indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 4. Dezember 2004

Allgemein

Alemannia Aachen-Zenit St. Petersburg 2:2

Hymne an den Hurrafußball im Konjunktiv

Bernd Müllender (taz 4.12.) hat viel zu erzählen: „Am Ende eines hochdramatischen Fußballabends voller Turbulenzen und Verzweiflung hatten 10:2 Ecken noch nicht einmal das Chancenverhältnis wiedergegeben, das lag bei 15:4. Gemeinerweise könnte man Dennis Brinkmann und Reiner Plaßhenrich loben: Sie hatten als einzige Aachener Feldspieler keine klare Chance vergeben, verdaddelt, verschwendet. Man hätte eine Hymne an den Hurrafußball schreiben können, eine Ode an die Offensive. Wenn da nicht das gemeine Ergebnis gestanden hätte. (…) Kaum eine Flanke in den Petersburger Strafraum, die die Defensivdarsteller selbst geklärt hätten, allein Alemannia verdusselte, vertändelte. Nach 80 Minuten, als die Russen in Führung gegangen waren, demonstrierte Kapitän Wladislaw Radimow besonders schusselige Desorientierung. Eifrig gestikulierend zeigte er vor der Trainerbank auf sein Handgelenk: Wie lange noch, wie lange noch, sollte das heißen. Man zeigte ihm die riesige Stadionuhr. Radimow lächelte sogar. Zenits tschechischer Trainer Vlastimil Petrzela, der schon vorher mit dem kryptischen Satz „Wenn ich wüsste, wie wir die schlagen sollen, wäre ich Weltmeister“ aufgewartet hatte, redete unter ständigem Kopfschütteln so konfus, wie seine Mannschaft gespielt hatte. „Sehr enttäuscht“ sei er, „war nicht wie Fußball, sondern mehr Boxen oder Rugby“.“

Niederschmetternde Erkenntnis für die erstklassigen Gäste

Auch Jörg Stratmann (FAZ 4.12.) hat Aachener verpasste Torchancen gezählt: „Gut und gerne 5:1 hätte Alemannia gewinnen und damit schon vor dem letzten Auftritt bei AEK Athen fast sicher die dritte Runde erreichen können, als erster unterklassiger Klub überhaupt. Alemannia stellte die weitaus bessere Elf. Das war die niederschmetternde Erkenntnis für die erstklassigen Gäste aus Rußland.“

Bundesliga

Schöne Worte haben sie in Nürnberg zu oft gehört

Nachhaltige Skepsis beim Nürnberger Publikum, „schöne Worte haben sie zu oft gehört“ (FAZ) – „Bert Van Marwijk wirkt wie ein Autokäufer, dem seine Vertragspartner allerlei Mängel verschwiegen haben, der manches aber selbst hätte erkennen müssen“ (FAZ) – Thomas Dolls Methode: „positive Energie verströmen“ (SZ)

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Schöne Worte haben sie in Nürnberg zu oft gehört

Warum kommen zum 1. FC Nürnberg so wenige Zuschauer? Warum sind diese so skeptisch? Gerd Schneider (FAZ 4.12.) findet Gründe in der Vergangenheit: „Im Grunde genommen hat sich beim „Club“ seit 35 Jahren nichts geändert. In der Saison 1968/69 gelang dem 1. FC Nürnberg unter Trainer Max Merkel das bis heute einmalige Kunststück, als Meister abzusteigen. Damit ging eine goldene Ära zu Ende. Es folgten Jahrzehnte des sportlichen Mittelmaßes, ein ewiges Auf und Ab, in dem der Verein nur durch die diversen Skandale seiner jeweiligen Führung in die Schlagzeilen geriet. (…) Immerhin herrscht momentan Ruhe beim neunmaligen deutschen Meister, der auch einen Fanklub mit dem schönen Namen „Achterbahn“ hat. Selbst der allmächtige Präsident Michael A. Roth hält sich zurück. Mit Wolfgang Wolf soll eine neue, junge, begeisterungsfähige Mannschaft aufgebaut werden. Aber schöne Worte haben sie in Nürnberg zu oft gehört in den vergangenen Jahren, um ihnen noch glauben zu können.“

Schwarz-gelber Unfallwagen gegen königsblauen Boliden

Vor dem Spiel gegen Schalke – Richard Leipold (FAZ 4.12.) befasst sich mit der Verkehrstüchtigkeit Borussia Dortmunds: “Van Marwijk wirkt wie ein Autokäufer, dem seine Vertragspartner allerlei Mängel verschwiegen haben, der manches aber selbst hätte erkennen müssen. Der Motor, das Getriebe, die Reifen, überall zeigen sich Defekte. In seiner aktuellen Verfassung käme das Vehikel, das van Marwijk steuert, kaum durch den TÜV. Hat dieser schwarz-gelbe Unfallwagen gegen den königsblauen Boliden, der aus der ersten Reihe startet, dennoch eine Chance? Ganz gegen den Trend sieht der Chefmechaniker des BVB gute Chancen.“

Der Bundesliga gewachsen?

Freddie Röckenhaus (SZ 4.12.) hat sich rund ums Westfalenstadion umgehört: „Mittlerweile reift in Dortmund die Erkenntnis, dass die weiterhin illustre und nach Schätzungen immerhin noch drittteuerste Mannschaft der Liga nicht die Qualität für wesentlich besseren Fußball besitzt. Weniger wegen ihrer Einzelspieler als vielmehr wegen ihrer mangelnden Fähigkeiten als Kollektiv. (…) Nicht wenige in Dortmund zweifeln inzwischen, ob Marwijk, der zuvor nur niederländische Klubs trainierte, der Bundesliga insgesamt gewachsen ist.“

Positive Energie verströmen

Lassen Sie sich nicht von seinem Erfolg täuschen! Er bleibt Thomas Doll von nebenan – Jörg Marwedel (SZ 4.12.): „Der Chefcoach des HSV mag die Nähe zu den Menschen. Aber er spürt in diesen Tagen auch, wie der Erfolg Distanz schaffen kann. Weil die Leute plötzlich zu ihm aufschauen, als käme er aus einer anderen Sphäre. Ist ja auch kein Wunder, wenn in den Zeitungen tagtäglich die Hymne vom „Wundermann Dolly“ angestimmt wird. Auch zu seinen Spielern pflegt der volkstümliche Coach diese Nähe, und es gibt Stimmen, die ihn davor warnen. Sie sei gefährlich, wenn die ersten Rückschläge kämen, unkte Dick Advocaat, der Disziplin mit Druck und Distanz zu erzwingen versucht. (…) Es ist seine Art der Zuwendung, die aus 27 Profis plötzlich ein Team gemacht hat – ein Führungsstil, der stark an Jürgen Klinsmann oder Jürgen Klopp erinnert, die ebenfalls konsequent ihre Fähigkeit einsetzen, positive Energie zu verströmen und unkonventionelle Dinge zu wagen.“

Deutsche Elf

Reformarbeiten weitgehend abgeschlossen

Wie sieht’s aus auf der Baustelle Nationalmannschaft, Michael Horeni (FAZ 4.12.)? “Vier Monate und einen Tag nach der offiziellen Vorstellung von Klinsmann und Bierhoff sind die Nationalmannschaft und ihr engeres Umfeld erheblich umgekrempelt. Mit dem Abschied von Leverkusen und der Entscheidung für Berlin als WM-Quartier und dem Engagement eines Sportpsychologen sind die Reformarbeiten von Klinsmann und seinen Helfern weitgehend abgeschlossen. (…) Die Reaktion der Nationalspieler auf den neuen Sportpsychologen Hans-Dieter Hermann, der zuletzt die Turner, Boxer und Trampolinspringer bei Olympia betreut hat, ist zurückhaltend. „Das ist immer noch ein heikles Thema. In den Vereinen sind die Meinungen geteilt“, sagt Bierhoff über die Berührungsängste des Fußballs vor einem Thema, das in anderen Sportarten längst zum erfolgreichen Alltag gehört.“

Psychologie ist in Wirklichkeit Training

Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe in Diensten der Nationalmannschaft, im Gepsräch mit Reinhard Sogl (FR 4.12.)
FR: Was sagen Sie den altvorderen Skeptikern, die mit dem Wort Psychologe gleich die Klapse verbinden?
HDH: Dass vieles auf Nicht-Wissen beruht. Es gibt immer eine Skepsis gegenüber Psychologie, weil man mit dem Wort Therapie und Couch verbindet. In Wirklichkeit ist es Training. Es ist ein Teil dessen, was im Hochleistungssport in vielen Ländern gang und gäbe ist. Ich verstehe, dass der eine oder andere zunächst vorsichtig ist. Aber was wir tun, ist ja keine Zauberei.
FR: Darf man Sie als Mentaltrainer bezeichnen?
HDH: Ich hab‘ damit kein Problem. Nur kann sich jeder Mentaltrainer nennen, der Leuten sagt: Du musst nur an dich glauben. Ich werde aber Mitglied des medizinischen Teams sein.
FR: Was erwarten Sie von der Asienreise?
HDH: Ich wollte doch kein Interview geben, verschonen Sie mich bitte im Moment.

Freitag, 3. Dezember 2004

Ball und Buchstabe

Das ist reiner Journalismus

Hagen Boßdorf im Gespräch mit Michael Reinsch (FAZ 3.12.)
FAZ: Was gibt die ARD – außer einigen Fußballspielen und dem Sponsoring des Radteams um Jan Ullrich – noch auf, um Harald Schmidt zu finanzieren?
HB: Die Eins auf dem Trikot hat damit nicht direkt zu tun, weil sie keine Ersparnis bringt. Dahinter steht die Entscheidung, die Marketing-Partnerschaft zu beenden. Was Harald Schmidt betrifft, ist die Entscheidung getroffen worden, die Investition für die ARD-Show aus dem Fußball-Etat zu bestreiten.
FAZ: Ist Fernsehsport nicht längst Teil des Unterhaltungsgeschäfts?
HB: Ich stimme zu, was die Wirkung von Sportsendungen betrifft. Die Zuschauer wollen zuerst Live-Sendungen sehen; jedes Sport-Magazin hat es wirklich schwer. Das gefällt uns Journalisten nicht besonders gut, weil wir in eine Sendung wie die Sportschau vielleicht mehr Mühe und Ideen stecken als in eine Live-Übertragung. Aber die Zuschauer schauen sich Sport- wie Unterhaltungssendungen an, denn diese sind spannend, es gibt gute und schlechte Helden, und keiner weiß, wie es ausgeht. Live-Sport funktioniert wie ein Krimi.
FAZ: Wo bleibt die journalistische Leistung?
HB: Sie besteht darin, die Dramatik eines sportlichen Wettbewerbs zu transportieren; im Fernsehen zunächst durch die Abbildung, dann aber auch durch alles, was das gesprochene Wort leistet. Das ist reiner Journalismus.

WM 2006

Jürgen Klinsmann

Jürgen Klinsmann hat „die bisher wichtigste sportpolitische Partie für sich entschieden“ (FAZ): das WM-Quartier ist in Berlin / „das Alte zählt nicht mehr“ (Tsp) / „eine historische Leistung, dass Klinsmann ein neues Jobverständnis etabliert hat“ (BLZ) / Bayer Leverkusen, „die beste Opfernebenrolle im deutschen Fußball“ (FAZ) / Klinsmann (Tsp): „Ich respektiere die Enttäuschung in Leverkusen“

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Enthusiast

Robert Ide (Tsp 3.12.) würdigt Jürgen Klinsmanns Entscheidung in der Quartierfrage: „Klinsmann hat den DFB aus seiner Erstarrung geweckt. Dazu hat er getroffene Absprachen vernachlässigt, dazu hat er verdiente Mitstreiter aussortiert. Nun hat er sogar Theo Zwanziger bloßgestellt. Der hatte in der Quartierfrage auf die Verabredungen mit Leverkusen gepocht. Doch das Alte zählt nicht mehr. Der Geist von Spiez, der Geist von Malente – irgendwie klang das immer ein wenig kleingeistig. Nun will Klinsmann in Berlin den Titel holen. So einen Enthusiasten gab es im deutschen Fußball lange nicht.“

Neues Jobverständnis

Christof Kneer (BLZ 3.12.) fügt hinzu: “Es hat erst Klinsmann kommen müssen, um das Land zu lehren, welche Macht ein Bundestrainer haben kann, wenn er sich traut. Man mag es fast eine historische Leistung nennen, dass er ein völlig neues Jobverständnis etabliert hat. Es ist jetzt nicht mehr so, dass ein anonymes Netzwerk namens DFB mit den Netzwerksaußenstellen München und Leverkusen die Sportpolitik bestimmt und der Bundestrainer überlegt, ob er zwei oder drei Stürmer bringt. Es ist jetzt so, dass der DFB eine Organisations- und Dienstleistungsstruktur zur Verfügung zu stellen hat – und dann bestimmt Jürgen Klinsmann.“

Neue Begeisterung für die Nationalmannschaft entfacht

Wort gehalten – „Klinsmann hat den Laden auseinander genommen“, stellt Andreas Burkert (SZ 3.12.) lobend fest: “Klinsmann und Schröder sind freundschaftlich verbunden, und irgendwie ist die Entscheidung zugunsten Berlins als Standort des WM-Trainingslagers auch ein politisches Signal. Denn 2006 wählt Deutschland wieder. Die Opposition mag diesen FC Deutschland 06 schon jetzt kritisch begleiten, doch wahr ist auch, dass der moderne Schwabe bei seinen Landsleuten eine neue Begeisterung für die Nationalmannschaft entfacht hat. Klinsmann hat deshalb das Recht, seinen Weg zu gehen und eineinhalb Jahre in Ruhe zu arbeiten.“

Beste Opfernebenrolle im deutschen Fußball

Roland Zorn (FAZ 3.12.) befasst sich mit den Verlierern der Entscheidung: „Bayer, für diese Prognose bedarf es keiner prophetischen Gabe, muß und wird auch diese Pille schlucken. Schließlich kann dem Konzern auf Jahre hinaus niemand mehr den Ehrenoscar für die beste Opfernebenrolle im deutschen Fußball streitig machen.“

Ich respektiere die Enttäuschung in Leverkusen

Jürgen Klinsmann im Interview mit Sven Goldmann & Michael Rosentritt (Tsp 3.12.)
Tsp: Was gab den Ausschlag für das deutsche WM-Quartier in Berlin?
JK: Ich lege Wert darauf, dass es eine rein sachliche Entscheidung war. Berlin als Gesamtpaket passt am besten, eine Metropole mit besten Bedingungen. Wir wohnen in der Stadt und sind doch für uns. Die Fahrt zum Trainingsgelände von Hertha BSC ist kurz, wir haben die Bedingungen dort kennen gelernt während des Länderspiels gegen Brasilien. Das hat uns sehr gut gefallen, deswegen ist uns die Entscheidung sehr leicht gefallen. Und auch für Sie und Ihre Kollegen von den Medien ist das doch eine ganz gute Entscheidung, oder?
Tsp: Welche Rolle spielen Ihre Erfahrungen dabei? Sie mussten vor der WM 1994 mit der Abgeschiedenheit von Malente vorlieb nehmen. Ein Kurort, in dem 80 Prozent aller Gäste bereits im siebten Lebensjahrzehnt waren.
JK: Natürlich denkt man daran ab und zu zurück. Aber die Zeiten, in denen die Nationalmannschaft kasernengleich in Sportschulen wohnte, sind doch eh lange vorbei. Ein Glück! (…)
Tsp: Sie freuen sich, die Berliner auch, aber in Leverkusen wird es Tränen geben, vielleicht sogar Wut. Gibt es irgendeine Kompensation für die Stadt, die der DFB in der Ära Ihres Vorgängers Rudi Völler als Standort auserkoren hatte?
JK: Es war ja auch keine Entscheidung gegen Leverkusen, sondern eine Entscheidung für Berlin. Auch Leverkusen hätte sehr gute Bedingungen geboten, aber wir finden nun mal, dass wir jetzt besser nach Berlin passen. Ich respektiere die Enttäuschung in Leverkusen, aber wir können nun mal nur an einem Ort wohnen.

Die Zeit der Sportschulen ist vorbei, das ist Folklore von früher

Klinsmann im Interview mit Christof Kneer (BLZ 3.12.)
BLZ: Soll Berlin nicht doch ein Zeichen sein – nach dem Motto: Hier findet das Finale statt, deshalb verstecken wir uns nicht und ziehen dahin? Passt das nicht gut zu Ihren Motivationsbotschaften?
JK: Das spielt auch eine kleine Rolle. Die Quartierwahl soll auch unser Selbstbewusstein ausstrahlen.
BLZ: In Berlin rücken die Spieler auch näher an die Öffentlichkeit heran.
JK: Ja, auch deshalb ist der Grunewald ideal. Man ist in der Stadt, aber doch nicht richtig. Man hat im Hotel seine Ruhe, aber man ist schnell in der Stadt, wenn man mal Kaffee trinken oder ins Kino gehen möchte.
BLZ: Bislang galt immer , dass ein Spieler Ruhe, Ruhe, Ruhe braucht.
JK: Die Zeit der Sportschulen ist vorbei. Der Hochleistungssport hat sich extrem weiter entwickelt. Das sind heute verantwortungsbewusste Athleten, da müssen wir uns keine Gedanken machen, ob da einer über den Zaun springt und in die Kneipe rennt. Das ist eine Generation, die genau weiß, was sie will. Die machen so was nicht, das ist Folklore von früher.

Bundesliga

Höchstform

Patrick Owomoyela, neu im DFB-Kader – kein Zufall, bei dem Trainer! findet Ulrich Hartmann (SZ 3.12.): „Schuld an Owomoyelas rasanter Entwicklung ist vor allem Uwe Rapolder, der Trainer von Arminia Bielefeld. Er hat die Mannschaft im März übernommen und ihr ein so effektives Spielsystem beigebracht, dass sie erst aufgestiegen und jetzt gar zum Liebling der Fußballexperten geworden ist. Bielefeld spielt einen wunderbaren Fußball, und jeder einzelne Spieler der Stammelf ist unter der taktischen Obhut des Trainers zu Höchstform aufgelaufen.“

Nach der Niederlage in Rotterdam muss Schalke nun nach Dortmund. Mit welchen Aussichten, Marcus Bark (taz 3.12.)? „Ein Fußballer besteht unter anderem aus Patellasehne, Syndesmoseband, Adduktoren – und einem Schalter. Wo der sich genau befindet, ist unklar. Er darf am oder im Kopf vermutet werden. Seine Existenz zieht jedenfalls niemand aus der Kickerbranche ernsthaft in Zweifel. Der Schalter funktioniert nur in eine Richtung: Umlegen, und alles wird gut.“

Pfui deifi!

Axel Kintzinger (FTD 3.12.) blickt aufs Wochenende: „Spricht man das Daabi, wie anglophile Puristen? Oder Dörby, wie Hinz und Kunz? Und woher kommt das überhaupt? Klar, aus Derbyshire, England. Aber: Kicken oder Reiten? Fakt ist, wie man in der zunehmend verrosteten deutschen Fußballersprache sagt, dass beides richtig sein könnte. Denn der Zwölfte Earl of – sic! – Derby steht für Pferderennen, die irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert gestartet wurden. Aber noch vor den Gäulen lieferten sich junge Männer aus den Gemeinden um das Dorf Ashbourne in Derbyshire einen sportlichen Wettkampf. Ohne Ball, aber in Mannschaften. Einen regionalen Bezug braucht’s halt schon. Und den gibt es an diesem Wochenende – wenn auch nur einmal: in Westfalen. Aber das Spiel eines fränkischen gegen einen oberbayerischen Klub Derby nennen? Pfui deifi!“

Donnerstag, 2. Dezember 2004

Vermischtes

WM 2010: Südafrika geht die Vorbereitung früh an

„Die griechischen Fehler und die Hast vor den Olympischen Spielen in Athen möchte Südafrika nicht wiederholen“, stellt Robert von Lucius (FAZ 2.12.) fest: „Südafrika geht die Vorbereitung früh an. So hat das Land bereits Ende Oktober einen detaillierten Vertrag mit der Fifa unterzeichnet; in den kommenden drei bis vier Monaten soll das Organisationskomitee seine Arbeit aufnehmen; der Ausbau einiger Stadien wird in ein paar Monaten beginnen. Bei seiner Vorbereitung werde sich Südafrika auf Hilfe aus Deutschland stützen, berichtet der bisher für die Vorbereitung zuständige Staatssekretär im südafrikanischen Sportministerium, Denver Hendricks, in Pretoria; auch Frankreich und Japan haben Hilfe zugesagt. (…) Vorbehalte gegen die Kosten für ein Schwellenland mit hoher Armut und einer Arbeitslosigkeit von 30 bis 40 Prozent wurden kaum laut: Wie wenig anderes hatte die WM-Vergabe in diesem Jahr den Nationalstolz der Südafrikaner beflügelt und Schwarz und Weiß geeint. Studien sagen zudem voraus, daß das Wirtschaftswachstum am Kap durch die WM beflügelt werde.“

Allgemein

Briefmarke drauf und ab nach Bielefeld

Felix Meininghaus (FR 2.12.) bedauert den Karriereknick Lars Rickens: „Im Frühling seiner Karriere gelang dem Schüler alles. Ricken war 18, und dem echten Dortmunder Jungen vom TuS Eving-Lindenhorst lag die Welt zu Füßen. Seine Karriere kannte nur eine Richtung: steil bergauf. Drei Jahre später war Ricken zweifacher Deutscher Meister, Nationalspieler und hatte mit einem denkwürdigen Treffer das Champions-League-Finale gegen Juventus Turin entschieden. Es war wie im Märchen, als sich der Dortmunder wenige Sekunden nach seiner Einwechselung mit einem phänomenalen Heber in die Unsterblichkeit schoss. Sieben Jahre später ist nichts mehr übrig vom frühen Ruhm eines Fußballers, dem eine Weltkarriere vorausgesagt worden war. Ganze 63 Minuten hat Ricken in dieser Saison auf dem Platz gestanden, nie von Beginn an. Wer ihn sehen will, hat bei den Amateuren in der Regionalliga bessere Chancen. Aber selbst da vermag Ricken kaum Akzente zu setzen. (…) Im kicker-Forum hat Teilnehmer „LeoFohlen“ unlängst auf das Beispiel Delron Buckley verwiesen und im Fall Ricken den unmissverständlichen Ratschlag erteilt: „Briefmarke drauf und ab nach Bielefeld.““

Ball und Buchstabe

Selten schön

Wie darf das Nürnberger Frankenstadion auf keinen Fall heißen, Philipp Selldorf (SZ 2.12.)? „Der Name Hochtief-Stadion ist aus humanitären Gründen nicht vertretbar – er würde die Club-Fans in den Wahnsinn treiben. Schon seit Anbeginn der Namensdebatte graut es den Anhängern davor, wie auf ihre Kosten stets der gleiche Witz gemacht wird. Zwar würde der Scherz nach dem durchschaubaren Prinzip von Bananenschale und Sahnetorte ablaufen, aber das hätte in Anbetracht einer solchen Steilvorlage für Spott und Belustigung keine abschreckende Bedeutung. Daher verbietet sich der Name Hochtief-Stadion als Titel für den Spielplatz eines typischen „Fahrstuhlvereins“, wie es der 1. FC Nürnberg leider ist. Raufrunter-Arena, haha… Die WM 2006 beschert dem deutschen Fußball viele schöne, neue Stadien, die jedoch selten schöne Namen tragen. Traditionelle Spielstätten, die seit Jahrzehnten ihre Herkunft im Wappen führten, hören nun auf uncharmante Akronyme, hinter denen sich radikale Splitterparteien oder gesetzliche Krankenkassen verbergen könnten.“

Die Botschaften bleiben überall die gleichen

Gunter A. Pilz, Gewaltforscher, im Interview mit Frieder Pfeiffer (SpOn 1.12.)
SpOn: Was sind das für Menschen, die in den Stadien durch rassistische Verbalattacken auffällig werden?
GP: Das sind auf keinen Fall nur Dumpfbacken. Wir haben zwar in den neuen Bundesländern noch einen höheren Anteil dieser Fans in der rechtsradikalen Fußballszene. In den alten Bundesländern sind es jedoch bei weitem nicht nur diese Modernisierungsverlierer. Dort geht es quer durch alle Schichten. Auch Abiturienten und Studenten bringen hier gezielt rechtes Gedankengut mit in die Stadien. Das hängt teilweise damit zusammen, dass es immer mehr arbeitslose Akademiker gibt. Sie gehören in der Außenseiter-Etablierten-Konstellation auf einmal auch auf die Verliererseite und nehmen Abwehrhaltungen ein. In diesem Bedrohungsgefühl liegt die Fremdenfeindlichkeit begründet.
SpOn: Derzeit sind vor allem aus Spanien und Italien Meldungen über fremdenfeindliche Ausschreitungen zu vernehmen. Ist das Problem dort schwerwiegender?
GP: Nein, das ist dort nicht stärker verbreitet. Es ist nur so, dass zum Beispiel in Italien ganz andere gesetzliche Rahmenbedingungen herrschen. In italienischen Stadien kann man per Transparent Leute nach Auschwitz wünschen, ohne dass man gerichtlich belangt wird. Auch ein Hitlergruß ist dort kein Straftatbestand. Und wenn so etwas toleriert wird, kommt es natürlich schneller zu rechtsradikalen Parolen. In Deutschland ist das alles strikt verboten. Die Deutschen haben eine Sensibilität, was den Nationalsozialismus angeht, die die Italiener trotz Mussolini anscheinend nicht haben. Auch greifen bei uns die Maßnahmen des Staatsschutzes besser. Dadurch wird der Rassismus aber lediglich subtiler betrieben. Es stimmt weiterhin nicht, dass nur, weil das Problem des Rechtsradikalismus in diesen Ländern häufiger auftritt, es dort akuter ist. Die Botschaften bleiben überall die gleichen.

WM 2006

Die Weltmeisterschaft quillt aus den zwölf Stadien

Michael Reinsch (FAZ 1.12.) befasst sich mit der Diskussion über öffentliche WM-Parties: „Gut möglich, daß sie bei der Fifa und bei der Rechteagentur Infront nicht so recht geahnt hatten, was für eine Wucht das öffentliche Interesse an der WM 2006 in Deutschland entwickeln würde. Sie hörten Markt und dachten an Vermarktung. Die Rede war aber von Marktplätzen als Bühne des öffentlichen Lebens. Plötzlich fordert die Politik für das Volk seinen Anteil an dem Ereignis, das den Sommer 2006 prägen soll: WM-Parties mit Videowänden und Bierbuden in jeder Stadt! Peer Steinbrück schimpfte auf dem Boulevard über die Zögerlichkeit der Fifa und drohte, die Feiern zum Thema aller Ministerpräsidenten zu machen. Aus dem Kanzleramt ist zu hören, man habe das Thema im Blick, auch wenn man sich noch nicht äußere. Die Sportminister der Länder taten bei ihrer Konferenz in Halle so, als drohten die Deutschen von der Weltmeisterschaft im eigenen Land ausgeschlossen zu werden. Es folgte die kaum verhohlene Aufforderung von Franz Beckenbauer, Volksfeste vor Bildschirmen zu feiern; man könne ja nicht jedes Dorf kontrollieren. Gut möglich, daß sie nun erst verstanden haben, die Herren der Rechte, welche Dimension ihre Veranstaltung entwickelt. Die Fußball-Weltmeisterschaft quillt aus den zwölf Stadien, die für sie gebaut worden sind, und sie drängt aus dem Fernsehen in der guten Stube und der Eckkneipe. Von Dresden bis Bremen, von Saarbrücken bis Schwedt wollen Fußballfans gemeinsam die Spiele sehen und die Ergebnisse feiern.“

Katastrophenbewältiger meets Bundeshonigkuchenpferd

Fritz Tietz (taz 2.12.) blickt durch: „Vor der Bundestagswahl 2002 ließ er die halbe Ostzone fluten, nur um sich hernach als gummibestiefelter Katastrophenbewältiger beim deutschen Stimmvieh dicke tun zu können. Im Wahljahr 2006 muss Gerhard Schröder nicht zu derart drastischen Methoden greifen. Längst hat er zur Absicherung seiner Wiederwahl den deutschen Titelgewinn bei der WM angeordnet. Wie ihn das Hochwasser seinerzeit erneut ins Kanzleramt spülte, so wird ihm das dieses Mal im Sog der WM-Begeisterung gelingen; so jedenfalls Schröders Kalkül und langfristig gehegter Plan. (…) So viele Wahlversprechen kann Schröder gar nicht machen, als dass damit jener positive Wählereffekt auch nur annähernd erreicht würde, der ihm als Regierungschef des Ausrichterlandes quasi automatisch und vergleichsweise unaufwendig zufällt: Hier eine fernsehgerechte Händeschüttelei mit irgendwelchen Fifa-Greisen, dort ein eigens zur TV-Schau aufgesetztes Mitfiebergesicht im Stadion, dazu nach Spielende ein launiges Statement bei Poschi und anschließend ein spontaner Besuch im deutschen Kabinentrakt samt einem Super-Laune-Foto mit dem frisch gebackenen Bundeshonigkuchenpferd Jürgen Klinsmann. Das bringt die Wählerstimmen.”

Allgemein

Identität behalten

Alemannia Aachen fühlt sich wohl im Europapokal – Christoph Biermann (SZ 2.12.) berichtet: „Die Zweifel des Sommers sind der Euphorie des Winters gewichen, und das hat viel mit Jörg Schmadtke zu tun, der in Aachen als der Mann hinter der sportlichen Wiederauferstehung des Klubs gilt. Seine Transferbilanz ist so spektakulär positiv, dass man sie nicht mehr für einen Zufall halten kann. Aachens Sportdirektor macht besonders deshalb auf sich aufmerksam, weil sich seine Mannschaft trotz der Umbrüche nicht nur sportlich verbessert, sondern auch ihre Identität behalten hat. (…) Trotzdem glaubt Schmadtke, dass man ihn in der Fußballbranche noch für einen „Exoten“ hält. Ehemaligen Torhütern traut man traditionell wenig zu.“

If yes we win I will Karnevalfeiern the rest of the year!

Ein Stimmungsbericht von Bernd Müllender (FTD 2.12.): „Die Euphorie blüht: Aachener Blätter bringen Sonderbeilagen, ein Lokalradio wird dauerübertragen, die Fans wollen vor Aufregung kaum noch schlafen gehen. Im Uefa-Fanboard hinterließ „AndreasTSV“ die Nachricht: „It will a very difficult game, but if yes we win I will Karnevalfeiern the rest of the year!“ Gespielt wird wieder im Kölner RheinEnergieStadion, weil der heimische Tivoli zu uneuropäisch alt ist. (…) Die FC-Arena wird derart verhüllt, dass Christo und alle Taliban gemeinsam ihre Freude hätten: FC-Vereinslogos, Fahnen, Sponsorenschilder, selbst Teppiche – alles ist längst abgeklebt, weggeräumt, zugehängt. Geißbock Hennes hat Stadionverbot.“

Mittwoch, 1. Dezember 2004

Internationaler Fußball

Ein Stenz

Sehr lesenswert! Deutschlands Fußballfreunde dürstet es nach Informationen über José Mourinho – Michael Wulzinger (Spiegel 29.11.) hilft: „Mourinho tritt im Mutterland des Fußballs mit einer Arroganz auf, die – Siege hin, Siege her – selbst den schrulligen Charakteren durchaus zugeneigten Briten bisweilen zu weit geht. Mourinho weiß alles besser. Mourinho hat keinen Respekt. Mourinho ist ein Stenz. Mal ist er pampig, mal schneidend, mal eiskalt. Kurzum: Der Mann, der wie sein Mäzen Roman Abramowitsch aus dem Nichts kam und plötzlich auf einer Weltbühne wandelt, geriert sich bei seinen öffentlichen Auftritten mit Hingabe als Widerling. Bereits bei seiner Vorstellung eröffnete Mourinho den verblüfften Journalisten: „Chelsea hat eine Topmannschaft, und, entschuldigen Sie, wenn das arrogant klingt: Chelsea hat jetzt vor allem einen Toptrainer.“ In Anlehnung an den in England beliebten Kriegsfilm „The Eagle Has Landed“ spotteten die Kommentatoren: „The Ego has landed“: Das große Ich ist da. Seither lässt der Südeuropäer, gefragt oder ungefragt, keine Gelegenheit aus, seine Mannschaft als Übermacht des Fußballs zu preisen oder sich abschätzig über die Konkurrenz zu äußern. Siege von Chelsea sind grundsätzlich verdient, basta. Bei einem Unentschieden wie dem 0:0 gegen Paris Saint-Germain sollten die Franzosen „in die Kirche gehen und sich beim lieben Gott bedanken, dass sie einen Punkt mitnehmen durften“. Und bei einer Niederlage wie dem 0:1 gegen Manchester City sind höhere Mächte im Spiel gewesen. Oder der Schiedsrichter war eben ein Blinder und der Rasen ein Acker.“

Abgrenzungen

Marc Lehmann (NZZ 1.12.) über politische Vergangenheit und Distinktion Ferencváros Budapests: „Ferencváros, von den Anhängern „Fradi“ genannt, ist der populärste Verein in Ungarn. 1899 von deutschen Kleinbürgern gegründet, war er der Klub der Massen, dessen Glanz weit über Budapest hinausstrahlte. Eine tiefe Feindschaft pflegt er seit je mit dem Nachbarn MTK Budapest, einem jüdischen Verein aus dem gleichen Stadtteil, der heute vor allem auf Intellektuelle anziehend wirkt. Das Selbstverständnis „Fradis“ hat sich lange aus der Abgrenzung gegenüber dem Klub der Juden genährt. Ferencváros war die Lieblingsmannschaft der ungarischen Faschisten, der sogenannten Pfeilkreuzler. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden auf den Rängen manchmal noch Parolen skandiert, die an die Deportationen von MTK-Spielern und -Anhängern während des Zweiten Weltkriegs nach Auschwitz erinnerten. Die braune Vergangenheit ist ein schweres Erbe. Noch heute wird Ferencváros durch gelegentliche rassistische Ausschweifungen eines Teils seiner Fans in Verruf gebracht. Der Popularität des ungarischen Rekordmeisters tun die Fehltritte aber keinen Abbruch. Den meisten Zeitgenossen in Ungarn ist vor allem in Erinnerung geblieben, dass Ferencváros während der Herrschaft der Kommunisten nie in deren Abhängigkeit geraten war. Die Farben Grün und Weiss zu tragen, bedeutete auch, sich gegenüber dem Regime abzugrenzen. Dieses Image ist bis heute prägend.“

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