Donnerstag, 31. August 2006
Bundesliga
Sorín geht nach Hamburg – ein Zeichen dafür, daß die Bundesliga an Bedeutung gewonnen hat? (1)
Die Urteile der Experten über den Immigranten Juan Pablo Sorín fallen sehr unterschiedlich aus. Andreas Lesch (BLZ) ruft ihm ein dreifaches Hallo zu: „Sorín wird einen Schneeregen-Kick zwischen Bielefeld und Hannover nicht in eine Ideenwerkstatt verwandeln können. Er ist kein Zauberer, der von Hamburg aus die ganze Liga erleuchten wird. Er ist vorerst ein Einzelfall und kein Trend. Aber er ist seit vielen Jahren – seit wann eigentlich? – der erste Star, der nach Deutschland kommt und nicht aus Deutschland flieht. Sein Wechsel war keine Folge der WM, sondern ein kühl kalkuliertes Geschäft. Das deutet an, daß die Bundesliga international ganz allmählich an Bedeutung gewinnt.“
Jörg Marwedel (SZ) begrüßt ihn mit Blicken von der Seite: „Ob Sorin, der mit seinen dreißig Jahren deutlich vom bisherigen Suchschema der Hamburger – junge Ausnahmespieler mit noch steigendem Marktwert – abweicht, die hohen sportlichen Erwartungen erfüllen kann, bleibt abzuwarten, seine Leistungskurve zeigte zuletzt deutlich nach unten.“ Sven Goldmann (Tsp) entdeckt Überraschendes in seiner Vita: „Sorín kokettiert mit dem Ruf des etwas anderen Fußballprofis. Er philosophiert öffentlich über seine linke Gesinnung und schreibt Gedichte. Wenn er mal in Buenos Aires ist, moderiert er eine Radiosendung mit dem hübschen Namen tubo de ensayos, zu Deutsch: Reagenzglas. Seine Kritiker monieren, der Fußball komme dabei manchmal zu kurz.“
Der HSV steht derzeit wegen seiner Transfers unter strenger Beobachtung der Medien und der Experten, obwohl man den Verantwortlichen in manchen Verkäufen allenfalls eine Teilautonomie zusprechen muß. Es spricht doch eher für die Qualität ihrer Arbeit, wenn ihre Spieler das Interesse der Reichen und Großen wecken. Und was soll man machen, wenn Abramowitsch mit den Scheinen wedelt? Dem konnten nicht mal die Bayern etwas entgegensetzen, auch wenn Karl-Heinz Rummenigge sich über die „Schwäche“ des HSV mokiert. Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende des HSV, bejaht in einem FAZ-Interview die Frage, ob er das Vertrauen seitens der Öffentlichkeit in die Entscheidungen des Vorstands vermisse: „In der Tat müßten wir nach den Transfers der vergangenen drei Jahre einen Vertrauensvorschuß haben. Die Fehlerquote, was Neuverpflichtungen betrifft, ist im Branchendurchschnitt gering, seit Dietmar Beiersdorfer Sportchef ist. Dennoch wird vieles sehr kritisch gesehen, weil Nachhaltigkeit beim HSV in den letzten zwanzig Jahren ein Fremdwort war. Es gab sportliche Rausreißer, die sich leider bald als Fußnote der Geschichte erwiesen haben. Vielleicht liegt das Mißtrauen auch daran, daß unser Führungsteam nicht seit dreißig Jahren zum Bundesliga-Establishment gehört.“ Der Zuzug Soríns zeige, „daß der HSV eine gute Adresse in Europa geworden ist“.
Bundesliga
Die Trainerbank mit dem Speaker’s Corner verwechselt
Hannover trennt sich von Peter Neururer, die Presse kann diese Entscheidung gut verstehen
„Hannover läßt seinen Trainer von der Leine“ – höhnische Schlagzeilen über den Rauswurf Peter Neururers, wie diese in der FTD, liest man häufig. „Spötter mutmaßen, Neururer habe in seiner Karriere mehr Geld mit Abfindungen verdient als mit Erfolgsprämien. Das ist zumindest nicht sehr übertrieben“, schreibt die SZ. Pressestimmen, die eine Trainerentlassung zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Saison kritisieren oder beklagen, gibt es jedoch keine. Stattdessen führen die Fußballredaktionen einige Indizien ins Feld, die eindeutig gegen Neururer sprechen: Unstimmigkeiten mit den Spielern, Unstimmigkeiten mit den Mitarbeitern und schlechte Arbeit.
Jörg Winterfeldt (Welt) nimmt an, daß Hannovers Spieler ihrem Trainer verübelt haben, Journalisten besser zu verstehen als sie: „Neururer nahm die Mannschaft übel, daß der Trainerfuchs seinem ersten Instinkt der Stellensicherung im Glamourgeschäft Profifußball allzu zielsicher folgte: Ohne falsche Bescheidenheit pflegt er allen Wünschen der mächtigen Medien fast rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Während seine Auftritte und Texte vor der verunsicherten Mannschaft zuletzt karger wurden, verwechselte Neururer immer häufiger die Trainerbank von Hannover 96 mit der Speakers‘ Corner im Londoner Hyde Park.“ Jörg Marwedel (SZ) bringt die Recherche des Vereinschefs ans Tageslicht: „Zu erdrückend ist, was Martin Kind bei seiner internen Analyse über den Zustand der Mannschaft und das Wirken des Trainers herausgefunden hat. Die Profis haben ihrem sportlichen Vorgesetzten Defizite in Taktik, Training und Aufstellungsfragen vorgehalten. Zudem heißt es in Mannschaftskreisen, der Coach habe seine Lieblinge, bei denen das Leistungsprinzip nur vermindert gelte.“
Heckenschützen, Klatschtanten, Kannegießer
Nun geht Neururer zum zweiten mal im Streit von Hannover; in der Sport Bild hat sich Neururer (vor seiner Entlassung) vehement über „Heckenschützen“ beschwert, in Hannover sei das Arbeiten sogar noch schwieriger als in Köln, das als Maß aller Dinge gilt, was die Zahl der Klatschtanten und Kannegießer betrifft. Axel Kintzinger (FTD) hält fest, daß das Pendel in der wechselhaften Beziehung zwischen Hannover und Neururer derzeit an den Pol Abneigung schlägt: „Das erste Engagement endete 1995 mit einem Hausverbot für Neururer. Über diese Episode wurde vor zehn Monaten, als Neururer mit seinen 96ern furios loslegte, herzhaft gelacht.“ Auch rechnen einige Beobachter, zum Beispiel Marwedel, mit einer Trennung vom Manager oder mit dessen Degradierung: „Ilja Kaenzig wird bei der weiteren Trainersuche wohl keine Hauptrolle mehr spielen, er war schon in die Neururer-Entlassung nicht mehr eingebunden. Vermutlich wird Kaenzig das zweite Opfer des Neubeginns, ihm werden gravierende Fehleinschätzungen in der Personalpolitik vorgehalten.“
FR: „Neururer durfte nach mehreren Krisensitzungen mit Klubchef Martin Kind das Gesicht wahren und vom Amt zurücktreten. Tatsächlich aber legte der Klub nach nicht einmal einem Jahr keinen Wert mehr auf eine Zusammenarbeit und versüßte Neururer den Ausstieg mit einer hohen sechsstelligen Abfindung“
Mittwoch, 30. August 2006
Ball und Buchstabe
Der Ball ist ein Sauhund
Rudi Gutendorf wird heute 80 Jahre alt; der AZ hat er gestern seinen Jungbrunnen verraten: „Ich laufe jeden Tag in zwei Pullovern zwei Kilometer, denn das wichtigste ist, daß man schwitzt.“ Blicken wir also noch einmal auf Gutendorfs legendäre Klaus-Kinski-Anekdote zurück (SZ vom 29.10.99/zitiert auf gutendorf-rudi.de): „Also, wie war das gleich, mit Kinski im peruanischen Urwald? Werner Herzog hatte ihn mitgenommen zu den Dreharbeiten von Aguirre, der Zorn Gottes, seinem Erstling, und so erlebte der Fußballtrainer die Anfälle des Hauptdarstellers, der später Herzogs liebster Feind wurde. Als der Genius mit dem wirren Blick den Rauswurf des Toningenieurs forderte, weil dieser während eines Sets zu lächeln gewagt hatte, stand eine Tragödie bevor: ‚Mit euch Jungfilmern hab ich keine Lust‘, soll Kinski gebrüllt und sein umfangreiches Gepäck samt vietnamesischer Gattin gepackt haben; ‚du kannst mit deinem Ausputzer Kopfbälle trainieren, klingt bestimmt ganz schön hohl‘ (gemeint war Gutendorf). Woraufhin Herzog das Gewehr vom Floß holte und entschlossen bekannt gab, er werde zuerst Kinski eine Kugel in den Kopf jagen und dann sich selbst, falls das teure Projekt sterben sollte. ‚Der wollte Kinski erschießen‘, berichtet Gutendorf, ‚der war verzweifelt‘. Notfalls ist den Stars halt nur noch mit Drohungen beizukommen, das weiß Gutendorf ja auch. Er hatte es beispielsweise 1963 beim Meidericher SV mit Helmut Rahn zu tun, dem WM-Helden von 1954, der sich am liebsten an der Theke aufhielt. Der Trainer versuchte ihn mit morgendlichen Ausflügen auf Dinslakens Trabrennbahn zu domestizieren, doch als er ihn in der Nacht vor dem Spiel trotzdem in bierseliger Runde ertappte, kündigte er dem Torschützen von Bern den Rauswurf an. Bis Rahn versprach, das Siegtor gegen den 1. FC Köln zu schießen, was er dann auch tat, worauf der MSV Meisterschaftszweiter wurde. Kinski, Rahn – ‚Duplizitäten sind das‘ findet Gutendorf, und überhaupt habe er auf der Trainerbank so manches gemein mit dem Mann im Regiestuhl, zumal mit Herzog, ‚der war genauso fanatisch wie ich‘. Also, der Ball ist ein Sauhund, wie er manchmal ins Netz springt und manchmal die Linie entlangrollt, und die Kamera auch, weil die Szene sitzt oder nicht.“
Deutsche Elf
Mit den Leistungstests werden wir wieder beginnen
Ein langes und informatives Interview mit Joachim Löw bei den „Stichwortgebern“ (Sport Bild) von der FAZ, in dem er Auskunft erteilt über seine neue Aufgabe beim alten Arbeitgeber, die Defizite der WM-Elf, seine Zusammenarbeit mit der Bundesliga, die Ziele der DFB-Nachwuchsschule und das Engagement Erich Rutemöllers als U20-Trainer
Die Änderungen seiner neuen Arbeit würden sich in Grenzen halten: „Ich habe mehr repräsentative Pflichten, und es kommt mehr Medienarbeit auf mich zu. Deshalb war es wichtig, den Trainerstab jetzt mit Hans Flick zu erweitern. Ich muß auch mehr delegieren: Spiel- und Spielerbeobachtungen, auch im Training muß ich zumindest einen Teil abgeben. Aber an der Arbeit mit den Spielern auf dem Platz habe ich viel Freude, deswegen werde ich da auch viele Dinge weiter gestalten.“
Löw bleibt dabei, er möchte seinen Wissensdurst durch Zufuhr von Außen stillen: „Wir müssen sehen, wo wir uns von anderen Sportarten und anderen Trainern auch im Ausland punktuell etwas abschauen können.“ Denn er wolle sich nicht im Erfolgslicht der WM sonnen, zumal Eckbälle und Freistöße in der WM-Vorbereitung vernachlässigt worden seien: „Bei der Analyse der WM hat sich auch gezeigt, woran wir noch arbeiten müssen, obwohl vieles ja gut war. Wir haben gemerkt, daß wir nicht alle Dinge, die wir geplant hatten, hundertprozentig umsetzen konnten. Das Üben von Standardsituationen ist sicher ein Thema, das unbefriedigend war. Wir haben aber auch zu wenig Zeit und Trainingseinheiten darauf verwendet. Wir waren der Meinung, daß in diesem Moment andere Dinge wichtiger waren.“
Es ist meine Aufgabe, den Kontakt zu den Trainern zu intensivieren
Die Kommunikation zwischen DFB und der Bundesliga, das Mit- und Übereinanderreden, war während der Klinsmann-Legislatur ein Dauerthema; oft war der Vorwurf zu hören, Klinsmann mische sich in Dinge ein, die ihn nichts angingen. Löw baut dem vor, besteht aber auf den Sonderschichten, die ein Nationalspieler zu arbeiten hat: „Wir wollen nicht die Philosophie der Bundesligatrainer ändern. Da werden wir keinen Einfluß nehmen. Aber wichtig ist die Kommunikation in bezug auf die individuelle Ausbildung und die Fitness. Da kann und muß etwas getan werden. Es ist meine Aufgabe, den Kontakt zu den Trainern zu intensivieren, um abzustimmen, wie sich der einzelne Spieler in den kommenden Jahren noch bessern kann – und was er zusätzlich dafür tun muß. Das betrifft vor allem die jungen Spieler. Ich habe mit fast allen Trainern schon gesprochen. In den kommenden Monaten möchte ich sie auch besuchen, um ausführlich über die einzelnen Spieler zu reden. Generell stelle ich schon fest, daß die Trainer nach der WM schon mal nachgefragt haben und wissen wollten, was wir da gemacht haben, welche Inhalte bei uns wichtig waren und ob sie da auch Einblick haben könnten. Dazu sind wir selbstverständlich bereit. Die Sachen, die wir gemacht haben, haben sich bewährt.“
Die Fitnesstests, gegen die sich einige Bundesligatrainer im Chor mit Lattek und Co gewehrt haben, werde er beibehalten, kündigt Löw an: „Auch mit den Leistungstests werden wir wieder beginnen. Jeder Spieler kann doch, wenn er zur Nationalmannschaft gehört, vier-, fünfmal in der Woche zusätzlich eine halbe Stunde arbeiten. Das hat überhaupt keinen Einfluß auf die Trainingsarbeit im Verein. Es wird natürlich auch weiterhin unterschiedliche Interessen geben, aber es gibt auch das gemeinsame Ziel von Bundes- und Vereinstrainer, daß der einzelne Spieler besser wird. Es ist auch für den Spieler besser, wenn er weiß, daß der Bundestrainer und der Vereinstrainer eine einheitliche Linie gefunden haben. Er weiß dann, woran er ist. Da werden wir einen guten Konsens finden. Ich werde daran arbeiten.“ Wen Löw wohl mit folgender Aussage meint? „Es gibt Spieler, die sind nicht optimal ausgebildet, was Flanken betrifft. Laßt uns daran arbeiten! Damit ist auch dem Vereinstrainer geholfen.“
Wir haben in Deutschland in der Viererkette Nachholbedarf
Diplomatisch, aber auch unschlüssig, entgegnet Löw der Frage, wie er die Entscheidung des Sportdirektors Matthias Sammer bewerte, Erich Rutemöller als U20-Trainer zu beschäftigen: „Diese Entscheidung ist von Sammer und Rutemöller während der WM getroffen worden. Da wußte man noch nicht, wie es bei der Nationalmannschaft weitergeht. Ich habe mit Sammer darüber gesprochen. Damit war ich einverstanden, weil die Regelung für ein Jahr gilt. Klar ist aber auch: Von jetzt an werden Personalfragen in dem sogenannten Kompetenzteam besprochen.“ Zu Horst Hrubesch, dem neuen U18-Coach, hat die FAZ Löw nicht befragt – oder keine Antwort erhalten.
Konkret und fordernd nennt Löw seine Vorstellung von Bildungsstandards in der Nachwuchsschule: „In der Jugend müssen die Grundsätze einer Viererkette erlernt und ständig trainiert werden. Wenn jemand aus der U16, U17 oder U18 kommt, muß man immer fragen, ob er dieses oder jenes schon kann. Da haben wir alle in Deutschland Nachholbedarf, da sind uns einige Länder voraus. Es darf nicht mehr sein, daß man einen Spieler, der in die Nationalmannschaft kommt, fragen muß: ‚Was sind die wichtigen Dinge in einer Vierer-Abwehr? Was mußt du tun, wenn du Außen- oder Innenverteidiger spielst?‘ Das muß ein U16-Spieler pauken und permanent wiederholen, daß er es als 18jähriger im Schlaf beherrscht. Das war bei uns im deutschen Fußball bisher leider nicht der Fall.“
Ein Löw-Interview in der Bild-Zeitung, die ihm die Frage stellt, ob er ein „Frauenversteher“ sei – warum auch immer
Tsp-Portrait Hans Flick
FR: David Odonkor geht – Borussen-Hort entläßt seine Kinder
Odonkor in einem Interview auf welt.de: „Ich bin Jürgen Klinsmann und Joachim Löw dankbar“
Dienstag, 29. August 2006
Internationaler Fußball
Ist es nicht edler, mit fliegenden Fahnen unterzugehen?
Real Madrid nah dem Relaunch – die deutsche Presse zweifelt, ob Trainer Capellos Ergebnisfußball das Publikum beglücken wird
Mit großer Spannung und wachen Augen verfolgen die deutschen Zeitungen die Entwicklung bei Real Madrid. Das Modell des Ex-Präsidenten Florentino Pérez, die prominentesten Fußballer der Welt zu versammeln, galt seit längerer Zeit als gescheitert, auch Korrekturen in Details konnten es nicht mehr retten; der vermehrte, aber oft lustlose Kauf von Verteidigern hat die Defensive nicht wesentlich verstärkt. Nun hat Real, das fassungslos die Triumphe und die Schönheit des Rivalen Barcelona betrachten muß, einen Relaunch vorgenommen: ein neuer Präsident (Ramón Calderón), ein neuer, zurückkehrender Trainer (Fabio Capello), ein paar neue Spielern (etwa Fabio Cannavaro und Emerson) und eine neue Spielauffassung, nämlich der Vorrang des Ergebnisses. Die Experten jedoch zweifeln, ob diese „italienische“ Strategie, die vor allem der Trainer vorgibt, vom Madrider Publikum für gut befunden wird.
Paul Ingendaay (FAS) erörtert Chancen und Risiken, die sich mit Capello öffnen und ergeben. Einerseits erwartet er vom steigenden Einfluß des Trainers Erfolg: „Endlich hat die Klubführung beschlossen, einen Erfolgstrainer mit durchdachtem Konzept arbeiten zu lassen und ihm die Spieler zu geben, die er will. Nach dem unverständlichen Rauswurf des erfolgreichen Vicente del Bosque vor drei Jahren durften bei Real Madrid nicht weniger als fünf Trainer ihr Glück versuchen, darunter graue B-Leute wie Garcia Ramon und Lopez Caro, die man in keinem Spitzenklub der Welt ans Ruder gelassen hätte. Doch selbst renommiertere Trainer wie Vanderlei Luxemburgo kamen am Willen des selbstherrlichen Präsidenten nicht vorbei. Florentino Perez hatte dekretiert: Beckham spielt, weil er die meisten Hemden verkauft. Wer die Beckham-Flanken verwerten sollte, darum kümmerte sich Perez nicht. Nicht nur der Fetischcharakter der ‚Galaktischen‘, auch das amateurhafte Hineinregieren in die Mannschaftsstruktur führte zu gigantischen Verlusten, weil beharrlich die falschen Spieler gekauft wurden. Soviel zumindest hat sich geändert: Real Madrid wird die Handschrift des Trainers, nicht des Präsidenten tragen.“ Auch Georg Bucher (NZZ) führt Reals Not der vergangenen Jahre auf die Übermacht des (damaligen) Präsidenten zurück: „Perez‘ Manie, jedes Jahr einen sündhaft teuren Angreifer beizuziehen und weniger exponierte Positionen auf die Schnelle verpflichteten Mitläufern anzuvertrauen, liegt der Misere zugrunde. In sechs Jahren verschlissene sechs Trainer deuten auf Instabilität und Hilflosigkeit hin. Nach der entlassenen Vaterfigur del Bosque wurden die Ausbildner mehr oder weniger zu Spielbällen in Händen von Kader-Cliquen degradiert.“
Die Krone durch einen Bauhelm ersetzen
Andererseits verweist Ingendaay auf die kräftige Madrider Tradition des Angriffsfußballs, die Capellos Plan durchkreuzen könnte, obwohl er 1997 mit Real den Meistertitel errungen hat: „Er soll in kürzester Frist Triumphe erringen. Gerade weil die Zeit drängt, hat die Vereinsführung ja nach dem Schlaufuchs und Ergebnisfeilscher Capello gegriffen. Daß dafür die Mentalität einer Mannschaft, die seit Jahrzehnten einen Fußball des Überschwangs spielt, umgekrempelt werden muß, könnte sich rächen. Spekulieren, taktieren, sich mit einem 1:0 zufriedengeben, wo es auch 4:2 heißen könnte, das ist in Spanien nur Sache des FC Valencia, wo die italienische Defensivschule schon seit langem zu Hause ist. In Madrid dagegen will man Angriffsfanfaren schmettern hören.“ Auch Ralf Itzel (taz) fragt sich, ob Capello einen Kulturschock verursache: „Weil die Elf zuletzt in Schönheit starb und drei Jahre keinen Titel holte, ist nun Schluß mit lustig. Statt mit einem aufstrebenden Trainer (beispielsweise Bernd Schuster) eine frische Angriffsphilosophie zu entwickeln wie der FC Barcelona mit Frank Rijkaard, soll der erprobte Ordnungshüter Capello umgehenden Erfolg garantieren. ‚Fußball ist Siegen‘, hat der bärbeißige Italiener einmal gesagt und jegliche Ästhetikdebatte als überflüssig abgetan. Kurios, daß er mit dieser Einstellung bei Real Madrid gelandet ist, dem selbsternannten Bewahrer der Schönheitsideale dieser Sportart.“
Nun hat Real im ersten Spiel der neuen Saison gegen Villareal in der Tat 0:0 gespielt, der Bastard der Ergebnisse. Itzel notiert den Unmut der pfeifenden Fans: „Viele grübelten über die Frage, ob es nicht edler wäre, wie zuletzt mit fliegenden Fahnen unterzugehen, als auf diese Art einen Punkt zu ermauern? Gut, die Anarchie ist zu Ende, aber ist Langeweile die bessere Option? Wenn es dieser Verwalterfußball ist, der die gesamte Saison droht, dann dürften sich zahlreiche Anhänger bald Pérez zurückwünschen, dessen Starsystem im Scheitern zumindest Interessantes bot. (…) Spötter schlugen am späten Sonntag vor, die Krone im Wappen Real Madrids durch einen Bauhelm zu ersetzen.“
Kuriosum am Rande: Dem FAS-Text entnimmt man, daß Capello immer einen Euro mehr verdiene als der bestverdienende Spieler.
FR: Über Ballacks Chelsea-Debüt
NZZ: In England nehmen die Ellbogen-Checks zu
Am Grünen Tisch
Keine WM ohne Verschwörungstheorie
Neues vom Schiedsrichterwesen: Markus Merk pfeift wieder und kritisiert die Fifa; die Berliner Zeitung hält dagegen; die deutschen Schiedsrichter-Offiziellen blicken kritisch auf die WM, nur nicht auf Merk; zu viele Platzverweise in der Bundesliga?
Markus Merk wird wieder Spiele im deutschen Profifußball leiten. Nach einer Pause, in der er erwogen haben will, zurückzutreten, hat er die Enttäuschung, in den K.O.-Spielen der WM nicht berücksichtigt worden zu sein, verwunden. Sein Comeback hätten zwei Erlebnisse forciert, sagt er: „In der Münchner U-Bahn sagte ein Mann ganz laut im Waggon: ‚Was da bei der WM mit der Fifa lief, war nicht in Ordnung. Machen Sie bitte weiter!‘ Und beim Lehrgangsabend der Schiedsrichter sagte ich nur drei Sätze und bekam stehend dargebrachte Ovationen von den Kameraden.“
In einem Interview mit dem Tagesspiegel am Sonntag kritisiert Merk die Fifa hart, weil sie die europäischen Schiedsrichter bei der WM benachteiligt habe: „Wir, die europäischen, etablierten Schiedsrichter hatten von Beginn an einen schweren Stand. Schon beim ersten Workshop 2005 kam es zu Unstimmigkeiten zwischen den europäischen Schiedsrichtern und den Verantwortlichen, was die grundsätzlichen Eckpfeiler der Spielleitung anging. Unnötige Einsätze, trotz Intervention von DFB und Uefa, wie als vierter Offizieller im letzten Jahr bei der U-20-WM, für die ich eingeteilt wurde, sind für mich schwer zu erklären. Europa aber ist einer der wichtigsten Standorte des Fußballs. Alle namhaften Spieler spielen hier, hier spielt die Champions League, es gibt die stärksten nationalen Ligen. Die letzten vier Teams bei der WM sind Europäer, und für die vier markanten WM-Spiele, sprich Eröffnungsspiel, Halbfinals und Endspiel, wurden europäische Schiedsrichter nicht nominiert.“
Weinerliche Verve
Zudem beklagt er sich darüber, obwohl in der WM-Endphase nicht eingesetzt, kaserniert worden zu sein: „Die tolle Stimmung haben wir leider meist nur im Fernsehen gesehen. Wir haben sogar unsere Nationalspieler beneidet, als sie mal 24 Stunden frei hatten und sich zum Barbecue mit ihren Familien getroffen haben. Mit meinen Teamkollegen Christian Schräer und Jan-Hendrik Salver war ich sechs Wochen im Schiedsrichterlager. Wir waren die Deutschen, die am wenigsten live von der WM mitbekommen haben. Eine Autostunde von meiner Heimatstadt Kaiserslautern entfernt, war es mir nicht vergönnt, nur einmal kurz rüberzuschauen.“
Gefragt nach dem sehr strittigen Elfmeter, den er Ghana im Spiel gegen die USA zugesprochen hat, gibt Merk zu: „Den würde ich so heute nicht mehr pfeifen.“ Seine Leistung in diesem Spiel könnte den Ausschlag gegeben haben, daß die Fifa im weiteren Turnierverlauf auf Merk verzichtet hat. Matti Lieske (BLZ) hat dieses Spiel und auch seinen Brasilien-Bonus im Spiel gegen Australien noch vor Augen und zerpflückt Merks Aussagen: „Daß er nach den beiden weltweit kritisierten Darbietungen kein WM-Spiel mehr bekam, war nur konsequent. Immerhin blieb ihm die Schmach erspart, nach der Vorrunde abreisen zu müssen. Zu würdigen weiß er das nicht. Im Gegenteil: Merk ist tief beleidigt. Seit er zweimal zum Weltschiedsrichter gewählt wurde, hält er sich auch für einen solchen – zumal sein Name seither selten ohne diesen Zusatz genannt wird.“ Lieske stellt dieses Etikett in Frage: „Der hochtrabend klingende Titel ist mitnichten ein offizieller, sondern wird in Selbstanmaßung von der in Bonn ansässigen International Federation of Football History and Statistics vergeben.“ Dem Vorwurf des Antieuropäischen hält er entgegen: „Keine WM ohne Verschwörungstheorie, und so sieht natürlich auch Merk, der sich jetzt nach zweimonatiger Schmollzeit mit weinerlicher Verve zurückmeldete, finstere Mächte am Walten.“
Schwund an Persönlichkeit
Der deutsche Schiedsrichter-Chef Volker Roth blickt in der Schiedsrichterzeitung mit Grauen auf die vielen Karten an der WM zurück: „Oh je, was waren das nur für Instruktionen bei den Persönlichen Strafen für Foulspiel und Unsportlichkeiten. Die haben mich fatal an die Abseitsauslegungen beim Konföderationen-Pokal erinnert. Bei der WM 2006 gab es 307 Gelbe Karten (2002: 259/1998: 249) bei jeweils 64 Spielen. 19 Gelb/Rote Karten (6/4) und 9 Rote (11/18) lassen ein Bild des Schreckens vermuten. 0,44 Platzverweise pro Spiel bedeuten WM-Rekord, ein trauriger Rekord. Allerdings konnte man hier den ‚Schwund der Persönlichkeit‘ deutlich verspüren, da zu Beginn bei harmlosen Fouls oder kurzen Verzögerungen ohne jegliches Fingerspitzengefühl sofort Gelb gezückt wurde.“ Und Lehrwart Eugen Strigel listet eine Menge an Fehlern auf, die Schiedsrichtern bei der WM passiert sind. Über Merk fällt allerdings kein Wort, auch nicht über dessen „Schwund an Persönlichkeit“, als er Michael Essien, Ghanas Star, bei erster Gelegenheit die Gelbe Karte gezeigt hat, was eine Sperre für das Achtelfinale gegen Brasilien zur Folge hatte.
Die aktuelle Ausgabe der Schiedsrichterzeitung als pdf (~1,5 MB)
Gut für den Fußball
Jan Christian Müller (FR) springt Florian Meyer zur Seite, der dem Frankfurter Aleksandar Vasovski in Mainz die Rote Karte zeigt: „Gezielte Angriffe auf die körperlich Unversehrtheit eines Gegenspielers werden in dieser Saison rigoroser von den Unparteiischen interpretiert als in der Vergangenheit. Das ist gut für die Stürmer und gut für den Fußball. Bald wird auch die Flut an Roten Karten wieder abebben. Manch ein Profi braucht eben etwas länger, um zu kapieren.“
FAZ: Kartenflut in der Bundesliga – merkwürdige Anfälle von Respektlosigkeit in Mainz und Hamburg
Bundesliga
Odonkor, die Chiffre des WM-Märchens
Pressestimmen über David Odonkors Wechsel nach Sevilla, das gebremste Wachsen Hamburgs und und den Übermut der Berliner Zeitungen
David Odonkor wechselt nach Sevilla – ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Zumindest ist es eine bedeutende Nachricht, auch wenn in deutschen Zeitungen wenig darüber zu lesen ist. Es ist ja zunächst ein gutes Zeichen, wenn deutsche Spieler im Ausland, zumal in Spanien, Italien oder England, beliebt sind; ihrer Entwicklung tut es gut; und mehr als sechs Millionen Euro sind ein schöner Preis. Aber wieso hört man fast niemanden, der einen großen Verlust für Borussia Dortmund und für die Bundesliga empfindet? Sicher, Odonkor hat Mängel in der Ballbehandlung, etwa beim Dribbling. Aber wenn mich jemand nach der Chiffre des WM-Märchens fragen würde, so antwortete ich: Odonkor. Seine Einwechslung und seine Torvorlage im Polen-Spiel haben das Land verzaubert. Gab es ein unvorhergeseheneres Fußballereignis als Odonkors Flügelstürme an der WM?
Eine der Ausnahmen: Freddie Röckenhaus (SZ) sorgt sich angesichts der vielen Spielerwechsel mit den Fans um Borussia Dortmund und entmummt die Dortmunder Liebe zur Jugend als vergänglich: „Dortmunds Fans sind zwiegespalten. In Fan-Foren im Internet beschwört mancher eine Entwicklung herauf wie einst beim VfB Stuttgart. Dort wurde eine ganze Generation von ‚jungen Wilden‘ leichtfertig verkauft und durch vermeintlich stärkere Söldner ersetzt. Mit bekanntem Resultat. Dortmunds teure Neue – Valdez, Frei, Pienaar und Tinga – haben die Nachwuchsleute des BVB bereits verdrängt. Selbst Supertalent Nuri Sahin ist in seiner Entwicklung stehengeblieben und inzwischen völlig abgemeldet. Auch WM-Spieler Metzelder gehört zu den Spielern, die bei van Marwijk wenig Kredit genießen. Wer neu ist und viele Ablöse-Millionen gekostet hat, hat derzeit Vorrang. Erste Zweifel, etwa an den Qualitäten des gesetzten neuen Spielmacher Steven Pienaar, machen sich allerdings breit. Eine Erkenntnis aber untermauert der Verkauf des Nationalspielers Odonkor in jedem Falle: Dortmunds im vergangenen Jahr zelebrierter und hochgelobter ‚Jugendstil‘ war aus der Not geboren und kein Konzept.“
„Oliver Neuville does it again for Germany“ – Schauen Sie auf myvideo noch einmal Neuvilles Tor nach Odonkors Flanke, begleitet vom stimmungsvollen englischen und schottischen (?) Fernsehkommentar (Steffen Simons O-Ton ist leider nicht zu finden).
Drehtür für Stars
Jörg Marwedel (SZ) erläutert nach dem 1:1 gegen Berlin den schleppenden Gang des HSV: „Der Hamburger Wachstumsprozeß ist ein wenig ins Stocken geraten, daran hat auch der glückliche Einzug in die Champions League nichts geändert. Und womöglich werden selbst die damit verbundenen zusätzlichen Millionen die Wachstumsstörung nicht sofort beseitigen, obwohl das Geld zu einem großen Teil in weiteres Spitzenpersonal investiert werden soll.“ Wie in Dortmund, ist es auch in Hamburg die Transferpolitik, die den Beobachtern die Stirn in Falten legt. Marwedel kommentiert den anvisierten Kauf des treulosen Juan Pablo Sorin mit Argwohn: „Das derzeitige Problem könnte durch diesen Transfer sogar noch verschärft werden. Sorin gilt nicht nur als exzellenter Fußballer, sondern auch als schwieriger und vor allem sprunghafter Wandergeselle. In zwölf Profijahren hat er schon für acht Klubs gespielt. Wie Daniel van Buyten und Khalid Boulahrouz, die sich jüngst wegen besser dotierter Angebote verabschiedeten, und Thimothee Atouba, der gerade mit seinem Weggang droht, weil der Klub den bis 2009 datierten Vertrag nicht aufstocken will, ist auch Sorin offenbar einer dieser globalen Söldner, die sich bei Bedarf wieder davonmachen. Der HSV muß also trotz geschickter Ein- und Verkaufspolitik aufpassen, daß er nicht zu einer Art Drehtür für Stars verkommt und der dauerhafte Aufbau eines Topteams unmöglich wird.“
Bleibt ein fragiles Gebilde
Ronny Blaschke (BLZ) warnt davor, das Bild der gestern noch beargwöhnten Hertha heute in allzu rosigen und bunten Farben zu malen: „Inzwischen ändert sich das Stimmungsbild wieder, drei passable Darbietungen sind für die Berliner ausreichend, um zu ihrer Lieblingsbeschäftigung zurückzukehren. Sie schwelgen nicht in Erinnerungen – sondern in der Zukunft. In den Internetforen schwärmen Fans vom neuen Zusammenhalt. Jene Boulevardzeitungen, für die es keinen Mittelweg gibt, preisen Emporkömmlinge, die sie vor Monaten noch für untauglich befunden hatten. So manifestiert sich dank der offensiven Ausrichtung der Eindruck, daß sich das häßliche Entlein Hertha BSC innerhalb eines Sommers verwandelt hat. Doch in diesem Fall handelt es sich wie so oft um einen künstlichen Trend, der bald wieder ins Gegenteil umschlagen kann. Hertha ist, den Umständen entsprechend, gut gestartet, nicht mehr und nicht weniger. Sie wird noch eine Weile bleiben, was es jahrelang war und in dieser Saison ist: ein fragiles Gebilde.“
NZZ: Marcel Koller steht im VfL Bochum eine harte Zeit bevor
SZ: Mark van Bommel, das Fünf-Minuten-Schnäppchen
Montag, 28. August 2006
Ball und Buchstabe
Barock
Kultreporter Günther Koch ist auf bestem Weg, entzaubert zu werden. Als er noch für das Radio Fußballspiele kommentierte, galt er uns Romantikern als Gegenstück zu den tausenden Schwaflern im Fernsehen. Jetzt, da er seit dieser Saison auf Arena für das Fernsehen arbeitet, fassen sich einige an den Kopf. Simone Schellhammer (Tsp) fordert Koch auf, sich auf das neue Medium einzustellen: „Daß ein einzelner Mensch so viel Unheil anrichten kann! Mehrfach hat er Auswechslungen angekündigt, die nicht vollzogen wurden, und Tore angekündigt, die nicht fielen. Dann wieder trudelte er in die Tiefen der Derby-Historie – Günther Koch muß 94 Jahre alt sein –, um sich via nächstem Satz in die Zicken-Beziehung der Bayern und der Franken hinaufzuschrauben. Sobald ein TV-Kommentator den Zuschauern detailfein ausbreitet , was ’sie gerade sehen‘, wird es allerhöchste Zeit, daß die Kollegen den Kommentator zur Seite nehmen und ihm nur diesen einen Rat geben: ‚Lieber Günther, du bist nicht mehr beim Radio, du arbeitest jetzt beim Fernsehen. Sprich uns nach: F-e-r-n-s-e-h-e-n.‘“
allesaussersport wünscht, daß sich Koch zurücknimmt: „Eine Fußball-Kommentierung kann man sich wie ein Parfüm vorstellen. Ein Parfüm soll den Menschen begleiten, ihm eine typische, charakteristische Duftnote geben. Das Parfüm fügt dem Menschen etwas hinzu, es ergänzt ihn. Aber wehe das Parfüm ist aufdringlich und wird zu intensiv aufgetragen. Dann zeitigt es den gegenteiligen Effekt. Dann wird es nur noch als abstoßend empfunden und man sucht das Weite. Womit wir bei Günther Koch sind. Ich habe ja durchaus etwas für Günther Koch übrig. Der lebt den Fußball, der ist auch aufgrund seiner Bio als Seiteneinsteiger einen ungewöhnlichen und nicht einfachen Weg gegangen. Aber das, was derzeit auf Arena zu hören ist, ist reine Selbstdemontage. Die Sprachbilder, die Metaphern, im Dutzend bei Koch billiger. Das ist eine barocke Sprache, eine Sprache voller Schnörkel, voller Umwege, statt nur Geradeaus, statt nur beim Bild zu bleiben. Eine Sprache in der sich der Sprechende wichtiger nimmt, als das Geschehen, dem er dienen soll.“
taz: Arte zeigt Fifa-kritische Dokus mit mehrmonatiger Verspätung
Bundesliga
Nachvollziehbare Gründe für eine Trainerentlassung
Pressestimmen zum 3. Spieltag
Häme gegen Peter Neururer, dessen Rauswurf empfohlen wird / Nürnberg, der „fußballerische Sitzriese“ (BLZ) / Der Kauf Mark van Bommels, „ein Mißtrauensvotum gegen Bayerns aktuellen Kader“ (SZ) / „Selten hat der Schein vor einem bedeutenden Fußballspiel so getrogen wie bei Schalke gegen Bremen“ (Tsp) / „Vertrauensverlust bei den Bochumer Fans“ (FAZ)
Aus den Sportseiten vieler deutscher Zeitungen trieft heute Häme gegen Peter Neururer. Gegen den Trainer, der als einer der Wortführer des großen, deutschen Fußballstammtischs jederzeit an Jürgen Klinsmann etwas auszusetzen hatte und der im vergangenen Herbst das Angebot des 1. FC Nürnberg mit der Begründung und per Mailbox abgelehnt hat, mit dem Club sei kein Blumentopf zu gewinnen. Nun ist Nürnberg Erster; Hannover 96 hat der Prahlpeter Neururer ans Tabellenende geführt. Die ersten zehn Spiele hat Hannover unter ihm übrigens nicht verloren – die typische Halbwertszeit Neururerscher Arbeit, findet Jörg Marwedel (SZ): „So wie in Hannover ist es dem streitbaren Coach fast überall ergangen auf seinen mittlerweile dreizehn Trainerstationen. Ein bißchen Euphorie am Anfang, danach ein fataler Absturz und das vorzeitige Ende des Dienstverhältnisses.“
Michael Horeni (FAZ), ein Journalist, der für seine dauerhafte Unterstützung der Klinsmann-Reform so manche Abseitsstellung riskiert hat, erinnert sich genüßlich an Neururers Klinsmann-Kritik und läßt ihn im Vergleich mit Hans Meyer alt aussehen: „Vielleicht liegen die erstaunlich konträren Entwicklungen in Nürnberg und Hannover auch ein wenig an den Arbeitsweisen in einem sowohl im Norden wie im Süden ähnlich schwierigen Umfeld. Meyer läßt im Training fast nur mit dem Ball arbeiten, sorgt für ein freundlich-produktives Klima und zeigt sich aufgeschlossen für neue Entwicklungen. Neururer hat sich hingegen allzuoft mit der großen Fußball-Weisheit geschmückt, was den Glauben an seine Kompetenz nicht gerade beförderte. ‚Einige Sachen, die wir jetzt bei der Nationalelf machen, die habe ich schon wieder als antiquierte Trainingsmethoden bei mir im Schrank abgestellt‘, sagte er etwa mit einer populistischen Wurstigkeit, die sich nun in der Bundesliga-Wirklichkeit gegen den vermeintlichen Alleswisser richtet. Denn den Sprüchen folgte über Monate hinweg kein erkennbares System, nur die Rivalitäten und Animositäten mit dem ebenfalls umstrittenen Sportdirektor Ilja Kaenzig taugen als Konstante im heillosen Hannoveraner Durcheinander.“
Die aktivierte Mailbox war für Nürnberg von unschätzbarem Wert
Jan Christian Müller (FR) kann den Mißmut des Vereinschefs nachempfinden und legt die Entlassung Neururers nahe: „Kind, der als großzügiger Mäzen bereits zwischen fünf und acht Millionen Euro aus seinem Privatvermögen in den Klub investiert hat, ärgert es maßlos, daß Neururer und Kaenzig es in ihrer fast zwei Jahren währenden gemeinsamen Dienstzeit nicht annähernd geschafft haben, Vertrauen zueinander aufzubauen. Nur ein solches Miteinander – vorgelebt von den Kollegen Allofs/Schaaf und Beiersdorfer/Doll – wäre aber die Grundlage für ein langfristiges erfolgreiches Arbeiten. Da Kaenzig und Neururer zudem auch im Kreis der Profis nicht über die notwendige Anerkennung verfügen, bliebe Kind bei konsequenter Betrachtung nur die große Lösung: ein Neuanfang mit neuen Leuten.“ Auch Marwedel unterstreicht die mangelhafte Bindung Neururers zu seinen Spielern und befürwortet in ungewohnter Deutlichkeit seinen möglichen Rauswurf: „Selten würde es so nachvollziehbare Gründe für eine Trainerentlassung gegeben wie in diesem Fall. Unter Neururer hat nicht nur die Spielkultur gelitten. Auch das Verhältnis zu den Wortführern im Team hat der Coach offenbar zerstört.“
Daß dem Trainer gestern das Vertrauen ausgesprochen worden ist, will Marwedel nicht zu wörtlich nehmen: „Für wie lange dieser Vertrauensbeweis gilt, ist äußerst ungewiß. Äußerungen aus Kinds Umfeld legen nahe, daß der zurückgekehrte Patron den großen Befreiungsschlag plant: Außer Neururer soll auch Kaenzig seinen Job verlieren. Der Vorwurf: Eklatante Fehleinschätzungen in der Personalpolitik, zu der Kind nun offenbar auch die Verpflichtung Neururers zählt.“ Achim Lierchert (FAZ) hört Hannovers Spatzen pfeifen: „Der Abschied vom 96-Cheftrainer zögert sich nach den Eindrücken vom Sonntag vielleicht nur um ein paar Tage hinaus.“ Und Horeni spielt auf den Kelch an, der an Nürnberg vorübergegangen ist: „Die aktivierte Mailbox war für den 1. FC Nürnberg von unschätzbarem Wert.“
1. FC Meyer
Die Tabellenführung Nürnbergs, des „fußballerischen Sitzriesen“ (BLZ), wird als das Werk seines Trainers gedeutet; mit Spielernamen bringen die deutschen Medien den Aufschwung des Clubs kaum in Verbindung. Marcel Reif (TspaS) stellt Meyer als Stoiker und als die neue Mitte des Vereins vor: „Er bewahrt sich Selbstironie, Gelassenheit, Realitätssinn. So wie nach der Wende, als er, der verdiente Held des Sportes, kurz dachte, die Bundesliga läge ihm zu Füßen und vor seiner Haustüre. Dem war nicht so, er jammerte nicht, er ging nach Holland und lernte aus dem Leben. Man merkt es ihm und seiner Arbeit an: Nicht hadern, sondern sich einrichten in den Begebenheiten und aus denen das Bestmögliche rausholen. Das wirkt sehr authentisch und sehr unabhängig. Der Mann hat seine Mitte gefunden, und das macht das Druckpotential für das präsidiale Hobby doch verschwindend klein. Michael A. Roth wäre gut beraten, wenn er diesen Zustand beläßt. Damit wird er zwar nicht Meister – das ohnehin erst, wenn Heiner Stuhlfauth wieder im Tor steht – aber er kommt mit Meyer auch nicht in Kalamitäten. Das ist dann schon sehr, sehr viel. Er muß halt in Kauf nehmen, daß der 1. FC Nürnberg, neben dem Beinamen Club auch den Beinamen 1. FC Meyer trägt.“
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Ascheplatz
Scheinheilige, Heuchler
Die hohe Moral des FC Bayern
Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sind durch eine äußerst unangenehme Charaktereigenschaft vereint: Alles, was sie tun und lassen, begründen sie mit höchster Moral. Daß Bayern München keine Spieler von Juventus Turin verpflichtet hat, liegt nicht etwa daran, daß es sich schlicht keine leisten kann und auch nicht an der Mutlosigkeit, die Personalplanung – trotz WM – bereits lange vor Saisonende abzuschließen. Nein, man verpflichtet keine Stars aus der Turiner Konkursmasse, weil man keine „Leichen fleddern“ wolle – was nun die anderen, Real Madrid, FC Barcelona und Inter Mailand, getan haben sollen. Verträge seien heilig, verkündet Erzengel Uli, der Schutzpatron der ehrvollen Kaufmannsleute. Wie sähe der Bayern-Kader aus, wenn er sich beim Wort nehmen würde? Und welcher Ethikkanon schreibt eigentlich vor, sich über die Angelegenheiten anderer zu äußern, so wie Tugendkalle, der letztlich dem Konkurrenten aus Hamburg eine Lektion im Transferwesen erteilen wollte: „Wir sind hier nicht beim HSV!“, sagte er auf den Boulahrouz-Transfer anspielend, als er danach gefragt wurde, ob die Bayern den wechselwilligen Owen Hargreaves nach Manchester ziehen lassen würden.
Die Welt stößt sich in zwei Kommentaren der letzten Tage an den bayerischen Heiligenscheinen. Florian Haupt stöhnt über den Pharisäer Uli Hoeneß: „Sie tricksen sich durch die Transferperiode, wie es all jene tun, die sie so gern kritisieren: Die bösen Italiener und Spanier zum Beispiel. Oder die Engländer, die Hargreaves aus seinem Vertrag kaufen wollen. Nichts anderes machen die Münchner seit Jahren in der Bundesliga. Das ist in Ordnung, so ist das Geschäft. Nur haben all die Italiener, Spanier und Engländer den unschätzbaren Vorteil, daß sie der Öffentlichkeit nicht dauernd mit erhobenem Zeigefinger auf die Nerven gehen.“ Jörg Winterfeldt fügt an: „Die Mächtigen der Bundesliga machen sich Gedanken um die Geschäftsethik. Und plötzlich tauchen im Scheinwerferlicht die wahren Charaktere auf: eine Horde Scheinheiliger. Allen Ernstes schimpft Uli Hoeneß über die ‚gesunkene Hemmschwelle, geltende Verträge zu brechen‘, nachdem er mangels internationalen Verhandlungsgeschicks und Scoutingfähigkeiten exklusiv bei der deutschen Konkurrenz einkaufen war: Valerien Ismael hat er Werder Bremen abgeschachert, Lucio Bayer Leverkusen, Daniel van Buyten dem Hamburger SV. Alle – deswegen waren sie ja so teuer – besaßen gültige Verträge. Nun, da ihm Manchester United für 25 Millionen Euro Hargreaves abjagen will, entdeckt Hoeneß, ein Vertrag sei ‚ein heiliges Instrument und sakrosankt, wenn er einmal unterschrieben ist‘. Ein de facto gesetzloser Markt genehmigt sich auch Heuchler.“
Sonntag, 27. August 2006
Bundesliga
Die Bayern holen den Ersatzspieler des FC Barcelona
Bayern kauft Mark van Bommel, und die Journalisten rufen ihnen ein „Sieh an!“ entgegen. Im Gedächtnis ist noch die großspurige Ankündigung Uli Hoeneß‘ und Karl-Heinz Rummenigges die Lücke Ballack mit eigenen Kräften zu schließen (ein Zeit lang hieß es sogar trotzig: „Welche Lücke?“). Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) zieht die Lehre aus dem 0:0 gegen Nürnberg: „Mit van Bommels Einkauf ist das blauäugige Experiment des FC Bayern, einen dominierenden Mittelfeldchef binnen eines Jahres aus den eigenen Reihen zu rekrutieren, schnell eingestampft worden. Daß der Über-Nacht-Transfer die Folge einer verfehlten Personalpolitik war, ist ein Tabuthema beim FC Bayern – auch wenn es nochmals überdeutlich sichtbar geworden ist: In den ersten 45 Minuten brachten die Bayern nichts Fruchtbares zu Wege, erst mit der Einwechslung des fast schon 36-jährigen Mehmet Scholl kam Schwung ins Geschehen.“ Klaus Hoeltzenbein (SZ) fügt an: „Der Transfer ist auch ein Mißtrauensvotum gegen den aktuellen Kader.“
Die Qualität des Holländers bewerten die Experten uneinheitlich. „Die Bayern holen den Ersatzspieler des FC Barcelona“, wirft Horeni (FAS) süffisant ein: „van Bommel war schon länger der Wunschkandidat der Münchner, die nach den ersten Saisonwochen erkennen mußten, daß das Ballack-Vakuum weit größer war, als sie lange glauben machen wollten. Man wird van Bommel und den Bayern jedoch kaum zu nahe treten, wenn man feststellt, daß die besten Zeiten hinter dem holländischen Spielmacher liegen.“ Hoeltzenbein jedoch hält große Dinge auf van Bommel: „Was in Barcelona nicht paßt und auch bei Nationaltrainer Marco van Basten nicht in Mode ist, könnte für den FC Bayern eine gute Lösung sein. Der Neue ist eine typische Nummer 8, ein Treibauf im Mittelfeld, einer, der die langen Pässe schlägt, hinterher geht, und sie am liebsten selbst per Kopfball ins Netz stößt.“
Gelegentlich flogen ein paar Federn
Schalke siegt gegen Bremen 2:0 – Richard Leipold (TspaS) revidiert die Formtrends: „Werder wurde schon nach zwei Etappen als selbstbewußte Mannschaft gefeiert, die auf ihrer Tour durch die Liga immer und überall für mindestens ein Tor gut sei; das Personal des FC Schalke geriet sofort wieder in den Ruf, mit den Titelambitionen seiner Vorgesetzten überfordert zu sein. Vieles sprach für Bremen, wenig für Schalke. Selten hat der Schein vor einem bedeutenden Fußballspiel so getrogen.“ Philipp Selldorf (SZ) erklärt Lincoln zum eindeutigen Sieger im Duell der brasilianischen Spielmacher: „Ausgerufen war ein Hahnenkampf der beiden stolzesten Spielfiguren. Lincoln auf der einen und Diego auf der anderen Seite, zwei Fußballer, die mit der Nummer 10 auf dem Rücken zur Welt gekommen sind. Tatsächlich flogen gelegentlich ein paar Federn, wenn sich die Wege der beiden brasilianischen Virtuosen kreuzten. Ihre Zweikämpfe hatten dann diese Spur zusätzlicher Heftigkeit, die sich aus der Eitelkeit der Künstler und einem gewissen männlichen Behauptungsdrang ableitet, aber es handelte sich nur um Momente am Rande der Partie. Wirksam bekämpft, verschwand der neue Werder-Star zunehmend von der Bildfläche. Es war eine Art Entmaterialisierung – im letzten Drittel hätte man ein Kopfgeld auf ihn aussetzen können und ihn wegen Unsichtbarkeit trotzdem nicht gefaßt. Lincoln hingegen verließ den Platz nicht nur als Sieger, sondern als dominante Erscheinung des Spiels.“
BLZ: Bewerbung beim Bundestrainer – Kevin Kuranyi kann zum ersten Mal seit langem wieder überzeugen
Vertrauensverlust bei den Fans
Christoph Biermann (SZ) erklärt die Pfiffe der Bochumer Fans beim 0:1 gegen Cottbus: „In einem Zwischenreich zwischen der ersten und zweiten Bundesliga hat sich der VfL eingerichtet. Und daß der Klub drei Spieltage nach dem fünften direkten Wiederaufstieg in die höchste Spielklasse schon wieder punktlos auf einem Abstiegsplatz steht, rief größtmögliche Frustration bei den Zuschauern hervor. Zumal Gegner Cottbus auch noch einer der wenigen Konkurrenten der Liga ist, die mit noch weniger Geld auskommen müssen.“ Daniel Theweleit (BLZ) bedauert den Trainer, den die Fans ins Visier nehmen: „In Bochum war man nach der Niederlage ziemlich irritiert angesichts der Geschwindigkeit, in der die Aufstiegsfreude sich in eine vergiftete Atmosphäre gewandelt hat. Größere Teile des Bochumer Fanblocks brüllten nach dem Abpfiff erbost ‚Koller raus‘. Der Schweizer Trainer, der noch vor wenigen Wochen für den souveränen Aufstieg gefeiert worden war, hat seinen Kredit in einem Tempo verloren, daß einem der Atem stockt. Marcel Koller wirkte geschockt. Nach drei Spielen geht bereits ein Riß durch den Klub und sein Umfeld. Das hört sich nach unruhigen Wochen an in Bochum, wo sie eigentlich mit dem Ziel in die Saison gestartet waren, sich inmitten der zu Hysterie und Chaos neigenden Großklubs aus Dortmund und Gelsenkirchen als gelassenes Gegenmodell zu profilieren.“ Leipold (FAZ) ergänzt: „Was die Aufgabe für Koller, unabhängig von der fachlichen Seite, so unglaublich schwer macht, hat er nicht zu verantworten: Seit 1993 ist Bochum fünfmal aus der Bundesliga abgestiegen und jedesmal sogleich dorthin zurückgekehrt. Eines hat der Klub aber nicht verhindern können: den schleichenden Vertrauensverlust bei den Fans.“ Doch Leipold vermißt auch Mut bei Koller: „Manche Reaktion fiel wohl auch deshalb so heftig aus, weil die Grundordnung nicht gerade von großem Mut zeugte. Mit einem Stürmer daheim gegen Cottbus anzutreten war das falsche Signal.“
Stuttgarter Defizit
Tobias Schächter (SZ) findet wenig Gutes in Stuttgart beim 1:3 gegen Dortmund, urteilt aber maßvoll: „Wer sich auf die Suche nach einer Stütze im VfB-Kader macht, hat Probleme, eine zu finden. Dennoch hat der VfB nicht so schlecht gespielt gegen eine ebenfalls noch um eine neue Identität ringende BVB-Mannschaft. Hätte Dortmunds Torhüter Weidenfeller nicht mehrfach Chancen der Stuttgarter verhindert, vornehmlich in der ersten Halbzeit – die Dortmunder hätten einen Fehlstart diskutieren müssen. Den hat nun der VfB hingelegt.“ Oliver Trust (FAZ) bringt das Stuttgarter Defizit auf den Punkt: „Was den Stuttgartern nach wie vor fehlt, ist ein Stürmer, der verläßlich trifft.“
FR: Dicke Luft in Bielefeld – nach dem 0:1 in Mönchengladbach gehen Thomas von Heesen und seine Vorgesetzten auf Distanz zueinander
FR: Ramelow verliert die Nerven
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Freitag, 25. August 2006
Am Grünen Tisch
Die schleichende Chelseasierung des Fußballs
Ein bemerkenswerter Text in der SZ über die neuesten Gewohnheiten der Spieler, Vereinswechsel zu initiieren oder zu beschleunigen. Christof Kneer denkt noch mal über den Boulahrouz-Transfer nach: „Der Fall Boulahrouz ist sicher der kurioseste Transferfall gewesen im Sommer, und man muß kein Mediziner sein, um eine Stauchung am Taktikgelenk zu diagnostizieren. Niemand bestätigt beim HSV, daß hier ein Profi eine Verletzung simuliert hat, aber sie dementieren es auch nicht.“ Weiter beobachtet Kneer den wechselwilligen Hargreaves und leitet daraus Fragen ab: Was sind Spielern Verträge noch wert? Zu welchen Tricks und anderen Skrupellosigkeiten lassen sie sich hinreißen? Inwieweit forcieren die reichen Vereine, die diese Spieler verpflichten wollen, den Werteverfall (der Verträge und der Branche)? Er gibt zu bedenken: „Es ist wieder so weit, der morbus sommerschlußverkauf geht wieder um. Das ist eine ansteckende Krankheit, die gerne über Profifußballer herfällt, speziell über solche, die bei Verein A unter Vertrag stehen, aber gerne zu Verein B wechseln würden. Auch Hargreaves ist ja sogleich eine influenza tactica unterstellt worden, als er in Bochum grippig fehlte. Zu dieser Zeit stand er in, nun ja, lautstarken Verhandlungen mit dem eigenen Klub, weil er an einem Angebot Manchester Uniteds Gefallen gefunden hatte, was dem FC Bayern weniger gefiel. Es ist dann wohl doch eine handelsübliche Verschnupfung gewesen, dennoch paßt der Fall Hargreaves in die neuen Mechanismen der Branche: Immer skurriler geht es zu auf dem Sommertransfermarkt, und immer häufiger sind es die Spieler, die sich – unter Mithilfe des Beraters oder des neuen Vereins – aus bestehenden Verträgen herauszuwinden versuchen. Sie organisieren sich Verletzungen wie Boulahrouz oder insistieren wie Hargreaves so nachhaltig, daß es die Vorgesetzten zur Weißglut bringt. Man könnte es die schleichende Chelseasierung des Fußballs nennen, weil die 1001 legalen Transfertricks längst die tieferen Etagen der Branche erreicht haben.“ Noch einmal zeigt Kneer auf die Hintermänner: „Das Transfergeschäft ist nicht nur deshalb so skurril geworden, weil im August alles schnell, schnell, schnell gehen muß. Es liegt auch daran, daß, angezogen vom großen und kleinen Geld, immer mehr undurchsichtige Gestalten mitmischen.“
Fragen drängen sich nach der Lektüre von Kneers Analyse auf: Hat eine dieser undurchsichtigen Gestalten beim Boulahrouz-Transfer im Hintergrund die Strippen gezogen? Wie verhält es sich beim Hargreaves-Poker? Wir haben die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben, daß die deutschen Sportredaktionen alles daran setzen, diese dunkle Welt zu durchleuchten oder zu durchleuchten versuchen; die Fußballhalbwelt würden wir schon gerne näher kennenlernen.
allesaussersport hat festgestellt, daß englische Medien über die Wechselabsicht Owen Hargreaves‘ anders berichten als deutsche: „Die Geschichte Hargreaves wird von deutsche Medien schon fast devot aus bayrischer Perspektive berichterstattet.“
Welt: „Das Bayern-Imperium wankt: Michael Ballack ist schon weg, Owen Hargreaves will weg, und der schwer verletzte Valerien Ismael darbt im Krankenhaus bei Kohlrouladen aus der Tupperdose. Deutschlands mächtigster Fußballklub gibt derzeit ein schwaches Bild ab“
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