Donnerstag, 16. August 2007
Am Grünen Tisch
Fülle an Fehlern und Peinlichkeiten
Zum ersten mal hat ein Fußballverein, und zwar der TuS Makkabi, den Aufstieg über ein „Nicht-Sport“-Gericht erklagt; die Presse stößt sich an dieser Formalie
Arnd Festerling (FR) verweigert ihm dieses Recht: „Hätte der Verein vor ein ordentliches Gericht ziehen dürfen? Er hat als Mitglied des Landesverbandes dessen Statuten akzeptiert und sich damit dessen Rechtsordnung unterworfen. Das geht bei Banalitäten wie den Spielregeln los und reicht über die Akzeptanz der Schiedsrichterentscheidungen bis hin eben zur Anerkennung der Sportgerichtsbarkeit. Eine Forderung, die bei den gewohnten Ungerechtigkeiten des Sportbetriebes allemal recht und billig scheint. Oder sollen Gerichte über Abseitsentscheidungen urteilen, soll die Dauer von Sperren vor dem Amtsgericht nachverhandelt werden? Aus guten Gründen urteilen Gerichte, wenn überhaupt, über Klagen gegen WM- oder Olympia-Nominierungen und halten sich aus Fragen des Spielbetriebs heraus. Schließlich ist es sinnvoll, dass der Sport die Regeln überprüft, die es nur gibt, weil er sie gesetzt hat. Und die nur gelten, weil alle sie akzeptieren. Andere Begründungen gibt es nicht.“
Christian Tretbar (Tagesspiegel) fügt hinzu: „Der Fall wirft Probleme auf: zum Beispiel, wie es bei den Sportrichtern des Berliner Fußballverbandes zu den Verfahrensfehlern kommen konnte. Eine Beiratsentscheidung sei in der ersten Instanz falsch ausgelegt worden, heißt es entschuldigend. Schließlich seien die Sportrichter keine Volljuristen, sondern ehrenamtlich Gewählte. Oft sogar ohne jeglichen juristischen Hintergrund. Und das wirft das zweite Problem auf: Muss der DFB nicht Möglichkeiten prüfen, wie der Verband mehr Juristen gewinnen kann, die in unteren Spielklassen eine komplexe juristische Arbeit aufnehmen? Drittens sollte sich Makkabi die Frage stellen, ob der Gang vor ein Gericht, was zwar gutes Recht des Vereins ist, auch verhältnismäßig war. Schließlich hat sich der Klub mit der Teilnahme an Punktspielen der Sportgerichtsbarkeit unterworfen. Deshalb sollte der Verein auch mit Entscheidungen des Verbandes leben. Sogar mit fehlerhaften.“
Lizas Welt hingegen gibt dem Makkabi-Präsidenten Tuvia Schlesinger in seiner Beschwerde recht: „Angesichts der kaum zu fassenden Fülle an Fehlern und Peinlichkeiten, die sich sowohl das Verbandsgericht als auch der Berliner Fußball-Verband geleistet haben – und die auch nicht mit dem Verweis auf den Laienstatus der Fußballrichter zu entschuldigen sind –, ist das Resümee des Makkabi-Präsidenten mehr als nachvollziehbar. Formal mögen der Spielabbruch im vergangenen September und der von den Hobbyjuristen verschuldete Streit um die Punkte aus dem Wiederholungsspiel nichts miteinander zu tun haben. Dass der TuS Makkabi aber ohne jedes eigene Zutun als mehrfach Geschädigter aus dem Ganzen hervorgeht, ist schlichtweg absurd. Die Sturheit und Hartnäckigkeit, mit der das Sportgericht sich trotz offenkundiger schwerster Fehler selbst dem sinnvollen Kompromiss verweigert, eine Kreisliga um einen Verein aufzustocken, grenzt ans Groteske und legt den Verdacht nahe, dass hier tatsächlich ein unliebsamer Verein benachteiligt werden soll.“
Hintergrund (BLZ): Kreisligist TuS Makkabi erwirkt Aufstieg vor Gericht
FR: Nicht nur öfter gewinnen, sondern auch besser wirtschaften als alle anderen – das ist das Mantra des FC Bayern. Doch Rekordtransfers und Stadionprobleme ändern die Lage
Mittwoch, 15. August 2007
Bundesliga
Große menschliche Enttäuschung
Bittere Kritik an Rafael van der Vaart, der seinen Weggang nach Valencia durch Äußerungen in der Öffentlichkeit zu erzwingen versucht, obwohl er Hamburg Liebe schwor
Michael Horeni (FAZ) entlarvt Rafael van der Vaart als Heiratsschwindler: „Die Klub-Raute im Herzen, die heillos nostalgische Fußballfans in der Hansestadt bei den Wanderprofis von heute noch immer so gern verorten würden, hat sich in Rekordzeit aufgelöst. Van der Vaart, der seine Verbundenheit zu Hamburg immer besonders rehäugig hervorgehoben hatte, investiert seine Leidenschaft nun viel lieber in eine noch virtuelle spanische Fernbeziehung. Vierzehn Millionen Euro hat der FC Valencia dem HSV zunächst geboten – mit dem ersten Annäherungsversuch haben die Spanier schon mal jede Nähe zwischen Star und Noch-Arbeitgeber gekappt. (…) Es tut ziemlich weh, was van der Vaart dem gesunden Menschenverstand so zumutet, wo mit Herz & Schmerz doch nur die branchenüblichen Erpressungsversuche kaschiert werden.“
Ralf Köttker (Welt) rät dem Klub, auf den Vertrag mit van der Vaart zu pochen: „Der HSV tut gut daran, diesem Egoismus nicht nachzugeben. Es wäre sportlich unverantwortlich, die zentrale und derzeit nicht adäquat ersetzbare Figur gehen zu lassen. Außerdem würde die sportliche Führung an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie sich nach den Beispielen Boulahrouz oder van Buyten wieder erpressbar macht. Spieler wie van der Vaart müssen lernen, dass Verträge nicht nach Lust und Laune gebrochen werden können. Und dass es Wichtigeres gibt als ihr Wohlergehen. (…) Menschlich gehört van der Vaart bereits jetzt zu den großen Enttäuschungen der neuen Saison.“
Durchgangsstationen
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) verkneift sich Bitterkeit: „Profis, die überschwänglich das Vereinsemblem auf ihrem Trikot küssen oder Klubchefs, die ihre Spieler als unverkäuflich titulieren, dürfen im Fußball-Business nicht allzu ernstgenommen werden. Die Klubs schließen auch langfristige Verträge ab, um ihre Profis vor Vertragsende teuer verkaufen zu können. Moralgerede ist fehl am Platze, Verträge werden gebrochen, wenn für alle Seiten das Geld stimmt. Das ist Gesetz im Profifußball, egal, ob dies gut oder schlecht ist.“
Nico Stankewitz (stern.de) blickt auf das allgemeine Verhältnis zwischen Star und Verein: „Unverkäuflich oder nicht – mittelgroße Vereine wie der HSV sind mehr denn je in der Hand ihrer Topspieler. Werder Bremen musste im Fall Miroslav Klose erleben, dass gegen die Wechselabsichten eines Topspielers und – vor allem – gegen den Willen des Spielerberaters kein Kraut gewachsen ist. Wenn wirklich große Vereine an die Tür klopfen, sind Clubs wie Werder Bremen oder der Hamburger SV fast völlig machtlos. Sie bleiben in erster Linie Durchgangsstationen für Spieler von internationalem Format.“
Ausgerechnet Valencia
Frank Heike (FAZ) nimmt van der Vaart in Schutz: „Im Grunde ist ja seit dem Transfer-Coup klar, dass van der Vaart sich beim HSV ins Schaufenster stellt, um größere Klubs anzulocken – was gar nicht bös gemeint ist, denn er hat stets vollen Einsatz für seinen Klub gezeigt und ihn zurück in die bunten Blätter und Magazine geführt: in einer Stadt, die nach Glamour lechzt, sind van der Vaart und seine Frau Sylvie zum Lieblingspaar Hamburgs geworden. Die beiden haben den HSV gesellschaftsfähig gemacht, bewegen sich wie selbstverständlich auf jedem Parkett und sind in ihrer Werbung unbezahlbar. Der junge Holländer selbst ist ein Star zum Anfassen: keine Wohltätigkeitsveranstaltung, keine Autogrammstunde in Schulen ist ihm zu viel. Seit seine Frau Sylvie das Cover des millionenfach ausgelieferten ‚Otto‘-Katalogs ziert, ist sie zu den bekanntesten Models hierzulande aufgestiegen. Gern hat man ihnen die einmal zu oft behauptete Liebe zur Hansestadt abgenommen, die jetzt aber auf kurz oder lang in eine Liebe zu Valencia umschlagen dürfte.“
Was hat Valencia, was Hamburg nicht hat?, fragt Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) und kritisiert den Berater: „Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, seine Zukunft bei einem großen europäischen Klub zu sehen – vornehmlich in Spanien. Die Mutter ist Spanierin, seine Großeltern leben in dem Land. Warum auch nicht? Große spanische Klubs, da dachten die HSV-Fans bislang an Real Madrid und den FC Barcelona, und hätte einer von denen van der Vaart verpflichten wollen, so fühlte man sich in Hamburg wohl geehrt. Aber Valencia? Valencia spielt zwar häufig in der Champions League, kommt aber meist nicht weit. 2001 erreichte der Klub allerdings das Finale in der Königsklasse – um dann mit dem FC Bayern das wohl schlechteste Europacup-Endspiel aller Zeiten abzuliefern und im Elfmeterschießen an Oliver Kahn zu scheitern. Ansonsten steht der Verein für einen autokratischen Präsidenten, der seinen Trainern in die Spielerauswahl reinredet, für defensiven Zerstörerfußball und für Stars, die es dort selten lange aushalten. Zusätzliche Verwirrung stiften der späte Zeitpunkt des Werbens und der angebotene Preis. 14 Millionen Euro für einen Spieler von der Qualität van der Vaarts ist eine von der Marktrealität weit entfernte Summe. (…) Auch sein Berater sieht schlecht aus. Sören Lerby hat weder verhindern können, dass es zu einem lautstarken Streit zwischen van der Vaart und Beiersdorfer gekommen ist, noch dass ausgerechnet sein Klient diesen Disput öffentlich macht, noch dass er in aufgewühlter Verfassung Interviews gibt, in denen er Sachen sagt, die ein Fußballprofi nie sagen sollte.“
FAZ: Marko Marin, 18-jähriges Gladbacher Talent, bezaubert beim 1:1 in Kaiserslautern: „Irgendwann wird dieser Dribbler und Ideenspender seinen Esprit wohl für Deutschland in den großen Turnieren ausspielen“
FR: Der kleine Marin wird aufpassen müssen, dass er mit seiner rotzfrechen Spielweise im rustikalen Unterhaus ohne frisch polierte Schienbeine über die Saison kommt; vermutlich wird er am Ende der meistgefoulte Zweitligaspieler sein.
Dienstag, 14. August 2007
Am Grünen Tisch
Suche nach kleinen Ballkönigen
Sorgenvolle Kommentare zum neuesten Trend im Weltfußball: Transfers von jungen Spielern, teilweise Minderjährigen
Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) kommentiert den Wechsel des Ungarn Adam Szalai, 19-jähriger Regionalligaspieler des VfB Stuttgart, zu Real Madrid: „Sein Wechsel belegt die jüngste Entwicklung, dass die europäischen Großclubs bei der Suche nach künftigen Stars immer aggressiver zu Werke gehen. Neuerdings stehen nicht mehr nur die Toptalente im Fokus, sondern auch Leute aus der zweiten und dritten Reihe. Im großen Stil und aus allen Herren Ländern verpflichten die Vereine häufig nach dem Zufallsprinzip Perspektivspieler – in der Hoffnung, dass einem von ihnen der große Durchbruch gelingt. War dieses Phänomen bisher vornehmlich aus England bekannt, wo für 14-jährige Jugendspieler bisweilen Millionensummen bezahlt werden, so steigen nun auch verstärkt die Spanier in diesen Markt ein. Real etwa verpflichtete kurz vor Szalai, der dem Club bei zwei U-21-Länderspielen Ungarns aufgefallen war, bereits für etwa eine Million Euro den 18-jährigen Verteidiger Christopher Schorch von Hertha BSC. Genervt ließen die Berliner das Talent mit der Erfahrung von 18 Bundesligaminuten ziehen, nachdem der mit dem Stiefvater seiner Freundin zu einem Vertragsgespräch aufgetaucht war und ihn als seinen Berater vorgestellt hatte. Ob der frühe Wechsel unerfahrener Nachwuchskicker zu Topclubs der richtige Weg ist, bezweifeln viele Beobachter.“
Auch Michael Ashelm (FAS) sorgt sich um diesen neuen Trend: „Die Suche nach den kleinen Ballkönigen ist zu einem globalen Leistungssport geworden, in den sich Talentspäher, Berater und Vereine mit aller Kraft stürzen. Gerade verabschiedete sich der FC Bayern von seinem Grundsatz, die jüngsten Talente für den Verein nur im Münchner Umland zu suchen. Wie Barcelona, Madrid, Arsenal oder Manchester nutzte der Rekordmeister seine guten Auslandskontakte und holte sich einen 13 Jahre alten Peruaner an die Angel: Pier Larrauri Corroy.“
SZ: Ist es legitim, ein Kind im vorpubertären Alter aus seinen angestammten Verhältnissen zu reißen und es auf einen anderen Kontinent zu verfrachten? Aus der Spekulation heraus, es zu einem wertvollen Berufsfußballer zu veredeln? Und wenn ja: Ist es dann auch ratsam?
Bundesliga
Wir sind noch nicht bereit für diese Liga
Nachtrag zum 1. Spieltag: zwei überraschende Auswärtssiege der Aufsteiger Karlsruhe und Duisburg bei den Favoriten Nürnberg und Dortmund
Schwermut und Schwerfälligkeit
Nach dem 1:3 gegen Duisburg fürchtet Richard Leipold (FAZ) einen Dortmunder Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten: „Das Spiel rief bei der verprellten Kundschaft Gedanken an ein Déjà-vu hervor. Schon vor einem Jahr hatte eine Fülle solcher Darbietungen Dortmund erst in eine wochenlang anhaltende Depression gestürzt – und schließlich sogar in akute Gefahr. Die Fans hatten die Irrfahrt durch die Abstiegszone mit bemerkenswerter Langmut hingenommen, in dem festen Glauben, in der neuen Saison für ihre Geduld belohnt zu werden. Hätte der BVB in diesem Sommer nicht die sagenhafte Anzahl von 50.600 Dauerkarten abgesetzt, müsste er eine Vertrauenskrise befürchten. Aber auch so könnte die zuletzt schon fast unnatürlich anmutende Vorfreude ins Gegenteil umschlagen. (…) Während die Dortmunder gegen Schwermut und Schwerfälligkeit ankämpfen, fällt den Duisburgern zu Beginn manches leichter als erwartet – auch weil sie Anschubhilfe bekamen, nicht nur im Spiel, sondern auch beim Prolog. ‚Es ist schön, so unterschätzt zu werden. Wenn man die Vorberichterstattung liest, ging es nur um die Höhe des Dortmunder Sieges‘, sagte MSV-Kapitän Ivica Grlic. Auf dem Platz ging es nur um die Höhe des Duisburger Sieges.“
SZ: Nach dem Startdebakel gegen Duisburg müsste Borussia Dortmund als Abstiegskandidat gelten
Paradevorstellung
Volker Kreisl (SZ) schreibt über den 2:0-Erfolg Karlsruhes in Nürnberg: „Hans Meyers Warnungen vor diesem Aufsteiger klangen zuvor nach der üblichen taktischen Übertreibung, aber dann stellte sich heraus, dass die Mannschaft von Trainer Edmund Becker genau jene Gefahr darstellte, die Meyer an die Wand gemalt hatte: In der ersten Viertelstunde präsentierten sich die Karlsruher noch schüchtern wie Schauspielanwärter vor der ersten großen Jury. In der zweiten Viertelstunde wagten sie ein paar Pässe, die allerdings danebengingen. In der dritten Viertelstunde kamen die Pässe an, und kurz vor der Halbzeit stand es 1:0. Nach der Pause machte der KSC dann die Räume diesseits der Mittellinie dicht, als wäre er niemals aus der Bundesliga abgestiegen, konterte keck zur Entlastung und kam zum 2:0, was die Nürnberger endgültig demoralisierte. Eigentlich wäre noch eine letzte Viertelstunde zu spielen gewesen, aber an eine Wende war nicht zu denken. Eine Paradevorstellung für einen Aufsteiger, die nur möglich war, weil der Favorit mithalf. (…) Bis der 1. FC Nürnberg wieder zu jener spielstarken Mannschaft der vergangenen Saison wird, in der die Spieler als homogene Gruppe auftraten, dürfte es noch länger dauern als nur eine Woche bis zum nächsten Pflichtspiel.“
Bombensichere Voraussagen
Mit großen Augen vergleicht Gabriele Marcotti (Times) die Einkaufspolitik der Bayern mit einem Commodore-Spiel: „Nennen wir es die ‚Nuklear-Option‘. Erinnern sie sich noch an diese Video-Ballerspiele aus den 80ern? Das eigene Raumschiff war mal wieder eingekreist von den Bösen, aus allen Ecken steuerten gefährliche Missiles auf einen zu, die eigenen Energie-Levels fast am Boden. Da blieb nur die eine Option, die sich ‚Bombe‘ nannte. Auf Knopfdruck gab es eine gewaltige Detonation und alle Feinde am Bildschirm waren weg. Genau das hat Bayern München diesen Sommer getan. Nach einer albtraumhaften letzten Saison, zogen die Bayern den Zünder. Sie taten, was sonst kein Team in Deutschland kann: Sie machten die Koffer weit auf und gaben Geld aus wie kein anderer Club in Europa. (…) In einer weiterhin boomenden Bundesliga dürfte es dieses Jahr zur triumphalen Rückkehr des FC Bayern kommen. Nur schade, dass wir sie dieses Jahr nicht in der Champions League sehen werden.”
Oskar Beck (Welt) jongliert mit Expertenprognosen: „Zehn Punkte Vorsprung sind das Mindeste, was demoskopische Hochrechnungen und sonstige bombensichere Voraussagen den Bayern schon jetzt bescheinigen. Als einziger Trost bleibt der Konkurrenz pikanterweise ein Landsmann von Ribéry, der unvergessene Staatspräsident Pompidou, der gesagt hat: ‚Ein Ruin kann drei Ursachen haben: Frauen, Wetten – oder die Befragung von Fachleuten.‘ Was ist sonst noch sicher nach diesem Start in die neue Saison? Erstens: Mit Bielefeld ist zu rechnen – nicht mit Wolfsburg, wie viele irrtümlich dachten, nur weil Felix Magath dort jetzt bei Pressekonferenzen grünen Tee trinkt. Auch die grünen Haare, mit denen Marcelinho in dieser Saison trickst, haben nicht viel verändert – nur die Eintrittskarten sind teurer geworden. Jedenfalls haben die Wolfsburger Wünsche einen mindestens ebenso deftigen Rückschlag erlitten wie die in einer Umfrage geäußerte hohe Erwartung der Fußballfans, dass Friedhelm Funkel als erster Trainer gefeuert wird. Nach dem Sieg über die Hertha hat er diese fragwürdige Ehre an Lucien Favre weiter gereicht, der dieser Tage gesagt haben soll: ‚Wir sind noch nicht bereit für diese Liga.‘“
NZZ: Schalkes Coach Mirko Slomka – ein Mann der vielen Widersprüche
NZZ: Saisonauftakt in England: Lehmann patzt, Rooney wieder schwer verletzt,
NZZ: Feyenoord Rotterdam, Roy Makaays neuer Klub, sucht zum Saisonstart wieder den Anschluss an Hollands Fußball-Elite
Englische Presse bearbeitet und übersetzt von Alexander Neumann (London)
Montag, 13. August 2007
Bundesliga
Etwas völlig Neuartiges
Pressestimmen zum 1. Spieltag 07/08: Schwärmerei über Bayern München / Respekt vor dem Hamburger SV / Warnung an die Wolsburger Vereinsführung vor der Machtfülle Felix Magaths / Bremens Schlafanfall / Stuttgart und Schalke imponieren
Philipp Selldorf (SZ) erfreut sich an Bekanntem: „Die Bundesliga ist gläsern geworden. Sämtliche Vorhersagen sind eingetroffen: Bayern vom Start weg Erster, weil viel Geld viele Tore schießt; Stuttgart noch spielstärker; Schalke mühselig, aber zäh wie Leder; Bremen mit Anlaufproblemen; Hamburg wieder vorn dabei; Leverkusen schön, aber umständlich; Hertha ein Notstandsprojekt; Wolfsburg ein notorischer Fall von Freudlosigkeit; Dortmund erfüllt wieder die Erwartungen nicht; Middendorp ein Magier, Böhme der Ribéry von Bielefeld. Der Faszination der Liga wird diese Erwartbarkeit aber keinen Schaden zufügen: Auch das ‚Traumschiff‘ hat hohe Sehbeteiligung, obwohl jeder Handlungsstrang von Anfang an durchschaubar ist. Die Vertrautheit hat etwas Beruhigendes, die Welt abseits des Fußballs ist unruhig genug.“
Christian Eichler (FAZ) wartet in seiner Analyse mit einer Detailbeobachtung auf: „Es ist ein gutes Indiz für den neuen, auch vom stürmischen Aufsteiger Karlsruhe belebten Geist und die deshalb wieder wachsende Klasse der Liga, dass ihre aufregendsten und in der Summe auch torgefährlichsten Akteure kleine, kompakte Mittelfeldzauberer sind, und das schon vor Ribéry. Van der Vaart etwa, der in Hamburg die Form seiner Debütsaison wiedergefunden hat; Diego, der in Bremen letzte Saison 13 Tore schoss, 15 vorbereitete und nun beim 2:2 in Bochum an beiden beteiligt war. Und auch Schalke zeigt mit dem jungen Özil und Neueinkauf Rakitic, dass der Weggang von Lincoln keinen kreativen Verlust bedeuten muss – und dass man für neue Spielfreude keine 70 Millionen ausgeben muss wie der gefühlte Meister aus München.“
Abhängigkeit von einer einzelnen Person
Jan Christian Müller (FR) betrachtet die große Macht Felix Magaths in Wolfsburg sehr skeptisch und folgert aus dem 1:3 des VfL gegen Bielefeld: „Derselbe Magath, der es bei den Bayern noch toll fand, viel Sachverstand im Vorstand vorzufinden und sich vordringlich mit Trainerarbeit zu beschäftigen, findet es jetzt plötzlich viel besser, den Sachverstand allein auf sich und sein Trainerteam zu konzentrieren. Das ist gefährlich, weil dadurch eine erhebliche Abhängigkeit von einer einzelnen Person entsteht, bei deren Scheitern sämtliche sportlichen Strukturen ersatzlos zusammenbrechen würden. Zumal Magath, der um sich herum ausnahmslos alte Bekannte wie Seppo Eichkorn oder Bernd Hollerbach scharte, längst für ein Reizklima in der Geschäftsstelle gesorgt hat; zuletzt, indem er den bei den Fans sehr beliebten Teammanager Roy Präger kaltstellte. Vorher, als er Torwarttrainer Jörg Hoßbach aussortierte. Eiserne Besen sind in diesen Wochen nicht das erste Mal durch Wolfsburg gefegt. Magath demonstriert lediglich gängige Management-Methoden, die auch nebenan, im Hause Volkswagen, nicht unbekannt sind. Neue Freunde macht man sich so nicht. Umso wichtiger ist es für den eigenwilligen Trainer-Manager, der in seiner bisherigen Karriere mehr durch Erfolge auf dem Fußballplatz denn auf dem Transfermarkt auffällig geworden ist, dass seine Mannschaft künftig besser Fußball spielt. Viel besser.“
Leckerbissen
Andreas Burkert (SZ) erkennt schwärmend an, dass Bayern München beim 3:0 gegen Hansa Rostock alle Erwartungen übererfüllt hat: „Es ist vorher sagenhaft viel geredet und geschrieben worden über den runderneuerten FC Bayern. Und in der Vorbereitung mitsamt des Zeitvertreibs Liga-Pokal und zuletzt beim Cupduell mit Burghausens Amateuren haben zwar alle ahnen können, was möglich sein könnte mit dieser sündhaft teuren Artistentruppe; selbst der den mächtigen Münchnern in tiefer Abneigung verbundene Teil der Menschheit musste dabei wohl schweren Herzens eine Neugier am aufwändigsten Renaissance-Projekt des deutschen Fußballs einräumen – oder schlimmstenfalls gar Vorfreude unterdrücken. Am Samstag indes zählten all diese Trockenübungen und Vorpremieren nichts mehr, und wie angespannt auch die Bauherren dem Ernstfall entgegen sahen, war im Gesicht von Uli Hoeneß zu lesen. Der Bayern-Manager wirkte angestrengt, als hätte ihn Frau Tao Tao ein Stündchen in die Mangel genommen. Doch als sich der Vorhang hob unter der grauen Wolkendecke und den Blick auf ein letztlich eindrucksvolles 3:0 preisgab, raunte und lachte bald auch Hoeneß. Und diejenigen, die gewöhnlich kurz nach Spielbeginn rasch zum Würstelstand eilen, weil dort dann endlich die Massen verschwunden sind – sie blieben diesmal vorsichtshalber sitzen. Denn minütlich bekamen sie vom Start weg etwas völlig Neuartiges vorgeführt.“
Auch Elisabeth Schlammerl (FAZ) schmeckt dieser Leckerbissen: „Es hat schon Tradition, dass für die Zuschauer auf den teuren Plätzen, die in einer der zahlreichen Lounges der Allianz Arena verköstigt werden, die Halbzeiten des FC Bayern München höchstens vierzig Minuten dauern. Früher in die Pause gehen, später wiederkommen – verpasst haben sie auf dem Rasen meist nichts in letzter Zeit. Am Samstag hielt sich der Strom der Hungrigen in Grenzen, und das hat vermutlich mit dem runderneuerten Rekordmeister zu tun, der beste Unterhaltung bot und damit den Appetit auf Kaffee und Kuchen etwas zügelte.“
Charaktertest bestanden
Roland Zorn (FAZ) wertet das 2:2 zwischen Stuttgart und Schalke als Titelbewerbungsschreiben beider Teams: „Dass sich die Stuttgarter wie die Schalker Chancen ausrechnen dürfen, mit den gleich auf Platz 1 vorgepreschten Bayern Schritt halten zu können, hat auch mit den gewachsenen Strukturen in beiden Teams zu tun. Die Schalker Konterspezialisten begannen ohne einen einzigen Neuzugang und bewiesen schon vor der Pause eine vom VfB nicht nachhaltig gestörte Homogenität; die Stuttgarter Offensivmannschaft ließ sich ihr komplexer aufgebautes Kurzpassspiel auch nach dem 0:1-Rückstand nicht kaputtmachen. Am Ende hatten beide Mannschaften den Charaktertest auch deshalb bestanden, weil sie ihr Spiel beibehielten und zumindest phasenweise durchsetzen konnten.“
Es bleibt nicht viel Zeit
Dass Werder Bremen den Bochumern trotz 2:0-Führung schnell den Ausgleich gestattet, legt Richard Leipolds (FAZ) Stirn in Falten: „Feuer pflegt besonders gefährlich zu sein, wenn es einen im Schlaf überrascht. Genau das widerfuhr den Bremern. ‚Wir haben die ersten fünf Minuten nach der Halbzeit geschlafen‘, schimpfte Schaaf. Nach dem bösen Erwachen ging es, nicht nur auf dem Platz, darum, den Schaden zu begrenzen. Den Verlust zweier Punkte mag Werder so früh in der Saison verschmerzen. In erster Linie kommt es darauf an, Schäden zu verhindern, die so ein Erlebnis innerlich hervorrufen kann. Den Bremern bleibt nicht viel Zeit, ihre Form zu finden oder wenigstens zu verbessern. Am Mittwoch stehen sie in der Champions-League-Qualifikation dem kroatischen Meister Dinamo Zagreb gegenüber, drei Tage später tritt Titelfavoriten Bayern München im Weser-Stadion an. Mit Blick auf dieses Programm fällt es nicht leicht, den mühsam errungenen Teilerfolg in Bochum als Mut- oder gar Muntermacher zu interpretieren.“
Spitzenmannschaft?
Christian Kamp (FAZ) hat nach dem 1:0 in Hannover den Hamburger SV auf seinem Zettel und schreibt enttäuscht über den Verlierer: „Eine ausgezeichnete Raumaufteilung, ungeheure körperliche Frische, Zweikampfstärke und nicht zuletzt eine gehörige Portion Spielfreude – die Hamburger brachten schon eine ganze Menge davon mit, was eine Spitzenmannschaft ausmacht. (…) Es war trotz einer ausgesprochen guten Vorbereitung längst nicht garantiert, dass die Hamburger so schwungvoll starten würden. Schon oft waren die Erwartungen in der Hansestadt – und bisweilen auch in der Mannschaft selbst – dem Leistungsstand des HSV voraus. Und um zu sehen, wie wenig Vorschusslorbeer wert sein kann, musste man sich nur den Auftritt der ebenfalls hoch gehandelten Hannoveraner ansehen.“
Freitag, 10. August 2007
Bundesliga
Zauberhaft und prickelnd
Vorfreude auf die neue Saison
Ludger Schulze (SZ) stimmt uns ein auf den Saisonstart: „Für Millionen Bundesbürger endet gerade die schönste Zeit des Jahres: Ferien, Strand, Sonne. Für mindestens genauso viele Menschen aber fängt die schönste Zeit des Jahres erst an: die Fußballsaison. Der Volkssport Nummer eins zählt längst zum alltagskulturellen Ritual der Deutschen – wie die Tagesschau oder der Italiener um die Ecke. Doch noch nie haben sie derartige Vorfreude und gespannte Erwartung empfunden, obwohl die Fachleute in ungewohnter Einigkeit die sportlich langweiligste Spielzeit in der 44-jährigen Geschichte des deutschen Profi-Fußballs vorhersagen. Den heftigsten Reiz, sagen die Auguren, beziehe die Liga noch aus dem Wettstreit um Tabellenplatz zwei, die Meisterschaft hingegen sei so gut wie vergeben an den übermächtigen FC Bayern München. Trotzdem boomt das Geschäft mit dem Plastikball hierzulande wie nie zuvor. Fast in sämtlichen Bereichen sind Rekorde zu vermelden – oder zu erwarten. Deutschland ist fußballverrückter denn je.“
Roland Zorn (FAZ) befasst sich mit der starken Anziehungskraft der Bundesliga: „England ist der große Kostentreiber; nicht zuletzt deshalb haben die Preise für Profis in dieser Saison schwindelerregende Höhen erreicht. Hohe Ausgaben in der Bundesliga deuten noch lange nicht auf ein garantiert höheres Niveau als zuletzt. Der hauseigenen Attraktivität der Bundesliga schaden ihre im europäischen Vergleich unverkennbaren qualitativen Mängel aber nicht. Der eigene Wettbewerb blüht, die Fans strömen in die Stadien, und die Sponsoren – sie zahlten zuletzt per annum den europäischen Spitzenpreis von 360 Millionen Euro – stehen wie gehabt Schlange. Die Bundesliga-Atmosphäre wird zauberhaft und prickelnd bleiben – und das nicht nur, wo Münchner Flair den Bayern-Fans den Kopf verdreht.“
Matti Lieske (Berliner Zeitung) kritisiert die Stuttgarter Vereinsführung, rechnet aber mit einer starken Mannschaft: „Jedes Mal, wenn der VfB Stuttgart zuletzt das Näschen ein bisschen zu weit nach oben reckte, bekam er schnell eins drauf. (…) Stuttgart ist nicht Bremen, wo sich die Vereinsführung vornehm im Hintergrund hält und das Gespann Klaus Allofs und Thomas Schaaf in Ruhe seine Arbeit tun lässt. Beim VfB regieren Leute wie der SPD-Politiker Erwin Staudt als Präsident und der Arbeitgeber-Chef Dieter Hundt als Aufsichtsratsvorsitzender. Die vertragen es schlecht, wenn andere im Rampenlicht stehen, mischen sich gern in den fußballerischen Bereich ein und zeichneten auch für den desaströsen Trapattoni-Coup verantwortlich. Zu Beginn der letzten Saison waren sie nahe dran, Armin Veh vor die Tür zu setzen, und nach dem Gewinn der Meisterschaft weit entfernt davon, deren Protagonisten übermäßig dankbar zu sein. Sie zierten sich bei der Vertragsverlängerung von Horst Heldt und kanzelten ihn mit seinem Wunsch nach einem Platz im Vorstand brüsk ab. Staudt verglich den Manager mit einem ‚Zeitungsvolontär, der einmal einen guten Artikel rausgehauen hat‘, Hundt nannte ihn abschätzig einen Lehrling. Mit vereinten Kräften hätten sie es fast geschafft, Heldt nach Wolfsburg in die offenen Arme des Felix Magath zu treiben. (…) Beim Spiel gegen Schalke wird die Meisterschale im Stuttgarter Stadion präsentiert. Ganz unmöglich ist es nicht, dass sie auch am Ende der Saison wieder dort landet. Vorausgesetzt, es gelingt, die Kluboberen vom Selbstzerstörungsknopf fern zu halten.“
FAZ-Interview mit Horst Heldt: „Den FC Bayern können wir nicht kopieren“
FAZ: Sammelsurium der Superlative – vor dem Saisonstart der Zweiten Liga
FR: Fußballstudie von Ernst & Young: Die Bundesliga verspricht im Vergleich der fünf europäischen Fußball-Topligen gemeinsam mit der französischen Ligue 1 derzeit den ausgeglichensten Wettbewerb und damit die meiste Spannung
SZ: Die Kaufkraft der deutschen Klubs ist im Vergleich zu Spanien, England und Italien bescheiden. Dennoch haben die meisten Vereine investiert wie noch nie
NZZ: Die Präsidentenlogen der besten englischen Fußballklubs waren einst einheimischen Industriekapitänen vorbehalten, für die der Besitz eines Vereins Statussymbol war; heute dominieren internationale Investoren. Mit den Besitzern haben sich auch die Motive verändert
Sonntag, 5. August 2007
DFB-Pokal
Deftig provinzielle Dienstreisen
Deftig provinziell ging es bei den Dienstreisen der Profivereine über Land zu
Ein paar Pressestimmen zur ersten Pokalrunde, also zu Stuttgarts roten Karten, zur Bremer Schwäche und zu den Schwierigkeiten der Berliner samt ihres neuen Trainers
Mieses Spiel
Ingo Durstewitz (FR) schreibt angewidert über das unfaire Spiel des VfB Stuttgart, 2:0-Sieger in Wehen: „Der Titelträger muss höllisch aufpassen, nicht seinen hervorragenden Ruf zu ramponieren. Der VfB ist drauf und dran, die sportlich erworbenen Sympathien zu verspielen – durch bösartige und mitunter heimtückische Attacken auf die Gegenspieler. Am Samstag machten die Stuttgarter exakt da weiter, wo sie im Mai aufgehört haben: mit schäbigen Attacken auf des Gegners Unversehrtheit. Sie präsentierten sich eines deutschen Meisters unwürdig. (…) Dass die Schwaben die Partie noch durch einen geschenkten Elfer gewannen, macht das miese Spiel fast unerträglich.“
Wie vorsichtig eine Regionalzeitung mit diesem kritischen Thema umgeht, entnehmen wir den Sätzen Mathias Schneiders (Stuttgarter Zeitung): „Dass der VfB sich zwei Undiszipliniertheiten durch Gledson und in abgeschwächter Form durch Meira leistete, beide mit Rot geahndet, dürfte Armin Veh nicht entgangen sein.“ Nee, ich glaub auch, dass er das mitbekommen hat.
Und auch seine Ausführungen über die Stuttgarter Spielbewertungen klingen so behutsam, als wollte es sich hier einer mit einem anderen nicht verscheißen: „Nun hat sich der VfB im Vorjahr nicht fehlender Selbstkritik verdächtig gemacht, so dass sich spontan die Frage aufdrängt, was einen ganzen Verein dazu drängt, einem auch bei Hinzunahme aller entlastenden Faktoren unterdurchschnittlichen Vortrag mit Emphase zu preisen, als hätte der Meister ein Signal an die Konkurrenz gesendet. Der zwischenzeitliche Ersatzkapitän Roberto Hilbert verstieg sich am Ende gar noch zu der Einschätzung, sie hätten doch ’super gestanden. Wir waren sehr kompakt. Wir müssen uns im Großen und Ganzen gar nichts vorwerfen‘. Bedenkt man, dass Wehens Simac beim Stand von 0:0 im Fünfmeterraum völlig frei zum Kopfball kam, der Stürmer Atem nach dem 1:0 für den Außenseiter allein dem Gehäuse Raphael Schäfers zustrebte, erschließt sich Außenstehenden nicht, auf welcher Grundlage Hilberts Einschätzung ruht.“ Man könnte also auch schreiben: Die Stuttgarter haben schlecht und foul gespielt und wollten am Ende nicht mal dazu stehen.
Fußball ist Ergebnissport
Ralf Wiegand (SZ) denkt angesichts des mageren 1:0-Siegs Werder Bremens gegen Eintracht Braunschweig über die besonderen Umstände der ersten Pokalrunde nach: „Die erste Runde erwischt die Profiklubs in einem seltsamen Zwischenstadium. Es ist nicht mehr ganz Vorbereitung, aber auch noch nicht richtig Saison. Entsprechend unrund greifen die Mechanismen einer auf Präzision getrimmten Fußballmannschaft ineinander, besonders bei einem prinzipiell technisch so versierten Ensemble wie Werder Bremen. Das wirklich Erstaunliche an solchen Pokalspielen ist ja nicht, dass eine kleine Mannschaft, wie sie Eintracht Braunschweig trotz aller Tradition heute ist, sich zu Leistungen aufschwingen kann, die niemand jemals in ihr vermutet hätte. Viel erstaunlicher ist, wie es international erfahrenen Profiteams gelingt, bei solchen Gelegenheiten die untere Grenze ihres Leistungsvermögens immer noch tiefer zu setzen. Wie Radrennfahrer, die das Stehen trainieren, ergaben sich die Bremer nach einer schwachen ersten Halbzeit in einer noch schwächeren zweiten dem Schicksal, an der Hamburger Straße zu Braunschweig abgeschossen zu werden. (…) Zum Glück für die Bremer ist Fußball ein reiner Ergebnissport, weswegen die Bilanz trotz einer beschämenden Leistung um Längen besser ausfällt als in der vergangenen Saison.“
Trainer ohne Elf
Christof Kneer (SZ) nimmt das 3:0 der Hertha in Unterhaching zum Anlass, darüber nachzudenken, wie lange es mit dem neuen Trainer gutgehen kann: „Ein paar Wochen erst ist Lucien Favre in Berlin, und schon hat er den Tonfall in der Stadt völlig verändert. Favre spricht wie ein moderner Sportlehrer, und es hat einen gewissen Charme, dass sich die Hertha den Ideen eines Trainers ausliefern möchte, der erkennbar einen Plan vom Spiel hat. Allerdings gilt es erst noch herauszufinden, ob sich die laute, fordernde Hauptstadt von einem leisen, fordernden Schweizer den Fußball erklären lassen möchte. Die Klubverantwortlichen scheinen einstweilen fest dazu entschlossen, ihnen bleibt auch nichts anderes übrig – sie wollten einen Taktiker mit Mut zum Tabubruch, und jetzt haben sie ihn. Favre ist außen Löw und innen Klinsmann. Er ist ein verbindlicher Mensch und ein knallharter Aufräumer. Als einer der ersten Amtshandlungen hat er eine Liste jener Spieler vorgelegt, die nicht zu seiner Idee von Fußball passen. So radikal hat sich Manager Dieter Hoeneß seinen Reformer aber doch nicht vorgestellt, offenbar hat es hinter den Kulissen erste Grundsatzdebatten gegeben. (…) Favre ist ein Trainer ohne Elf, das ist eine Woche vor Saisonstart keine beruhigende Nachricht.“
Kontrast zur Hochglanzwelt
Wenn Roland Zorn (FAZ) über Fußball schreibt, wird’s einem meist feucht um die Augen. In seinem Pokal-Kommentar schreibt der Romantiker: „Ehe vom kommenden Wochenende an wieder von den teuren Stars, den Millionen-Klubs, dem Luxusgut Bundesliga die Rede sein wird, hat die Expedition zurück an die Basis des Fußballs gutgetan. DFB-Pokal, erste Hauptrunde, das heißt alle Jahre wieder auch: Bühne frei für veraltete Stadien ohne Chic, aber mit Charme; großer Auftritt für Spieler ohne Rang, aber mit Eintagesruhm; Blick zurück nach vorn auf Traditionsvereine mit erstklassiger Vergangenheit und drittklassiger Gegenwart. Angenehm bodenständig, deftig provinziell ging es bei den Dienstreisen der Profivereine über Land zu. Der Kontrast zur Hochglanzwelt der wie eine geschlossene Gesellschaft anmutenden Bundesliga hätte nicht augenfälliger präsentiert werden können.“
Der FAZ entnehmen wir das Zitat des Tages: Heiko Bonan, Trainer des Drittligisten RW Essen, sei nach dem Erfolg gegen Energie Cottbus gefragt worden, ob dies der größte Erfolg in seiner Trainerkarriere gewesen sei. Darauf Bonan: „Meine Trainerkarriere ist heute gerettet worden – für eine Woche.“ Treffer!
SZ: St. Paulis Vorliebe für Gegner mit B: Das 1:0 gegen Bayer Leverkusen setzt eine Reihe von schönen Pokalsiegen fort
Dienstag, 31. Juli 2007
Am Grünen Tisch
Querdenker und Verlierer
Wolfgang Hettfleisch (FR) wertet den Verzicht Wolfgang Holzhäusers auf seine Kandidatur zum Vizepräsidenten der DFL als Verlust: „Der kluge, aber oft spröde Hesse ist so etwas wie der Anti-Calmund. Er spricht nicht die Sprache des Fans und kann besser mit Zahlen jonglieren als mit Bällen. Das ist im heutigen Profifußball allemal besser als umgekehrt, sorgt im weitgehend von Ex-Profis beherrschten Geschäft aber noch immer für Irritationen. Gefolgschaft sichert es jedenfalls nicht.
Zum Politiker ist Holzhäuser nicht geboren. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Kann es sich die Liga leisten, auf seine Kompetenz dauerhaft zu verzichten? In komplexen Verhandlungen mit dem DFB, der EU oder dem europäischen Ligenverband EPFL sind Erfahrung und Detailwissen alles. Die Calmunds dieser Welt können das jedenfalls nicht.“
Roland Zorn (FAZ) stimmt ein, nennt aber die politischen Fehler Holzhäusers: „Er bleibt der Liga ja erhalten und wird – darauf darf gewettet werden – nach einer kurzen Pause auch seine Meinung weiter zum Besten geben. Wer so viele Ideen und zu fast allem etwas zu sagen hat wie Holzhäuser, dürfte auch in der ‚außerparlamentarischen Opposition‘ Kontrapunkte zu setzen verstehen. Seinen Verbleib innerhalb der Spitzengremien des Ligaverbands aber hat sich der grüblerische Hesse selbst verbaut, weil er zuletzt vielleicht zu sehr auf sich selbst gehört hat, statt im Gespräch mit anderen seine Wahlchancen zu ergründen. Zweifellos wird er am 7. August, wenn die 36 Vereine und Kapitalgesellschaften der Ersten und Zweiten Bundesliga den neuen Vorstand und Aufsichtsrat des Ligaverbandes wählen, der große Verlierer sein. (…) Der Mann, der vor Jahren den mächtigen Bayern bei Bedarf mutig Kontra gab, wird in den Gremien zuzeiten vermißt werden. Holzhäuser war nämlich immer ein Vorausdenker, gelegentlich sogar ein Querdenker, der anregend wirkte und auch Lösungen fand, gerade wenn ein Problem besonders sperrig wirkte. Vielleicht kehrt er ja in ein paar Jahren zurück. Er wäre nicht der erste Wahlgewinner von morgen, der gestern noch ein Wahlverlierer war.“
FR/Hintergrund Holzhäusers Verzicht: Rückzug eines Ungeliebten
taz: Der Erfolg des Iraks beim Asien Cup eint das Land vorübergehend
Freitag, 20. Juli 2007
Ascheplatz
Mangel an Branchenkenntnis
Heuschreckenwarnung – Marcus Theurer (FAZ) bewertet sorgenvoll die Übertragung der Live-Rechte von Arena an Premiere nach der Frage, wem der deutsche TV-Markt gehört: „Geht der Platzhirsch Premiere nach anderthalbjährigem Kampf gegen den neuen Herausforderer als strahlender Sieger vom Platz? Sicher nicht, dafür ist der kolportierte Preis mit dem sich Premiere die Bundesliga zurückgekauft hat, zu hoch. Zumindest strategisch allerdings ist dieser Ausgang für den Sender ein wertvoller Erfolg. Dem Kabelnetzkonzern Unity Media ist es mit seiner Tochtergesellschaft Arena nicht gelungen, das Bezahlfernsehmonopol in Deutschland zu sprengen. Die Finanzinvestoren BC Partner und Apollo, denen Unity und damit Arena gehört, haben den deutschen Bezahlfernsehmarkt völlig falsch eingeschätzt. Anders ist der Rückzieher schon ein Jahr nach Sendestart nicht zu erklären. Das ist ein Warnsignal und es weist über den Einzelfall hinaus: Finanzinvestoren kontrollieren mit Unity, Kabel Deutschland, Pro Sieben Sat.1 und weiteren Anbietern zahlreiche Schlüsselunternehmen im deutschen Fernsehgeschäft. Daß in dieser wichtigen Gruppe von Eigentümern ein so eklatanter Mangel an Branchenkenntnis anzutreffen ist, gibt Grund zur Sorge.“
Caspar Busse (SZ) richtet den Blick auf den Verbraucher, also den Preis: „Noch ist das allerletzte Wort zwar nicht gesprochen. Doch Premiere plant intern schon kräftig für die neuen Zeiten. Und die werden für die Kunden nicht angenehmer. Denn Premiere plant bereits ab August eine deutliche Preiserhöhung. (…) Vor der neuen Konkurrenz von Arena kostete ein Bundesliga-Paket knapp 35 Euro im Monat. Nicht ausgeschlossen, daß Premiere wieder zurück in die guten alten Zeiten will. Branchenexperten sind aber skeptisch, ob der Preis so schnell wieder nach oben gehen wird.“
welt.de-Interview mit dem DFL-Chef Christian Seifert über die Zukunft des Fernsehfußballs
Ums Geld
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) erachtet den Versuch, den Ligapokal aufzuwerten, als Krampf: „Die DFL kann sich noch so krampfhaft bemühen, den Wettbewerb aufzublasen, er bleibt überflüssig. Zehn Mal ist der Ligapokal bisher gespielt worden, aber niemand kennt die Sieger. 2006 hat – besten Dank ans Archiv – Werder Bremen gewonnen, aber was heißt das schon? Der Titel Ligapokalgewinner hat keine Bedeutung und keine Tradition, er wirkt sogar auf Briefköpfen eher sperrig. Die DFL hat einst allen Ernstes erwogen, das Finale im Ausland austragen zu lassen, etwa in Asien. Nun überlegen die findigen Funktionäre, die Zahl der teilnehmenden Vereine auf 36 zu erhöhen. Wer das hört, der ahnt: Da geht es nicht um Sport und Spiel, um Profis und Prävention, um Wissen und Weitsicht. Da geht es allein ums Geld.“
Freitag, 29. Juni 2007
Internationaler Fußball
Verheerendes Zeugnis
Paul Ingendaay (FAZ) kommentiert Fabio Capellos Entlassung in Madrid und die wohl bevorstehende Verpflichtung Bernd Schusters: „Das anhaltende Drama dieses berühmten Vereins liegt in kurzsichtiger und stümperhafter Personalpolitik. Sollte Schuster demnächst anfangen, wäre er der achte Cheftrainer in achtundvierzig Monaten. Allein diese Zahl, die einzigartig unter den europäischen Großklubs ist, stellt dem Management ein verheerendes Zeugnis aus. (…) In der Trainerfrage hat Präsident Calderon auf wenig präsidiale Weise herumgeeiert. Mal spielte er sich als oberster Machthaber auf, dann wieder wälzte er alle Verantwortung auf seinen Sportdirektor ab. Auf Bernd Schuster warten in Madrid nicht nur Weltklassespieler, sondern auch eine heikle Aufgabe: um diesen Präsidenten einen großen Bogen zu machen.“
Mittwoch, 27. Juni 2007
Bundesliga
Riskantes Geschäft oder nur Gewinner? (1)
Unterschiedliche Meinungen zum erwarteten Transfer Miroslav Kloses von Bremen nach München
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) gibt zu bedenken: „Kloses Wechsel ist ein höchst riskantes Geschäft. Dem FC Bayern dient der Zugang Klose zuvorderst zur Befriedigung des eigenen Egos. Uli Hoeneß hat – wie schon so oft – einen Konkurrenten geschwächt, diesmal sogar doppelt: erst in der vorigen Saison durch Vertragsverhandlungen zur dreistesten Zeit, nun durch den Transfer selbst. (…) Der Transfer wirkt auch nicht unbedingt schlüssig. Sportlich verschlechtert sich der Angreifer durch seinen Wechsel: Er geht von einem Team, das sich noch für die Champions League qualifizieren kann, zu einer Mannschaft, die in der kommenden Saison nur im Uefa-Cup spielt. Er verläßt die ruhige Bremer Umgebung, die ihn hat aufblühen lassen – und muß doch weiterhin damit leben, daß sein Traum vom Wechsel zu einem internationalen Klasseklub unerfüllt bleibt.“
Thomas Hummel (sueddeutsche.de) fügt hinzu: „Es ist die zweite deftige Niederlage für Werder im Transfergeschacher gegen den ungeliebten Krösus aus dem Süden. Im Januar waren Hoeneß und Rummenigge schon bei Jan Schlaudraff schneller – und finanzkräftiger. Jetzt auch noch Klose. Solche Treffer tun weh, auch wenn Thomas Schaaf und Klaus Allofs nach außen hin gerne Gleichmut zeigen.“ Peter Heß (FAZ) hingegen schreibt: „Bei diesem Geschäft mit und um Klose gibt es keine Verlierer. Werder kassiert weit über zehn Millionen Euro Ablöse für einen Stürmer, der zwölf Monate später kostenlos zu haben gewesen wäre. Und wie viel ein unzufriedener Klose wirklich wert ist, haben die Bremer in den vergangenen Monaten leidvoll erfahren müssen.“
Donnerstag, 21. Juni 2007
Vermischtes
Beichten, Betrugsverdacht, Bankrotterklärung
Bankrotterklärung
Steffen Dobert (zeit.de) kommentiert die Entwicklung in Rostock: „Zwölf Tage bevor die Mannschaft, die es in der nötigen Breite noch gar nicht gibt, mit dem Training für die neue Saison beginnt, entläßt der Vorstand den Manager. Als Nachfolger für Stefan Studer präsentiert der Verein dessen wenig erfolgreichen Vorgänger Herbert Maronn. Das klingt wie eine Bankrotterklärung vor der eigenen Handlungsfähigkeit. Das ist es auch. Erst recht, wenn man den einzigen greifbaren Grund für den Rauswurf kennt: Der Trainer Pagelsdorf und der Manager Studer konnten sich nicht ausstehen.“
Obszön
Betrugsverdacht gegen die beiden Mailänder Klubs – für Thomas Kistner (SZ) bricht angesichts dieser Nachricht keine Welt zusammen: „Der Calcio ist halt der Calcio, ein filmreifes Zwielichtgewerbe. Und die von humorlosen Staatsanwälten ermittelte Gepflogenheit, mit kreativen Spielerwerten reale Bilanzdefizite abzufedern, ist Teil eines ehrwürdigen Brauchtums (wird aber auch andernorts gern kopiert). Doch derlei wird gerade in Italien kaum wirklich zu ahnden sein. Dort blicken Sportsünder traditionell auf beste Erfahrungen mit der Justiz zurück. Scharf verurteilt in erster Instanz, bekräftigt in der zweiten, folgt in Runde drei der Freispruch: wegen Verjährung, bei Bestätigung der Schuld. Das wahre Übel ist, daß im Fußball Geld nicht verdient werden muß. Es rieselt aus den himmlischen Füllhörnern von TV- und Sponsorwirtschaft, von Ölmultis und weiß der Teufel wem. Einfach so. Es ist Spielgeld. Monopoly. Es braucht keinen aufzuregen, was damit geschieht. Es versickert irgendwie, irgendwo. Es ist ganz schön obszön.“
NZZ: Beichten von deutschen Fußballern ähneln frappierend denen der Radsportler
BLZ: Doping im Fußball hat eine lange Tradition und ist heute wirkungsvoller denn je
BLZ: Der erste Fan-Kongreß diskutiert das Reizklima in der Ultra-Bewegung
BLZ: Dealer in Bedrängnis – Fußballer ziehen gegen Jack Warner vor Gericht
FAZ: Zur schwierigen Lage der WM-Vorbereitung in Südafrika I
FAS: Zur schwierigen Lage der WM-Vorbereitung in Südafrika II
Rund-Portrait Bernd Schuster
FAZ-Portrait Bibiana Steinhaus
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