Dienstag, 11. September 2007
Vermischtes
Niemand vermisst McBerti
FAZ: Rückkehrer Podolski sucht den Anschluss in der Nationalelf und in München
BLZ: Der Musterschüler – Thomas Hitzlsperger, einst nur für gute Laune zuständig, wird in der Nationalelf unersetzlich
Welt: Der Aufschwung im rumänischen Fußball ist in vollem Gange, dabei lassen die resolute Klubeigner mit ihren Millionen den Fair-Play-Gedanken zuweilen vermissen; in der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa hat in den vergangenen Jahren kaum eine Nation mehr Punkte geholt
BLZ: Dubiose Neureiche prägen Rumäniens Klubfußball
NZZ: Englands Coach Steve McClaren vor dem Russland-Match im Dilemma
NZZ: Spanien nach Remis gegen Island unter Druck / Hoffnung Portugals
NZZ: Andrej Schewtschenkos Leiden – gibt der ehemalige Milan-Star Italien den Gnadenstoß?
NZZ: Finnlands ewiger Traum lebt noch – Roy Hodgson strebt mit alten Tugenden den Exploit gegen Polen an
NZZ: Japan vor einer Neuorientierung
Welt: McBerti vermisst in Schottland niemand
NZZ: Offerte über 20 Millionen Euro für den deutschen Zweitliga-Klub Carl Zeiss Jena
FR: Eine russische Investorengruppe will beim Zweitligisten Carl Zeiss Jena bis zu 25 Millionen Euro investieren
FR: Eine Fortuna ohne Klamauk – Düsseldorf träumt von der Rückkehr in den bezahlten Fußball, doch Manager Wolf Werner bleibt realistisch
11 Freundinnen
Galaauftritt gegen Fallobstboxerinnen
Pressestimmen zum 11:0 der deutschen Frauennationalmannschaft gegen Argentinien beim WM-Auftakt in China
Gregor Derichs (FAZ) lässt sich vom Angriffsgeist der deutschen Frauenelf betören: „Die deutschen Frauen präsentierten einen Stil, wie ihn auch die deutschen Männer bei der WM gezeigt hat. Schnell nach vorne, steil in die Spitze – genau so, wie Joachim Löw und Jürgen Klinsmann die Männer auf Trab brachten, setzt auch die ehemalige Offensivspielerin Silvia Neid als Bundestrainerin die Akzente bei den Frauen. Das Feuerwerk der Eröffnungsfeier setzten Birgit Prinz und ihre Kollegen eindrucksvoll fort. Die Außenspielerinnen Kerstin Garefrekes und Melanie Behringer trumpften sehr stark auf.“
Daniel Meuren (Berliner Zeitung) ergänzt: „Mit ihrem Galaauftritt passte sich die deutsche Mannschaft beim Beginn des Unternehmens Titelverteidigung dem hohen Niveau des Weltmeisterschaftsauftakts an. Die glamouröse Eröffnungsfeier demonstrierte, dass die Chinesen gewillt sind, mit dem Turnier einen Vorgeschmack für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr zu liefern. Auch darüber hinaus ist in Schanghai alles gerichtet für ein großes Fest des Frauenfußballs.“
Katrin Weber-Klüver (Spiegel Online) fragt sich, was in die Argentinierinnen gefahren sein muss: „Es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die deutsche Mannschaft in diesem Turnier noch einmal einem so schwachen Gegner gegenüberstehen wird. Für eine WM war der Auftritt der Argentinierinnen erbärmlich. Sie hatten vor dem Spiel ein wenig die Muskeln spielen lassen und, wie Melanie Behringer zu berichten wusste, vorm Hotel der Mannschaften von Bus zu Bus versucht, die Deutschen zu provozieren. Im Spiel aber waren sie wie Fallobstboxer aufgetreten, die sich für ein schmerzhaftes Sparring bezahlen lassen. Dass darüber der 11:0-Erfolg der Deutschen, der höchste in der WM-Geschichte, den Beigeschmack des Unseriösen, zumindest nicht wirklich Wertvollen bekam, war naheliegend, aber auch ungerecht. Es liegt ja wirklich nicht immer alles nur an der Schwäche überforderter Gegner, man muss selbst noch etwas aus den Möglichkeiten machen, die einem der weite Raum dann bietet.“
Ascheplatz
Spiele zwischen gleich starken Mannschaften sind oft langweilige Angelegenheiten
Profitiert eine Liga von mehr Ausgeglichenheit? Muss mehr reguliert und umverteilt werden? Der Economist (London) findet ein paar gute Gründe, die dagegen sprechen
Die Auffassung, dass Fußball-Ligen von finanziellen Umverteilung und wirtschaftlicher Ausgeglichenheit im allgemeinen profitieren, gewinnt im deutschen und im europäischen Fußball zunehmend Anhänger – vor allem unter Vertretern kleiner und mittelgroßer Klubs, aber auch unter neutralen Beobachtern. Befürworter der zentralen TV-Vermarktung und der solidarischen Verteilung des TV-Gelds machen diese These gerne für ihre Argumentation geltend. Manche Politiker fordern eine strengeres Eingreifen der EU in die Fußballregeln, etwa Außerkraftsetzungen vom Wettbewerbsrecht.
Zum Beispiel heißt es, wenn auch sehr vage und vorsichtig, im Weißbuch Sport, das die EU im Juli 2007 als Leitfaden publiziert hat: „Die Kommission empfiehlt den Sportorganisationen, gebührend auf die Einführung und Beibehaltung von Solidaritätsmechanismen zu achten. Bei den Sportmedienrechten kann ein solcher Mechanismus die Form einer zentralen Vermarktung der Medienrechte oder einer Einzelvermarktung durch die Vereine annehmen, die in beiden Fällen mit wirksamen Solidaritätsmechanismen verknüpft sein müssen.“ Allerdings hat das Weißbuch diejenigen Lobbyisten enttäuscht, die ein Mehr an Regulierung im europäischen Klubfußball gefordert hatten, etwa Theo Zwanziger und Karl-Heinz Rummenigge.
Der Economist, wohl das einflussreichste Magazin der Welt, hingegen entkräftet die Gleichheitsthese, den Fußball mit dem US-Sport vergleichend, der übrigens deutlich stärker umverteilt: „In den USA versuchen die Basketball-, Baseball-, Hockey- und Football-Ligen Ungleichheit dadurch zu lindern, indem sich die Teams Einkommen und sogar ihre Talente teilen, zum Beispiel durch „drafts“. Doch ist es nicht bewiesen, ob das notwendig oder überhaupt wünschenswert ist. Maßnahmen, die eine Zunahme an Gleichheit in einer Liga bewirken sollen, nehmen ihrem Wettbewerb die Schärfe – und damit Sportmännern vermutlich den Antrieb, Bestleistungen zu erbringen. Im Sport geht es um mehr, als homogen zusammengestellten Mannschaften dabei zuzusehen, wie sie sich messen. Die NBA etwa hat viel von ihrem Glanz verloren, seitdem mit Michael Jordans Karriere auch die Dominanz der Chicago Bulls endete. Ebenso lehrt der Popularitätsgewinn von Golf seit dem Aufstieg Tiger Woods‘, dass im Sport Helden und das Können Einzelner wichtiger sind als Gleichheit. Europas Fußball war ohnehin nie eine ausgeglichene Angelegenheit. Die erste Profi-Saison im Jahr 1889 war ein Spaziergang für Preston North End, das in allen zweiundzwanzig Spielen ungeschlagen blieb. Meisterschaften in Portugal, Griechenland, Holland und Schottland werden fast immer von den gleichen zwei oder drei Klubs gewonnen. Für Ligen in größeren Ländern trifft das fast genauso zu. Manchester United hat seit der Gründung der Premier League 1992 neun von fünfzehn Titeln gewonnen. Das alles hat den globalen Siegeszug des Fußballs, der sich viel besser importieren lässt als die ‚gleichere‘ Konkurrenz aus den USA, nicht aufhalten können. Politiker lieben die Idee der Gleichheit; Sportler sollten sich davor hüten. In der Politik geht es um Mehrheiten, Stimmungen und Vorteile; im Sport geht es um Spitzenleistungen und Individualität, um Gewinnen und Verlieren. Die beiden passen nicht zusammen. Im großen und ganzen ist es besser, wenn Politiker der Versuchung widerstehen, sich in die Belange des Sport einzumischen.“
In einem zweiten Artikel wird zunächst ein Alleinstellungsmerkmal des Sports eingeräumt: „Im Gegensatz zu anderen Branchen müssen sich Wettbewerber im Sport absprechen, etwa um den Spielkalender und die Regeln des Wettbewerbs abzustimmen. In den meisten anderen Geschäftsfeldern begrenzen Konkurrenten den kommerziellen Erfolg, doch im Sport haben ein Interesse an der Wettbewerbsfähigkeit von Rivalen.“ Doch ändert dieser Befund nichts an der Bejahung der Liberalisierung; unterstützend wird der englische Sportökonom Stefan Szymanski sinngemäß zitiert: „Die Pyramidenstruktur von Ligen mit Auf- und Abstieg hält die Interessen kleinerer Klubs am Leben. Lokale Rivalitäten und die Chance für Underdogs, einen Favoriten zu blamieren, befriedigt andere Bedürfnisse von Fußballfans, vermutlich sogar höher einzuschätzende als Ausgeglichenheit. In der Tat sind Spiele zwischen etwa gleich starken Mannschaften oft langweilige Angelegenheiten, von taktischer Vorsicht geprägt. Wer will das schon sehen?“
Deutsche Elf
Bewegte Gemüter im Lager der Nationalmannschaft
Der Fall Ballack wird allmählich zum Politikum, nachdem Chelsea dessen Mitwirken an einen Werbespot für den DFB unterband
Philipp Selldorf (SZ) kann den Ärger und das Staunen der DFB-Führung über Chelseas Werbeverbot für Michael Ballack nachempfinden: „Insgesamt eine Geschichte mit verblüffenden Details: In einem Zeitalter, in dem man Tag und Nacht jeden Fischbudenbesitzer auf den Molukken anklingeln kann, sind Geschäftsleute wie Kenyon und Ballack auf Teufel komm raus nicht zu erreichen, nicht mal für den Werbepartner, der Millionen zahlt. Dass es sich dabei nicht um ein Problem der Telekommunikation, sondern um eine Form von Politik handelt, ließ sich bereits in der vorigen Woche erkennen. Da konnte der DFB keine Verbindung zu den Chelsea-Chefs herstellen, um mehr über Ballacks Nichtnominierung für den Europacup zu erfahren. Dabei hatte sich Bierhoff vom Bayern-Vorsitzenden Rummenigge mit einer Serie von Kenyons Telefonnummern ausstatten lassen. Bundestrainer Löw plant derweil, sich an den Kollegen Mourinho zu wenden, aber die Aussicht auf Erfolg ist ebenfalls vage. Der FC Chelsea ist zugänglich wie der Kreml in Moskau, wobei Wladimir Putin vermutlich leichter zu fassen ist als der mysteriöse Mourinho. Ein offener Streit soll aber auf jeden Fall verhindert werden. Bei der Nationalmannschaft fürchtet man, dass weiteres Intervenieren Ballack in seinem Klub und vor seinem bekanntermaßen jähzornigen Trainer schaden könnte.“
Michael Ashelm (FAZ) achtet auf die Reaktion des geschädigten Sponsors: „Adidas, als Partner von DFB, Chelsea und Ballack in einer besonderen Situation, hielt sich zurück mit deutlichen Worten gegenüber den Engländern und kommentierte das Fehlen von Ballack beim Werbespot für das neue Nationalmannschaftstrikot mit dem Augenmerk auf seine Genesung von der Knöchelverletzung. Hinter den Kulissen gab es vom Konzern jedoch eine klare Ansage an die Adresse des merkwürdig unwilligen Londoner Klubs, wie zu hören war. Schließlich geht es bei Ballack um einen Weltstar und eine Werbe-Ikone für den Sportartikelhersteller aus Deutschland. Der Fall bewegt die Gemüter im Lager der Nationalmannschaft sehr.“
FAZ: Private Sportwetten bleiben in Hessen verboten
SZ-Portrait: Ein Deutscher wurde zum besten Spieler der U-17-WM gewählt: Toni Kroos, bald Bundesliga-Profi beim FC Bayern
Montag, 10. September 2007
Internationaler Fußball
Ein Eselsarbeiter, ein englischer Carsten Jancker
England besiegt auch dank dem Rückkehrer Emile Heskey Israel 3:0 / Mehr Worte als Taten – Italien und Frankreich schießen keine Tore / Holland gewinnt unlekker
Christian Eichler (FAZ) widmet sich dem ungewohnt unfallfreien 3:0 Englands gegen Israel: „Es war erstmals seit Jahren ein englisches Team, in dem die Stars keine Rolle spielten. Und das gerade deshalb glänzte und die eigenen Landsleute überraschte. Die erhitzte öffentliche Wahrnehmung und Darstellung des englischen Fußballs hatte nach dem 1:2 gegen Deutschland eine jener realitätsfernen Katastrophenstimmungen erzeugt, die alle paar Jahre wieder den Untergang des Mutterlandes vorwegzunehmen scheinen: Fußball als gefühlte Apokalypse, als ständige emotionale Übertreibung eines Zeitvertreibs, der in Wirklichkeit viel zu sehr vom Zufall lebt, als dass man ihm Existentielles abgewinnen könnte. ‚England hatte das Schlimmste erwartet‘, beschrieb es die Times“. Und dann wurde es ein netter Abend.“
Raphael Honigstein (FR) blickt erstaunt auf den Rückkehrer Emile Heskey: „Eine Wiedergeburt von McClarens England möchte man angesichts des ungefährdeten Sieges gegen ängstlich und unkonzentriert spielende Israelis noch nicht attestieren, doch immerhin wurde der zuletzt galoppierende Verfall gestoppt. Die ersatzgeschwächte Truppe zeigte ihre beste Leistung seit McClarens 4:0-Auftaktsieg gegen Griechenland vor dreizehn Monaten. Besonders der Rückgriff auf den zuletzt in der EM 2004 eingesetzten Heskey erwies sich als geeignetes Mittel gegen die vor allem körperlich unterlegenen Besucher: Der Stürmer von Wigan Athletic zeigte die gewohnte Mischung aus bulliger Effizienz und technischen Unzulänglichkeiten, das reichte schon aus. Emile William Ivanhoe Heskey, der meistverspottete Nationalspieler der vergangenen Jahre wurde im neuen Wembley tatsächlich zu McClarens schwarzem Ritter und auch ohne Torerfolg zum Matchwinner.“
Eichler fügt einen wenig schmeichelhaften Vergleich an: „Vorn ersetzte Emile Heskey den verletzten Weltstar Wayne Rooney, und das war etwa so, als hätte Joachim Löw Carsten Jancker ins Nationalteam zurückgeholt. Und doch wurde Heskey der vielleicht entscheidende Mann. Denn er war es, der Englands Spiel einen Fokus gab: als physisch imposanter Vorposten, als Zielpunkt und Ableger. Heskey machte die ‚Eselsarbeit‘, wie das im Englischen heißt. Er wurde der starke Partner, neben dem Michael Owen seine Laufwege fand und aufblühte.“
Die Höhepunkte (ZDF Sportstudio)
Ohne Tore, ohne Spektakel
Dirk Schümer (FAZ) empfiehlt Italien nach dem 0:0 gegen Frankreich eine Verjüngung: „Vielleicht waren die italienischen Minimalisten, gegen die die Franzosen vor allem in der ersten Hälfte laufstark und kompromisslos agierten, nicht einmal auf einen Sieg aus gewesen. Der Sturm mit den beiden Veteranen Pippo Inzaghi und Alessandro Del Piero hat vor zehn Jahren bei Juventus Turin seine besten gemeinsamen Zeiten erlebt. Diesmal konnten selbst fußballerische Laien ahnen, dass der schmächtige Inzaghi, gegen die athletische französische Deckung auf sich allein gestellt, kein Land sehen würde. Auf die Azzurri, die wie gewohnt in der Abwehr glänzten, werden weitere Sorgen zukommen. Denn vorne vertrauten sie einzig auf die Freistöße und Ecken von Andrea Pirlo. Dabei ist vielleicht nicht der Umbruch nach dem Titelgewinn das eigentliche Problem, sondern das Ausbleiben eines echten Neuanfangs. Solange offensive Talente wie Di Natale, Iaquinta oder der gar nicht erst eingeladene Gilardino Komparsen der satten Veteranen bleiben, droht sich der kämpferische Weltmeister wieder zum König des Catenaccio, zum unattraktiven Maurermeister des europäischen Fußballs, zurückzuentwickeln.“
Birgit Schönau (SZ) hätte Taten Worten vorgezogen: „Viel Lärm um nichts. Dabei hatten sich beide, Franzosen wie Italiener, im Vorfeld doch soviel Mühe gegeben. Revanche, Vendetta, die üblichen, unsinnigen Vokabeln, bis zum Abgewöhnen wiederholt von der Sportpresse beider Länder – die dann unisono das Publikum verdammte. Die 80.000 hatten nämlich die Marseillaise ausgepfiffen. Gellend, ohrenbetäubend und peinlich. Aber vielleicht nicht peinlicher als das enervierende Gockelgehabe von Raymond Domenech und einiger seiner Spieler, die die Italiener vor dem Spiel als Schieber, Schwalbenkönige und Provokateure bezeichnet hatten, als Finsterlinge, die besser mauscheln können als Fußball spielen. (…) In einer Partie ohne Tore, ohne Spektakel und ohne große Chancen setzten die Franzosen ziemlich unverblümt auf ein Remis – und erhielten es, ohne sich dafür zu verausgaben. Die Italiener hingegen trauten sich nicht, das 1:3 im vorigen September auszuwetzen. Roberto Donadoni, der es als Nachfolger von Weltmeistercoach Marcello Lippi an Energie, Durchsetzungsvermögen, und Ergebnissen fehlen lässt, schickte für die operazione vendetta als einzigen Stürmer den immergrünen Filippo Inzaghi auf’s Feld.“
Viel stand auf dem Spiel, und von Rache und Revanche war vorher die Rede – doch dann lieferten die WM-Finalisten von 2006 den Zuschauern nur gepflegte Langeweile
Bertram Job (NZZ) schreibt über den 2:0-Sieg Hollands gegen Bulgarien: „In der Vorwärtsbewegung wurde das anspruchsvolle Fußballpublikum nur selten mit flüssigen Spielzügen verwöhnt. Das holländische Postulat vom anmutigen Sieg – die ‚lekkere overwinning‘ – blieb damit auch im 38. Spiel unter der Leitung von Bondscoach van Basten unerfüllt. Solange der ehemalige Weltklassestürmer jedoch nicht aufhört erfolgreich zu sein, wird man ihm im Mutterland der Fußball-Ästhetik auch einen Arbeitssieg gegen Bulgarien verzeihen.“
Lekker oder unlekker?
NZZ-Bericht Portugal–Polen (2:2)
NZZ: Ein weiterer Neuanfang des chilenischen Nationalteams – diesmal unter dem Argentinier Marcelo Bielsa
Deutsche Elf
Die Kleinen sind wieder klein, weil die Deutschen wieder groß sind
Auch nach dem 2:0 in Wales kann die Presse nichts anderes schreiben als nach jedem anderen Spiel der deutschen Elf unter Joachim Löw: Lob und Respekterbietung / Bastian Schweinsteiger, der Ersatzspielmacher fällt auf
Klaus Hoeltzenbein (SZ) malt Gegenwart und nahe Zukunft des deutschen Fußball in Rosarot: „Derzeit sind es nicht nur die Ballacks oder Schneiders, die Kloses oder Kuranyis, die exemplarisch für den Luxus in der Nationalelf stehen. Es ist einer wie Hitzlsperger, der dort spielt, wo der Trainer ihn hinstellt – in Wales zentral, ballsicher, souverän im Mittelfeld –, und der stets protestfrei pendelt zwischen erster Elf und Reservebank. Der deutsche Fußball hat derzeit eine personelle Breite wie noch nie. Unzählige Torhüter, die Vertrauen verdienen, ein seriöse Abwehr, Mittelfeldspieler im Überfluss, einen eifrigen Perspektivsturm – zudem eine U21-Junioren-Auswahl, die mal eben 3:0 in Nordirland gewann, oder eine U17 um Toni Kroos, den Begabten des FC Bayern, die gerade WM-Dritter wurde. Das bedeutet sportlich noch nicht viel, denn wenn einer fünfzig gute Kicker hat, kann ein anderer elf sehr gute mitbringen. Dennoch wird die DFB-Elf als Favorit zur EM 2008 in die Alpen reisen. Und wenn’s dort doch nichts wird, so war wenigstens diese Zeit zwischen WM und EM zu genießen. Früher verstand sich die Nationalelf primär als Turniermannschaft – die Zwischenräume, die Tage der Hitzlspergers, waren ihr oft egal.“
Jan Christian Müller (FR) schreibt beeindruckt: „Es sah so aus, als würde eine Herrenmannschaft gegen eine B-Jugend spielen. In der Anfangself der bemitleidenswerten Gastgeber standen jedoch neben fünf Zweitligaprofis auch sechs Spieler aus der Premier League. Die Deutschen haben nicht gegen eine Ansammlung von Anfängern gewonnen. Aber sie haben die Größe, Kleine wie Wichtel aussehen zu lassen.“ Auch Stefan Hermanns (Tagesspiegel) beobachtet Wachsen und Schrumpfen: „Es gibt wieder Kleine im Fußball. Zumindest für die Deutschen. Die Kleinen sind wieder klein, weil die Deutschen wieder groß sind. Mit dem Wissen von heute könnte man Rudi Völler vorwerfen, er sei immer zu ängstlich gewesen. Aber die neue Größe der Nationalmannschaft ist nicht nur herbeigeredet. Ihr riesiges Selbstvertrauen speist sich aus einer tatsächlichen Stärke, aus einer fußballerischen, technischen und strategischen Überlegenheit, die sich die Mannschaft unter den Bundestrainern Klinsmann und Löw planmäßig erarbeitet hat.“
Lernwillig und erfolgshungrig
Selbst Matti Lieske (Berliner Zeitung), üblicherweise einer er größten Kritiker, lobt: „Ein klares System, dessen Automatismen mittlerweile von vielen Spielern verinnerlicht wurden, sowie eine profunde Gegneranalyse erlauben es, für jeden Kontrahenten das probate Mittel zu finden. Das macht die Mannschaft nicht unschlagbar, aber wer gegen sie bestehen will, muss wirklich gut sein, sich etwas einfallen lassen und braucht auch ein bisschen Glück.“
Michael Horeni (FAZ) gönnt dem Bundestrainer das breite Lächeln nach dem Spiel: „Alles, was er und die Spieler anpacken, glänzt am Ende auf wundersame Weise golden. Es hat zwar unter Joachim Löw schon spektakulärere Erfolge gegeben, aber noch nie geriet er nach einer Partie so ins Schwärmen. Der spielend leicht erscheinende Erfolg gegen eine Mannschaft, die den Deutschen in der Vergangenheit und ihren schärfsten Rivalen auch in der Gegenwart besonders zu Hause arg zusetzte, erschien Löw angesichts der erschwerten personellen Bedingungen als ein im höchsten Maß veredelter Alltag. Der Fußball-Lehrer in Löw blühte auf, nachdem seine immer wieder veränderte Mannschaft jede taktische und spielerische Vorgabe umgesetzt hatte. Löw ertappte sich sogar dabei, ein Spiel gegen einen hoffnungslos unterlegenen Gegner ‚vielleicht zu positiv‘ zu bewerten. Aber nachdem er gesehen hatte, was seine vielen unerfahrenen Spieler auf zum Teil auch noch ungewohnten Positionen an Lernerfolgen aus dem Training schnurstracks unter Qualifikationsbedingungen auf dem Platz präsentierten, mochte er seinen Stolz auf dieses ebenso lernwillige wie erfolgshungrige Team nicht verbergen.“
Die Höhepunkte
Einzelkritik
Die SZ verteilt Lorbeer an Bastian Schweinsteiger: „Er trug die 7 auf dem Rücken, aber er spielte wie ein 10er der alten Schule, im Kerngebiet des Spielfeldes besaß er Macht wie ein Diktator, und obendrein fand er so viel Spaß daran, dass es ansteckend war.“ Die FAZ pflichtet bei: „Die Chefrolle im Mittelfeld machte Schweinsteiger sichtlich Spaß. Konnte schalten und walten, wie er wollte. Großer Aktionsradius, nur im Abschluss fehlte ‚Mr. Hackenpass‘ ein Tick.“ Lieske allerdings gibt zu bedenken: „In Schweinsteiger kristallisierten sich die zwei Seiten des deutschen Auftretens: In Abwesenheit von Leuten wie Ballack, Schneider oder Borowski prägte er mit vielen Ballkontakten das Spiel der Mannschaft und sorgte für eine klare Überlegenheit im kreativen Bereich. Schweinsteiger war es aber auch, der mit seiner aufreizenden Lässigkeit das Signal für das beruhigte Zurücklehnen und die Überheblichkeit gab, die nach dem Führungstreffer langsam einsetzte und die Waliser etwas besser ins Spiel brachte.“
Der SZ ist die Präzision Miroslav Kloses angenehm aufgefallen: „Die Art, wie der Mittelstürmer das erste seiner zwei Tore erzielte, war bezeichnend: Nach dem klugen Zuspiel von Kuranyi legte er den Ball behutsam in die Ecke, als ob er eine wertvolle Vase ins Regal stellen würde.“ In der FAZ heißt es über Per Mertesacker: „So wünscht sich Löw einen Innenverteidiger: saubere Zweikampfführung, gutes Stellungsspiel – eine Bank in der Abwehr.“
FAZ: Bastian Schweinsteiger, Zentrale der deutschen Elf
Freitag, 7. September 2007
Deutsche Elf
Ich kann bis zur WM 2010 spielen
Jens Lehmann und Oliver Bierhoff in Interviews
Jens Lehmann gibt in der SZ nicht wenig selbstbewusst und nicht minder gereizt Auskunft darüber, warum er sich im Verein und in der Nationalelf für die Nummer 1 hält: „Ich muss trotz meines Alters immer noch fitter sein als die jungen. Ich bin natürlich auch verwöhnt von der Natur, weil ich groß und dünn bin und einen geringen Fettanteil habe. Und technisch bin ich halt noch besser. Es wird immer mal Torleute geben, die über zwei, drei Spiele besser sind als ich, aber über fünf Spiele wird’s schon schwieriger, und über zehn Spiele habe ich noch keinen gesehen. Ich weiß, dass ich beim FC Arsenal immer noch einen Vorsprung habe, und dass ich den Vorsprung auch halten kann. Es sei denn, es kommt ein junger Supermann. Den sehe ich aber nicht.“
Die Chance, nächstes Jahr den EM-Titel zu gewinnen, schätzt Lehmann gut ein, begründet es aber sehr geheimnisvoll: „Ich bin überzeugt davon, dass es bei der EM gut laufen wird. Weil wir die einzige Mannschaft sind, die einen guten Plan B hat. England hat eine starke Mannschaft, das kann man nicht anders sagen, Frankreich auch, Italien, Spanien, die Niederlande. Aber wir sind die einzige Mannschaft, die stark ist und selbst dann einen guten Plan B hat, wenn’s einmal nicht so läuft. Sowohl personell wie taktisch, als auch von der Möglichkeit her, einfach nur gute Ergebnisse zu erzielen.“
Eigentlich ging man bisher davon aus, dass Lehmann im Sommer 2008 zurücktreten wird; doch dass das noch nicht feststeht, entnehmen wir folgender Aussage: „Wenn ich richtig will und von Verletzungen verschont bleibe, dann kann ich bis zur WM 2010 spielen. Ich überlege mir das. Und zwar deswegen, weil ich der Überzeugung bin, dass wir um die Weltmeisterschaft 2010 mitspielen werden. Um die Europameisterschaft auch, aber um 2010 werden wir noch besser sein. Wir haben die Talente dazu.“
In Michael Ballacks Situation in Chelsea kann sich Lehmann gut hineinversetzen: „Ein Spieler, der ins Ausland geht, muss sich immer darüber im Klaren sein, dass er dort nicht mehr der kleine König ist, der er in der Heimat war, sondern eine Nummer. Da kommen aus der ganzen Welt Spieler, die in ihren Ländern auch kleine Könige waren, und dann kommen noch die Einheimischen, die ein bisschen höher bewertet werden, wenn sie gut sind. Dagegen muss man sich durchsetzen. Es zählt nicht, was ich in meinem Land geleistet habe und dort geleistet habe, sondern es zählt der Vergleich mit den anderen. Das ist psychologisch manchmal besonders schwer.“
FAZ: Lehmann in Arsenal nicht gesetzt, Hildebrand in Valencia auf der Bank, Wiese genervt, Enke und Neuer in Lauerstellung
Oliver Bierhoff kann im FR-Interview nichts neues über Ballack mitteilen: „Es ist mir leider nicht gelungen, Kontakt zum FC Chelsea zu bekommen. Wir halten uns derzeit auch eher raus. Aussagen von uns würden Michael eher schaden als helfen.“ Die Nationalelf wird sich, die erfolgreiche Qualifikation vorausgesetzt, am gleichen Ort auf die EM 2008 vorbereiten wie vor acht Jahren mit Ribbeck, Matthäus und Kapitän Bierhoff. Auf das EM-Turnier 2000 angesprochen, räumt Bierhoff ein: „Auf alle Fälle habe ich 2000 als Kapitän versagt. Ich hätte damals viel eher Alarm schlagen müssen. Aber es war keine richtige Truppe da, es war keine Führung da. Ich hätte es dennoch packen müssen, mir Gehör zu verschaffen. Oder hätte zumindest die Binde abgeben müssen. Ich habe daraus meine Lehren gezogen.“
SZ: Der Fernschuss ist diese Saison zum taktischen Mittel aufgestiegen
Ein Zusammenschnitt der schönsten Tore Freddy Eastwoods, dem walisischen Stürmer, der angekündigt hat, Jens Lehmann noch mehr als die deutschen Journalisten auf die Nerven zu gehen
BLZ-Portrait Eastwood
Donnerstag, 6. September 2007
Deutsche Elf
Undurchsichtiger Streit
Die Presse würde gerne genauer wissen, was hinter Chelseas Verzicht auf Michael Ballacks steckt, kann aber nur mutmaßen: erster Schritt zur Trennung von Chelsea, ein Muskelspiel des Trainers Mourinho, selbst Doping kann nicht ausgeschlossen werden
Chelsea verzichtet auf Michael Ballack in der Champions-League-Vorrunde – Matti Lieske (Berliner Zeitung) wertet diese Entscheidung als Indiz der Trennung und sieht ein Problem auf den Bundestrainer zukommen: „Die offizielle Begründung des Klubs, dass Ballacks Verletzung der Grund sei, überzeugt niemanden. Schließlich schaffte es sogar Wayne Bridge in den Kader, und der fällt mindestens noch zwei Monate aus. Dass selbst Paulo Ferreira, die Drittbesetzung auf dem rechten Verteidigerposten, dem Deutschen vorgezogen wurde, lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Ballack ist bei José Mourinho unten durch. Kein Coach sieht es gern, wenn sich ein Spieler operieren lässt, ohne ihm Bescheid zu sagen. Ganz gewiss nicht Mourinho. Und wenn sich der vermeintlich einfache Eingriff dann auch noch als Debakel entpuppt und eine monatelange Pause nach sich zieht, ist der Zorn doppelt verständlich. Alles deutet darauf hin, dass Chelsea den Deutschen in der Winterpause loswerden möchte. Fragt sich nur wie. Die meisten der großen Klubs haben ihre Schlüsselpositionen inzwischen besetzt und Ballack ist extrem teuer. Dass er in der Premier League nennenswerte Spielzeit bekommt, ist kaum anzunehmen, und wer zahlt schon viel Geld für jemanden, der so lange verletzt war und kaum Spielpraxis besitzt? Gut möglich also, dass Ballack auch im Frühjahr ein Dasein auf der Bank fristet. Löw steht dann vor einem Dilemma: Entweder er sucht sich einen neuen Leitwolf oder er vertraut einem, der lange nicht mehr geheult hat.“ Jan Christian Müller (FR) ergänzt: „Zum physischen Stress gesellt sich nun auch der psychische. Sollte Ballack sich beim FC Chelsea noch durchsetzen, wäre das eine bemerkenswerte Leistung. Aber er ist so weit entfernt davon wie nie zuvor.“
Hört, hört! Thomas Kistner (SZ) nimmt den Fall Ballack zum Anlass, über die Pflichten der Vereinsärzte nachzudenken und bringt eine neue Hypothese ins Chelsea/Ballack-Spiel: „Die körperliche Leistungsfähigkeit von Berufsathleten ist keineswegs reine Privatsache. Sie ist Geschäftsgrundlage zwischen dem Unterhaltungsprofi und seiner zahlenden Kundschaft, und gehört schon deshalb möglichst transparent behandelt. Kenntnisse über Dauer und Qualität einer Verletzung sind eine Art Gewohnheitsrecht für das Publikum. Es gibt aber noch triftigere Gründe für Transparenz. Gerade im Fußball, in einem körperlich auffallend anspruchsvollen Sport, der ja allein in den letzten paar Tagen vier Todesfälle zu verzeichnen hatte, darunter die Nationalspieler Puerta (Spanien) und Nsofwa (Sambia). Erklärungen dazu waren konsequent oberflächlich: Herzprobleme halt. Wobei sich etwa im Fall Puerta die Frage stellt, wie es sein kann, dass der Profi zuvor schon mehrmals im Training kollabiert war. Just im Fußball sollte die Ärzteschaft also gesunde Distanz zum Millionengewerbe halten. Weil zwangsläufig gilt: Wer Kicker oder Klubs mit Wunschbulletins versorgt, ist auch beim Thema Doping unglaubwürdig. Apropos: Chelseas Arzt hat einst Britanniens Sprintheros und Dopingsünder Linford Christie betreut; bei Chelsea geriet er mit Eigenblutpraktiken in die Diskussion. Nein, das heißt nichts. Es könnte aber ein Misstrauen befördern in einem undurchsichtigen Streit, in dem bisher nur klar ist, dass diffuser Druck auf dem Spieler lastet.“
Uneingeschränkt
Bastian Schweinsteiger wird gegen Wales wohl im zentralen Mittelfeld spielen – in den Augen Michael Horenis (FAZ) ein Zeichen der anhaltenden Achtung Schweinsteigers in der Nationalelf: „Es geht um den nächsten Karriereschritt von Schweinsteiger – denn die Rolle, die ihm diesmal nur wegen ungünstiger Umstände zufällt, könnte schon nach der EM, spätestens aber nach der nächsten WM, endgültig an ihn vergeben werden. Ballack, Frings und Schneider sind alle schon 30 Jahre – oder sogar noch ein wenig älter. Die Jugendlichkeit lebt Schweinsteiger aber immer noch gerne aus, derzeit vor allem optisch. Bei den Popstars des Fußballs gehört ein neues Styling mittlerweile zwar schon zum saisonalen Marketing, aber diesmal passte der frisch silberblond eingefärbte Schopf Schweinsteigers ganz gut zur erhöhten Aufmerksamkeit, die er in der Nationalmannschaft in diesen Tagen genießt. Verbal allerdings gibt er sich im Kreis der DFB-Auswahl zwar gewohnt selbstbewusst, aber auf eine deutlich zurückhaltendere und selbstverständlichere Weise. Er kann dort auch, anders als beim FC Bayern München, nun schon seit über drei Jahren auf uneingeschränkte Wertschätzung vertrauen.“
SZ-Interview mit Lukas Podolski über sein erstes Jahr bei Bayern und das Vertrauen des Bundestrainers
Mittwoch, 5. September 2007
Unterhaus
Erst am Anfang des Weges
Das Experiment Hoffenheim findet Sympathien in der Presse; die 2:3-Niederlage in Freiburg erntet, den hohen Investitionen des Klubs zum Trotz, keinen Hohn
2:3 in Freiburg – Peter Heß (FAZ) über den Härtetest Zweite Liga für das Experiment Hoffenheim: „Mit Wahnsinn und Kaufsucht haben die Investitionen nichts zu tun: Die drei Talente sind zwischen 20 und 22 Jahre alt, sind durch langjährige Verträge an die TSG 1899 gebunden und geben jeden Anlass zur Hoffnung, dass sie ihren Wert noch steigern. Bei ihrer Deutschland-Premiere ließen alle drei ihr großes Potential aufblitzen. (…) Mit geballtem individuellem Talent allein ist es nicht getan. Die Zweite Liga geht bisweilen herzlos mit Begabten um. Eine Einheit muss auf dem Platz stehen, die Räume besetzt und verteidigt, die füreinander Lücken schließt, Bälle schleppt und erobert. Dass dies alles noch nicht reibungslos funktionierte, muss niemanden wundern oder beunruhigen. Diese Mannschaft ist jung, und ihr wird alle Zeit zur Entwicklung gegeben. Von der Führungsriege sowieso, und Druck von außen existiert anders als in Medienstädten wie München oder Hamburg oder Berlin in Hoffenheim auch nicht. Aber dennoch besteht die Gefahr des Scheiterns. Denn der Kader ist ungleichmäßig besetzt. Hier die Talente, die langfristig zur Bundesligareife herangeführt werden, dort der Rest, dessen Auftrag auf die Zweite Liga beschränkt bleiben wird und der sich als Staffage verstehen könnte. Hoffenheim im Spannungsfeld zwischen heute und morgen, zwischen Zweitliga-Alltag und Zukunftsvisionen. Zum Glück ist genug Geld für Reparaturen möglicher Risse vorhanden.“ Tobias Schächter (Berliner Zeitung) fügt an: „Im langfristigen Businessplan gibt es Reserven, über die der Trainer verfügen kann. Die TSG Hoffenheim steht erst am Anfang ihres Weges.“
Deutsche Elf
In der Hierarchie weit gefallen
Die Journalisten, aber auch die DFB-Verantwortlichen sorgen sich um Michael Ballack, der von Chelsea überraschender- und erschreckenderweise nicht für die Gruppenphase der Champions League nominiert worden ist und dessen Knöchel noch immer nicht kuriert ist
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) bricht zwei bis drei Lanzen für Michael Ballack: „Man könnte aus Chelseas Affront gegen den besten deutschen Fußballer auch einen Affront gegen den deutschen Fußball im Allgemeinen herauslesen. Man könnte. Denn Ballack hat auch in seiner Heimat alle Formen der Geringschätzung längst kennengelernt. Bis heute hat sich das Land nicht einigen können, ob der Kapitän im vergangenen Jahr eine mäßige oder eine herausragende Weltmeisterschaft gespielt hat. Im kollektiven Torsten-Frings-Fieber ist sein Beitrag zum Gelingen des WM-Projekts schlichtweg verkannt worden. Das ist typisch. Der FC Bayern hat auch gedacht, er brauche Michael Ballack nicht – und erlebte ohne ihn die dürftigste Saison seit mehr als einem Jahrzehnt. Chelsea scheiterte im Frühjahr in der Champions League – als Ballack verletzt fehlte. Aber soll man vom FC Chelsea wirklich erwarten, dass er daraus die richtigen Schlüsse zieht? Der Klub hält sich für den schärfsten der Welt, obwohl ihm dazu jegliche Voraussetzungen fehlen, Stil genauso wie große internationale Titel. Nur zum Vergleich: Michael Ballack stand bereits öfter im Finale der Champions League als der vermeintliche Weltklub aus London: genau ein Mal.“
SZ/Glosse: Nach einem Jahrzehnt verpflichteten ausländische Klubs wieder deutsche Legionäre – allerdings sind die Auslandseinsätze keine einfache Mission
Raphael Honigstein (Tagesspiegel) rätselt ob der Entscheidung José Mourinhos, kommt aber zu keinem schlüssigen Resultat: „Ein wenig Licht in die Angelegenheit kommt, wenn man Chelseas Presseerklärung eingehender untersucht. Der Verein hatte unter seinem Champions-League-Kader auch die komplexen Regularien der Uefa abgedruckt; man wollte offenbar einen versteckten Hinweis geben, warum anstatt der 25 erlaubten Spieler nur 23 nominiert worden sind. Tatsache ist, dass sich die Londoner durch einen groben Planungsfehler in eine missliche Lage gebracht haben: Der Klub kann die Uefa-Auflagen zum Schutz der so genannten local player nicht erfüllen. Vorgeschrieben ist, dass mindestens 3 von 25 gemeldeten Spielern im Verband des Vereins (also in England) und mindestens 3 weitere im Verein (also bei Chelsea) ausgebildet sein müssen. Chelsea hat in Kapitän John Terry jedoch nur einen im Verein ausgebildeten Profi im Kader. Gemäß Statut müssen deshalb 2 Plätze auf der Liste frei bleiben. Die Blues dürften von den zweiunddreißig in der Champions League startenden Teams das einzige sein, das es nicht geschafft hat, einen vollständigen Kader zu benennen. Man geht in Unterzahl ins Rennen. Dieser Fehler wurde nicht direkt zugegeben. Unergründlich bleibt dennoch Mourinhos Entschluss, vier rechte Verteidiger und den verletzten Linksverteidiger Wayne Bridge zu nominieren, Ballack aber außen vor zu lassen. Administrative Probleme allein können nicht erklären, warum Ballack in der Hierarchie so weit gefallen ist. Beantworten können das nur die Chefs von Chelsea. Und da braucht man sich keine Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung zu machen.“
FAZ: Über die seltsame Knöchelverletzung Ballacks und seine Nicht-Nominierung
SZ: Das Schicksal ihres Kapitäns trifft die Verantwortlichen der Nationalmannschaft völlig unvorbereitet
Eine Liebe in London
Bundesliga
Schalker Lust am Leid
Pressestimmen zum 24. Spieltag: Jörg Böhme, eine Gefährdung für den Gegner / Bayerns Rückkehr ins Titelrennen / Schalkes Straucheln / Bremen stemmt sich der Schwäche entgegen / Leverkusen hat zwei Weltklassespieler
Oskar Beck (Welt) stellt Jörg Böhme zur Rede, der den Nürnberger Torwart Raphael Schäfer im Gesicht attackiert und damit in Gefahr gebracht hat: „Wie eine tickende Zeitbombe ist Böhme in den Schäfer gerauscht, volle Pulle, mit gestrecktem Bein und offener Sohle voraus – so wenig friedfertig war Böhme im Sozialverhalten letztmals, als er sich im Rahmen der Jugendsünde vor Jahren als Schuldeneintreiber übte, was ihm damals eine saftige Geldstrafe und sechs Monate auf Bewährung einbrachte, wegen Beihilfe zur schweren Körperverletzung. Schäfer hat jedenfalls verdammt Glück gehabt, sonst würde er jetzt mit vierzehn gebrochenen Gesichtsknochen und zwei Glasaugen durchs Leben irren, und im schlimmsten Fall müßte sich der 1. FC Nürnberg gar nur noch überlegen, ob er für seinen Kapitän den Vereinssarg aus Eiche, Buche oder Kiefer nimmt. (…) Das ist Fußball? Dann muß der Fußball aber dringend aufpassen und anläßlich der Aktion ‚Saubere Liga‘ nicht mehr nur wie die Bild-Zeitung einen ‚Schwalben-Inspektor‘ beschäftigen, der die Schummler, Schauspieler, Scheintoten, Schwindler, Schlitzohren, Spitzbuben, Schlawiner, sterbenden Schwäne und sonstigen Strolche entlarvt, sondern auch die zweibeinigen Kampfhunde in kurzen Hosen mit ihrer unkontrollierten Gewalt – diese fragwürdigen Vorbilder für die Fanatiker auf der Tribüne, die den unfairen Treter hochleben lassen und den Schäfer, einen im hohen Maß Tadellosen, bei jedem Ballkontakt auspfeifen und beschimpfen. Zu den Schiedsrichtern noch ein Wort. Sie zeigen in solchen Fällen verblüffend ungern, was Mut ist.“
Andreas Burkert (SZ) kommentiert die Schwäche von Bayerns Konkurrenten: „Die durchaus unterhaltsame Zuspitzung im Meisterkampf ist kein Schalker Problem – es ist eines der Liga, der nun die gerechte Strafe blüht: der FC Bayern. In den wichtigen europäischen Ligen haben sich nicht zufällig die Alphatiere abgesetzt von der Herde, während hierzulande vergebens nach einem würdigen Nachfolger der Münchner gefahndet wird. Denen mag noch so viel mißlingen, doch eines verlieren sie niemals: ihren Status als Schreckgespenst. Nur die Bayern haben sich bisher das Leiden der anderen historisch verdient; wenn kaum noch etwas geht, können sie wenigstens auf eine Aura zurückgreifen. Womöglich täten Schalker und auch Bremer gut daran, nicht zurückzublicken. Nur auf sich schauen, möchte man ihnen zurufen und ausnahmsweise Partei ergreifen. Die Bayern feixen zwar bereits und haben sich den Auftrieb redlich erarbeitet. Doch auch sie werden wissen: Ihr Titelgewinn wäre eine Meisterschaft der Schwäche.“
Mittelmaß de luxe
Klaus Hoeltzenbein (SZ) fällt die Zurückhaltung der Bayern auf: „Es wird also wieder gefährlich für die Liga, die lange dachte, es könne mal wieder ein anderer Meister werden. Noch aber haben die Bayern ihre große, bissige PR-Maschine nicht angeworfen, sie wissen, wie fragil ihr Ensemble ist, und daß Berlin zwar den ersten Auswärtssieg 2007 brachte, sportlich aber noch keine Offenbarung. (…) Am Ende mußte man doch wieder an den Jahreszeiten-Theoretiker Uli Hoeneß und seine Botschaft vom Herbst denken: ‚Der Nikolaus war noch nie ein Osterhase!‘, hatte er in akuter Bayern-Krise verraten. Schon an Ostern könnten die Bayern wieder ganz oben sein. Wo aber werden im Mai wohl die größten Pfingstochsen stehen?“
Zum Thema Pfingstochse
Ronny Blaschke (FR) befaßt sich mit der Qualität des Münchner Spiels: „Der FC Bayern nutzte seine ersten beiden Chancen. Danach konzentrierte er sich auf die Verwaltung. Diese Dramaturgie erinnerte an Hitzfelds erste Amtszeit. Der FC Bayern vernachlässigte Ästhetik und bevorzugte Arbeit. Die Bayern interpretieren das zu ihren Gunsten: Die Hierarchieprobleme der jüngeren Vergangenheit scheinen behoben zu sein, das liegt auch an den Führungsqualitäten Mark van Bommels. Das Mittelfeld indes ist wenig meisterlich, die Abwehr dagegen bewegt sich auf gefühltem UI-Cup-Niveau. (…) Der FC Bayern spielt Mittelmaß de luxe, gewinnt hin und wieder und bleibt vorn dabei – weil sich die Konkurrenten nicht entscheiden können, wer die schnellste Schnecke ist.“
Ohne Tränen keinen Titelgewinn
Jörg Hahn (FAZ) schüttelt den Kopf über die Klage des Schalkers Zlatan Bajramovic, der den Fans bei der Niederlage gegen Hamburg „wenig Fußballverstand“ nachgesagt hat: „Darf ein Theaterbesucher eine Aufführung schlecht finden ohne Regieausbildung, kann ein Konzertgast ohne Konservatoriumsabschluß das Orchester kritisieren? Warum eigentlich nicht? Der Kunde zahlt und schweigt, wenn es ihm nicht gemundet hat? Nie und nimmer. Wenn der Braten versalzen ist, kommt schließlich auch nicht der Koch aus der Küche, um seinen Gast zu beschimpfen. In den besseren Häusern zumindest wird das so gehalten. Und die Schalker Arena ist doch auch keine Pommesbude, wo man weggejagt wird, wenn man sich über ein Tütchen ranziger Ware empört. Eine gefestigte Mannschaft setzt sich auch ohne Fan-Unterstützung oder gar trotz einer feindseligen Stimmungslage durch. Ein selbstsicherer Spieler läßt sich durch die veröffentlichte Meinung nicht ins Bockshorn jagen. (…) Mal sehen, wie es dem Klub gelingt, dieses atmosphärische Zerwürfnis aus der Welt zu schaffen.“
Philipp Selldorf (SZ) will so etwas wie eine Schalker Lust am Leid erkannt haben: „Es gab führende Klubfunktionäre, die sich genau daran erfreuten, daß dieses Spiel die Geschichte des Vereins auf die einzig angemessene Art fortgeschrieben hätte. In Schalkes Historie ist das Tragische eine Konstante, und das 0:2 empfanden viele Anhänger tatsächlich wie einen Schicksalsschlag in der Familie. Die von der herrschenden Meinung abweichende These des Schalker Vorstandsmannes lautete daher: Ohne Tränen gibt es auch keinen Titelgewinn.“
Erster Schritt
Christian Kamp (FAZ) nimmt das 3:0 Bremens gegen Bochum unter die Lupe: „Werders Versuch, nach der Pause eine souveräne Spitzenmannschaft zu geben, mißlang gründlich. Was als Spielkontrolle gedacht war, drohte wie so oft in den Vorwochen zu einem Gegentor zu führen. Werder Bremen benötigte letztlich eine Portion Glück, um den ersten Schritt aus dem Februar-Tief erfolgreich hinter sich zu bringen. Dazu beigetragen hatte auch eines der größten Sorgenkinder der vergangenen Wochen, Nationalstürmer Klose. So unglücklich er vor dem Tor auch agierte, seine Qualitäten als Vorbereiter bewies Klose nachhaltig.“
Philipp Selldorf (SZ) lobt zwei Leverkusener nach dem 3:1 gegen Stuttgart besonders: „Hätte Bayer 04 von den Besuchern nachträglich einen Bernd-Schneider-Zuschlag erhoben, wäre wohl eine Menge Geld zusammengekommen. Immer wenn man meinte, daß ihm jetzt aber nicht schon wieder eine brillante Idee kommen könne, machte er das nächste Mal einen schönen Trick, eine Drehung, einen Haken und spielte den perfekten Paß. 33 Jahre ist Schneider alt, und man sollte hoffen, daß er der Bundesliga noch viele Jahrzehnte erhalten bleibt. Mindestens. Ähnliches ließe sich über René Adler sagen, der zwar erst zwei Bundesligaspiele absolviert hat, aber bereits eine Berühmtheit ist. Die Paraden des Torwarts in der Spätphase des Spiels retteten Bayer den Sieg. Hans-Jörg Butt mußte es auf der Bank ertragen. Bitter für ihn, daß er nach einem im Dienst der Mannschaft erlittenen Feldverweis seinen Stammplatz an einen Jüngeren verloren hat. Am bittersten aber ist wohl, daß er sich darüber nicht einmal ernsthaft beschweren kann.“
BLZ: Die Probleme der Hertha
FAS-Interview mit Ottmar Hitzfeld
FAZ: Frank Rost – von 0 auf 1
FAZ-Interview mit Hans Meyer
FR-Interview mit Martin Kind über die überwundene Disharmonie in Hannover und seinen Wunsch nach einer Lizenzreform der Liga
Dienstag, 4. September 2007
Internationaler Fußball
Verfechter der guten alten Werte
Hanspeter Künzler (ZZ) schildert die zweischneidige Anziehungskraft Roy Keanes, der als Trainer mit Sunderland in die Premier League aufgestiegen ist: „Er verkörperte so ziemlich alle Eigenschaften, die Manchester United eine Dekade lang zum fußballerischen Hassobjekt Nummer eins gemacht hatten. Dazu gehörten ein pathologischer Ehrgeiz, ein oft fast schon ins Fiese gehender Körpereinsatz und das Talent zum Simulieren. Andererseits war Keane ein Spieler seltener Brillanz. (…) Angesichts seines Helden-Images wird nun weitherum erwartet, dass der Ligaerhalt sicher sei. Denn Keane ist zur Sinnfigur geworden für alle Verfechter der ‚guten alten Werte‘ des körperbetonten, auf die ‚Jeder für jeden‘-Mentalität bauenden, jenseits finanzieller Gier handelnden britischen Fußballs.“
Bei Raphael Honigstein (FR) heißt es über ManU gegen Sunderland: „Das Spiel ging zwar aus seiner Sicht mit 0:1 verloren, doch die Rückkehr von Roy Keane ins Old Trafford gestaltete sich zu einem persönlichen Triumph. Die Manchester-United-Fans riefen den Namen ihres Ex-Kapitäns sehr viel lauter als die der aktuellen Spieler, und selbst Alex Ferguson taten ein bisschen die Ohren weh; der United-Trainer muss fürchten, dass ihn sein ehemaliger Spieler auf kurz oder lang auf dem Chefsessel ablösen könnte.“
Pfui!
Sensationelle Frühform
Georg Bucher (NZZ) kommentiert den äußerst gelungenen Einstand Bernd Schusters bei Real Madrid, 5:0-Sieger in Villareal, letzte Woche 3:0-Sieger gegen Valencia: „Das Wort ‚Galacticos‘ macht wieder die Runde, erinnert an VIPs in kurzen Hosen, an Figo, Zidane und Beckham, um nur einige zu nennen. Ablösesummen und Saläre aus galaktischen Dimensionen rechtfertigten ein hierarchisches Prinzip, den Vorrang des Einzelnen vor dem Ensemble, der Show vor dem Arbeitseinsatz. Bis das Kartenhaus zusammenfiel und Fabio Capello zum Recycling gerufen wurde: Ein Albtraum für die Madrilenen. Unter Schuster sind die beiden Ebenen verschmolzen. Individuen stellen sich in den Dienst der Mannschaft. (…) Allerdings birgt die geradezu sensationelle Frühform Gefahren. Allfällige Rückschläge sind angesichts der ins Unermessliche gestiegenen Erwartungen kaum abzufedern. Glücklich schätzen darf sich Barças Trainer Frank Rijkaard, dass nun der Erzrivale im Mittelpunkt steht.“
Die Highlights – oder die Lowlights, wenn Sie das Spiel im gelben Trikot schauen
Religiöse Hoffnung auf eine Klimaverbesserung
Peter Hartmann (NZZ) schreibt über das 5:0 Neapels in Udinese: „In der von der Camorra lahmgelegten Millionenstadt Neapel brennen nicht nur die unentsorgten Müllberge, sondern es glimmt auch wieder eine Art von fast religiöser Hoffnung auf eine Klimaverbesserung durch den Fußball. (…) Das Resultat ist jedoch zu relativieren: Es rächt sich nun, dass Udineses Torhüter De Sanctis sich aus dem Vertrag kaufte und zum FC Sevilla wechselte; der 37-jährige Lückenbüßer Chimenti präsentierte sich als Schießbudenfigur.“
Fünf mal Napoli
« spätere Artikel — frühere Artikel »