indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 17. Juni 2008

Am Grünen Tisch

Versuchung

Christian Eichler (FAZ) beklagt den Turniermodus, der Frankreich und Italien, aber auch Holland (und eigentlich auch Rumänien) in eine missliche Lage bringe: „Natürlich macht das Zittern und Zagen strauchelnder Favoriten einen der Reize eines solchen Turniers aus. Doch sollte das Scheitern (oder die Angst davor) immer auf einer rein sportlichen Ebene passieren, unter gleichen Voraussetzungen für alle. In dieser Hinsicht hat die Uefa einen Rückschritt gemacht. Denn die beiden Tableau-Hälften der EM sind, wie bei einem großen Tennisturnier, wo ein Federer und ein Nadal sich erst im Finale begegnen können, strikt separiert. Anders als bei früheren Fußballturnieren gibt es keine Kreuzungen der verschiedenen Wege Richtung Finale mehr, mit allen möglichen Kombinationen, sondern nur noch eine gradlinige, trichterförmige Verengung der Pfade bis zum Endspiel. Das sollte Ungleichgewichte im Zeitplan austarieren: verhindern, dass in einem Viertel- oder Halbfinale zwei Teams mit unterschiedlichen Ruhezeiten stehen. Doch führt das nicht nur zu einer Beschränkung reizvoller Kombinationsmöglichkeiten. Vor allem ist dieser Modus auch ein Rückschritt für die Wettkampfgerechtigkeit. Er führt dazu, dass ein Team sich bestimmte Gegner durch eine taktische Niederlage zum Abschluss der Vorrunde als mögliche Halbfinalgegner vom Hals halten kann. Dass die Niederländer in diese Versuchung geraten und eine großartige EM mit einem unsportlichen Beiklang versehen könnten, ist Schuld der Turnierplaner. Dass Italiener und Franzosen dabei die Opfer sein könnten, ist ihre eigene Schuld.“

Eine Anmerkung: Das Problem würde sich übrigens auch mit dem gewohnten Modus stellen, wenn auch in etwas anderer Form. Auch dann könnten die Holländer in die Klemme geraten, sich mit einer Niederlage zwei mutmaßlich starke Konkurrenten vom Leib halten zu können.

Partielle Langeweile

Johannes Aumüller (sueddeutsche.de) fordert, den direkten Vergleich zugunsten der Tordifferenz abzuschaffen: „Selten ist ein großes internationales Turnier mit so wenigen offenen Fragen in den letzten Vorrundenspieltag gegangen. Alle vier Gruppensieger stehen schon fest. Auch zwei Gruppenletzte sind schon fix. Einzig bei den zweiten Plätzen gibt es noch ein paar Fragezeichen. Schuld an dieser partiellen Langeweile ist die Uefa-Regel, dass bei Punktgleichheit nicht das Torverhältnis, sondern der direkte Vergleich zählt. Wenn die Trefferdifferenz noch entscheiden würde, müssten zumindest drei der momentan Gruppenersten (bis auf Holland) noch fürchten, diesen ersten Platz noch zu verlieren, auf Position zwei zurückzufallen und in der Runde der letzten Acht einen stärkeren Gegner zu erwischen. Die Zuschauer, die teilweise viel Geld für ein EM-Spiel bezahlt haben, könnten sicher sein, Mannschaften zu sehen, die alles geben. Natürlich schließt kein Reglement der Welt aus, dass eine Mannschaft schon vor dem letzten Spieltag als Gruppensieger feststehen kann. Doch man muss ja nicht gerade Kriterien fürs Weiterkommen entscheiden lassen, die solch eine Situation in besonderem Maß provozieren.“

Zwei Mini-EMs mit halbiertem Wettbewerbsgedanken

Christof Kneer (SZ) durchdringt den reformierten Spielplan und erörtert Für und Wider: „Zum ersten Mal in der EM-Geschichte hält die Uefa zwei Turnierhälften so strikt voneinander getrennt, dass sie sich erst im Finale begegnen können. Im Grunde beginnen jetzt zwei getrennte Mini-EMs, die erst im Finale zu einem gemeinsamen Turnier zusammengeführt werden, und praktischerweise hat die Uefa ein einleuchtendes Argument gefunden für dieses seltsam kreative Tableau: Bei der EM 2004 wurden die beiden Halbfinalspiele von Teams gewonnen (Portugal, Griechenland), die je zwei Tage mehr Pause hatten als die Verlierer (Holland, Tschechien) – in der Tat eine Art Wettbewerbsverzerrung, die diesmal ausgeschlossen ist. Diesmal aber steckt die Wettbewerbsverzerrung in einem viel zentraleren Bereich des Spielplans, sie berührt den Kern des Turniergedankens, wonach sich idealerweise die beiden besten Teams im Finale treffen sollten. Diesmal aber steht schon vor dem ersten Anpfiff fest, dass eine Elf aus den Gruppen A/B und eine Elf aus den Gruppen C/D das Endspiel bestreiten. Es gibt für jedes Team nicht mehr fünfzehn Gegneroptionen, sondern nur noch acht – der Wettbewerbsgedanke wird sozusagen halbiert. Es liegt im natürlichen Interesse des ausrichtenden Verbandes, die Gastgeberteams so lange wie möglich im Rennen zu halten, und so verrät sich der wahre Kern dieser stillen Reform beim Blick auf die Setzlisten. Die Schweiz und Österreich wurden ja als Gruppenköpfe in die Nachbargruppen A und B platziert – sie haben ihre eigene Mini-EM mit acht Teams spendiert bekommen, was die Chancen erhöht, dass einer von beiden zumindest so weit durchkommt, dass es die Stimmung in den Ländern nicht belastet.“

EM 2008

Blamage vermieden, als Außenseiter ins Viertelfinale

direkter freistoss

Dünne Leistung, lahmes Tempo und wenige Lichtschimmer beim 1:0 gegen Österreich (mehr)

freistoss des tages

EM 2008

Die Türken liegen vor Wien

Christian Eichler (FAZ) flechtet den Türken nach dem 3:2-Sieg gegen die Tschechen einen Kranz: „Wahnsinn, sagen Menschen gern, wenn ein Ereignis ihnen so viele Nervenreize schickt, dass dem Hirn keine genaueren Wörter mehr einfallen. Meistens ist dieser Begriff übertrieben. Aber nicht am Sonntag im Regen von Genf. Fußball-Wahnsinn im Zweiminutentakt. Dabei ist es eigentlich nur eine ganz einfache Geschichte: Herz schlug Hirn. Das kommt nicht mehr so oft vor im modernen Fußball, macht aber immer noch die besten Geschichten. Und wie aus Leidensfähigkeit Leidenschaft entsteht, ist eine Wirkung, die Deutschland 1996 mit vielen Verletzten und heroischen Rekonvaleszenten zum EM-Titel trug – und die nun auch eine türkische Erfolgsgeschichte werden könnte: Muskuläre Krisen beflügeln mentale Kräfte. Denn fünf Mann aus dem EM-Kader fehlten verletzt, darunter Kapitän Emre. (…) Bei dieser weltgeschichtlichen Konstellation durch den Zufall des Spielplans liegen die Schlagzeilen für die kommenden Tage auf der Hand: Die Türken vor Wien. Die Türken vor der Eroberung Europas.“

Tobias Schächter (Berliner Zeitung) macht mit: „Diese türkische Mannschaft hat erneut die landläufigen Vorurteile über türkische Spieler widerlegt. Zum zweiten Mal bei dieser EM haben sie einen Rückstand in einen Sieg verwandelt, nach einem jeweils grauenhaften Beginn und einer jeweils bewundernswerten Aufholjagd.“

Herzliche Übergabe

Christian Kamp (FAZ) bereitet uns auf den Staffelstabwechsel in der Schweiz vor: „Sportlich stimmt die Gesamtbilanz. Jakob Kuhn, der einst so elegante Spieler des FC Zürich, ist statistisch gesehen der erfolgreichste Trainer, den die Schweiz je hatte. Nun kommt also Ottmar Hitzfeld. Er wird seine Freude haben mit jungen und hochbegabten Spielern wie Gökhan Inler, Valon Behrami oder Eren Derdiyok. Und vielleicht gelingt es ihm ja sogar, den Spielern auf dem Weg zur WM 2010 noch etwas mehr Biss und mentale Stärke zu vermitteln. Eines wird es aber gewiss: eine herzliche Übergabe. Sie schätzen sich nämlich sehr, der Gentleman aus Zürich-Wiedikon und der Gentleman aus Lörrach, für den die Schweiz doch die wahre Heimat ist.“

Ottmar Hitzfeld für die Schweiz – ein hörenswerter Podcast der NZZ

Deutsche Elf

Blamage verhindert

Außer dem Ergebnis kann die deutsche Presse dem 1:0-Sieg gegen Österreichs nur in Spurenelementen Gutes abgewinnen / Ein bisschen Applaus gibt es für Michael Ballack, Jens Lehmann und Philipp Lahm / Kritik an der Mut- und Emotionslosigkeit Joachim Löws hält an

Die SZ kann im Moment wenig Gefallen an der deutschen Elf finden: „Das viel beschworene sporthistorische Ereignis blieb aus, dafür war Team Austria einfach zu schwach besetzt auf jeder einzelnen Position, doch in Feierlaune versetzte die deutsche Auswahl mit dem mühselig erstocherten 1:0-Sieg keinen kundigen Fan. Nun wartet Portugal auf die uninspirierte Mannschaft von Joachim Löw, die sich der überwunden geglaubten Rumpelfußball-Ära zu nähern droht. (…) Das Niveau der Begegnung blieb deutlich unterhalb des gefühlten EM-Standards.“

Auch Christian Gödecke (Spiegel Online) springt nicht von seinem Sitz auf: „Die DFB-Elf wirkt wie ein Marathonläufer auf halber Strecke, der sich am Start vorgenommen hat, mit Bestzeit ins Ziel zu laufen – aber plötzlich nur noch die nächste Verpflegungsstation erreichen will. Es scheint, als hätte man sich schon nach dem einen Rückschlag gegen Kroatien für die Dauer des Turniers von einer Philosophie verabschiedet, die seit 2004 als neuer Weg verkauft wurde: dem Gegner das Spiel aufzwingen, mit schnellen, vertikalen Pässen die Abwehr auszuhebeln.“

Bitte weiterrumpeln und Portugal schlagen

Roland Zorn (FAZ) schnauft durch: „Der Albtraum ist nicht eingetreten, und zu umsturzähnlichen Verhältnissen wird es nun auch nicht mehr kommen. Die deutsche Nationalmannschaft ist mit einiger Mühe ihrer Favoritenrolle gerecht geworden. Der Arbeitsplatz von Joachim Löw, um den es Diskussionen gegeben hatte, dürfte wieder so sicher wie vor der Europameisterschaft sein. Souverän sieht zwar anders aus, doch mit viel Kampfeist und wenig spielerischem Glanz kam der dreimalige Europameister beim Kraftakt von Wien über die Runden. Die drohende Blamage ist gegen Österreich verhindert worden – viel mehr Positives aber brachten die Deutschen noch nicht zustande.“

Johannes Aumüller (sueddeutsche.de) spottet: „Deutschland hat sich in diesen ersten drei EM-Spielen zurücküberholt in die Zeit vor Klinsmann, und das ist auf den zweiten Blick eine fantastische Nachricht. Deutschland spielt nicht mehr vertikal und nicht mehr schnell in die Spitze, zumindest deutlich seltener. Deutschland spielt wieder so, wie Deutschland immer gespielt hat. Die Mannschaft läuft, sie kämpft, sie überzeugt defensiv mit ihrer Kopfball- und ihrer Zweikampfstärke, sie gewinnt offensiv die Spiele mit Standardsituationen. Beim Fan stellt sich wieder das klassische Nationalmannschaftsgefühl ein: Man darf wieder ausgiebig über sie meckern und lästern, und jeder C-Liga-Kicker darf mit Ernst in der Stimme von sich behaupten, dass er gegen Österreich mehr Tore erzielt hätte als Mario Gomez. Was soll’s? Die Nationalelf gewinnt trotzdem. (…) Das Fazit: Bitte weiterrumpeln und Portugal schlagen.“

Mangel an Mut

Michael Horeni (FAZ) nimmt weiterhin Joachim Löw in die Mangel: „Die Unentschlossenheit des Bundestrainers, sein Mangel an Mut machte sich diesmal an der Aufstellung fest, die genau eine einzige Änderung vorsah – und auch diese war der Verletzung von Marcell Jansen geschuldet. Löw wollte partout seinen Weg weitergehen, personell und inhaltlich. Aber auch wenn der Einzug ins Viertelfinale glückte, ein Befreiungsschlag für ein unter Druck geratenes Konzept sieht anders aus. Löw gelang es auch gegen die bemühten, aber keineswegs hochklassigen Österreicher nicht, absolute Willensstärke und die letzte körperliche Energie in seinem Team zu wecken. Sein Plan, vorrangig durch taktische Finessen der Konkurrenz voraus zu sein, blieb ein strategischer Fehler. Die großen WM-Stärken Leidenschaft, Kraft und Offensivgeist sind allzu sehr in den Hintergrund getreten. Die von Löw selbst gesetzten Schwerpunkte konnten dies bisher nicht wettmachen. Vielleicht hat der Bundestrainer ja von der Tribüne aus gesehen, dass dieser Weg droht, in die Sackgasse zu führen.“

Jan Christian Müller (FR) befasst sich mit Löws Status im deutschen Fußball: „Noch bleiben Zweifel, noch sind Löw und seine Missionare des modernen Fußballs längst nicht aus dem Schneider. Am Donnerstag wartet ein Gegner, der stark genug erscheint, dem DFB-Team mit verwirrendem Kombinationsfußball die Grenzen zeigen zu können. Bei einem Ausscheiden käme es auch auf die Art und Weise an. Immerhin haben sie unter Löw jetzt schon mehr erreicht als die Mannschaften des Erich Ribbeck 2000 und die des am Ende kraftlosen Rudi Völler 2004. Das ist schon mal ein Fortschritt, zumal parallel dazu ja auch an der Basis positive Entwicklungen unübersehbar sind, der DFB sich unter Präsident Theo Zwanziger modernisiert hat und manche Vereine einige der Ideen aus dem Dunstkreis der Nationalmannschaft übernommen haben. Löw wird auf alle Fälle also eine Spur hinterlassen. Nun muss sich noch zeigen, wie tief diese Spur sein wird.“

Autorität des deutschen Spiels

Philipp Selldorf (SZ) nimmt Michael Ballack unter die Lupe: „Ein Schuss, der schneller flog, als Michael Schumachers Ferrari auf der Geraden raste. Ein Wunder, dass das Netz diesen Ball halten konnte. Dieses Tor war der unveränderliche Stempeldruck, den Ballack dem Spiel gab. Und damit war es nicht mehr so wichtig, dass auch die Partie keines der besten seiner Länderspiele war. Als Ankerpunkt im Offensivdrittel wurde der Kapitän ständig gesucht, aber wie gegen Kroatien setzte ihm regelmäßig ein ganzer Schwarm von Gegenspielern zu. Aus dieser aufdringlichen Nähe des Gegners fand er nur selten zur Freiheit, das deutsche Spiel zu ordnen und zu lenken. Obendrein begleitete ihn das Handicap der Gelben Karte, die er sich gegen Kroatien eingehandelt hat. Dass er Schwierigkeiten hatte, die Balance zwischen Aggressivität und dem Risiko eines harten Fouls zu halten, war nicht zu übersehen.“

Die FAZ ist vom Kapitän sogar umfänglich angetan: „Michael Ballack – ein Anführer wie aus dem Fußball-Bilderbuch. Mit vielen Ballkontakten, obwohl beinahe ausnahmslos in Manndeckung genommen. Unterwarf sich der Forderung des Trainers nach mehr Disziplin und stand anfangs tief im Mittelfeld. Sein wuchtiges Freistoßtor schockte den Gegner. Ganz starke Vorstellung als Autorität des deutschen Spiels.“

Gomez, der Träumer

Weitere Einzelkritik – die SZ erkennt spitzzüngig eine Steigerung bei Jens Lehmann: „Der 38-Jährige wirkte präsenter, jünger: wie 35, allerhöchstens 35½.“ Die FAZ nimmt die Sache ernster: „Lehmann – endlich ein Rückhalt ohne Fehl und Tadel: aufmerksam, zupackend, mit guten Nerven beim Herauslaufen und der Strafraumbeherrschung.“ Über die Abwehr heißt es: „Christoph Metzelder steigerte sich, aber noch zu oft steif und eckig unterwegs. Die Abstimmung mit seinen Neben- und Vorderleuten muss schleunigst besser werden. Arne Friedrich ließ Korkmaz zu viel Raum. Sorgte durch seine Schlafmützigkeit für Schrecksekunden. Philipp Lahm, der Rechtsfuß, wechselte aus taktischen Gründen auf die linke Abwehrseite – wie bei der WM bereitete der ungeliebte Rollentausch dem kleinen Mister Zuverlässig kaum Probleme. Entschied früh viele Zweikämpfe für sich, was eine Portion Selbstvertrauen mit sich brachte.“

Großer Verlierer ist Mario Gomez. Die FR fasst sich angesichts der vergebenen Riesenchance an den Kopf: „Hätte eine Litfaßsäule anstelle von Gomez gestanden, der Ball wäre ins Tor gegangen. Ansonsten: Sehr unglückliche Partie, er wirkt weiter wie ein Fremdkörper. Völlig von der Rolle, kann einem Leid tun.“ Die FAZ nimmt auch kein Blatt vor den Mund: „Mario Gomez: Träumer – der Stuttgarter hat offenbar nur noch seinen Wechsel zu den Bayern oder zum FC Barcelona im Sinn. Bekam aus einem Meter den Ball nicht über die Torlinie. Versuchte den Fehler durch übertriebenen Egoismus gut zu machen – das war eindeutig das falsche Rezept. Fürs Viertelfinale verzichtbar.“ Und die Neue Zürcher Zeitung runzelt mit der Stirn: „Zuletzt waren etliche Gerüchte über das Interesse europäischer Topklubs an ihm kolportiert worden. Nun ist er im Begriff, sich von allen Einkaufslisten zu spielen – sofern sein Name je auf ihnen gestanden hat.“

Montag, 16. Juni 2008

EM 2008

Holland in Ekstase

Ingo Durstewitz (FR) wirft sich den Holländern an den Hals: „Wenn die Holländer die Kugel am Fuß haben, beginnt eine rasante, faszinierende Reise durch die Lehrbücher des Fußballs. Die Elftal fährt atemberaubend schnelle Gegenangriffe, da wird der Ball in höchstem Tempo mit Härte und Präzision nach vorne getrieben. Die Niederländer schwärmen aus wie Hornissen – und stechen gnadenlos zu. an Basten soll die Ideale verkauft haben? Er hat genau das Gegenteil getan. Der holländische Hochgeschwindigkeitsfußball ist ein fast schon epochales Meisterwerk, er erinnert im Jahr 2008 stark an das legendäre 70er-Jahre-Modell namens Totaalvoetbal: verwirrende Kombinationen, überfallartige Konter. Jetzt lebt der Zauber der Vergangenheit neu auf.“

Boris Herrmann (Berliner Zeitung) fügt an: „Hollands Nationalteam hat in den ersten beiden Gruppenspielen insgesamt 7:1 gegen die WM-Finalisten von 2006 gewonnen. Sie haben Italien und Frankreich nicht besiegt, sie haben sie gedemütigt. Die Holländer stürmen, freuen und loben sich bereits wie Europameister. Trainer Marco van Basten steckt nun in einem Dilemma, um das ihn viele Kollegen beneiden. Er muss zusehen, dass seine Spieler Bodenkontakt bewahren, ohne dabei die Euphorie abzuwürgen. Vielleicht ist Euphorie nicht das richtige Wort. Vielleicht muss man Ekstase sagen. In Bern, einer Stadt mit 135.000 Einwohnern, begossen rund 110.000 holländische Fans den überzeugendsten EM-Start der Fußballgeschichte. (…) Alles ist in Bewegung, alles im Fluss. Der Ball wandert wie selbstverständlich durch die Reihen, kaum ein Spieler berührt ihn mehr als ein Mal. Der entscheidende Pass in die Tiefe wird mit Risiko gespielt und kommt trotzdem an.“

Kein Kollektiv, nur Ribéry

Über das Fragment Frankreich schreibt Herrmann: „Immerhin passt die dialektische Rhetorik des Trainers zu den widersprüchlichen Auftritten seiner Mannschaft. Im ersten Spiel schossen die Franzosen nur 1 Mal aufs Tor, die Abwehr stand sicher. Im zweiten Spiel gaben sie 25 Torschüsse ab, von denen 24 daneben gingen. Von einer Abwehr konnte nicht die Rede sein. Nach der Partie gegen Rumänien klagten sie darüber, der Gegner habe zu wenig mitgespielt. Gegen Holland merkten sie, dass es nicht hilft, wenn der Gegner zu viel mitspielt. Raymond Domenech hat es offenbar nicht geschafft, aus zweifellos herausragenden Einzelspielern ein funktionierendes Kollektiv zu formen. Zwanzig Minuten lang mussten sich die Holländer ernsthaft um ihre Punkte sorgen. Es waren keineswegs die zwanzig Minuten von Frankreich, sondern die von Franck Ribéry.“

Süße Gebäckteile und unlautere Geschäfte

Wird Holland absichtlich gegen Rumänien verlieren, um Italien und Frankreich kaltzustellen? Julius Müller-Meiningen (Berliner Zeitung) berichtet von der Angst der Italiener, Opfer des Modus zu werden: „Es steht das Spiel der Spiele bevor, der Weltmeister trifft auf seinen ärgsten Rivalen, den Gegner aus dem WM-Finale 2006. Und doch sprechen sie in Italien nur von Torten, Keksen und Biskuits. ‚Biscotti’, so nennen sich in Italien nicht nur süße Gebäckteile, sondern auch unlautere Geschäfte und unfaire Abmachungen. Anstatt sich also für den Gegner im entscheidenden Gruppenspiel zu interessieren, sind Italiens Tifosi fast ausschließlich damit beschäftigt, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, Opfer eines Komplotts zu werden. (…) Bei der EM 2004 war Italien in derselben Lage, die Mannschaft des damaligen Trainers Giovanni Trapattoni hatte das Weiterkommen vor dem letzten Gruppenspiel nicht mehr in der eigenen Hand. Schweden und Dänemark spielten 2:2, es war das Ergebnis, das beiden Mannschaften die Qualifikation für das Viertelfinale bescherte. Italien besiegte Bulgarien mit 2:1, aber das half nichts mehr.“

EM 2008

Nach Fassung ringend

Nach Fassung ringend

Felix Meininghaus (Spiegel Online) schätzt den Kampfgeist der Türken, 3:2-Sieger gegen Tschechien: „75 Minuten war ihnen kaum etwas gelungen, dann schafften sie eine Wende, von der die Fans in der Heimat noch in vielen Jahren schwärmen werden. Vergleichbares ist selten zu finden. Die Bayern erinnern sich mit großer Pein an das historische Champions-League-Endspiel 1999 in Barcelona, als ihnen Manchester United mit zwei Treffern in der Nachspielzeit den Pokal entriss. Die Tschechen feierten vor vier Jahren bei der EM in Portugal eine unglaubliche Auferstehung, als sie gegen Holland in einem atemberaubenden Vorrundenspiel ein 0:2 in ein 3:2 verwandelten. Nun mussten sie schmerzvoll erfahren, dass es auch umgekehrt laufen kann. Hernach rangen sie alle nach Fassung.“

Morgen mehr dazu

Lohn und Erbe

Christian Kamp (FAZ) gönnt der Schweiz den 2:0-Sieg über Portugal: „Es war am Ende doch noch ein versöhnlicher Abschluss für die Schweiz. Es war zwar kein rauschendes Fußballfest zum Ende dieses für den Mitgastgeber so gedämpft verlaufenen Turniers; dazu saß der Schmerz nach dem frühen Ausscheiden zu tief. Aber immerhin behielt das Team noch den Lohn des ersten Sieges der Schweiz bei einer EM-Endrunde überhaupt zu Hause und bescherte obendrein ihrem scheidenden Trainer noch einmal einen schönen Moment. (…) Ottmar Hitzfeld wird eine intakte Mannschaft mit einer Reihe junger und sehr veranlagter Spieler – allen voran Inler, Behrami und Derdiyok – vorfinden“

Deutsche Elf

Psycho-Vorspiel mit Retro-Elementen

Nicht auszuschließen, dass heute gegen Österreich nicht nur die Viertelfinalqualifikation Deutschlands auf dem Spiel steht, sondern auch Joachim Löws Posten / Das Spiel steht auch unter den Vorzeichen der gemeinsamen Fußballgeschichte; in Österreich versucht man, die Geister von Córdoba zu rufen

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) fährt mit der Hand über die glatte Oberfläche der Nationalmannschaft: „Bierhoff und Löw haben aus dem Fußball eine Wissenschaft gemacht. Sie haben eine gigantische Maschinerie kreiert, die permanente Perfektion suggeriert. Sie inszenieren die Nationalmannschaft als Hightech-Unternehmen, in dem jedes Detail durchgestylt ist. Sie logieren während der EM in einem Fünf-Sterne-Hotel, aber sie haben dieses Hotel natürlich noch optimiert. ‚Wir haben versucht, kleine Inseln zu schaffen und die Räume noch loungiger zu machen’, hat Bierhoff erzählt. Das Problem ist nur, dass das Leben nicht immer eine Lounge ist. Es ist auch mal ein Abstellraum. (…) Alles bei der deutschen Mannschaft ist wichtig und geheim: die Aufstellung, das Training. Die Trainer vermitteln ihrer Mannschaft, dass sie nur das DFB-Trikot anziehen und ihren Stil durchsetzen muss, dann wird alles gut. Doch was, wenn diese Theorie sich als falsch erweist und Löws Team in der Praxis scheitert?“

Michael Ashelm (FAS) mutmaßt, für den Fall des Ausscheidens, über einen Trainerwechsel: „Es steht viel auf dem Spiel. Die vierte Niederlage im 25. Spiel könnte durchaus das Ende für Löw bedeuten. Das wird derzeit zwar von den Führungskräften des DFB bestritten, auch vom Präsidenten Theo Zwanziger. Die Gewalt des Augenblicks hat aber schon in der Vergangenheit einige Trainer nach einem überraschenden Aus bei einer EM zur Aufgabe gezwungen (Derwall, Ribbeck, Völler). Ginge Löw, könnte auch das einst von Klinsmann unter größten Widerständen eingeführte System zur Disposition stehen – personell wie inhaltlich. Und gibt es da nicht noch Matthias Sammer? Von dem wird behauptet, dass er ganz gerne mal Nationaltrainer werden würde. Seine Stelle des Sportdirektors wurde auch geschaffen, um im Fall eines Trainerwechsels eine schnelle Übergangslösung präsentieren zu können. Als enger Freund von Löw und Bierhoff gilt Sammer jedenfalls nicht.“

Den Erwartungen nicht gewachsen?

Christof Kneer (SZ) moniert die Personalstrategie des Bundestrainers: „Im Moment erweckt Löws Kader den Anschein, als wäre er nicht wirklich betriebssicher – was wohl weniger an jenen Kandidaten liegt, die Löw zu Hause gelassen hat (Marin, Helmes, Hilbert). Viel eher fällt ins Gewicht, dass die Mittelfeldformation bisher so streng aufs Flügelspiel ausgerichtet war, dass sich für strategischere Kräfte wie Hitzlsperger, Borowski oder auch Rolfes keine Verwendung fand. Wenn die Halbpositionen gestrichen werden und alle Strategen ausschließlich als Backups für Ballack und Frings taugen, dann fallen weitere Optionen weg – so ist aus einem 23er-Kader ein gefühlter 16er-Kader geworden. Deutschland spielt bisher in Unterzahl.“

Marc Heinrich (FAZ) richtet den Scheinwerfer auf den Kapitän: „Aus dem Zwerg Österreich, der Nummer 92 (!) der Weltrangliste, ist nach zwei Turnierauftritten ohne Sieg und nur einem Tor durch einen unberechtigten Elfmeter ein Alpenriese von der Größe des Großglockner geworden, während die ‚Piefkes’, immerhin dreimal Weltmeister, zu einem Pimpfen geschrumpft scheinen. Gerade Ballack ist gefordert, dass dieser Spuk schleunigst ein Ende hat. Ein Vorrunden-Aus wäre fürs zuletzt blendende Image des erfahrenen Nationalspielers nicht unbedingt förderlich. Immer wieder musste sich Ballack im Verlauf seiner Karriere von seinen Kritikern den Vorwurf gefallen lassen, in entscheidenden Situationen den Erwartungen nicht gewachsen zu sein.“

Roland Zorn (FAZ) dekliniert die Ausgangslage für beide Mannschaften: „Qualitativ sind die Deutschen den Österreichern in allen Mannschaftsteilen voraus, doch was heißt das schon in dieser Situation? Österreich gibt sich locker vor der Begegnung mit dem großen Bruder, der sich auf einen heißblütigen Empfang im Ernst-Happel-Stadion gefasst machen muss. Die Deutschen erlauben sich mit grimmig entschlossenen Mienen nicht den leisesten Zweifel daran, dass sie sowieso die Besseren seien. Das Psycho-Vorspiel mit Retro-Elementen ist schrill, laut und ideal geeignet, diesen Krimi unter Nachbarn atmosphärisch aufzuladen. Das Publikum zum Bersten gespannt, die Hauptdarsteller bis zum Äußersten gefordert: Mögen sie ihr Spiel machen, über welches die Fußballgeschichte danach urteilen wird. ‚Wunder von Wien’, das klingt wie Johann-Strauß-Musik in den Ohren der Österreicher; Favoritensieg, das klingt nur nach Normalität, wäre den Deutschen aber ganz recht auf dem Weg zu den eigentlichen Euro-Gipfeln, die vom Viertelfinale an auf sie warten.“

An Sindelar kommt niemand vorbei

Dirk Schümer (FAZ) danken wir, dass er nicht dreißig, sondern siebzig Jahre zurückblickt und dass er historische Einordnungen zurechtrückt: „Vor siebzig Jahren hat das eigentliche Jahrhundertduell Deutschland-Österreich stattgefunden: ein Spiel für die Geschichte. Am 3. April 1938 mussten auf Befehl der NSDAP-Sportführung die soeben eingemeindeten ‚Ostmärker’ gegen eine ‚reichsdeutsche’ Auswahl zum ‚Anschlussspiel’ auflaufen. Der legendäre Kapitän Mathias Sindelar, den sie wegen seiner körperkontaktlosen Spielweise ‚den Papierenen’ nannten, hatte bewusst rotweißrote Trikots besorgt. Der Mann aus dem Arbeiterviertel Favoriten vergab absichtlich Chancen gegen die tapsigen Deutschen im Dutzend, schob nach drückender Überlegenheit einen Abstauber lässig ins Tor und vollführte danach vor der NS-Ehrentribüne einen provokanten Freudentanz. Am Ende besorgte der Linksverteidiger Karl Sesta, der in der Halbzeitpause manchmal auch als Ringer auftrat und als erfolgreicher Sänger von Wiener Liedern glänzte, mit einem Treffer von der Mittellinie den Reichsdeutschen den Rest. Österreich gab es völkerrechtlich nicht mehr, aber sportlich hatte es sich noch einmal rotweißrot behauptet. Darum irrt Edi Finger 1978 mit seinen Schlussworten: Der letzte und wichtigste Sieg Österreichs gegen den mächtigen Nachbarn lag damals nicht 47 Jahre zurück, sondern hatte 1938 stattgefunden, in Wien und unter dem Missmut Hitlerdeutschlands. Was immer heute dort auch passiert – an Sindelar kommt niemand vorbei.“

Waffen- und Gesinnungsbrüder

Wolfgang Hettfleisch (FR) erinnert an ein weiteres Kapitel deutsch-österreichischer Fußballgeschichte: „Diese 1978 wiederentdeckte Gewissheit der Österreicher wurde lange von der ‚Schmach von Gijon’ überschattet – jenem fatalen Nichtangriffpakt zwischen den Auswahlteams beider Länder bei der WM 1982 in Spanien. Da waren sie wieder, die großdeutschen Vettern, als Komplizen eines üblen Wettbewerbsbetrugs zu Lasten der formidabel spielenden Algerier. Die alten Schicksals- und Bundesgenossen. Die Waffen- und Gesinnungsbrüder. Aber auch das Skandalspiel von Gijon ist mehr als ein Vierteljahrhundert her. Und zumindest das politische Österreich ist ja berühmt für sein selektives Erinnerungsvermögen. Die Fans der Gastgeber-Elf werden also frohgemut ‚Córdoba, Córdoba’ rufen. Sie werden hoffen, dass die Piefkes stolpern, und feixen, falls es so kommt. Auch wenn mancher Deutsche es vielleicht nicht gern hört: Das klingt nach einem durch und durch gesunden nachbarschaftlichen Verhältnis.“

Die FAZ hat einen Ausschnitt aus Ror Wolfs Radio—Cordoba-Collage veröffentlicht.

Samstag, 14. Juni 2008

EM 2008

Schnell im Umschalten, unberechenbar in der Spielanlage

Holland watscht Frankreich 4:1 ab und ist nun erster Favorit auf den Titel / Italien untypisch: offensiv und abwehrschwach

Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) ist begeistert von den Holländern, gibt aber zu bedenken: „Wenn dem Sieg des souveränen Siegers der Gruppe C ein kleiner Makel anhaftet, dann dieser: Der Ertrag fiel zu hoch aus, und er verleitet womöglich – zusammen mit der Vorgabe aus dem Italien-Spiel – zu übertriebenen Schlüssen. Denn haushoch überlegen waren die Niederländer nicht. Aber sie spielten wiederum so effizient, wie es effizienter nicht geht. Sie waren schnell im Umschalten, unberechenbar in der Spielanlage. Was indes am meisten frappiert, ist die Mischung im Team. Zu den rustikalen Spielertypen in der Defensive, die den Zweikampf und den gegnerischen Körper nicht scheuen, gesellen sich wieselflinke Offensivkräfte, die innert Tagen die gerühmten Verteidigungen des Weltmeisters und des Vizeweltmeisters zerlegten. Das ist allerhand.“

Christian Eichler (FAZ) teilt mit, dass Frankreich und Italien nun vom Wohlwollen Hollands abhängen: „Die Niederländer haben dank des neu- und eigenartigen Modus dieses Turniers den Luxus, sich einen möglichen Halbfinalgegner praktisch auszusuchen. Von vielen französischen Zeugen im Stade de Suisse ging eine resignative Grundstimmung aus – ‚die Holländer werden nun Rumänien gewinnen lassen, und wir sind raus’, hörte man allenthalben. Tatsächlich könnte Marco van Basten versucht sein, im letzten Spiel die zweite Garnitur auflaufen zu lassen, im Bewusstsein, dass eine Niederlage den Gruppensieg nicht mehr gefährden kann, im Gegenteil aber, zugunsten der Rumänen, Frankreich und Italien aus dem Turnier werfen würde. Und in dem kann Holland im Halbfinale, weil es im EM-Modus keine Überkreuz-Kombinationen der beiden Tableau-Hälften mehr gibt, auf einen seiner Gruppengegner wiedertreffen. Da wäre Rumänien vielleicht die angenehmere Wahl als Italien oder Frankreich. Die beiden WM-Finalisten können, unabhängig vom Ergebnis ihres abschließenden Spiels, jetzt nur auf die Sportlichkeit des Oranje-Teams hoffen.“

Hinreißend angreifend

Christoph Biermann (Spiegel Online) findet fast Gefallen an den Italienern: „Nach der sympathisch unitalienischen Leistung kann man auch auf mildernde Umstände plädieren. Denn die Italiener spielten zwar mit wenig Verstand, dafür aber zeigten sie viel Herz. Von ihrer herausragenden Klasse bei der WM, der perfekten taktischen Ordnung und dem cleveren Spiel, das sie vor zwei Jahren zeigten, sind sie derzeit so weit entfernt wie die Lega Nord von einem Wahlsieg in Sizilien. Und doch machte es Spaß, ihnen zuzuschauen. Unermüdlich spielten sie dort nach vorne.“

Christian Kamp (FAZ) ergänzt: „Der Eindruck aus dem Holland-Spiel blieb: Mit der Abwehr von 2006, die während des ganzen WM-Turniers nur zwei Treffer zugelassen hatte, ist dieses wackelige Gebilde nicht mehr zu vergleichen. Aber wer braucht schon Catenaccio, wenn das neue Italien unter Donadoni doch so hinreißend angreifen kann?“

Claudio Catuogno (SZ) hält den Italienern Eindimensionalität vor: „1,93 Meter ist Luca Toni groß, ihm eine Flanke nach der nächsten in Richtung Stirn zu zwirbeln, ist ein probates Mittel. Dass es fast das einzige war, das den Italienern einfiel, verwundert allerdings. Beim FC Bayern schießen sie Toni den Ball gelegentlich auch mal scharf in den Fuß, solche Pässe kann er unnachahmlich verwerten. Oder Franck Ribéry schickt den großen Italiener per Steilpass in die Spitze – zwei, drei Bewegungen mit dem Fußgelenk und der Ball ist im Tor. Gegen Rumänien winkte Luca Toni immer schon mit dem Arm, wenn ein Italiener den Ball über die Mittellinie führte. Ein bisschen wirkte das, als würde man einen Leuchtturm mit dem Schriftzug ‚Hier ist der Leuchtturm’ versehen. Die Italiener scheinen bei dieser EM das Erfolgsrezept des FC Bayern kopieren zu wollen (‚Alle Bälle zu Toni’), nur gelingt ihnen das bisher nicht.“

Deutsche Elf

Unter Löw ist Selbstzufriedenheit in den deutschen Fußball zurückgekehrt

Der deutsche Bundestrainer steht nach dem 1:2 gegen Kroatien plötzlich und sehr unerwartet fast nackt da. Selbst in der seriösen Presse kommen Zweifel an ihm auf, und DFB-Präsident Theo Zwanziger fühlt sich zu einem Treuebekunden gedrängt – was immer auch ein schlechtes Zeichen ist. Die Kritik der Journalisten ist hart und trifft wunde Punkte

Philipp Selldorf (SZ) hält Löw falsche Personalpolitik und, wenn auch leise, Hochmut vor: „Joachim Löw und seine Crew, in der als Propagandist des Systems auch Oliver Bierhoff eine wichtige Rolle hat, hatten vermittelt, dass sie über dem Alltag und über den Dingen stehen und jenseits der realen Gegebenheiten eigene Regeln setzen. Man kann das am deutschen Aufgebot ablesen, in dem etliche Spieler stehen, die sich im Laufe ihrer Saison eher für eine Sommerfrische im Sanatorium als für das große Europa-Turnier qualifiziert haben. Sie zu berufen, beruhte weniger auf der Not des schmalen personellen Angebots als auf dem unbedingten Glauben, es besser zu machen als die Klubs mit ihren rüden Methoden und ignoranten Auffassungen. In der Führung des Nationalteams herrscht die ideologische Überzeugung, fußballerische Patienten heilen zu können, an denen die gewöhnlichen Koryphäen verzweifeln. Dieses wunschgeleitete Denken führt dazu, dass sportliche Kriterien, die überall auf der Welt anerkannt sind, von den DFB-Leuten für ungültig erklärt wurden. Ihnen wurde signalisiert: ‚Im Nationalteam gelten eigene Maßstäbe.’ So ist es jedoch nicht, weshalb diese Mannschaft und ihr Trainer Löw mit seinem philanthropischen Konzept an jenem Punkt angelangt sind, der das einfachste Prinzip des Fußballs markiert: Theorie trifft Praxis, Verlieren bedeutet Scheitern.“

Jan Christian Müller (FR) hofft nicht, dass das Spiel gegen Österreich das letzte für Löw sein wird, kann es aber nicht ausschließen: „Ein Aus in der schwächsten EM-Vorrundengruppe würde eine Fortführung seiner so angenehm unaufgeregten und professionellen Arbeit nur sehr, sehr schwer möglich machen. Er hätte ja seine eigene Messlatte um Längen unterquert. Das würde er sich vermutlich selbst am wenigsten verzeihen. Löw steht am Scheideweg. Es wäre gut für ihn und für den deutschen Fußball, wenn er die richtige Richtung nähme.“

Selbstzufriedenheit ist zurückgekehrt

Michael Horeni (FAZ) nennt das, was Löw zu Klinsmann fehle und schildert die Folgen: „Das 1:2 gegen Kroatien wurde für Löw zu seiner bittersten Lehrstunde als Bundestrainer. Taktisch fand seine Mannschaft nie ein geeignetes Mittel gegen das variable Mittelfeld- und Angriffsspiel der Kroaten. Taktik können eben auch andere – und so wurde auf erschreckende Weise der Mangel an den anderen Klinsmann-Komponenten deutlich: Emotion, Leidenschaft und – auch das – Disziplin. Die mit Rot bestrafte Unbeherrschtheit Schweinsteigers und dessen anschließendes Vogel-Zeigen gegen die Kroaten war mehr als nur ein Fingerzeig auf eine Leerstelle im System Löw. Wie eine Mannschaft innerhalb von vier Tagen nach einem starken Auftritt gegen Polen einen solchen Absturz erleben kann, ist eben nicht nur einer taktischen Fehlleistung allein geschuldet. Dafür war das Versagen des deutschen Teams zu komplett. Es ist dem Trainer und dem Team nicht gelungen, in dem Moment, als sich das taktische Werkzeug als unbrauchbar herausstellte, alle Kräfte zu mobilisieren. Die Selbstzufriedenheit im deutschen Fußball, der Klinsmann einst konsequent den Kampf angesagt hatte, kehrte schon in den vergangenen Monaten zurück, anfangs nahezu unmerklich. Gegen Kroatien war der Mangel an Leidenschaft und unerschütterlichem Siegeswillen nicht mehr zu übersehen. (…) Auch wenn Löw seine Finger in die Steckdose steckt, wird aus ihm kein Klinsmann. Der Bundestrainer muss jetzt seinen eigenen Weg finden. Das wird die schwierigste Aufgabe seiner Amtszeit.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) fragt despektierlich: „Ist die Mannschaft eine Ansammlung von Mechanikern, die immer dann an ihre Grenzen stößt, sobald der Gegner etwas tut, was nicht im Dossier von Joachim Löw enthalten ist?“

Auf unsicheren Boden gebaut

Christof Kneer (SZ) notiert rügend ins Klassenheft, dass Löw nicht alle Hausaufgaben gemacht habe: „Immerhin kam Christoph Metzelder nach zwei Standardsituationen halbwegs aussichtsreich zum Abschluss. Dennoch ist längst nicht mehr zu übersehen, dass im Handwerkskasten dieser Elf ein paar banale Werkzeuge fehlen: der scharfgeschliffene Seitenfreistoß, der kunstvolle Eckball oder die überraschende Freistoßvariante. Nichts davon hat die Elf aus dem Häßler-Littbarski-und-Brehme-Land im Repertoire, und das Spiel gegen Kroatien hat alle jene Kritiker bestätigt, die das bei allen unbestreitbaren Verdiensten des Trainerstabs inzwischen fast für unterlassene Hilfeleistung halten – zumal die DFB-Elf über kopfballstarke Spieler wie Ballack, Gomez, Klose, Mertesacker und Metzelder verfügt. Mit Klinsmann hat Löw den deutschen Fußball vom Kopf auf die Füße gestellt, das ist ebenso lobenswert wie wahr, und er hat dieser Elf erst mal so viel Grundsätzliches über Fußball beibringen müssen, dass für Standards am Ende oft kein Platz mehr geblieben ist. Immer war im Training anderes wichtiger, aber manchmal hat man auch den Eindruck gewinnen können, dass die Standardsituation für Löws Akademikerstab auch etwas streng riecht – geht es nach Siegenthaler und Co., dann soll die Mannschaft am liebsten nur gewaltlose Tore herauskombinieren, während die Standards eher als Tore des kleinen Mannes gelten. Nun aber, da die Spiele und die Gegner größer werden, könnten die Deutschen auch kleine Tore ziemlich gut gebrauchen.“

Selldorf rät Löw zudem, seine Abwehrformationen zu überdenken, inklusive Torwart: „Ein Torwartwechsel, sogar über diese nach den historischen Erfahrungen beispiellose Variante ließe sich diskutieren. Lehmann hatte das 0:1 nicht verhindern können, und vor dem 0:2 hätten auch viele andere Torhüter arge Probleme gehabt gegen den umherirrenden Schuss von Rakitic. Das Problem ist, dass Lehmann Angst und Schrecken verbreitet – allerdings bei den Mitspielern. Dabei geht es aber nicht um vorüberziehende Momente, sondern um 90 Minuten Gegenwart. Jens Lehmann strahlt einfach nicht die Sicherheit und die Zuverlässigkeit aus, die diese fragile Deckung benötigt. Doch einen Wechsel will Löw nicht wagen, vielleicht scheut er auch den Wirbel, den er damit verursachen würde. Er setzt auf Lehmanns Rang und Erfahrung und dessen einstudierte Rolle im Abwehrverbund. Wie Lehmann war auch Metzelder nicht der Schuldige der Niederlage, aber wie Lehmann war er ein Grund für den ständigen kritischen Zustand der Defensive. Einmal gelang ihm ein aufsehenerregendes Tackling gegen den schnellen Olic, da war etwas zu erkennen von seiner Pünktlichkeit in heiklen Momenten und seiner Präzision, aber vorausgegangen war ein verlorenes Laufduell. Auf Metzelder das Abwehrkonzept zu gründen heißt, unverändert auf unsicherem Boden zu bauen. Ihm fehlen Tempo, Antritt und die physische Durchsetzungskraft gegen Gegner, die sich so leidenschaftlich engagieren wie die Kroaten. In dieser schwierigen Lage glückt auch das bewährte, bei der WM 2006 sogar fast perfekte Zusammenspiel mit Per Mertesacker nicht.“

Persönliches Desaster?

Auch mit dem rotgesperrten Ersatzspieler Bastian Schweinsteiger befasst sich Horeni: „Im Moment der größten Unsicherheit ist Schweinsteiger der große Verlierer in der Mannschaft. Der Platzverweis von Klagenfurt symbolisiert den Tiefpunkt einer Karriere – vom Pop-Prinzen des Sommermärchens zum Sünder ohne Rückhalt. Diese Europameisterschaft könnte für Schweinsteiger in einem persönlichen Desaster enden. Er ist nahe dran. Seit Wochen spricht er nicht mehr in der Öffentlichkeit, hat sich zurückgezogen. Eine Rückkehr in dieses Turnier? Vielleicht mit einem entscheidenden Tor? Das wäre die perfekte Heldengeschichte eines Comeback-Stars. Aber dafür müsste die deutsche Elf erst einmal die Österreich-Hürde überwinden.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) ergänzt: „Selten ist ein Nationalspieler in der jüngeren Vergangenheit von seinen Kollegen und von der Teamleitung so scharf kritisiert worden wie Schweinsteiger nach seinem Platzverweis.“

Meister der Leidenschaft

Michael Ashelm (FAZ) weist uns und (vor allem) den deutschen Bundestrainer auf die Lebendigkeit Slaven Bilic’ hin: „Er ist ein Meister der Inszenierung – und ein Meister des Taktierens. Mit dem cleveren 2:1-Sieg haben sich die Kroaten nicht nur bis zum Beweis des Gegenteils in den erlauchten Kreis der Titelkandidaten gespielt, sondern gleichzeitig vorgeführt, welche Bedeutung Leidenschaft noch haben kann im modernen, vom Erfüllungsgedanken geprägten Fußball. Bilic – ein Fußballverführer, ein Typ für die großen Momente. (…) Bei den großen Siegern des Abends sorgte das 2:1 nicht nur für Freude über eine schöne sportliche Erfahrung. Wenn Kroatien Fußball spielt, dann zählt auch der Patriotismus – ähnlich dem deutschen Fußballgefühl bei der WM vor zwei Jahren im eigenen Lande unter Klinsmann. Bilic hat die alten Leidenschaften Fußball-Kroatiens geweckt. Auf seine unnachahmliche Art lebt er seinen Spielern dies vor. Während Löw eine defensive Körpersprache zeigte, war Bilic kaum zu halten auf der Bank.“

Freitag, 13. Juni 2008

EM 2008

Mit dem Rücken zur Wand

Birgit Schönau (SZ) möchte Roberto Donadoni vor dem Spiel gegen Rumänien aus Schwitzkasten der italienischen Öffentlichkeit befreien: „Noch nie ist ein Nationaltrainer während eines Turniers derart offen, derart schroff kritisiert worden. Und wenn tatsächlich die Chemie nicht stimmt zwischen Donadoni und seinen Spielern, so sind die weiteren Aussichten für den Verbleib beim Turnier tatsächlich düster. Nur halbherzig unterstützt von einem Verband, der im Falle frühzeitigen Ausscheidens schon Marcello Lippi ante portas weiß und Donadoni über Monate auf dessen Vertrag warten ließ, mit der Presse und der halben Mannschaft gegen sich, steht der Trainer mit dem Rücken zur Wand. Die Formation gegen Rumänien wird ihm von allen Seiten diktiert, auch der unvermeidliche Regierungschef Silvio Berlusconi hat Donadoni angerufen (Inhalt Staatsgeheimnis), doch Ruhe bleibt für den Nationaltrainer die erste Bürgerpflicht. Nirgends werden so schnell und so gnadenlos Helden und Verlierer geschaffen wie in Italien. Der früherer Milan-Profi und Nationalspieler Donadoni weiß das sehr gut. Falls sein Team das nächste Match übersteht, wird der Frust sofort in Begeisterung umschlagen.“

Leuchtturm, der den Jungspunden den Weg zum Tor weist

Raphael Honigstein (taz) erläutert die holländische Fußballreform an einer Personalie: „Van Basten hat den orangenen Fußball ideologisch entrümpelt, und ein wichtiger Grund für den Erfolg ist, dass der als Sturkopf verschriene Europameister von 1988 zuerst im eigenen Kopf mit den Aufräumarbeiten angefangen hat. Als Absolvent der Ajax-Schule konnte er früher mit nicht ganz so künstlerisch veranlagten Spielertypen wenig anfangen. Mark van Bommel hatte bei ihm keine echte Chance, genauso wie Clarence Seedorf. Sogar mit Ruud van Nistelrooy, dem treffsichersten Holländer seiner Generation, überwarf er sich nach der WM. Van Nistelrooys Schicksal war typisch für die Obsessionen des holländischen Fußballs. Tore allein waren nie genug. Vom Establishment wurde der Sohn eines Heizungsmechanikers wegen seinen vergleichsweise schlichten technischen Fähigkeiten nie ganz für voll genommen. Aus Nordbrabant, seiner Region, kamen nach landläufiger Meinung gute Fahrradfahrer, aber keine echten Kicker. 150 Tore in fünf Jahren bei Manchester United bestätigten, man glaubt es kaum, die Vorurteile: Van Nistelrooy hatte 149 davon im gegnerischen Strafraum erzielt, mit staubtrockener Nüchternheit. Van Basten war von Nistelrooys Vorbild, aber er spielt ja ganz anders. Er ist ein Torjäger, ein Opportunist. Keiner dieser Zauberer, der mit dem Ball am Fuß die Gegner stehen lässt. Bei der EM in Portugal, als es in ganz Europa keinen besseren Stürmer gab, sangen die orangenen Scharen nicht seinen Namen, sondern den des eleganteren, aber längst der eigenen Dekadenz zum Opfer gefallenen Flaneurs Patrick Kluivert. Es dauerte ein paar Monate bis van Basten seinen Irrtum erkannte, nach einigen Telefonaten kam von Nistelrooy wieder zurück in den Kader. Man spürt, dass dem 31-Jährigen nach einer Sprunggelenksverletzung ein wenig die Antrittschnelligkeit fehlt, doch van Basten braucht ihn in erster Linie als Leuchtturm, der den ständig rotierenden Jungspunden im offensiven Mittelfeld den Weg zum Tor weist.“

EM 2008

An der ersten Kreuzung falsch abgebogen

Ihrer Mannschaft mangelt es an Widerstandskräften, doch die Schweiz wird trotz des Ausscheidens ein guter Gastgeber bleiben / Portugals Deco glänzt im Schatten Ronaldos

Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) macht das mangelhafte Immunsystem für das Schweizer Ausscheiden verantwortlich: „Die Schweizer Fußballer sind wieder dort, wo sie in der Vergangenheit so oft schon waren. Es ist ein Rückfall in ein Raster, aus dem der Ausbruch gelungen schien: An dieser Euro blieben sie gefangen in ehrenvollen Niederlagen. Die bloßen Resultate gegen Tschechien und die Türkei spiegeln zwar den ‚worst case’, doch jedes Ergebnis hat seine Geschichte, und darin übernahmen die Schweizer eine achtbare Rolle. Sie spielten gut, so gut es angesichts der nachteiligen Begleitumstände eben ging. Sie mussten wiederholt erfahren, dass Details entscheiden und dass sie Unerwartetes viel schlechter abfedern können als andere, deren Fundament breiter ist. Die Pufferzone zur Dämpfung unvorhergesehener Zwischenfälle ist bei den Schweizern schmal. Wenn vieles gegen sie und wenig für sie läuft, können sie nicht angemessen reagieren. In anderen Teams lassen sich Baugruben zuschütten. In der Schweiz nicht.“

Boris Herrmann (Berliner Zeitung) stellt klar: „Es stimmt, dass die Schweizer Mannschaft bei ihrem Heimspiel ein wenig vom Schicksal im Stich gelassen wurde. Erst erkrankte die Frau von Köbi Kuhn, dann riss das Innenband von Kapitän Alexander Frei, dann übersah der Schiedsrichter ein Handspiel des Tschechen Ujfalusi. Es stimmt aber auch, dass dieses Pech nicht über die spielerischen Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen kann. (…) Die schweizerische Mannschaft der EM 2008 war nie so gut wie sie sich selbst gesehen hat.“

Claudio Catuogno (SZ) ergänzt: „Wahrscheinlich hat sich die Schweiz auch deshalb als erstes Team aus ihrem eigenen Turnier verabschiedet, weil alles einen Tick zu rührend geriet in ihren Bemühungen um internationale Konkurrenzfähigkeit. Jetzt, wo sie vorzeitig vorbei ist, wirkt Kuhns Mission wie ein misslungener Familienausflug in eine große Stadt: Man hat eine Landkarte dabei und sich die vermeintlich beste Route angestrichen, aber dann ist man gleich an der ersten Kreuzung falsch abgebogen.“

Sie werden gute Gastgeber sein

Felix Meininghaus (Financial Times Deutschland) berichtet von der Schweizer Selbstbeherrschung: „Wer nach dem 1:2 gegen die Türken auf der Suche nach dramatischen Bildern von vor Verzweiflung hemmungslos schluchzenden Menschen war, wurde enttäuscht. Fußball ist und bleibt für die Schweizer ein rein sportlich besetztes Vergnügen, zum großen Theater mit epischer Inszenierung taugen die Eidgenossen nicht. Schon gar nicht zu einem zur Schau getragenen Nationalismus mit chauvinistischen Zügen, wie er bei anderen Nationen immer wieder durchbricht. Der Schweizer pflegt zu viel Distanz zum Geschehen, um sich von solchen Emotionen mitreißen zu lassen. Ab sofort kann die Schweiz die EM mit der Haltung beobachten, die sie am besten beherrscht: neutral.“

Christian Kamp (FAZ) stimmt goutierend ein: „Man darf nicht glauben, dass ein ganzes Land in Depression verfällt, nur weil seine Fußballmannschaft aus einem großen Turnier ausgeschieden ist – auf welch schicksalhafte Art auch immer. In der Gelassenheit auch in der Niederlage unterscheiden sich die Schweizer wohltuend von den Nachbarn, die sie umgeben. Sie werden, daran gibt es keinen Zweifel, bis zum Ende gute Gastgeber sein.“

Über das Spiel gegen die Türken heißt es bei ihm: „Es waren nicht die schweizerisch-türkischen Fußball-Ressentiments infolge der Prügeleien von Istanbul im November 2005, die diesem Abend sein unvergleichliches Gesicht gaben – im Gegenteil, es ging angesichts der Bedingungen sogar ausgesprochen fair und respektvoll zu. Die speziellen Bedingungen, das waren vor allem die gewaltigen Regenschauer, die ein kontrolliertes Spiel fast die ganze erste Halbzeit lang unmöglich machten. Ein Spielabbruch schien jederzeit möglich. Und die Entscheidung des erfahrenen Schiedsrichters Lubos Michel, das Spiel fortzusetzen, wäre mit Sicherheit ein Thema geworden, hätte die Schweiz den Platz als Sieger verlassen.“

Meisterwerk

Christian Eichler (FAZ) richtet den Schweinwerfer auf Portugals Deco: „Ronaldo ist die große optische Täuschung des Teams von Portugal. Denn wer zu lange auf ihn schaut, und das tun viele, übersieht einen anderen, übersieht Deco. Ronaldo tut die Dinge, die man von ihm kennt, sie sind oft vorhersehbar und trotzdem meist nicht zu verhindern. Deco ist das Gegenteil von Ronaldo. Was er tut, sieht immer so aus, als wäre es zu verhindern. Aber es ist fast nie vorhersehbar. Deco wirkt stets etwas lauffaul, doch die Statistik zeigt etwas anderes, mit über elf Kilometern hatte Deco das größte Pensum seiner Elf – kaum Spurts, aber eine kontinuierliche Beweglichkeit, die ihn anspielbar macht. Und so hatte er sich in der entscheidenden Spielszene am rechten Flügel freigejoggt, erhielt den Ball, kontrollierte ihn augenblicklich, ohne hinschauen zu müssen, taxierte die Spielsituation – und spielte dann mit dem Außenrist einen Pass zwischen vier Tschechen hindurch auf den heranjagenden Ronaldo, nein: auf den Innenspann des rechten Fußes des heranjagenden Ronaldo, einen Pass, der nur exakt mit dieser Richtung, diesem Tempo, diesem Timing und dieser perfekt flachen Bahn gespielt werden konnte, um zum Treffer zu führen. Ein Meisterwerk. Ein Pass wie ein Putt über fünfzehn Meter mitten ins Loch – nur dass er anders als beim Golf unter Zeitdruck binnen Sekundenbruchteilen ausgedacht und ausgeführt werden musste.“

EM 2008

Doping für Österreichs Kicker

Beim 1:1 gegen Polen erlebt Klaus Hoeltzenbein (SZ) eine durch die deutsche Niederlage beschwingte österreichische Elf: „Alle Zweifel, Ängste und Beschwörungen waren hinfällig, als die Nachricht amtlich war: Die Deutschen hatten gegen die Kroaten verloren, und damit waren all die Wiener Untergangsszenarien, die zuvor mit Inbrunst und Begriffen wie Schicksalsspiel, Alles-oder-Nichts-Duell, Entweder-oder-Abend entwickelt worden waren, hinfällig geworden. Denn was kann es Schöneres geben bei einer EM, als schon vor Anpfiff des Duells mit Polen zu wissen, dass dieses zweite Gruppenspiel ganz bestimmt noch nicht das letzte sein wird. Dass man in jedem Ergebnisfall ein Endspiel bekommt um den Aufstieg ins Viertelfinale, nicht gegen Irgendwen aus Irgendwo, sondern gegen die Deutschen, den Nachbarn, mit dem man sich am allerliebsten balgt. Von der ersten Minute hatte man den Eindruck, dass es sich bei der Nachricht aus Klagenfurt um (erlaubtes) Doping für Österreichs so oft und viel gescholtene Kicker handelte. Wie erlöst legten sie los, befreit von der Angst des frühen Scheiterns. Nach 22 Minuten hätte es bereits 4:0 stehen können in diesem aufgeheizten Stimmungskessel.“

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