indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 3. Mai 2005

Internationaler Fußball

Die große Seifenoper des spanischen Fußballs

Ronald Reng (BLZ 3.5.) kommentiert die Entlassung Bernd Schusters in Levante: „Die Reiberei zwischen dem Trainer und seinem Chef war die große Seifenoper des spanischen Fußballs. Der Grund für Schusters Entlassung jedoch ist banaler. Er schaffte es nicht mehr, seine Elf aus der Dynamik des Niedergangs zu befreien. War Levante im Herbst noch Tabellendritter, punktgleich mit Real Madrid, so ist der Vorsprung auf die Abstiegsränge auf vier Punkte geschmolzen. (…) Schuster kann eine Elf taktisch gut organisieren. Dass er in seiner phlegmatischen Art ein Team auch aus der Not herausführen kann, der Beweis steht noch aus. Er ist noch jung, 45. Doch wenn er in Zukunft größeren Erfolg haben will, sollte er auch seine diplomatiefreie Redensart überdenken.“

Geht wieder arbeiten

Peter Hartmann (NZZ 3.5.) erklärt plausibel, warum nur am 1. Mai so viele Tore in Italien erarbeitet werden: „Der 22-jährige Gilardino ist der Stürmer der Stunde. Er führt mit 21 Toren gemeinsam mit Montella und vor Lucarelli (20), Luca Toni von Palermo (17) und Schewtschenko (16) die Skorerliste an. Das Erstaunliche an diesem Klassement: Die hochbezahlten ausländischen Cracks (etwa Adriano und Ibrahimovic) und einheimischen Superstars (Totti, Vieri, Del Piero, Cassano) sind von der Arbeiterklasse ausgestochen worden. Auch das ist ein Zeichen für die Götterdämmerung im krisengeschüttelten Calcio. (…) Wenn in den Stadien die Langeweile ausbricht und die Tifosi von den Rängen ihren Frust herunter schreien: „Andate a lavorare“ – geht doch wieder arbeiten, dann kann Riccardo Zampagna nur müde lächeln. Zampagna hat als 31-Jähriger in der Serie A debütiert, mit Messina, und er sagt, er werde sich „nie wirklich als Fussballer fühlen“, denn „dieser Fussball ist bloss eine Fiktion“. Der Beruf, den er gelernt hat, ist Tapezierer, und lange hat er von morgens sechs bis mittags um ein Uhr Tapeten geklebt, ist dann, mit einem Panino im Mund, von seinem Wohnort Terni nach Perugia zum Training gefahren. Und als er vor sieben Jahren seinen ersten Profivertrag unterschrieb, sagt er, hat sich nicht viel geändert in seinem Leben, er trinkt abends seinen Wein und raucht täglich ein Paket Zigaretten. (…) Nächsten Sonntag ist High Noon in San Siro: Milan gegen die punktgleiche Juventus. Italien wird sich wieder an der Grösse des Calcio berauschen. Arbeiterfussball gibt es nur am 1. Mai.“

Ball und Buchstabe

Lange Zeit verharmlost

Über die Gewalt im Fußball-Osten schreibt Steffen Winter (Spiegel 2.5.): „Der Amoklauf ostdeutscher Fußballanhänger gut ein Jahr vor Beginn der WM erschreckt Politik und Sportfunktionäre und wirft ein Schlaglicht auf eine Subkultur, die lange Zeit verharmlost wurde und sich jetzt zu einem ernsten Problem auswächst. Seit Jahren ziehen marodierende Hooligans aus dem Osten durch die Republik und verbreiten Angst und Schrecken. Doch weil das Aushängeschild 1. Liga kaum betroffen war, ließ man den Dingen ihren Lauf. Erst jetzt, kurz vor der WM im eigenen Land, wird die allwöchentliche Randale zum Thema, zumal es in den Innenministerien der Länder erste Hinweise gibt, dass sich ausländische Hooligans mit Einheimischen verbünden könnten (…) Die Bombenstimmung in den ostdeutschen Stadien hatte schon in der DDR Tradition. (…) In allergrößter Not kann man vielleicht doch von der Stasi lernen. Bei Europacup-Spielen hatte die Mielke-Truppe die Zuschauer einfach durch hauptamtliche Stasi-Leute ersetzt.“

Am Ende entscheidet weniger das Talent als die Persönlichkeit

Immer öfter „handeln“ Europas Fußballvereine mit Kindern und Jugendlichen auf dem Transfermarkt; Markus Lotter & Jens Anker (WamS 1.5.) geben zu bedenken: „Den Grund für den Aktionismus unter den europäischen Top-Clubs liefert die im vergangenen Jahr von der UEFA beschlossene Reform der Transferregeln. Spätestens 2008 müssen acht Spieler eines Profikaders mindestens drei Jahre lang im eigenen Verein ausgebildet worden sein. Die Clubs stürzen sich nun auf die jüngsten Talente, um die Vorgaben zu erfüllen. Was als Maßnahme zur Förderung der nationalen Jugendarbeit geplant war, entwickelt sich in das genaue Gegenteil. (…) Sportsoziologe Jürgen Buschmann von der Deutschen Sporthochschule in Köln ist skeptisch. „Das eigentliche Leistungstraining beginnt erst mit 15 Jahren.“ Die Entwicklung davor sei für die spätere Entwicklung weniger ausschlaggebend. „Am Ende entscheidet sogar weniger das Talent als die Persönlichkeit über den Erfolg eines Spielers“, so Buschmann.“

Bundesliga

Asterix-Mentalität

Arminia Bielefeld wird heute 100 Jahre alt; Roland Zorn (FAZ 3.5.) blickt auf die jüngere Vereinsgeschichte: „Der Ostwestfale ist Fatalist – und Realist sowieso. Deshalb hat Präsident Hans-Hermann Schwick im Verein mit den Geschäftsführern Roland Kentsch und Thomas von Heesen, der vor kurzem noch größeren Not gehorchend, die in der Gegend hochgeschätzte Sparsamkeit zum Prinzip erhoben. 1971 tief in den Bundesliga-Skandal verwickelt und deshalb mit Zwangsabstieg bestraft, 1996 vom allzu forschen Manager Rüdiger Lamm zurück in die erste Liga und auf einen kostspieligen Expansionskurs gebracht, ist der DSC Arminia heute ein stocksolides Unternehmen, das sich seiner Grenzen jederzeit bewußt ist. (…) Die Arminen haben ihren Handikaps immer trotzen können: mit einer Art Asterix-Mentalität.“

Ascheplatz

Solidarität für den Branchenführer

Der Spiegel (2.5.) prüft Bayern Münchens Forderung nach mehr Fernsehgeld: „Die Solidargemeinschaft wird weiterbestehen – auch wenn wie geplant im Sommer 2006 die Sportschau um zehn nach sechs gestrichen wird und im frei empfangbaren Fernsehen Spielberichte erst nach 22 Uhr gesendet werden. Nur die Richtung hat sich umgekehrt: Nicht mehr Provinzvereine und Abstiegskandidaten erfahren Solidarität, sondern der Branchenführer – der FC Bayern. Mit einem sicheren Gespür fürs Timing haben die Münchner ihr Aus in der Champions League genutzt, um für mehr Geld aus dem TV-Rechtehandel zu werben. (…) Ob ein paar zusätzliche Millionen von Premiere den FC Bayern gleich ins Finale befördern, ist ungewiss. Ins Schlingern gerät die Hoeneß-Argumentation, wonach allein das Fernsehgeld Erfolg verspricht, schon angesichts des Champions-League-Siegers FC Porto, der keineswegs höhere TV-Erträge erzielt als die Münchner. Und wie mit einem erstklassigen Personalmanagement eine Mannschaft immer wieder in die Spitze gehievt werden kann, zeigt auch der diesjährige Halbfinalist PSV Eindhoven – Vertreter aus einem Land mit einem vergleichsweise schwachen TV-Markt.“

Montag, 2. Mai 2005

Allgemein

Wandlung

Elisabeth Schlammerl (FAZ 2.5.) schildert die weißbiergestärkte Beziehung zwischen Felix Magath und seiner Mannschaft: „Vermutlich hätten es die Spieler seiner früheren Klubs nicht gewagt, sich dem Trainer derart respektlos mit dem großen Weißbierglas zu nähern. Aber Magath hat auch eine Wandlung vollzogen: Er ist nicht mehr so zum Fürchten. Beim VfB Stuttgart hat er es erstmals geschafft, eine Mannschaft nicht nur nach oben zu führen, sondern sie auch langfristig in der Spitze zu etablieren. Er gab sich gegenüber Spielern und Verantwortlichen weniger schroff als früher. Beim Starensemble des FC Bayern hat er nach größeren Startschwierigkeiten gleich in seiner ersten Saison gelernt, sich noch mehr zurückzunehmen, Kompromisse mit den Spielern zu finden. Die haben ihn mittlerweile schätzengelernt, obwohl sie ihn vielleicht nie so lieben werden wie seinen Vorgänger Ottmar Hitzfeld.“

Wenn ihr nicht rennt, holen wir den Magath

Auch Christof Kneer (SZ 2.5.) befasst sich mit Magaths Reifung: „Felix Magath ist Deutscher Meister geworden, er ist jetzt „angekommen“, wie er selbst sagt – aber um das zu begreifen, muss man wissen, wo dieser Magath hergekommen ist. Er kommt aus einer Zeit, in der er kein Trainer war, sondern eine Drohung. Wenn ihr nicht rennt, holen wir den Magath, riefen die Vorstände abstiegsbedrohter Klubs, und manchmal machten sie die Drohung wahr. Das hätten die Spieler jetzt davon, sagte Willi Lemke, damals Manager in Bremen, als er Magath in die Stadt holte. Magath ließ morgens früher antreten, schleppte Medizinbälle zum Training, befahl Frühsport nach der 100-Jahr-Feier – bis die Spieler eine Sammelklage beim Manager einreichten. Magath wurde entlassen. Man hätte viel Geld verdienen können, hätte man damals auf Magath als Meister gesetzt. (…) Ob er sich verändert hat? Als Bayern Meister wurde, hat Magath wieder ein Training angesetzt. Für nächsten Mittwoch, 16 Uhr.“

Menschlich war da gar nichts

Oral History – Frank Hellmann & Thomas Kilchenstein (FR 2.5.) sprechen mit einem Zeitzeugen über Magaths Vergangenheit: „„Ich hätte niemals gedacht“, erklärt Sven Budelmann, dass dieser Trainer einmal Deutscher Meister werden kann.“ Budelmann zählt zu den Ersten, die Bekanntschaft mit dem lizensierten Fußball-Lehrer machten. Saison 1992/93, FC Bremerhaven 93, Verbandsliga Bremen. Hier gibt es zwar schon fürs Kicken ein paar Euro nebenbei, aber die Verhältnisse sind im Grunde bescheiden. Trainiert wird beispielsweise fast allerorten auf schlecht beleuchteten Ascheplätzen. Hier hat sich Magath seine ersten Sporen verdient; bewusst wie er heute sagt, „ich wollte den Job ja von der Pike auf kennenlernen. Und ich wollte Erfahrungen sammeln.“ Für Balltreter wie Budelmann sind es unvergesslich anstrengende Erfahrungen gewesen. Training auf dem Grantplatz in Bremerhavens Stadtmitte, viermal wöchentlich bis zur Schmerzgrenze. „50 Runden im Powertempo, Diagonalläufe Eckfahne-Eckfahne oder Pfosten-Pfosten – das ging bis zum Erbrechen.“ Manchmal, so versichert der heute 34-Jährige, „ist ein Krankenwagen vorgefahren.“ Alle, die nicht mitziehen konnten oder wollten, hat Magath aussortiert. Unnachgiebig. Privat beredet worden sei kaum etwas, „und wenn eine Kiste Bier in der Kabine stand, hat er uns streng angeschaut. Menschlich war da gar nichts.“ Aber am Ende, sagt Budelmann, habe Magath das Ziel erreicht: „Wir sind aufgestiegen.““

Souverän des Spiels

Hartmut Scherzer (FAZ 2.5.) bestaunt Michael Ballack: „Bei so viel Power und Potenz, Esprit und Eleganz in einer Person kann man sich gar nicht vorstellen, daß zu Beginn der Rückrunde Michael Ballack zum allgemeinen Erstaunen nicht sonderlich vermißt worden war, als er wegen muskulärer Probleme wochenlang fehlte. Doch er kehrte als Souverän des Spiels zurück; als einsatzfreudiger Profi, für den inzwischen die Grätsche ebenso ein Stilmittel ist wie der elegante Paß.“

Das Gesicht des neuen HSV

Frank Heike (FAS 1.5.) über Daniel van Buyten: „Nach einem dreiviertel Jahr in Hamburg ist der 27 Jahre alte Modellathlet und Vorzeigeprofi schlichtweg das Gesicht des neuen HSV: intelligent, polyglott, charmant. Und auf dem Feld: fair, kopfballstark, torgefährlich, stark im Spiel nach vorn (mit manchem Fehler) (…) Beim HSV gibt es keine Garantie für den internationalen Wettbewerb, so schön es hier auch sein mag. Zwei neue, starke Spieler hat van Buyten jüngst gefordert, die Ersatzbank sei zu schwach. Nichts illustriert besser den Wert dieses Profis für den HSV. In neun Monaten ist er zur öffentlichen Figur geworden: Er darf Verstärkungen fordern.“

Interview

Ein Spiel ohne Grenzen hasse ich

Uli Hoeneß mit Roland Zorn (FAZ 2.5.) über die Frage, wer den Nationaltorhüter zu bestimmen glaubt
FAZ: Was gefällt Ihnen an Magath, der sich oft selbstkritisch bis grüblerisch über seine Arbeit äußert?
UH: Ich glaube, er hat in seiner Trainerlaufbahn sehr viel leiden müssen – ob in Bremen, in Nürnberg oder in Frankfurt. Sogar in Stuttgart, wo er großen Erfolg hatte, gab es nach meinen Erkenntnissen im Innenverhältnis Dissonanzen. Sonst wäre es für uns nicht so leicht gewesen, Magath aus einem laufenden Vertrag heraus zu bekommen.
FAZ: Hat er das Zeug zu einem großen Trainer?
UH: Ich glaube schon. Von der Trainingslehre, vom taktischen Know-how ist alles da. Sähe er im Spieler noch mehr den Partner, täte ihm das auf Dauer gut. Da hängt er meines Erachtens manchmal noch stark der Ära Happel und Zebec nach, unter denen er beim Hamburger SV Spieler war. Das war die Zeit, in der mehr als heute mit dem Instrument Druck gearbeitet wurde. Ich versuche, ihn in unseren oft intensiven Diskussionen davon zu überzeugen, daß man aus dem Spieler als Partner auch alles herauskitzeln kann. Lächelnd die eigene Botschaft rüberzubringen, das kann ebenfalls ein Weg zum Erfolg sein. Natürlich ist dieser Grat sehr schmal. Gibt er sich zu smart, wird er zu sehr Kumpel, geht die wichtige Distanz allzu leicht verloren. Die Kunst jedoch in allen Arbeitsprozessen ist, die Menschen so zu motivieren, daß sie sich immer wieder freuen, in ihren Berufen noch etwas mehr zu erreichen.
FAZ: Ist es Ihr Ehrgeiz, gute Spieler zum FC Bayern zu holen und sie als bessere Menschen gehen zu sehen?
UH: Ich glaube schon, daß wir beim FC Bayern den Spielern etwas mitgeben können, womit sie sich draußen im Leben besser zurechtfinden. Auch Demut können sie bei uns, ungeachtet aller Erfolge, lernen.
FAZ: Auffällig für diesen Meisterjahrgang war: das Fehlen schriller Schlagzeilen. Oliver Kahn tritt nicht mehr als Partylöwe in Erscheinung, sondern nur noch in seiner alten Hauptrolle, als famoser Torwart.
UH: Oliver hat eine ganz schwierige Zeit hinter sich: Da waren die privaten Probleme, aber auch die Degradierung in der Nationalmannschaft. Daß er da nicht mehr Kapitän ist, das fand ich noch nachvollziehbar. Daß ihm Jürgen Klinsmann aber auch noch zu verstehen gab, er sei nicht mehr automatisch die Nummer eins, das war schon ein Schock für ihn. In dieser Phase hat er natürlich gewußt, daß er sich auf einen verlassen konnte: auf den FC Bayern. Wir haben ihm gesagt, du mußt wieder so halten wie früher, du mußt deine privaten Dinge in Ordnung bringen, dich wieder total auf Fußball konzentrieren. Wenn das alles in Ordnung ist, wird dir nichts passieren können. Dann werden wir die volle Breitseite des FC Bayern einsetzen. So ist es gekommen. Wir hatten da ein internes Gespräch mit Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff, Joachim Löw und Andreas Köpke. Nichts davon ist nach außen gedrungen. Seitdem ist die Sache geklärt.
FAZ: Auch Ballack scheint sich mehr als früher mit dem FC Bayern zu identifizieren.
UH: Ich glaube, das Verhältnis hat sich stabilisiert. Er hat lange seiner Zeit in Leverkusen nachgehangen. Was zunächst eine Vernunftehe war, ist nach meinem Empfinden inzwischen mit mehr Gefühl und Liebe zum Verein unterlegt. Bei ihm sehe ich eine positive Entwicklung zu einem Spieler, der mehr und mehr Verantwortung übernimmt. (…)
FAZ: Wie lautet die internationale Zielsetzung des FC Bayern?
UH: Wir sind zufrieden, wenn wir uns verläßlich zu den fünf, sechs besten Mannschaften in Europa zählen und alle drei, vier Jahre um den europäischen Meisterpokal mitspielen können. Das Spiel der Kräfte wäre nur dann auf demselben Niveau, wenn mit gleichen Waffen gekämpft würde. Aber so? Wir machen einen Schritt, der Herr Abramowitsch macht zwei. Abramowitsch kauft den Erfolg. So ein Spiel ohne Grenzen hasse ich.

of: Nein, Herr Hoeneß! Chelsea hat den Erfolg nicht nur gekauft. Wer sind denn seine Leistungsträger? Frank Lampard, John Terry, Joe Cole, also Spieler, die in Chelsea ihren Status erlangt und dort Weltklasse entwickelt haben. Wer, außer Oliver Kahn, hat eine solche Größe in München erlangt? Michael Ballack spielte seine beste Vereinssaison 2002 in Leverkusen, Roy Makaay ist ein Star-Einkauf, auch Lucio spielt nicht stärker als in Leverkusen. Wer oder was reift in München? Diskutieren Sie über Geld und Erfolg in der Südkurve!

Internationaler Fußball

Hochzeitsnacht

Christian Eichler (FAZ 2.5.) gratuliert Chelsea zur Meisterschaft: „Der FC Chelsea hat geschafft, wovon die Opposition in England wie in Deutschland noch träumt: die Macht der Roten zu brechen. (…) 100 Jahre Klubbestehen, 50 Jahre Warten auf den ersten Meistertitel 1955, 50 Jahre auf den zweiten 2005 – es war für lebenslängliche Fans wie eine Hochzeitsnacht, ein Abend für das Versprechen ewiger Treue.“

Martin Pütter (NZZ 2.5.) ergänzt: „Das Fundament an der Stamford Bridge, eine dominierende Rolle im englischen Fussball zu spielen, ist vorhanden. Dies hat auch mit dem russischen Ölmilliardär Roman Abramowitsch zu tun, der den Verein vor bald zwei Jahren erworben hatte. Doch es reicht nicht allein, sich mit unbegrenzten finanziellen Mitteln auf den Transfermarkt zu stürzen. Was dabei herauskommt, hängt auch vom Manager ab – und José Mourinho erreichte in seiner ersten Saison in London wesentlich mehr als sein Vorgänger Ranieri.“

Bundesliga

Auf Kosten der Kleineren

Bayern München ist Meister, was ist das nächste Ziel, Jan Christian Müller (FR 2.5.)? „Um den Größeren Paroli bieten zu können, das wiederholt Rummenigge gebetsmühlenartig, wäre es ratsam, die Einnahmen auf Kosten der Kleineren zu steigern. Und auch zum Nachteil jenes wachsenden Teils der Bevölkerung, der sich Pay-TV nicht leisten kann. Rummenigges Forderung: weniger solidarische Verteilung der Fernsehgelder, größere Exklusivität für Premiere = größerer Umsatz bei Bayern. Hoeneß, das soziale Gewissen des Klubs, hat mit Blick auf den gekauften Erfolg des FC Chelsea gesagt, er „hasse das Spiel ohne Grenzen“. Aber die Bayern wollen die Grenzen verschieben. Weiter weg von Gelsenkirchen, näher ran an London. Chelseas Maßlosigkeit wird in England mit gähnender Langeweile an der Ligaspitze bezahlt. Die Bayern wären gut beraten, ihre Forderungen mit Rücksicht auf den sozialen Frieden und die Wettbewerbsfähigkeit maßvoll vorzutragen.“

Eine von Münteferings Heuschrecken

Christian Eichler (FAZ 2.5.) beschreibt das Verhältnis zwischen den Bayern und der Konkurrenz: „Als einzige große Liga Europas hat die Bundesliga nur einen Metropolenklub. Warum nicht Hamburg, nicht Berlin? Der HSV verpaßte den Anschluß Mitte der achtziger Jahre, und Berlin brachte es auch nach 1989 nie zum Bayern-Herausforderer – allzu böse Zungen behaupten, Uli Hoeneß habe dafür gesorgt, indem er seinen kleinen Bruder hinschickte. Nie mußten die Bayern bangen um Deutschlands beste Sponsoren und Spieler. (…) Am Ende wird jeder kurzfristige Herausforderer ein langfristiger Spielerlieferant der Bayern. Kleineren Klubs mögen sie wie eine von Münteferings Heuschrecken vorkommen.“

Ohne körperliche Fitness kein Talent

Klaus Hoeltzenbein (SZ 2.5.) empfiehlt die Methode Felix Magaths: „So weit sind Magath und Klinsmann gar nicht auseinander, auch wenn sie permanent streiten. Ob der eine nun unbarmherzig die Medizinbälle vom Turnvater auspackt oder der andere Leistungsdiagnostiker aus Kalifornien einfliegen lässt, Anlass ist für beide dieselbe Sorge: dass sich ohne körperliche Fitness kein Talent entfaltet. (…) Die Klubs der Bundesliga sollten ihre Trainingspläne prüfen. Sonst stehen sie auch nächste Saison beim Kraftlauf des FC Bayern wieder brav Spalier.“

Religiöse Hoffnung auf Tore nach Standardsituationen

Christoph Biermann (SZ 2.5.) hat das Daumendrücken für Bochum in dieser Saison aufgegeben: „Schlimmer noch als seine personellen Missgriffe ist Peter Neururers Verzicht darauf, das technische Vermögen seiner Mannschaft auszuschöpfen. Auch gegen Mainz wurden die Bälle bis zur Gehirnerweichung hoch und weit nach vorne gedroschen, das 1:1 fiel wie zum Hohn nach einer der wenigen Kombinationen. Im Laufe der Saison ist kein im Training erarbeitetes Konzept auszumachen gewesen, sieht man von der eher religiösen Hoffnung auf Tore nach Standardsituationen ab. Neururer wird wohl trotzdem bleiben, auch die Mannschaft wird keine grundlegende Veränderungen erleben. Woher die Kraft für einen Neuanfang kommen soll, liegt im Nebel. Wie es auch gehen kann, zeigte der FSV Mainz 05. Klopps Team trat im Abstiegsderby mit einer Idee an und setzte sauberes Pressing ebenso wie zügige Konter auch wirklich um. (…) So lange es die Konzentration behält, ist Mainz zu Recht ein vollwertiges Mitglied der Bundesliga.“

Samstag, 30. April 2005

Interview

Fußball ist das komplizierteste Spiel

Herrlich! Felix Magath plaudert mit Klaus Hoeltzenbein & Philipp Selldorf (SZ 30.4.) aus dem Nähkästchen
SZ: Zu Owen Hargreaves und seinem Tor in Hannover. Zuvor hatten Sie ihn durchs Karussell gejagt: Startplatz, Tribüne, Ersatzbank. Es hieß, Sie hätten ihm das nie so richtig erklärt.
FM: Ach, diese Nummer kommt hinterher immer. Die ganze Saison läuft das schon so, dass ich nach dem Training einen Zettel an die Wand hänge, auf dem der Kader steht fürs nächste Spiel.
SZ: Sie sagen das nicht persönlich, Sie hängen nur einen Zettel dorthin?
FM: Am Anfang habe ich die Spieler noch informiert, die nicht dabei sein würden. Das habe ich bei meinen Klubs vorher immer so gemacht, dass ich sie zu mir gerufen habe. Aber hier hat man darauf keinen gesteigerten Wert gelegt. So hängt seit September, Oktober jetzt der Zettel mit den Namen an der Wand.
SZ: Ernst Happel und Branko Zebec, Ihre legendären Lehrmeister beim Hamburger SV, haben auch nicht viel geredet.
FM: Nein, aber sie waren die besten Trainer, die ich hatte. Happel hatte sowieso immer nur fünf Minuten. Hat ein Buch aufgeschlagen, Brille vorne auf der Nase, murmelte irgendwas, man verstand bloß: „Der spielt da und der spielt da. Danke, meine Herren.“ Zebec sprach nur gebrochen Deutsch, obwohl er zwanzig Jahre in Deutschland war – ich glaube, er hat’s absichtlich gemacht. Was auch sinnvoll ist: Wenn Sie jemandem zuhören, den Sie schlecht verstehen, sind Sie aufmerksamer. Wenn einer flüssig redet, nicken Sie nach einer Minute ein. Leise reden ist auch nicht so schlecht.
SZ: Sie reden leise.
FM: Stimmt. Aber jetzt zu Zebec, von dem gibt es eine nette Geschichte mit einem neuen Spieler. Zebec machte einmal eine Sitzung, richtig mit Taktik – dauerte im Allgemeinen aber höchstens zehn Minuten. In dem Fall fragt nun Zebec: „Hat jemand noch Fragen?“ Und der neue Spieler meldet sich gleich in seiner ersten Sitzung: „Trainer“, sagt er, „das habe ich nicht so genau verstanden.“ Zebec hat den fünf Minuten zusammengestaucht. Es hat nie wieder irgendjemand was gefragt! Aber diese Mannschaft hat taktisch am allerbesten gespielt.
SZ: Heutzutage wären solch kauzige Trainerfiguren undenkbar.
FM: Sagt ja auch keiner, dass er jetzt noch so arbeiten will. Das Wichtigste aber bleibt: Der Spieler muss Vertrauen zum Trainer haben. Wenn die Spieler alles hinterfragen, sind sie unsicher. Das Spiel ist aber so kompliziert – auch das will keiner glauben, es heißt immer, Fußball sei ein einfaches Spiel. Nein: Es ist das komplizierteste Spiel! Weil es jeder anders sieht, jeder andere Schwerpunkte setzt und jeder es anders beurteilt. Damals mussten die Spieler akzeptieren, was der Trainer gesagt hat. Sie haben’s akzeptiert – und wurden dadurch besser. Ich glaube, das ist auch das, was den Erfolg von Mourinho ausmacht: Dass die Spieler nicht zweifeln an dem, was er sagt. Der hat ihnen am Anfang der Saison ein Schreiben gegeben, wie sie sich zu verhalten haben. Wer nicht akzeptiert, ist weg.
SZ: Bekamen die Bayern-Profis auch einen Brief?
FM: Nein. Aber noch eine Geschichte von früher: Da gab’s bei uns beim HSV einen Spieler, der hat sechs Wochen lang jedes Vorbereitungsspiel mitgemacht. Dann kam der letzte Test vor dem Saisonstart. Sagt Branko Zebec: „Plücki, du spielst links außen.“ Der erwidert: „Trainer, ich kann nicht links außen spielen.“ „Plücki, was?“ „Ja, ich kann nicht links außen spielen.“ Er hat nie mehr gespielt. Wir anderen haben das verstanden.

Ball und Buchstabe

Turbokapitalisten

Auf einem Auge blind? Jens Weinreich (BLZ 30.4.) erkennt die Lücke in der Kapitalismuskritik Franz Münteferings: „Es verwundert schon ein wenig, dass Münte & Co. derzeit einen Gesellschaftsbereich vernachlässigen in ihren Brandreden: den Profifußball. Das mag daran liegen, dass die Genossen am Wochenende wieder gemeinsam und ungestört mit den Turbokapitalisten des Fußballbusiness auf den Ehrentribünen und in den Vip-Logen fiebern, feiern und zechen möchten. Auf diesen besseren Plätzen in den vom Steuerzahler alimentierten Arenen treffen sich allwöchentlich jene Netzwerker in trauten Runden, die längst mehr Macht verkörpern als die bundesdeutschen Parlamente zusammen. Aber das nur nebenbei, man will ja nicht grundsätzlicher als Müntefering argumentieren. Dass die Kapitalismuskritiker den Fußball verschonen, liegt auch daran, dass man ein Jahr vor der WM, der ein nicht ganz bedeutungsloser Bundestagswahlkampf folgt, nicht noch Scherereien haben will mit dieser prestigeträchtigen Branche. Denn Streit mit dem Fußball und seinem Kaiser bedeutete unweigerlich, dass es am nächsten Tag ärgerliche Schlagzeilen in der Bild-Zeitung gibt.“

Bundesliga

Änderungen

München – Elisabeth Schlammerl (FAZ 30.4.) blickt zurück auf knapp ein Jahr Magath: „Magath hat die Mannschaft verändert, aber die Mannschaft auch den Trainer. (…) Die Spieler brauchten Zeit, um zu erkennen, daß der Trainer ziemlich viel richtig gemacht hat. Daß sie jetzt am Ende der Saison noch immer in einer guten körperlichen Verfassung sind, daß sie in der Lage sind, auch in der Schlußphase einer Partie noch zuzulegen, hat wohl doch einiges mit den schweißtreibenden Trainingstagen vor der Saison und in der Winterpause zu tun. Die Spielweise des FC Bayern hat sich geändert unter Magath, aber ganz ohne den ergebnisorientierten Stil der vergangenen Jahre ging es nicht. National sind die Bayern damit wieder an die Spitze zurückgekehrt, den höchsten Ansprüchen genügten sie aber nicht. Chelsea hat den Bayern die Grenzen gezeigt.“

Topmarke, wäre nur der blöde Fußball nicht

Die Sprache ist, wenn wir Leibniz glauben, der Spiegel des Verstandes; Christoph Biermann (SZ 30.4.) befasst sich mit den „Buzzwords“ von Rolf Königs: „Ein Vereinspräsident, dessen Sprache so weit von der des Fußballs entfernt ist wie Borussia Mönchengladbach von der Tabellenspitze. Fußball bezeichnet Königs beharrlich als „Business“ und spricht das Wort mit einem Vergnügen aus, wie es wohl nur ein erfolgreicher Geschäftsmann kann. Borussia Mönchengladbach ist für ihn auch nie Klub oder Verein, er spricht stets von der „Marke“, und manchem Borussenfan alten Zuschnitts dürfte in solchen Momenten das Blut in den Adern gefrieren. Der Chef der Borussia ist ein wirtschaftliches Schwergewicht, ein Mann des Fußballs ist er jedoch nicht. (…) Als Business betrachtet ist Borussia Mönchengladbach inzwischen eine Topmarke der Bundesliga – wäre nur der blöde Fußball nicht. Der Präsident und sein Fußballklub, das bleibt ein Zusammentreffen fremder Kulturen, doch vielleicht wächst die gemeinsame Schnittmenge noch.“

Innere Werten

Was macht Horst Köppel anders als sein Vorgänger, Richard Leipold (FAZ 30.4.)? „Ein Beobachter braucht nicht lange, um zu bemerken, daß sich etwas geändert hat. Die Umstellung der Taktik ist eine Formalie im Vergleich zur emotionalen Seite. Im Gegensatz zu Dick Advocaat setzt Köppel auf Kommunikation, gegenüber seinen Patienten, den Profis, aber auch gegenüber den Medien und den Anhängern. Der emotionale Doppelpaß mit Spielern und Fans scheint seine wichtigste Waffe im Abstiegskampf zu sein – ohne daß er als typischer Feuerwehrmann bekannt wäre oder als sogenannter Motivationskünstler. Köppels Stärke liegt in den inneren Werten des Fußballs. Bei allem Gewinnstreben (eine Sonderprämie für den Klassenverbleib hält er für selbstverständlich) befriedigt er die Sehnsucht nach Bodenständigkeit und Vereinstreue – nach Tugenden, die meist zu kurz kommen, besonders wenn ein Trainer wie Advocaat den Ton angibt. (…) Die Fans gieren nach einer Identifikationsfigur; die Profis nach einem Vorgesetzten, der ihnen gut zuredet, statt sie laut anzuschweigen, wie es Advocaat oft getan hat.“

Freitag, 29. April 2005

Confed-Cup

Nonsens

DFB-Bundestag in Mainz – Jens Weinreich (BLZ 29.4.) schüttelt den Kopf: „Nach nicht einmal zwei Stunden war der Schiedsrichterskandal abgehakt. Das wahre Leben hat nicht viel mit dem Fußball beziehungsweise mit der Binnenpolitik im DFB zu tun. Beweise für diese These lieferten die DFB-Kameraden selbst. Etwa Mayer-Vorfelder, als er, sich tapfer einem angemessenen Satzbau verwehrend, festhielt: „Fußball ist etwas Wunderbares, wenn die negativen Einflüsse von außen nicht da wären.“ Negative Einflüsse von außen? Da wären die Hooligans, die MV öffentlich als „Abschaum“ verdammte. Oder der Skandalschiedsrichter Robert Hoyzer und seine Hintermänner, die von Zwanziger als Verbrecher gebrandmarkt wurden. Aber auch Wettanbieter, die von Wilfried Straub als „Schmarotzer“ bezeichnet wurden, weil sie in angeblich ungerechtfertigter Weise vom Produkt Fußball profitieren würden. Kurzum: Der Fußball, der Gute und Schöne, muss sich verzweifelt gegen die Einflüsse der Welt, der Schlechten und Hässlichen, erwehren. Man kann eine solche Argumentation als Nonsens abtun und den Kopf schütteln. Was nichts an der Tatsache ändert, dass sie so denken, die Genossen des DFB, die in ihrer kollektiven Weisheit vierzehn Anträge im Rekordtempo verabschiedeten.“

Viel Spaß

Auch Roland Zorn (FAZ 29.4.) kritisiert die „Vergangenheitsbewältigung in Windeseile“: „Am Ende einer rund zweistündigen Arbeitstagung hatten die 253 Delegierten die Vorgabe von Jürgen Klinsmann erfüllt, der zu Beginn ein schwungvolles Grußwort gesprochen hatte: „Wir von der sportlichen Leitung wünschen euch angenehme Gespräche und Diskussionen. Hakt die 14 Antragspunkte ab! Dann sehen wir uns wieder beim Confederations Cup. Viel Spaß.“ So sprach ein streitbarer Weltmeister, so hielten es die harmonieseligen Delegierten.“

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