indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 12. Mai 2005

Internationaler Fußball

Gewöhnlicher und angepasster

Der Schweizer Meistertitel, für den FC Basel inzwischen Routine – Flurin Clalüna (NZZ 12.5.): „Der FC Basel ist auch der Klub mit den hohen Ansprüchen, der unbescheidene, dem die Schweiz zu eng und die Meisterschaft zu wenig ist. Der Verein, dem nur die Champions League gut genug ist und der deshalb Mühe bekundet, das Erreichen des Sechzehntelfinals im Uefa-Cup als Erfolg zu verkaufen – mit der Vizepräsidentin Oeri, die unschweizerisch angriffig sagt, jeden Wettbewerb gewinnen zu wollen. Deshalb ist trotz dem dritten Meistertitel in der Ära von Trainer Christian Gross eine gewisse Ernüchterung am Rhein eingekehrt – weil die Saisonziele (Meister, Cup-Sieger und Teilnahme an der Champions League) nur zu einem Drittel erreicht worden sind, weil sich das Team in seiner Art, Fussball zu spielen, nicht mehr so positiv und wuchtig vom Rest der Schweizer Konkurrenz abhebt wie noch vor einem Jahr und weil der Vergleich mit den Champions-League-Nächten der Saison 2002/03 immer noch alles andere überlagert. Das Team hatte damals seinen Zenit erreicht, das heutige ist gewöhnlicher und angepasster.“

Fußballmärchen

Christian Eichler (FAZ 11.5.) kommentiert den Aufstieg Wigan Athletics in die Premier League: „Der Ort hatte nicht immer eine gute Presse. „The Road to Wigan Pier“, so nannte George Orwell das Buch, in dem er 1937 die Lebens- und Arbeitsbedingungen der englischen Bergleute und das Versagen der kommunistischen Idee exemplarisch beschrieb. Das war in anderen Orten der Region nicht anders, doch an Wigan blieb das Image haften. Noch 2004 wählten die Leser der Wirtschaftszeitschrift Entrepreneur den Ort zum „übelsten Fleck des englischen Nordostens“. Da wurde es mal Zeit für ein paar positive Schlagzeilen. Man ist wieder wer in Wigan. Erst wurden beim Neubau eines Geschäftszentrums wissenschaftlich bedeutende Funde aus der Römerzeit gemacht, in der Wigan noch den Namen Coccium trug – die Funde belegen, daß es zu Cäsars Zeiten ein wichtiger Ort gewesen sein muß. Dann fiel die Arbeitslosenquote in der Kleinstadt, in der die Firma Heinz 2000 Arbeitsplätze mit der Produktion der dicken, sämigen Dosenbohnen des englischen Frühstücks unterhält, erstmals seit 1959 unter den nationalen Durchschnitt. Und dann geschah noch das, was in ganz England seit Tagen als „Fußballmärchen“ beschrieben wird: Wigan in der Premier League.“

Ball und Buchstabe

Tagesschau-würdiges Ereignis

Medienereignis Weißbierdusche – Fritz Tietz (taz 12.5.) ist von Salihamidzic & Co genauso genervt wie wir alle: „Man sollte davon ausgehen, dass der exakte Ablauf seiner Bierdusche zwischen Verein, Stadt, Fernsehrechteinhabern und Weizenbiersponsor abgesprochen ist. Zu viel hängt für alle Beteiligten von einer gelungenen medialen Aufbereitung dieses breitenwirksamen, weil gewiss auch Tagesschau-würdigen Ereignisses ab, als dass man hier irgendetwas dem Zufall überlassen wird. Im Gegensatz zu den Jubelfeiern früherer deutscher Meisterschaften wirken die siegesrituellen Weißbierwaschungen dieser Tage jedenfalls alles andere als spontan. Das waren noch Zeiten, als sich altvordere Meister einfach so feiste Siegerzigarren ins Gesicht steckten oder sich aus einer unmittelbaren Gewinnerlaune heraus nackig und schampussaufend im Entmüdungsbecken räkelten. Die Fernsehleute, die das damals aufnahmen, waren eher zufällig zur Stelle.“

Heute geht es viel zivilisierter zu

Das Arsenal von heute hat mit dem Arsenal, mit dem Nick Hornby groß geworden ist, nicht mehr viel gemein – ein Auszug aus einem Zeit-Interview (12.5.) mit ihm: „Im Profi-Fußball hat sich seit 1995, als ich Fever Pitch schrieb, mehr verändert als in den 100 Jahren zuvor. Die Fans meines Clubs Arsenal London können sich am wenigstens beschweren. Kein Arsenal-Fan hat je so guten Fußball seiner Mannschaft gesehen wie wir in den letzten fünf Jahren, mit Spielern wie Thierry Henry! Gleichzeitig ist die Atmosphäre im Stadion viel weniger intensiv als früher. Heute geht es viel zivilisierter zu. Ich wusste früher gar nicht, wie unzivilisiert die Stimmung in den Stadien war. Die Fans verschmolzen zu einem Organismus, der nur schwer zu kontrollieren war. Das ist vorbei, seitdem es nur noch Sitzplätze gibt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist schon gut so, weil es nicht mehr so gefährlich ist. Der entscheidende Unterschied ist, dass es früher merkwürdig war, wenn ich einen Fußballspieler, den ich aus dem Stadion kannte, plötzlich im Fernsehen sah. Heute kommt es mir merkwürdig vor, wenn ich den realen Thierry Henry vor meinen Augen spiele sehe, weil Stars wie er durchinszenierte Medienfiguren sind, die einem nicht wie echte Menschen vorkommen.“

Ein FR-Dossier über das Münchner Olympiastadion

Mittwoch, 11. Mai 2005

Internationaler Fußball

Misstrauen

Ronald Reng (SZ 11.5.) berichtet die Zwietracht zwischen Joan Laporta und Sandro Rosella, den zwei Entscheidern des FC Barcelona: „Die Macht verschleißt die, die sie haben. Auch bei Bayern München hat die gemeinsame Macht persönliche Differenzen zwischen Franz Beckenbauer auf der einen sowie Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf der anderen Seite zu Tage gefördert. Umso bemerkenswerter ist es, dass dort der Kurs des Vereins unter den Spannungen im Präsidium nie entscheidend litt. In Barcelona dagegen droht das junge Projekt Schaden zu nehmen, weil der Präsident und sein vermeintlich engster Vertrauter sich nur noch misstrauen. (…) Im Präsidium stehen sich dreizehn Laportistas und vier Rosellistas gegenüber.“

Ball und Buchstabe

Berufsverbot

Im VFLog, dem neuen Blog für alle Fans von VfL Borussia Mönchengladbach und dem VfL Osnabrück, lesen wir: „Jörg Dahlmann hat Konkurrenz bekommen. Spätestens seit dem Zweitliga-Gipfel Frankfurt-Duisburg darf sich Thomas Herrmann getrost zum Kreis derer zugehörig fühlen, die es vermögen, mir ein Fußballspiel ihrer Reportage wegen zu verleiden. Ein Berufsverbot wäre hilfreich, dass es noch nicht erteilt wurde und wohl nie erteilt wird, gibt Ausdruck über die siechende Befindlichkeit der Fußball-Fernsehreportage.“

Unterhaus

Champions League im Mund

Daniel Theweleit (taz 11.5.) nennt die Ambition des MSV Duisburg nach dem Aufstieg: „Der Übervater des Erfolges ist Klubchef Walter Hellmich. Als Bauunternehmer erhielt er einst den Auftrag, eine neue Arena in der Stadt zu bauen, doch die Finanzierung des Stadions geriet plötzlich ins Wanken. Hellmich ließ sich in den Vorstand wählen, er baute binnen kürzester Zeit eine wunderschöne Arena sowie etwa 3 Millionen Euro Verbindlichkeiten ab und führt den MSV seit 2002 als Vorstandsvorsitzender. Hellmich hat Visionen. „Nach dem Aufstieg greifen wir in der Bundesliga ganz oben an“, hat er einmal gesagt, selbst den Begriff Champions League nimmt er gelegentlich in den Mund. Der 61-Jährige hat vor Jahren den Dinslakener Tennisverein DTG von der Kreisliga zur deutschen Meisterschaft geführt, jetzt will er Ähnliches im Fußball schaffen.“

Neue Ära

Ralf Weitbrecht (FAZ 11.5.) gratuliert: „Kontinuierlich und mit Augenmaß haben sie Schritt für Schritt die Rückkehr in die Bundesliga geebnet. (…) Der MSV begreift die Rückkehr in die Eliteklasse als Beginn einer neuer Ära.“

Unterschätzt

Andreas Burkert (SZ 11.5.) lenkt den Blick auf Trainer Norbert Meier: „Das Publikum ist misstrauisch und lange auch feindselig gewesen, nachdem Meier im Januar 2003 die Arbeit aufgenommen hatte und die Mannschaft so auftrat wie ihr Coach wirkte: blass und mittelmäßig. Doch man hatte ihn unterschätzt, den netten Herrn Meier, einen Freund der Spieler, den seine Begleiter als herausragenden Analytiker und patenten Animateur rühmen.“

FR-Interview mit Norbert Meier

Bundesliga

Das Land verträgt mehr Zweitligafußball

Gegenvorschlag – Philipp Selldorf (SZ 11.5.) lehnt die Idee Franz Beckenbauers ab, die Bundesliga auf 20 Teilnehmer aufzustocken: „Besonders die laufende Saison hat beeindruckend belegt, dass 34 Spieltage für Publikum und Akteure ausreichen. Spannung und Qualität haben ab-, Müdigkeit und Mittelmaß im Tabellenbild zugenommen, und vor allem für die besonders beanspruchten Spitzenspieler wären vier weitere Begegnungen eine unsinnige Belastung. Anders verhält es sich jedoch in der Zweiten Liga, die eine Erweiterung um zwei Startplätze gut vertragen könnte. Dies würde die aufreibende Fluktuation – drei Auf- und vier Absteiger mischen jährlich den kompletten Betrieb auf – ein wenig auffangen und die Liga als Ganzes stabilisieren. Um es mit Beckenbauer zu sagen: Das Land verträgt mehr Zweitligafußball.“

Enttäuschung, Entsetzen, Erleichterung

„Untergangsstimmung“ in Bielfeld vernimmt Peter Penders (FAZ 11.5.) nach dem Wechsel Uwe Rapolders nach Köln: „Als Fußballfan hat man es nicht einfach in diesen Tagen. Die Kölner Anhänger bekamen den Trainer nicht, den sie sich mehr als alles andere gewünscht hatten; die Bielefelder verlieren den, den sie gerne behalten hätten. In Köln wird Rapolder künftig mit dem Schatten von Christoph Daum leben müssen (…) In Ostwestfalen halten sich Enttäuschung, Entsetzen und Erleichterung die Waage. Enttäuschung darüber, daß der vor 14 Monaten von Thomas von Heesen aus der Arbeitslosigkeit geholte Rapolder tatsächlich geht; Entsetzen darüber, daß er in einer Kölner Zeitung nun fast genau die Namen als mögliche Zugänge präsentierte, für die sich auch die Arminia interessiert; Erleichterung darüber, daß die Ungewißheit vorüber ist. Dahin ist allerdings längst der Vorteil, durch den seit Wochen feststehenden Klassenverbleib Planungssicherheit erhalten zu haben.“

Vertragsflucht

Stefan Osterhaus (BLZ 11.5.) hält Rapolder schlechten Stil vor: „Rapolder wird Forderungen stellen können, die ihm Thomas von Heesen nicht hätte erfüllen können. Das ist verständlich aus der Perspektive des Trainers. Nicht verständlich sind die Umstände, die sich nur mit einem Wort umschreiben lassen: Vertragsflucht.“

Konfliktpotenzial

Erik Eggers (FTD 11.5.) präsentiert Rapolder seine Zeitungslektüre: „Die Kölner Medien haben den Coach lebhaft empfangen. „Prinz Rapoldi“ schlagzeilte der Stadt-Anzeiger und amüsierte sich über den Zettel mit einer Rapolderschen Taktik („ein Dokument der Großartigkeit“), den der kicker veröffentlicht hatte. Dabei war den Rechercheuren aufgefallen, dass Rapolder beim Begriff „Forechecking“ ein „e“ vergessen hatte. Das klingt für Nichtkölner bizarr, aber es deutet auf das Konfliktpotenzial hin. Steht Rapolder doch für den „System-“ oder „Konzeptfußball“, der eine Elf als homogenes Gebilde und die Spieler nicht als Spezialisten, sondern als Universalisten begreift. Diese Philosophie steht Kölner Erwartungen diametral gegenüber. Die Boulevardmedien favorisieren jedenfalls den „Heldenfußball“ alter Prägung.“

Verzwickt

Wer wird Trainer im nächsten Jahr? Stefan Hermanns (Tsp 11.5.) versetzt sich in die Gladbacher Vereinsführung: „Es wäre ein seltsames Signal, das von einer Weiterbeschäftigung Köppels ausginge: Ausgerechnet in einer Phase, in der eine ganze Reihe junger Trainer wie Klinsmann, Götz, Klopp oder Doll einen Modernitätsschub im deutschen Fußball ausgelöst hat, würde die Borussia einen 56-Jährigen beschäftigen, der zuletzt 1991 einen Bundesligisten betreut hat. Für die sportliche Leitung der Borussia ist die Situation äußerst verzwickt. Einen Affront gegen den eigenen Anhang und dessen Favorit Köppel kann sich die sportliche Führung des Vereins nach zuletzt einigen dubiosen Personalentscheidungen nicht mehr erlauben.“

Ascheplatz

Globalisierung des Fussballgeschäfts

Markus Jakob (NZZaS 8.5.) befasst sich mit der Entscheidung des FC Barcelona für Trikotwerbung: „Für Peking als Austragungsort der Olympischen Spiele 2008 geht es offensichtlich darum, sich als Markenzeichen in Europa zu positionieren. Voraussichtlich wird der Schriftzug der Stadt ohne die urheberrechtlich wie ein Augapfel gehüteten olympischen Ringe das Trikot des FC Barcelona zieren. Denkbar ist auch, dass nach den Olympischen Spielen der Schriftzug „Beijing“ durch „Shanghai“ ersetzt wird, wo 2010 die nächste Weltausstellung stattfindet. (…) Damit ist der Stolz gebrochen, dass die Spieler Barças auf ihrer Brust das Klubwappen und nichts als das Klubwappen tragen. Ein Tabu, das keine Vereinsleitung der vergangenen Jahrzehnte anzutasten wagte. (…) Der Deal des FC Barcelona mit der Olympiastadt Peking symbolisiert die Globalisierung des Fussballgeschäfts und die Erniedrigung von Städtenamen zu Firmenzeichen.“

Dienstag, 10. Mai 2005

Internationaler Fußball

Beständigkeit

Jean-Marie Lanoë (NZZ 10.5.) schreibt über die Meisterschaft Lyons: „Olympique Lyonnais steht drei Runden vor Saisonende zum vierten Mal de suite als französischer Fussballmeister fest, zum dritten Mal unter dem Trainer Paul Le Guen. Angesichts der Tatsachen, dass etwa der Präsident von OL, Jean-Michel Aulas, seit 17 Jahren diese Funktion ausübt und potenzielle Konkurrenten wie Paris SG und OM in dieser Zeit unzählige Stabübergaben in den Teppichetagen zu verzeichnen hatten, kann man die Aussage von Auxerres Trainer-Methusalem Guy Roux nur unterstreichen: „Die herausragendste Qualität von Lyon ist die Stabilität – Stabilität bezüglich des Präsidenten, des Trainers und der allgemeinen Klubpolitik.“ Diese Beständigkeit schlägt auch wirtschaftlich in der zweitgrössten Stadt Frankreichs zu Buche.“

Stadtrivalen

Der FC Everton sichert in Premier League Champions-League-Platz 4, Champions-League-Finalist FC Liverpool wird im nächsten Jahr im besten Fall im Uefa-Cup spielen. Clemens Martin (NZZ 10.5.) blickt zurück: „Die Konkurrenzsituation an der Merseyside ist eine spezielle. Zwischen 1982 und 1990 teilten sich die beiden städtischen Klubs in alle englischen Meistertitel – Ausnahme 1989, als Arsenal dank der besseren Tordifferenz den „Reds“ den Titel entriss. Everton ist der ältere der beiden Vereine und musste 1892 die Anfield Road räumen, weil ein Streit mit dem Landbesitzer ausgebrochen war; dieser gründete darauf den Liverpool FC. Everton trägt aber noch schwer an einer anderen, vom Rivalen aufgebürdeten Last. Als die „Toffees“ 1985, angeführt vom legendären Starstürmer Gary Lineker, fast gleichzeitig den europäischen Cup-Sieger-Cup und die englische Meisterschaft nach längerer Unterbrechung wieder gewannen, blieb ihnen Europas grösste Bühne versperrt. Die von Liverpooler Fans provozierte Tragödie von Heysel führte zum fünfjährigen Bann gegen englische Klubs. Es wird verständlich, dass sich Everton den Weg nicht zum zweiten Mal innerhalb von 20 Jahren vom Stadtrivalen verbauen lassen will.“

Ball und Buchstabe

Auf bescheidenem Niveau stabilisiert

Philipp Selldorf (SZ 10.5.) bemerkt zur Lage des ostdeutschen Fußballs: „Ist Rostocks Absturz nur symbolhaft oder ist er symptomatisch, weil er einem Trend zum Niedergang des ostdeutschen Fußballs folgt? Für die trübe These steht die Tatsache, dass die meisten Spitzenklubs der DDR in Ober- und Verbandsligen verschwunden sind. (…) Gegen die Theorie vom Untergang spricht, dass sich die betroffenen Spitzenvereine aus DDR-Zeiten schon seit Mitte der neunziger Jahre in der Unterwelt verloren haben, und dass der Bestand an Profiklubs insgesamt nicht nachgelassen hat. Man kann sogar behaupten, dass sich die Situation auf bescheidenem Niveau stabilisiert hat und dass die Entwicklung vor allem von Dynamo Dresden auch die Möglichkeit für Fortschritte erkennen lässt.“

Vakuum

Markus Völker (taz 10.5.) blickt zurück: „Zwischen Dresden und Leipzig redet man sich ganz gern ein, die Abzocker seien wie eine Heimsuchung über den Ostfußball gekommen. Dabei tragen die Alteingesessenen eine Mitschuld. Sie haben die Klubs oft leichtfertig aus der Hand gegeben, weil sie glaubten, die neuen Vereinslenker hätten das Wohl des Klubs im Auge, weil sie sich ein eigenes Engagement nicht zutrauten oder durch Parteinähe diskreditiert waren. Der DFB hat versucht, das Vakuum an Know-how zu füllen. Er veranstaltete Seminare und Lehrgänge. „Es hat vielfältige Bemühungen gegeben, den Klubs zu helfen“, sagt Hans-Georg Moldenhauer (DFB-Vizepräsident). So wurde die Idee geboren, Patenschaften ins Leben zu rufen zwischen dem Management erfahrener Bundesligaklubs und Ostvereinen. „Das wurde nicht angenommen, die Klubs haben sich auf ihren Autonomiestatus berufen“, erinnert sich Moldenhauer.“

Welche Zukunft hat der Fußball im Osten? Ist Ost-Gewalt ein Medienphänomen? Ihre Meinung zählt in der Ostkurve!

Bundesliga

Bequemster Weg

Jörg Berger wird vermutlich Trainer in Rostock bleiben; Matthias Wolf (BLZ 10.5.) fürchtet, dass Hansa Rostock Fehler wiederholt: „Ob in Köln, Frankfurt, Schalke oder zuletzt beim Zweitligisten Aachen – nirgendwo steht Jörg Berger für einen Neuaufbau mit dauerhaftem Erfolg. Es scheint, als gingen Hansas Verantwortliche den bequemsten Weg – jenen, der ihnen eine Abfindung erspart. Ähnliche Tendenzen gibt es auch bei der Mannschaft, wo auf ältere Spieler wie Rydlewicz oder Arvidsson als Stützen gesetzt wird. Akteure, die für jene Kraftlosigkeit stehen, mit der Hansa die erste Liga nahezu kampflos preisgab. Auch hier wäre ein harter Schnitt wohl heilsamer. Womöglich aber wird in Rostock einmal mehr an der falschen Stelle gespart. Wie vor der Saison, als man sich keinen Nachfolger für den Torgaranten Martin Max leisten wollte. Wohin das geführt hat, ist bekannt – allein die Lehre daraus mag keiner ziehen. Die Frage sei erlaubt: Was ist eigentlich aus den Ankündigungen einzelner Vorstandsmitglieder geworden, bei Abstieg selbst die Konsequenzen zu ziehen? Es scheint, als richte man sich weiterhin hübsch behaglich ein. Das ist die große Gefahr für Hansa.“

Unaufgeregter Retter

Frank Heike (FAZ 10.5.) befasst sich mit der Zukunft Borussia Mönchengladbachs: „Nach einer Horrorserie mit drei Trainern und zwei Sportchefs, die die Gladbacher an den Rand des Niedergangs beförderte, ist mit Horst Köppel und dem seit drei Wochen arbeitenden Sportchef Peter Pander Ruhe ein- und der Erfolg zurückgekehrt. Pander ist kein Mann für Visionen, er ist ein Arbeiter, das hat er in Wolfsburg zwölf Jahre lang bewiesen. Nun steht er bei seinem ersten Job außerhalb der VW-Welt vor einer schwierigen Entscheidung: Soll Köppel auch im nächsten Jahr Trainer sein? Eigentlich führt kein Weg an dem unaufgeregten Retter und Sympathieträger vorbei.“

Montag, 9. Mai 2005

Internationaler Fußball

Kein Volksvergnügen währt ewig

Dirk Schümer (FAS 8.5.) erklärt die Gewalt in Italiens Fanblocks mit der Dekadenz der Loge: „In Italiens Fußball gelten andere Regeln. Wie einst im alten Rom dient dieser Sport als Zirkusvergnügen, das von reichen Senatoren der Anhängerschaft spendiert wird. (…) Kriminalität? Wettbewerbsverzerrung? Bilanzfälschung? Totalbankrott? Statt solch unangenehmen Wahrheiten ins Gesicht zu blicken, gefällt sich die Fußballbranche weiter im Medienballett der Stars und der Politiker, der Models und der Wirtschaftsbosse. Nicht zufällig erscheint Italiens größte Tageszeitung, die Gazzetta dello Sport auf rosarotem Papier. Wird einmal nichts mehr von außen zugeschossen, droht dem hochgedopten Calcio der Kollaps. (…) Ist es da ein Wunder, daß Tausende Fans sich von den Fußballausbeutern im Stich gelassen fühlen, daß sie längst ebenfalls auf jeden Sittenkodex pfeifen und die Randale auf der verwahrlosten Tribüne zu ihrer ganz persönlichen Profilierung im Scheinwerferlicht nutzen? Inzwischen scheinen sich ganze Blöcke einstmals treuer Tifosi vom verhaßten „Fußball des Business“ abzuwenden, der ohnehin auf den Untergang zusteuert. Sie haben nichts dagegen, ihr Spielzeug lustvoll zu zerstören. Die Gewalt in den Stadien spiegelt nicht irgendwelche ökonomischen Ängste der Unterschicht. Umgekehrt – die systematische Verletzung der Spielregeln durch die Fußballoberen breitet sich nun auch auf den Tribünen aus. Was danach vom Nationalsport Calcio übrigbleibt? Italiens immer noch berühmtestes Stadion, die Ruine des Circus Maximus in Rom, beweist: Kein Volksvergnügen währt ewig.“

Handicap

Juventus siegt 1:0 in Mailand und wird vermutlich Meister; Peter Hartmann (NZZ 9.5.) hat das, mit blick auf das Geld, überrascht: „Das Potenzverhältnis hat sich in den letzten 15 Jahren deutlich verschoben. Die Turiner Agnelli-Dynastie ist geschwächt, der letzte Tycoon Gianni und sein Bruder Umberto sind tot, Juventus erhält vom maroden Mutterkonzern Fiat kein Geld mehr und startet jede Saison mit einem Handicap von 60 bis 80 Millionen Euro weniger Mitteln verglichen mit dem Rivalen. Denn hinter Milan steht Silvio Berlusconi, der megalomanische Schausteller, Ministerpräsident, Medienunternehmer, Italiens reichster Mann, der die enormen Defizite aus der Firmenschatulle begleicht. Später rotieren die Nulltoleranz-Helikopter über dem belagerten San Siro, Collina wird später mit dem Wagen zurückfahren nach Viareggio. Er war ein Richter auf Zeit. Die New York Times hat ihn „das ehrliche Gesicht Italiens“ genannt.“

Bundesliga

Längst nicht mehr rufschädigend

Christof Kneer (SZ 9.5.) stellt fest, dass sich Bundesliga und Zweite Liga angleichen: „Erstmals seit der Saison 1997/98 werden alle Klassenneulinge ins nächste Spieljahr versetzt, was in den letzten 25 Jahren erst fünfmal der Fall war. Dahinter steckt ein Trend, der so geheim ist, dass viele Erstligisten ihn am liebsten gar nicht bemerken würden. Der Trend besagt, dass die zweite Liga der ersten mit Macht entgegen wächst. Die Oberen der zweiten Liga sind nicht mehr schwächer als die Unteren der ersten, und das Lustige ist, dass die zweite Liga gar nicht so viel dafür kann. Die erste Liga war so freundlich, sich selbst kleiner zu machen. Sie hat sich im Größenwahn der fetten Jahre so radikal verschuldet, dass sie ihre Kader bald radikal verschlanken musste, worauf mancher Profi, der die zweite Liga für unter seiner Würde hielt, reuig im Unterhaus unterkroch. Wer früher als Erstligaprofi ein Angebot aus Liga zwei erhielt, galt fast als vorbestraft – aber längst ist die zweite Liga nicht mehr rufschädigend für die Podolskis, Kaluznys, Michalkes, van Lents.“

Inszenierte Niedergeschlagenheit

Gerd Schneider (FAZ 9.5.) stört sich am Wirken-Wollen Neururers nach der Niederlage in Nürnberg: „Peter Neururer ist Peter Neururer. Ein anderer wäre nach dem Schlußpfiff in der Kabine verschwunden, um allein zu sein mit sich und seiner Trauer. Der Bochumer Trainer aber dachte im Moment der vielleicht schwersten Niederlage seiner Karriere gar nicht daran, die heißgeliebte Bühne zu verlassen. Während die Nürnberger den Klassenverbleib feierten, blieb Neururer minutenlang auf der Trainerbank sitzen: gelähmt, niedergeschlagen, mit verwässertem Blick und kraftloser Haltung. Ein Bild des Jammers, ein perfektes Motiv für die Kameraobjektive – und tatsächlich schien es so, als würde der Fußballehrer selbst in dieser schweren Stunde sich und seine Niedergeschlagenheit inszenieren. Womöglich sah sich Neururer auch wirklich als Teil einer Tragödie – er, der gefällte Held, gegen den sich das Schicksal verschworen hatte.“

Eitel

Wen wird Uwe Rapolder nächste Saison trainieren? Andreas Morbach (FTD 9.5.) missfällt Rapolders Koketterie mit seiner Zukunft: „Ihm gefällt es prächtig, immer wieder darauf angesprochen zu werden. Gar nicht nach Hause gehen wollte der redselige, er machte Späßchen über und mit dem Kollegen Ralf Rangnick und erzählte Schwabenwitze. (…) Von den verbalen Schwabenstreichen ihres eitlen Trainers, der mit seinen 46 Jahren unverhohlen dem Sprung vom Provinz- zu einem Traditionsklub entgegenlechzt, dürften sie in Bielefeld die Nase längst voll haben. Umgekehrt möchte sich Rapolder im nächsten Jahr den durchaus denkbaren Absturz mit der Arminia ersparen.“

Plötzlich prasselt alles auf Sammer ein

Peter Penders (FAZ 9.5.) erklärt die Wut Matthias Sammers, die nach dem Sieg gegen Hannover in eine „Publikumsbeschimpfung“ mündet: „Wer den Beruf des Fußballtrainers für einen Traumjob hält, sollte sich, abgesehen von allerdings exorbitanten Verdienstmöglichkeiten, das Beispiel Sammer näher ansehen. Vor knapp einem Monat noch gefeiert, ist er binnen kürzester Zeit in die Kritik geraten. Zu defensiv die Spielweise, falsche Aufstellung, falsches Training – plötzlich prasselte alles auf Sammer ein, als habe er alles verändert und sei damit allein verantwortlich für die Niederlagen in Rostock und Mönchengladbach und nicht die unübersehbar laxe Einstellung seines Personals.“

Realitätskrise

Oliver Trust (SZ 9.5.) wird nicht schlau aus Stuttgart: „Wo fängt eine Realitätskrise an, wo hört sie auf, und – noch wichtiger – wer befindet sich in einer solchen? Die Mannschaft, die nicht sonderlich schön spielt, sich hartnäckig an den Champions-League-Platz klammert und dafür beklatscht werden will? Oder Matthias Sammer, der im Klub wegen zurückhaltender Taktik und überschaubarer Trainingsumfänge misstrauisch beäugt wird, sich aber auf einem guten Weg wähnt? Oder gar die Zuschauer, die sich mit den Darbietungen, fern von Leichtigkeit und Lust, nicht zufrieden geben?“

Darf das sein, dass Bayern München auch noch Spaß macht?

Philipp Selldorf (SZ 9.5.) vermisst, bei den Mainzern und bei sich, den ganz normalen Bayern-Hass: „Sie sind reich, sie sind mächtig, sie sind gierig, sie sind zynisch, sie akzeptieren nur ihre eigenen Gesetze. Ihr Fußballspiel ist kalt und gnadenlos. Aber am Samstag in Mainz? Für Millionen Deutsche brach ein sorgsam gehegtes Feindbild entzwei. Lustig wie die Kinder tollten die Münchner nach der Partie auf dem Rasen herum, ansteckendes Lachen und sympathische Lebensfreude in den Gesichtern, liebenswert wie du und ich. Es gab Szenen der Verbrüderungen. Vorher hatten sie tollen Fußball gespielt, wunderschöne Tore geschossen. Darf das sein, dass Bayern München auch noch Spaß macht?“

Mittelfeldismus

Hertha und Champions League? Javier Cáceres (SZ 9.5.) weiß nicht so recht: „Der Tabellenstand festigt diese Sehnsucht, die deprimierend schlechte Partie tat es zu keiner Zeit. Schon gar nicht in der ersten Halbzeit, als die Platzherren den schändlich defensiven Vortrag der Wolfsburger mit Mittelfeldismus beantworteten, einer statischen Abart des Fußballs, bei der das Gerät phantasielos quer geschoben wird. Erst als dessen Hauptideologe, Thorben Marx, ausgewechselt war, kam etwas Verve in die Aktionen Herthas.“

Nächstes Jahr hat euer letztes Stündchen geschlagen

Aber, aber Rainer Moritz (FTD 9.5.), wer wird sich denn gehen lassen? „Am Ende der Saison 2005/06 wird der VfL Wolfsburg endlich den verdienten Weg in die zweite Liga antreten, jene nervtötend fade Mannschaft, die selbst Arminia Bielefeld als schillernden Paradiesvogel erscheinen lässt. Nein, niemand braucht Wolfsburg im Oberhaus, ja, gäbe es nicht die Volkswagen AG, wäre die Existenzberechtigung von ganz Wolfsburg in Zweifel zu ziehen. Gewiss, der „Zukunftsatlas“ bescheinigt Wolfsburg unter 439 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland einen tollen elften Platz, was die Innovationschancen angeht. Der Fußball kann damit nicht gemeint sein. (…) Was alles diesen VfL überflüssig macht: Sein Spielmacher d’Alessandro etwa, der es in dieser Saison auf ebenso viele Tore wie Platzverweise brachte. Oder Stürmer Brdaric, bei dem Selbst- und Fremdbild erschreckend auseinander klaffen. Oder der nassforsche Neumanager Strunz, mit dessen Kommen ganz konsequent der Niedergang einsetzte. Wir brauchen keinen Erstligaverein, dessen Maskottchen „Wölfi“ heißt und der sich als Torhymne Rocky Sharpes „Rama Lama Ding Dong“ aussucht. Nächstes Jahr, liebe Wolfsburger, hat euer letztes Stündchen geschlagen.“

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