indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 23. Juni 2005

Deutsche Elf

Größter Gewinn des Jahres

Michael Horeni (FAZ 23.6.) hört die Anfeuerung der Fans für Robert Huth und feiert Jürgen Klinsmann und die Nationalmannschaft nach dem 2:2 gegen Argentinien: „Die Rufe für Huth sind auch eine Volksabstimmung für den Erneuerungskurs des Bundestrainers und dessen Mut, auf junge, lernbegierige Spieler zu setzen, ihnen Fehler in ihrem Entwicklungsprozeß zu verzeihen und sie vor veröffentlichter Kritik entschieden in Schutz zu nehmen. Die Fortschritte der deutschen Mannschaft in Wochenfrist im allgemeinen, aber auch von Robert Huth ganz speziell machen wie im Zeitraffer die Veränderungsdynamik deutlich, die der Bundestrainer ins Werk gesetzt hat. (…) Auch wenn es nicht zum Sieg gegen Argentinien reichte – psychologisch gelang Klinsmann mit seiner Maßnahme, auf Ballack zu verzichten, ein Meisterstück. (…) Selten hat in der jüngsten Vergangenheit ein Spiel seinen Zweck so sehr erfüllt wie diese Partie. In einer Begegnung, in der es scheinbar um nichts mehr ging, ist Klinsmann und seinem Team der bisher größte Gewinn des Jahres geglückt.“

Tendenz günstig

Philipp Selldorf (SZ 23.6.) hingegen lobt nüchterner und rät Klinsmann und Löw zu Maß: „Die beiden Trainer verbreiteten eine derart gewaltige Menge Zuversicht und Zufriedenheit, dass man sich fragte, ob sie einige Tatsachen der Partie – vor allem Argentiniens Überlegenheit am Ball – bewusst ignorieren oder ob sie bloß ihrem Glaubensbekenntnis folgen wollten: Das Äußern von Zweifeln kommt darin nicht vor. Im Gegensatz zu Klinsmann und Löw waren die anderen, nämlich die beteiligten Spieler, überwiegend missmutig und zum Teil sogar ärgerlich über das Erlebte, weil sie gegen die Weltmacht Argentinien nicht gewonnen hatten. Mit Vermessenheit hat das gar nichts zu tun, nur mit der Sehnsucht, einmal eine anerkannte Größe besiegen zu wollen. Daraus spricht, bei allem gewachsenen Selbstvertrauen in der jungen Mannschaft, auch ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl, das inzwischen über Generationen von deutschen Fußballern vererbt worden ist. (…) Die deutsche Mannschaft offenbart weiterhin alle Möglichkeiten: Die zur Blamage und die zum Triumph. Die Tendenz aber ist, keine Frage, günstig.“

Unsägliche Lobpreisungen

Jens Weinreich (BLZ 23.6.) verzieht manchmal die Miene, wenn Klinsmann seine Spieler benotet: „Es wäre angenehmer, wenn er seine Arbeit nicht ständig mit unsäglichen Lobpreisungen garnieren würde, die auch bei der hundertsten Wiederholung nicht überzeugender werden. Vielleicht sollte es Klinsmann, der seinen Auserwählten ein Handbuch für den Umgang mit den Medien ausgegeben hat, mal mit einem Rhetorikkurs versuchen.“

Niveau nicht mehr nur im Konjunktiv oder im Futur

Dagegen übertrumpft Michael Horeni (FAZ 23.6.) jeden Beifall der Trainer: „Die ersten sechzig, siebzig Minuten lieferten den Qualitätsbeweis, daß auch der deutsche Fußball vom höchsten Niveau nicht mehr nur im Konjunktiv oder im Futur reden muß (…) Die Nationalmannschaft wirkte nach ihren mitunter mühselig bewältigten Pflichten gegen Australien und Tunesien von frischem Selbstbewußtsein wie durchdrungen. Nicht einmal der bewußt inszenierte Verlust ihres Kapitäns konnte diese junge Mannschaft daran hindern, ihre Grenzen gegen allererste Konkurrenz ein gutes Stück nach vorne zu schieben.“

Bildstrecke vom öffentlichen Training, faz.net

Deutsche Elf

Die Leute mögen einfach diese Mannschaft

Telefonat mit Michael Horeni, Frankfurter Allgemeine Zeitung, über die Pressearbeit beim Confederations Cup, die neue Begeisterung für die deutsche Nationalelf und die Bayern-Lobby

indirekter-freistoss: Der Confederations Cup gilt als Generalsprobe für die WM 2006. Bewerten Sie bitte die Organisation, erstens für die Presse…

Horeni: Es gibt ein großes Ärgernis unter den Journalisten: Die Pressekonferenz nach dem Spiel ist nicht mehr für alle zugänglich. Das müssen Fifa und OK ändern, besser: rückgängig machen, denn diese Einschränkung gab es bisher nicht. Da wird vielen Kollegen die Grundlage zu einer Berichterstattung über Fußball entzogen, indem man ihnen den Zugang zu den handelnden Personen verweigert. Die Fifa scheint Interesse daran zu haben, die Printmedien zu reglementieren. So wenig Konflikt, Kritik und Hintergrund und so viel Oberfläche wie möglich, soll das wohl zur Folge haben.

if: …zweitens allgemein?

Horeni: Auf keinen Fall besser als bei anderen Welt- und Europameisterschaften. Wenn man behauptet, die Deutschen könnten alles besser als die andern, dann muss ich was verpasst haben.

if: Überraschend sind Bedeutung und Wertschätzung des Sportlichen während des Turniers deutlich gestiegen. Wie begründen Sie die Begeisterung für die deutsche Nationalelf bei den Fans und in der FAZ?

Horeni: In dieser Mannschaft lebt ein neuer Geist. Die Fans haben ein sehr feines Gespür dafür, dass sich etwas bewegt; sie haben ja alle die letzte Europameisterschaft noch im Kopf. Dank Jürgen Klinsmann spielt die deutsche Elf nun wieder Fußball, den die Leute gerne sehen wollen: offensiv, geradeaus, mit jungen Spielern. Die Leute spüren, dass plötzlich jemand da ist, der etwas wagt, der sich gegen alte Strukturen durchsetzt, der vieles von dem tut, was lange gefordert, aber nirgendwo umgesetzt worden ist – ob in der Bundesliga, in Verbänden oder auch in manchen Medien. Klinsmann hat Mut zu Änderungen, geht Risiko ein, hat Erfolg und zeigt eine neue Perspektive – das ist fast zu viel des Möglichen. Die Leute erwarten gar nicht unbedingt den Weltmeisterschaftstitel, sie mögen einfach diese Mannschaft. Das ist der Erfolg Klinsmanns.

if: Klinsmanns Statements nach Spielen wirken auf den Fernsehzuschauer sehr ähnlich, allenfalls in Nuancen verschieden. Ein Grund für Kritik?

Horeni: Sein Spektrum ist klein, meist gibt es sehr viel Lob für die Spieler. Auf der einen Seite würde ich mir eine Differenzierung wünschen. Auf der anderen Seite muss man sich selbst fragen: „Warum macht er das? Er sieht doch auch, dass manche Dinge schlechter laufen als andere.“ Oliver Bierhoff hat das gut erklärt: Es gehe darum, der Mannschaft Sicherheit zu vermitteln und den Spielern Vertrauen zu dokumentieren; sie dürfe Fehler machen und erfahre trotzdem Rückendeckung, solange sie die Grundsätze der Gemeinschaft befolgt: gegenseitiges Vertrauen, großes Engagement, Leistungsbereitschaft, Lernwilligkeit. Wenn die Mannschaft gefestigter sein wird, kann ich mir vorstellen, dass Klinsmann auch mal andere Töne anschlagen wird.

if: Was halten Sie davon, dass Klinsmann sich oft auf das Urteil anderer Nationaltrainer beruft? Empfinden Sie das als Schwäche?

Horeni: Ich kann ihn gut verstehen. Bei all den vermeintlichen und selbsternannten Experten in den Boulevardmedien und in der Bundesliga, möchte er sich auf eine neutrale Instanz berufen. Gerade in Bild gibt es immer wieder unterschwellige und direkte Kritik von so genannten Fachleuten, die seinen Weg kritisieren. Da ist der Hinweis auf den Beifall anderer Kompetenzen hilfreich: „Seht mal her! José Pekerman lobt uns, Carlos Alberto Parreira lobt uns, die Franzosen loben uns. Seht den deutschen Fußball mal von Außen! Wenn ihr diese, meine, Perspektive einnehmt, dann seht ihr: Es geht voran.“ Aber in der Tat, es ist ein Moment der Schwäche, es ist eine Rechtfertigung.

if: Wie bewerten Sie die Pressearbeit Klinsmanns?

Horeni: Ich war jetzt bei fast allen Spielen dabei, seit er da ist. Der größte Unterschied zu seinem Vorgänger ist, dass die meisten Pressekonferenzen wesentlich substanzieller geworden sind. Man kann plötzlich über sportliche Dinge und taktische Fragen sprechen und sich über den internationalen Fußball austauschen. In dieser Qualität ist das neu. Klinsmann kann viel mehr erzählen als seine Vorgänger; ich denke dabei auch an Rudi Völler. Daher lohnt es sich für Journalisten, bei seinen Pressekonferenzen dabei zu sein. Man stellt Fragen und erhält eine Antwort mit Inhalt. Das ist ein großer Vorteil. Allerdings muss man bei Klinsmann hinzufügen, dass seine Offenheit begrenzt ist. Wenn es um persönliche Empfindungen und Eindrücke geht, zieht er eine Grenze, die er nicht überschreitet. Ein weiterer Vorteil der Klinsmann-Ära ist das Fachpersonal an seiner Seite, die das Meinungs- und Ideenspektrum erweitert haben. Wenn wir die Situation mit der Völler-Zeit vergleichen – da gab es ja überhaupt keinen neben dem Trainer, der eine kompetente Meinung hätte beisteuern können. Mittlerweile arbeiten Oliver Bierhoff, Joachim Löw, Hans-Dieter Hermann, Urs Siegenthaler für den DFB. Das sind mitunter originelle Typen, mit denen es Spaß macht, über Fußball zu reden. Ein Sonderfall, das sollte man TV-Zuschauern mitteilen, ist es, wenn die Kameras bei Pressekonferenzen laufen, wie jetzt beim Confed-Cup. Das erzeugt eine noch künstlichere Atmosphäre als bei Pressekonferenzen ohnehin üblich.

if: Anderes Thema: die Bayern-Lobby, ein Dauerbrenner der Medien. Zum ersten Mal habe ich das bewusst von Ihnen gelesen, in einem Porträt über Andreas Möller vor etwa drei Jahren, der deshalb nicht die Anerkennung erhalten habe, die ihm zusteht, weil er das „richtige“ Trikot nicht getragen habe, nämlich das des FC Bayern. Was ist dran an der Bayern-Lobby, gibt es sie überhaupt?

Horeni: Die Bayern-Lobby gibt es, und sie funktioniert. Lassen Sie mich das an einem Beispiel deutlich machen: Bei der letzten WM ging es im Vorfeld darum, wer im Sturm spielt, Carsten Jancker oder Oliver Bierhoff? Da konnte man sehr gut beobachten, wie Karl-Heinz Rummenigge, Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß immer und immer wieder Bierhoff in verschiedenen Medien angegriffen haben – und Jancker über alles gelobt. Das wurde in allen Zeitungen gedruckt, in jeder Sendung war davon zu hören. Dieser Druck erzeugt Wirkung, nicht alle Trainer können sich davon freimachen. Es gelingt den Bayern-Offiziellen oft, den Wert ihrer Spieler, nicht zuletzt ökonomisch, durch öffentliche Diskussionen zu erhöhnen. Kürzlich traf Bierhoff in offizieller Mission Franz Beckenbauer und war ganz überrascht, wie freundlich Beckenbauer sich gegeben hat. Bierhoff sagte: „Aber du hast mich doch immer nur kritisiert.“ Beckenbauer entgegnete: „Ja schon, aber das war doch nie persönlich gemeint.“ Die Bayern verfolgen zuerst ihre Interessen.

if: Ist Oliver Kahn ein Begünstigter?

Horeni: Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass Klinsmann sich in der Torwartfrage von den Bayern beeinflussen lässt. Das sieht man an der Ankündigung Klinsmanns, die Entscheidung in den Mai 2006 zu vertagen. Übrigens glaube ich, die Bayern sind sehr froh, dass Klinsmann die Torhüterrotation eingeführt hat. Er hat Kahn dadurch klargemacht, dass er sehr viel tun muss, um die Nummer 1 zu bleiben. Das haben die Bayern gerne gesehen, seine Leistungen hat er ja auch im Verein gesteigert.

if: Über die SZ ist zu lesen, sie sei das neue Leitmedium im Fußball – oder kritisch ausgedrückt „das Sprachrohr Klinsmanns“. Welche Bedeutung messen Sie dem Interview bei, das Klinsmann der SZ vor einem Jahr gegeben hat und das die Trainerfindung des DFB beeinflusst haben soll?

Horeni: Ob es einem gefällt oder nicht – das Leitmedium in Deutschland ist nach wie vor die Bild-Zeitung. Klinsmann hat in der Phase nach der EM in Portugal drei Interviews gegeben: Das erste am Tag des Finales in unserer Sonntagszeitung, bereits mit deutlichen Aussagen. Da hat man an ihn als Trainer noch nicht gedacht, weil alle glaubten, Otto Rehhagel werde es ohnehin. Dann ist ein Interview mit Klinsmann in den Stuttgarter Nachrichten erschienen und erst dann das in der SZ, das Sie ansprechen. Diese drei erschienen in der Phase des großen Durcheinanders, wenn man so will, zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt. Der DFB hätte am Ende ja fast jeden genommen.

if: Da können wir ja froh sein, dass die richtigen im Urlaub waren. Und wo verortet sich die FAZ?

Horeni: Wir sprechen mit allen und lassen alle Leute zu Wort kommen, die relevant sind. Wir schreiben unsere Meinung, ohne das Sprachrohr von irgendjemandem zu sein.

Fragen von Oliver Fritsch

Mittwoch, 22. Juni 2005

Interview

Das ist Entwicklung, das ist Kontinuität

Sehr, sehr lesenswert! Urs Siegenthaler mit Michael Ashelm & Michael Horeni (FAZ 21.6.)
FAZ: Warum haben Länder wie Argentinien oder Italien eine so große Tradition in Sachen Taktik, während Deutschland hinterherhinkt?
US: Wenn mein Geschäft jedes Jahr gut läuft, dann will man nichts ändern. Wenn dann erstmals eine Flaute kommt, hat man rasch eine Erklärung parat. Im ersten Jahr ging die Konjunktur zurück, im zweiten waren zwei wichtige Mitarbeiter krank, im dritten Jahr sagt man: Wir haben noch was im petto, wir arbeiten daran. Und wenn Sie beim DFB in die Zentrale kommen, sind Sie erst einmal beeindruckt von den steinernen Siegestafeln, die da stehen. Und dann kommt da der kleine Schweizer und sagt: Moment mal, macht doch mal einen Strich im Jahr 1998 – und schaut, was danach noch auf den Steinen steht. Das kann ein Problem sein. Aber nun ist ein absoluter Glücksfall eingetreten, daß jemand für die Nationalmannschaft verantwortlich ist, der die Bereitschaft mitbringt, etwas zu ändern – und das Risiko eingeht, etwas falsch zu machen.
FAZ: Ist die Bereitschaft in anderen Ländern zu Veränderungen größer?
US: Ja. Jürgen Klinsmann hat mich zum Beispiel, als Mayer-Vorfelder dabei war, um die Einschätzung nach einem bestimmten deutschen Spieler gefragt. Das ist eigentlich gar nicht meine Aufgabe, ich beobachte ja die anderen Teams. Ich sagte: Weißt du was, Jürgen. Rufe die Engländer an! Die haben seit vier Jahren drei oder vier Leute dafür abgestellt. Die Engländer kennen unsere Spieler besser als wir. Ich habe Mayer-Vorfelder und dem Trainerstab Bilder von Argentinien aus einem Zeitraum von acht Jahren gezeigt. Die Szenen waren nahezu deckungsgleich, es waren fast die gleichen Spieler, die früher in der U20 Weltmeister wurden und heute in der Nationalelf spielen. Da habe ich zu Herrn Mayer-Vorfelder gesagt: Das ist Entwicklung, das ist Kontinuität. Die Argentinier rennen heute nicht, weil sie gegen Deutschland oder Brasilien spielen. Die rennen seit acht Jahren so. Das ist die Pekerman-Schule. Wenn sich jetzt in Deutschland drei, vier Leute zusammensetzen, um sich Gedanken zu machen, für den deutschen Fußball eine eigene Philosophie und Ausbildungsstrategie zu entwickeln, dann hätte ich mehr als meinen Dienst getan. (…) Die Franzosen haben einen wunderbaren Spruch: Wir brauchen nicht die Bekanntesten, sondern die Geeignetsten. Bei denen sitzen keine Platinis, da sitzen zwanzig Siegenthalers. Die kennt kein Mensch. Pekerman hat auch niemand gekannt, Mourinho vor vier Jahren auch nicht.
FAZ: Sie wurden als Schweizer nicht gerade freundlich in Deutschland aufgenommen.
US: Die Kritik bei meiner Anstellung hat mir ein bißchen weh getan. Man sollte niemanden verurteilen, bevor man seine Arbeit gesehen hat. Wenn bei uns in der Schweiz einer aus Lettland in einem Chemiekonzern arbeitet, würde kein Schweizer sagen: Warum arbeitet der bei uns? Wir sagen: Wenn der aus Lettland bei uns einen Job bekommt, dann muß er gut sein.
FAZ: In Deutschland haben Sie zumindest viel Arbeit vor sich.
US: Jürgen ist manchmal enttäuscht, weil es so langsam vorangeht. Da sage ich: Jürgen, die Franzosen haben sich 1966 nicht für die WM qualifiziert. Danach entschieden sie sich, was zu ändern. 1984 gewannen sie den ersten Titel. Es dauert 18 Jahre.
FAZ: Und wie schaut Jürgen Klinsmann dann?
US: Er will es nicht glauben.

FR-Portrait Siegenthaler

Confed-Cup

Stabilität

Stefan Osterhaus (NZZ 22.6.) berichtet vom 2:2 Deutschlands gegen Argentinien: „Ungewöhnlich hoch war das Tempo innerhalb der ersten halben Stunde, die die Deutschen als das engagiertere Team auswies. (…) Dass Timo Hildebrand sich nicht ein Mal durch energische Interventionen auszeichnen musste, verdeutlicht, dass die Mannschaft Klinsmanns allmählich an jener Stabilität gewinnt, die noch in den letzten Matches schmerzlich vermisst wurde.“

mehr über das 2:2 zwischen Deutschland und Argentinien: morgen

Deutsche Tugenden

„Mexiko ist die Entdeckung des Turniers“, schreibt Frank Heike (FAZ 22.6.): „Seit der Argentinier La Volpe im Oktober 2002 den Posten des mexikanischen Nationaltrainers angenommen hat, zeigen die Mittelamerikaner einen dynamischen, laufintensiven, gut organisierten Fußball, der nicht zu verspielt und dabei nicht auf Zerstörung ausgelegt ist. Insofern paßt das Etikett „die Griechen Mittelamerikas“ nicht, das mancher Betrachter dem Team nach dem 1:0 gegen Brasilien anheftete. (…) Ihre Taktik erfordert Mannschaftsgeist, Unterordnung, enorme Laufstärke und viel Leidensfähigkeit, auch noch in der 90. Minute aufzurücken und Bälle abzufangen. Man könnte fast sagen: deutsche Tugenden. Daß die Mexikaner auch ballsicher sind und ihn ungern wieder hergeben, ist altbekannt.“

Modern

Thomas Kilchenstein (FR 22.6.) fügt hinzu: „Mexiko spielt modern und laufintensiv, die Spieler sind ballsicher – auch die Verteidiger. Die ganze Mannschaft ist ständig in Bewegung. Sie verteidigt, falls nötig, auch mal mit acht, neun Mann, attackiert oft zu zweit oder zu dritt den ballführenden Gegenspieler.“

Dr. Roque und Mister Junior

Christoph Biermann (SZ 22.6.) beschreibt die zwei Gesichter Roque Juniors, Abwehrspieler in Brasilien und Leverkusen: „In der Saison nach dem Titelgewinn Brasiliens in Yokohama war Roque Junior beim AC Mailand nur vier Mal eingesetzt worden. Einen Sommer später wurde er an Leeds United ausgeliehen und ist seitdem in England unvergessen – als Witzfigur. „Selbst in der schlechtesten Defensive von Leeds aller Zeiten, schaffte Roque Junior es noch herauszustechen“, spottete der Guardian. So spielte er in nur sieben Partien für Leeds, erlebte dabei 25 Gegentore und kehrte unter großem Gelächter des englischen Publikums nach Italien zurück. Dass Roque Junior später sagte, „das Höllentempo in England“ habe ihm „gefallen“, dürfte also zu den größeren Verdrängungsleistungen des internationalen Fußballs gehören. Zurück in Italien wurde der Mann mit dem Erscheinungsbild eines Funkmusikers der siebziger Jahre an den AC Siena ausgeliehen, wo er auch nur fünf Partien absolvierte. (…) In Leverkusen wird erzählt, dass sich brasilianische Spieler immer wieder danach erkundigen würden, ob ihre Einsätze im Klub live in der Heimat gezeigt würden. Es gehört nicht viel detektivisches Geschick zu der Vermutung, dass Roque Junior dazu gehört. Der 44-malige Nationalspieler ist nämlich ein Dr. Roque und Mister Junior: auf internationaler Bühne hui, auf nationaler Bühne na ja. In der Seleçao blieb er auf diese Weise aber trotz eines Platzes auf der Ersatzbank in Mailand, trotz Pleiten, Pech und Pannen in Leeds und trotz nicht unbedingt spektakulärer Leistungen in Leverkusen eine unverrückbare Säule.“

Dieser Trainer hat was

Japan und Zico, wie passt das, Roland Zorn (FAZ 22.6.)? „Vielleicht ist es das langlebige Überlegenheitsgefühl des einstigen Souveräns am Ball, das die ihn scharenweise umschwirrenden japanischen Reporter manchmal schaudern läßt. Wer vertraut sich schon einem oft Unnahbaren und lange Unerreichbaren an? Deshalb klagen sie in Japan bei scheinbar günstiger Gelegenheit halblaut über angebliche taktische Defizite Zicos. Doch alles Gejammer stößt sich an der Wirklichkeit, mit der Zico locker Pluspunkte sammelt: Er ist mit Japan 2004 Asienmeister geworden, hat mit seiner Mannschaft 2005 als erster die WM-Qualifikation geschafft und spielt auch beim Confed Cup eine kleine Hauptrolle. Ein Sieg über Brasilien, und alle Welt würde über Zico und sein Team reden. (…) Dieser Trainer, kein Zweifel, hat was – gerade weil er sich nicht in die Karten gucken läßt. Vor allem eines verkörpert Zico zum Nutzen seines Teams beispielhaft: unerschütterliches Selbstbewußtsein.“

Wie jetzt? Tore schießen? Geht das?

Japan und Zico, das passt ganz hervorragend, findet Christof Kneer (SZ 22.6.): „So ist das also, wenn der brasilianische Trainer einer japanischen Nationalmannschaft bei einem Turnier in Deutschland Fragen beantworten muss: Ein Deutscher fragt. Ein anderer Deutscher übersetzt ins Japanische. Ein Japaner übersetzt ins Portugiesische. Dann antwortet Zico, und dann geht die Reise von Brasilien über Japan zurück nach Deutschland. Es gehört seit jeher zur Folklore eines solchen Turniers, dass Pressekonferenzen doppelt so lange dauern, aber halb so viel bringen. Man könnte immerhin herrliche empirische Studien darüber erstellen, wie sich simple Fragen auf ihrer Reise durch die Kontinente mit gefühlter Bedeutung aufladen, weil Sind-sie-mit-dem-Ergebnis-zufrieden auf Japanisch noch geheimnisvoller klingt als auf Portugiesisch. Aber im Falle von Zicos Japan sind solche Pressekonferenzen mehr als nur eine flotte Marginalie. Sie sind wahrer als alle anderen Pressekonferenzen bei diesem Turnier, weil sie eine Fortsetzung des Spiels mit anderen Mitteln sind. So wie diese Pressekonferenzen gehen, so ungefähr spielt Japan auch. Es geht hin und her und her und hin, und am Ende springt nicht viel dabei heraus. Der Japaner hat schon viele Dinge erfunden, aber die Effizienz gehört nicht dazu. (…) Wie jetzt? Tore schießen? Geht das?“

Druck im Verein, Druck im Nationalteam

Ralf Weitbrecht (FAZ 22.6.) schildert den Karriereknick Angelos Charisteas’: „Es läuft derzeit wenig rund. Seit seinem Weggang aus Bremen sind bei seinem neuen Arbeitgeber Ajax Amsterdam die zündenden Momente bislang ausgeblieben. In 15 Spielen erzielte er fünf Tore; zudem wird Charisteas bei seinen Angriffsbemühungen immer noch an seinem schwedischen Vorgänger Zlatan Ibrahimovic gemessen. Druck im Verein, Druck auch im Nationalteam. Als Europameister trägt auch Charisteas an der Bürde, im vergangenen Jahr eine Sternstunde erlebt und geradezu Märchenhaftes erreicht zu haben. Der unverhoffte Erfolg aber hat neue Begehrlichkeiten und Hoffnungen geweckt, die aktuell beim Confederations Cup bitterlich enttäuscht worden sind.“

FR: Kritik der griechischen Presse an Otto Rehhagel

FAZ: Riquelme – Meister in der Kunst des Nötigen

Ball und Buchstabe

Der neue Ton

TV-Kritik – Michael Hanfeld (FAZ/Medien 21.6.) spricht uns aus dem Herzen [mir zumindest]: „In puncto Fußball sieht man mit dem Zweiten wirklich besser – als im miesepetrigen Ersten. Spiegeln die Mainzer doch viel adäquater, was die deutsche Herrennationalmannschaft sich leistet: eine Abwehr mit Löchern, aber vor allem einen Sturm mit Drang. Wer das am besten erkennt und spürbar mit Lust an der Sache dabei ist, ist – neben Johannes B. Kerner – Jürgen Klopp. Fachlich ausgewiesen, dabei verständlich formulierend, fröhlich und witzig tritt er als würdiger Anti-Netzer auf und zieht dabei sogar Urs Meier mit, der um der nichtalpinen Zuschauer willen vielleicht etwas weniger nuscheln sollte, dann wären seine Anekdoten noch anschaulicher wie jene von dem von ihm vor Jahren gepfiffenen Spiel zwischen Brasilien und Argentinien, bei dem er in der zweiten Minute schon ein Tor gab, das er vor allem dank der Bewegungen des Linienrichters als solches anerkannte. So erfuhren wir also etwas von der Angst des Schiris vor dem Pfiff. (…) Das ist der neue Ton im ZDF, den wir dem Spiel, um das es hier geht, für unbedingt angemessen halten. Mainz spielt jedenfalls augenblicklich in der ersten Liga und – ist sogar Tabellenführer.“

Kollektive Fluchtbewegung, untergründige Massenpanik

Trend Arena – eine semantische und architektonische Analyse von Dieter Bartetzko (FAZ 16.6.): „Seit der Antike werden die Begriffe Stadion und Arena synonym verwendet. Trotzdem deutet sich darin ein entscheidender Wandel an. Denn im allgemeinen Sprachgebrauch verbindet sich mit dem Wort Stadion die Vorstellung von fairen sportlichen Wettkämpfen, mit Arena dagegen verknüpft man die Gemetzel in den römisch-antiken Amphitheatern. Und daß im Lauf der letzten Jahre die Hooligans in Fußballern Gladiatoren und in Fußballspielen Schlachten auf Leben und Tod sehen, ist eine Binsenweisheit. (…) Doch es gibt noch eine Deutungsmöglichkeit der Allianz-Arena, die sie, stallvertretend für all die anderen Stadien, zum Manifest und Kronzeugen einer allgemeinen Stimmung macht, die alles andere als zukunftsfroh ist: Betrachtet man den Riesen aus der Vogelperspektive, zeigt er zoomorphe Züge. Man kann das Stadion mit einer Seeanemone vergleichen. Damit schließt der Riesenbau auf zu jener Stilrichtung, die derzeit unter den wechselnden Adjektiven biomorph und technoid als avantgardistisch Furore macht. Was sich in ihnen spiegelt, ist eine kollektive Fluchtbewegung, eine untergründige Massenpanik, die auf die aktuellen lokalen wie globalen Krisen so reagiert wie vor fast dreihundert Jahren die Bürger Europas auf ihre: mit einem sehnsüchtigen „Zurück zur Natur“. Zurück zur Natur aber, und zwar zur menschlichen, führt in all diesen Stadien nur eines: das Fußballspiel.“

Dienstag, 21. Juni 2005

Confed-Cup

Die können ja kicken

Roland Zorn (FAZ 21.6.) begründet sein Vergnügen am Turnier mit der Leistung der Außenseiter: „Das verehrte Publikum soll und darf bei diesem deutschen Vorspiel mit interkontinentaler Verankerung gern staunen und ehrlicherweise zugeben, daß das Universum des Fußballs viel schöner, farbiger, reizvoller ist, als sich das eurozentrisch fixierte Fachbeobachter vorher ausmalen mochten. Gerade ohne die sonst ortsübliche Verbissenheit der Meisterschafts- und Pokalspiele entfalten sich die Qualitäten der Besuchergruppen aus sonst schon mal übersehenen Fußballändern wie Tunesien, Australien, Japan, sogar Mexiko auf das anschaulichste. „Die können ja kicken“, sagt dann sogar mancher, der es längst besser wissen müßte. Der nicht ganz so bitterernst umkämpfte Konföderationenpokal ist eine wunderbare Gelegenheit, etwas länger bei den vermeintlich Unscheinbaren des Weltfußballs zu verweilen und deren Fortschritte zu beklatschen.“

Spezialist für kleine Welten

Christof Kneer (SZ 21.6.) prophezeit Griechenland unter Otto Rehhagel den Abstieg: „Nicht mal seine Feinde würden bestreiten, dass der Trainer Rehhagel über ein paar magische Fähigkeiten verfügen muss. Er kann Kaiserslautern zum deutschen Meister und Griechenland zum Europameister machen. Griechenland ist das Kaiserslautern des Weltfußballs, der Betzenberg ist der pfälzische Olymp. Rehhagel kennt sich aus mit heiligen Bergen, nur hält er dort oben so gerne Hof, dass er oft den Abstieg vergisst. Er ist ein Spezialist für kleine Welten, dieser Otto Rehhagel, aber große Welten kann er nicht. Es war erschütternd, seine Europameister im Spiel gegen Japan zu betrachten, und man kann schon jetzt jenen teufelsroten Faden erkennen, der sich von Kaiserslautern bis nach Griechenland erstreckt. Hier wie dort hat Rehhagel seine Sportler so vollgepumpt mit seinen Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Botschaften, dass der Rest der Welt am Ende tatsächlich unterlag. Aber hier wie dort offenbaren sich seine Probleme, die Euphorie zu moderieren. In Kaiserslautern hat der Größenwahn Einzug gehalten nach dem Titelgewinn, und auch die Griechen fühlten sich anfangs so sehr als Europameister, dass sie wie dessen Gegenteil spielten.“

So nicht!

Otto Rehhagel, kein Freund der Journalisten – Ingo Durstewitz (FR 21.6.): „Nach der Vorführung des Europameisters durch die noch nicht als Fußballweltmacht aufgefallenen Japaner hat der seltsam lethargisch wirkende Rehhagel plötzlich die Zähne gezeigt. Sein Opfer: Ein armer Pressemensch, den der hellenische Nationaltrainer nach allen Regeln der Kunst vorführte. Der Reporter besaß die Frechheit, den Großmeister mit der Frage zu behelligen, ob er nicht darüber nachgedacht habe, die wuseligen Japaner – analog zum System bei der EM – in Manndeckung zu nehmen. „Können Sie die Viererkette aufsagen, mit der wir im EM-Endspiel Portugal geschlagen haben?“, konterte Rehhagel. Der Journalist schüttelte schuldbewusst den Kopf, Rehhagel tat es ihm nach und dozierte mit Gönnermiene von oben herab: „Wenn sie das gewusst hätten, hätten Sie eine solche Fragen stellen können – aber so…“ Kunstpause. „…so nicht!““

Flink, frech, forsch

Ralf Weitbrecht (FAZ 21.6.) ist angetan von den Japanern: „Es war nicht der Tag der Griechen, denen so gut wie nichts gelingen wollte. Kaum Spielwitz, kaum Torchancen – in der Summe war die neunzigminütige Arbeitsprobe des Europameisters gegen den Asienmeister Japan eine einzige Enttäuschung. (…) Flink, frech, forsch – die körperlich unterlegenen Japaner machten aus diesem vermeintlichen Nachteil eine Tugend, anders als die behäbigen Griechen zeigten sie über weite Strecken ansehnlichen Kombinationsfußball.“

Mexikanischer Schwarm

Matti Lieske (taz 21.6.) staunt über Mexiko: „Defensive ist nicht das Einzige, was die Mexikaner können. Hatten sie den Ball, schwärmten sie in Windeseile aus und setzten die Brasilianer mit einer Mixtur aus kurzen und weiten Pässen unter Ausnutzung des gesamten Spielfeldes unter Druck.“

FAZ: Brasilien – aus Selbstsicherheit wird Arroganz und Verzweiflung

FR-Interview mit Horst R. Schmidt über Ticketing, Sicherheit u.v.m.

Ball und Buchstabe

Mini-WM und Maxi-Verwirrung

Christof Kneer (SZ 20.6.) klagt über das neue Abseits: „Man muss der Fifa wahrscheinlich dankbar sein, dass sie mit der neuen Regelauslegung für Chancengleichheit gesorgt hat. Ab sofort haben Experten und Laien ungefähr den gleichen Wissensstand: Was es mit dem Abseits auf sich hat, weiß jetzt keiner mehr so genau. Noch keine zehn Minuten lief das Eröffnungsspiel zwischen Argentinien und Tunesien, als plötzlich ein Argentinier klar im Abseits stehend zu einem Angriff aufbrach und nicht zurückgepfiffen wurde. Als er den Ball eingeholt hatte, passte er nach innen, worauf er plötzlich doch mit einem Fahnenschwenk des Assistenten bestraft wurde: Abseits. Ein paar Stunden später, beim Spiel der Deutschen gegen Australien, baute sich der Australier Emerton bei einem Freistoß so frech vor Oliver Kahn auf, dass der den Flug des Balles bestenfalls ahnen konnte. Abseits? Im Gegenteil: Freispruch. Emerton hatte den Ball nicht berührt. Es ist wohl keine Schande, die neue Regelauslegung nicht zu verstehen. Nicht mal die Schiedsrichter dürfen als textsicher gelten, wie der Fall Kahn beweist; auch nach der neuen Auslegung hätte diese Szene abgepfiffen gehört, weil Behinderungen des Gegenspielers auch weiterhin untersagt sind. Schon regt sich im Verborgenen Widerstand bei jenen, die die bizarre Regel künftig zur Anwendung bringen müssen. (…) So muss als erster Trend dieser zur WM-Generalprobe hochgewerteten Mini-WM eine Maxi-Verwirrung bilanziert werden.“

Passiv aktiv

Markus Völker (taz 20.6.) ergänzt: „Die Abseits-Neuerung ist revolutionär: Abseits ist, wer abseits steht, nichts anderes besagt die große Abseitsreform. Angeklagt wird nur noch jener Spieler, der aus dem Abseits heraus den Ball bekommt, den Torhüter behindert oder passiv aktiv wird, also wiederum den Ball erhält. Alles klar?“

Ballschrank

Unangreifbarer Komet

Diego Maradona – Experte, Orakel oder Folklore? Josef Oehrlein (FAZ 21.6.) hört zu: „Wenn Maradona in Argentinien ist, räsoniert, schwadroniert, agiert er wie ein Weltmeister. Er läßt keine Gelegenheit aus, öffentlich seine Meinung kundzutun. Die Themen spielen keine Rolle, zu allem hat er etwas zu sagen. Auch wenn er sich auf seiner Kometenbahn an einem weit entfernten Punkt befindet, dröhnt es noch gewaltig. Er selbst habe Gott darum gebeten, Argentinien gegen den Erzrivalen Brasilien vor zwei Wochen ein 3:1 zu schenken, und Gott hat ihn selbstverständlich erhört. Das Spiel im Stadion von River Plate hat er nicht gesehen. Seine Worte sprach er in Italien, wo er an der Hommage für seinen früheren Mannschaftskollegen Ciro Ferrara teilnahm und überhaupt in alten Erinnerungen an Neapel schwelgte. In jüngster Zeit, seit es ihm gesundheitlich besser geht, versucht Maradona den Schwerpunkt seiner Umlaufbahn über Argentinien zu halten. (…) Im Fußball scheint ihm ein wenig das Augenmaß abhanden gekommen zu sein. Das ist vor allem an seiner Beurteilung der aktuellen Fußballszene in Argentinien abzulesen. Dem erfolgreichen Jose Pekerman bescheinigte er irrigerweise, daß ihm „eine ganze Menge“ zur Leitung des Nationalteams fehle. Möglicherweise hat Maradona nicht bemerkt, daß da ein argentinischer Fußball ganz neuer Art entsteht und daß der besonnene, wortkarge Pekerman das genaue Gegenteil zu seinem eigenen emotional überschäumenden Charakter ist. Maradona, dessen Fußballkommentare in seiner Heimat kaum jemand mehr ernst nimmt, kann sich derlei Fehlurteile leisten. Zusammen mit den Fixsternen Evita Peron und Carlos Gardel bildet der Komet Maradona längst das Dreigestirn der Nationalheiligen Argentiniens. Und ist damit unangreifbar geworden.“

Deutsche Elf

Überraschende Wendung

Timo Hildebrand spielt – Michael Horeni (FAZ 21.6.) erhält „eine neue Antwort auf eine alte Frage“: „Die deutsche Torhüterfrage, die seit einem Jahr Oliver Kahn oder Jens Lehmann lautet, nahm dabei eine überraschende Wendung. Das alte Sprichwort, wonach sich der Dritte freut, wenn zwei sich streiten, wurde damit aktuell konkretisiert.“

4 von 24

Jan Christian Müller (FR 21.6.) liest zwischen Klinsmanns und Löws Zeilen: „Man kann vermuten, dass das Trainerteam nicht nur die gute Verfassung des 26-Jährigen Hildebrand beurteilt hat, sondern auch das sonderbare Verhalten von Oliver Kahn. Insoweit wäre es nur konsequent, hätte auch das zur Entscheidungsfindung beigetragen. Kahn hatte sich als Ersatzmann für das Spiel gegen Tunesien nach Rücksprache mit dem Mannschaftsarzt rückenverletzt abgemeldet, sich sonderbarerweise jedoch gut genug gefühlt, am Abend auf der reichlich bevölkerten Kölner Friesenstraße Gassi zu gehen. Und am Sonntag trainierte Kahn fleißig mit Köpke. Heute wird Kahn, den es irgendwo hinten aber wohl doch noch zwicken muss, dem Kader nicht angehören. Statistiker haben inzwischen ermittelt, dass der Ex-Kapitän nur bei 4 der 24 Länderspiele, die Rivale Lehmann bisher absolvierte, als Ersatz auf der Bank saß.“

SZ-Interview mit Oliver Kahn

FAZ-Interview mit Per Mertesacker

taz-Portrait Per Mertesacker

Montag, 20. Juni 2005

WM 2006

Auf Wochen fremdbestimmt

Generalprobe Confederations Cup? Im Spiegel (20.6.) lesen wir: „Selbst ausgebufften Profis des deutschen WM-Organisationskomitees 2006 wurde erst vorige Woche richtig klar, welch ein Monstrum da im kommenden Jahr Fußball-Deutschland heimsuchen wird – und wie die Fifa eine ganze Nation überrollt. Wer ein Fifa-Turnier ins Land holt, ist auf Wochen fremdbestimmt. (…) Am liebsten hätten die Fifa-Gewaltigen eine WM vom Reißbrett und Stadien, die eigens entworfen werden für die Mega-Show. Beim letzten Turnier in Japan und Südkorea war das der Fall. In Deutschland trifft die Fifa auf die gewachsenen Strukturen der Vereine. (…) Beim Eröffnungsspiel der Argentinier in Köln sind im Fernsehen zumeist leere Ränge zu sehen. Anders als bei Länderspielen üblich waren die billigen Karten eher verkauft als die teuren. Da jedoch die teure Haupttribüne häufiger im Bild ist, erwog das OK ernsthaft, die Zuschauer ohne Aufpreis auf die besseren Plätze zu bitten – eine Idee, die aus praktischen Gründen wieder verworfen wurde. Vize Horst Schmidt hat es geahnt: „Wir haben hier beim Confederations Cup ein anderes Publikum.“ Das haben auch die Sicherheitsbehörden längst erkannt. Für sie ist das Turnier keine Blaupause fürs nächste Jahr. Genauso, wie man das Elfmeterschießen in einem WM-Finale nicht an der Torwand des ZDF-Sportstudio simulieren kann. Es gibt beim Confederations Cup keine Sonderfernzüge zu den Spielen, mit Fans, die diese Züge auseinander nehmen könnten; es gibt keine Videoleinwände in den Innenstädten, vor denen sich Menschen betrinken; es gibt keine Engländer, keine Holländer, nicht mal glücklich besoffene Iren. Es kommen überhaupt nur 10 000 Fans aus dem Ausland, mithin ein Bruchteil der eine Million Gäste, die 2006 erwartet werden.“

Ascheplatz

Übersättigung

Michael Ashelm (FAS 19.6.) beschreibt die Litfaßsäule Franz: „Seit 40 Jahren wirbt der gebürtige Münchner als sogenanntes Testimonial für Produkte. So lange wie kein anderer im Lande, mit solch hoher Intensität, daß er jüngere, aktive Fußballstars wie Michael Ballack oder Oliver Kahn in den Schatten stellt. Er wirkt nie deplaziert, bewegt sich geschickt auf jedem Parkett, kann mit dem Bundeskanzler galant einen Ball eröffnen und im Kindergarten Autogramme verteilen. (…) Doch die Omnipräsenz hat nicht nur positive Seiten. Marktforschungsinstitute wie TNS Infratest oder Sport und Markt stellen seit geraumer Zeit sinkende oder zumindest stark schwankende Glaubwürdigkeits- und Sympathiewerte beim Fußball-Kaiser fest. Der Grund: zu viele Werbepartner, plötzliche Testimonialwechsel innerhalb derselben Branche (wie von e-Plus zu O2) und eine Übersättigung an „kaiserlichen” Auftritten in den Medien. Ein Paradoxon, denn die Werbung steht weiterhin auf ihren Liebling. Und so treibt Beckenbauer sein dicht gedrängtes Programm weiterhin unter Hochdruck voran.“

Lichtgestalt mit Leuchtschweif

Gibt es tatsächlich nur einen Franz Beckenbauer? Oskar Beck (Welt 20.6.) ist sich da nicht mehr so sicher: „Beckenbauer ist bei diesem Turnier in so vielen Funktionen akkreditiert und Ämtern aktiv, daß er oft gar nicht mehr weiß, was, wo und als wer er gerade spricht, ob als OK-Chef der WM 2006, als Bayern-Präsident, Bild-Kolumnist, Werbe-Ikone, ZDF-Experte – oder einfach als Franz. (…) Ohne den Franz geht nichts. 10 000 Kilometer ist er deshalb bei diesem Turnier unterwegs, sein Wohnzimmer ist der Hubschrauber, fast täglich durchbricht er die Schallmauer – wenn er das Nachmittagsspiel in Köln bei Halbzeit verläßt, ist er abends pünktlich zum Anstoß in Nürnberg, und dabei schiebt er problemlos noch eine Pressekonferenz in Frankfurt ein oder einen Abstecher nach Hannover, um dort die Brasilianer zu fragen, ob denn das Essen schmeckt und es ihnen in Deutschland warm genug ist. Neulich hat der Franz binnen fünf Stunden vier Empfänge in drei Städten absolviert – wobei er am Ende doch etwas die Übersicht verlor und sich selbst die Hand schüttelte. Der Konföderationen-Pokal ist eine Einmannshow: (…) Franz, unser Überflieger. Inzwischen ist es schon so, daß er sich im Hubschrauber unterwegs selbst zuwinkt. (…) Wo immer dieser Mensch auftaucht, starrt alles hingerissen auf den Leuchtschweif der Lichtgestalt, erblindet angesichts seines Charismas, justiert die Kameralampen, richtet die Mikrophone aus, zückt die Notizblöcke und eilt zum Telefon, um seine kaiserlichen Machtworte um die Welt zu schicken.“

Deutsche Elf

Ziel erreicht

Nach dem 3:0 über Tunesien: ein Zwischenfazit von Michael Ashelm (FAZ 20.6.): „Für Jürgen Klinsmann kann der Confederations Cup nicht mehr negativ enden. Das erklärte Ziel Halbfinale haben er und sein Team im WM-Test erreicht – bei allen Holprigkeiten auf dem Weg dorthin ist die große Desillusionierung ausgeblieben. Klinsmann kann die nächste Stufe seines ehrgeizigen und für deutsche Fußballverhältnisse innovativen Förderprogramms angehen. Seine auf Jugend getrimmte Mannschaft hat gezeigt, daß sie die Fähigkeit besitzt, sich auf mittlerem internationalen Niveau durchzusetzen.“

Lerner

Note 3 bis 4, heißt das wohl – Michael Rosentritt (Tsp 20.6.) gönnt Jürgen Klinsmann ein Schulterklopfen: „Klinsmann ist ein junger, ein lernender Trainer. Wenn er seine 20 Jahre alten Spieler in der Verteidigung lobt, schützt und ihnen Fehler zugesteht, tut er das auch für sich. Auch Klinsmann macht Fehler, und die kann man ihm zugestehen. Auch wenn er noch nichts gewonnen hat, so hat er sich bereits jetzt verdient gemacht um den deutschen Fußball. (…) Gefunden werden muss ein balanciertes Spielsystem; temporeich und aggressiv in der Offensive und dabei trotzdem kompakt und gut organisiert in der Defensive. Die Spiele gegen Australien und Tunesien boten beide Extreme. Daraus werden der Trainer und sein Team lernen. Und alle anderen lernen ein bisschen mit.“

Abhängigkeit

Ludger Schulze (SZ 20.6.) findet die Ursache für den Sieg: „Man kann unterschiedliche Gründe anführen, es ist jedoch ausgeschlossen, Michael Ballack dabei nicht zu erwähnen. Man kann auch Kritik daran üben, wie lange sich das Team schwer tat, um letztlich ein schmeichelhaftes Resultat zu erzielen, Michael Ballack aber muss man davon ausnehmen. (…) Schon kleine Formschwankungen lösen merkliche Änderungen aus: Spielt Ballack betont offensiv, schwächelt die Defensive. Geht er nach hinten, holpert die Offensive. Wenn es dem Trainerstab gelingt, ihm mehr Unterstützung zu verschaffen, gewänne die Elf ein Stück Unabhängigkeit und Unberechenbarkeit.“

Nur rosarote Wölkchen

Jörg Hanau (FR 20.6.) hält die Bewertung des Siegs durch Klinsmann für beschönigend und monoton: „Der Fundus an Superlativen im Sprachschatz des Bundestrainers scheint grenzenlos. Wenn Klinsmann nach getaner Arbeit Rede und Antwort steht, lässt er kaum einmal eine Gelegenheit aus, allzu krittelnde Medienvertreter mit seiner Sicht der fußballerischen Spaßgesellschaft zu beglücken. Am Firmament nur rosarote Wölkchen. Die Welt des Jürgen K. kennt keine dunklen Seiten. Die Zuversicht des 40 Jahre alten Fußball-Lehrers gipfelt dabei stets in ein und demselben Satz: „Wir sind sehr, sehr zufrieden.“ Fünf Worte wie in Stein gemeißelt. Fünf Worte, die der Schwabe seit elf Monaten bei jedem Auftritt mit dem Erdnussgrinsen eines kalifornischen Beach Boys in die Mikrophone trällert. In Köln war das nicht anders. Dass die deutschen Kicker den tollen Kölner Fans mehr als eine Stunde lang fußballerische Schmalkost vorgesetzt, die Nordafrikaner mit ihrem überragenden Kapitän Hatem Tabelsi von Ajax Amsterdam die größeren Spielanteile besessen hatten, spielte unter dem Strich keine Rolle mehr.“

Publikumsliebling aus Mitleid

Stefan Hermanns (Tsp 20.6.) befasst sich mit der Unterstützung der Zuschauer für Robert Huth (den die Bild-Zeitung als Sündenbock ausgemacht hat für…, ja wofür eigentlich?): „Der deutsche Fußball erlebt zurzeit eine Inflation an Publikumslieblingen, und die Auswahlkriterien gelten bis auf weiteres als diffus. Auf so kuriose Weise wie er ist noch niemand zum Helden aufgestiegen: Robert Huth, man muss es leider so deutlich sagen, ist Publikumsliebling aus Mitleid geworden. (…) Thomas Hitzlsperger hat jetzt gute Chancen, der nächste Liebling des deutschen Publikums zu werden.“

FAZ-Spielbericht

Verschluckt und ausgespuckt

Michael Horeni (FAZ 20.6.) tröstet Fabian Ernst: „Die Fallhöhe in der Nationalmannschaft ist unter Jürgen Klinsmann hoch, nicht nur für Fabian Ernst, er ist derzeit nur der prominenteste Spieler auf der abschüssigen Bahn, auf die bis zur Weltmeisterschaft noch ein Dutzend Nationalspieler geraten können. Um das fragile Innenleben in jenem Teil dieser Nationalmannschaft zu beschreiben, greift man am besten auf einen Begriff aus dem Radsport zurück. Ein Fahrer wird „durchgereicht“, heißt es dort, wenn ein Pedaleur während eines Rennens zurückfällt, wenn ihn nach einer Fahrt an der Spitze die Kraft verläßt und er von der jagenden Meute verschluckt und irgendwo am Ende des Feldes wieder ausgespuckt wird. (…) Aber auch der Weg nach oben ist kurz in Klinsmanns WM-Unternehmen. Podolski und Schweinsteiger haben sich in die erste Reihe vorgearbeitet, Deisler ist auf dem Weg dorthin.“

FR-Spielbericht Australien-Argentinien (2:4)

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