Freitag, 2. Juli 2004
Strafstoss
Strafstoß #16 – Der Aufstand der Zeichen – Deutschland im Finale!
Der Aufstand der Zeichen – Deutschland im Finale!
von Christoph Bieber
Nun ist es soweit – nach 30 Spielen, 76 Toren und 1070 Fouls steht das Finale der Euro 2004 fest: Qualifiziert haben sich zwei Teams, die sich nicht nur im Eröffnungsspiel, sondern gleich in mehreren Spielen der Gruppen- und K.O.-Phase begegnet sind. Nanu? Genau, die Rede ist hier nicht von den Nationalmannschaften, sondern von den Werksteams der fünf Sportartikelhersteller, die sich in Portugal zur großen Modemesse eingefunden haben und das Laufspiel auf den Laufsteg verlagern.
In den Stadien zwischen Faro/Loulé und Braga tobt somit auch ein Kampf der Zeichen: Im Finale treffen also – mal wieder – Streifen und Haken aufeinander, während die im Halbfinale favorisierten Schwünge unerwartet die Segel streichen mussten. Teile der Rauten hadern derweil noch immer mit den Entscheidungen von Urs Meier oder schicken Elfmeterflüche in den schwedischen Himmel, während die Pfeile wie schon so oft einer begeisternden Vorrunde nachtrauern.
Dass gerade die bislang kaum in Erscheinung getretene griechische adidas-Filiale bis ins Endspiel vordringt, verwundert Sportmodeschöpfer wie -kritiker. „Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass eine der großen Mannschaften weiterkommt“, wurde der Herzogenauracher Vorstandsvorsitzende Herbert Hainer noch vor kurzem in der FAZ zitiert. Große Mannschaften? Gemeint hatte er mit Frankreich, Spanien und, ja, Deutschland wohl eher die großen Märkte – die Rolle der gestreiften Neulinge aus Lettland war ohnehin anders definiert. Die frisch gebackenen EU-Mitglieder dienen dem Reich der Streifen als Vorposten im Baltikum mit Blickrichtung Ost-Nordost: in Richtung Ukraine, Russland oder sogar nach Skandinavien.
Während das Nike-Imperium immerhin noch eines seiner Flaggschiffe ins Finale steuern konnte (und dort auf eine ähnliche Performance wie im „Olé-Werbespot“ hofft), hat gerade Börsenliebling Puma kompletten Schiffbruch erlitten. Während sich Bulgaren und Schweizer ebenso kleinlaut wie erwartet nach der Vorrunde trollen mussten, war das Ausscheiden der hoch gewetteten Italiener ein gar nicht schicker Schock. Zu allem übel machten auch gleich zwei mit den anerkannten Szene-Klamotten bewährte Kicker als Speichelartisten auf sich aufmerksam – nicht die beste Form des „product placement“ für den kleineren Herzogenauracher Konzern.
Dass der ungeliebte große Bruder souverän die Untiefen des Turnier umschifft hat, liegt zum einen an den Griechen mit ihrem deutschen Verteidigungsbeauftragten, zum anderen an der seit jeher gewieften Vereinnahmungstaktik. Bei genauerem Hinsehen kann der vermeintliche Underdog nämlich mit einem symbolischen Vorteil ins Finale gehen – neben den in blau gewandeten Herausforderern läuft Referee Dr. Markus Merk (Kaiserslautern) in gestreifter Dienstkleidung auf den Platz.
Und: Selbst der wirklich entscheidende Finalteilnehmer blickt auf eine fränkische Vergangenheit zurück, wie sogar Bundespräsident Horst Köhler in seiner Antrittsrede bemerkte: „Der offizielle Ball der EM wird zwar in Asien produziert, sein aufwendiges Know-how stammt aber aus Deutschland und sichert bei uns auch Arbeitsplätze. Anders als sein bleischweres, vom Regen vollgesogenes Vorgängermodell beim Wunder von Bern hat der EM-Ball 2004 eine nahtlose Oberfläche: eine Spitzenleistung deutscher Materialforschung. Ein wasserdichter Ball, eine wasserdichte Idee, eine wasserdichte, branchenübergreifende Zusammenarbeit deutscher Firmen!“
Nun sind wir aber schon gespannt, wie gut die Zusammenarbeit zwischen Herzogenaurauch und Athen am Sonntag Abend funktioniert und ob es nicht doch noch zu einem finalen deutschen EM-Erfolg kommt.
Donnerstag, 1. Juli 2004
Vermischtes
Tendenz zur Arbeitsteilung
Politiker Hans-Christian Ströbele ist der Neffe Herbert Zimmermanns und verwaltet sein Erbe (SZ) – „Carsten Ramelows Rücktritt war umsonst, weil er einen perfekten Stellvertreter gefunden hatte in der Kunst, mitzuspielen und doch unsichtbar zu sein: Dietmar Hamann“ (SZ) – „diese EM zeigt eine Taktik-Tendenz zu einer neuen alten Arbeitsteilung“ (FAZ) u.v.m.
Tendenz zu einer neuen alten Arbeitsteilung
Diese EM geht in die Fußball-Lehrbücher ein! Christian Eichler (FAZ 2.7.): „Nicht nur Fans sind begeistert vom Niveau der Europameisterschaft, auch die Experten. „Man hat zurückgefunden zum Angriffsfußball“, schwärmt Berti Vogts, der mit einer Handvoll anderer Trainer der Technischen Kommission der UEFA angehört. „Bis auf die Griechen spielten alle Teams offensiv, mit drei oder gar vier Stürmern, dazu unterstützenden Mittelfeld- oder Außenspielern. Mehr als die Hälfte der 16 Teams traten mit richtigen Außenstürmern auf, die allerdings viel moderner eingesetzt werden als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.“ Als beispielhaft sieht Vogts das Flügelspiel der Dänen an oder die offensive Koordination der Tschechen. Ihre Analysen der Spielsysteme, taktischen Varianten, Standardsituationen werden von der UEFA in einer DVD, einem Dossier und in Anleitungen für die Trainerausbildung dokumentiert, um die EM-Fortschritte in den Spielalltag zu übertragen. Die Resultate der „Studiengruppe“ werden im September in Stockholm präsentiert. Doch schon jetzt äußern einige der Fachleute ihre vorwiegend positiven Eindrücke. Eine „deutliche Verbesserung der individuellen Qualitäten der Spieler“ konstatierte Venglos. Und Vogts zeigt sich „begeistert vom Fortschritt im Stürmerspiel, mit oft drei bis vier reinen Angreifern, die von Defensivaufgaben befreit sind“. Selbst Italien, Gegner der von Vogts trainierten Schotten in der WM-Qualifikation für 2006, spielte nach dessen Beobachtung „mit drei richtigen Angriffsstürmern ohne Defensivaufgabe“. Während der Trend im Fußball der vergangenen Jahrzehnte dahin ging, die Aufgaben der Mannschaftsteile zu vermengen, stürmende Verteidiger, verteidigende Stürmer, hat Vogts in Portugal eine Tendenz zu einer neuen alten Arbeitsteilung beobachtet: einerseits von Abwehraufgaben weitgehend befreite Angreifer, andererseits Defensivspieler, die ihnen den Rücken freihalten. „Die meisten Mannschaften tun das mit zwei Spielern vor der Abwehr“, sagt Vogts. „Wie diese zwei Spieler die Freiräume für ihre Vorderleute organisieren, ist in vielen Teams sehr schön zu sehen.“ Taugt der europäische Qualitätssprung als Modell für Deutschland?“
Sechs Wochen Urlaub im Jahr sind zu wenig
Für Peter Heß (FAZ 2.7.) waren die Topstars nach der langen Saison einfach ausgebrannt: “Warum wurden die großen Bekannten des europäischen Fußballs in diesem Turnier überstrahlt? Nicht dass ein Zidane versagt hätte. Aber nach mehr als 60 Saisonspielen mit Real Madrid und der Nationalmannschaft fehlte ihm die letzte Spritzigkeit, um seine überraschenden Dribblings und Drehungen so erfolgreich wie gewohnt abzuschließen. Auch seine Mitspieler im Sturm, Trezeguet und Henry, wirkten nach über 50 Einsätzen für Juventus und Arsenal überspielt. Vieri und del Piero wurden in der Squadra Azzurra vom jugendlichen Stürmer Andrea Cassano in den Schatten gestellt. Raul und Morientes fielen gegen die Unbekümmertheit eines Joaquin und Fernando Torres ab. Beckham entzieht sich sowieso einer sportlichen Einschätzung. Der Engländer ist eher ein Popstar als ein Fußballheld, zu dem er unverdientermaßen aufstieg. Der Trend, der bei der WM 2002 in Südkorea und Japan auffällig wurde, bestätigt sich in Portugal: Das Fußballgeschäft frißt seine talentiertesten Kinder. Es ist nicht allein die körperliche Überforderung, die der nur aufs Geldverdienen ausgelegte Terminplan hervorruft. Es ist die geistige Leere, die der ständige Leistungsdruck hinterläßt. Sechs Wochen Urlaub im Jahr sind zu wenig. 52 Spiele in 46 Wochen muten die Spitzenvereine in den italienischen, spanischen, englischen und deutschen Ligen ihren Besten im Schnitt zu. Wie soll nach Jahren im Hamsterrad noch die Vorfreude auf ein großen Turnier entstehen?“
Der große Fernseher-Check
Wilfried Urbe (FR 2.7.) mahnt, sich frühzeitig über die technischen Gegebenheiten der WM 2006 Gedanken zu machen: „Es gibt Übertragungen, da kann es durch aus auf den Rand des Bildes ankommen – gerade liefert die Europameisterschaft dafür Beispiele, etwa das Siegestor der Portugiesen durch Maniche. Und nun hat die e von der FIFA beauftragte Produktionsfirma HBS (Host Broadcast Services) in Paris bekannt gegeben hatte, das gesamte WM-Turnier in Deutschland 2006 ausschließlich auf dem neuen Standard High Definition (HD) auszustrahlen – wegen besserer Bildqualität. Doch HD-Kameras können ausschließlich Bilder im 16 : 9- Format aufnehmen und übertragen. Zuschauer aber, die das gewandelte Bild mit einem herkömmlichen 4 : 3- Fernseher anschauen, hätten oben und unten breite schwarze Flächen – wie bei einem Cinemascope-Film. Bekämen sie dagegen nur einen passenden Bildausschnitt in 4 : 3 aus der 16 : 9-Aufnahme, würden links und rechts Bildteile fehlen. Über das endgültige Ausstrahlungsformat ist bei den Sendern noch nicht entschieden, sagt Dietrich Sauter vom Münchener Institut für Rundfunktechnik. Es gebe immerhin “ die Möglichkeit, dass während der Aufzeichnung eine so genannte Maske über das produzierte 16 : 9 Format gelegt wird, die dann nachgeführt werden muss.“ Und da die Qualität der HD-Technik der bisher verwendeten überlegen ist, könnten sich nun die Fernsehgerätehersteller freuen und noch ein bisschen Angst bei der fußballbegeisterten Nation schüren, um den Absatz von 16 : 9-Fernsehern zu steigern, oder? „Nicht unbedingt“, meint Robert Adams von der Münchener Plaza Media, die als Produktionsfirma für die technische Umsetzung der WM-Übertragung in Betracht kommt, „wir haben kürzlich die erste Bundesliga-HD-Produktion gemacht. Da setzen wir eine Technik ein, die beide Signale erstellt und in 16 : 9 wie in 4 : 3 ausstrahlt. Kameraleute und Regie haben sich da immer auf das 4 : 3-Bild konzentriert.“ Auch Jörg Sander von HBS tröstet das Publikum: „Wer einen herkömmlichen Fernseher hat, bekommt das Bild wie gehabt, und wer einen 16 : 9-Fernseher hat, erhält sozusagen bildtechnisch etwas zusätzlich, wir werden die Kameraleute auf den 4 :3 Ausschnitt anweisen. Schwarze Balken oder ein unvollständiges Bild wird es 2006 nicht geben.“ Also ist die Fernsehwelt zur WM doch in Ordnung? Das steht leider eben noch nicht fest. „Wenn man sich nur auf den 4 :3-Ausschnitt konzentriert, ist der ganze HD-Effekt ja weg“, weiß Sauter, „die Bildfolgen sind viel schneller. HD setze ich ja letztlich ein, um einen weiteren Blick auf die Totale zu haben.“ Der Verzicht auf den HD-Effekt träfe also die Besitzer von 16 : 9-Fernsehern, das wären aber im Jahre 2006, so lauten Expertenschätzungen, vielleicht schon rund 25 Prozent des Fernsehpublikums.“
Er wollte uns nicht mehr quälen
Aus der Reihe Alle auf einen – Benjamin Henrichs (SZ/Medien 2.7.) muss noch was über Ramelow loswerden: „Gewiss, einiges wird unauslöschlich bleiben. Die Tore von Ibrahimovic und Maniche. Der Angriffsschwung der Portugiesen und der Tschechen. Die Hinfälligkeit der französischen Fußballgötter. Beckhams Elfmetertragödie. Natürlich auch die deutsche Schmach, nebst Rudis Rücktritt. Das Stolpern der deutschen Stürmer, von Bobic und Klose. Die Erschöpfung der deutschen Abwehrsenioren, von Wörns und Nowotny. Und vor allem das geistlose deutsche Mittelfeld, mit Schneider, Frings und Ramelow. Halt, halt, halt! Ramelow war gar nicht dabei. Ramelow ist nämlich kurz vor der EM still und nobel zurückgetreten. Er wollte uns nicht mehr quälen. Doch der Rücktritt war umsonst, weil Ramelow einen perfekten Stellvertreter gefunden hatte in der Kunst, mitzuspielen und doch unsichtbar zu sein. Den braven Kollegen Hamann. Wir alle lieben die Zauberer und hassen die Zerstörer. Ronaldo ja, Ramelow nein. Man muss ja nur den Sportreportern lauschen und ihren aktuellen Lieblingswörtern. Wenn sie mal nicht von den Laufwegen schwadronieren und von den Knipsern, dann sagen sie rustikal und verwalten – und weisen damit diskret auch auf den eigenen Feinsinn hin. Der rustikale Spielverwalter ist der Erzfeind des schönen Fußballs – und wer hätte diese klägliche Rolle im deutschen Fußball zäher gespielt als eben Ramelow? Auch die Dichter haben immer nur die Lichtgestalten besungen, niemals die Schattenmänner. Götter und Schlachtenlenker waren ihre Helden, philosophische Prinzen und rauschhafte Liebespaare. Bis endlich Anton Tschechow kam. Er hat die Grauen, die Unscheinbaren, die Kümmerlinge für die Poesie entdeckt, sie zum Leben und Leuchten gebracht, ja unsterblich gemacht. Er müsste jetzt für uns das Fußballdrama schreiben! Es gibt von Tschechow einen „Platonow“ und einen „Iwanow“, wieso dann keinen „Ramelow“?“
Damals saßen die Reporter nicht in den Kabinen, sie standen mit dem Mikrofon auf dem Dach der Tribüne
Wie war das noch? Gebt das Hanf frei?! Marcus Jauer (SZ/Medien 2.7.): „Wenn Hans-Christian Ströbele von Herbert Zimmermann spricht, dann sagt er immer nur „der Onkel“. Der Onkel war für uns ein Weltmann. Der Onkel war ein Familienmensch. Der Onkel hatte diese einprägsame Stimme. Zimmermann war der Bruder von Ströbeles Mutter. Er hatte keine Kinder, und so hat er die seiner Schwester behandelt, als wären es seine eigenen. Er brachte ihnen von seinen Reisen Geschenke mit, er reportierte die Einfahrt des Zuges, wenn er mit ihnen und der elektrischen Eisenbahn spielte. Er nahm Hans-Christian mit auf Schalke. Damals saßen die Reporter nicht in den Kabinen, sie standen mit dem Mikrofon auf dem Dach der Tribüne. Und da stand Ströbele nun auch. (…) Dass das Spiel einmal zum Gründungsmythos der Bundesrepublik erklärt werden würde und sein „Tor!“-Jubel zu ihrem Geburtsschrei, hat Herbert Zimmermann sicherlich nicht geahnt. Ströbele sagt, das Spiel sei ein paar Wochen später schon wieder vergessen gewesen. „Es wird heute überinterpretiert.“ Der Onkel sei nach Hause gekommen und habe geschimpft, dass er sich für den Ausdruck „Fußballgott“ bei seinem Sender entschuldigen musste. Nur eine Zeitung schreibt einen großen Artikel über seine Reportage. Der Journalist Erik Eggers, der nun mit „Die Stimme von Bern“ eine sehr aufschlussreiche Biographie zu Herbert Zimmermann geschrieben hat, glaubt, der Mythos von Bern sei erst nach der Wiedervereinigung beschworen worden. Als kleinster gemeinsamer Nenner eines Landes, das sich sonst in vieler Hinsicht unsicher geworden ist. Ströbele sagt, es habe sich jahrzehntelang kaum jemand für die Reportage des Onkels interessiert. Aber nun bekomme er fünf bis sechs Anfragen pro Woche. 1966 war Herbert Zimmermann bei einem Autounfall gestorben. Die Rechte an seiner Reportage gingen an seine Schwester über, und jetzt liegen sie bei Ströbele und seinen Geschwistern. Sie entscheiden, wer die Stimme von Bern heute wofür benutzen darf, und was das kostet. Das Geld, was dabei zusammenkommt, spenden sie für Tierschutz oder Kindergärten. Er würde es auch für den Wahlkampf einsetzen, sagt Ströbele, sein Onkel hätte ihn da sicher unterstützt. Was er allerdings nicht will, ist dass sein Onkel aus einem Papierkorb ruft. Deshalb wird er dagegen auch vorgehen. Genauso wie er das schon gegen die Leute getan hat, die den „Tor“-Ruf in eine Kuckucksuhr einbauten oder als Klingelton für das Handy verschicken wollten. Für alle anderen gebe es keine Preisliste, es komme einfach darauf an, wer fragt.“
Ein Fußball-Shirt, das automatisch durch eingebaute EKG-Sensoren die Herzfunktion überwacht
Andrea Naica-Loebell (Telepolis Online) skizziert die fortschreitende Digitalisierung des Fußball mittels schlauer Spielkleidung und virtuellen Computerassistenten: „An der Schule für Industriedesign der englischen Northumbria University hat der Student David Evans in Zusammenarbeit mit Sportwissenschaftlern ein Fußball-Shirt entwickelt, das automatisch durch eingebaute Elektro-Kardiogramm-Sensoren (EKG) die Herzfunktion überwacht. Zudem wird die Schweißabsonderung durch integrierte Siliziumgelstreifen gemessen. Die Daten werden zu einem Laptop oder Handheld am Spielfeldrand übermittelt, so dass der Coach stets den Überblick über den körperlichen Zustand seines Teams hat und ermüdete oder dehydrierte Spieler auswechseln kann. (…) Evans bastelt (auch) an einer Einlegesohle mit Drucksensoren, die vor Ort jeweils klären soll, ob die Härte des Fußballfeldes mit dem gewählten Schuhwerk harmoniert oder ob durch den Stollendruck eine Verletzungsgefahr besteht. Sein Anliegen ist es, jede gesundheitliche Gefährdung der Fußballer auszuschließen. (…) Aus Deutschland kommt ein funkbasiertes Echtzeit-3-D-Ortungssystem, das bei der nächsten Weltmeisterschaft als elektronischer Schiedsrichterassistent eingesetzt werden soll. (…) Kleine und leichte Funksender werden in die Schienbeinschoner der Spieler eingebaut, auch der Ball wird digital verwanzt. Die Daten werden von mehreren Antennen in verschiedener Höhe rund um den Rasen erfasst und an Computer weitergeleitet und dort aufbereitet. Dadurch soll sofort deutlich werden, ob der Ball im Aus ist oder hinter der Torlinie. Abseitspositionen von Spielern sollen zweifelsfrei festgestellt werden – wobei hier noch die Schwierigkeit besteht, dass nach den Regeln die Position des Gesamtkörpers entscheidend ist.“
Die führenden Vereine, vor allem in Südeuropa, suchten Prestigeobjekte
Ronald Reng (FTD 2.7.) erklärt den Kicker-Goldrausch für beendet: „Als Messe, auf der Spieler auf die Schnelle neue lukrative Verträge ergattern können, hat eine EM kaum noch Bedeutung. „30 bis 50 Anrufer hatte ich auch, die natürlich alle die besten Angebote für Angelos hatten, von Real Madrid bis Barcelona“, sagt Koutsoliakos und lacht. „Aber das sind diese Vermittler, die musst du sofort abblocken, sonst machen sie dich wahnsinnig mit ihren Luftschlössern.“ Ein paar direkte Anfragen von Vereinen habe es gegeben – ein großer Klub, war nicht dabei. Bei der EM 2000 war das noch anders. Damals machten der Serbe Savo Milosevic mit fünf und der Portugiese Nuno Gomes mit vier Toren auf sich aufmerksam. Der AC Parma zahlte 25 Mio. Euro für Milosevic an Real Saragossa, der AC Florenz 19 Mio. Euro für Gomes. Die führenden Vereine, vor allem in Südeuropa, suchten Prestigeobjekte, die ihnen die eigene Größe bestätigen sollten. Mittelklasse-Vereine nutzten die EM zur Schnäppchenjagd. Doch der Goldrausch ist passé, viele Klubs sind verschuldet. Der einzige wichtige Transfer der EM – der Schwede Henrik Larsson wechselt von Celtic Glasgow zum FC Barcelona – fand ohne Ablöse statt. Aber der Geldmangel ist nicht alles – Starkult ist out. Das Scheitern der „Galaktischen“ von Real Madrid und der Champions-League-Sieg des FC Porto verdeutlichen, dass die Klubs nach der perfekten Mannschaft suchen, nicht nach Stars. Zudem ist das Scouting professioneller geworden. Vorbei die Zeiten, als der damalige Trainer von Newcastle United, Kevin Keegan, bei der WM 1994 zu Hause saß und den Schweizer Marc Hottiger, den er zum ersten Mal sah, vom Fernseher weg verpflichtete. Heute gibt es bei einer EM keine Fußballer mehr, „die wir nicht schon kennen“, sagt Husnija Fazlic, Chefscout von Werder Bremen.“
Allgemein
Der Mann mit der Wischmopp-Frisur
Otto Rehhagel stellt Fußball-Europa auf den Kopf (FR) – „Karel Poborsky dreht die Zeit zurück“ (FAZ) – Pavel Nedved, „der Mann mit der Wischmopp-Frisur“ (FTD) – Pierluigi Collina gibt heute seinen Abschied u.v.m. (mehr …)
Deutsche Elf
MV an seinen Grenzen
Im FAZ-Interview spricht DFB-Vize-Präsident Engelbert Nelle unüblich offene Worte über Gerhard Mayer-Vorfelder: „Ich habe für seine Haltung kein Verständnis und meine Kollegen auch nicht“ / ein Kommentar Roland Zorns (FAZ) über den Konflikt an der DFB-Spitze: „Die Zeit des alleinigen Chefs MV neigt sich dem Ende zu“ / für den alten Haudegen Mayer-Vorfelder ist „die derzeitige Debatte ein Stürmchen im Wasserglas“ (SZ) u.v.m.
Ich habe für seine Haltung kein Verständnis und meine Kollegen auch nicht
Deutliche Worte! FAZ-Interview (1.7.) mit Engelbert Nelle, DFB-Vize-Präsident, über die Fehler Gerhard Mayer-Vorfelders
FAZ: Hat sich der DFB-Präsident bei der Suche nach einem neuen Bundestrainer, die er zur alleinigen Chefsache erklärte, in eine einsame Position manövriert?
EN: Ich habe für seine Haltung kein Verständnis und meine Kollegen auch nicht. Die werden nun entsprechende Gespräche in ihren Verbänden führen, so daß ich mir bis zum Wochenende ein Bild von der Stimmung an der Basis machen kann. Am Montag der kommenden Woche haben wir ja eine außerordentliche Präsidiumssitzung, auf der all diese Dinge zur Sprache kommen werden.
FAZ: Halten Sie als sein erster Stellvertreter und Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbandes Mayer-Vorfelders Wiederwahl auf dem DFB-Bundestag in Osnabrück am 23. Oktober für gefährdet, und erkennen Sie jemanden, der dort gegen den Amtsinhaber antreten könnte?
EN: Ich könnte mir da schon jemand vorstellen: Theo Zwanziger. Er ist (mit 59) der jüngste unter uns, bringt eine Menge Erfahrung mit als langjähriger Vorsitzender des Fußballverbandes Rheinland und macht seine Sache als Schatzmeister des DFB außerordentlich gut. Ihn könnte ich mir sehr gut als DFB-Präsidenten vorstellen. Die Bedingung ist, daß er es auch machen will. So weit sind wir aber noch nicht. Warten wir mal ab, was am Montag passiert.
FAZ: Was werfen Sie als langjähriger Weggefährte Mayer-Vorfelder vor allem vor?
EN: Daß er nicht in der Lage scheint, eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zu suchen. Seine Defizite in der Informations- und Kommunikationspolitik sind schon länger erkennbar, sie haben sich in Portugal kumuliert. Der Gipfel sind die Erklärungen, die inzwischen sein Referent (Jan Lengerke) zum Thema Fußball abgibt. Ich werde erst einmal feststellen, ob dieser Mann bei ihm oder bei uns angestellt ist. Da muß gehandelt werden, das kann man sich nicht bieten lassen.
FR-Interview (1.7.) mit Gerhard Mayer-Vorfelder
FR: Im Verband herrschen ebenfalls erhebliche Irritationen über Ihre interne Kommunikationspolitik.
GMV: Ich habe im DFB eine wöchentliche Sitzung eingeführt. Wenn da einer der Direktoren das Gefühl hat, er werde nicht genügend respektiert, dann gehe ich davon aus, dass er mir das sagt. So viel Teamwork wie mit mir hat es beim DFB noch nie gegeben.
FR: Aber gerade diese Woche haben Sie keine Sitzung einberufen.
GMV: Ich war ja nicht da. Ich bin ja hier in Portugal. Ich bin ja nicht der liebe Gott, der an mehreren Stellen gleichzeitig sein kann. Ich habe in kürzester Zeit ungestört mit dem verhandelt, den alle wollten. Alle sollten zufrieden sein. Jetzt müssen wir abwarten, wie Ottmar Hitzfeld sich entscheidet.
FR: Sie haben sich zuvor auffällig zurückgezogen.
GMV: Ich habe mir selbst ein Redeverbot auferlegt, damit ich nicht pausenlos gelöchert werde. Manchmal ist es besser, Verhandlungen nicht auf dem offenen Mark zu führen.
FR: Es ging deshalb die Angst um, Sie könnten was aushecken und Christoph Daum holen.
GMV: Dass eine Zeitung wie die FAZ schreiben wird, ich hätte Kontakt zu Daum gehabt, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Das ist nämlich eine glatte Lüge. Daum ist ein guter Trainer, aber im Augenblick nicht zu vermitteln.
FR: Jetzt reden Sie endlich mal darüber.
GMV: Das sehen Sie ja. Ich tue das, weil jetzt nichts mehr kaputt gehen kann. Ich habe die Erfahrung aus 25 Jahren Führung eines Profivereins. Die habe nur ich, die hat sonst niemand beim DFB.
FR: Könnten Sie bei der Wahl im Oktober mit einem Gegenkandidaten leben?
Das wäre im Deutschen Fußball-Bund zwar unüblich, aber ich würde mich dem stellen. Ich bin es aus 25 Jahren Politik gewohnt, dass Gegenkandidaten aufgestellt werden.
FR: Sind Sie angeschlagen?
GMV: Nein, bin ich nicht. Die Politik ist da eine gute Schule gewesen.
Die Zeit des alleinigen Chefs MV neigt sich dem Ende zu
Roland Zorn (FAZ 1.7.) kommentiert den Konflikt an der DFB-Spitze: „Im Präsidium, aber auch an der Basis des DFBs herrscht so etwas wie vorrevolutionäre Stimmung. Droht oder winkt der Sturz von Gerhard Mayer-Vorfelder, dem schon immer umstrittenen Vormann einer Organisation, zu der sich über sechs Millionen Mitglieder bekennen? Im Augenblick zumindest hätte der Stuttgarter Berufspolitiker von gestern keine guten Aussichten, noch einmal an die Spitze seines Verbandes gewählt zu werden. Nicht nur denen, die ihm auf Schritt und Tritt begegnen, auch jenen, die die Selbstverliebtheit dieses Präsidenten von weitem beobachten, dämmert: Die Zeit des alleinigen Chefs „MV“ neigt sich dem Ende zu. Wie so oft bei den alten Inhabern der Macht drängt sich diese Erkenntnis dem Objekt aller Kritik und Veränderungswünsche zuletzt auf. Mayer-Vorfelder hält unbeirrt an der Fiktion fest, auch in Zukunft die unentbehrliche Führungspersönlichkeit des deutschen Fußballs zu sein. Begleitet von einem beratenden Referenten, der ihm zusätzliche Wichtigkeit vorgaukelt, hat der DFB-Präsident seine liebe Müh und Not, vom sonnigen Portugal aus die für ihn ungemütliche deutsche Wirklichkeit ins Auge zu fassen.“
Mayer-Vorfelder wirt so schnell nichts um, Philipp Selldorf (SZ/Meinung 1.7.): „Wer nun annimmt, dass Mayer-Vorfelder in der Sorge um seinen Platz an der Spitze des DFB nervös werden könnte, der unterschätzt ihn wieder einmal. Als Mitglied der baden-württembergischen Staatsregierung, in der er Kultus- und Finanzminister war, hat Mayer-Vorfelder etliche Vorstöße seiner Widersacher in der CDU, politische und persönliche Affären sowie publizistische Attacken abgewehrt. Krisen machen ihm eher Spaß, als dass sie ihn verunsichern. Dass er bei der Pressekonferenz während Völlers Rücktrittserklärung wie ein gebrochener Mann wirkte, war nichts als ein Schauspiel. Vielmehr kostete er es aus, dass ihm das Monopol für die Lösung der deutschen Schicksalsfrage – die Bestimmung des neuen Bundestrainers – oblag, denn der DFB hat in der öffentlichen Meinung an Bedeutung verloren, seit sich die Bundesliga selbstständig gemacht hat. Sachlich betrachtet, hat sich Mayer-Vorfelder pflichtgemäß und im Sinne der breiten Mehrheit der Fußballbosse im Verband und in der Liga verhalten, als er die Verhandlungen mit Ottmar Hitzfeld aufgenommen hat. Doch hat er die gebotene Diskretion so sehr übertrieben, dass er nun ein wenig kämpfen muss um seine Fidel-Castro-artige Präsidentenmehrheit.“
Es gibt Grenzen
Thomas Kistner (SZ 1.7.) beobachtet das Macht-Gerangel beim DFB: „Die Kamera läuft, es kommt das Zeichen, und Gerhard Mayer-Vorfelder setzt sich beschwingt in Bewegung Richtung Lissabonner Talk-Studio des Deutschen Sportfernsehens (DSF). Dort gibt er joviale Statements ab, tätschelt die Knie der Umsitzenden, lächelt viel und sagt kein essentielles Wort zur großen Krise und der Oppositionsbildung im Deutschen Fußball-Bund, dem er seit drei Jahren präsidiert. Muss er auch nicht. Steif und von angestrengter Blässe wie das Gros der Verbandskollegen ist er ja nicht, der braun gebrannte Medienprofi Mayer-Vorfelder, der in seiner Karriere als Politiker und Fußballfunktionär ungefähr so viele Skandale und Skandälchen eingefahren hat wie der FC Bayern Titel. Und er ahnt mit der Erfahrung seiner 71 Lebensjahre, dass es den Widersachern auch diesmal nicht gelingen wird, ihn zu stürzen. Nicht am 23. Oktober, wenn er sich zur Wiederwahl als DFB-Boss stellen will, und nicht am Montag bei der Sondersitzung des Präsidiums, auf der er seine Alleingänge in der Causa Völler-Nachfolge/Hitzfeld darlegen muss. (…) Trotzdem wäre diesen braven Opponenten ein echter Aufstand kaum zuzutrauen, wäre da nicht auf höchster DFB-Ebene entscheidendes Vertrauen verloren gegangen. Sie alle sind, wie auch der Liga-Chef Werner Hackmann, empört darüber, dass sie von MV bei dessen Trainersuche für 2006 tagelang isoliert wurden, während der präsidiale Privatadjutant Jan Lengerke ständig an der Seite Mayer-Vorfelders über jeden Schritt informiert war. Ein Mann, der gar kein Mandatsträger im DFB ist. Das habe den Anschein eines „Schattenkabinetts“, hieß es aus der DFB-Zentrale.“
Wer ist Jan Lengerke? FR
Die derzeitige Debatte ist ein Stürmchen im Wasserglas
Ist Mayer-Vorfelder am Ende, Ludger Schulze (SZ 1.7.)? „Wer die Akte Gerhard Mayer-Vorfelder schon für abgeschlossen hält, begeht einen semantischen Fehler: Er verwechselt die Begriffe „straucheln“ und „fallen“. Der Präsident des DFBs, vormaliger Kultus- sowie Finanzminister des Landes Baden-Württemberg, hat vermutlich mehr Lebenszeit im Sturzraum zwischen Vertikale und Horizontale zugebracht als irgendein anderer Funktionär/Politiker in diesem Land. Nur: Gefallen ist er nie. Er hat gravierende politische Skandale überstanden und auch im Sport jeden Eklat locker ausgesessen. Wer spricht noch davon, dass er den VfB Stuttgart nach fast 30-jähriger Präsidentschaft mit rund 30 Millionen Mark Schulden hinterließ, nicht ohne dem von ihm nahezu ruinierten Klub noch schnell fürstliche „Aufwandsentschädigungen“ abzupressen? Dass er danach unter Verdacht der Steuerhinterziehung bei der Staatsanwaltschaft geriet, passt zu seiner Vita wie die Nut zur Feder. Gegen derlei Aufreger ist die derzeitige Debatte ein Stürmchen im Wasserglas. Niemand sollte glauben, dass der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes allein deshalb gestürzt wird, weil er keine Lust hatte, ein paar zugegeben wichtige Leute anzurufen. Dass Mayer-Vorfelder die Bundestrainer-Suche tagelang als One-Man-Show betrieben hat, ist vielleicht unverschämt, ungeschickt oder selbstverliebt – ein hinreichender Grund, ihn in die Wüste zu schicken, ist es nicht. Ganz offenbar dient MVs Headhunter-Solo vielen Leuten als Vorwand, alte Rechnungen zu begleichen. Dass Gerhard Mayer-Vorfelder im DFB auch nur einen Freund hätte, ist nicht bekannt. Es hat ihm nicht geschadet. Dass die Zahl seiner Feinde jüngst ordentlich gewachsen ist, ist ebenfalls bekannt. Es wird ihm wieder nicht schaden.“
Als Gastgeber können wir beweisen, daß wir immer noch ein Fußballvolk sind
Wie steht es um eine deutsche Partizipation in Portugal, Peter Heß (FAZ 1.7.)? „Was bleibt uns denn sonst noch bei dieser EM? Hmm. Viele Hostessen und Bedienungen im VIP-Bereich stammen aus Deutschland. Und sonst? Die Autos des Fahrdienstes? Noch nicht mal die, die kommen aus Korea. Ach ja, Markus Merk. Der Zahnarzt darf sogar das Endspiel pfeifen, wahrscheinlich sogar jedes Finale bis zum Erreichen der Altersgrenze, weil sich die deutschen Profis ohnehin nie mehr so weit in einem Turnier verirren werden. Aber wollten wir wirklich ein Land der Unparteiischen werden? Wollen wir am Morgen danach nicht mehr über Neuvilles Pfostenschuß, über Kahns Fehlgriff und über Ballacks Endspielsperre diskutieren, sondern darüber, wie elegant Merk seine Pfeife an den Mund führte und wie überzeugend er das passive Abseits von van Nistelrooy interpretierte? Nein, nein, nein. Damit darf sich Fußball-Deutschland nicht bescheiden. Es muß etwas geschehen. (…) Zum Glück findet das nächste große Fußballturnier in Deutschland statt. Bei der WM 2006 wird der deutsche Beitrag zum großen Fußball zwangsläufig größer sein: deutsche Organisation, deutsche Infrastruktur, deutsche Fans. Dann können wir als Gastgeber beweisen, daß wir immer noch ein Fußballvolk sind. Gerade wenn die Nationalelf wieder in der Vorrunde ausscheidet.“
Allgemein
Die Euro lebt nach dem Abschied verschiedener Favoriten immer noch
Portugal-Holland 2:1
In der SZ (1.7.) lesen wir: „Vier Minuten waren nachzuspielen, Portugal führte 2:1, und nun, zwei Minuten vor dem Ende, hatte Holland einen Freistoß, Torentfernung 24 Meter. 46 679 Menschen im Stadion Alvalade in Lissabon hielten den Atem an, die portugiesischen Fans gekleidet in rot und in grün, die Holländer wie immer, ganz in orange. Die holländischen Spieler hatten die weißen Trikots gewählt, und ganz in weiß trat Pierre van Hooijdonk an und jagte den Ball in die Mauer. Die meisten Menschen im Stadion jubelten, und zwei Minuten später wurde dieser Jubel ohrenbetäubend: Portugal hatte das Finale der EM 2004 erreicht.“
Die Euro lebt nach dem Abschied verschiedener Favoriten immer noch
Peter B. Birrer (NZZ 1.7.) über das Spektakel vor dem ersten Halbfinale: „Man hätte wieder einmal zur Ansicht kommen können, dass es um mehr geht als um ein wichtiges Fussballspiel. Das portugiesische Fernsehen hatte schon früh mit den Übertragungen begonnen, und als sich ein paar Stunden vor dem Halbfinal im José-Alvalade-Stadion der Bus mit den Portugiesen in Richtung Lissabon in Bewegung setzte, war man zu Hause vor dem TV-Gerät live dabei. Mit dem Helikopter wurde die Fahrt zum Stadion gefilmt, direkt übertragen notabene, und am Strassenrand jubelten den Fussballern die Massen zu. Die Euro „lebt“ nach dem Abschied verschiedener Favoriten immer noch – vor allem dank den Einheimischen. Der Halbfinal vermochte über weite Strecken zu gefallen. Mit Ausnahme von ein paar wenigen Phasen in der ersten Halbzeit wurde er auch sehr offen geführt, von einem vorsichtigen Abwarten oder gegenseitigen Abtasten konnte auf jeden Fall nur bedingt die Rede sein. Die Portugiesen mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht schon früher alles klar gemacht zu haben. Denn sie hatten auch neben ihrem Treffer sehr gute Torchancen, die zwingend hätten zum Erfolg führen müssen. Die Offensivkräfte wussten dann und wann zu tanzen, Cristiano Ronaldo und Pauleta waren wach und schnell, Luis Figo war vorerst schlichtweg eine Klasse für sich und auch Deco viel besser als zuletzt (…) Die Holländer, erneut unterstützt von vielen, in einer „orangen Ecke“ sitzenden Anhängern, rannten an und öffneten gleichzeitig die Abwehr. Es zeigte sich erneut, wie spektakulär bisweilen ein Knock-out-Spiel sein kann, ist es einmal durch ein Tor richtig lanciert. Aber es sollte für die Holländer nicht mehr sein, wie vor vier Jahren im eigenen Land schieden sie im Halbfinal aus. Portugal spielte gegen Schluss natürlich (auch) auf Zeit. Was folgte, war die nächste lange Nacht in Lissabon. Folgt am Sonntag die Kulmination?“
Internationaler Fußball
Meine Kehle, die Wüste Gobi
Für Hollands und Portugals Küche verteilt Jim White (Telegraph 30.6.) keine Sterne: „Im Fußball, bist du was du isst. Vor einer Woche reflektierte Tony Adams in einem Zeitungsinterview seine erste Saison im Management in Wycombe und beklagte sich über die Auswahl des Essens einiger seiner Spieler. „Ich sah einen von ihnen einen Apfel direkt vor einem Spiel essen,“ sagte er. „Ich meine, wo fängst du bei jemandem an, der etwas so falsches macht?“ Verglichen mit, sagen wir, einem Big Mac und einer halben Gallone Cola, scheint ein Apfel vor dem Spiel ein mildes diätetisches Vergehen. Aber Adams war von diesem Kernfehler aufgebracht. Von Arsène Wenger geschult, ist er ein Mann, der überzeugt davon ist, dass nur der feinste Qualitätskraftstoff, zum richtigen Zeitpunkt eingenommen, den Motor eines Körper zum Schnurren bringt. Nun, wie erklärt dies dann die Anwesenheit, von zwei der schlimmsten kulinarischen Traditionen in Europa im Halbfinale der EM 2004. Und ja, aus Britannien kommend ist mir bewusst, dass Töpfe und Kessel wohl involviert sind. Außer, dass das Menü im Durchschnittspub in Grantham umfangreicher ist als beinahe alles Erhältliche, was ich jemals in Holland gefunden habe. Dort, machen sie Käse, der wie Seife schmeckt, und der Gipfel der Auswahl ist das Angebot von Mayonnaise oder Ketchup zu ihren Fritten. Kein Wunder, dass wo auch immer Sie in der Welt hinreisen, werden Sie Holländer treffen, Repräsentanten einer Nation, die aus der Heimat flüchten, um etwas anständiges zu Essen zu finden. Obwohl Portugal ein wunderbares Land ist, ist es kein besserer Platz für eine Mahlzeit. Nach zwei Wochen in dem Land, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die seltsamen Öffnungen, die allmählich an meinem Hals erscheinen, Kiemen sind. Die Portugiesen haben eine Vorliebe für Fisch. Oder eher, für zwei Sorten Fisch. Sardinen, gegrillt serviert mit Salzkartoffeln, sind die ersten Male, wenn du sie hast, köstlich, aber verblassen nach dem 45. Mal – besonders als eine Frühstücksoption. Der andere portugiesische Fischspeise ist „Bacalhau“ oder: gesalzener Stockfisch. Mit der Betonung auf gesalzen. Eines Nachts in einem Restaurant in Lavadores probierte ich Bacalhau spezial vom Chefkoch. Es als salzig zu beschreiben, ist kaum an der Oberfläche seines Salzgehalts zu kratzen. Dies war ein Stück Fisch, der anscheinend direkt aus den Salzminen in Northwich gehauen wurde. Nach drei Gabeln voll seiner augentränenden Krustigkeit, konnte ich nicht weiter und versteckte den Rest unter dem Salat, um den freundlichen Kellner nicht zu verärgern. Ich dachte, ich wäre damit durchgekommen, aber dann verbrachte ich die Nacht damit, eine Flache Mineralwasser zu verdrücken und zu versuchen, meine Kehle zu besänftigen, die einen passablen Eindruck der Wüste Gobi machte. (…) Und doch, im Halbfinale ist die Fritte mit Ketchup mit dem salzigen Stockfisch konfrontiert. Entlang des Wegrandes gefallen sind die feinen Soßen der Franzosen, die gesunde Pasta der Italiener, die herzhafte Paella der Spanier, plus einige deutsche Würste, einige Streifen dänischen Specks, eine schwedische Mischung und der feinste Yorkshire Pudding, den Jamie Oliver hervorzaubern kann. Was würde Wenger daraus machen? Aber dann las ich diesen Morgen in der Zeitung etwas, das es erklären könnte: Der menschliche Körperbau ist am besten mit einer unbeugsamen Fischdiät bedient. Anscheinend hat sich das Gehirn wenig verändert, seit es vor mehreren Billionen Jahren im Wasser geformt wurde, oder ungefähr die Zeit, in der Sven-Göran Erikssons Taktik für dieses Turnier ausgedacht worden ist. Sogar nach all der Zeit auf trockenem Land arbeitet das Gehirn am besten, wenn es regelmäßig mit Omega-Ölen aus der Meeresnahrungskette versorgt wird. Gewöhnlich reichte Rindfleisch und Hühnchen bis zu einem gewissen Grad, aber intensive, industrialisierte Landwirtschaftsmethoden haben das Omega weitestgehend aus der Ausstattung des Fleisches verschwinden lassen. Wir brauchen Fisch. Besonders öligen Fisch, den Wissenschaftler zufolge. Von denen der öligste die Sardine ist.“
David Beckham hat in der Sonntagsausgabe des Observer (27.6.) erstmals zugegeben, dass er nicht fit genug sei, Englands Mannschaft zum Sieg bei der EM 2004 zu führen – und dass seine persönlichen Probleme auf und auch neben dem Platz eine große Rolle dabei gespielt hätten. Der englische Kapitän, der schwer kritisiert wurde für seine größtenteils „zurückhaltende“ Vorstellung in Portugal, gibt zu, dass sein Potenzial in Sachen Fitness beim spanischen Club nicht voll ausgeschöpft wurde und er weit hinter seiner eigentlichen Leistungsfähigkeit steht. Beckham sagt: „Ich denke nicht, dass wir in Madrid soviel für die körperliche Fitness tun wie damals in Manchester“. Beckham weiter: „Ich fühlte mich in der zweiten Hälfte der Saison lange nicht so fit wie in der ersten Hälfte. Vielleicht ist das aber im spanischen Fußball auch einfach so.“ Auf die Frage, ob sich sein Fitnessrückstand auf die EM ausgewirkt hat antwortet er: „Ja, vielleicht hat er das!“ Beckham hatte sich immer wieder rechtfertigen müssen, spätestens seitdem England im Elfmeterschießen gegen Portugal ausgeschieden war. Stimmen aus dem Camp der Engländer zufolge sei er weit hinter seiner idealen Fitness gewesen, als er dem englischen Team in Portugal beiwohnte. Fitnesstrainer hatten ihm Extra-Einheiten aufgebrummt. Beckham erinnert ebenfalls an diverse Probleme in seinem Privatleben. Die zwei Affären mit anderen Frauen und die damit verbundene Untreue zu seiner Ehefrau Victoria hätten ihm gewaltig zugesetzt. „Es war sehr hart in dieser Saison, auf und auch neben dem Platz wegen verschiedener Situationen in meinem Leben, aber ich bin stark genug.“, sagt er. „Ich muss stark sein, denn ich bin Ehemann und habe zwei Söhne, um die ich mich kümmern muss. Wenn ich am Boden bin, helfen sie mir wieder auf die Beine, sind sie am Boden und brauchen meine Hilfe, bin ich für sie da!“ Er verspricht: „Ich werde das bewältigen!“
Strafstoss
Strafstoß #15 – Their big fat greek editing – Abwehrbemühungen gegen die Medienoffenbarung
Their big fat greek editing – Abwehrbemühungen gegen die Medienoffenbarung
von Mathiassos Mertenopoulos
Der SuperGAU für Medienrezipienten ist eingetreten: Griechenland steht gegen Portugal im Endspiel. Die Neuauflage des Eröffnungsspiels. Nicht nur, dass jetzt die große Revanche beschworen wird, nein, das Turnier wird nun so sinnfällig geschlossen, dass wir uns vor der Formulierung „der Kreis schließt sich“ nicht mehr werden in Deckung bringen können. Gespannt sein darf man, ob irgendein abgebrochener Altphilo- oder Theologe in der Sportredaktion wenigstens das anspruchsvolle „Alpha und Omega“ unterbringen wird, frei nach Gott, der sich damit als Ersten und Letzten, als Anfang und Ende bezeichnete. Aber schon diesem Zitat ist eine Gebrauchsanleitung beigelegt worden, wenn jener weißhäuptige und feueräugige Mann im langen Gewand und goldenem Gürtel zwischen sieben Leuchtern stehend anmahnte: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es zu den Gemeinden in Asien: gen Ephesus und gen Smyrna und gen Pergamus und gen Thyatira und gen Sardes und gen Philadelphia und gen Laodizea. Schreibe, was du gesehen hast, und was da ist, und was geschehen soll darnach.“ Und nicht wie die Griechen riechen, bevor sie’s den Portugiesen vermiesen.
Und bitte – das ist beim Thema Griechenland naheliegend und schon lange mal angebracht – denkt mal über Euren Gebrauch des Wortes „tragisch“ nach! Wem immer im Sport heute ein Missgeschick passiert, der erlebt eine „Tragödie“ oder wird gar zum „tragischen Held“. Das ist in den allermeisten Fällen nicht richtig. Nedveds Verletzung zum Beispiel am gestrigen Abend hatte nichts Tragisches, sondern nur etwas Trauriges. Denn sie hatte nichts mit Schuld zu tun. Und das ist eine unabdingliche Bedingung für die Tragödie. Man muss schuldig sein, ohne schuldig zu sein, „schuldlose Schuld“ erleiden, wie es in der Philosophie und Philologie heißt. Ödipus, um mal den archetypischen tragischen Helden zu beschreiben, verstrickte sich ja gerade durch seine Bemühungen, dem prophezeiten Schicksal des Vatermordes und der Mutterheirat zu entgehen, in eben dieses Schicksal. Insofern würde selbst der entscheidende verschossene Elfmeter keinerlei Tragik besitzen, weil man ja nicht schuldlos ist, sondern tatsächlich schuldig. Das Eigentor von Andrade im ersten Halbfinale hätte dagegen tragisch werden können, weil es ja durch seine Bemühungen, es zu verhindern, zustande kam und beinahe die Niederlage der Portugiesen einleitete. Also liebe potentielle „Kreis-schließt-sich“-Metaphoriker: Wenn Ihr zumindest einen korrekten Gebrauch des Adjektivs „tragisch“ vorweisen könnt, dann sei Euch vergeben.
Worüber Ihr aber tatsächlich anlässlich der griechischen Finalteilnahme schreiben könntet, wäre die damit verbundene Gefährdung der Olympischen Spiele. Denn laut Medienberichten ist ganz Griechenland in einen Zustand dionysischer Entrückung versetzt. So war zu lesen und zu hören, wie endlose Autokorsi durch die Hauptstadt rollten, wie sich die Menschen mit Hupkonzerten und Flaggeschwenken verausgabten und wie sie mit Leuchtkugeln und Feuerwerk alles zu Klump und Asche zerschossen. Wer, bitteschön, baut jetzt die Spielstätten fertig? Übermüdete, volltrunkene und ekstatisch vernebelte griechische Bauarbeiter? Bestimmt nicht. Wahrscheinlich müssen das wieder deutsche Gastarbeiter machen. Denn die interessieren sich ja schon lange nicht mehr für die EM.
Ballschrank
vor den Kopf
Themen: Wintersportexperte Beckenbauer engagiert sich für den österreichischen Olympiakandidaten Salzburg und stößt Leipzig vor den Kopf – Marco Bode, ein gelungenes Karriereende – Rebellenfuehrersohn wird italienischer Profi – Beckham haelt Madrid in Atem; und die Frisöre dieser Welt – Plädoyer fuer Sabine Töpperwien als Sportschau-Moderatorin
Jens Weinreich (BLZ 1.7.) kritisiert das Engagement Beckenbauers für die Olympia-Bewerbung Salzburgs. „Beckenbauers Auftritt ist aus vielerlei Gründen nicht ohne Pikanterie. Erstens hat es Beckenbauer als Steuerflüchtling nach Österreich verschlagen, nach Kitzbühel, wo 2010 die alpinen Wettbewerbe geplant sind. Zweitens nährt sein Engagement, das auch mit dem Namen seines Spezis Fedor Radmann verbunden ist, aus guten Gründen gewisse Spekulationen, denen Bewerberchef Winkler die Brisanz nimmt, wenn er sagt: Herr Radmann berät uns ehrenamtlich. Da gibt es keinen Vertrag. Drittens macht es einen unglücklichen Eindruck, dass Beckenbauer für Salzburg in die Bütt steigt (was auch der Rodler Georg Hackl tut, weil die deutsche Bahn am Königsee in die Bewerbung integriert ist), wenn am selben Tag Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee seinen ersten offiziellen Auftritt in IOC-Kreisen hat. Außerdem hat IOC-Präsident Jacques Rogge erst kürzlich am Beispiel David Beckhams süffisant erläutert, was von derlei Vorstößen zu halten sei: Zu glauben, das IOC ließe sich von großen Fußballern beeindrucken, ist ein bisschen naiv. Wir treffen tagtäglich große olympische Champions. IOC-Mitglieder seien keine Groupies, die entrückt schreien, wenn man ihnen einen berühmten Sportler auf dem Balkon präsentiert. Leipzigs Olympiaplaner hielten sich am Dienstag mit Kommentaren zur Causa Beckenbauer zurück. Burkhard Jung (Olympiabeauftragter Leipzigs) und Wolfram Köhler (Sachsens Olympiastaatssekretär) verwiesen auf den Beschluss des Aufsichtsrats, wonach sich nur OB Tiefensee und NOK-Präsident Klaus Steinbach äußern dürfen. Ich nehme den Auftritt von Franz Beckenbauer zur Kenntnis. Ich habe das schon geahnt, sagte Jung. Der Fall Beckenbauer offenbart einmal mehr die große deutsche olympische Ratlosigkeit. Zwar ist die Leipziger Bewerbung offiziell noch gar nicht beim IOC eingegangen, doch anders als künftige Kontrahenten wie New York, Moskau, Paris, Rio oder Madrid haben die Deutschen international noch nichts unternommen. Das NOK ist unter Klaus Steinbach zu keiner Koordinierung dezenter sportdiplomatischer Aktivitäten in der Lage. IOC-Vizepräsident Thomas Bach bekannte zwar, von Beckenbauer über die Aktivität informiert worden zu sein, hat dem Oberfußballer das Engagement jedoch nicht ausreden können. Beckenbauer ist eben Beckenbauer – ob es Deutschland schadet oder nützt.“
Politisch klug ist das Engagement nicht
Thomas Kistner (SZ 1.7.) teilt dazu mit. „Dass dieser besondere sportpolitische Grenzverkehr eine ziemlich heikle Angelegenheit ist, wissen alle Beteiligten; auch wenn sie es tapfer bestreiten. Tatsächlich ist es ja so: Erhielte Salzburg, das mit einer deutschen Teilbewerbung im Rennen ist (die Kunsteisbahn am Königsee soll Bob und Rodeln austragen), am Mittwoch den Zuschlag, schmälert das die ohnehin geringen Leipziger Aussichten noch weiter. Nicht nur, weil das in naher Zukunft ein bisschen sehr viel Olympia in deutschen (Um-)Landen bedeuten würde, sondern auch, weil sich Salzburg dabei gegen Mitfavorit Vancouver durchsetzen muss – was wiederum den Weg für Toronto freimachen würde, sich noch für den Sommer 2012 zu melden. Die kanadische Stadt, zur Erinnerung, war bei der Kandidatur für die Spiele 2008 nur an Peking gescheitert. Sie gilt als ein so genannter Frontrunner. Das ist Leipzig nicht, auch in Prag klingt öfter mal leise Verwunderung durch bei einzelnen IOC-Mitgliedern über die deutsche Wahl. Die wird zwar als innenpolitisch nachvollziehbar eingeschätzt, aber eben auch als sportpolitisch riskantes Minimalangebot. Insofern vermittelt der deutsche Fußballchef in Österreichs Diensten nun eine stille Botschaft, welche die Skepsis all jener nähren muss, die meinen, Leipzigs Chancen werden schon jetzt im eigenen Land als gering eingeschätzt. Beckenbauer wird weltweit mit Deutschland identifiziert, dass er just zum Zeitpunkt des Leipziger Bewerber- Debüts für Salzburg in die Bütt steigt, kann durchaus als Abrücken vom ostdeutschen Sommerspielkandidaten verstanden werden. Ganz gleich, ob beabsichtigt oder nicht. Nun kann jeder werben, für wen oder was er will, zumal, wenn er einen quasi-kaiserlichen Status in der Heimat besitzt. Politisch klug ist das Engagement nicht.“
Kein (gutbezahltes) Auslaufen in Österreich oder der Bremer Oberliga
Frank Heike (FAZ 2.7.) ruft das gelungene Karriereende Marco Bodes in Erinnerung. „Nach dem Tor gegen Kamerun und dem Einsatz von Beginn im Finale gegen Brasilien entdeckten viele Kritiker Marco Bode neu. Dabei war er doch schon sechs Jahre vorher Europameister geworden. Die WM verschaffte ihm nie zuvor erlebte Popularität – ausgerechnet Bode, den sein ehemaliger Trainer Otto Rehhagel einmal als fairsten Spieler nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete, der als Schachspieler, Fahrradfahrer und Langhaariger das Klischee des anderen Profis erfüllte, ohne viel dafür zu tun. Dem Bild habe ich nie zu hundert Prozent entsprochen, sagt Bode, aber ihm auch nicht widersprochen, weil ich damit gut gelebt habe. So stand er in der Debatte um die hohen Gehälter der Profis vor anderthalb Jahren plötzlich als leuchtendes Vorbild da, weil er den niedrigen Verdienst von Krankenschwestern anprangerte. Bode, der Musterprofi, der indirekt die gierigen Kollegen angreift? Das nervte doch ziemlich. Er sagt: Da habe ich noch einmal viel über die Wirkungsmechanismen der Boulevardpresse gelernt. Den einen oder anderen Anraunzer aus der Mannschaft gab es für die (ungewollte) Selbstdarstellung, ohne daß es Bode gestört hätte. Warum hört dieser Mann gerade jetzt auf? fragten die Zeitungen und mancher Manager vor einem Jahr beharrlich. Es gab drei Angebote aus der Bundesliga, doch die höchste Spielklasse hierzulande hatte er schon vorher gedanklich abgeschrieben nach zehn Jahren als Profi. Als der Premier-League-Klub FC Fulham anrief, wurde er fast schwach: Das wäre es gewesen, noch einmal in England zu spielen. Die Londoner wirkten zunächst wie das Gegenstück zu Werder Bremen – familiär, gut geführt, kontinuierlich im Aufbau –, doch bei näherem Hinsehen merkte Bode, daß er sich getäuscht hatte. Zum Glück wechselte er nicht. Trainer Jean Tigana, der Bode so gern wollte, ist inzwischen längst entlassen. Und so blieb es dabei: Auf dem Höhepunkt der Laufbahn hörte Marco Bode einfach auf, topfit, unverletzt, im besten Alter. Kein (gutbezahltes) Auslaufen in Österreich oder der Bremer Oberliga.“
Möchte gerne Fußballer sein
Thomas Götz (BLZ 1.7.) glossiert den Wechsel des Rebellenführersohns in die Serie A. „Goethes Sohn August hatte weniger Glück als Saadi al Gaddafi. Erdrückt vom Gewicht des Vaters starb August früh in Rom. Sein Grabstein erinnert nur an eine Eigenschaft des Toten: er sei Goethe Filius gewesen. Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi ist es nicht gelungen, seinen Spross an die Wand zu drängen. Saadi al Gaddafi strebt nach Ehren auf einem Feld, das seinem Vater verwehrt bleiben muss. Der 30-Jährige möchte gerne Fußballer sein. Zu Hause ging das auch gut. Mit seiner Mannschaft Al Ittihad, der er Präsident, Trainer und Stürmer zugleich ist, errang Saadi al Gaddafi schon zum zweiten Mal die heimische Meisterschaft. 25 Tore schoss er selbst in den vergangenen zwei Jahren. Wie das geschah, verriet er dem italienischen Fernsehpublikum mithilfe einer mitgebrachten Videoaufzeichnung. Das Band zeigte den Star im Ansturm auf das gegnerische Tor. In Angst, den Sohn des Staatschefs bei der Arbeit zu behindern, stoben die Gegner pflichtschuldig auseinander. Das Tor zu schießen war unter diesen Umständen eher ein Formalakt. Seit dem Wochenende ist Saadi al Gaddafi offiziell Spieler des Sportclubs Perugia. In einer Stretch-Limo, begleitet von 30 Geheimdienstleuten, fuhr der junge Mann vor dem zinnenbewehrten Schloss von Torre Alfina, dem Familiensitz des Club-Präsidenten Luciano Gaucci, vor. Livriertes Personal tischte emsig Erlesenes auf. Journalisten aus aller Welt drängte es, die wortkarge Neuerwerbung Gauccis zu sehen. Es war ein Höhepunkt in Saadis bisherigem Fußballerleben, nicht aber die Erfüllung seines Traums. Dem war er im Vorjahr für ein paar Stunden nahe gekommen. Italiens Spitzenclub Juventus Turin, von dessen Aktien Saadi 7,5 Prozent besitzt, ließ das Vorstandsmitglied ein bisschen mittrainieren. Für mehr reichten die Fähigkeiten des Spielers nicht.“
Die Fußballer sind die Rockstars der Moderne
Klaus Hoeltzenbein (SZ 2.7.) erklärt das Modell Beckham. „Die Frisur, die er zum Dienstantritt bei Real, dem spektakulärsten Fußball-Klub der Welt, wählte, ist die Bündelung bisheriger Kreationen: Oben ein Gockelschopf, hinten anachronistisch schulterlang, und am Hinterkopf ein Bändchen mit kokettem Schweif. Auf Kahlschläge wurde verzichtet, auch auf komplizierte Zopfgeflechte, wie einst zum Besuch bei Nelson Mandela. Wieder aber werden sich die Coiffeure vom Nordpol bis nach Asien und Ozeanien herausgefordert sehen, dem Vorbild nachzuschneiden. Er hätte auch gerne mit Real Madrid verhandelt, hat dieser Tage Bryan Ferry, in die Jahre gekommener Sänger von Roxy Music gesagt, um einmal mit Beckham in einer Mannschaft zu spielen, denn: „Die Fußballer sind die Rockstars der Moderne.“ Statt der Pilzköpfe der Beatles, des Afro-Looks von Jimmy Hendrix oder der Brit-Pop-Koteletten von Oasis, setzt nun einer den globalen Trend, der als Berufskleidung kurze Hosen trägt und in der Ausübung seiner Tätigkeit in tiefe Pfützen grätscht. Weil er sich dazu auch 28-jährig nicht zu fein ist, weil die moderne Märchenfigur Beckham nur außerhalb des Rasens und in seiner Ehe mit Spice-Girl Posh eine solche ist, er im Spiel aber als Marathonmann mit fürsorglicher Ballbehandlung gilt, funktioniert die junge Legende.“
Jürgen Ahäuser (FR 1.7.). „Gut möglich, dass morgen irgendwo an der galizischen Küste ein Öl-Tanker zerschellt. Sehr wahrscheinlich, dass unterhalb von Gibraltar wieder eine kleine Nussschale mit Flüchtlingen aus Nordafrika strandet, nicht ausgeschlossen, dass sich König-Juan Carlos beim Karate-Training die Hand verstaucht, auch vorstellbar, dass die ETA in San Sebastian wieder einmal einen ihr missliebigen Kommunalpolitiker liquidiert – 30 Fernsehstationen und 520 Journalisten aus 40 Ländern werden darüber nicht berichten. Sie haben Besseres (Wichtigeres) zu tun. Mitte der Woche dringt die Rebellion des Pop ins königliche Madrid ein. Andy Warhols Dosensuppe wird auf dem Fußballplatz recycelt. Der Pop-Artist heißt David Beckham. Becks und Posh-spice. Das schönste vom Fußball liiert sich mit dem niedlichsten der Popszene. Mehr Erregung öffentlichen Voyeurismus‘ geht nicht. Außer, eine Prinzessin lässt sich mal wieder viel zu schnell durch einen Tunnel fahren. Pfui! Jetzt aber schnell zurück zum Sport. Der wird in Spanien gerne unter dem Etikett königlich zelebriert, und niemand auf der iberischen Halbinsel kann das besser als Real Madrid. Doch Fußball ist längst mehr als nur gegen einen Ball treten. Auch in der spanischen Hauptstadt tritt der Fußball am Mittwoch endgültig in die Operettenliga ein. An dem Libretto wird die FR auch mitschreiben. Die Madrider Verlobung hat sicher einen hohen Unterhaltungswert. Und zum Glück haben etliche andere Journalisten Wichtigeres zu tun, als ausschließlich über Beckhams Phantasie beim Frisieren zu berichten.“
Der überkandidelt-witzige Tonfall, den wir jahrelang in ran erdulden mußten
Andreas Platthaus (FAZ 1.7.). “Beim WDR berichtet sie vor allem aus dem Ulrich-Haberland-Stadion in Leverkusen – ein besseres Terrain für dramatische Reportagen konnte man sich in den letzten Spielzeiten kaum wünschen. Mittlerweile haben sich selbst die denkbar traditionell verhafteten Samstagnachmittag-Rundfunkhörer, die für die legendäre Schlußkonferenz immerhin Kaffeetafel und Wagenwäsche ausfallen lassen, an die Frauenstimme in ihrer Männerdomäne gewöhnt. Und mehr als das: Sabine Töpperwien dominiert mittlerweile diese Domäne. Es mag ihr anfangs zugute gekommen sein, daß ihr älterer Bruder Rolf schon Meriten als Fußballreporter beim ZDF gesammelt hatte – nicht nur ihre Stimme, auch der Name Töpperwien hatte also einen guten Klang. Aber durchgesetzt hat sie sich allein, und nur Veteranen wie ihr Senderkollege Manfred Breuckmann oder Günther Koch vom Bayrischen Rundfunk agieren mit ähnlich viel Verve vor dem Mikrophon und vermitteln dem Zuhörer derart ein Gefühl, als ob er mitten im Stadion säße. Die noch abwartend langgezogenen Vokale, die am Beginn nahezu jeder Einblendung Sabine Töpperwiens stehen, werden binnen kurzem abgelöst durch hektische Temposteigerungen und größere Lautstärke – fürwahr, sie ist ein Rundfunktalent reinsten Wassers. Solche Leute wird die Sportschau brauchen, um den überkandidelt-witzigen Tonfall, den wir jahrelang in Ran erdulden mußten, wieder vergessen zu machen. Nie ist Fußball im Fernsehen auch nur annähernd so attraktiv und zugleich doch so ernsthaft dargeboten worden wie in der Bundesligakonferenz der ARD-Radiosender. Schon ein paar der daraus vertrauten Stimmen könnten für die Sportschau Wunder wirken.“
sid meldet. „Große Enttäuschung für Fernando Hierro: Eine geplante Demonstration für den Verbleib des spanischen Fußball- Nationalspielers bei Meister Real Madrid geriet zu einem Flop. Neben den drei Initiatoren wollten am Montag nämlich nur noch sechs weitere Anhänger des Abwehrstrategen vor dem Bernabeu-Stadion der „Königlichen“ gegen die Trennung vom Real-„Urgestein“ protestieren. Selbst Madrids Klubführung rechnete im Vorfeld mit größerem Rückhalt für Hierro, der in der Vorwoche nach dem 29. Titelgewinn des Rekordchampions nach 14 Jahren im Real-Trikot zusammen mit Trainer Vicente Del Bosque den Laufpass bekommen hatte, und beantragte Schutz durch die Polizei. Die 60 in zehn Mannschaftswagen angerückten Sicherheitskräfte konnten denn angesichts der sehr überschauberen Menge von Demonstranten schnell wieder auf ihre Dienststellen zurückkehren.“
„Energie Cottbus sucht noch seinen Standort in Liga zwei“ Tsp
„River Plate argentinischer Meister, Boca hofft auf die Copa Libertadores“ NZZ
Gewinnspiel für Experten
Mittwoch, 30. Juni 2004
Vermischtes
Vereinsmannschaften oder Nationalteams?
scharfe Kritik an der Bild-Zeitung wegen der Berichte in der Trainerfrage (FAZ) – scharfe Kritik an der Sun wegen der Aufforderung an ihre Leser, Urs Meier zu belästigen (FAZ) – wer ist stärker? Vereinsmannschaften oder Nationalteams? (taz) – die EM ist ein Erfolg bei Zuschauern und Usern, auch in China – Zeit-Interview mit Otto Rehhagel über die Mängel des deutschen Fußballs u.v.m.
Michael Horeni (FAZ 1.7.) kritisiert die Berichterstattung des Boulevards in der Trainerfrage: „Offenbar haben sich die Schwierigkeiten, die Nachfolge Völlers wie geplant zu regeln, schon herumgesprochen. Franz Beckenbauer, der noch am Tag nach dem Rücktritt des Teamchefs bei seinem Vertragspartner ZDF kundtat, daß nur Hitzfeld die Sache richten könne, ließ nun über seinen Dauerpartner „Bild“ locker mitteilen, er sehe bei einer Absage des früheren Bayern-Trainers „genug Alternativen“. Als da auf einmal wären: nicht nur Rehhagel, sondern auch Matthäus, Daum oder Hiddink. Die Überhitzung des Medienbetriebs und die kühle Verkaufstaktik, die dahintersteht, hatten schon entscheidend am Rücktritt von Völler mitgewirkt. Der Teamchef ahnte schon vor dem Turnier, daß er den Rückhalt bei „Bild“, dem Leitmedium des Fußballs, im Falle des Mißerfolgs nicht mehr uneingeschränkt genießen würde. Die Zeichen verdichteten sich nach dem 0:0 gegen Lettland, als mit Michael Skibbe der angebliche „Fehler-Flüsterer“ Schlagzeilen machte. Aufmerksame Beobachter beim DFB registrierten die sorgfältige Auswahl der Leserbriefe zu diesem Thema vor der Partie gegen die Tschechen. Dort griff die Kritik aus dem Volk schon auf Chef Völler über – in keiner einzigen Zeile fand sich mehr Unterstützung für das Trainergespann. Beim Studium der Schlagzeilen in der Nacht des Ausscheidens nach dem 1:2 gegen Tschechien konnte Völler im Quartier in Almancil bei „Bild“ nachlesen, was er dann auch als Aufforderung begriff: „Rudi, das war’s – Auch für dich? Vielleicht macht’s der Hitzfeld ja besser.“ Er habe nicht mehr genügend Kredit gehabt, sagte Völler wenige Stunden darauf bei seinem Abschied. Später ergänzte er seine Rücktrittsgründe. „Als Nationalelftrainer mußt du auch bei Niederlagen die Rückendeckung der Öffentlichkeit und Experten haben, um dich schützend vor die Mannschaft zu stellen. Dies wäre für mich nach dem EM-Aus nicht mehr uneingeschränkt möglich gewesen“, sagte der Realist Völler – exklusiv in „Bild am Sonntag“. So läuft das Spiel.“
Was dazu wohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sagen würde?
Jörg Thomann (FAZ/Medien 1.7.) verabscheut die britischen Revolverblätter: „Wer sich auf den Boulevard begibt, so lautet eine Binsenweisheit der Pressebranche, kommt darauf um. Viele aber werden auch auf ihn gezerrt und so lange malträtiert, bis sie – wie Ottmar Hitzfeld vielleicht – den Vertrag als Bundestrainer unterschreiben, was die „Bild“-Zeitung fordert und durch das Tamtam doch eher verhindert – oder untertauchen müssen wie der Schweizer EM-Schiedsrichter Urs Meier, den das britische Boulevardblatt „Sun“ mit übelsten Mitteln verfolgt. Meier hat – wie außerhalb Englands alle meinen, zu Recht – einen Treffer der Engländer im Spiel gegen Portugal beim Stand von 2:2 nicht anerkannt. Zwei englische Stürmer hatten den Torhüter der Portugiesen im Fünfmeterraum gerempelt. Das sieht die britische Boulevardpresse aber anders. Als „Halbschlauer“ wurde der Schiedsrichter Meier verspottet, sein Name zu „Urs Hole“ verunstaltet und ihm unverhohlen geraten, vorerst nicht nach England zu reisen. Im Laufe der Tage eskalierte, was man Berichterstattung nicht nennen möchte, immer mehr: Details aus Meiers Privatleben wurden öffentlich ausgebreitet. Außerdem lenkte die „Sun“, das größte und gnadenloseste Boulevardblatt auf der Insel, seine Leser auf Meiers Homepage im Internet und forderte sie auf, ihm die Meinung zu sagen. 16 000 E-Mails aus England trafen ein.“
Wir nehmen den Fußball so wichtig, nicht aber die Ausbildung
Zeit-Interview (1.7.) mit Otto Rehhagel
Zeit: Herr Rehhagel, die Nation diagnostiziert eine Krise des Fußballstandorts Deutschland. Was muss getan werden, damit der Standort wieder attraktiv wird?
OR: Krisen gibt es nur auf der Intensivstation. Fußballer, ihre Trainer, sie alle stellen keine weltpolitischen Weichen…
Zeit: …jetzt verharmlosen Sie aber das Problem!
OR: Erinnern Sie sich an das, was Michael Ballack angesichts der Pressekonferenzen der deutschen Nationalelf in Portugal gesagt hat? „Es war wie bei Staatsakten.“ Ein schöner Satz. Ballack hat Recht. Wo sind wir denn hingekommen?
Zeit: Trotzdem: Was muss sich ändern?
OR: Es darf nicht sein, dass ein 18-Jähriger zu mir kommt und ich den fragen muss: „Warum ist dein Kopfballspiel so schlecht?“ Und der dann sagt: „Haben wir leider nicht geübt.“ Dann frage ich noch: „Und einen linken Fuß hast du auch nicht?“ – „Der ist für meinen linken Schuh.“ Ich rate, die besten Lehrer zu den jüngsten Talenten zu schicken. Schon um die Zehnjährigen müssen sich Fachleute kümmern – nicht, wie trotz aller engagierten Honorartrainer hier und da immer noch üblich, der Hausmeister oder irgendein stolzer Vater, der zufällig zur Stelle ist. Wenn man Kindern sagt: „Kommt, wir machen heute Schusstraining“, dann schießen die alle aufs Tor, egal, ob in Afrika oder in Oer-Erkenschwick. Der Spieltrieb ist überall. Aber die Frage ist doch: Wie schießt man aufs Tor? Wie schneidet man einen Ball an? Es gibt diese Experten für Bananenflanken, die dafür sorgen können, dass der Ball tückisch angeschnitten in den Strafraum segelt. Und das ist das Seltsame in Deutschland: Wir nehmen den Fußball so wichtig, nicht aber die Ausbildung. Wenn aber einer Klaviervirtuose werden will, dann muss er auch den besten Pianisten als Lehrer haben.
Es darf nicht sein, dass ein 18-Jähriger zu mir kommt und ich den fragen muss: „Warum ist dein Kopfballspiel so schlecht?“ Und der dann sagt: „Haben wir leider nicht geübt.“ Dann frage ich noch: „Und einen linken Fuß hast du auch nicht?“ – „Der ist für meinen linken Schuh.“ Ich rate, die besten Lehrer zu den jüngsten Talenten zu schicken. Schon um die Zehnjährigen müssen sich Fachleute kümmern – nicht, wie trotz aller engagierten Honorartrainer hier und da immer noch üblich, der Hausmeister oder irgendein stolzer Vater, der zufällig zur Stelle ist. Wenn man Kindern sagt: „Kommt, wir machen heute Schusstraining“, dann schießen die alle aufs Tor, egal, ob in Afrika oder in Oer-Erkenschwick. Der Spieltrieb ist überall. Aber die Frage ist doch: Wie schießt man aufs Tor? Wie schneidet man einen Ball an? Es gibt diese Experten für Bananenflanken, die dafür sorgen können, dass der Ball tückisch angeschnitten in den Strafraum segelt. Und das ist das Seltsame in Deutschland: Wir nehmen den Fußball so wichtig, nicht aber die Ausbildung. Wenn aber einer Klaviervirtuose werden will, dann muss er auch den besten Pianisten als Lehrer haben.
Zeit: Wäre Erfolg damit gewährleistet? Wachsen so neue Schweinsteigers und Podolskis heran?
OR: Die Journalisten sollten aufhören, die beiden Namen bei jeder Gelegenheit ins Feld zu führen. Schweinsteiger und Podolski sind sicher sehr talentiert, aber als Heilsbringer darf man sie nicht verkaufen, auch die beiden müssen noch intensiv geschult werden. Was die Zehnjährigen betrifft, ich kann das nur von mir selbst sagen, aus einem solchen Jungen mache ich in fünf Jahren einen perfekten Kopfballspieler. Der kann den Ball dann auch wahlweise mit links und rechts verlässlich treffen. Das ist schon mal was, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
Zeit: Sehen Sie Fußball als ein Spiegelbild der Gesellschaft?
OR: Ja, wir leben in einer Zeit der Überversorgung, in der Gesellschaft, also auch im Fußball. Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte, die dazu passt: Mir kam einmal zu Ohren, dass anlässlich eines Länderspiels in Kaiserslautern der DFB einen Tieflader bestellt haben soll, um die Privatautos der Spieler von Frankfurt in die Pfalz zu schaffen.“
Schalke 04 und Helene im Gleichschritt
Björn Schüngel (SZ 1.7.) besucht Otto Rehhagels Heimat-Verein in Essen: „So viel Aufmerksamkeit hat der kleine TUS Helene selbst in den glorreichen Fußballtagen der Zechenvereine nicht gehabt, damals in den 30er und 40er Jahren. „Als wir uns 1941 für die Endrunde um die deutsche Meisterschaft qualifiziert haben, da schrieb eine große Tageszeitung: Schalke 04 und Helene im Gleichschritt“, erinnert sich Heinz Krüger, „der Ausschnitt hängt immer noch in unserem Klubheim.“ Der 75-jährige Rentner ist Ehrenvorsitzender des ehemaligen ZechenKlubs aus Essen-Altenessen. Ein Klub, der momentan europaweite Aufmerksamkeit generiert. „Es ist schon lustig, wenn die Reporter im Fernsehen erzählen, dass der Trainer der Hellenen vom TUS Helene kommt. Helene ist der Name der Zeche nebenan. Mit Griechenland haben wir eigentlich gar nix zu tun“, sagt Krüger. Wohl aber mit Otto Rehhagel, und deswegen fühlt sich der rührige Ehrenvorsitzende auf einmal mitverantwortlich für den Erfolg der griechischen Nationalelf. Genau wie sein Freund Rolf Grootjohann, der Präsident des Vereins. „Denn der Otto hat doch hier bei uns alles gelernt, was er heute weitergibt“, findet Grootjohann. 1952 kam Rehhagel als B-Jugendlicher zum damaligen Drittligisten nach Essen-Altenessen. Auf der Zeche Helene begann er eine Lehre als Maler und Anstreicher, fast zwangsläufig musste er auch dem TUS beitreten. „Unser damaliger Kassenwart war auch für die Lohnbuchhaltung auf dem Pütt zuständig. Der hat den Jungs ihren Mitgliedsbeitrag direkt vom Arbeitslohn abgehalten“, so Krüger. Bis 1958 kickte Otto Rehhagel beim Zechenklub, wo die Kumpels auf dem Rasen oft auch Kumpels unter Tage waren. „Dieses gemeinsame Arbeiten vor der Kohle hat einen zusammengeschweißt. Da konnte sich jeder auf jeden verlassen, ein Wort unter Männern galt da noch was. Und genau das hat der Otto auch dem griechischen Team beigebracht“, versichert der einstige Bergmann Krüger. Der TUS Helene als historische Inspiration für Angelos Charisteas und Co.? „Wenn sie so wollen, ja.““
Europas beste Fußballspieler sind zur Beherrschung des Balles zurück gekehrt
Marcel Reif (Tsp 1.7.) freut sich über filigrane Ballstafetten: „Diese EM ist deshalb so schön, weil – mal abgesehen von der griechischen Laune der Natur – weitgehend offensiv gespielt wird. Offensiv gespielt wird, weil das Gros der Spieler über die entsprechende Technik verfügen, den Gegner mit hohem Tempo zu überlaufen. Oder anders ausgedrückt: Europas beste Fußballspieler sind zum Ursprung des Spiels zurückgekehrt, zur Beherrschung des Balles. Filigrane Ballbeherrschung, das ist die taktische Innovation, die diese EM lehrt, und wohl keine fußballerische Neuerung der Neuzeit war schöner anzusehen. Es ist eine globale Innovation, wie auch die Primärtugenden Disziplin und Kampfkraft nicht mehr deutsch sind, sondern internationalisiert. Filigrane Ballbeherrschung, die hat nichts mit der geografischen Herkunft zu tun, die hat zu tun mit Üben von Kindesbeinen an. Auch wir können wie Brasilianer sein, wir müssen nur üben. Zugegeben, sehr, sehr viel üben. Und das ist das Gebot der Zukunft, ob der Bundestrainer nun Hitzfeld heißen wird oder der Präsident nicht mehr Mayer-Vorfelder. Üben, üben, üben, auf dass wir werden wie die Tschechen, Portugiesen, Holländer …“
Die Trainerveteranen der EM schauen den Spielern noch in die Augen, um zu sehen, ob sie fit sind
Wer ist stärker? Vereinsmannschaften oder Nationalteams? Matti Lieske (taz 1.7.): „Der Vergleich der EM mit dem Vereinsfußball ist lohnend. Kein Spiel würde seine Mannschaft in der Bundesliga verlieren, hatte der Lette Maris Verpakovskis behauptet. Das ist blühender Unsinn, auch wenn die Bundesliga in der europäischen Rangliste zügig nach unten rutscht und die mäßigen Europacupergebnisse der letzten Jahre keineswegs Ausrutscher sind, sondern den Trend bestätigen. Da die individuelle Klasse einzelner Spieler im aktuellen Konzeptfußball nicht mehr so zum Tragen kommt wie früher, ist es für gut organisierte, läuferisch starke Teams aus vermeintlich schwächeren Ligen zwar eher möglich, sich zu behaupten, vor allem, wenn es, wie im Europacup, nur auf wenige Spiele ankommt. Über die gesamte Saison setzen sich dann aber doch in der Regel die teuren Teams mit den Stars durch. Auch Werder Bremen wurde nicht mit lauter Nobodys Meister. Das fußballerische Niveau ist im Vereinsfußball der sechs großen, spielerimportierenden Ligen (Spanien, England, Italien, Frankreich, Deutschland, Türkei) nach wie vor höher als auf Länderebene, nicht nur wegen der vielen außereuropäischen Profis, welche die Klubteams bereichern, sondern auch, weil die Trainer dort viel mehr Zeit haben, die Systeme einzuüben, deren perfektes Funktionieren das entscheidende Element im modernen Kollektivfußball ist. Außerdem geht es bei den Nationalmannschaften in der Regel viel lockerer zu als bei den Topvereinen, wo viel Geld auf dem Spiel steht und jede Kleinigkeit genau geregelt ist. Die Trainerveteranen der EM schauen den Spielern noch in die Augen, um zu sehen, ob sie fit sind, und lassen nicht dauernd medizinische Testreihen durchführen. Während ein Mourinho oder Benítez für jeden Bereich wissenschaftlich geschulte Fachleute beschäftigt, sind die Profis bei der Ländermannschaft für ihre Ernährung, Fitness, psychische Befindlichkeit meist selbst zuständig. Das fördert die Entspannung, möglicherweise aber auch den Schlendrian. Fußballerisch am einfachsten haben es die Teams, die genau das System spielen, welches die Spieler von ihren Vereinen kennen, die Portugiesen zum Beispiel, seit Trainer Scolari sich durchgerungen hat, praktisch den Champions-League-Sieger FC Porto plus Figo und Ronaldo auflaufen zu lassen, aber auch die taktisch gut geschulten Niederländer oder Tschechen. Das taktische Wirrwarr dagegen, das zum Beispiel Jacques Santini bei den Franzosen oder Giovanni Trapattoni bei Italien angerichtet haben, führte fast zwangsläufig zum Scheitern.“
of: Was wir lesen wollen: Wer schreibt den Bericht über den Beitrag José Mourinhos zur Europameisterschaft, insbesondere zur Stärke Portugals?
Nach den Angeboten in englischer Sprache wurden jene in Japanisch am häufigsten besucht
Thomas Klemm (FAZ 1.7.) jongliert mit den EM-Zuschauerzahlen: „Vor allem bei der Zahl der Fernsehzuschauer übertrifft die Europameisterschaft in Portugal alle bisherigen kontinentalen Turniere. Im Vergleich zur EM 2000 in Belgien und den Niederlanden seien die Zuschauerzahlen in den sechs wichtigsten Fernsehmärkten Europas schon nach der Gruppenphase um 26 Prozent kumulierend auf 845 Millionen gestiegen, wobei sich im Schnitt 38 Prozent der Fernsehzuschauer die Spiele der eigenen Mannschaften ansahen, Begegnungen zwischen andereren Teams zu 12,5 Prozent. Die Zugriffszahlen auf die Internetseiten sind ebenfalls sehr hoch. Nach den ersten drei Turniertagen gab es 12 Millionen Besucher, die sich 130 Millionen Seiten betrachtet haben. Nach den Angeboten in englischer Sprache wurden jene in Japanisch am häufigsten besucht; für Olsson ein Zeichen, wie sehr „eine EM zu einer weltweiten Veranstaltung“ geworden sei. In China hätten bis zu 50 Millionen Menschen vor dem Fernsehgerät gesessen, um sich die Gruppenspiele anzusehen – doppelt so viele wie auf dem größten europäischen Markt in Deutschland.“
Anpfiff um 4.45 Uhr, Pekinger Ortszeit
Axel Kintzinger (FTD 1.7.) kann es nicht glauben: „Wenden wir uns heute dem Reich der Mitte zu. Aus China nämlich erreicht uns die Kunde, das dortige Volk sei ganz vernarrt in die EM. Womit es den Chinesen nicht anders ergeht als uns. Allerdings kann man dieser Leidenschaft zwischen den Lofoten und Nordafrika leichter frönen. Erstens kennen wir die Beteiligten, zweitens sind uns die Regeln des Spiels seit Kindheitstagen vertraut, und drittens werden die Partien zur besten Sendezeit übertragen. Die Chinesen hingegen müssen früh aus den Federn. Anpfiff um 4.45 Uhr, Pekinger Ortszeit. Und trotzdem schauen im Schnitt 20 Millionen Leute zu, heißt es. Für die Halbfinals werden 40 bis 50 Millionen erwartet, das Eröffnungsspiel hätten 300 Millionen verfolgt. Dabei ist außer den gut 100 chinesischen Korrespondenten, die mit Vorliebe andere Korrespondenten interviewen, niemand aus China an diesem Turnier beteiligt. Heißt ja auch Europameisterschaft.“
Uefa-Generaldirektor Lars-Christer Olsson lobt die EM und die Veranstalter FR
Allgemein
Quälgeister Gullit, Cruyff und van Gaal
Dick Advocaat trägt die Dreistigkeit der „Quälgeister Gullit, Cruyff und van Gaal“ (BLZ) mit Fassung / „wenn er verliert, dann gnade ihm Cruyff oder ein anderer Gott des Fussballs“ (NZZ) – Ricardo Carvalho, portugiesischer Abwehr-Star – Angelos Charisteas, „der Helmut Rahn Griechenlands“ (FAZ) u.v.m.
Von der unbeschwerten Qual der Wahl Dick Advocaats berichtet Thomas Klemm (FAZ 30.6.): „Wie ein Chef der niederländischen Auslandsagentur für Arbeit muß Dick Advocaat regelmäßig dieselbe Nachricht verkünden: An qualifizierten und hochmotivierten Arbeitskräften mangelt es nicht, doch könne er nur einem einzigen Bewerber eine feste Stelle anbieten. Und dieser eine ist nun einmal Ruud van Nistelrooy, dessen Referenzen nur die besten sind: zwanzig Saisontreffer für Manchester United in der englischen Premier League, mit bislang vier Erfolgserlebnissen in der regulären Spielzeit sowie einem geglückten Versuch im Elfmeterschießen gegen Schweden hinter dem Tschechen Milan Baros der zweiterfolgreichste Torjäger bei dieser Europameisterschaft. Für die anderen Interessenten, die auch zur Spitzenposition taugen, bleiben bestenfalls Minijobs über eine Viertelstunde, bei einer Verlängerung vielleicht auch mal eine halbe. „Ruud leistet exzellente Arbeit für die Mannschaft“, sagte der niederländische Nationaltrainer Advocaat, „er läuft sich Löcher in die Socken.“ Die anderen drei Angreifer scheuern ihren Hosenboden auf der Wartebank, scharren mit den Füßen. Auf verbale Attacken gegen die kollegiale Konkurrenz verzichtet die Warteschlange aus Roy Makaay, Pierre van Hooijdonk und Patrick Kluivert völlig – auch dies ein Zeichen für den neuen niederländischen Teamgeist. (…) Die größten Gemeinsamkeiten im niederländischen Angriff indes haben der Mann, der immer spielt, und jener, der nie spielt. Ruud van Nistelrooy und Patrick Kluivert feiern am Tag nach dem EM-Halbfinale ihren 28. Geburtstag. Ein Alter, zwei Berufslaufbahnen: War der Stürmer vom FC Barcelona vor vier Jahren mit fünf Treffern bester EM-Torschütze, so könnte sich der ManU-Angreifer mit einem weiteren Schuß ins Netz auf der Karriereleiter auf dieselbe Stufe stellen wie Kluivert und Marco van Basten.“
Wenn er verliert, dann gnade ihm Cruyff oder ein anderer Gott des Fussballs
Von unerträglicher Qual für Dick Advocaat berichtet Peter B. Birrer (NZZ 30.6.)? „Das mediale Getöse um Trainer und ihre Entscheidungsfindungen ist ein Ritual, das sich an Endrunden hundertfach wiederholt. Die Diskussionen und Beurteilungen an und für sich harmloser Vorgänge dehnen sich dabei mangels Alternativen in Überlängen aus. Im nationalen Zetermordio ist nicht mehr zu eruieren, welches die veröffentlichte und welches die öffentliche Meinung ist. Wenn allerdings gröber gestritten wird, mündet das Ritual in eine Art öffentliche Inquisition, die nur darum erträglich ist, weil die Betroffenen viel verdienen und weil der Fussball immer noch ein Spiel sein sollte. Diesmal traf und trifft es den holländischen Trainer Dick Advocaat. Dieser hatte sich im spektakulärsten EM-Spiel zwischen Holland und Tschechien die Ungeheuerlichkeit geleistet, den Jungstar Arjen Robben auszuwechseln. Um Gottes willen! Wie konnte er nur! Weil daraufhin Holland gegen Tschechien verloren hatte, wurde der Wechsel zu einem Politikum sondergleichen. Luiz Felipe Scolari, der Trainer Portugals, beorderte im Viertelfinal gegen England Luis Figo vom Platz – und nicht etwa Deco, der schwächer fast nicht mehr spielen konnte. Im Gegensatz zu Holland gewann aber Portugal. Nur deshalb hatte Scolari nachher (mehr oder weniger) Ruhe. So einfach ist das. (…) Der holländische Coach wird vom Umstand begleitet, dass hoch oben auf der Tribüne meistens Johan Cruyff sitzt. Das ist der Oranje-Halbgott der siebziger Jahre, der zwar nicht mehr Trainer sein will, aber unvermindert vom „positiven Fussball“ schwärmt. Cruyff hält mit Kritik nicht zurück. Dies gilt auch für Advocaats Vorgänger Louis van Gaal, der zwar Holland nicht an die WM 2002 gebracht hatte, aber sich dennoch immer wieder zu Kommentaren verpflichtet fühlt. Dass diese von den lauten Medien genüsslich aufgenommen und verbreitet werden, versteht sich von selbst. Advocaats Argumente gehen derweil unter. Wenn er Robben auswechselt und gewinnt, sagt niemand viel. Wenn er jedoch verliert, dann gnade ihm Cruyff oder ein anderer Gott des Fussballs.“
Stefan Hermanns (Tsp 30.6.) schildert die Dreistigkeit der holländischen Kritiker: „Dick Advocaat hat in der vergangenen Woche Beistand aus der Heimat bekommen. Jan Peter Balkenende, der holländische Ministerpräsident, hat den Trainer der holländischen Nationalmannschaft an der Algarve angerufen und seine Hoffnung kundgetan, dass die niederländischen Fußballer noch eine weitere Woche in Portugal bleiben. Dann stünden sie im Finale der Europameisterschaft. „Das verstehe ich gut“, sagte Advocaat. „Dann ist mein Gesicht weiterhin jeden Tag im Fernsehen zu sehen, und er hat noch eine Woche Ruhe.“ (…) Man merkt, wie sehr es Advocaat belastet, den Journalisten gegenüberzusitzen, die er für die Hetze gegen seine Person verantwortlich macht. Er ist in ein verlogenes Schauspiel geraten, und nicht immer gelingt es Advocaat, ein fröhliches Gesicht zu diesem bösen Stück zu machen. Ob er verbittert sei. „Verbittert nicht, aber enttäuscht“, sagt er, und dass er sich Sorgen mache wegen der Stimmung in den Niederlanden. Von Drohungen ist die Rede. Advocaat bestreitet das. Wie es dazu gekommen sei, wird er gefragt. Advocaat zögert einen Moment. Die Frage ist eine Unverschämtheit. „Ich denke, dass ihr das wisst.“ „Morgens sagen sie dir noch höflich Guten Tag, und abends rammen sie dir ein Messer in den Rücken“, hat der Bondscoach einmal über die niederländische Kultur der Kritik gesagt. Bestes Beispiel für diese Perfidie ist Louis van Gaal, Advocaats Vorgänger im Amt. Vor dem letzten Gruppenspiel der Holländer gegen Lettland stand er noch plaudernd und scherzend mit Advocaat zusammen; wenn er aber abends für einen holländischen Privatsender den Experten gibt, erklärt er den Zuschauern an der Taktiktafel, welche falschen Entscheidungen der Bondscoach wieder einmal getroffen hat. In Deutschland wäre es undenkbar, dass ein Trainer die Arbeit eines Kollegen kommentiert; in Holland findet selbst van Gaal noch ausreichend Gehör, der vor zwei Jahren das Scheitern der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation zu verantworten hatte.“
Quälgeister Gullit, Cruyff und van Gaal
Barbara Klimke (BLZ 30.6.) fügt hinzu: „Vor dem EM-Halbfinale hat Dick Advocaat dem niederländischen Volk ein wenig Holländischunterricht erteilt. Er führte Begriffe in den Sprachgebrauch ein, die keiner in seinem Land auch nur im Entferntesten mit der Nationalmannschaft in Verbindung brachte: Von „saamhorigheid“ sprach Cheftrainer Advocaat und von „een hechte groep“. Über Gruppendynamik, Zusammengehörigkeitsgefühl und sonstige gesellschaftliche Bindungskräfte hatte Hollands Nationaltrainer zuletzt wenig Anlass zu referieren. Das wichtigste Wort im Zusammenhang mit dem Königlich Niederländischen Fußball-Bund lautete in den vergangenen Wochen und Monaten: Kritik. Mittelfeldspieler Clarence Seedorf kritisierte Advocaat, weil der ihn nicht auf seinem Lieblingsplatz aufstellen wollte („dann setze ich mich halt auf die Bank“); Stürmer Ruud van Nistelrooy kritisierte die Fans („sie nennen dich Hurensohn“), Fußballexperten wie Ruud Gullit oder Louis van Gaal kritisierten den Trainer („kein Charisma“); alle zusammen kritisierten dessen Wechselpolitik („unverständlich“); und Advocaat schließlich kritisierte alle seine Kritiker: „Seit zwei Jahren immer nur diese andauernde Kritik!“ Es hat exakt sechs Schüsse auf ein Fußballtor gebraucht, seitdem herrscht Frieden. Die Emotionen, die ein Fußballspiel unter Männern freisetzt, sind ja meist verblüffend spontaner Natur; aber als im Viertelfinale gegen Schweden das Elfmeterdrama seinen Anfang nahm, war selbst Advocaat erstaunt, wie eng sich seine zerstrittenen Individualisten in ihrer Bangigkeit plötzlich aneinander schmiegten. Dass schließlich der erst 20-jährige Arjen Robben die Kühnheit besaß, als Letzter den Elfmeter zu versenken, hat die Niederländer dann sogar mit ihrem umstrittenen Trainer versöhnt. Von den Quälgeistern Gullit, Cruyff und van Gaal jedenfalls hat keiner die Versöhnungsfeier gestört.“
Kluivert hat 79-mal für Holland gespielt und dabei 40 Tore erzielt
Patrick Kluivert wurde vom Superstar zum Bankdrücker degradiert. Jan Christian Müller (FR 30.6.): „Morgen, einen Tag nach dem Halbfinale der Niederländer gegen Portugal, wird Patrick Kluivert 28. Er ist zufällig am selben Tag wie Ruud van Nistelrooy geboren. Jetzt ist einer zu viel auf der Welt: Van Nistelrooy, der Spätentwickler, der erst vier Jahre und zwei Tage später für die Elftal debütierte, schießt Tore und wird gefeiert, Kluivert, der Frühreife, schaut zu und müht sich auffällig, seine Enttäuschung zu verbergen. Er ist ja im besten Fußballeralter, er hat 79-mal für Holland gespielt und dabei 40 Tore erzielt, viel mehr als Marco van Basten, der Wunderstürmer der 80er, der in 58 Länderspielen nur 24-mal traf, mehr als Johan Cruijff (47/33) und mehr auch als Konkurrent van Nistelrooy, in 37 Einsätzen für Holland bislang 18-mal erfolgreich. Der holländische Verband hat eine Liste mit den „25 doelpuntenmakers Nederlands elftal“ herausgegeben. Da steht Kluivert ganz oben. Bei Dick Advocaat, dem Bondscoach, ist das genau andersherum. Man muss sich das vorstellen: Er ist der einzige Feldspieler der Holländer, der bei dieser Europameisterschaft noch nicht mitspielen durfte. „Es ist der schwierigste Job, ihn bei Laune zu halten“, sagt Dick Advocaat, „der gesamte Trainerstab redet sehr viel mit ihm.“ Und Clarence Seedorf, der Kumpel aus alten Ajax-Tagen, der geistige Kopf des Kaders, hilft dabei mit. Seedorf kennt Kluivert seit gemeinsamen Jugendtagen. Er weiß, dass der Angreifer gewiss nicht leicht zu führen ist. Kluivert ist zu schnell ein Star geworden, er hat exzessiv gelebt, er wurde einer Vergewaltigung bezichtigt und hat, betrunken am Steuer, den Tod eines Operndirektors zu verantworten. Jetzt sucht er einen neuen Club, weil Barcelona ihn nicht mehr haben will. Atletico Madrid ist interessiert und der FC Middlesbrough aus England – Mittelklasseclubs allenfalls. Der junge Kluivert, der bullige Stürmer aus der Ajax-Schule, hätte seine derzeitige Situation niemals akzeptiert. Aber jetzt ist er reifer geworden, sagen die, die ihn kennen. Seine Frau und die beiden Kinder wohnen nicht weit vom Teamhotel entfernt, ein paar Kilometer die Küste runter Richtung Faro, und es war eines der schönsten Bilder dieser EM, als Ersatzmann Kluivert nach dem erfolgreichen Elfmeterschießen gegen Schweden mit dem Nachwuchs feierte. In der Nähe der Ersatzbank. In seinem neuen Revier. Wahrscheinlich ist Patrick Kluivert das wichtigste Mitglied im Kader. Weil er still hält.“
Thomas Klemm (FAZ 30.6.) bestaunt Ricardo Carvalho: „Die Portugiesen verstehen viel vom Fußball und wenig von der deutschen Sprache. Aber um Ricardo Carvalhos Auftreten bei der Europameisterschaft zu beschreiben, müssen sie nicht lange in einem Wörterbuch blättern oder tief in ihrem Fußballgedächtnis suchen. Sie nennen Carvalho einfach „unseren Kaiser“, nach jenem Mann, der eine Spielweise geprägt hat, die der neue portugiesische Abwehrchef zu einem guten Teil übernommen hat. Natürlich spielt er nicht den Libero, also jene Position, deren Erfinder und Vollender Franz Beckenbauer war, sondern mittendrin in der Viererabwehrkette der Selecção. Doch dieses Stellungsspiel, diese Übersicht, die Fähigkeit, Ball und Gegner zu antizipieren und das Spiel überlegt zu eröffnen, das könnte den Sechsundzwanzigjährigen zu einem portugiesischen Nachfahren des großen Deutschen machen. Er sei kein Anführer, wiegelt der Innenverteidiger ab, der auf seiner Position bei der EM bislang herausragt, „ich versuche nur, mein Bestes zu geben“. Für das Beste in diesem Mann bietet Real Madrid Carvalhos Klub FC Porto immerhin zwanzig Millionen Euro – eine enorme Summe angesichts der Vorliebe des Vereinspräsidenten Florentino Perez für weltbekannte Angreifer.“
Figo ist ihr Bindeglied zur weiten Welt, ihr Eroberer, ihr Vasco da Gama
Ralf Itzel (SZ 30.6.) beobachtet Luis Figo: „Auch für Luis Felipe Madeira Caiero Figo ist es die Chance seines Lebens. Also hat er geschwiegen nach der Auswechslung, die für ihn eine Majestätsbeleidigung war. Cool zog er seinen Koffer Richtung Bus, wo auch die Mutter wartete. Geht es schief gegen die Niederlande, könnte es sein letzter Auftritt für Portugal gewesen sein. „Man muss Platz machen können“, sagte er vor ein paar Wochen. Wie könnte er seine Meinung geändert haben? Es ist nicht mehr seine Mannschaft, die er in die Stadien führt. Von den alten Freunden, mit denen er die WM der 20-Jährigen gewann, kickt kaum noch einer mit. Fernando Couto sitzt nur noch bei der Fragestunde im Pressezelt neben ihm, offiziell ist ja noch er der Kapitän. Rui Costa, neben dem Figo beim Warmlaufen trabt, dient nur mehr als Joker für die Schlussminuten. Und nun wollen sie ihn rausdrängen. Nicht mal alle Freistöße darf er mehr schießen. Immer öfter schnappt sich dieser Deco den Ball, ein Brasilianer, gegen dessen Einbürgerung Figo sich erfolglos stemmte. Der Trainer hatte den Einfall gehabt, auch er ist Brasilianer. Scolaris Ideen gefallen Figo nicht besonders. Eine Psychologin, die Scolari anheuerte, fertigte von 22 der 23 Profis Analysen an. Nur Figo ließ sich nicht durchleuchten. Vielleicht hätte er schon hingeschmissen, aber er braucht die Mannschaft noch, und sie braucht irgendwie auch ihn, denn kein anderer durchschneidet gegnerische Abwehrblöcke wie ein heißes Messer ein Stück Butter. Noch mehr aber ist das Land und seine Industrie auf ihn angewiesen. Noch trägt der Altmeister die Werbung. Er ist auf Plakaten einer Supermarktkette zu sehen, beim Trinken eines Sportlergetränks, beim Volleyschuss für einen Stromerzeuger. Portugals Wirtschaft will mit ihm stürmen, Figo ist ihr Bindeglied zur weiten Welt, ihr Eroberer, ihr Vasco da Gama.“
Der Helmut Rahn Griechenlands
Peter Heß (FAZ 30.6.) hat sich in Angelos Charisteas verkuckt: „Die neuen europäischen Stürmerstars sind alle gleich – charakterlich. Milan Baros, Wayne Rooney und Zlatan Ibrahimovic stellen eine Herausforderung für ihre Umwelt dar. Hoppla, jetzt kommen wir. Jung, frech, selbstbewußt, auf den eigenen Vorteil bedacht und bereit, jederzeit die Ellbogen einzusetzen, um auf ihrem Weg nach oben voranzukommen. Angelos Charisteas ist ganz anders, Angelos Charisteas weckt Beschützerinstinkte. Der 24 Jahre alte Schlaks von 1,92 Metern kommt daher wie ein freundlicher Riese. Weiche Augen schauen unschuldig in die Welt, höflich begegnet er jedem, der auf ihn zukommt. Es ist nett zu erleben, daß auch solche Persönlichkeiten im harten Fußballgeschäft Triumphe feiern. Baros, Rooney und Ibrahimovic mögen zwar vor einer größeren internationalen Karriere stehen. Aber ob sie jemals die Verehrung in ihren Heimatländern Tschechien, England und Schweden genießen werden wie Charisteas in Griechenland, ist fraglich. In Hellas gibt es eine jahrtausendealte Tradition. Helden werden vergöttert. Und wenn ein Stürmer durch zwei Tore den größten Fußball-Erfolg in der Geschichte seines Landes herausschießt, dann gelangt er zur Unsterblichkeit. Sein Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Spanien in der Vorrunde und sein Siegtor im Viertelfinale zum 1:0 über Frankreich machen Charisteas zum Helmut Rahn Griechenlands. Der Mann, der dem Helden auf die Sprünge half, stammt wie der deutsche WM-Torschütze von 1954 aus Essen. Otto Rehhagel erkannte sofort bei seinem Amtsantritt als griechischer Nationaltrainer, welches Talent in dem Mittelstürmer steckt. Er empfahl seinem Lieblingsklub Werder Bremen, den kopfballstarken und für seine Länge überraschend schnellen und ballgewandten Angreifer von Aris Saloniki zu verpflichten. (…) Stürmer haben in der griechischen Nationalmannschaft unter Rehhagel einen bedauernswerten Job, der nur mit viel gutem Willen ertragen werden kann. Sie müssen fast immer in Unterzahl versuchen, gefährliche Aktionen zu starten. Die Defensivtaktik des Trainers sieht vor, daß das Mittelfeld bei Ballbesitz nur zögerlich nach vorne rückt. Viel lieber sieht es Rehhagel, wenn der Ball gleich aus der Abwehr weit nach vorne geschlagen wird. Das Berufsbild des griechischen Stürmers sieht viel vergebliche Laufarbeit vor und wenig Gelegenheiten zum Glänzen.“
Allgemein
Luis Figo, der gewesene Volksheld
„Portugal gilt wieder etwas in Europa“ (FAZ) / „ihre grosse Zuversicht schöpfen die Portugiesen aus der exzellenten Ballbehandlung, dem ausgeprägten Positionsgefühl und der Kraft einer Schutzpatronin“ (NZZ) – „Luis Figo galt lange als Volksheld, in letzter Zeit spüren die Portugiesen eine gewisse Distanz“ (Tsp) u.v.m.
Bedeutungsgewinn durch einen Doppelpaß zwischen Politik und Fußball
Portugal hat zwei Gründe, stolz zu sein – Thomas Klemm (FAZ 30.6.): „Portugal gilt wieder etwas in Europa, und der Bedeutungsgewinn nach zweieinhalb Turnierwochen könnte durch einen Doppelpaß zwischen Politik und Fußball bald seinen Höhepunkt erreichen. Ministerpräsident Durão Barroso steht vor dem Sprung an die Spitze der Europäischen Kommission und die Nationalmannschaft vor dem größten Erfolg in ihrer Geschichte. Volksvertreter und Fußballelite, von sich aus überzeugend auftretend, haben die gleiche Konkurrenz hinter sich gelassen: Durão Barroso wird Nachfolger eines Italieners (in der EM-Vorrunde gescheitert), erhielt den Vorzug vor einer Kandidatin aus Spanien (nach dem 0:1 gegen Portugal früh ausgeschieden) sowie jeweils vor einem Politiker aus Belgien und Luxemburg (beide nicht einmal für die Endrunde qualifiziert). Daß Durão Barroso als zweite Wahl gilt wie die Selecção, die mittlerweile zur Lieblingsmannschaft aller unparteiischen Fußballtouristen in Portugal geworden ist, und beide auch von der Schwäche der europäischen Großmächte profitieren – wen stört’s? Mit einem Abstimmungserfolg in Brüssel und zwei Siegen in Lissabon könnte Portugal seine diesjährigen Festwochen fortsetzen. Dreißig Jahre Nelkenrevolution im April, Champions-League-Sieg des FC Porto im Mai, EM-Titel und Kommissionsvorsitz im Juli: Auf diese Weise erstrahlte das Land, das vor fünf Jahrhunderten kurzzeitig zum Weltreich aufgestiegen war, zumindest in Europa wieder in neuem Licht. Die Begeisterung ist groß in und für Portugal, das die Fußballbühne bereitet hat und zugleich eine der Hauptrollen spielt. Die Einheimischen haben „einen modernen Patriotismus“ für sich entdeckt, wie Staatspräsident Sampaio sagte.“
„Ihre grosse Zuversicht schöpfen die Portugiesen aus der exzellenten Ballbehandlung, dem ausgeprägten Positionsgefühl und der Kraft einer Schutzpatronin“, ergänzt Georg Bucher (NZZ 30.6.): „Portugal hat gelitten und mit Opferbereitschaft hohe Hürden aus dem Weg geräumt, just jene Auswahlen, deren Länder im Positiven wie im Negativen die Geschichte des Landes beeinflussten. Auch mit den Niederlanden wurden im 16. Jahrhundert die Klingen gekreuzt. Tollkühne lusitanische Seefahrer leisteten die Vorarbeit, doch die Niederländer bewiesen auf der Grundlage einer besseren Organisation mehr kommerzielles Geschick in der neuen Welt. Daraus entwickelte sich ein dauerhaftes Wohlstandsgefälle zwischen den Ländern. Gastarbeiter wussten es zu nutzen, und viele ihrer Nachfahren sind in den Benelux-Staaten heimisch geworden. Löst der technisch geprägte holländische Fussball mit seinem Kombinationssinn besonders in Mitteleuropa Bewunderung und Respekt aus, so glauben die Portugiesen ein Rezept dagegen gefunden zu haben. Mit ihrer exzellenten Ballbehandlung, ihrem Positionsgefühl und der Stärke in 1:1-Situationen wollen sie die Playmaker Seedorf und Davids neutralisieren. Eher schwach vernehmbare Stimmen warnen vor der grösseren internationalen Erfahrung des Gegners und seiner taktischen Flexibilität, verweisen auf den WM-Qualifikationsmatch 2001 in Porto, den die Holländer unter Louis van Gaals Regie klar bestimmten, die in den letzten acht Minuten einen 2:0-Vorsprung allerdings aus der Hand gaben. So weit historische Anleihen, rational nachvollziehbare Argumente. Über ihnen schwebt ein magisch inspiriertes Denken, das Kritikern wenig, Kassandra-Rufern keinen Raum lässt. Seit Luis Felipe Scolari das Amulett seiner Schutzpatronin, der Jungfrau von Caravaggio, aus dem brasilianischen Süden erhalten hat, läuft alles wie geschmiert. Einwechselspieler setzen Akzente und werden zu Matchwinnern, Schiedsrichter geben keinen Grund zur Klage, und in entscheidenden Momenten lacht das Glück. Kann da überhaupt noch etwas schiefgehen?“
Figo galt lange als Volksheld, in letzter Zeit spüren die Portugiesen eine gewisse Distanz
Luis Figo verliert Kredit, behauptet Sven Goldmann (Tsp 30.6.): „Es sind dramatische Tage in Portugal. Ministerpräsident José Manuel Durao Barroso soll von seinem Amt zurücktreten und neuer Kommissionspräsident der Europäischen Union werden. In seiner Regierungskoalition liefern sich Konservative und Sozialdemokraten heftige Kämpfe um die Nachfolge, die oppositionellen Sozialisten fordern Neuwahlen. Für die großen europäischen Nationen ist Barroso eine Kompromisslösung, für die Amerikaner ein Wunschkandidat, weil er ihre Position i Politik ist derzeit ein Randthema, geeignet für die Schlussminuten der Fernsehnachrichten, gleich nach dem Streik der Lissaboner U-Bahnfahrer. Die Nation interessiert sich nicht für José Manuel Durao Barroso, sondern für Luis Filipe Madeira Caeiro, genannt Figo. Tagelang haben die Portugiesen gerätselt: Spielt Luis Figo heute gegen die Niederlande? Und wenn ja: wie lange? Seit gestern steht fest: Er wird spielen, der Streit mit Trainer Luiz Felipe Scolari ist offiziell ausgeräumt. Seit dem Sieg über England hatten Journalisten das Quartier der portugiesischen Nationalmannschaft in der Academia Sporting im Norden Lissabons belagert. Figo schwieg und trainierte, erst am Tag vor dem Halbfinale meldete er sich wieder zu Wort: „Wir müssen diese Europameisterschaft einfach gewinnen“, rief Figo in die Mikrofone. „Es ist das Größte, was wir Portugal schenken können.“ Solche Auftritte mit nationalem Pathos sind selten geworden. Luis Figo galt lange Zeit als Volksheld, doch in letzter Zeit spüren die Portugiesen eine gewisse Distanz. Sie verstehen nicht, warum er sich seit Jahren nicht mehr blicken lässt im Lissaboner Arbeiterviertel Almada, wo er aufgewachsen ist. Sie wundern sich über Interviews, in denen er andeutet, er wolle sich in einer schlechten Nationalmannschaft nicht seinen Ruf beschädigen lassen. Und sie ärgern sich über seine Posen auf dem Fußballplatz, denn es kommt ihnen so vor, als stelle dieser Luis Figo sich über die Mannschaft. m Golfkrieg unterstützt hat. Den Portugiesen ist das alles ziemlich egal.“
Auswechseln wird Scolari ihn heute wahrscheinlich trotzdem
Matti Lieske (taz 30.6.) ist gespannt, was Luis Figo gegen Holland zeigen wird: „Das Land nahm die Schmollattacke zunächst übel, doch der Umschwung folgte auf dem Fuß. Inzwischen kann sich Figo vor Lobpreisungen kaum retten. Im portugiesischen Lager weiß man, dass ein Skandal um den Kapitän das Letzte ist, was man gebrauchen kann. Und auch Figo selbst ist offenbar in sich gegangen und nun von Reue geplagt. Freiwillig trainierte er mit den Reservisten, wobei er demonstrativ scherzte, lachte und ein Späßchen an das andere reihte. Die Mannschaftskollegen traten der Reihe nach vor die Mikrofone und taten kund, wie der Kapitän ihnen nach dem gewonnenen Elfmeterschießen gegen England in der Kabine einzeln gratuliert und wie er sogar eine emotionstriefende Rede gehalten habe, eine absolute Seltenheit beim zurückhaltenden Figo. Die Holländer jedenfalls haben große Furcht, dass die Mini-Affäre den portugiesischen Flügelmann heute zu seiner besten Turnierleistung inspirieren könnte. „Gegen uns wird er alle seine Qualitäten zeigen“, glaubt Johnny Heitinga. Auch Trainer Felipe Scolari, normalerweise kein Lobhudler, was die Spieler betrifft, pries seine Nummer 7 nach allen Regen der Rhetorikkunst. „Wir sprechen von einem Mann, der die Auswahl verteidigt, der sein Land verteidigt und der alles für sein Land tut, was wir uns von ihm wünschen“, bramarbasierte der Brasilianer und führte Figos Zorn auf die etwas düstere Attitüde der Portugiesen zurück. „Sie sind eben so, während wir Brasilianer den ganzen Tag, jede Stunde, Feste feiern.“ Abschließend bemerkte er noch: „Bevor ich hier Trainer wurde, habe ich Figo als Spieler bewundert, jetzt bewundere ich ihn auch als Persönlichkeit.“ Auswechseln wird er ihn heute wahrscheinlich trotzdem.“
Am Grünen Tisch, Deutsche Elf
Mayer-Vorfelder im Interview
Gerhard Mayer-Vorfelder, „der Präsidentendarsteller“ (FAZ) / SZ-Interview mit Gerhard Mayer-Vorfelder / „orientiert sich die Wahl Ottmar Hitzfeld wirklich am Bedarf?“ (SZ) u.v.m.
Egomane Manier
Für Gerhard Mayer-Vorfelder hat Roland Zorn (FAZ 30.6.) viele unfreundliche Worte übrig: „In Almancil wollte der Mann, der zumindest sich selbst als die wichtigste Persönlichkeit im deutschen Fußball ansieht, im Alleingang die Entscheidung reifen lassen: nämlich Ottmar Hitzfeld und nicht den zunächst auch von weitem angeblinzelten Christoph Daum zum neuen Bundestrainer zu küren. „Alleinige Chefsache“ nannte Mayer-Vorfelder sein Unternehmen, das er nahezu herkulisch anzupacken geglaubt hatte. Doch der langjährige Minister des Landes Baden-Württemberg bekam umgehend zu spüren, daß sein Chefbonus aufgebraucht und seine selbstverliebte Attitüde nicht mehr gefragt ist. Schlimmer noch: Mayer-Vorfelder verprellte so gut wie alle, die ihn im Oktober beim DFB-Bundestag in Osnabrück für weitere drei Jahre in seinem Amt bestätigen sollen. Pikiert bis verärgert rümpfen sie nun die Nase über einen Form mit Inhalt verwechselnden Präsidentendarsteller – in der DFB-Zentrale, in der Bundesliga und in der gegenüber Mayer-Vorfelder schon lange skeptischen Öffentlichkeit. Dabei ist der Vorgang an sich – Präsident sucht Trainer – weniger bemerkenswert als die egomane Manier, in der sich der stets Publicity suchende Berufspolitiker von gestern der von ihm so deklarierten Chefsache annahm. Den größten Fauxpas beging der alleinzuständige Mayer-Vorfelder gegenüber seinem bisher loyalsten Mitarbeiter, DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Der Franke steht im DFB seit Jahrzehnten mit unerschütterlicher Seriosität für Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Integrität. Er hätte darüber hinaus auch kraft seines Amtes an der Trainersuche, die sich nicht allein auf das Finden eines geeigneten Nachfolgers für den Teamchef Völler beschränken kann, beteiligt sein müssen. Mayer-Vorfelder aber klammerte Schmidt, dessen Wort DFB-intern gewichtiger als das des auf Zeit gewählten Präsidenten ist, vorsätzlich aus. Befragt, wie enttäuscht er über das von Mayer-Vorfelder gewählte Procedere bei der wichtigsten DFB-Personalentscheidung seit langem sei, sagte Schmidt am Dienstag nur: „Ersparen Sie mir bitte eine Antwort.“ Ohne Schmidts glänzende Vorarbeit säße Mayer-Vorfelder heute vielleicht nicht im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union, aus dem er schon einmal herausgewählt worden ist. Erhöbe sich der Generalsekretär in aller Öffentlichkeit, womit nicht zu rechnen ist, gegen seinen Präsidenten, Mayer-Vorfelder könnte von seinen Wiederwahlsehnsüchten, die er vorsorglich selbst für die Zeit nach 2007 nicht ausschließen mag, heute schon Abschied nehmen.“
Wie viele Tage sind vergangen, seit Rudi Völlers Rücktritt? Acht Tage?
SZ-Interview (30.6.) mit Gerhard Mayer-Vorfelder
SZ: Ihr stilles Vorgehen ist kritisiert worden. DFL-Präsident Werner Hackmann hat Ihnen, im Namen der Bundesligaklubs, eigenmächtiges Verhalten vorgeworfen in einer Frage, die alle angeht.
MV: Diese Aufgeregtheit war unnötig. Sie ist natürlich stark von außen hereingetragen worden, von den Medien. Und was die Bundesliga angeht: Ich habe ein offenes Verhältnis zu den Klubs. Aber es ist doch so: Die Bundesliga hat bestimmte Dinge zu entscheiden – und wir haben bestimmte Dinge zu entscheiden. Es ist in der Satzung des DFB, und in der Geschäftsverteilung des Präsidiums klar geregelt, dass Fragen der Nationalmannschaft und Trainer-Einstellungen die Sache des Präsidenten sind. Die endgültige Entscheidung liegt dann beim DFB-Präsidium, und da sind Herr Hackmann und Wilfried Straub (DFL-Geschäftsführer) eingebunden als Vertreter der Liga. Aber die Gespräche mit dem Kandidaten werden halt von mir geführt. Das ist ein ganz normaler Vorgang, wie in einem Verein.
SZ: In einem Verein weiß zumindest der Präsident, was der Manager macht.
MV: Aber es geht doch keine Delegation von vier, fünf Leuten zu den Verhandlungen. Also: Es war viel Aufregung um nichts, meine ich.
SZ: Warum haben Sie nicht zumindest ein paar maßgebende Leute eingeweiht?
MV: Ich muss ja zunächst mal das Gespräch geführt haben. Dann kann ich erst die Leute unterrichten. Ich kann die ja nicht anrufen und sagen: „Hört mal zu, tut mir schrecklich leid, ich hab den noch nicht gekriegt. Ich hab noch keinen Termin, ich hab noch keinen Flug.“ Außerdem: Wie viele Tage sind vergangen seit Rudi Völlers Rücktritt? Acht Tage?
SZ: Fünf Tage.
MV: Sehen Sie. Ich habe das doch 2000 schon miterlebt. Da passierte genau das Gleiche. Ich habe keine Namen genannt, und es hieß: Chaos.
SZ: Bei Egidius Braun war es 1998 genau umgekehrt: Der hat die Namen aller Kandidaten genannt.
MV (lacht): Und das war auch nicht richtig.
SZ: Wieso haben Sie Sevilla als Ort für das Treffen mit Hitzfeld gewählt?
MV: Das ist einfach aus praktischen Gründen geschehen. Und hat ja auch auf die Qualität der Gespräche keinen Einfluss.
SZ: Sie haben sich mit Hitzfeld im Hotel Alfonso XIII getroffen, das ist das teuerste Hotel in ganz Spanien. Da halten Sie es also wie der FC Bayern München. Der verhandelt mit potenziellen neuen Spielern auch immer nur in den besten Hotels von München.
MV: Also, ich brauche auf den Ottmar keinen Eindruck zu machen über ein schönes Hotelzimmer. Der kennt solche Verhältnisse. Aber es war schon ein adäquates Hotel, keine Frage.
Nur Waffengeklirr auf der Funktionärsebene, vertraute Verschiebestrategien
Thomas Kistner (SZ 30.6.) wünscht sich mehr Sorgfalt bei der Bundestrainer-Suche: „Es verwundert, wie eilig sich die Branche bei der Bundestrainer-Suche auf Ottmar Hitzfeld als Idealbesetzung festlegt. Zwar steht außer Frage, dass der Coach das Gütesiegel A trägt – nur: Orientiert sich diese Wahl wirklich am Bedarf? Wenn es so ist, dass der deutsche Fußball in kürzester Zeit bis 2006 eine neue, deutlich verjüngte Nationalelf präsentieren will, welche die Erbkrankheiten Spielverhinderung und Ergebnisverwaltung überwunden hat, dann braucht es ja einen, der sich darauf versteht, junge Kräfte zu finden und zu formen. In dem Bereich aber hat der große Titelsammler Hitzfeld bisher wenig Kompetenz bewiesen. In Krisenzeiten bei Dortmund und beim FC Bayern wurden ihm sogar Defizite in der Nachwuchspflege vorgeworfen. Und entstammt nicht der einzige aktuelle Hoffnungsträger, Philipp Lahm, Hitzfelds engem Wirkbereich? Der FC Bayern schickte ihn nach Stuttgart, dort wurde Lahm zum Stamm- und Schlüsselspieler. Es fällt auf, dass gar kein Versuch unternommen wird, die Bundestrainer-Frage mit aller fachlichen Ernsthaftigkeit anzugehen. Es gibt keine Personalpolitik, kein Krisenpapier, keine Kontakte. Nur Waffengeklirr auf der Funktionärsebene, vertraute Verschiebestrategien. Womöglich liefe auch eine sorgfältige Sichtung auf Hitzfeld hinaus, dann aber nach Prüfung anderer tauglicher Optionen, von Heynckes bis zum Deutsch sprechenden Elsässer Arsene Wenger.“
Was macht ein Bundestrainer überhaupt den ganzen Tag, Philipp Selldorf (SZ 30.6.)? „In seinen öffentlichen Äußerungen führt Hitzfeld jedes Mal an, dass er vor der Entscheidung seine Frau Beatrix zu Rate ziehen werde, da er ihr versprochen habe, nach 21 Jahren Trainerdasein der Familie mehr Zeit zu widmen. Dafür ist der Posten des Bundestrainers aber gar nicht so ungeeignet. Denn Hitzfeld könnte es halten wie Rudi Völler. Der Teamchef hatte in Leverkusen, wo er auch wohnt, ein Büro eingerichtet und sich dort regelmäßig mit seinem Assistenten Michael Skibbe getroffen. Zwar hat ein Bundestrainer auch noch andere Verpflichtungen, als alle paar Wochen die Nationalmannschaft zu einem Länderspiel zu führen: Er muss den DFB – unter Umständen auch gleich das ganze Land – repräsentieren, er steht ein für die Werbepartner und ideellen Aktionen des Verbandes, und am Wochenende wird er auf den Tribünen der Bundesligastadien zur Begutachtung seiner Kandidaten erwartet. Dazu kommt die Arbeit mit den Medien. Aber all diese Aufgaben kosten insgesamt doch weniger Zeit als die Tätigkeit bei einem Klub, dessen Mannschaft in der Champions League spielt.“
Für Ottmar Hitzfeld ist die Nationalelf die letzte Herausforderung, Joachim Mölter (FR 30.6.): „Es gibt tatsächlich Leute, sogar sportinteressierte, die Ottmar Hitzfeld für einen Schweizer halten, und so abwegig ist das gar nicht. Hitzfeld ist ja vor 55 Jahren in Lörrach geboren worden, direkt an der Grenze zur Schweiz, und jenseits dieser Grenze hat er länger Fußball gespielt und Mannschaften trainiert als hernach in Deutschland. Man hört es immer noch an einem leichten Akzent, an der Art, manche Silben so zu betonen wie es hier zu Lande nicht üblich ist. „Die Schweiz ist auch meine Heimat“, hat Ottmar Hitzfeld einmal gesagt, und in dieser Heimat war er, als ihn vor ein paar Tagen Gerhard Mayer-Vorfelder anrief, und fragte, ob er willens sei, künftig als Bundestrainer die deutsche Nationalmannschaft zu betreuen. (…) Was hätte er denn mit einem Verein auch noch erreichen sollen, was er nicht längst schon gewonnen hat als Trainer? Er war Meister und Pokalsieger in der Schweiz, Meister und Champions-League-Gewinner mit Borussia Dortmund [Sebastian Priggemeier: Stopp, da fehlt doch der BvB-Weltpokalsieg von 1997!], Meister, Pokalsieger, Champions-League-Gewinner und Weltpokalsieger mit dem FC Bayern München, einmal weltweit „Clubtrainer des Jahres“ (1997) und in Deutschland so oft, dass man die Auszeichnung dafür künftig nach ihm benennen könnte. So einem bleibt nur noch die wichtigste Aufgabe im Land, also die Fußball-Nationalmannschaft zu trainieren. Und das ist durchaus bemerkenswert für einen Mann, der sich einst als Schüler nicht traute, Klassensprecher zu werden, wie er in seiner Biografie eingestand: „Dafür hätte ich zu viel Verantwortung übernehmen müssen.“
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