier ist außerdem eine besondere Situation, weil Akteure (Spieler, Trainer, Funktionäre) und Beobachter (Journalisten) mehrere Wochen täglich zusammenarbeiten und „zusammenleben“. Daher erlaubt eine Analyse der Berichterstattung über den Confederations Cup und ihres Wandels innerhalb der rund vier Wochen Dauer (inklusive Vor- und Nachbereitung) bedeutende Aussagen über die WM 2006 – und die Zeit bis dahin.
Was bleibt und dauert? Wer, das Pauschal-Etikett „die Medien“ ist schon immer falsch und ungenau, wer also vertritt welche Position? Der indirekte freistoss schaut genau hin, wenn geschrieben wird, vom 10. Juni bis 4. Juli 2005 aber besonders genau. In dieser Studie, denen diese Beobachtungen zugrunde liegen, lesen Sie die Ergebnisse der „Presseanalyse Confederations Cup 2005″. Im Einzelnen sind dies:
A. Inhalt
Mit welchen Themen rund um die deutsche Elf befassen sich die Medien?
Was und wer beeinflussen die Berichterstattung?
Wie bewerten Journalisten die Zusammenarbeit mit Klinsmann und seine Kommunikation?
Wo lauern die Gefahren für Klinsmann, wo die Chancen?
Welches Verdienst schreiben die Journalisten Klinsmann zu?
Welche Themen, außer der deutschen Elf, haben die Zeitungen wie diskutiert?
Ein Jahr Jürgen Klinsmann in der Presse – die Karriere verschiedener Themen
Welche Trends in der Berichterstattung lassen sich voraussagen?
B. Methoden
Expertengespräche am Telefon mit sechs Journalisten, die die deutsche Elf seit Jahren begleiten: Michael Horeni (FAZ) und Michal Ashelm (FAZ), Walter M. Straten (Bild), Gregor Derichs, Christof Kneer (SZ) und Berries Boßmann (Sport-Bild). Den Gesprächen liegt ein Leitfaden zugrunde, den wir nach der Presseanalyse erstellt haben und der die Auffälligkeiten der Berichterstattung und die offenen Fragen fokussiert.
Presseanalyse: Durch eine Inhaltsanalyse interpretieren wir die wichtigsten Berichte der „general-interest“-Medien. Wichtig bedeutet: inhaltsstark, textbasiert, kommentierend, recherchierend, interpretierend, reflektierend, langfristig – die Merkmale der überregionalen Qualitätspresse, wie uns die vier Jahre Arbeit am indirekten freistoss lehren. Ziel der Analyse ist es, Themenkarrieren nachzuzeichnen, Schwerpunkte zu zeigen, Konsens und Dissens zu durchleuchten, die Resonanz des Inhalts zu messen und ihn in den Fußball-Diskurs einzuordnen.
Interview
Reformator Klinsmann, übernehmen Sie!
Der Confederations Cup in den Medien – Betrachtungen eines Zeitungslesers
Von Oliver Fritsch
Der Confederations Cup – kleine WM oder „Konfetti-Cup“, Titel vieler Glossen und Wortwitze? Selten ist sich die Presse in der Wertschätzung eines Sportwettbewerbs so uneinig. Und mittendrin wir Orientierung suchende Leser. Gerne geben wir uns dem Pathos der FAZ hin, die nach dem Finale eine neue Epoche ausruft: „Der Fußball ist dabei, eine neue, spektakuläre Interpretation von Spielfreude und Lebenslust unter den kommerzialisierten und medialisierten Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu finden.“ Auch wir finden all die vielen schönen Tore, um es mit unserem Bundestrainer zu sagen, sehr, sehr toll, lesen aber in der BLZ: „Man hat fast den Eindruck, dieser Cup sei nach der Wahl Ratzingers zum Papst das größte und wichtigste Ereignis unserer Zeit.“ Ja, auch an dieser Skepsis ist was dran. Wem sollen wir glauben, was dürfen wir fühlen? Als wäre diese Hinundhergerissenheit nicht genug, sind wir zarte deutsche Fußball-Seelen noch dem Schweizer Spott der NZZ ausgesetzt: „Kann eine profane Weltmeisterschaft so einen Vergleich aushalten? Vermaledeit, alle Last den Deutschen – allein gelassen mit dem Druck der Erwartung. Und über allem thront die Fifa mit ihrem Konföderationen-Cup, erhaben wie die goldene Ananas des Weltfussballs.“
Wenden wir uns anderen Früchtchen zu: Steffen Simon spricht, und die Experten drehen der Welt den Hintern zu. Über Fußball-TV-Reporter zu lamentieren ist zwar so neu und originell wie die Klage gegen Guido Knopps Geschichtsbild; im Prinzip scheint alles gesagt. Doch die SZ muss noch was loswerden: „Simon schafft es, den Platzverweis Hankes gegen Mexiko zunächst chauvinistisch zu bewerten (Fehlentscheidung!) und am Ende mit der Dummheit des Spielers zu begründen.“ Auch Delling und Netzer bekommen schlechte Zensuren, das Feuilleton der FAZ schildert Szenen einer Ehekrise: „Wenn es gar nicht mehr geht, man sich nur noch im Wege und auf der langen Leitung des anderen steht, wenn von Hingabe, gar Liebe aber auch gar kein Spurenelement mehr sichtbar, hör- oder spürbar ist, dann ist es an der Zeit, voneinander zu scheiden.“ Bleibt ein Gewinner im Fernsehen: Jürgen Klopp – eigentlich eine Nichtnachricht, denn wer hätte etwas anderes von dem eloquenten Mainzer Trainer erwartet?! Die FAS beklatscht die „frischen Auftritte als mediale Fortsetzung von Jürgen Klinsmanns forscher Strategie“ und fordert: „Jürgen Klopp muß zur WM!“ Netzer und Delling hält sie für WM-untauglich: „Bis zur WM ist für ihre Auswechslung noch Zeit.“ Reformator Klinsmann, übernehmen Sie!
Apropos Reform, als ihr Lackmustest erweist sich Klinsmanns Gunst zu Robert Huth. Nach den drei Gegentreffern durch Australien schreibt die Bild-Zeitung den beiden ins Stammbuch: „Huths Horror-Show, Klinsis Schießbude“. Ein Sündenbock ist gefunden, wie praktisch, ein Nachfolger Carsten Ramelows (den man schon für Niederlagen der deutschen Elf schuldig sprach, bei denen er gar nicht mitgespielt hat). Doch die Zuschauer in Köln, Nürnberg und Leipzig sprechen Klinsmann und Huuuuuth das Vertrauen laut und mehrheitlich aus, erkennt die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die Rufe sind eine Volksabstimmung für den Erneuerungskurs des Bundestrainers und dessen Mut.“ Aber warum ausgerechnet Huth?, rätselt der Tagesspiegel, „der deutsche Fußball erlebt eine Inflation an Publikumslieblingen, die Auswahlkriterien sind diffus“. Und Bild stichelt: „Kultfigur trotz oder wegen seiner Fehler?“ Die Antwort ist einfach: Die Fans rufen nun mal am liebsten „Uuuuu“s, sie frühstücken sie mit großen Löffeln, sagt Johanns B. Kerner, den man für diesen Gag wirklich mal loben muss. Marketing-Experten und Manager, aufgehorcht! Zieht Eure Lehre! Kauft Huths, Lukes und Rudis! Die Bild-Zeitung verdreht derweil weiter die Augen. Nach dem 4:3 gegen Mexiko dankt sie auf Seite 1: „Ballack, Poldi, Schweini – Dieser Sieg ist geili!“ Ja, liebe Bild-Redakteure, wir lieben Eure erhabenen Reime und Schlagzeilen, doch liegt Euch zum vierten Torschützen keine Erinnerung vor? Huth natürlich, wir helfen gerne. Aber nachdem Bild ein neues Genre erfindet, nämlich den Huth-Witz („Huths Mutter im Beichtstuhl zum Pfarrer: ‚Hochwürden, ist es schlimm, daß mein Sohn sonntags Fußball spielt?‘ Pfarrer: ‚Daß er spielt, nicht – aber wie er spielt, ist eine Sünde.‘“), muss Fußball-Deutschland auf folgende Definition wohl vergeblich warten: „Wir sind Huth!“
Der allwissende Rat der Bild-Zeitung, wie kann man ihn nur so mir nichts, dir nichts in den Wind schlagen? Klinsmanns Vorgänger waren da einsichtiger. Wem außer Bild haben wir die Nominierung des Alt-Liberos Lothar Matthäus (inzwischen Sport-Bild-Kolumnist) zur EM 2000 zu verdanken? Doch Klinsmann geht so viel Mitbestimmung zu weit: „Wir lassen uns von außen nichts diktieren“, stößt er den Demokraten vom Boulevard vor den Kopf. Außerdem hat er einen anderen Koalitionspartner – und zwar „eine PR-Agentur aus dem süddeutschen Raum, die des Trainers Wort verkündet“, stellt die taz bissig fest. Gemeint ist die SZ, „das Leitmedium Klinsmanns, das er sich geschickt zunutze macht“, ergänzt die FR „und das ihn auf dem Weg zum Titel mit Zuneigung begleitet.“ Eine Verschiebung der Medienmacht also. Bild stampft mit dem Fuß; die Änderung der Taktik vor dem Tunesien-Spiel kritzelt sie sich auf die eigene Fahne: „Klinsi mit Matthäus-Taktik.“ Gruppensieg als Plagiat.
Wer wird denn gleich von Diebstahl reden? Man kann doch mal eine Empfehlung annehmen, auch Ihr, liebe Damen und Herren der Politik. Wieso nicht vom Fußball für das Leben lernen? Doch die FAS senkt den Blick auf den 18. September: „Möglicherweise erleben wir unter einer Kanzlerin Merkel die Erich-Ribbeck-Phase der deutschen Politik. Programmatisch scheinen die beiden nicht weit auseinanderzuliegen: ‚Konzepte sind Kokolores‘ hieß Ribbecks Motto. Mit Glück wird es unter Merkel wenigstens so wie unter Rudi Völler: nicht schön, aber halbwegs effizient. Auf einen Klinsmann-Kanzler, der die Menschen mitreißt, darf weiter gewartet werden.“ Die entscheidende Frage der nächsten elf Monate lautet: Können wir mit Angela Merkel Weltmeister werden?
Der Text ist in der August-Ausgabe der 11 Freunde erschienen, denen ich für die Erlaubnis danke, ihn hier zu veröffentlichen.
Interview
Confederations Cup allgemein
Die zwei großen Zeitungen FAZ und SZ kommentieren den Confederations Cup begeistert, die FAZ gelegentlich euphorisch und pathetisch. Auch der Umfang der Confed-Berichterstattung in der SZ und besonders in der FAZ unterstreichen die hohe Wertschätzung des Turniers durch die Redakteure. Die kleineren Zeitungen BLZ, taz, FTD mahnen zu Maß und Skepsis und belächeln hin und wieder das Turnier und die Bedeutungszuschreibung durch ihre Kollegen und durch Klinsmann und den DFB. Auffällig: Die NZZ, eine Zeitung mit internationalem Schwerpunkt, schreibt wenig und betont die Irrelevanz dieses Turniers; 2003, beim letzten Confed-Cup, war das anders.
Der Confederations Cup ist im Vorfeld als Generalprobe für die WM beschrieben worden – und zwar bezüglich Sicherheit und Organisation. Jedoch wird diese vermutete Aussagekraft nach dem Turnier von den Journalisten stark bezweifelt.
Kritik entzündet sich immer wieder und durch alle Redaktionen an der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs im Stadion: zu viel Werbung und aufdringliches Sponsoring. Klagen darüber und über zu strenge Sicherheitsmaßnahmen formulieren Journalisten gerne aus der Perspektive eines Fans.
Die neue Abseitsregel ist in der Presse durchgefallen, zitiert werden dazu auch Offizielle, etwa Schiedsrichter. Mit der Ablehnung der Abseitsregel verbunden ist der argwöhnische Blick auf Joseph Blatters selbstherrliche Führung.
Interview
Die deutsche Elf im Confed-Cup
Nach wie vor wird die Zeit, in der Klinsmann Trainer ist, als neue Ära gewertet. Die Journalisten ziehen immer wieder schmeichelhafte Vergleiche mit seinen Vorgängern, die zwar selten namentlich erwähnt werden, aber als Referenz für die Vormoderne des deutschen Fußballs stehen. Die Linie reicht oft bis zu Berti Vogts. Diese Wertung der Zeitungen findet sich selbst in Sprachdetails.
Sprache und Rhetorik Klinsmanns werden, mit Ausnahme der zwei großen deutschen Tageszeitungen FAZ und SZ, auch von den wohlwollenden Redaktionen gerügt. Viele Journalisten klagen über Monotonie und Schönfärberei, die sie zu Beginn seiner Arbeitszeit für angebracht hielten, mittlerweile aber für hinderlich.
Die Journalisten mokieren sich über die angebliche Nähe der SZ zu Klinsmann, zunächst hinter vorgehaltener Hand, inzwischen auch öffentlich. Die taz spottet über „eine PR-Agentur aus dem süddeutschen Raum, die des Trainers Wort verkündet“. Die FR erkennt „das Leitmedium Klinsmanns, das er sich geschickt zunutze macht und das ihn auf dem Weg zum Titel mit Zuneigung begleitet.“
Den Fans im Stadion wird von den Medien eine große Rolle zugesprochen. Ihre Unterstützung für Robert Huth gilt als Rückendeckung für Klinsmann und ist, wenn auch nicht ausgesprochen und gedruckt, eine Ohrfeige für die
Bild-Zeitung, die Huth stark kritisiert, noch nach dem Turnier. Kritik an den Leipziger Buhrufen gegen Mexiko liest man in der taz, die sich eine Abgrenzung dazu auch von Klinsmann und Michael Ballack wünscht. Die ansteckende Euphorie, die die Journalisten den Zuschauern zuschreiben, deckt sich nicht ganz mit dem Bild, das sie im Gespräch vermitteln; Länderspielzuschauer gelten ihnen als fußballfremder als Vereinsfans.
Es gibt, neben Huth, fünf, allenfalls sechs Spieler, die eine Resonanz in den Zeitungen erfahren und deren Wort gefragt ist: Kapitän Ballack nimmt die Ausnahmeposition ein, über ihn wird meist in den höchsten Tönen geschrieben; von einer Schwalbe gegen Brasilien ist nichts zu lesen, über sein hartes Spiel ist nur in der BLZ geschrieben worden; der FAS verbittet sich Ballack eine solche Frage – mit Erfolg, übrigens. Oliver Kahn wird oft zitiert, wenn auch nicht mehr so oft wie in den letzten Jahren, sein Bild ist kontrovers; nur für die Bild-Zeitung ist er noch der „Titan“. Aufsteiger des Turniers sind Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, die den Aufbruch der Klinsmann-“Epoche“ symbolisieren; selbst mit seinen simplen (nicht abwertend gemeint) Antworten punktet Podolski etwa gegen die smarte Eloquenz Arne Friedrichs. Sein Interview in der FAS (26 Antworten in 13 Minuten) ist Legende geworden. Auch Per Mertesacker ist inzwischen ein gefragter und geschätzter Interviewpartner. Eine Außenseiterposition hat Bernd Schneider inne, er ist der komische Vogel. Von anderen Spielern (Frings, Ernst, Friedrich, Kuranyi, Deisler, Hanke, Asamoah etc.) liest man wenig.
siehe auch: Die Torwartfrage
Allgemein
Geld, Geld, Geld
Jochen Siegle (Spiegel 25.7.) beschreibt den Geiz Malcolm Glazers: „Dass ausgerechnet ein Amerikaner, der jede Minute in einem Fußballstadion für eine verschwendete Minute hält, der neue Herr über das legendäre Stadion Old Trafford ist, hat in der großen ManU-Gemeinde einen kollektiven Zorn entfacht. (…) Auf Augenhöhe mit den Mächtigen der US-Wirtschaft gelangte der Aufsteiger, als er bei Zapata einstieg – einem Ölförderbetrieb, den George Bush senior in den fünfziger Jahren gegründet hatte, bevor er in der Politik Karriere machte. Glazer richtete die Firma neu aus. Mit Erfolg: Heute verdient Zapata Geld mit der Produktion von Fischöl und Airbags. Als Herzstück seines Imperiums gilt allerdings Glazers Unternehmen First Allied, eine Holding, in der auch seine Kinder mitregieren. Der Clan investiert in alles, was Profit verspricht: sei es in den Motorradhersteller Harley Davidson, sei es in den Spielzeugproduzenten Tonka. „Geld, Geld, Geld – Malcolm ist wie eine Maschine“, lästert seine Schwester Jeanette Goldstein. Sie weiß, wovon sie redet: Mit einigen seiner Geschwister hatte Glazer vor Jahren einen bizarren und langanhaltenden Rechtsstreit um das mütterliche Erbe geführt. Beliebtheit ist kein Wert, den Glazer anstrebt. Regelmäßig monieren seine Football-Profis die schlechten Bedingungen der Trainingsanlage, die intern nur noch „Fish shack“ („Fischhütte“) genannt wird. Selbst beim Stadionwachpersonal ist der Chef nicht hoch angesehen: Die Löhne sind so niedrig, dass sich keiner die Eintrittskarten leisten kann – und auf die Idee, mal Freitickets zu spendieren, sagt einer aus der Nachtschicht, käme ein Glazer wohl nie.“
Bundesliga
Suggestion einer Wichtigkeit, die nicht vorhanden ist
Pimp my Cup – Richard Leipold (FAS 24.7.) lässt die heiße Luft aus dem Ligapokal: „Die DFL verfolgt das Ziel, den Prolog zu einem bedeutenderen Datum im Fußballkalender zu machen. Deshalb hat sie dem Wettbewerb, der einst als „Supercup“ gestartet ist, einen Relaunch verpaßt und eine frühere Philosophie verworfen. Bisher tingelte der Ligapokal über die Dörfer, mit dem Anspruch, die Provinz in der Sommerpause zur Bühne für die Stars zu machen. Öffentlich-rechtliche Fernsehsender kamen mit diesem Konzept zurecht. Im Verbund mit dem neuen Partner Premiere wandelt sich der Ligapokal zum Hochglanzprodukt, aufgelegt in Arenen neuester Bauart. Der rustikale Charme der Provinz weicht dem unaufhaltsamen Trend zum Event. Statt Meppen, Dessau oder Wattenscheid heißen die Austragungsorte nun München, Leipzig, Gelsenkirchen und Düsseldorf. „Wir wollen dem steigenden Zuschauerinteresse nachkommen“, behauptet DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus. (…) Um den erhofften Wertzuwachs über das rein Pekuniäre hinaus zu dokumentieren, hat der Veranstalter den Ligapokal offiziell zum „ersten Titel der Saison erklärt“. Dieses Etikett suggeriert dem Publikum eine Wichtigkeit, die nicht vorhanden ist.“
Ohne Tempo und Witz
Viertelfinals des Ligapokals – Ulrich Hartmann (SZ 25.7.) reibt sich den Schlaf aus den Augen: „Was da in zweimal 90 müden Minuten zu erleiden war, wurde nur noch durch die posttraumatische Analyse des neuen Liga-Geschäftsführers Christian Seifert übertrumpft, der trotzig bilanzierte, das neue Format des Ligapokals mit seinem deutlich gesteigerten Preisgeld und dem Auftakt-Auftritt in der Düsseldorfer Großarena veranlasse zu einem „eindeutig positiven Zwischenfazit“. (…) Dieser Ligapokal nach neuem Muster sollte nach dem Willen der DFL alles Dagewesene in den Schatten stellen, die Gesamtdotierung beläuft sich auf 5,2 Millionen Euro, wodurch die Liga die sechs teilnehmenden Klubs animieren wollte, möglichst in Bestbesetzung anzutreten. Aber mitten in der Saisonvorbereitung lassen sich eben weder konditionelle noch spielerische Idealzustände simulieren. Die Spieler der vier Mannschaften agierten also gänzlich ungezwungen, aber auch ohne Tempo und Witz.“
Volksbelustigung
Daniel Theweleit (FR 22.7.) schildert die gezielte Saisonvorbereitung der Bayern: „Wenn der FC Bayern seinen Sommer plant, geht es nicht nur darum, Laktatwerte zu senken, Muskelmasse aufzubauen, taktische Feinheiten zu erarbeiten und Zugänge zu integrieren. Die Münchner sind der reichste Klub der Bundesliga, und die Sponsoren, die das viele Geld nach München überweisen, verlangen bisweilen ein bisschen mehr, als einen Aufdruck auf der Sportkleidung. Deshalb hält sich der Meister in Bonn auf, wo Hauptsponsor Telekom sitzt, und muss hier für allerlei Volksbelustigung herhalten. (…) Die anstehende Asienreise hat auch einen faden Beigeschmack. Nach dem Bonner Sponsoren-Trainingslager folgt mit dem Ligapokal-Halbfinale schon das erste Pflichtspiel, bevor es losgeht nach Japan zur nächsten Tour, deren Hauptziel das Geldvermehren ist. Die ohnehin noch nicht vorbereiteten Spieler, die den Confederations Cup bestritten haben, werden da kaum einen geordneten Trainingsbetrieb geboten bekommen. Noch im Winter beschwerte sich Magath, dass Spieler wie Ballack mit der Nationalmannschaft nach Asien reisen mussten, jetzt macht sein eigener Klub genau so einen Ausflug.“
WamS-Interview Giovanni Trapattoni und Andreas Brehme
WamS: Mit solidem Konzept strebt Eintracht Frankfurt den Klassenerhalt an