indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 11. Dezember 2006

Bundesliga

Schmortopf Bundesliga

Pressestimmen zum 16. Spieltag: Die Journalisten finden wenig Gefallen an dem Spiel; Werder Bremen bleibt die Ausnahme / „Bayern Münchens fragwürdiges Dienstleistung- und Entertainment-Verständnis“ (SZ) / Gladbach gegen Mainz, „eine Partie aus den Tiefen des Grau(en)s“ (FAZ) / Stuttgart läßt sich vom Ergebnis und vom Tabellenplatz blenden (FR) / Hat der HSV gegen Moskau seine Kraft vergeudet? (FAZ)

Fazit der Vorrunde vor dem letzten Spieltag – Christian Zaschke (SZ) beklagt das Primat der Verteidigung und das Patt des Spiels: „Hannover gegen Bielefeld – so funktioniert die Liga. Beiden Mannschaften stehen Trainer vor, die sich taktisch auf der Höhe der Zeit befinden. Thomas von Heesen und Dieter Hecking haben ihre Teams zu dichten Verbünden geformt, in denen in der Defensive äußerst effektiv gearbeitet wird, im Jargon: verschoben. Die Defensive ist der leitende Gedanke des Spiels, es geht darum, wieder im Jargon: tief zu stehen. Das wollten kleine Mannschaften auch in der Vergangenheit tun und sind doch oft von den großen Mannschaften zerpflückt worden. Mittlerweile stehen die kleinen und mittelgroßen Mannschaften jedoch viel besser, und den großen Teams fällt gegen die beweglichen und disziplinierten Abwehrreihen nicht viel ein. Die Folgen dieser Entwicklung sind in dieser Saison weniger Heimsiege, viele Unentschieden und vor allen Dingen viele Spiele, die nur für Freunde der taktischen Analyse unterhaltend sind, nicht aber für Freunde des Spektakels.“

Peter Penders (FAZ) kann nicht mehr hinsehen und will nicht mehr zuhören: „Ein halbes Jahr nach dem Sommermärchen liegt die Bundesliga längst wieder träge in ihrem Schmortopf und bruzzelt langsam vor sich hin. Groß war der Groll der Vereine, als Klinsmann & Co den Finger hoben, und überhaupt stimme das alles nicht. Ein halbes Jahr später spricht lieber niemand mehr darüber (…) Die Bayern wollten einst zur WM 2006 eine deutsche Mannschaft aufbauen – das hat ungefähr so gut geklappt, wie Santa Cruz als Ballack-Nachfolger aufzubauen. Dafür sind sie weltweit offenbar der Verein, der am meisten unter den Spätfolgen der WM leidet, zumindest erwecken sie den Eindruck. Aber so geht das von Verein zu Verein, jeder redet sich seine Situation schön, und die Soße des eigenen Gequatsches wird immer dicker, breitflächig verteilt und deckt alles zu.“

Simple Lösungen

Elisabeth Schlammerl (Stuttgarter Zeitung) erkennt in den Reaktionen der Bayern auf das 2:1 gegen Cottbus Spuren der Selbstreflexion: „Kurz vor dem Ende einer mühseligen Vorrunde überwiegt die Erkenntnis, daß die derzeitige Leistung nicht reicht für eine Titelverteidigung, daß die Bayern so vor allem gegen die angriffslustigen Bremer im Meisterschaftsrennen chancenlos sind und sogar um einen Champions-League-Platz bangen müssen. Sie setzen aufs neue Jahr, darauf, daß mit einer geregelten Vorbereitung ab Anfang Januar auch die Leidenschaft, die Lust auf jenen Fußball wächst, durch den sich derzeit der Tabellenführer aus Bremen auszeichnet und das Publikum begeistert.“ Klaus Hoeltzenbein (SZ) nimmt den Führungstreffer in diesem Spiel für die Vorrunde der Bayern: „Tomislav Piplica sah in seiner grellorangen Montur nicht nur aus wie ein entlaufenes Teletubbi, er fiel auch wie ein entlaufenes Teletubbi – ins linke Eck. Dort prallte ihm Schweinsteigers Fernschuß an Schläfe und/oder Ohrläppchen und von dort – ins rechte Eck. So hatte auch eines jener Ligaspiele, in dem die Bayern ein fragwürdiges Dienstleistung- und Entertainment-Verständnis offenbarten, einen heiteren Moment. Allerdings, und auch das war bezeichnend, nur auf Kosten anderer. Die Art, wie dieses 1:0 zu Stande kam, war ein Spiegel der Tore der bisherigen Saison. Die Münchner haben in dieser Hinrunde die simplen Lösungen für ihre Probleme bevorzugt.“

SpOn/Rund: Über die Fehler der Bayern in der Einkaufspolitik

Opas Fußball erlebte keine Renaissance

6:2 in Frankfurt – Roland Zorn (FAZ) läuft den Bremern tanzend und singend entgegen: „Es war eine vorweihnachtliche Bescherung für ein Team, das derzeit den mit Abstand attraktivsten Fußball der Bundesliga zelebriert. Mit Toren, Toren, Toren nimmt Werder den Titel ins Visier und ist fürs erste ganz begierig darauf, am kommenden Sonntag eine virtuelle Trophäe, die sogenannte Herbstmeisterschaft. Eine solche Plazierung hätte sich Werder dank immer wieder überragender Leistungen inmitten der allzuoft monotonen Bundesliga mehr als verdient. Wenn Farbe ins Spiel kommen soll und es auch einmal etwas mehr als eine reine Ergebnisbemühung für das hochverehrte Publikum sein darf, richten sich alle Blicke nach Bremen.“

Tobias Schächter (BLZ) schreibt zum erneuten Bremer „Sixpack“: „Solch dreisten Toregalopp in fremden Arenen hat die Liga noch nie gesehen. Trotz war beim Triumph in Frankfurt dabei. Die harsche Kritik nach dem 0:2 im Nou Camp hat die Bremer getroffen. Die erste Halbzeit sei nicht gut gewesen, aber alles zu verdammen, sei eine Frechheit, echauffierte sich Klaus Allofs, der sich mehr über die Kritik von ‚einigen Ahnungslosen‘ zu ärgern als über das 6:2 zu freuen schien.“ Zorn neckt die Verlierer: „Die Frankfurter hatten das Unheil nach altdeutscher Art vermeiden wollen: indem sie den jungen Russ Libero spielen ließen – eine Rolle, die im modernen Fußball gar nicht mehr vorgesehen ist; dazu begleitete der sonst als zeitgemäßer Innenverteidiger erprobte Vasoski den Bremer Regiezauberer Diego auf Schritt und Tritt – als Manndecker im Mittelfeld. Opas Fußball erlebte keine Renaissance.“

Kein Märchen

„Gegen Moskau Kräfte vergeudet?“, fragt Frank Heike (FAZ) die Hamburger in Anspielung auf ihren 3:2-Sieg in der Champions League vorwurfsvoll: „Ein Sieg gegen Nürnberg wäre tausendmal wichtiger gewesen als der wertlose Erfolg vom Mittwoch. Der wurde mit viel Einsatz erzwungen, und Doll kam nicht drum herum, zu konstatieren, daß leider die Frische gefehlt habe. Wie er es auch macht, er macht es falsch, dieser HSV.“ Ralf Wiegand (SZ) hätte gerne das Happy End mit dem neuen Hamburger Gesicht verfaßt: „Um Linksverteidiger Atouba zu ersetzen, mußte Doll mal wieder die gesamte Elf um- und einen Überraschungsgast einbauen. Der hieß Volker Schmidt und hat sowohl einen Lebenslauf als auch eine Physiognomie, als ob er von der PR-Abteilung des Vereins gecastet worden wäre. 28 Jahre alt, in Hamburg geboren, Jugend- und Amateurspieler beim HSV, wenig Haare, viel Herz. Aber die Geschichte des Kämpfers blieb unvollendet. Schmidt robbte in seinem ersten Bundesligaspiel zwar bis zur völligen Unkenntlichkeit seiner Rückennummer über den Rasen, aber das Tor, das er hätte schießen können, vereitelte Club-Keeper Raphael Schäfer. Für Märchen reicht es eben momentan nicht beim Hamburger SV.“

Aus der Tiefe des Grau(en)s

1:1 in Mönchengladbach – Richard Leipold (FAZ) kann die Freude des Mainzer Trainers über das Spiel nicht fassen: „Wie schlecht muß es einem Trainer sportlich gehen, wenn er ein solches Spiel als ‚gefühlten Sieg‘ verkauft? So, wie es Jürgen Klopp versucht hat. Er sprach über eine Partie aus der Tiefe des Grau(en)s. Über eine Partie, deren Unterhaltungswert sich nur knapp oberhalb des Nullpunkts bewegte. Dieses Fußballspiel konnte nur unentschieden ausgehen. Was soll sonst herauskommen, wenn zwei Mannschaften aufeinandertreffen, die schon lange nicht mehr imstande sind, drei Punkte auf einmal zu ergattern? Das 1:1 war der buchstäblich kleinste gemeinsame Nenner zweier Abstiegskandidaten.“

Blendwerk des reinen Ergebnisses

Klaus Teichmann (FR) warnt die Stuttgarter und ihren Trainer davor, das 1:0 gegen Bochum und Tabellenplatz 3 als Beweis der Stärke zu werten: „Es wirkt ganz so, als ob sich Armin Veh etwas von den durchweg glücklichen Erfolgen der vergangenen Wochen blenden läßt – eine überzeugende Leistung bot der VfB nun schon lange nicht mehr. Gegen den Hamburger SV und in Hannover reichte es zuletzt nur zu schmeichelhaften Siegen, gegen Mönchengladbach verwalteten die Schwaben ein frühes Tor erfolgreich, in Mainz schrammte der VfB beim 0:0 nur knapp an der Niederlage vorbei – und auch gegen Bochum wirkte das Team gehemmt und verkrampft. (…) Sollte das Blendwerk des reinen Ergebnisses weiter entsprechend wirken, dürften der VfB schnell wieder aus der Spitze purzeln.“

Anzeichen eines Abschieds

Achim Lierchert (FAZ) deutet Worte und Gesten des Bielefelder Trainers: „Von Heesen will sich im Moment ganz auf die Arbeit mit der Mannschaft und den bevorstehenden Erwerb seiner Fußballehrer-Lizenz konzentrieren. Seine zwischen den Zeilen durchklingende Kritik an den Zuständen in Bielefeld deutet jedoch darauf hin, daß er sich sehr wohl bereits in diesen Tagen mit seinen Perspektiven und den angehenden Gesprächen beschäftigt. Anzeichen eines Abschieds, vielleicht schon in der Winterpause? Hier könnte Dortmund zur treibenden Kraft werden, wenn die Verantwortlichen bei Borussia oder gar der scheidende Bert van Marwijk selbst zu der Überzeugung gelangen, die Saison doch nicht gemeinsam zu Ende bringen zu können.“

An Boden verloren

Daniel Theweleit (BLZ) befaßt sich mit Leverkusener Wachstumsbremsen: „Nicht nur hinsichtlich der finanziellen Ausstattung hat der ewige Zweite an Boden verloren. In Leverkusen machen sich die Folgen der WM negativ bemerkbar. Es ist nur acht Jahre her, da galt die BayArena als Schmuckkästchen der Liga, mittlerweile verfügen viele Klubs über größere Stadien mit gewaltigen Vermarktungsmöglichkeiten. Finanziert oft durch Steuermittel, während die Kicker aus Leverkusen unter den globalisierten Zwängen der Pharmabranche zu leiden haben.“

Sonntag, 10. Dezember 2006

Internationaler Fußball

Seitenhiebe

Die Presse führt die Absage Jürgen Klinsmann an den US-Verband darauf zurück, daß ihm zu wenige Befugnisse eingeräumt worden seien; viele Kommentare kommen ohne negativen Zungenschlag nicht aus

Andreas Lesch (BLZ) schreibt: „Jürgen Klinsmanns Entscheidung überrascht nicht. Sie entspringt exakt jener Denkweise, mit der er auch in den zwei Jahren als deutscher Projektleiter immer wieder für Aufsehen gesorgt hat: Klinsmann will nicht berechenbar sein. Er zeigt, daß Märchen keine Massenware sind, schon gar nicht mit ihm in der Hauptrolle. Er hat vom amerikanischen Verband wohl ähnlich weitreichende Kompetenzen wie einst vom DFB gefordert, er wollte erneut ein eigenes Expertenteam um sich scharen – das wollte ihm Verbandsboß Sunil Gulati nicht gewähren. Dadurch hat er Klinsmanns heiß geliebte Unabhängigkeit in Frage gestellt. Der Radikalreformer hätte als US-Coach Absprachen treffen müssen, wo er einsame Entscheidungen bevorzugt hätte. Er hätte nicht den ganzen Laden auseinandernehmen können, wie er das einst in Deutschland angekündigt und umgesetzt hatte; er wäre eher eine Art Ladenhüter gewesen. Diese Rolle behagt Klinsmann nicht.“ Jörg Hanau (FR) ergänzt: „Klinsmann wollte der mächtigste Mann im US-Fußball werden: unantastbar, autark, niemandem verantwortlich. Dies festzuzurren, waren die Soccer-Bosse nun wohl doch nicht bereit. Deren Angst vor dem eigenen Machtverlust war offenbar größer, als die vage Hoffnung auf sportlichen Erfolg mit dem Einwanderer.“

Daß sich ein Trainer von seinem Arbeitgeber Befugnisse sichern lassen will, ist der normalste Vorgang von der Fußballwelt; bei Klinsmann ist das in den Augen der deutschen Presse oft gleich eine „Machtfrage“. Einige Kommentare schlittern zudem im besten Fall haarscharf an der Häme vorbei, kaum einer kommt ohne die Betonung aus, es sei nicht am Geld gescheitert – überraschenderweise versteht sich, ist Klinsmann in Geldfragen doch das „Cleverle“. Noch immer dient Klinsmann der Presse als Objekt für Seitenhiebe – der Mann also, dem das historische Verdienst zukommt, den deutschen Fußball mit einem zweijährigen Kraftakt gegen großen Widerstand in die richtige Bahn gelenkt zu haben.

FAZ: Nicht alle haben es genossen, im Film Klinsmanns Selbstparodien als verkrampfter Kabinenprediger zu sehen
american arena: Klinsmann sagt ab – der amerikanische Oberexperte hat sich geirrt
FAZ: Fußball-Amerika ist überrascht über Klinsmanns Absage
Tsp: Warum die Verhandlungen zwischen Jürgen Klinsmann und dem US-Fußballverband gescheitert sind

Interview (TspaS) mit Michael Ballack

Samstag, 9. Dezember 2006

Ball und Buchstabe

Torwartdämmerung

Christof Kneer (SZ) nimmt Notiz von dem eigenartigen Phänomen, daß zurzeit viele Bundesliga-Trainer ihre Torhüter tauschen, und führt es auf den Klinsmann-Sog zurück: „Eine gute alte Regel besagt, daß man auf jeder Position die Spieler tauschen darf, bloß nicht im Tor. Man hat das zwar nie so recht verstanden, weil die Begründung irgendwie in die Richtung ging, daß man einem Torwart nicht sagen darf, wenn er Fehler macht, weil er sonst noch mehr Fehler macht. Bei Torhütern handelte es sich offenbar um geheimnisvolle Wesen, in deren Kraftmeierkörpern sehr empfindsame Seelen wohnten. Wenn man das richtig verstanden hat, war das der Grund, warum ein Torwart-Stammplatz immer so unantastbar war wie der Wohnsitz von Jürgen Klinsmann. Wenn man das richtig verstanden hat, ist die Bundesliga im 45. Jahr ihres Bestehens gerade dabei, eines ihrer letzten Tabus zu brechen. Erstmals ist wirklich Gefahr im Verzug für die Stammtorhüter der Liga, die 44 Spielzeiten unter Artenschutz standen. Der Torwart durfte ja fast alles bisher, er durfte die Hand zu Hilfe nehmen, ein bißchen seltsam sein und im Fünfmeterraum nicht gefoult werden, aber sein schönstes Privileg haben sie ihm jetzt einfach weggenommen. Es ist offenbar der Trend dieser Spielzeit, daß die Torhüter inzwischen das vielzitierte schwächste Glied in der vielzitierten Kette sind. Nach knapp der Hälfte der Saison hat die Liga nur einen Trainer (Neururer) entlassen, statt der Trainerstühle wackeln die Torwartstammplätze. (…) Vermutlich ist es kein Zufall, daß die Torwartdämmerung gerade jetzt über die Liga gekommen ist. Es hat wohl erst ein respektloser Mensch kommen müssen, um Deutschland die Heiligengläubigkeit auszutreiben. Der Torwart ist jetzt keine Einzelsportart mehr, er ist endgültig im Mannschaftssport angekommen.“

Ernst, todernst

Paul Ingendaay (FAS) spricht über den Unterschied zwischen spanischem und deutschem Fußballfernsehen und uns allen aus der Seele: „Unsere elende deutsche Ironie bei der Fußballkommentierung. Man kann den Spaniern vorwerfen, daß sie zuviel Sportpresse lesen, zu viele Schimpfwörter verwenden und auf den Stadionrängen zu laut brüllen, aber eines werde ich ihnen immer zugute halten: daß sie keine Witze brauchen, um Fußball interessant zu finden. Sie brauchen auch keine Kerners und Beckmanns, Leute also, die längst ins Talk- und Showgeschäft abgewandert sind und nach strengen Professionalitätsstandards gar nicht mehr ans Fußballmikrofon gelassen werden dürften. Folglich sitzen in spanischen Pressekabinen nur Fußballkommentatoren, deren Leben aus Fußball besteht, wie es sich für diesen Job gehört. Fußball ist ernst, todernst. Fußball bedarf in Spanien keiner Show-Elemente, man muß ihn nicht anpeppen, aufmotzen oder ‚farbiger gestalten‘, schon gar nicht durch TV-Moderatoren, die werktags Popstars, Schauspieler, Politiker und Köche interviewen.“

SZ: Atouba: Opfer oder Täter?
SZ-Kommentar: Wie weit dürfen Fans gehen? Es besteht ein Unterschied zwischen den üblichen Schmähungen des Gegners und Diskriminierungen mit ethnischem Hintergrund, kurz gesagt: fremdenfeindlichen Ausfällen
FR-Interview mit dem Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski: „Rassismus gibt es natürlich auch in westdeutschen Stadien, nur tritt der Rassismus im Osten um einiges offener zutage als im Westen“
FR: Was drei schwarze Spieler des Chemnitzer FC Woche für Woche auf dem Fußballplatz erleben

taz: Der deutschen Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung wurde der dritte Platz bei der WM aberkannt; der Streit um die psychologischen Tests geht vor allem zu Lasten der Sportler

BLZ: Einheitsparteitag in Weimar – der deutsche Sport will über seine Position im Anti-Doping-Kampf abstimmen; ob es eine Debatte gibt, ist fraglich

Freitag, 8. Dezember 2006

Champions League

Wäre schön, wenn sich der HSV bald wieder wie ein normaler Klub benehmen würde

Thimotée Atoubas Mittelfinger, eine Reaktion auf rassistische Rufe der Zuschauer? „Ausgepfiffen, ausgewechselt, ausgerastet – beim Hamburger SV geht jetzt sogar schon das Siegen schief“ (SZ)

Ein neuer Fall von Rassismus in der Bundesliga/Champions League? allesaussersport entnehmen wir, „daß beim ‚Stinkefingerskandal‘ die Aktion eben nicht nur von Atouba ausging, sondern massive, rassisistische Beschimpfungen vorausgingen.“ Belegt wird dies mit Zitaten aus der Hamburger Presse und durch Aussagen mit Fan-Vertretern. Die Schlagzeilen der Bild-Zeitung, die heute „nackte Madeln in Dirndln“ zeigt und sich sehr über Atouba empört, kommentiert allesausserport: „Das ist die Journalistenbrut, die durch einseitige Berichterstattung für solche Ausfälle von Seiten des Publikums mitverantwortlich ist.“

Unter dem Titel „Am Rande des Nervenzusammenbruchs“ sorgt sich Frank Heike (FAZ) um Gemütszustand und den Verstand der Hamburger Zuschauer: „Der Fußball in Hamburg ist derzeit nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Die Relationen sind total verrutscht, der Hamburger SV führt Komödie, Tragödie, Schurkenstück und Bauerntheater gleichzeitig auf, und ein bißchen Brecht ist auch dabei, weil das Publikum plötzlich von den Bänken springt und in die Hauptrolle drängt. Es gibt nur leider keinen Regisseur, der sagt: ‚Stopp! Alles auf Anfang.‘ In dieser Partie ging es um nichts mehr für die Hamburger (sieht man von den 600.000 Euro ab, die die Uefa dem Sieger zahlt), doch es wurde eine denkwürdige Partie vor hysterischem Publikum: Bei jeder Grätsche bebte die Arena, bei jedem Fehlpaß pfiff das halbe Stadion. Es war unheimlich. (…) Es wäre schön, wenn sich dieser HSV bald wieder wie ein normaler Fußballklub benehmen würde.“ Ralf Wiegand (SZ) bringt das Chaos auf den Punkt: „Ausgepfiffen, ausgewechselt, ausgerastet – beim Hamburger SV geht jetzt sogar schon das Siegen schief.“

Mittelfingerspitzengefühl

Christian Eichler (FAZ) ordnet den Fall Atouba historisch in die Mittelfingerrechtssprechung ein und rät zu Milde und Augenmaß: „So ist der Mensch nun mal: Fühlt er sich beleidigt, beleidigt er gern zurück. Von Profis wird erwartet, daß sie das runterschlucken – mag das Publikum noch so launisch oder ungerecht sein. Doch sollte man ein wenig Nachsicht üben mit mancher Überreaktion. Meistens tun das auch die Sportgerichte, die etwa den Bielefelder Vata oder ManU-Star Cristiano Ronaldo nach unfeinen Fingerzeigen gegen pöbelndes Publikum mit einer Sperre von je nur einem Spiel davonkommen ließen. Der Unterschied zu Atouba ist, daß er vom eigenen Publikum ausgepfiffen wurde, daß er das eigene Publikum beleidigte – eine Kettenreaktion, die der tristen, unerwarteten Lage eines Champions-League-Klubs in Zweitligagefahr geschuldet ist. Publikum wie Spieler scheinen davon überfordert. Wie man die Wogen glättet, zeigte Christoph Daum: Den ‚Stinkefinger‘ von Torjäger Kirsten konterte er so: ‚Er hat mir signalisiert, daß er in einer Minute ausgewechselt werden möchte.‘ Ein Fall von Mittelfingerspitzengefühl.“

Die erfahrensten 21-Jährigen im Weltfußball

Flurin Clalüna (NZZ) sagt Manchester United rosige Zeiten voraus: „Mit dem gleichaltrigen Wayne Rooney symbolisiert Christiano Ronaldo die Zukunft des Vereins. Daß sie bereits heute die Gegenwart prägen, liegt daran, daß Manchester mit den beiden Nationalspielern vermutlich die erfahrensten 21-Jährigen im Weltfußball im Kader weiß. Ihr Reifeprozeß läßt die United eine hoffnungsvolle Zukunft erwarten.“ Nebenbei erfahren wir onomastisches über den Portugiesen: „Seine Eltern haben den Namen für ihren Sohn nicht etwa aus romantischer Verbundenheit zum brasilianischen Fußballer Ronaldo gewählt, sondern weil sie sich die Filme des späteren US-Präsidenten Ronald Reagan so gerne ansahen.“

BLZ: Lyon hat sich durch geschickte Personalpolitik zum spielerisch besten Team Europas entwickelt

NZZ-Fazit Vorrunde Champions League: Deutschland darbt

Am Grünen Tisch

Lizenz zum Betrügen

Die Fifa-Justiz spricht den Ticket-Trickser Jack Warner frei, und Jens Weinreich (BLZ) weiß wie immer nicht, ob er lachen oder weinen soll: „Warner ist im moralischen Sinne ein hoch-korrupter Funktionär, das wird man auch mal sagen dürfen. Denn Korruption ist Amtsmißbrauch, so einfach ist das, und davon versteht Warner eine Menge. Obgleich Wirtschaftsprüfer einen Bruch der Ticketrichtlinien monierten, beließen es Warners Kameraden bei einer ‚Mißbilligung‘, wie sie formulierten, und der Mahnung, künftig ‚angemessene Sorgfalt bei Ticketingbelangen‘ walten zu lassen. Huch, da wird Jack the Ripper aber beeindruckt sein. Das Verdikt des Exekutivkomitees ist nichts anderes als eine Lizenz zum Betrügen.“

RundBlog: Knallharte Recherche, die Schuldigen benennen und dann sagen: „Da sind wir nicht zuständig.“

Keine Überraschung

Le Monde mutmaßt über eine Verwicklung des FC Barcelona und Real Madrids in die Fuentes-Affäre; Friedhard Teuffel (Tsp) räumt mit der Mär auf, im Fußball sei Doping effektlos: „Es kann keine Überraschung sein, daß sich auch Fußballspieler mit verbotenen Substanzen Beine machen, zumal solche Fälle schon aus den achtziger Jahren dokumentiert sind. Warum sollten denn gerade Profis in der Sportart Manipulation ablehnen, in der es am meisten Geld zu verdienen gibt? Früher hieß es noch, Doping bringe im Fußball nichts, dazu sei die körperliche Beanspruchung viel zu komplex. Aber das ist längst widerlegt. Dopingsubstanzen wie Anabolika oder Insulin werden vor allem eingesetzt, damit sich die Athleten besser von ihren Strapazen erholen. In zunehmender Regelmäßigkeit beklagen sich Trainer und Spieler im Fußball schließlich darüber, daß die Belastungen immer höher werden, weil es immer mehr Spiele gibt: Ligaspiele, Pokalspiele, Länderspiele, Europapokalspiele. Doping ist die verbotene Lösung dieses Belastungsproblems.“

SZ: Parallel zur DFB-Task Force geht ein Bündnis für Fan-Rechte an die Öffentlichkeit

Donnerstag, 7. Dezember 2006

Champions League

Art Déco gegen Bauernschrank

Die Presse ringt um Fassung, weil ihr Liebling Werder Bremen von Barcelona den Tarif bekanntgegeben bekommen hat

Werder Bremen würden die Mittel fehlen, urteilt Ronald Reng (FTD) wissend, um Barcelona in deren Heimat zu bezwingen und entlarvt alle, die auf Werder gesetzt hatten, als Träumer: „Werder ist eine der besten 16 Mannschaften Europas, auch wenn es nun nicht die Runden der besten 16 erreicht hat. Sie sind gegen zwei der besten vier oder fünf ausgeschieden, Chelsea und Barça, und das einzige Irritierende daran war, wie viele in Deutschland vor dem Dienstag überzeugt waren, Werder könnte im Camp Nou bestehen. Diese Elf hat nicht die Charakteristiken, um in Barcelona Gewinn zu machen. Werder ist am stärksten, wenn es den Ball schneller und sicherer paßt als der Gegner – aber das schafft niemand in Barcelona. Dort braucht es ein Team, das Barça den Spielraum erstickt, das mit neun perfekt gestaffelten Männern die 20 Meter vor dem eigenen Strafraum besetzt. So durchlitt Werder eine Identitätskrise: Es wußte nicht mehr, was für eine Elf es sein wollte; die bekannte, die den Ball und den offenen Vergleich sucht, oder eine, die sich gegen ihr Naturell einigelt. Am Ende war Werder dann gar nichts.“

Deprimiert und gequält gesteht Ralf Wiegand (SZ) eine ästhetische Niederlage ein: „Der FC Barcelona, der Klub aus der Stadt, in der Gaudi wirkte und Picasso sein Studium der Künste begann, diese begnadeten Meister also haben nur ein kleines bißchen mit den Formen und Farben spielen müssen, um die Bremer wie primitive Landschaftsmaler aus der Provinz aussehen zu lassen, deren plumpe Motive der röhrende Hirsch und die grasende Heidschnucke sind. Ein Spiel, eine Halbzeit nur – und der deutsche Fußball steht dem spanischen Art-Déco-Stil mal wieder gegenüber wie ein alter Bauernschrank. Als wäre das nicht alles schon schlimm genug, diese Dilettanten-Tournee im Uefa-Cup, die sagenhaft peinliche Punkteverweigerung des HSV in der Champions League. Nun ist sich auch noch Werder Bremen, die Schöne unter lauter Bundesliga-Biestern, beim Abschlußball selbst auf die Schleppe getreten, gestolpert und mit dem Kopf in die Torte gefallen.“

Wille zum Lernen

„Weiter so, Werder!“, ruft Peter Heß (FAZ) den Bezwungenen Mut zu, an ihrer – vorbildlichen – Strategie festzuhalten: „Werder Bremen hat sich ehrenvoll aus der Champions League verabschiedet. Zwar wurde die Mannschaft zeitweise vorgeführt, aber solche Minuten muß man manchmal wie ein Naturereignis über sich ergehen lassen, ohne in übergroße Selbstzweifel zu stürzen. In seinen genialen Momenten ist Barcelona unschlagbar. (…) Bei Werder ist der Wille zum Lernen spürbar, der vielen Klubs in der Bundesliga abhanden gekommen ist. Nicht Bayern München ist ihr Maßstab oder die Leistung, die genügt, gerade noch den Einzug in irgendeinen Europapokal zu ergattern. Werder will so gut sein wie die Besten und tut alles dafür. Wer diesen ehrgeizigen Weg eingeschlagen hat, darf zwischendurch ruhig einmal scheitern.“

Neue Aufgabe: Retter des deutschen Fußballs

Javier Cáceres (SZ): „Als die ersten Minuten gespielt waren, schien es, als sei sich Werders Elf auf dem Platz plötzlich gewahr worden, mit wem man sich eingelassen hatte, welche Dimension der Gegner, sein Rasen, sein Stadion hatte. Aggressivität, Courage, Selbstvertrauen und Klasse waren von Beginn an blaurot eingefärbt, die Werderaner wirkten bar jeder Grandezza und vom gewaltigen Bühnenbild ebenso überfordert wie vom Gegner.“ Frank Hellmann (SpOn) notiert unerbittlich: „Alles hatte sich der Bundesliga-Tabellenführer für diesen Abend vorstellen können, nur das nicht: von Barca teilweise der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, streckenweise eine Lektion erteilt zu bekommen.“ Und in der FR schreibt Hellmann: „Man mag im Weserstadion die Unterschiede verwischen können, doch die Erkenntnis des lehrreichen Abends lautet: Wenn Ronaldinho oder Drogba unter Siegzwang stehen, dann wirken ihre Teams unverwundbar und der national belobigte Vorwärtsfußball à la Bremen wenig durchschlagskräftig.“

Steffen Hudemann (Tsp) kann der Bremer Niederlage etwas Vorteilhaftes abgewinnen, nämlich Bremens Aussicht, im Uefa-Cup für die deutsche Fünfjahreswertung zu punkten: „Dem deutschen Fußball konnte nichts besseres passieren. Denn die Bremer können ein Unheil abwenden, das der Bundesliga droht: der Verlust eines Startplatzes in der Champions League. Die Wertung ist nicht fair, weil Punkte im Uefa-Cup genauso viel zählen wie in der Champions League. Vor allem Rumänien punktet fast ausschließlich im Uefa-Cup. In der Champions League wäre wohl im Achtel- oder Viertelfinale Schluß gewesen, im Uefa-Cup kann Werder bis ins Finale kommen – und sich anschließend einen neuen, ebenfalls schönen Titel auf den Briefkopf setzen: Retter des deutschen Fußballs.“

NZZ: Die Leiden der Jungen von Werder in Barcelona
BLZ: Der den Ball zum Sprechen bringt – Ronaldinhos Freistoßtor verzückt ganz Spanien

Champions League

Deep Fritz gegen Deep Fritz

1:1 gegen Inter Mailand – Klaus Hoeltzenbein (SZ) schließt sich der Wertung Uli Hoeneß‘, der von einem Feinschmeckerschmaus gesprochen hat, nicht vollumfänglich an: „Erfolgreich wandten die Münchner gegen die Italiener deren Strategien an, sie verschleppten das Tempo, zogen den Rückpaß dem Risiko vor und warteten hartnäckig auf einen Fehler; zum Leidwesen mancher Zuschauer, die sich vorkommen mußten wie beim Duell zweier Schachcomputer. Deep Fritz gegen Deep Fritz – Neutralisation auf hohem Niveau. Es ging nicht um Schönheit, es geht um Effizienz.“ Thomas Becker (FR) pflichtet enttäuscht bei: „Wer für das Wiedersehen mit den Weltmeistern Materazzi, Grosso & Co. viel Geld bezahlt hatte, wollte mehr erleben als einen blutleeren Feierabendkick. Italiens Helden waren nur kurz zu sehen: als sie auf der Ersatzbank Platz nahmen. Inter-Coach Roberto Mancini schickte eine B-Elf aufs Feld – so viel zum Thema: Wir wollen unbedingt den Gruppensieg.“

SpOn: Die gefühlte Münchner Niederlage
BLZ: Der FC Bayern ist das letzte deutsche Team in der Champions League, doch droht er nun an seine Grenzen zu stoßen
FAZ: Nur Kahn macht der Ausgleich wild

NZZ: Der FC Porto und Arsenal tun sich nicht weh – 0:0 zwischen alten Verbündeten

NZZ-Bericht ManU–Benfica (3:1)

BLZ: Nur die Rechnung kommt prompt – Champions League per Internet bei Premiere, Teil 3

Tsp: Hertha droht trotz Rekordschulden keine Insolvenz – denn Vereine haben Vorteile gegenüber Firmen

NZZ: Engagement gegen Gewalt in Deutschlands Stadien – DFB-Sicherheitschef stellt Konzept vor

zeit.de: Die Bundesregierung hat einen Abschlußbericht zur WM verfaßt. Die Lektüre ist nicht nur lehrreich, sie bringt auch Spaß

Mittwoch, 6. Dezember 2006

Unterhaus

Aller Anfang als Messias ist schwer

Daum verliert nach viel Tamtam die Premiere seines Köln-Comebacks gegen Duisburg mit 1:3; die Journalisten überrascht dieses Ergebnis wenig, auch der Hohn hält sich in Grenzen

Philipp Selldorf (SZ) befaßt sich mit dem Schock für die Kölner und weist auf die sportliche Stärke des Siegers hin: „Das Wunder war ausgeblieben, und die Wirklichkeit war furchtbar. Der Schrecken darüber ließ sich ablesen in den Gesichtern des Managers Michael Meier und des Präsidenten Wolfgang Overath, die entsetzt auf ihren Mittelrangplätzen verharrten wie nach einem Schicksalsschlag. Nur Sadisten empfanden kein Mitgefühl beim Anblick dieser gebrochenen Männer. Dabei brauchte man schon viel Abstand zu den wahren sportlichen Verhältnissen, um sich von der kompletten Überlegenheit der Duisburger überraschen zu lassen. Denn so viel war in geringfügig besser informierten Kreisen auch vorher klar gewesen: Der MSV verfügt über eine homogene, spielerisch reife und sinnvoll gemischte Mannschaft, die mit professioneller Klarheit ihren Auftrag verfolgt. Der 1. FC Köln dagegen unterhält ein mit viel Geld und vielen guten Absichten, aber ohne Sachverstand zusammengestelltes Team, das fußballerisch unter dem Niveau der gehobenen Gesellschaft in der zweiten Liga agiert. Diese Tatsache offenbarte sich ab dem ersten Pfiff des Schiedsrichters.“

Die FAZ rät den Kölnern zu Bescheidenheit und Fleiß: „Der FC erlebte tatsächlich ein Wunder, nämlich sein blaues. Die Mannschaft war dem MSV in allen Belangen dermaßen unterlegen, daß dem nach sechzehneinhalb Jahren zurückgekehrten Coach nicht mehr blieb als die Hoffnung, ‚daß wir nicht jeden Tag so einen starken Gegner haben‘. Deutlich verabschiedete sich Daum von jenen Ansprüchen, die sich in Köln derzeit ein gutes Stück von der Wirklichkeit entfernt haben: ‚Wir sollten das Wort Aufstieg nicht in den Mund nehmen, sondern wie Eichhörnchen Punkte sammeln.‘ Der 1. FC Köln, von den Duisburgern als Scheinriese entlarvt, fängt nach der dritten Heimniederlage in Folge wieder klein an.“

Die Kritik der Öffentlichkeit richte sich nun vermehrt an Spieler und Vorstand, beobachtet Erik Eggers (Tsp): „‘FC zu schlecht für Daum‘, titelt die Bild-Zeitung, die dem Trainer traditionell assistiert. Daß die Boulevardzeitungen nun, nachdem mit Daum die wichtigste Forderung erfüllt ist, spektakuläre Transfers von Overath erwarten werden, dazu bedarf es keiner großen prophetischen Fähigkeiten. Und auch die Mannschaft bekam nach dieser trostlosen Vorstellung einen Vorgeschmack darauf, wer in Zukunft für schlechte Leistungen verantwortlich gemacht wird: Einige Hundert Fans beschimpften die Profis, als sie mit betretenen Mienen zur Verabschiedung in Richtung Südtribüne schlichen.“ Die Stuttgarter Zeitung zwinkert mit dem Auge: „Aller Anfang als Messias ist schwer.“

Einen Bildsalat bereitet uns heute die FR: „Wir waren immer auf dem Boden der Tatsachen, aber von außen ist ein Schwebezustand herbeigeführt worden“, zitiert sie Daum und schreibt: „Ein Schwebezustand, in den Daum während der vergangenen Jahre hineinmanövriert worden war, an dem er selbst kräftig mitgezimmert hatte.“ Ein Schwebezustand also, in den man hineinmanövriert wird und an dem man zimmern kann. Das schlägt dem Faß die Krone ins Gesicht.

SZ: Über die U20, eine Quasi-U21

Tsp-Interview mit Béla Réthy über Wortmanns Sommermärchen
BLZ: Die Kinobetreiber ärgern sich über den WM-Film heute in der ARD

NZZ: Paris SG in einer Gemengelage von Hooligan-Problemen und sportlicher Baisse

NZZ: 100 Jahre AC Turin – 100 Jahre Drama

NZZ: Reading – Aufsteiger mit unerwartet blühenden Perspektiven

Ascheplatz, Unterhaus

Hartplatzhelden

Video-Plattform für Amateur- und Hobbyfußball

Die Amateurfußballer sind die größte Sportgemeinschaft in Deutschland. Jede Woche finden zehntausende Spiele vor einem Millionenpublikum statt. Die Fußball-Bundesliga boomt, doch auf einen ihrer Stadionzuschauer kommen mindestens zehn, die ihre Sonntagnachmittage auf Deutschlands Hart- und Tennenplätzen verbringen. In den überregionalen Medien kommt das Massenphänomen Amateurfußball kaum vor – zum Leidwesen der Spieler, Trainer und Fans.

Nun wollen wir dem Amateurfußball ein Zuhause im Internet geben, das technisch und taktisch auf Ballhöhe ist: hartplatzhelden.de. Wir beginnen mit einem Award 2006, zu dem wir nun aufrufen. Wir suchen:

das schönste Tor
die spektakulärste Torwartparade
die mieseste Grätsche („Antiheld-Award“)
den Pechvogel des Jahres (so schön können Stolperer sein)
den schönsten Torjubel

Sonderpreis:

die fairste Aktion für unseren „Fairplay-Award“ (das kann eine faire Aktion auf dem Platz sein, aber auch eine kurze Video-Reportage über ein Antirassismus-Projekt)

Kurz: Wir suchen die Hartplatzhelden 2006. Eine prominente Jury wird sie küren: Oliver Bierhoff, Miroslav Klose, Marcel Reif, Günther Jauch, Gerhard Delling, Marco Bode, Thomas von Heesen und Rainer Holzschuh.

Aber der Award wird nicht das letzte Wort sein. Wir bauen die Seite zu einer Art YouTube für Amateurfußballer aus. Die Sache läuft gut an, schließlich haben wir den kicker und den Stern als Partner gewonnen, die es auch kaum erwarten können, die Tore der Hartplatzhelden und ihre Flanken hinters Tor auf ihren Webseiten zu zeigen.

hartplatzhelden.de

Dienstag, 5. Dezember 2006

Champions League

Heute lacht niemand mehr

Werder Bremen trifft auf den FC Barcelona – und beim Champions-League-Sieger auf großen Respekt / Die deutsche Presse saugt Honig aus der Aufmerksamkeit, die der spanische Fußball Werder Bremen und Miroslav Klose widmet

Das Duell mit Barcelona könnte für Bremens Trainer zu einer weiteren Sprosse auf der Himmelsleiter werden, findet Frank Heike (FAZ): „Thomas Schaaf ist in der Bundesliga eine Autorität. In Fußball-Europa kennt ihn längst nicht jeder. Werder ist zwar zum dritten Mal nacheinander für die Champions League qualifiziert. Werder wird im Ausland als spielstarke deutsche Nummer zwei wahrgenommen. Doch es fehlen die Erfolge in den K.-o.-Runden. Das weiß auch der Trainer. Deswegen steht Schaaf vor einem für ihn selbst entscheidenden Spiel: Das Weiterkommen nach einem erfolgreich gestalteten Endspiel bei der sündhaft teuren Starauswahl Barcelonas – das wäre für Schaaf der nächste Schritt auf dem Weg zu internationalem Ansehen. Verändern würde es ihn nicht, womöglich interessiert es ihn auch nicht über die Maßen.“

Die Spekulationen um Miroslav Klose und die Aufmerksamkeit, die ihm, einem Deutschen, spanische Medien widmen, erachtet Boris Herrmann (BLZ) als Außergewöhnlichkeit: „Daß ausgerechnet Klose diese Wertschätzung in Spanien genießt, darf man verwunderlich nennen. In dem Land, das seit Jahrhunderten ausschweifende Leidenschaft als Nationalgefühl zelebriert, sind eigentlich andere Typen gefragt, Zauberer wie Zidane, Spaßmacher wie Ronaldinho, Bären wie Ronaldo, Tragiker wie Riquelme. Miroslav Klose hat nichts davon. Er ist der Klaus Allofs des Rasens, ein ruhiger, sachlicher Vollstrecker, ein kameradschaftlicher Vorbereiter. Er hat bei der WM in Deutschland die meisten Tore erzielt und dennoch stößt er das komische Wörtchen Star fast allergisch ab. Von ihm sind keine Skandalgeschichten verbrieft, er hat keine vermarktungsträchtige Spielerfrau, er hat noch nicht einmal eine Frisur.“ Daß der große FC Barcelona seit Tagen über dieses Spiel redet, verrechnet Herrmann auf der Bremer Habenseite: „Sie haben Angst. Das dürfen sich Klose und der SV Werder, egal wie das Spiel ausgeht, schon einmal als Saisonerfolg gutschreiben. Als die Bremer in diese sogenannte Todesgruppe A gelost wurden, hat man sie mitleidig belächelt. Heute lacht niemand mehr.“

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Bundesliga

Fehlpaßstaffetten

Volker Kreisl (SZ) stört sich an der Dickflüssigkeit des Spiels zwischen Nürnberg und Schalke (0:0): „Die Partie wurde zum Anschauungsobjekt für negative Dynamik. Zwei Mannschaften, die sich vorab gegenseitig äußerste Zähigkeit bescheinigt hatten, wirkten zunehmend gehemmt, dann verunsichert und ließen schließlich Grundfähigkeiten vermissen. Aus der Abwehr flog der Ball nur noch planlos, im Mittelfeld kam es zu Fehlpaßstaffetten.“ Elisabeth Schlammerl (FAZ) wertet die Zögerlichkeit Schalkes als Indiz für mangelnde Machtambitionen: „Wer den Anspruch hat, ganz oben zu stehen in der Tabelle, der muß den ‚Club‘, der nur eine solide, aber keine überragende Leistung bot, bezwingen. So wie es Werder Bremen vor ein paar Wochen gelungen ist, ohne großartig aufzuspielen. Allerdings gibt es Zweifel, daß Schalke tatsächlich den Anspruch hat, die Nummer eins im deutschen Fußball zu sein, ob es sich zutraut, Bremen und Bayern dauerhaft hinter sich zu lassen. Der respektvolle Auftritt der Mannschaft in Franken ließ jedenfalls den Schluß zu, es herrsche die kollektive Ansicht, ein Unentschieden sei ein Erfolg. Nach einer noch halbwegs munteren ersten Hälfte stellte Schalke in den zweiten 45 Minuten jede Bemühung ein, das Spiel nach vorne zu forcieren.“

Neuer Torjäger

Naohiro Takahara trifft in Aachen drei Mal für Frankfurt, und nicht nur Ralf Weitbrecht (FAZ) traut seinen Augen kaum: „Komisches Fußballgeschäft. Für den Hamburger SV hat Takahara in 97 Bundesligaspielen dreizehn Tore erzielt. Bei der Eintracht ist er nach 10 Einsätzen schon auf sechs gekommen. Den irrtümlichen Ruf, ein Torverhinderer zu sein, dürfte der einstige Zweifler und Zauderer spätestens jetzt widerlegt haben. Takahara und die Eintracht – da scheinen sich zwei Parteien gesucht und gefunden zu haben.“

Tsp: Takahara, ein Torjäger erwacht

NZZ: Scheitert Daum, so scheitern Overath und Meier mit ihm
FAZ: Mer losse d‘r Daum en Kölle …

BLZ: Erzgebirge Aue besticht durch Siege auf dem Platz und Gewinne in den Bilanzen

FR: Der FC St. Pauli steht in der Regionalliga Nord zwischen Baum und Borke

Montag, 4. Dezember 2006

Unterhaus

Gier nach Größe

Marc Schürmann (FTD) bekennt sich mit Schrecken zum 1.FC Köln: „Früher der blaue Anzug, später die Kokslüge, heute eine Pressekonferenz zur Bekanntmachung eines postoperativen Hals-Nasen-Ohren-Befundes. Hätte Daum mehr Tassen im Schrank, wäre er wohl kein erfolgreicher Trainer, doch wenn ihm das Geschirr weiter ausgeht, könnte das ein Nachteil werden. Meine größte Sorge aber betrifft das Ende der Visionen, und zwar genau das Ende, in dem Overath und Daum und, wenn ich ehrlich bin, auch ich die Champions League sehen. Ich fürchte, Köln wird in seiner Gier nach Größe ein genauso verkommener und verschwenderischer Mistverein wie Dortmund, Hertha oder Schalke, ein Klub, der zehnmal mehr Geld ausgibt, als er hat, Spieler kauft, deren Schnürsenkel mehr Charakter hat als sie selbst, und am Ende sein Leben dafür hergibt, so sein zu wollen wie der FC Bayern München. Aber den MSV putzen sie.“

BLZ: Babelsberger Fans boykottieren die Partie beim BFC Dynamo

BLZ: Deutschlands Fußballer werden bei der WM für Menschen mit Behinderung disqualifiziert

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