Dienstag, 4. September 2007
Bundesliga
Träge, unpräzise, verkrampft
Nachtrag zum 4. Spieltag: die Sonntagsspiele in Karlsruhe, wo der Meister Stuttgart seine Mängel offenbart, und in Hamburg, wo dem Schiedsrichter das Leben von den Bayern schon vor dem Spiel schwer gemacht worden ist
Beim 0:1 in Karlsruhe erstellt Michael Ashelm (FAZ) eine Stuttgarter Mängelliste: „Auf dem Platz zeigt sich momentan eine Mannschaft, die dem schnellen, kombinationssicheren, zielstrebigen Kick der vergangenen Spielzeit nicht mehr entspricht. Träge in der Vorwärtsbewegung, unpräzise im Zuspiel und verkrampft beim Abschluss. Zwar argumentieren die Schwaben damit, dass sie auf wichtige Kräfte wie Cacau, Bastürk oder Delpierre wegen Verletzungen verzichten müssen; zudem sind andere lädierte Profis wie Gomez, Khedira und Boka gerade erst wieder fit geworden. Allerdings war der Stuttgarter Kader vor der Saison speziell dafür aufgerüstet worden, um der Doppelbelastung von Champions League und Bundesliga zu begegnen. Zudem dürfte die lethargische Spielweise von Karlsruhe mit den Personalproblemen sowieso nur am Rande etwas zu tun haben. Trainer Veh glaubt deshalb auch an eine ‚Kopf-Sache‘, neben fehlender Fitness oder mangelndem Spielverständnis zwischen neuen und alten Spielern. (…) Es ist eine der spannendsten Fragen in der Bundesliga, ob und wie schnell sich der Meister aus der verqueren Situation befreien kann.“
Tobias Schächter (SZ) stimmt ein: „Seit Saisonbeginn ringt der VfB um die Form, die eines Meisters würdig ist. Vier Punkte haben die Schwaben nach vier Spieltagen, so stotternd kam letztmals der 1. FC Nürnberg vor 39 Jahren als Meister in eine Saison. Dass der Start schwierig werden würde nach einer Vorbereitung mit vielen Verletzten und späten Zugängen, war Veh bewusst. Dass der VfB aber wie vor zwei Wochen in Berlin auch in Karlsruhe eine überlegen geführte Partie aus der Hand gab, sorgte für nachhaltige Irritationen.“
Sorge über eine plötzliche Sympathie
Wie gegen die Bayern bestehen? Frank Heike (FAZ) empfiehlt das Hamburger Spiel (1:1) als Anschauungsunterricht: „Der HSV hat vorgeführt, wie die Bayern zu stoppen sein könnten – wobei ja auch niemand ernsthaft erwarten konnte, dass die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld weiterhin ohne Punktverluste und Gegentore durch die Liga fliegt. Jetzt sind die Erwartungen an die mit 70 Millionen Euro verstärkte Mannschaft wieder etwas geringer, die Bayern sind irdische Wesen geworden, und Hitzfeld hat ein paar Dinge, die er üben lassen, die er kritisieren kann. Es ist gut, schon zu Beginn der Saison auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, bevor eine Mannschaft zu viel von sich hält. Mit großem Einsatz und viel Energie, taktisch bestens eingestellt und von den Hamburger Fans angetrieben, verlangte der HSV den Bayern alles ab und hatte mehr verdient als den einen Punkt. Das Remis in einem guten und unterhaltsamen Spiel darf als Signal für die Liga betrachtet werden: Natürlich sind die Bayern keine perfekt programmierten Siegesroboter. So dürften einige der auf der Tribüne sitzenden Bundesligatrainer die bevorstehende Tagung in Hamburg etwas fröhlicher begonnen haben – Mirko Slomka etwa, der in zwei Wochen mit seinen Schalkern nach München reist und sich beim HSV abschauen konnte, wie ein laufstarkes Mittelfeld mit zwei bissigen ‚6ern‘ (de Jong und Jarolim) den Bayern die Lust am Spiel nahm.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) versetzt sich in die Lage des Schiedsrichters bei einem Bayern-Spiel und erläutert, was Uli Hoeneß angerichtet hat: „Zu begrüßen ist, dass die Liga jetzt nicht nur eine Länderspiel-, sondern vielleicht auch eine kleine Denkpause einlegt. Wenn sie sich wiedertrifft, wird zu prüfen sein, ob die Liga das, was da jüngst in Gang gesetzt wurde, auf Dauer wirklich aushält. Denn am ärmsten dran in diesem Debattenumfeld über die Macht des Zweikampfes sind, das zeigte sich am Beispiel des Florian Meyer, nicht die Spieler – es sind die Schiedsrichter. Sehr früh hatte Meyer sein Instrumentarium an Gelben Karten aktiviert. So wurde zwar Dampf abgelassen, aber auch zu Lasten der Münchner selbst, von deren viel bestauntem Spielfluss – unter Einfluss der vielen Pfiffe – kaum etwas zu sehen war. Insofern laufen die Bayern Gefahr, dass sich die selbst inszenierte Wildwest-Debatte auch gegen sie und ihre neue Hochkultur wendet. Viel richtig machen kann einer wie Meyer momentan nicht. Alles, was einer pfeift, wird gegen ihn verwendet. Pfeift er pro Bayern, tobt das HSV-Volk, er sei Uli Hoeneß auf den Leim gegangen. Pfeift er contra Bayern, fühlen diese sich nicht angemessen beaufsichtigt. Jeder Pfiff ist derzeit etwas ganz Besonderes, er wird auf einer Ebene interpretiert, für die der Schiedsrichter nichts kann.“
Klaus Bellstedt (stern.de) befasst sich mit der bayernfeindlichen Stimmung im Volkspark: „Den vermeintlichen Über-Bayern schlug auf den Rängen eine Hass-Atmosphäre entgegen, die junge Spieler wie Lell, Lahm oder Altintop vermutlich so noch nie erlebt hatten – und sie beeindrucken musste. Wenn dann noch ein Unparteiischer im Zweifel eher für Rot entscheidet, wie Meyer, dann dürften die Auswärtsspiele für den deutschen Rekordmeister in Zukunft noch einen Tick ungemütlicher werden, als sie es ohnehin schon sind. Uli Hoeneß mag das nicht groß interessieren, aber auf Dauer könnte die wissenschaftlich erwiesene Wechselwirkung zwischen Tribüne und Spielfeld für die Bayern ein Problem werden. Aber das haben sie sich dann selbst zuzuschreiben.“
Peter Unfried (Spiegel Online) sucht noch nach der richtigen Haltung gegenüber dem erneuerten FC Bayern: „52,73 Prozent der deutschen Fußball-Interessierten definieren ihre Beschäftigung mit der Bundesliga primär über eine herzliche Abneigung gegen den FC Bayern München. Dass diese guten Menschen nun ein echtes Problem bekommen, weil die Bayern plötzlich großartig Fußball spielen und sympathisch geworden sind, stand zuletzt in jeder Regionalzeitung. Ich selbst habe es auch schon mehrfach behauptet. Aber stimmt es wirklich? (…) Was die Sorge über die plötzliche Sympathie für Bayern betrifft, so darf man vielleicht noch mal dran erinnern, dass es nicht eben als ’sympathisch‘ gilt, mit über hundert Millionen (Ablöse und Verträge) zu schmeißen, um fair erworbenen sportlichen Rückstand auszugleichen. Man sollte auch nicht befürchten, dass Ribérys faszinierende Kunststücke Hoeneß und Kahn dauerhaft lächeln und schweigen lassen. Vor allem ist es ja auch so, dass Übermannschaften grade deshalb in Krisen geraten, weil sie Übermannschaften sind. Wem das zu vage klingt, der hat recht: Das ist zunächst nur ein inhaltlicher, nicht genauer zu definierender Platzhalter für eine Hoffnung. Das Neue ist tatsächlich, dass die Bayern in diesem Jahr nicht nur ein Liebes- oder Hassobjekt sind. Sondern das Fußballprojekt, dessen Entwicklung man im Detail verfolgen will. Aber: Bekanntlich ist die erste Frage aller Fußball-Interessierten stets: ‚Und, wie hat Bayern gespielt?‘ Man stelle sich vor, die Antwort lautete künftig regelmäßig: ‚Großartig.‘ Wäre das nicht der Horror?“
Alles ist möglich
Stefan Osterhaus (NZZ) hat keine Ahnung, wohin der Wolfsburger Weg unter Felix Magath führen wird: „Damals, im Hamburger SV, unter Ernst Happel, lernte der Spieler Magath kennen, was er als Ideal des Profifußballs empfand: Einen Spitzentrainer, der sein Umfeld beherrschte. Einen, dessen Entscheide, wirkten sie auch despotisch, unangefochten waren. Ein Team, das verinnerlichte, was der Alte wollte. Der Erfolg versöhnte die unterschiedlichsten Charaktere; Happels Verständnis von Strategie und Taktik bescherte Titel um Titel. Am Ende übertölpelte ein Hamburger Zoff im Juve-Tor zum Siegtreffer im Cup der Landesmeister – Magath. Jetzt ist er auf der Suche nach dem verlorenen Nest – vergeblich, in Hamburg, in Bremen. In Frankfurt, wo ihm ein Spieler hinterherrief, er wisse zwar nicht, ob Magath die ‚Titanic‘ gerettet hätte, doch die Überlebenden wären topfit gewesen. In Stuttgart aber, wo er kein Geld hatte, brachte er den Nachwuchs auf Trab. Angekommen in München, dem trügerischen Mekka aller Erfolgsuchenden, geriet der Leitwolf zwischen lauter Alphatiere. Uli Hoeneß, der Manager, diktierte die Transfers. Zwei Mal gewann das ‚Superhirn‘ (SZ) das Double. Doch der Rauswurf im Winter wirkte wie programmiert. Er war kein Trainer für die Bayern. Am Wochenende unterlag der teuer aufgerüstete VfL Wolfsburg der Berliner Reste-Fraktion 1:2. Plakate verkündeten die Spanne der Optionen: Abstieg oder Champions League. Wolfsburg unter der Regentschaft des Felix Magath im Jahre 2007. Alles ist möglich.“
Gute, alte Zeit – ob sie jemals wiederkehrt?
Montag, 3. September 2007
Bundesliga
Bayern zum ersten Mal in dieser Saison gefordert
Pressestimmen zum 4. Spieltag: Erleichterung über die Verwundbarkeit der Münchner / Diego wiederholt starke Leistung / Torwartmesse in Schalke / Blumen für Lucien Favre, Disteln für Felix Magath / Leiden mit Rostock
Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) erkennt beim 1:1 in Hamburg die alten Werte der neuen Bayern: „Der HSV fügte sich zu keinem Moment in die ihm eigentlich zugedachte Opferrolle, rang den Münchnern in zähen Zweikämpfen erst jeden Meter und zuletzt ein Unentschieden ab. Die Bayern zeigten nicht ihr neues, offensiv- und kombinationsstarkes Gesicht, sondern die alte, hässliche Fratze des Ergebnisfußballs. Die Hamburger gingen deutlich aktiver ins Spiel als ihre Gegner. Sie waren häufiger in Ballbesitz, und es gelang ihnen, Franck Ribéry nahezu vollständig auszuschalten. (…) Nicht nur die gestrige Spielweise, sondern besonders Kloses Treffer erinnert an frühere Zeiten der Bayern: nicht viel tun, mehr Druck auf den Schiedsrichter ausüben als auf den Gegner – und dann dank eines ‚Lucky Punch‘ gewinnen.“
In der SZ lesen wir: Es war ein zweikampfintensives Spiel, aber böse Absichten waren zunächst keiner der beiden Parteien zu unterstellen. Dennoch hatte die Debatte das Spiel verändert: Pfiff Schiedsrichter Florian Meyer Freistoß für den FC Bayern, warf ihm das Publikum sofort eine Bevorzugung der Münchner vor – pfiff er für Hamburg, warfen sie ihm vor, dass er dem zuständigen Münchner Sünder nicht gleich Gelb zeigte.“
Auch Stefan Osterhaus (NZZ) weist auf die Begleitumstände des Spiels hin: „Auffällig gut war die Leistung des Schiedsrichters Meyer, der sich absolut unbeeindruckt vom Manöver Uli Hoeneß‘ zeigte. Der hatte gefordert, die Bayern-Stars unter Artenschutz zu stellen. Meyer aber ließ ein Spiel mit vielen Zweikämpfen zu, und so kam es, dass die Münchner erstmals in dieser Saison überhaupt gefordert wurden. Lediglich Bastian Schweinsteiger leistete sich ein Foul, für welches der Bayern-Manager gern hohe Strafen verhängt sehen würde. Aber beim eigenen Mann ist es natürlich was anderes.“
Mehr über dieses Spiel und den KSC-Sieg gegen Stuttgart am Dienstag
Das haben wir gerne: erst beschweren, dann treten und am Ende unschuldig die Hände heben – Schweinsteigers auffälligste Aktion in Hamburg. Was sagst Du jetzt, Hoeneß?
Gala
Wenn Diego spielt, so wie er es im Moment, auch wieder beim 2:1 gegen Frankfurt tut, schlägt Frank Heikes (FAZ) Herz schneller: „Es wird spannend sein, wie Diego mit dem neuen, dem eigentlichen Bremer Mittelfeld spielt, denn an der Seite der unscheinbaren Vranjes, Jensen und Baumann fällt seine Genialität noch mehr auf. Es war ein Gala-Auftritt Diegos, gewürzt mit viel Einsatz und Kampf, im Grunde die Verlängerung von Zagreb, nur ohne Elfmetertore. Der Frankfurter Spielmacher Streit schrumpfte neben Diego auf Kindergröße, obwohl er sich für einen Nationalspieler hält. Höhepunkt des Nachmittags war Diegos Zuspiel mit dem Rücken: eine Bundesliga-Premiere. Diego wird längst verehrt wie Klose in seinen besten Zeiten. Weinende Mädchen mit seinem Autogramm auf der Kappe, Handy-Fotos, Gekreische, ein Baby mit seiner Unterschrift auf dem Strampelanzug: der kurze Weg von der Kabine zum Auto dauerte zehn Minuten für Bremens Superstar.“
So was wie Diegos zauberhaften Rücken-Pass hat man in Deutschland noch nicht gesehen. Das Bremer Publikum goutiert es mit Bravo-Rufen.
Kommende Tor-Männer für die Nationalelf
Nach dem 1:1 gegen Leverkusen vermisst Richard Leipold (FAZ) Schalker Ertrag: „Während Bayer sich nach einem schwachen Start aufzurappeln beginnt, hat bei Schalke Stagnation eingesetzt. Der vermeintlich stärkste Konkurrent des FC Bayern München hatte sich mit einem Unentschieden in Stuttgart und einem überzeugenden Sieg über Dortmund eine gute Grundlage geschaffen, es aber versäumt, darauf etwas aufzubauen. Gegen Leverkusen kam schon zum dritten Mal in der noch jungen Saison in einem 1:1 zum Ausdruck, wie unentschieden die Mannschaft dem Projekt, die Bayern zu jagen, gegenübersteht. Einerseits sind die Schalker nach vier Runden noch ungeschlagen, andererseits fehlt es ihnen an Punkten, um als ernsthafter Herausforderer der Münchner zu gelten. Die ‚Königsblauen‘ spielen nicht etwa schlecht, sie schießen nur schlecht. Freistoß Pander, Kopfball Kuranyi, Tor – dieses probate Standardformat genügt nicht, um von der Stelle zu kommen, wenn alle anderen Vollstreckungsarten zum Scheitern verurteilt sind. Dieser Befund überschattet die positiven Signale, die der Vorjahreszweite auf dem Platz sendet. (…) Was Schalke als Bayernjäger wirklich wert ist, wird sich am nächsten Spieltag zeigen – in München.“
Auch Philipp Selldorf (SZ) zweifelt an der Durchschlagskraft Schalkes, stellt aber die gute Leistung des gegnerischen Torhüters in Rechnung: „Genügt Schalkes moderat ergänzter Kader dem Champions-League-Programm und dem Anspruch, Bayern München zu bedrohen? Westermann und Rodriguez konnten die Stammkräfte Bordon und Krstajic nicht auf deren Niveau ersetzen. In Gestalt von Spielern wie Özil, 18, oder Rakitic, 19, ist zwar viel produktive Begabung vorhanden, aber auch viel altersbedingte Unstetigkeit. Und das prinzipielle Problem mangelnder Effizienz – das Leitmotiv des Saisonstarts – steigert sich dadurch, dass im Angriff der spielende Mittelstürmer Kuranyi mehr oder weniger allein die Verantwortung fürs Toreschießen trägt. (…) Kleine Hoffnung: Wenn Schalke bei Bayern München den Anschluss herzustellen sucht, dann wird kein René Adler im Tor stehen, sondern nur ein Titan.“
Schalke gegen Leverkusen – für Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) eine Torwartmesse: „Selten haben zwei sich gegenüber stehende Torhüter in der Bundesliga so selbstverständlich auch als Feldspieler agiert. Nicht nur in der Rolle des Bälle abfangenden Liberos hinter der Viererkette, sondern auch als versierte Spieleröffner. Dort im Mittelfeld, wo es oft um Zentimeter geht, hat diese Exaktheit mittlerweile eine enorme Bedeutung. Natürlich gelten René Adler und Manuel Neuer längst als die kommenden Männer für die Nationalmannschaft. Und was ihre internationale Zukunft betrifft, beginnt für die beiden gerade jetzt eine wichtige Phase. Denn nach der EM tritt Jens Lehmann zurück, dann wird die Torhüterhierarchie im deutschen Fußball neu geordnet, und wer sich jetzt die günstigste Position erarbeitet, der hat vielleicht sogar die Chance, Timo Hildebrand und Robert Enke bereits in einem Jahr zu überflügeln.“
Letzter Treffer für Mittelstürmer Hoeneß
Claudio Catuogno (SZ) lobt die kreative Ordnung des Berliner Trainers (und meint auch die fehlende dessen Gegenübers): „Lucien Favre wirkt zwar manchmal ein bisschen hilflos, weil vieles noch nicht ganz harmoniert im Spiel der Berliner. Aber gleichzeitig strahlt er mit seinen Anweisungen so viel Autorität und Sachverstand aus wie der Dirigent im Orchestergraben. Er liest das Spiel wie eine Partitur und entwickelt es simultan weiter. Wenn ein Hertha-Spieler gerade zufällig an der Trainerbank vorbeitrabt, hält ihm Favre gerne mal einen Block mit seinen neuesten Skizzen unter die Nase. Es hat wohl viel mit diesem neuen Trainer zu tun, dass sich Hertha BSC beim 2:1 so signifikant vom unterlegenen VfL Wolfsburg unterschied. Weil im Spiel der Berliner eine taktische Idee sichtbar und ein Plan erkennbar wurde, weil man die Handlungsanweisungen ahnte, die Favre wie ein Netz über seine Mannschaft zu ziehen versucht.“
Matthias Wolf (FAZ) hüstelt angesichts dessen, dass Dieter Hoeneß wieder das Wort Champions League in den Mund nimmt, und ärgert sich über Felix Magaths Aussagen nach dem Spiel: „Nanu! Bei Hertha gibt es wieder einen richtigen Strategieplan. Seit über einem Jahr haben sie keine offiziellen sportlichen Ziele mehr verkündet. Nun nehmen sie gleich die Königsklasse ins Visier. (..) Die zuletzt so graue Hertha schreibt wieder hübsche Geschichten. Vom VfL Wolfsburg kann man das nicht behaupten. Magath zeigte sich als schlechter Verlierer. Seine Ausführungen zum ideenlosen Spiel seiner Elf begann er damit, dass er auf den Hauptsponsor der Herthaner schimpfte – der Volkswagen-Werksklub war mit der Bahn angereist und hatte drei Stunden benötigt statt nur einer. ‚Man hat uns hin und her gefahren. Da kann ich meiner Mannschaft fast keinen Vorwurf machen, dass sie nicht ins Spiel gekommen ist.‘ Was der Trainer verschwieg: Weil sein Team schon am Vorabend angereist war, verkam die Ausrede zur Lachnummer. Peinlich auch, wie er dünnhäutig einen Fragesteller angriff, der nach seiner Zufriedenheit ob der hohen Transfer-Investitionen fragte. ‚Das ist dummes Zeug, was Sie hier erzählen.‘ Stattdessen wollte er für einige Transfers nicht die Verantwortung übernehmen und übte sich in Parolen. ‚Wir sind mit der neuen Mannschaft zufrieden und haben keine Unruhe oder Sorgen.‘ Glaubwürdig klang das nicht.“
Marcel Reif (Tagesspiegel am Sonntag) bemerkt zu den gegenläufigen Entwicklungen in Wolfsburg und Berlin: „Fangen wir mit den Wolfsburgern an. Dort haben sie offensichtlich endlich eingesehen, dass ihr bisheriges Bundesliga-Schaffen im Planungsstab von keinerlei sportlicher Kompetenz begleitet war. Da haben sie Felix Magath erst einmal mit VW und Audi überredet, dass Wolfsburg viel schöner ist als Real Madrid und ihn zum Felix Almighty gemacht. Das mutet ein bisschen mittelalterlich an mit einem Patriarchen, der über alles, bis runter zur Höhe des Rasenschnitts, das letzte Wort hat. Aber bitte, wenn’s der Wahrheitsfindung dient, bisher diente es nicht. Und Hertha? Da haben sie gerade das Modell der Alleinherrschaft aufgegeben, und siehe: Manager Dieter Almighty kann loslassen. Und dies auch mit einem erstaunlichen Ansatz: Wenn es heißt, dass man in der Mitte des Flusses die Pferde nicht wechseln sollte, dann muss man wohl sagen, dass Hertha sie dort erst bestiegen hat. So spät dürfte wohl noch nie ein nahezu kompletter Kader aufgestellt worden sein.“
Christof Kneer (SZ) kommentiert aus der Fußballhauptstadt den Fußball der politischen Hauptstadt: „In Berlin wird wieder über Fußball gesprochen, und das ist auch gut so. Viele Jahre steckte Hertha in der Berlin-Falle fest: Wie die Stadt, so wollte auch der Klub dringend etwas sein, er wusste nur nicht genau was. Erst wollte die Hertha wie die deutsche Einheit aussehen, worauf sie Profis aus Ostdeutschland (Rehmer, Wosz, Tretschok) kaufte. Dann wollte sie wie Brasilien aussehen, aber als Brasilien plötzlich aussah wie der schwer erziehbare Alex Alves, wollte Hertha doch lieber ein Charakterkopf sein – und als die Charakterköpfe Bobic und Kovac kleinlaut die Stadt verließen, sollte es der eigene Nachwuchs richten. Und die Trainer sollten immer Anzug tragen, sogar der arme Huub Stevens, der in seinem Blaumann aus Schalke kam. Sie haben alles durchprobiert in Berlin, nun probieren sie es zur Abwechslung mal mit Fußball. Im letzten Jahr hat das Land ja gelernt, wie wichtig die Besetzung der Trainerbank ist, und womöglich ist dem Mittelstürmer Hoeneß ein letzter Treffer gelungen. Sein neuer Trainer Favre moderiert freundlich wie Löw, reformiert knallhart wie Klinsmann – und einen Anzug trägt er auch noch.“
Ausgedünnte Fußballregion
Rostock und Cottbus am Ende der Tabelle – Michael Horeni (FAZ) findet nicht viel Blühendes im Fußballosten: „Glück lässt sich im Fußball kaufen, aber eben nicht von allen. Und so kommt das Profi-Prekariat des deutschen Fußballs auch nach bald siebzehn Jahren Einheit verlässlich aus dem Osten. Auch in der zweiten Liga gibt es für Erzgebirge Aue und Carl Zeiss Jena gegen eine Übermacht aus dem Westen auf lange Sicht keine ernsthafte Aufstiegsperspektive. Die ganze Kraft geht dafür drauf, wenigstens den zweitklassigen Status zu bewahren. Wie anregend wäre es da angesichts der zementierten Fußball-Teilung, wenn das ehrgeizigste Projekt im hochbezahlten deutschen Fußball derzeit nicht im Kraichgau auf den Weg gebracht würde, sondern, sagen wir mal, im Erzgebirge. In dieser Woche aber hat der Reißbrett-Zweitligaklub 1899 Hoffenheim des hochambitionierten SAP-Gründers Hopp vier ausländische Jungstars für sagenhafte zwanzig Millionen Euro verpflichtet. Das sind Dimensionen aus dem Silicon Valley des deutschen Fußballs, vor denen auf Dauer nicht nur Klubs aus dem Osten kapitulieren werden – aber diese ausgedünnte Fußballregion wird es härter als alle anderen treffen.“
Unlösbare Prüfung?
Arne Böcker (SZ) wertet das 0:1 gegen Dortmund als Rostocker Schritt nach vorne: „Zum Saisonstart fragte man sich in der Hansestadt, ob dem Aufstieg nicht doch ein Fehler im DFL-Computer zugrunde liegt. Verstärkung des Kaders? Manager Herbert Maronn durfte mit 500.000 Euro ungefähr den Betrag ausgeben, für den sie in Schalke mit Spielerberatern telefonieren. Euphorie ist in Mecklenburg ohnehin eine seltene Gefühlsregung, aber so nüchtern wie Hansa zog noch niemand in die Bundesliga ein. Die ersten drei Spiele bestätigten die Schwarzseher. In München, gegen Nürnberg und in Frankfurt hatte Hansa schon zur Halbzeit so gut wie verloren. Weil der Gegner vom Samstag, Borussia Dortmund, auch noch seinen Weg in die Saison sucht, schien alles auf einen langweiligen Nachmittag hinzudeuten. Doch 26.000 Zuschauer sahen ein gutes Bundesligaspiel. Zum ersten Mal in dieser Saison hievte sich Rostock auf Augenhöhe eines Gegners.“
Tobias Räther (FAZ) fügt hinzu: „Während die mit zwei Niederlagen in die Saison gestarteten Dortmunder nun beruhigter die nächsten Wochen angehen können, haben sich die Rostocker mit der vierten Niederlage nacheinander fürs Erste im Keller festgesetzt. Trotzdem herrscht an der Ostsee keine Krisenstimmung. Von den Rängen gab es kaum Pfiffe, vom Vorstand keine Worte der Beunruhigung, vom Trainer keine Kritik. Im Gegenteil. ‚Vom Auftreten her habe ich eine komplett andere Mannschaft gesehen‘, lobte der immer noch unumstrittene Trainer Frank Pagelsdorf die couragierte Vorstellung seiner Elf, die in den ersten drei Partien ziemlich stümperhaft und ängstlich aufgetreten war. (…) Die Rostocker haben gegen Dortmund lediglich bewiesen, dass sie inzwischen in der Bundesliga mithalten können; mehr nicht. Den Beweis, dass sie auch bestehen können, müssen sie erst noch erbringen.“ Timo Symanzik (taz) schließt pessimistisch: „Frank Pagelsdorf, der in Rostock nach zwei Aufstiegen in die Bundesliga als Messias verehrt wird, wirkt ratlos. Diesmal war zwar das Auftreten seiner Mannschaft deutlich engagierter – mehr aber auch nicht. Die Spielzeit für Rostock scheint zu einer unlösbaren Prüfung zu werden.“
Freitag, 31. August 2007
Champions League
Vorstoß in neue Dimension
Das 3:2 Werder Bremens in Zagreb schreibt die Presse hauptsächlich Diego zu
Christof Kneer (SZ) rückt Diego zurück ins Rampenlicht des deutschen Klubfußballs: „In den vergangenen Tagen hat die Liga einen Spieler neu entdeckt, den sie fast schon vergessen hatte. Diego hatte keine Chance mehr gegen den Liganeuling Franck Ribéry, dessen Tricks so genüsslich seziert wurden wie vor einem Jahr die Tricks des Liganeulings Diego. Aber wie schon am Samstag in Nürnberg, so hat sich Diego erst recht am Mittwoch sein Recht auf Anerkennung zurückerkämpft – mit einer Qualität, von der noch nicht bewiesen ist, ob Ribéry sie auch in diesem Maße hat. Diego kann von Glück sagen, dass er Brasilianer ist, sonst würde er bald von jenem Wortungetüm bedroht, das der Deutsche für seinesgleichen gern in Stellung bringt. Er wäre bald ein Führungsspieler. Unbestätigten Gerüchten zufolge sind die Bremer auch in Zagreb zu elft gewesen, aber in die Champions League gebracht hat sie Diego fast allein. Er hat gespielt, als wäre er außer Diego auch noch Borowski und Frings. Er hat jedem Winkel des Platzes einen Besuch abgestattet, für einen Techniker seiner Veranlagung war es ein geradezu rührend kämpferisches Spiel. Dass dieser Diego im Alter von 22 Jahren aber eine ganze Mannschaft vitalisieren und ziehen kann, diese Dimension hat sie in Bremen doch überrascht.“
Sven Bremer (Financial Times Deutschland) ergänzt, verweist aber auf eine Bremer Schwäche: „Dass der Brasilianer mit dem Ball schier unglaubliche Dinge macht, wusste man. Dass er eine Mannschaft auf so beeindruckende Art führen kann, sie mitreißen kann – das ist eine neue Erkenntnis. Auch die rustikale, bisweilen brutale Spielweise seines Bewachers Ognjen Vukojevic brachte den Bremer Spielmacher nicht aus dem Konzept. Wie selbstverständlich übernahm er beim ersten Strafstoß die Verantwortung, auch zum zweiten schritt er sehr gelassen – und verwandelte sicher wie spektakulär. Dass er maßgeblich an Boubacar Sanogos Treffer zum 2:1 beteiligt war, versteht sich von selbst. Solang die beiden Nationalspieler Frings und Borowski ausfallen, ist Werder von Diego abhängig. (…) Wie groß der Respekt von Real Madrid, Lazio Rom und Olympiakos Piräus vor Werder ist? Sicher wissen sie, wie schwer die Innenverteidiger Naldo und Per Mertesacker auszuspielen sind, auch wissen sie, dass Tim Wiese selbst unhaltbare Bälle fangen kann – und natürlich kennen sie Diego. Wenn Frings und Borowski wieder gesund sind, wenn sich der 8,5-Mio.-Euro-Einkauf Carlos Alberto akklimatisiert hat, verfügt Bremen über ein vorzeigbares Mittelfeld. Aber sie wissen auch, dass Werders Angriff nur wenig Schrecken verbreitet.“
Diego weiß, wo Elfmeter hingehören. Sein Tor könnte für Werder 15 Millionen wert sein.
NZZ: Michel Platini hat die Lancierung der Europacup-Saison im Fürstentum Monaco zum Anlass genommen, seine persönlichen Vorstellungen über eine reformierte Champions League ab 2009 ausgewählten Medien zu präsentieren
Unterhaus
Neuer Big Player?
Christoph Biermann (Spiegel Online) stöhnt, dass Hoffenheim durch seine Millionen-Transfers den falschen Vorbildern nacheifert: „Keiner der drei neuen Spieler ist älter als 22 Jahre. Das bedeutet, dass sie noch weiter ausgebildet werden müssen, dadurch aber auch wertvoller werden. Weil jedoch keiner von ihnen den deutschen Fußball kennt, und der Eduardo nicht einmal Europa, wird das Trio die Hoffenheimer nicht automatisch zu einem Favoriten auf den Aufstieg machen, wie viele jetzt schon meinen. Innerhalb weniger Tage ist jedoch klar geworden, wozu Hopps Club in der Lage ist. Hoffenheim ist nicht mehr der Ort (oder war es nie) für ein kuscheliges Experiment zur Neuerfindung des Fußballs, sondern hat nun gezeigt, aus dem Stand ein Big Player werden zu können. Das nun eingeleitete Turbowachstum wird etwaige Sympathien dämpfen. Zuvor konnte man vielleicht noch das Gefühl haben, dass Hoffenheim vielleicht ein SC Freiburg mit anderen Mitteln wäre, doch nun erscheint es eher wie ein weiterer VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen. Und der Bedarf danach ist doch schon gedeckt.“
Aufgehübscht
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) beäugt die TSG Hoffenheim, die für einen weiteren Ausländer Millionen auf dem Transfermarkt ausgegeben hat: „Vor gar nicht allzu langer Zeit war die TSG Hoffenheim das vielleicht spannendste Projekt im deutschen Fußball. Der Verein wollte den Beweis erbringen, dass Erfolg nicht von Zufällen abhängt, sondern einem Plan gehorcht. (…) Die TSG versucht geradezu verzweifelt, sich ein bisschen aufzuhübschen. Dazu passt auch, dass sie in diesem Sommer ihr Gründungsjahr 1899 in den Vereinsnamen aufgenommen hat – als Ausweis ihrer langen Tradition. Den Rest der Fußballwelt hat die TSG bisher trotzdem ziemlich gleichgültig gelassen. Das wird sich nun ändern. Das ehemalige Projekt wird zum ersten Mal so etwas wie Emotionen auslösen – bei ihren Gegnern wird es vornehmlich Neid und Verachtung sein. Aber vielleicht gehört auch das zum Plan.“
Donnerstag, 30. August 2007
Ascheplatz
Zum Siegen verdammt
Frank Heike (FAZ) befasst sich mit dem jüngsten immensen Personaltausch beim Hamburger SV, der heute im UI-Cup gegen Budapest auch um Geld spielt: „Dies beschreibt einen bedenkenswerten Zustand des Profi-Fußballs: Bei vielen Klubs ist Kontinuität im Kader ein Fremdwort. Während die Spitzenteams aus München (mit der Ausnahme in diesem Jahr), Bremen und Schalke ihre Mannschaften vorsichtig punktuell ändern, sind die Vereine auf dem Sprung nach vorn ungeduldig und allzeit bereit, Konzepte über den Haufen zu werfen – im Grunde nämlich mit jedem neuen Trainer, der neue Ideen, neue Verbindungen, neue Lieblingsspieler mitbringt: Hertha BSC Berlin, der HSV und der VfL Wolfsburg sind die besten/schlechtesten Beispiele dafür. Alle drei Vereine haben in diesem Sommer komplette Teams ausgetauscht. Der Rückblick auf die Horror-Serie hat für den HSV auch ein Gutes – das Ende nämlich. Unter Stevens wuchs der orientierungslose Hamburger Haufen zusammen; Stevens vermittelte der Mannschaft die notwendige Ernsthaftigkeit und brachte sie nach starker Rückrunde auf Rang 7. Über den verkürzten Hoffnungslauf namens UI-Cup stehen die Hamburger nun kurz vor dem unerwarteten Aufstieg. (…) Diese Mannschaft ist zum Siegen verdammt – weil finanziell alles auf Kante genäht ist beim Hamburger SV.“
Gesundbrunnen
Über die ökonomische Bedeutung der Champions-League-Qualifikation für Werder Bremen schreibt Heike (vor dem Spiel in Zagreb): „Für einen Verein in wirtschaftlich problematischer Randlage abseits der großen Geldströme, wie die Bremer es sind, ist die Champions League ein finanzieller Gesundbrunnen. Weil alles teurer geworden ist und es in den meisten Geschäftsfeldern, abgesehen von der Veräußerung des Stadionnamens, kaum mehr Luft gibt, ist die Partie bei Dinamo Zagreb von großer, wenn auch nicht existentieller Bedeutung. Sie [die Vereinschefs] wissen, dass die guten Plazierungen in der Bundesliga die Grundlage für Werders Wachstum sportlicher und wirtschaftlicher Natur sind, dass der Klub aber erst durch die Teilnahme an der Champions League zur international geachteten Adresse geworden ist und als die deutsche Nummer zwei hinter Bayern München wahrgenommen wird. Die Bremer Abhängigkeit von der Champions League ist dabei (wirtschaftlich) viel größer als die der Bayern: Der Umsatz der Münchner ist doppelt so hoch.
Wirtschaftlich unbedeutend
Christian Tretbar und Michael Rosentritt (Tagesspiegel) inspizieren das Uefa-Cup-Regelwerk: „Eine Reform ist dringend nötig, weil der Uefa-Pokal vor allem finanziell an Attraktivität eingebüßt hat. Während in der Champions League zweistellige Millionenbeträge gescheffelt werden, ist im Uefa-Cup seit Jahren wenig zu verdienen. Der AC Mailand kassierte zuletzt als Gewinner der Champions League 39,592 Millionen Euro. Der FC Sevilla bekam als Uefa-Cup-Sieger gerade mal 6,25 Millionen Euro. Schuld an dem Werteverfall ist auch die Uefa. So dürfen im Uefa-Cup auch Mannschaften mitspielen, die sich nur über eine Fairness-Statistik qualifiziert haben. Und nicht zuletzt werden auch noch die Gescheiterten der Champions League im Uefa-Cup untergebracht. Auch der Modus trägt nicht zur Attraktivität bei. Ursprünglich war der Uefa-Cup ein reiner K.-o.-Wettbewerb mit Hin- und Rückspiel. Bis 1998 wurde sogar das Finale in zwei Spielen ausgetragen. Vor drei Jahren glaubte die Uefa, die Reißleine ziehen zu müssen. Sie führte auch in diesem Wettbewerb eine Gruppenphase ein. Das sollte den Vereinen eine gewisse Planungssicherheit geben. Mit der Einführung von Hin- und Rückspielen soll wieder mehr Spannung erzeugt werden. Speziell in den großen Fußballnationen bezog der Uefa-Cup seinen einzig verbliebenen Reiz aus dem K.-o.-Modus. Die Reform tötete aber jede Spannung. In Ländern wie Spanien oder Italien werden bei Spielen im Uefa-Cup nicht mal mehr Fernsehkameras aufgestellt. In Deutschland stieg 2005 die ARD aus der Uefa-Cup-Übertragung aus. Grund: mangelnde Lukrativität. (…) Der Uefa-Cup in der jetzigen Form bleibt das Traumziel für die zweite Reihe von Fußballvereinen. Diese können im Uefa-Cup Sponsoren und Fans etwas internationales Flair bieten. Wirtschaftlich ist der Uefa-Cup schlicht unbedeutend.“
Aufgehübscht
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) beäugt die TSG Hoffenheim, die für einen weiteren Ausländer Millionen auf dem Transfermarkt ausgegeben hat: „Vor gar nicht allzu langer Zeit war die TSG Hoffenheim das vielleicht spannendste Projekt im deutschen Fußball. Der Verein wollte den Beweis erbringen, dass Erfolg nicht von Zufällen abhängt, sondern einem Plan gehorcht. (…) Die TSG versucht geradezu verzweifelt, sich ein bisschen aufzuhübschen. Dazu passt auch, dass sie in diesem Sommer ihr Gründungsjahr 1899 in den Vereinsnamen aufgenommen hat – als Ausweis ihrer langen Tradition. Den Rest der Fußballwelt hat die TSG bisher trotzdem ziemlich gleichgültig gelassen. Das wird sich nun ändern. Das ehemalige Projekt wird zum ersten Mal so etwas wie Emotionen auslösen – bei ihren Gegnern wird es vornehmlich Neid und Verachtung sein. Aber vielleicht gehört auch das zum Plan.“
BLZ: Sevilla versucht, den Tod des Fußballers Antonio Puerta zu begreifen
Mittwoch, 29. August 2007
Am Grünen Tisch
Geschnatter
Roland Zorn (FAZ) kritisiert den DFB-Präsidenten, der auf die Kritik der DFL am Adidas-Deal sehr gereizt reagiert hat: „Theo Zwanziger, meist ein umsichtiger Sachwalter der Verbandsinteressen, hat sich, anstatt die Dinge auch einmal im Dissens auf sich beruhen zu lassen, im Nachhinein gegen den Kollegen Ligaverbandsvorsitzenden positioniert und polarisierende Vorwürfe gegen Reinhard Rauball erhoben. Der Dortmunder hatte das Nein der Liga – nicht mitgetragen vom Klassenprimus und Adidas-Partner Bayern München – mit dem eilfertigen Zustandekommen des Abschlusses, der Länge des Kontrakts und dem möglicherweise entgangenen Geld für die Klubs begründet. Es gab gute Gründe, mit Adidas von Neuem abzuschließen; und es gab ebenso gute Gründe, dagegen zu stimmen. Dann aber wie Zwanziger im öffentlichen Raum mit dem ‚Gang zur Staatsanwaltschaft‘ zu spekulieren, um dem derzeit nirgendwo greifbaren Vorwurf der Untreue zu begegnen und nicht ‚in die Nähe einer strafbaren Handlung‘ gerückt zu werden, schadet der Sache und schadet dem Betriebsklima zwischen DFB und DFL. Der Liga zu unterstellen, eine ‚Konfliktstrategie zu fahren‘, und vom ‚unterschwelligen Vorwurf‘ zu sprechen, ‚wir hätten mit diesem Vergleichsabschluss das Vermögen des DFB vorsätzlich geschädigt‘, scheint wenig sinnvoll, denn nicht alle Streitfragen müssen im Zeichen der Konsensgesellschaft aufgelöst werden. Das Geschnatter auf dem öffentlichen Marktplatz ist zu Beginn der neuen Saison schon wieder derart gereizt und überlaut, als ginge es jedes Mal um alles.“
Vor diesem Hintergrund befasst sich Philipp Selldorf (SZ) mit dem Plan der Uefa, die Champions League zu reformieren und die nationalen Pokalsieger zuzulassen: „Die Beschlüsse werden an den Nerven der Funktionäre in DFB und DFL zerren, denn Teil eins des Reformprogramms führt zur massiven Aufwertung des DFB-Pokals. Darüber wird die Liga mit dem Verband reden müssen. Sie will eine Reform des Wettbewerbs, um zu verhindern, dass ein durch Losglück und die übliche Pokalanarchie siegreicher Zweitligist plötzlich in die Champions League einzieht – was wiederum die Position in der Fünfjahreswertung schwächen könnte. Überlegt wird daher, eine Sicherung durch Setzlisten oder Hin- und Rückspielmodus einzubauen. Dazu aber müsste sich der DFB als Herr des Pokals erst bereit finden, und diese Bereitschaft dürfte ihm wegen des Ausrüsterstreits eher schwer fallen.“
FR: Arsenal – Wenger stellt Lehmann in Frage
Dienstag, 28. August 2007
Am Grünen Tisch
Nicht die allerfeinsten Manieren
Wolfgang Hettfleisch (FR) kommentiert die heftige Reaktion Theo Zwanzigers („Ich bin tief verletzt“) auf die Kritik der DFL an der Entscheidung pro Adidas: „Das Verhältnis zwischen dem DFB und der abgenabelten Ligatochter DFL ist mit gestört noch reichlich höflich umschrieben. Dass für die Liga im Interesse ihrer Klubs der am höchsten dotierte Ausrüstervertrag auch der beste ist, versteht sich von selbst. Aber es ist weit weniger erklärlich, warum der frisch gekrönte Ligakönig Reinhard Rauball gleichsam als erste Amtshandlung dem DFB-Präsidenten mit Anlauf in den Allerwertesten tritt. Zumal Zwanziger ja gegen immense Widerstände im eigenen Laden fast verzweifelt versucht hat, den lukrativen Schwenk von Adidas zu Nike durchzusetzen. Dass ihm das nicht gelang, ist seine erste große Niederlage im Amt. Er hat sich auf eine Kraftprobe eingelassen, in der ihn seine juristische Sachkenntnis trog. Auch DFB-Präsidenten sind fehlbar. Dass die Liga anlässlich dieser für Zwanziger ohnehin bitteren Situation nun unnötig ein Fass aufmacht, zeugt nicht von allerfeinsten Manieren.“
FR: In nie gekannter Schärfe geht Zwanziger auf die DFL-Kritiker los
Unterhaus
Spannendes Experiment
Christoph Ruf (taz) wirbt bei den Fußballfans für Aufmerksamkeit an der TSG Hoffenheim: „Fraglos hat es hierzulande noch nie einen Verein gegeben, der mit so finanziellem Nachdruck seine Ambitionen in die Tat umzusetzen versuchte. Allerdings wäre es zu einfach, das Phänomen Hoffenheim nur auf die Millionen seines Präsidenten zu reduzieren. Die Weltstars, die mancher der TSG 1899 schon unterjubeln wollte, sucht man vergeblich im Kader. Aliaksandr Iashvili (jetzt KSC) und Sascha Rösler (Gladbach), Wunschspieler von Ralf Rangnick, entschieden sich gegen Hoffenheim. Der Coach selbst hat die Absagen auch mit einem lachenden Auge registriert. Er will sich nicht dem Verdacht aussetzen, ein Team zu trainieren, mit dem auch ein schlechter Trainer Erfolg hätte. (…) Zum Konzept von Rangnick gehört es, das höchstkarätige Funktionsteam der Republik zu beschäftigen. Jürgen Klinsmann hatte noch mittelschwere Erschütterungen ausgelöst, als er mit dem damaligen Hockeybundestrainer Bernhard Peters und dem Psychologen Hans Dieter Hermann Spezialisten an die Nationalmannschaft binden wollte. Heute arbeiten beide in Hoffenheim. Und da wäre noch die Nachwuchsarbeit des Zweitligisten, die bundesweit als vorbildlich gilt. Das Experiment 1899 Hoffenheim ist aberwitzig kostspielig. Das kann man unsympathisch finden. Und dennoch: Wer nicht gespannt ist, was die Leute um Ralf Rangnick und Bernhard Peters in den nächsten Jahren noch alles zu Stande bringen, hat wohl kein echtes Interesse an Fußball.“
Bundesliga
Kampagne
Klaus Bellstedt (stern.de) rät den Bayern dazu, es nicht mit Beschwerden über unfaire Gegner zu übertreiben: „Richtig ist, dass die Stars der Liga kein Freiwild sein dürfen. Sie sind es, die die Liga erst attraktiv machen und die Stadien füllen. Das öffentliche Jammern der Bayern über die Fouls gegen Ribéry verbunden mit dem Appell an die Schiedsrichter diesbezüglich in Zukunft mehr Sensibilität walten zu lassen, ist allerdings nicht nachvollziehbar. Oder doch? Hoeneß und Hitzfeld haben mit ihren Äußerungen längst Aufmerksamkeit erzeugt. Genau das wollten sie auch erreichen. Aber wo kommen wir eigentlich hin, wenn der FC Bayern für seine Spieler Unantastbarkeit beansprucht? Und was sollen eigentlich die Stuttgarter oder Bremer sagen? Deren Filigran-Techniker Hilbert und Diego stehen in der Foul-Statistik noch weit vor Ribéry. Die Bayern sollten die etwas stillose Freiwild-Debatte möglichst schnell wieder beerdigen und sich einfach nur am Spiel ihres neuen Superstars ergötzen.“
Philipp Selldorf (SZ) erkennt verdeckte Einflussnahme auf die Schiedsrichter: „Jenseits der entfesselten Rhetorik muss man Hoeneß‘ Vorstoß wohl als gezielte Kampagne verstehen, um die Referees zu verstärktem Personenschutz für seine neuen, teuren Bayern zu mobilisieren. Dass die Bayern mit Demichelis und van Bommel ihrerseits über Zweikämpfer der rigorosen Art verfügen und in Gestalt von Hitzfelds Vorgänger Felix Magath bis vor kurzem einen leidenschaftlichen Verfechter für mehr ‚internationale Härte‘ und großzügigere Regelauslegung beschäftigten, ergibt daher keinen Widerspruch.“
NZZ: Schwacher Start von Inter
NZZ: Saisonstart in Spanien – Barça und Valencia auf Abwegen
NZZ: Ganz Frankreich staunt: Den derzeit spektakulärsten Fußball bietet derzeit ein Klub mit dem bescheidenen Etat einem 60.000-Einwohner-Städtchen in der Südbretagne
Montag, 27. August 2007
Bundesliga
Dank Ribéry Erlebnis- statt Ergebnisfußball
Pressestimmen zum 3. Spieltag: Die Journalisten pflücken den Bayern und ihrem französischen Star Blumen / Sieh an, Bielefeld und Bochum / Dortmund wendet die höchste Gefahr ab / Bremen und Stuttgart mogeln sich zu ersten Siegen / Leverkusens Rückkehr zum Spielwitz
Klaus Hoeltzenbein (SZ) fürchtet angesichts der Stärke der Bayern um den Spannungsbogen der Liga: „Am vierten Spieltag ist der HSV dran, am fünften müssen die Schalker nach München, und wer die Bayern zuletzt wirbeln sah, wird vom Gefühl beschlichen, dass diese beiden Duelle bereits die dramaturgische Hürde sein könnten für die komplette Handlung der Saison. (…) Sollten die Bayern auch die Hürde HSV/Schalke nehmen, ließe sich die Meisterschaft vielleicht so fortsetzen: Der FC Bayern wird früh zum Meister 1a ernannt, die übrigen siebzehn ermitteln einen Meister 1b. Die Münchner gehen außer Konkurrenz auf eine lange Ehrenrunde, und alle schauen zu, was sie im Kurzpasswirbel lernen können. Ein Albtraum? Nun gut, noch ist die Saison nicht verloren. Und wenn doch? Zuschauen und genießen, bislang spielen diese Ribéryaner einfach sehr, sehr guten Fußball.“
Diese Bayern müsse jeder lieben, meint Hans-Joachim Leyenberg (FAZ): „Der Gigant der Saison 2007/2008 kommt so wunderbar schwerelos daher, dass alle über die Jahre wie in Stein gemeißelten Einschätzungen über den Fußball à la Bayern nicht mehr mit der heutigen Wirklichkeit in Einklang zu bringen sind. Die Boy-Group spielt einen so attraktiven Ball, dass sie selbst jene aus der Reserve lockt, die sich grundsätzlich nicht für den hiesigen Marktführer erwärmen möchten. So wie es halt Leute gibt, die aus Prinzip nicht auf den guten Stern aus Untertürkheim blicken wollen, wenn sie sich ans Steuer ihres Autos setzen. Aber dann kommen sie doch ins Schwanken, wenn es an eine Neuanschaffung geht und die Autobauer ein pfiffiges Gefährt mit allen nur erdenkbaren Vorzügen in die Welt setzen. So ertappt sich jetzt mancher Fußballfreund dabei, voller Vorfreude dem nächsten Auftritt der Artisten aus dem Süden der Republik entgegenzusehen. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verlieren, dass es irgendwo einen Gegenpol oder kleine revolutionäre Zellen geben möge, die dem Establishment in die Parade fahren mögen. Nein, und dreimal nein! Weil die Bayern Erlebnis- und nicht Ergebnisfußball praktizieren, sich nicht durchmogeln wie in ihren schlechteren Jahren. Plötzlich gibt es sogar so etwas wie Solidarität mit den Bayern, wenn da ein paar Grobiane versuchen, dem Spielfluss ein abruptes Ende zu bereiten.“
Ribéry ist mal wieder nur durch ein Foul zu bremsen. Hoeneß und Hitzfeld reagieren entsprechend mit wütenden Protestrufen.
Elisabeth Schlammerl (FAZ) schreibt über die Magie Franck Ribérys: „Die Allianz-Arena ist in dieser Saison endlich eine Erlebniswelt, ein Vergnügungspark, und die Hauptattraktion heißt Ribéry. Der kleine Franzose hat den Bayern die pure Lust am Fußball eingehaucht – und den Hang zum Ergebnisfußball ausgetrieben. Ribéry ist jede Tempoverschleppung zuwider, und er reißt die Kollegen einfach mit. (…) Die Bayern haben im Moment genau die richtige Mischung gefunden in ihrer Mannschaft zwischen künstlerischer Vielfalt und schnörkelloser Fußball-Arbeit.“
Gepumptes Glück
Jan Christian Müller (FR) verneigt sich vor den zwei derzeit besten Münchner Verfolgern: „In neun der elf Jahre seit 1996 spielte Bochum in der ersten Liga, Bielefeld brachte es im selben Zeitraum auf stolze acht. Diese Leistung beider Klubs ist nicht weniger hoch einzustufen als etwa das doppelte Double der Bayern 2005 und 2006, ach was, sogar höher – und viel, viel höher als der auf Pump erkaufte Titel von Borussia Dortmund 2002.“
Oskar Beck (Welt) streicht die Nüchternheit der Bochumer und Bielefelder heraus: „Die Saison befindet sich in einem Stadium, wo man sie noch nicht sonderlich ernst nehmen darf – zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr galten beispielweise die Stuttgarter wie sichere Absteiger, und in den Wettbüros hat die Fachwelt Haus und Hof darauf gesetzt, dass der VfB rasend schnell gezwungen sein würde, Armin Veh wegen erwiesener Unfähigkeit, Erfolglosigkeit und Gebrechlichkeit zu feuern. Mit Propheten, hat ein kluger Kopf einmal gesagt, unterhält man sich am besten drei Jahre später – bei Bochum und Bielefeld wissen wir vermutlich schon in drei Wochen mehr. Auf Dauer schießt nun einmal nicht die Gunst des Terminplans oder das Glück die Tore, sondern wieder das Geld. Deshalb hat Ernst Middendorp den nahenden Ernst des Lebens nicht aus den Augen verloren und tut alles, um jetzt nicht den großen Zampano und Hexer zu mimen. Statt mit seinen Arminen genüsslich auf Wolke sieben davonzuschweben, erzählt er ihnen, dass sie ihr gepumptes Glück, bittschön, richtig einordnen sollen – und sie ihre sieben tollen Punkte nur gewonnen haben, um am Ende nicht abzusteigen. Auch Koller erstickt jeden Koller im Keim. Wo der Gockel Peter Neururer früher schon gekräht und gegackert hat, noch ehe seine Bochumer Hühner ihr erstes Ei legten, lässt sich der Schweizer im Hochgefühl nicht von der tiefstehenden Sonne blenden, sondern weiß: Zu Beginn der Saison findet halt auch ein blindes Huhn mal ein Korn.“
Roland Zorn (FAZ) hält dem Hamburger Trainer nach dem 1:2 in Bochum einen Fehler vor: „Der HSV kann aus der Niederlage Lehren ziehen: Wie man zum Beispiel eine Mannschaft, aus der acht Profis zwei Tage zuvor bei Länderspielen ihrer Verbände gefordert waren, sinnvoll aufstellt. So, wie es der gewohnt bärbeißige Huub Stevens machte, führt der Weg nicht zwangsläufig zum Erfolg. Der HSV wirkte, kein Wunder, müde. So waren einige Hamburger erst am Tag des Bundesligaspiels von ihren internationalen Einsätzen eingetroffen. Marcel Koller agierte da schon schlauer. Auch der VfL hatte seine Nationalspieler von diversen Länderspielreisen in Empfang genommen. Koller aber reagierte prophylaktisch, stellte drei neue Spieler erstmals von Beginn an auf – und sah sich für seine kleine Rotation belohnt. Der HSV wird, sollte er sich für den Uefa-Cup qualifizieren, häufiger donnerstags international und samstags national spielen. Bochum war da nur ein Probelauf auf die eigene Belastbarkeit, aus dem Stevens Rückschlüsse ziehen konnte. Mehr Rotation, mehr Frische – das dürfte die Faustformel für eine unter schwierigen Umständen erfolgreichere Zukunft sein.“
Überzogene Hast
3:0 gegen Cottbus, Gefahr abgewendet – Richard Leipold (FAZ) erklärt, was für die Dortmunder auf dem Spiel stand: „Thomas Doll hatte sich nach einem Vertrauensbeweis gesehnt – und ihn bekommen. Die Fußballprofis von Borussia Dortmund beantworteten die Vertrauensfrage ihres Cheftrainers eindrucksvoll mit den Füßen. Sie spielten so, wie es Doll und vor allem die Fans sich von Anfang an gewünscht hätten: mutig, zielstrebig, schnell und vor allem erfolgreich. Die deutlichen Niederlagen an den ersten beiden Spieltagen hatten in Teilen der Medien schon Grundsatzfragen und Systemdiskussionen hervorgerufen. Der BVB lief früh Gefahr, nicht nur in ein sportliches, sondern auch in ein Stimmungstief zu geraten. Die Borussen begannen unverzüglich damit, mit hohem Einsatz die Spiel-Schulden abzutragen, die sie gegen Duisburg und Schalke angehäuft hatten.“
Freddie Röckenhaus (SZ) fand den Stil der Dortmunder „übertourig“: „Bei dem von Doll immer wider apostrophierten ‚Hochgeschwindigkeitsfußball‘ gibt es nach wie vor allzu viele Entgleisungen. Vor allem in der zweiten Halbzeit wirkte das Tempo bisweilen hektisch und ein wenig überdreht. Schnell zu spielen ist als Programm ja nicht schlecht, Dortmunds ICE-Tempo allerdings schien allzu oft die eigenen Möglichkeiten zu übersteigen. So präsentiert sich Dortmunds Fußball bisher zwischen pomadiger Überheblichkeit wie in den ersten beiden Spielen und überzogener Hast wie jetzt gegen Cottbus.“
Eigenlob zu dick aufgetragen
Daniel Theweleit (Financial Times Deutschland) entdeckt beim 3:0 gegen Karlsruhe das Rückgrat der spielfreudigen Leverkusener: „Da hatte sich einiges aufgestaut bei den ambitionierten Rheinländern, denen zum Start kein Tor und nur ein Punkt gelungen war. All dies entlud sich nun in einem sommerlichen Feuerwerk. Bernd Schneider glückte jeder noch so gewagte Trick, Kießling und Gekas waren immer schneller als ihre Gegenspieler, und Ramelow ergänzte das Spiel der Künstler durch die Schlichtheit seiner Aktionen. Vielleicht war Ramelows nüchterner Beitrag ein entscheidender Aspekt gegenüber den vorigen Partien, in denen er gefehlt hatte. (…) Den Karlsruhern erschien die Leverkusener Mischung als Übermacht. Für den KSC war dieses Spiel wie eine Nacht in der Ausnüchterungszelle. Samt unsanftem Erwachen.“
Gregor Derichs (Stuttgarter Zeitung) mahnt Bayer zu Demut: „Wenn es bei Bayer Leverkusen rund und störungsfrei läuft, bietet die Mannschaft attraktiven Angriffsfußball. Das ist bekannt in der Bundesliga. Schön anzuschauen ist das Offensivspektakel, das sie an guten Tagen entfachen können. Michael Skibbe kam richtig ins Schwärmen. Es war zweifellos eine Lektion, die die Rheinländer den Badenern erteilten. Der KSC war den Leverkusenern nicht gewachsen. Aber so berauschend, wie sie sich selbst fanden, waren die Leverkusener eigentlich nicht. Das Eigenlob war zu dick aufgetragen. Eine Reaktion bei Bayer war gar arrogant. Am 18. März 2000 hatte der Werksklub einen Rekordsieg in der Bundesliga gefeiert, mit einem 9:1 beim SSV Ulm. ‚Im Heimspiel gegen den Karlsruher SC hätte die Bestmarke fallen können‘, hieß es im Presseservice des Vereins. Das war wirklich deutlich zu hoch gegriffen.“
Ersatzgeschwächtes Durcheinander
Christof Kneer (SZ) erschrickt vor Bremen, 1:0-Sieger in Nürnberg: „Es war ein Spiel, das die DFL stutzig machen müsste, weil sich hier offenbar eine Mannschaft die Bundesliga-Lizenz erschlichen hat, bei der es sich keinesfalls um Werder Bremen handeln konnte. Was da vor sich hin spielte, war ein dramatisch ersatzgeschwächtes Durcheinander.“ Christoph Ruf (taz) fügt an: „Ein unsägliches Spiel, das in einem veritablen Skandal gipfelte: Dem, dass es nicht 0:0 endete.“
Bernd Dörries (SZ) schreibt über das 1:0 des Meisters gegen Duisburg: „Der VfB Stuttgart hat in den ersten beiden Begegnungen recht gut gespielt, aber nur einen Punkt geholt. Am Samstag war die Mannschaft nicht besonders gut, holte aber erstmals drei Punkte.“
NZZ: Juves bescheidene Rückkehr in die Serie A
Samstag, 25. August 2007
Am Grünen Tisch
Freispruch zweiter Klasse
Jan Christian Müller (FR) kritisiert den Umgang mit dem Weidenfeller-Urteil: „Der DFB hat sich den Kampf gegen Rassismus weit oben auf die Agenda geschrieben, wie auch die DFL mit deren (Dortmunder) Präsidenten Reinhard Rauball. Deshalb ist es ärgerlich, dass nun der Eindruck entstehen könnte, hinter den Kulissen sei gekungelt worden. Erst recht, da der DFB bei Sportgerichtsverhandlungen in der Regel sehr viel Wert auf Transparenz legt und Medienvertreter zu den Prozessen zulässt. Bedauerlicherweise hat Borussia Dortmund es zudem unterlassen, auch nur den Eindruck zu erwecken, dem Klub tue die Angelegenheit die geringste Spur leid. Es wurde lediglich Wert darauf gelegt, Weidenfeller sei vom ‚Vorwurf einer rassistischen Beleidigung freigesprochen worden‘. Wenn denn diese Interpretation erlaubt sein sollte, war es allenfalls ein Freispruch zweiter Klasse.“
Ascheplatz
Zirkus erspart geblieben?
Adidas oder Nike? Stefan Osterhaus (NZZ) verweist in der Sponsor-Frage des DFB auf nicht-finanzielle Aspekte: „Beobachter mutmaßen, dass der Verband in Sachen Adidas durchaus eine langjährige und verlässliche Partnerschaft zu schätzen weiß. Anschauungsmaterial, dass ein plötzlicher Wechsel eines bewährten Partners trotz wirtschaftlich attraktiven Bedingungen nicht unbedingt den Erfolg bringen muss, hat es erst jüngst gegeben. Die Bundesliga hat nach Jahren reibungsloser Zusammenarbeit mit Premiere ein Debakel erlebt, als sie zum de facto gescheiterten Projekt Arena gewechselt war. Der Preis der Ware Bundesliga dürfte rapide fallen. Welche Details der Nike-Deal enthalten hätte, war allerdings niemals diskutiert worden. Ein anderer Nike-Partner, die brasilianische Nationalelf, hat von Kontraktbestandteilen wie öffentlichen Trainingseinheiten wahrlich nicht profitieren können. Und die Deutsche Nationalmannschaft, allen voran Trainer Joachim Löw, schätzen Diskretion mehr als tosende Auftritte. (…) Den Deutschen dürfte ein Zirkus à la Brasilien erspart bleiben.“
NZZ: Der Calcio auf der unmöglichen Suche nach Normalität
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