indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 31. August 2004

Bundesliga

Gefährliche atmosphärische Gemengelage

Wie wird die Stimmung in Schalke sein? Martin Hägele (NZZ 31.8.) ist wetterfühlig: „Zwei Wochen, in denen nichts verdient wird, sind eine sehr lange Zeit. Besonders für Schalke 04, den Verein mit den höchsten Krediten und damit auch den höchsten Zinsverpflichtungen in Deutschland. Zwei Wochen können sich verdammt zäh ziehen, bis sich die Professionals rehabilitieren und die königsblaue Gemeinde wieder befrieden können. Drei, vier, fünf oder gar sechs Wochen, in welchen die Zeitungen im Ruhrgebiet nur darüber schreiben, dass der gesperrte Ailton in jeder dieser Wochen 300 000 Euro verdient [of: 300 000 Euro Wochenlohn?! Stimmt diese Zahl etwa?], sich aber nur durch Tore amortisieren könnte, sind eine gefährliche atmosphärische Gemengelage. Zum Glück verwandeln die Musiker von Pur die stimmungsvollste Arena hierzulande gleich dreimal diese Woche in ein ausverkauftes Abenteuerland, Stadionbesitzer Schalke kassiert über seine Veranstaltungs-Abteilung wenigstens für drei Tage Miete. Zum Glück befassen sich gleich an mehreren medialen Brennpunkten der Republik Reporter mit ähnlichen Krisen von Mannschaften, die ihre Fans bisher enttäuscht haben: Über München, Hamburg, Dortmund und Berlin, ganz zu schweigen von den Pfälzer Hinterwäldlern im 1. FC Kaiserslautern, beschäftigen sich die Kritiker damit, was Präsidenten, Trainer und Stars ihren Anhängern für die neue Saison versprochen, aber nicht gehalten haben. Nirgendwo freilich ist das Klima so explosiv wie auf Schalke (…) Ohne Ailtons Tore dürfte es auf Schalke schon bald einen Aufstand der um ihre Hoffnung geprellten Anhänger geben.“

Montag, 30. August 2004

Allgemein

Denkfehler

Denkfehler

Hakan Yakin, Schweizer Star, ist in Stuttgart gescheitert und wird vermutlich an Lazio Rom ausgeliehen. Christine Steffen (NZZaS 29.8.): „Will man mit Hakan Yakin Ursachenforschung für das Scheitern in Deutschland betreiben, stösst man gegen eine Mauer aus verletztem Stolz. „Vielleicht passt dem Trainer nicht, dass ich Schweizer bin. Oder meine Art zu spielen gefällt ihm nicht.“ Yakin zuckt die Schultern und zieht sich hinter seine verschränkten Arme zurück. „Entweder“, fügt er an, „man mag die Yakins, oder man mag sie eben nicht.“ Diese Haltung ist verständlich, kennt man den Weg der türkischen Buben Murat und Hakan aus der Siedlung in Münchenstein in das gleissende Scheinwerferlicht der grossen Fussballplätze. Sie ist verständlich, wenn man weiss, dass das System sowohl im FC Basel, der letzten Station von Hakan, wie auch in der Nationalmannschaft auf ihn ausgerichtet war und er als Schweizer Star nach Deutschland gegangen ist. Nur setzt sein jetziger Trainer seinen eigenen Massstab an, bei dem weder Hintergrund noch Rolle des Spielers in seiner Heimat eine Bedeutung haben. (…) Über das Trainingsgelände neben dem Gottlieb-Daimler-Stadion weht ein frischer Wind, der die Wolken rasch voranschiebt. Hakan Yakin rennt, er stellt sich frei, hebt den Arm, wird angespielt, holt den Ball mit dem Fuss akrobatisch aus der Luft, schiesst, trifft und verliert bei der nächsten Aktion den Ball leichtsinnig.“

Interview

Ein Spieler bekommt viel schneller Selbstvertrauen, wenn er oft in Ballbesitz ist

Richard Leipold (FAS 29.8.) fragt Bert van Marwijk nach seiner Arbeit

FAS: Spüren Sie schon etwas von der vielbeschworenen Aufbruchsstimmung bei Borussia Dortmund?
BvM: Ich finde, daß man so etwas nie von jemandem erwarten kann. Ich bin kein Typ, der mal eben sagt, jetzt erzeuge ich eine gute Atmosphäre. Bei Feyenoord Rotterdam ist mir das zwar gelungen, aber es ist unglaublich schwierig. Man kann einem Trainer nicht einfach vorschreiben: Geh hin und sorge dafür, daß alle lachen.
FAS: Warum sind Sie nach Dortmund gegangen, obwohl Ihr vorheriger Klub in Europa derzeit einen höheren Stellenwert besitzt?
BvM: Ich habe immer gesagt, vier Jahre bei einem Verein sind genug. (…)
FAS: Wie beschreiben Sie Ihren Weg, Ihre Philosophie?
BvM: Ich sehe es gern, wenn meine Mannschaft das Spiel kontrolliert. Sie darf die Initiative nicht dem Gegner überlassen. Und ich mag das Kurzpaßspiel. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß ein Spieler viel schneller Selbstvertrauen bekommt, wenn er oft in Ballbesitz ist. Das System darf aber kein Selbstzweck sein. Die Spieler müssen es auch ausführen können und sich dabei wohl fühlen. (…)
FAS: Wie haben Sie die Spieler nach zwei Heimniederlagen aufgerichtet und von der Auswärtsphobie aus der vergangenen Saison befreit?
BvM: Das läßt sich praktisch gar nicht erklären. Es gibt da keine besondere Methode. Wenn ich eine Erklärung, ein Rezept dafür hätte und sicher wüßte, daß es jede Woche funktioniert, dann bliebe es mein Geheimnis. Aber ich habe kein Geheimnis. Meistens machen kleine Details, etwa im Umgang miteinander, den Unterschied aus. Das kann ein Klaps auf die Schulter sein, ein Gespräch unter vier Augen oder eine Ansprache in der Kabine. Manchmal schlage ich auch mit der Faust auf den Tisch oder kritisiere einen einzelnen Spieler vor der ganzen Mannschaft. Man muß immer das Richtige sagen und den richtigen Ton treffen, das ist das Schwierige am Beruf des Trainers.

Internationaler Fußball

Holländer raus, Brasilianer rein

Argentinien ist Olympia-Sieger: „Fußball unter äußerster Disziplin, mit allerhöchstem Tempo und ungewöhnlicher Finesse“ (taz) / „Noch nie hat ein Fussballteam das Olympiaturnier in gleichem Masse dominiert“ (NZZaS) – Der FC Barcelona vor der neuen Saison, „Holländer raus, Brasilianer rein“ (FAS)

Fußball unter äußerster Disziplin, mit allerhöchstem Tempo und ungewöhnlicher Finesse

Finale – Argentinien schlägt Paraguay 1:0. Was bedeutet ein Olympia-Sieg für die Zukunft, Martin Hägele (taz 30.8.)? „In Atlanta und Sydney hatten voreilige Analysten schon die ganz große Stunde Afrikas schlagen hören; bei den anschließenden Weltmeisterschaften ist jedoch keine der arrivierten Fußballnationen von Nigerias „Super-Adlern“ zerrupft oder von den „unbezähmbaren Löwen“ aus Kamerun aufgevespert worden. Ihren wilden Kampfnamen wurden keine dieser beiden Mannschaften gerecht. Dagegen werden die jungen Gold-Helden der „Albiceleste“ die Zukunft des wichtigsten Sports prägen. Man braucht keinen Konjunktiv, um den weiteren Werdegang von Carlos Tevez und Andres D‘Alessandro zu beschreiben. Auch wenn Trainer Marcelo Bielsa jede Frage bereits im Ansatz abblockt, die mit morgen oder übermorgen und erst recht mit dem WM-Turnier in Deutschland zu tun haben könnte. Selbst ein Laie erkennt, dass die himmelblau-weiße Firma unter äußerster Disziplin, mit allerhöchstem Tempo und ungewöhnlicher Finesse Fußball produziert. (…) Es gibt wohl kaum ein Land, in dem über den Stil seiner Fußball-Auswahl solch philosophische Kriege geführt werden. Luis Cesar Menotti, der Feingeist der 78er „Campeones“, predigt Kreativität und die persönliche Freiheit der Starinterpreten. Carlos Bilardo steht für die andere Richtung. Beim Trainer der Weltmeister von 1986 heißt Fußball Arbeit, Härte, Kontrolle, Verteidigung. Bielsa scheint es nun gelungen zu sein, die Schnittmenge beider Ideologien gefunden zu haben. Jenen Stoff, aus dem Argentiniens dritte Weltmeister-Generation geschaffen sein könnte. Zur Vorsicht also doch noch ein Konjunktiv.“

Auch Claudio Klages (NZZ 30.8.) ist angetan: „Sechs Spiele ohne Fehl und Tadel mit der makellosen Bilanz von 17:0 Toren – Argentinien setzte ohne Schwächen während 18 Tagen die Akzente. Noch nie hat ein Fussballteam das Olympiaturnier in gleichem Masse dominiert. (…) Das Olympiateam verkörperte wieder diese unnachahmliche Kombination aus defensivem Wall und Ideenreichtum, für die der argentinische Fussball seit je steht.“

Was sagt der Trainer, Gerd Schneider (FAS 29.8.)? „Marcelo Bielsa ist kein Mann großer Worte. Er spricht leise und langsam, und wenn es um seine Gefühle geht, verbarrikadiert er sich hinter inhaltsleeren Sätzen. Er könnte eigentlich ein bißchen fröhlicher sein, dieser Marcelo Bielsa, der ein berühmter Mann ist in seiner Heimat. (…) Immerhin ließ sich selbst Marcelo Bielsa von dem Erfolgserlebnis in Athen zu der Aussage hinreißen, daß solche Siege wichtig seien für das Glück des argentinischen Volkes und daß man diesen Titel nicht ignorieren könne. Für seine Verhältnisse war das ein Gefühlsausbruch. Der Fußballehrer hatte heftige Kritik einstecken müssen nach dem WM-Desaster vor zwei Jahren. Doch er hatte immer daran festgehalten, daß sein Team damals an ungünstigen Umständen gescheitert sei. Nach dem Auftritt in Athen fällt die Vorstellung schwer, daß sich so ein Mißerfolg bei der nächsten WM wiederholen könnte. Bielsa hat, selbst in seinem Olympiateam, ein solche Auswahl an Weltklassespielern, daß einem ganz schwindelig wird.“

„Die neue Elf hat kaum noch etwas mit der Mannschaft der abgelaufenen Saison zu tun“, beschreibt Paul Ingendaay (FAS 29.8.) die Transferaktivität des FC Barcelona: „Sollte das Team wieder nichts holen, würden die Fans des mitgliederstärksten spanischen Vereins nicht nur Trainer Frank Rijkaard, sondern auch den jungen, telegenen, seit einem Jahr amtierenden Präsidenten Joan Laporta zum Teufel jagen. Irgendetwas Großes, Unkontrollierbares würde geschehen. „Dieses Jahr haben wir keine Entschuldigung mehr.“ Das sagt der Mann, der innerhalb weniger Monate zum wichtigsten Spieler des Vereins wurde und eine schöne Gehaltserhöhung bekam, ohne darum bitten zu müssen: Ronaldinho. Er ist bei den Katalanen alles, Ballgenie, Torjäger, Animateur und Musterknabe in einer Person. (…) Kaum jemand bezweifelt, daß die neue Mannschaft besser ist als die alte. Zumindest hat sie mehr torgefährliche Leute, und sollte sie harmonieren, ist ihr viel zuzutrauen. Johann Cruyff allerdings, die hochrespektierte graue Eminenz des „Barcelonismus“, warnte davor, sechs Brasilianer in die Mannschaft zu stellen. Präsident Laporta, der Cruyffs Rat schätzt, mochte diesmal nicht auf ihn hören. Er hat beschlossen, hoch zu pokern, um ganz schnell frischen Ruhm einzufahren, und jetzt läuft das Spiel, das er sich gewünscht hat. Viel kommt dabei auf Frank Rijkaard an. Der sanfte Niederländer wird, über sein angenehmes Auftreten hinaus, endlich das werden müssen, von dem noch niemand weiß, ob er es sein kann: ein starker, entschlußfreudiger Trainer.“

Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse – Tabellen – Torschützen NZZ

Ball und Buchstabe

Fußball ist unser Leben (nicht Olympia)

Benjamin Henrichs (SZ/Medien 30.8.) spricht für uns alle: „Olympia, um es einmal ein bisschen riskant zu formulieren, ist ja immer so etwas wie eine gigantische Ab- und Ausschweifung. Man lässt sich ein auf viele unbekannte Freuden, zwischen Trampolin und Taekwondo. Olympia, das ist eine Art Harem mit 301 Zimmern. Aber nach zwei Wochen ist es auch genug, und man kehrt, nicht reumütig, aber doch erleichtert, zur einen, zur einzig wahren Liebe zurück. Olympia, jawohl, ist schön und gut. Aber Fußball, das ist unser Leben. Und damit: Guten Abend allerseits!“

Unterhaus

Zumindest auf das Essener Partypotenzial dürfen zwei Drittel der Bundesliga neidisch sein

0:0 gegen Mitaufsteiger RW Erfurt – RW Essen tut sich schwer, Daniel Theweleit (SZ 30.8.): „Von jener Aufstiegseuphorie, auf der so viele Neulinge durch die erste Saisonphase schweben, ist in Essen nichts zu spüren. „Dabei hatten wir diesen Schwung“, sagte Trainer Jürgen Gelsdorf, „20 Minuten lang im ersten Spiel.“ Das war gegen Erzgebirge Aue, doch dann leistete sich der von Union Berlin verpflichtete Torhüter Robert Wulnikowski innerhalb weniger Minuten vier satte Torwartfehler. Zur Halbzeit lag man 0:4 hinten, und es war aus mit Selbstbewusstsein, Leichtigkeit und Euphorie. Jetzt kämpfen sie an der Hafenstraße, und wahrscheinlich passt das auch viel besser. Gegen Erfurt regnete es in Strömen, ein Flutlichtspiel, schon vor dem Anpfiff herrschte eine Atmosphäre wie in einem schweißtriefenden Bierzelt. Es riecht hier noch nach Bratwurst und Senf, und die inbrünstig mitgesungenen Fußballschlager tauchten das marode Stadion in ein Ambiente urtümlicher Fußballfreude. Zumindest auf das Essener Partypotenzial dürfen zwei Drittel der Bundesliga neidisch sein. Das spielerische Niveau ist umso dürftiger. Sie grätschten, rutschten, schossen aus der Ferne, aber eine klar herausgespielte Torchance brachten die Rot-Weißen nicht zu Stande gegen den Mitaufsteiger. Die Fans allerdings feierten, und das war durchaus nachvollziehbar, denn sie hatten ein hoch intensives Spiel voller Leidenschaft erlebt und gewiss die beste Saisonleistung ihrer Mannschaft gesehen.“

Bundesliga

Bewegung nur auf dem Stimmungsbarometer

Spielberichte und Aussagen am 3. Bundesliga-Spieltag: „Franca gestattet dem Spielobjekt ein Eigenleben“ (FAZ), Leverkusens „spielerischer Vollrausch“ (SZ) / Bayerns „vereinstypische Katastrophenstimmung“ (SZ) – „das Klima ist schon früh wieder aufgeheizt in der Pfalz“ (FAZ) – „Ailtons Doppelschlag“ (FAZ) – „Bewegung gibt es derzeit bei Hertha BSC Berlin wieder nur auf dem Stimmungsbarometer“ (FAZ), Hertha, „Abbild der Einfallslosigkeit“ (SZ) – Glückstreffer lässt Klaus Toppmöller und die Hamburger durchatmen u.v.m.

Bayer Leverkusen-Bayern München 4:1

Vereinstypische Katastrophenstimmung

Wie sind die Reaktionen der Bayern zu werten? Philipp Selldorf (SZ 30.8.) ist deutungserfahren: „Von der angebrachten Erschütterung war hinterher wenig zu spüren und zu hören beim Münchner Trainer. Zwar herrschte nach dem Abpfiff, der ein sogar gnädiges 1:4 für amtlich erklärte, in der Münchner Delegation diese vereinstypische Katastrophenstimmung, die sich vor allem dadurch äußert, dass die Chefs den Kommentar verweigern. Karl-Heinz Rummenigge („Es gibt Spiele, nach denen sagt man besser nichts“) und Uli Hoeneß („Ganz bestimmt gäbe es einiges zu sagen“) nahmen Reißaus vor ihren eigenen Worten, ihr Schweigen erzeugte ein bedrohliches Reizklima in den Wandelgängen der BayArena. Doch Magath gab sich alle Mühe, über den Dingen zu stehen. (…) Ist die Lage für die Bayern halb so schlimm, wie Magath glauben machte? Im Klub gehen darüber die Meinungen vermutlich auseinander. Noch im Presseraum des Stadions sah Magath keinen Anlass, die für den nächsten Tag angesetzte Floßfahrt auf der Isar abzusagen. Fünf Minuten später meldete Rummenigge, dessen Augen zornig funkelten und dessen rotbrauner Urlaubsbart ihn noch gefährlicher wirken ließ, man habe die zwecks besseren Kennenlernens organisierte Weißbier-Tour abgesagt, in der berechtigten Annahme, dass „auf jeder Brücke die Medien warten“. Heißa – da hat das von Uli Hoeneß zur „Bombenmannschaft“ geadelte Team ja einen tollen Saisonstart hingelegt.“

Franca gestattet dem Spielobjekt ein Eigenleben

Jörg Stratmann (FAZ 30.8.) notiert Aussagen der Verlierer und Gewinner: „Als einziger des Münchner Teams war Michael Ballack bereit, die Niederlage einzuordnen. „So blamabel dürfen wir uns nicht vorführen lassen“, sagte der Mittelfeldspieler, der es nie schaffte, den Auftritt seines Teams zu beleben und zu ordnen. „Uns fehlten die Spritzigkeit und der letzte Biß“. Nicht wenige wollten in dieser Bemerkung schon einen kleinen Hieb in Richtung des neuen Trainers erkennen, dem doch der Ruf eines Fitness-Fanatikers vorauseilt. (…) „Ich hoffe, der brasilianische Nationaltrainer hat zugeschaut“, sagte Franca. „Denn es war ein unglaubliches Spiel.“ Gerade der 28 Jahre alte Stürmer hatte ihm einen Stempel aufgedrückt. Noch immer ist die Art, wie er sich dem Ball nähert, für mitteleuropäische Augen gewöhnungsbedürftig. Denn Franca gestattet dem Spielobjekt bei aller Kontrolle stets ein Eigenleben, dem nicht jeder Mitspieler gewachsen wäre. Doch er versteht es nun auch in der Bundesliga, daraus dem Spielfluß eine produktive und unerwartete Wendung zu geben.“

Spielerischer Vollrausch

Philipp Selldorf (SZ 30.8.) schwärmt: „Das Duett, das Franca mit Dimitar Berbatov bildet, erinnert an große Traumpaare der Weltgeschichte: Cäsar und Kleopatra, Laurel und Hardy, Sand und Mpenza. Gegen die Bayern kamen die beiden langsam, aber gewaltig und dann unwiderstehlich in Fahrt; raffiniert, elegant, listig, fantasievoll und jeweils mit Raketengeschwindigkeit überfielen sie die Münchner Deckung, die ihrem Treiben ohnmächtig beiwohnte – den überforderten Lucio inbegriffen. Vier Tore entstanden während ihres spielerischen Vollrauschs.“

1. FC Kaiserslautern-VfB Stuttgart 2:3

Das Klima ist schon früh wieder aufgeheizt in der Pfalz

Zwei Mannschaften, zwei unterschiedliche Stimmungen – Rainer Seele (FAZ 30.8.): „Obwohl die Stuttgarter ballsicher auftraten und zum Teil in hohem Tempo kombinierten, brachten sie den 1. FC Kaiserslautern zunächst nicht wirklich in die Bredouille. So kamen die Pfälzer sogar zu einem 2:1, ehe die Schwaben im zweiten Teil doch noch den Sieg sicherstellten. Das hatten sie sich auch verdient gegen einen Widersacher, dem nicht weniges mißriet und der – mit mehreren Neuen bestückt – offensichtlich große Mühe hat, seine Balance zu finden. Das Klima ist dadurch schon früh wieder aufgeheizt in der Pfalz, wo sich der Unmut des Publikums auch gegen den Fußball-Lehrer Kurt Jara richtete.“

Oliver Trust (FR 30.8.) fügt hinzu: “Der Countdown gegen den Trainer läuft, zu sehr wurden die Erwartungen enttäuscht, nach den Einkäufen von Jancker und Nerlinger, diesmal keine Zittersaison zu erleben. Mancher in Kaiserslautern spricht über Klaus Toppmöller, der beim Hamburger SV nur geduldet scheint. Kevin Kuranyi ist nach Wochen als Ersatzspieler beim VfB Stuttgart genau in die andere Richtung unterwegs. „Ich habe wirklich schlecht trainiert nach der EM und mich schlecht gefühlt. Jetzt aber will ich so weiter machen“, sagte der Deutsch-Brasilianer. Für die Konkurrenz kann sich das nur wie eine Drohung anhören. Drei Tore im Länderspiel gegen Österreich und nun drei in Kaiserslautern. „Ich habe viele Gespräche mit Freunden und der Familie geführt. Vor allem meine Mutter hat mir Kraft gegeben“, sagte Kuranyi und fügt an: „Ich bin sehr glücklich.““

of: Warum sagt und schreibt keiner, dass die sechs Tore Kuranyis gegen Österreich und Kaiserslautern auch auf das Konto von Matthias Sammers Menschenführung gehen? Ersatzbank als Lektion und Motivationsschub! Alles richtig gemacht, Trainer!

Schalke 04-Hansa Rostock 0:2

Doppelschlag

„Obwohl Ailton nicht ein einziges Mal gefährlich aufs Tor geschossen hat, ist es ihm gelungen, wieder die Hauptrolle zu spielen“, stellt Richard Leipold (FAZ 30.8.) nach Ailtons Backpfeifen fest: „Todunglücklich, brachte Ailton nicht mehr die Kraft auf, seinen verzweifelt kämpfenden Mitstreitern beim Verlieren zuzuschauen – als ob er geahnt hätte, daß Hansa dem FC Schalke, ganz sportlich, einen Schlag ins Gesicht versetzen würde. Die Rückkehr an den Tatort blieb dem Täter allerdings nicht erspart. Ailton war zur Dopingkontrolle ausgelost worden. (…) Rechtzeitig vorgeführt, nutzte Ailton die Gelegenheit, ein umfassendes Schuldbekenntnis abzulegen. „Ich habe mich verhalten wie ein Amateur und bin ganz allein schuld an der Niederlage“, sagte er. Dafür könne er Mannschaft, Verein und Fans nur um Verzeihung bitten. Während Ailton seinen Doppelschlag der etwas anderen Art wie ein kleiner Sünder kommentierte, begannen seine Vorgesetzten vorsorglich schon mit den Plädoyers der Verteidigung. So etwas komme im Fußball nun einmal vor, „auch wenn es nicht passieren darf“, sagte Trainer Jupp Heynckes. Solche Kontrollverluste „hat es immer schon gegeben und wird es auch in Zukunft geben“. Manager Rudi Assauer führte mildernde Umstände an. „Toni war frustriert, weil er schlecht gespielt und nicht getroffen hat.“ Dennoch wird das Verfahren gewiß nicht wegen Geringfügigkeit eingestellt. Und so forderte Kapitän Frank Rost seine Kollegen nach dem Schlußpfiff dazu auf, sich als Bewährungshelfer um den noch nicht voll integrierten Kollegen zu bemühen. Ailton zu unterstützen bedeutet für Schalke Hilfe zur Selbsthilfe.“

Erfolg wie in Bremen wird Ailton auf Schalke nicht haben

Ailton und Schalke, passt das? Frank Hellmann (FR 30.8.) ist skeptisch: „Vielleicht hat Schalke 04 etwas falsch gemacht: Nämlich geglaubt, den an der Weser mühsam zum Star aufgestiegenen Angreifer mit den eigenwilligen Laufwegen, der unkonventionellen Schusstechnik und dem divenhaften Gehabe könne man flugs in ein königsblaues Jersey stecken, und dann würde alles schon von alleine laufen. Das Gegenteil ist der Fall: Es gibt erste Dissonanzen im Teamgefüge. Werders Ex-Manager Willi Lemke hatte so etwas kommen sehen: „Den Erfolg wie in Bremen wird Ailton auf Schalke nicht haben.“ Mittlerweile sprechen Spötter bereits vom großen Missverständnis – trotz aller Lippenbekenntnisse ist Ailton auf Schalke noch nicht angekommen.“

Hertha BSC Berlin-FSV Mainz 1:1

Bewegung gibt es derzeit bei Hertha wieder nur auf dem Stimmungsbarometer

Wie ist die Berliner Laune, Matthias Wolf (FAZ 30.8.)? “Kitschig schön haben sie die neue Hertha-Welt inszeniert. Ein kleiner Junge steht verloren vor dem Olympiastadion und wird von Manager Dieter Hoeneß und Marcelinho an die Hand genommen. Gemeinsam geht es hinein in ein Fußball-Paradies aus Merchandising-Artikeln und leidenschaftlichen Zuschauern. Vor Begeisterung schwinden dem Bub zwischenzeitlich sogar die Sinne. Soweit die neue filmische Werbebotschaft, die vor dem Spiel Premiere auf den Videoleinwänden feierte. Die Realität sah dann ganz grau aus: Mit einem Pfeifkonzert verabschiedeten die Fans ihre Mannschaft, die sie mit einem ereignislosen 1:1 enttäuscht hatte. Neuer Film, altes Spiel? Auch vor Jahresfrist startete Hertha BSC schlecht und wäre beinahe abgestiegen. Nach drei Remis beklagten nun viele ein Déjà-vu-Erlebnis. Bewegung gibt es derzeit bei Hertha wieder nur auf dem Stimmungsbarometer. (…) Die üblichen Mechanismen greifen schon in der Hauptstadt. Der Gang zum Zeitungskiosk artete für die Profis am Sonntag zur Tortur aus. In Anlehnung an den Gegner wurden sie als Mainzelmännchen verspottet, die Pappnasen-Fußball zeigten. Eine Zeitung attackierte den Trainer als „Falko Hasenfuß“.“

Abbild der Einfallslosigkeit

Javier Cáceres (SZ 30.8.) empfiehlt: „Hertha zugeneigten Fußballfans ist zu raten, nur noch pärchenweise ins Olympiastadion zu gehen. Eine Schulter, an die man sich zum Trost lehnen kann, werden sie in diesem Jahr des Öfteren brauchen. Auch Mittelmaß kann quälend sein. Und wenn Mainz etwas perfekt betrieb, dann die Entlarvung Herthas als gänzlich unvollkommenes und mediokres Kollektiv. Mainz ist so etwas wie ein fußballerischer Lackmus-Test – eine Elf, die korrekt Fußball spielt, nichts schlecht macht und nichts herausstechend gut – außer vielleicht, sich sinnvoll auf einem Fußballfeld zu verteilen. Umso schonungsloser demaskiert dies den Gegner: 90 Minuten lang war Hertha das Abbild der Einfallslosigkeit.“

SC Freiburg-Borussia Mönchengladbach 1:1

Christoph Kieslich (FAZ 30.8.) berichtet: „Zurück blieben zwiespältige Einschätzungen. Weil sich auf beiden Seiten das Gefühl breitmachte, daß man das Spiel sowohl für sich hätte entscheiden, genausogut aber auch hätte verlieren können. Den Freiburgern war ein überlegen geführtes Spiel aus den Händen geglitten, und die Gladbacher ärgerten sich, weil sie aus einer Handvoll vielversprechender Aktionen kein Tor erzielt hatten. Richard Golz wußte genau, was passiert war. Kommentarlos verließ der ansonsten so eloquente Torwart das Stadion, wo er zum dritten Spieltag das kurioseste Tor beigesteuert hatte. Fangbereit wartete er an der Strafraumgrenze auf den Ball, der auf ihn zutrudelte. Er wartete so lange, bis der nachsetzende Oliver Neuville mit seiner Stiefelspitze den Ball erst am verdutzten Golz vorbei und dann aus schier unmöglichem Winkel ins Netz bugsierte.“

Arminia Bielefeld-VfL Bochum 1:2

Ausgerechnet-Spiel

Wie ist das Spiel historisch einzuordnen, Christoph Biermann (SZ 30.8.)? „Es ist ein in jeder Hinsicht weiter Weg vom Aztekenstadion in Mexiko-Stadt zur Schüco Arena in Bielefeld, doch am Samstag konnte man eine Verbindung zwischen beiden Orten herstellen – und das über die Jahrzehnte hinweg. Bei der Weltmeisterschaft 1970 fand im Aztekenstadion die Mutter aller Ausgerechnet-Spiele statt. Im Halbfinale lag Deutschland gegen Italien mit 0:1 zurück, und es lief schon die Schlussminute, als Schnellinger ausglich. Fernsehkommentator Ernst Huberty sagte dazu nur: „Schnellinger, ausgerechnet Schnellinger!“ Mehr war auch nicht zu sagen, Karl-Heinz Schnellinger spielte damals beim AC Mailand in Italien, und tausendfach haben Reporter seitdem in derlei Situationen „ausgerechnet“ in Mikrofone gesprochen oder in ihren Artikeln geschrieben. Am Samstag in der Schüco Arena war es ausgerechnet Delron Buckley, der in der 87. Minute traf. Ausgerechnet der Stürmer, der nach neun Jahren im Ruhrgebiet im Sommer nach Ostwestfalen gewechselt war und seinem alten Trainer Peter Neururer zuletzt vorgeworfen hatte, ihm „nie eine faire Chance“ gegeben zu haben. Ausgerechnet dieser Buckley erzielte den Ausgleich. Doch mit dem späten Ausgleichstreffer war das Potenzial des „ausgerechnet“ noch nicht erschöpft. Es folgte nämlich noch der Moment, in dem Bielefelds gerade gewonnener Glauben „gleich wieder zerstört wurde“. In der Nachspielzeit erzielte ausgerechnet Momo Diabang den Siegtreffer für die Gäste. Ausgerechnet der Senegalese also, dessen Transfer von Bielefeld nach Bochum im Sommer vergangenen Jahres für offenen Streit zwischen den Klubs gesorgt hatte. Ausgerechnet der Stürmer, der beim VfL Bochum selten mehr als Reservist ist. Unverdient war dieser Siegtreffer.“

Peter Burkamp (FAZ 30.8.) schildert die Verlegenheit des Siegers: “Peter Neururers Kommentar zum Erfolg in Bielefeld kam einer Entschuldigung gleich. Dem Bochumer Trainer schien es fast peinlich, durch „einen Freistoß, den wir eigentlich gar nicht mehr haben wollten“, in der Nachspielzeit eine Partie noch gewonnen zu haben. „Arminia war uns 85 Minuten lang in fast allen Belangen überlegen“, gestand Neururer ein.“ (…) Warum der Aufsteiger sein zweites Heimspiel trotz drückender Feldüberlegenheit dennoch nicht gewinnen konnte, war nur zu offensichtlich. Angesichts der Harmlosigkeit im Sturm trauert man rund um die Schüco Arena seligen Zeiten nach mit Mittelstürmern wie Stefan Kuntz, Ali Daei oder Artur Wichniarek. Der in der Spitze aufgebotene Marco Küntzel war zwar fleißig und stets anspielbar, ihm fehlten jedoch Durchsetzungsvermögen und Nervenstärke, die einen guten Torjäger ausmachen.“

Hamburger SV-1. FC Nürnberg 4:3

Ob aus dem gefühlsduseligen Moselaner ein richtiger Hanseat wird?

Jörg Marwedel (SZ 30.8.) spürt Hamburger Durchatmen: „Klaus Toppmöllers Stimme wiederum vibrierte leicht, und die Worte des HSV-Trainers bekamen einen fast demütigen Klang, als er feststellte: „Wir haben ein bisschen von dem Glück mitbekommen, das uns fehlte in den letzten Wochen. Wir sind für unsere Arbeit belohnt worden und dankbar dafür.“ Man hätte auch nur in die blassen, abgekämpften Gesichter der beiden Männer schauen müssen, um zu wissen, dass es an diesem aufregenden Nachmittag um mehr gegangen war als um ein ganz normales Fußballspiel. (…) Vielleicht will es das Schicksal ja, dass aus dem vermeintlichen Missverständnis HSV/Toppmöller doch noch eine wunderbare Liaison und aus dem gefühlsduseligen Moselaner ein richtiger Hanseat wird. „Ich arbeite daran“, hat Toppmöller gesagt. Der Sieg gibt ihm zumindest mehr Zeit dazu.“

Wie ist der Sieg zustandegekommen, Thomas Kilchenstein (FR 30.8.)? „Es muss ein komisches Gefühl sein, wenn der Arbeitsplatz von einem Tannenbaum abhängt. Gut, es hätte kein Tannenbaum sein müssen, zur Not hätte es auch eine Litfasssäule [of: Nein, hier keine neue Rechtschreibung, sondern Litfaßsäule!, benannt nach deren Erfinder Ernst Litfaß] getan, ein Kleiderschrank, ein Trikotkoffer, irgendetwas halbwegs Stabiles, von dem ein mit einigem Aplomb getretener Ball flott zurückprallt. So war es gewesen im Hamburg: Der Berufsfußballer Bosacki, Vorname Bartosz, 29, gebürtiger Pole, zuletzt in Posen aktiv, drosch in bester Absicht auf die Kugel ein, die aber nicht, wie gewollt, weit wegflog, sondern einen anderen Berufsfußballer traf, zufällig gerade dastehend: Lauth, Vorname Benjamin, 23, gebürtig aus 83728 Fischbachau/Oberbayern. Von dessen Knie prallte der Ball postwendend ins Tor, er wäre auch von einem Tannenbaum oder Trikotkoffer ins Tor geprallt. Einerlei: Dieser Treffer ein paar Minuten vor Ultimo hat Klaus Toppmöller in Hamburg den Arbeitsplatz gerettet, zumindest vorerst.“

of: Dieses Spiel soll Klaus Toppmöller den Arbeitsplatz retten?! So unsinnig, unangebracht und ungerecht eine Diskussion über den Rausschmiss Toppmöllers (auch schon vor dem Spiel) sein mag – so falsch ist es, sie nach diesem Sieg zu beenden oder zu verschieben.

Bundesliga

Frontkräfte im Hochdruckbetrieb Bundesliga

Kommentare zum 3. Spieltag: „bayerischer Reformstau“ (FAZ) / „Ferrari mit Zweitaktmotor“ (FR) / „der Münchner Boulevard wetzt bereits die Messer“ (NZZ) – „Fußballtrainer sind längst azyklisch funktionierende Frontkräfte im Hochdruckbetrieb Bundesliga“ (SZ) u.v.m.

„Bayerischen Reformstau“, diagnostiziert Michael Horeni (FAZ 30.8.): “Schon nach dem dritten Auftritt im Alltag ist die erste Krise da – und mit ihr die alten sportlichen Krisensymptome. Das 1:4 förderte in erschreckender Weise die Defizite des scheinbar runderneuerten Bayern-Jahrgangs 2004 zutage. Die Mängelliste, vom FC Bayern nach der Demontage selbst erstellt, umfaßte so ziemlich das gesamte Repertoire der Fußballfähigkeit. Michael Ballack beklagte fehlende Spritzigkeit und Zweikampfstärke sowie indirekt bayrische Arroganz und Lässigkeit: „Wir haben uns nochmals verstärkt. Aber einige vertrauen zu sehr den Namen.“ (…) Reformen im Alltag durchzusetzen ist offenbar auch unter Millionären, die sich in ihrer Welt eingerichtet haben, eine komplizierte Angelegenheit. Abwarten, quer spielen, auf Fehler warten. So könne man Fußball spielen, sagte Magath. Er will anderen Fußball spielen lassen. Aber die Spieler hätten Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, sagte er schon vor dem Duell mit Bayer. Die alten Muster eben. „Ich als Trainer wollte die Sache offensiv angehen. Ich muß jetzt aber darüber nachdenken, ob die Mannschaft dazu schon in der Lage ist“, sagte Magath, dessen Philosophie in Stuttgart von den jungen Talenten schnell verstanden wurde – und jetzt auch ohne ihn umgesetzt wird. Das mag für den Fußballfreund Magath ein Trost sein, für den Fußball-Lehrer Magath macht es die Saison noch ein bißchen schwieriger.“

Ferrari mit Zweitaktmotor

Jörg Hanau (FR 30.8.) ergänzt: „Die Bayern wirken im Spätsommer so unbeweglich und lustlos, als hätten sie die vergangenen drei Jahre ohne Unterlass durchgespielt. Dabei sind gerade erst drei Spieltage rum und die Bilanz ernüchternd. 26 Millionen Euro haben die Münchner in neue Beine investiert, darüber hinaus einen neuen Trainer verpflichtet und die Mannschaft in goldene Trikots gesteckt. Dabei heraus gekommen ist ein Ferrari mit Zweitaktmotor. Sieht schön aus, kommt aber nicht vom Fleck.“

Der Münchner Boulevard wetzt bereits die Messer

Was sagt Magath, Marko Schumacher (NZZaS 29.8.)? „Es gibt so manches, was sich Felix Magath von dem legendären Ernst Happel abgeschaut hat. Eine der Gemeinsamkeiten ist diese stoische Art, dieser fast gleichgültige Gesichtsausdruck, der nicht erahnen lässt, wie es hinter der Fassade aussieht. Auch der Tonfall, mit dem Magath auf Reporterfragen antwortet, ist stets derselbe – ob nun ein triumphaler Sieg hinter ihm liegt oder eine vernichtende Niederlage. Also analysierte der Trainer des FC Bayern auch das Spiel am Samstag mit ruhiger, nüchterner Stimme und kam zu dem verblüffenden Fazit: „Aus meiner Sicht haben wir uns auch in diesem Spiel weiterentwickelt.“ Es steht zu vermuten, dass der Unterschied zwischen Gedachtem und Gesagtem grösser kaum sein könnte. Nach einer desolaten Vorstellung unterlagen die Bayern 1:4. Der Rekordmeister bot dabei eine Leistung, die Magath Anlass zu allergrössten Sorgen Anlass geben dürfte. (…) Schon nach drei Spieltagen wird somit Magath, der im Sommer Ottmar Hitzfeld abgelöst hatte, heftiger Gegenwind ins Gesicht blasen. Alles sollte besser werden, und nun stehen erst vier Punkte auf der Habenseite. Der Münchner Boulevard, im Umgang mit erfolglosen Bayern-Trainern nicht eben zimperlich, wetzt bereits die Messer.“

Im Misserfolg ist sich jeder selbst der nächste

Andreas Burkert (SZ 30.8.) analysiert Trainer-Kommunikation: “Fußballtrainer sind längst azyklisch funktionierende Frontkräfte im Hochdruckbetrieb Bundesliga. Sie loben, wenn so ziemlich gar nichts funktioniert hat, und sie tadeln, wenn sehr lässig drei Punkte gewonnen wurden. Auch Jupp Heynckes trug nach der Pleite gegen die vermutlich originalen Goldjungs aus Rostock einen hochroten Kopf, der bei ihm als sicherer Hinweis auf einen internen Tobsuchtsanfall gilt. Doch öffentlich sprach er ruhig und milde. Erfahrene Trainer wie Heynckes oder Magath wissen eben, wie abhängig sie vom ihnen unterstellten Kollektiv sind. Und wie flugs und heftig sich die negative Energie verbaler Demontagen gegen den Absender richten kann, hat zuletzt der wenig sensible Kritiker Klaus Toppmöller beim HSV erfahren. In Schalke und München werden sie also noch ein Weilchen zusammenhalten – es sei denn, der Trend hielte an. Denn im Misserfolg ist sich jeder selbst der nächste, auch das ist gängiger Ritus in der Bundesliga.“

Samstag, 28. August 2004

Allgemein

Furchteinflößende Robustheit gepaart mit der Eleganz eines Südamerikaners

„In Lucio hat der FC Bayern endlich den spielenden Verteidiger gefunden, den er so lange gesucht hat“ (FAZ) – Nelson Valdez, Bremens „neue Identifikationsfigur?“ (SZ) – „Youssef Mohamads Transfer ist typisch für den SC Freiburg. Er stammt aus einem Land, das die reichen Vereine links liegen lassen“ (SZ)

Furchteinflößende Robustheit gepaart mit der Eleganz eines Südamerikaners

Lucio, ein außergewöhnlicher Abwehrspieler und ein außergewöhnlicher Brasilianer, meint Elisabeth Schlammerl (FAZ 28.8.): „In Lucio hat der FC Bayern endlich den spielenden Verteidiger gefunden, den er so lange gesucht hat. Vor vier Jahren waren die Münchner schon einmal an dem Brasilianer drangewesen, damals hatte ihn Bayer Leverkusen weggeschnappt. In seiner Leverkusener Zeit ist Lucio mit Brasilien Weltmeister geworden und zu einem der besten Verteidiger der Welt gereift. Er hat den Verein in bester Erinnerung behalten und freut sich auf die Rückkehr in die Bay-Arena. Natürlich war er umworben von Spitzenklubs aus Italien und Spanien, er entschied sich aber für den FC Bayern, weil er bei den Gesprächen mit den Münchnern das Gefühl hatte, dort am meisten Wertschätzung zu erfahren. Lucio sagt, er sei auch deshalb in der Bundesliga geblieben, weil „der kraftbetonte deutsche Fußball gut zu meinen Anlagen paßt“. Ihm fehlt die Leichtfüßigkeit eines Zé Roberto, er tritt eher wuchtig auf, mit einer beinahe furchteinflößenden Robustheit, trotzdem hat er die Eleganz eines Südamerikaners.“

Ich gehe nicht zurück nach Paraguay, bevor ich es geschafft habe

Jörg Marwedel (SZ 28.8.) bestaunt Nelson Valdez, Werder Bremen: „Wer die bisherige Geschichte des Nelson Valdez kennt, ahnt, wie viel Kraft und Durchsetzungswille in dem jungenhaften Fußballer stecken, der abgebrüht spielt wie ein 25-Jähriger. 17 war er, als Werders Vorstandschef Jürgen Born den Tipp eines Freundes in Paraguay bekam, dort gebe es ein großes Talent. Ehrgeiz und Abenteuerlust waren stärker als das Mitleid mit der Mutter, die weinte: „Du bist doch noch zu jung.“ Doch was heißt zu jung, wenn man schon als 11-Jähriger gearbeitet und im Lastwagen Holz ausgefahren hat, mit 13 wusste, dass man Fußballprofi werden will, mit 14 morgens um fünf Uhr vor der Schule mit Gewichten in die Sandgrube ging, um den schmächtigen Körper zu stählen und die Sprungkraft zu steigern? Was heißt jung, wenn man mit 15 im Profiteam von Atletico Tembetary debütierte und sich während der ersten, einsamen Monate im kalten Deutschland immer wieder einhämmerte: „Ich gehe nicht zurück nach Paraguay, bevor ich es geschafft habe.“ Nelson Valdez hat dies alles erlebt, und es hat ihn stärker gemacht als all jene Talente, die in diesem immer noch reichen Land aufwuchsen. Die Bremer nach Ailtons Abgang benötigen dringend eine neue, populäre Identifikationsfigur, die der teure, aber eher biedere Klose kaum sein wird.“

Malte Oberschelp (SZ 28.8.) stellt Freiburgs neuen Verteidiger vor: „Youssef Mohamads Transfer ist typisch für den SC Freiburg. Er stammt aus einem Land, das die reichen Vereine links liegen lassen und wurde von einem Landsmann empfohlen, der bereits im Breisgau spielt und bei der Integration hilft. Antar wohnt zusammen mit Mohamad und übersetzt, bis der obligatorische Sprachkurs anschlägt. So hat der Verein sich nach tunesischen, georgischen und malinesischen jetzt auch eine libanesische Kicker-Seilschaft erschlossen und einiges an Provisionszahlungen gespart. In Deutschland kannte ihn niemand, aber im Libanon ist Mohamad einer der bekanntesten Fußballer.“

Internationaler Fußball

Drittklassige Abzocker im fussballerischen Rentenalter

Die vier Vereinsmannschaften aus der Schweiz sind in den Qualifikationen zum Europapokal gescheitert. Die NZZ (28.8.) kommentiert: „Wer den Fussball in den vergangenen Jahren mit Neugier und Ernsthaftigkeit verfolgt hat, den überrascht diese Entwicklung nicht. Es gibt diverse Indikatoren, welche das sinkende Niveau begründen. Anzuführen sind die (im Vergleich mit früher) schwachen Ausländer, hinzu kommen die (zu) rasche Abwanderung der grossen Talente ins Ausland, die geringe Zahl an kompetitiven Klubs sowie die Tatsache, dass die ambitionierten Vereine in der Super (?) League und mit diesem Modus kaum ernsthaft gefordert werden. (…) Bedauerlicherweise eifern die meisten Klubs eher dem Servette FC (mit der „Hire- and-fire-Politik“) nach statt dem anderen Extrem, dem FC Thun, wo mit viel Geduld, Sachverstand und mit geringen Mitteln (knapp 4 Millionen Franken) das Optimum herausgeholt wird. Dabei hätten die massgeblichen Vereine kaum etwas zu verlieren. Denn ein Abstieg ist angesichts der Zahl an schwachen Teams praktisch undenkbar, das Mittelfeldgeplänkel bedarf keiner Leistungs- und Resultatkonstanz, und das Ziel Champions League ist ohnehin unter normalen Umständen illusorisch. Was also hindert die Klubführungen daran, mit talentiertem Nachwuchs konsequent die Zukunft zu gestalten? Wenn schon Transfers mit Ausnahmekönnern kaum zu vollziehen sind, müssen dann als Alternativen drittklassige Abzocker im fussballerischen Rentenalter für teures Geld verpflichtet werden? Doch dieser Trend hält unvermindert an, Vernunft will keine gedeihen. Der Klubfussball ist an einem Tiefpunkt angelangt; eine Neuorientierung auf sportlicher Ebene und in der technischen Leitung drängt sich längst auf. Dass diese nicht Wunschdenken bleiben muss, dafür gibt es momentan keine Anzeichen.“

11 Freundinnen

Frauen können Härte vertragen

Olympische Finals, zwei mal 1:0 – USA besiegt Brasilien, Deutschland gewinnt gegen Schweden. Martin Hägele (SZ 28.8.) fasst zusammen: „Die Weltordnung ist bei den olympischen Frauenfinals nicht durcheinander geraten, das Niveau bei den vier besten Mannschaften in allen Bereichen weiter gestiegen. Das Vorurteil, wonach Frauen beim Kampf um den Ball zimperlicher miteinander umgehen als männliche Profis, wurde schlagkräftig widerlegt. Eine brasilianische Spielerin musste zur Siegerehrung getragen werden, jede zweite Schwedin ging mit Bandagen Richtung Mannschaftsbus, jede dritte humpelte gar auf den letzten Metern des Turniers, wobei die 0:1-Niederlage gegen die Deutschen mehr schmerzten als die sichtbaren Blessuren an Knöcheln und Schenkeln. Fußballfrauen können Härte vertragen. Sie weinen nicht, sie jammern nicht, ja sie dürfen nicht einmal Trauer zeigen über eine Niederlage. Brasiliens komplettes Betreuerteam (sieben Männer, eine Frau) stürmte Sekunden nach dem Schlusspfiff aufs Feld, mit ausgestreckten Armen und einer großen Nationalflagge – sie wurden von ihren Trainern spontan auf eine Ehrenrunde geschickt und nicht nur von den eigenen, sondern auch den gegnerischen Fans mit Applaus empfangen. Es war eine sonderbare Atmosphäre, in welcher sich der Frauenfußball selbst gefeiert hat. Trotz der spärlichen Kulisse. Dafür rückten die 7000 Zuschauer enger zusammen. Kaum einer verließ das Stadion nach dem Schlusspfiff. Man versammelte sich zur Siegerehrung auf der Haupttribüne. Die Leute tanzten oder sangen, aber niemand wusste so recht, wer diese Party-Stimmung ausgelöst hatte: Mia Hamm und ihre Gospel-Schwestern? Oder dieser sechsstündige Fußball-Doppelpack, in dem mehr Feinheiten steckten als in einer ganzen Saison beim 1. FC Kaiserslautern?“

WM 2006

Sicherheitspolitik in Athen

Seite 1 – Annette Ramelsberger (SZ 28.8.) befasst sich mit der Sicherheitspolitik: „Sie haben 70 000 Polizisten und Soldaten aufmarschieren lassen. Sie haben eine zweifache Mauer um das Olympische Dorf gezogen und Überwachungsflugzeuge der Nato aufsteigen lassen. Die Olympischen Spiele von Athen waren, zumindest was die Sicherheit betrifft, die aufwändigsten Spiele aller Zeiten. Sie haben Maßstäbe gesetzt für das nächste weltweit größte Sportereignis: die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Kaum gehen die Spiele in Athen zu Ende, stellen die Deutschen ihr nationales Sicherheitskonzept für die Weltmeisterschaft vor – zunächst noch im kleinen Kreis. Das 80 Seiten dicke Papier soll am Dienstag den Polizeiführern aller zwölf Städte vorgestellt werden, in denen gespielt wird. Es soll die Polizei in Hamburg und München, Berlin und Mannheim zu einheitlichem Handeln verpflichten – trotz unterschiedlicher Länder-Polizeigesetze. Vor allem aber soll das nationale Sicherheitskonzept eines klar machen: Die Spiele sollen zivile Spiele werden. Ohne den Einsatz von Bundeswehr. Auch ohne den Einsatz von Nato-Überwachungsflugzeugen.“

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