Freitag, 28. Juli 2006
Ascheplatz
Klare Sieger, die Bundesliga-Vereine
Die FAZ staunt über die Einigung zwischen Arena und Premiere: „Eine faustdicke Überraschung – die Flucht von Arena in die Arme von Premiere kommt einem Offenbarungseid gleich. Wäre der Fernsehneuling nicht in höchster Not, hätte er sich niemals auf diesen Pakt eingelassen. Für Premiere ist der Bundesliga-Coup zwar ein Triumph, doch sollten sich die Anleger davon nicht blenden lassen. Mehr als Schadensbegrenzung war auch für Senderchef Georg Kofler nicht drin: Die Zeiten, in denen Premiere als Monopolist im Bezahlfernsehen regierte, sind zumindest aus absehbare Zeit vorbei. Klare Sieger sind dagegen die Bundesliga-Vereine. Sie kassieren nun deutlich höhere Fernsehgelder, ohne daß die Bundesliga, wie befürchtet, im Bezahlfernsehen verschwindet.“
Die Fans sind die Verlierer
Die Financial Times kritisiert im Namen der Verbraucher die Unübersichtlichkeit der TV-Verträge und Kabelanschlüsse: „Technisch ist die Bundesliga jetzt zwar überall zu empfangen. Doch die meisten Fans haben in dem seit Dezember dauernden Verwirrspiel, bei wem welche Rechte liegen und über welchen Anbieter die Bilder den Weg ins heimische TV-Gerät finden, längst den Überblick verloren. Seit die DFL in einem spektakulären Coup die Machtverteilung auf dem deutschen Pay-TV-Markt ins Wanken brachte, müssen sich Fußballfans mit technischen Kürzeln wie IPTV und VDSL herumschlagen, bei Telefonhotlines ausfindig machen, welcher Kabelnetzbetreiber das bisherige TV-Programm und damit künftig auch das Fußball-Abo ins Haus liefert oder ob die Premiere-Satellitenbox auch taugt, um das neue Arena-Abo zu empfangen. Urheber der neuen Unübersichtlichkeit ist die DFL. Weil sich die Fußballvermarkter nicht länger vom Monopolisten Premiere abhängig machen wollten und den Feldzug von Senderchef Georg Kofler gegen die kostenlos empfangbare ARD-Sportschau nicht goutierten, gaben sie einem Nobody den Zuschlag für die Fernsehrechte. Arenas Manager hatten zwar ernsthaft mitgeboten, aber nicht wirklich geglaubt, die kompletten Rechte zu erhalten.“
Auch die Sport Bild versetzt sich in den Zuschauer: „Die Fans sind die Verlierer. Die Zukunft wird nicht kundenfreundlicher sein. In zwei Jahren, wenn der Rechtepoker erneut beginnt, streiten drei Bewerber um die Bundesliga: Telekom, Arena und Premiere! Das freut die Liga, weil mehr Geld winkt. Das ärgert den Fan, weil er sich wieder durch den Übertragungssalat mit neuer Technik kämpfen muß. Die DFL hat die Aufgabe, Geld zu verdienen. Aber er muß an fanfreundlicheren Lösungen interessiert sein.“
SpOn: Premiere einigt sich mit Arena
FAZ: Erster Bundesliga-Spieltag live auf Sat1
Tsp: Ein Text mit vielen Hintergrundinformationen über das „Schnäppchen“ Ruud van Nistelrooy (der inzwischen Real Madrid zugesagt hat)
Donnerstag, 27. Juli 2006
Am Grünen Tisch
Ein zweiter Betrug
Kritik, Ärger, Kopfschütteln und das Gefühl, es doch geahnt zu haben – die deutschen Zeitungen können die Revisionen im italienischen Fußball-Prozeß nicht fassen. Eine Auswahl an Schlagzeilen und -worten:
„Skandal nach dem Skandal“ (sueddeutsche.de)
„Justizposse“ (Spiegel Online)
„Reinigendes Gewitter verkommt zur Commedia“ (taz)
„Fegefeuerchen all‘italiana“ (FAZ)
„Italien, Heimat der fortgesetzten Korruption“ (Welt)
Oliver Meiler (BLZ) kritisiert die Richter: „Die milden, ja butterweichen Urteile des Revisionsgerichts zum größten Betrugsskandal in der Geschichte des italienischen Sports muten an wie Spott, Hohn, eine Karikatur – und wie ein zweiter Betrug an den zahlenden Zuschauern.“ Joachim Klumpp (StZ) sieht einer sportlichen Entwertung des italienischen Fußballs entgegen und betrachtet das Vergehen auf einer Stufe mit Doping: „Der Vorsitzende Richter ist umgefallen und der italienische Klubfußball hat eine große Chance vertan, reinen Tisch zu machen anstatt mit Larmoyanz über eine Ungerechtigkeit zu klagen, die die Verantwortlichen meist selbst provoziert hatten. Auf einen Selbstreinigungsprozeß zu hoffen, das fällt nach den Erfahrungen der Vergangenheit schwer. Und ein wenig erinnert das an den Radsport. Ähnlich wie bei der Tour spielen künftig im italienischen Fußball die Zweifel mit: an Sieg und Niederlage.“
Ein weiterer Auslöser der Empörung: Die milde Bestraften aus Mailand, Florenz, Rom und Turin beteuern zu allem Überfluß ihre Unschuld und kündigen weitere Anfechtungen an. Wolfgang Hettfleisch (FR) würde es nicht überraschen, wenn ihnen dank ihrer Meinungsmacht eine weitere Strafreduzierung gelingen würde: „Die Täter nutzen die Gunst der Stunde, gerieren sich als Opfer und deuten die auf jämmerliches Maß geschrumpften Strafen zu brutalen Willkürakten um. Und die Commedia dell‘arte ist noch nicht vorbei. Am Ende dieser Farce werden die Betrüger die öffentliche Meinung im Land so weit korrumpiert haben, daß sie als verfolgte Ehrenmänner dastehen. Bald können sie wieder unbehelligt ihren dunklen Geschäften nachgehen.“ Stefan Hermanns (Tsp) sieht einen Mythos der Ungerechtigkeit bestätigt: „Die Klage der Kleinen, daß die Großvereine von den Schiedsrichtern und vom Verband bevorteilt werden, ist nicht neu. Nachzulesen ist sie auch in Tim Parks’ wunderbarem Buch ‚Eine Saison mit Verona‘. Bisher konnte man seine Vorwürfe noch für das neurotische Gejammer eines enttäuschten Fans halten. Seit dem Urteil des Berufungsgerichts bestehen an ihrer Berechtigung keine Zweifel mehr.“
Die Ehrliche ist die Dumme
Dirk Schümer (FAZ) vergleicht den Prozeß mit dem Wettskandal in den 80er Jahren und führt die Gnade der Richter auf ökonomische Abhängigkeiten und Lobbyismus zurück: „Mit diesem skandalösen Urteil ist die Seele des italienischen Fußballs erheblich mehr angegriffen, als es die larmoyanten Übeltäter, die protestierenden Tifosi und abwiegelnden Sportjournalisten wahrhaben wollen. Kommentatoren erinnerten nostalgisch an den Wettskandal Anfang der achtziger Jahre, als man Lazio Rom und den AC Mailand sofort in die zweite Liga verbannte. Solche regelgerechten und heilsamen Strafen scheinen im Fernsehfußball mit seinen immensen Abhängigkeiten von Medien, Geldgebern, opportunistischen Politikern gar nicht mehr möglich – zumindest in Italien.“
Auch Birgit Schönau (SZ) verneint die Unabhängigkeit der mutlosen Richter: „Die Richter der zweiten Instanz sind alte Bekannte beim Verband, sie befinden seit Jahren über den Ball und seine Herren. Rechtsanwälte allesamt, geschult in der barocken Dialektik des italienischen Justizwesens und in keiner Weise daran interessiert, sich mit jenen anzulegen, die auch außerhalb des Fußballs Macht besitzen: Silvio Berlusconi etwa, Oppositionsführer und Besitzer des AC Mailand. Am Tropf seines Fernsehsenders Mediaset hängt die Profiliga. Oder Diego Della Valle, Besitzer des AC Florenz, Aktionär beim Verlagshaus RCS, das den Corriere della Sera und die Gazzetta dello Sport herausgibt. Oder Lazio-Patron Claudio Lotito mit seinen Beziehungen zur postfaschistischen Nationalen Allianz. Drei Klubs mit Millionen von Fans, TV-Zuschauern, Wählern. Um da hart zuzulangen, muß man seine Karriere wohl schon hinter sich haben, wie die Richter der ersten Instanz.“ Besonders bedenklich stimmt Schönau, daß die Ehrliche, nämlich die reuige Juventus, die Dumme ist: „Das Urteil tut keinem weh außer der alten Dame Juventus. Die hatte ja auch als einzige den Willen zur Erneuerung gezeigt. Und wer so etwas tut, ist in Italien offenbar immer noch selber schuld.“
Ein gut katholisches Land
Daß Juventus die Hauptschuld trifft, ist in den Augen Vincenzo Delle Donnes (SpOn) ein Signal für eine Machtverschiebung hinter den Kulissen: „Der Abstieg des Vereins ist gleichzeitig auch der Abstieg der Agnelli-Familie, die die Mehrheitsanteile am italienischen Rekordmeister hält. Mit dem Tod des Familienpatriarchen Gianni Agnelli, der der ungekrönte König Italiens genannt wurde, hat die Agnelli-Familie einen wichtigen Fürsprecher auch in der Fußballlobby verloren. Am Ende siegten alte politische Seilschaften und wirtschaftliche Interessen.“
Zwei Kommentatoren betonen, daß es sich bei Italiens Fußballsumpf nicht um eine rein italienische Angelegenheit handele. Schümer fordert die Uefa auf zu intervenieren, die schon viel zu lange untätig zugesehen habe: „Die Frage ist, wie lange man in Europa die schwarzen Schafe südlich der Alpen noch gewähren läßt. Merkwürdig, daß die Uefa bislang klaglos akzeptiert, wenn bei einem Champions-League-Sieger wie bei Juventus Turin in den neunziger Jahren systematisch gedopt wurde, wenn die Milliarden für italienische Vereine – wie bei Parma oder Lazio Rom – aus kriminellen Kanälen kommen. Fairer Wettbewerb ist mit einem manipulierten Calcio all‘italiana offenbar nicht zu haben.“ Jürgen Schmieder (sueddeutsche.de) stimmt ein und legt noch einen drauf: „Die Uefa und auch der EU-Gerichtshof müssen nun bemüht werden. Schließlich geht es in diesem Fall nicht nur um die Serie A, sondern auch um die europäischen Wettbewerbe Champions League und Uefa-Cup.“
Schümer faßt religionssoziologisch zusammen: „Nach der Verdammung die Gnade, nach dem Fegefeuer das Paradies – Italien hat sich auch im schlimmsten Sportskandal seiner Geschichte als gut katholisches Land erwiesen.“
BLZ-Hintergrundbericht über die politischen und persönlichen Verwicklungen im Berufungsprozeß
NZZ: Milde Berufungsurteile, mit Ausnahme für Juventus, im italienischen Skandal
faz.net: Video über das Urteil
NZZ: Die Erfolgsmaschine Juventus ist an ihrem Geld- und Geltungshunger zerbrochen
BLZ: Fährmann in die Hölle – Alessandro Del Piero bleibt trotz Zwangsabstiegs bei Juve
NZZ: „Konstruiertes Urteil im Sinne des Milieus“ – Italiens Presse zur Calciopoli-Revision
BLZ: Pressestimmen aus Italien und Spanien: „Skandalöses Urteil“
Tsp: Franz Beckenbauer für Lennart Johansson
Welt: Platini will Johansson in Rente schicken
FAZ: Jürgen Klopp, der Mainzer Star wider Willen
SZ: Trainer Jupp Heynckes verwaltet in Mönchengladbach einen Spieler-Überfluß
FR: Borussia Dortmund hat sich gezielt verstärkt
SZ: Borussia Dortmund, vor einem Jahr schwer angeschlagen, plagt sich nur noch mit Luxussorgen
FAS: Borussia Dortmund wieder im Aufschwung?
WamS-Interview mit Felix Magath: „Die WM darf nicht unser Maßstab sein“
SZ: Nach Lehrjahren in Köln ist Christian Lell wieder beim FC Bayern – bescheiden und boulevardtauglich
Welt: Über die Vermarktung Bayern Münchens in Japan
SZ: Praktikum bei sich selbst – Thomas von Heesen und Petrik Sander müssen ihren Trainerschein nachholen
NZZaS: Dose voll statt Flasche leer in Salzburg – sehr viel Geld, Trapattoni, Matthäus und Beckenbauer sollen Erfolg garantieren
NZZ-Interview mit Dietrich Mateschitz, dem Eigner von Red Bull Salzburg, über die Qualitäten Lothar Matthäus‘
Tsp: Arsenal eröffnet das Emirates-Stadion – und verabschiedet Dennis Bergkamp, mit dem große Zeiten begannen
Tsp: Der NOFV zeigt wenig Engagement bei der Sanktionierung der Übergriffe auf den Nigerianer Ogungbure
Samstag, 22. Juli 2006
Am Grünen Tisch
Kotau vor der französischen Fußballmajestät
Viele Meinungstexte, vier darunter im Presserückblick heute, befassen sich in dieser Woche mit den Sperren der Fifa gegen Zinedine Zidane (drei Spiele) und Marco Materazzi (zwei) und kommen zu einem Konsens, der sich in den Titeln ablesen läßt: „Kotau vor Zidane“ (FAZ), „zahmes Urteil für ein Fußballidol im Ruhestand“ (Welt). Als Ursache für die Milde für Zidane gerät nochmals die internationale Debatte in den Blick, die dem Prozeß vorausging und in der dem „Widder“ Zidane viel Verständnis und Rechtfertigung zugesprochen worden ist. Dem Trashtalker Materazzi hingegen hat man zugerufen: „Du hast es nicht anders verdient“!
Gerd Schneider (FAZ) haut auf den Tisch: „Es ist zum Lachen. Drei Spiele Sperre für Zidane, zwei für den Provokateur Materazzi, das stellt die Verhältnisse auf den Kopf.“ Schneider stört sich erstens an der Gleichsetzung der beiden Vergehen: „Das Fifa-Sportgericht sah beide Verhaltensweisen nahezu gleich verwerflich an: die Provokation und die Tat. Für Zidane kommt das Urteil, auch im moralischen Sinn, einem Freispruch gleich: Wohl noch nie wurde ein Nationalspieler für einen derart rohen Angriff so milde bestraft.“ Zweitens stimmt Schneider den Kommentaren der letzten Tage zu, die Teilen der internationalen Fußballöffentlichkeit vorhalten, das Täter/Oper-Verhältnis auf den Kopf zu stellen (siehe indirekter-freistoss vom 20. Juli): „Die Sportrichter folgten der Debatte, die Zidane zunehmend einen Heiligenschein verpaßte und statt dessen Materazzi an den Pranger stellte. Selbsternannte Fußballintellektuelle wollten in dem Kopfstoß gar eine große Geste erkannt haben. Wer solche Ansichten vertritt, hat keine Ahnung, was sich beim Fußball – und nicht nur da – in Wirklichkeit abspielt.“
Blutrachekodex archaischer Gesellschaften
Drittens verweist Schneider auf das Gewohnheitsrecht auf dem Spielfeld und warnt vor den Folgen, nun Rechtssicherheit zu gewähren: „Man muß die Beschimpfungskultur auf dem Spielfeld nicht gut finden. Aber wenn die Fifa ernsthaft dagegen vorgehen wollte, dann müßte sie es systematisch tun, und vermutlich hätte sie es längst getan. Doch in Wahrheit werden die verbalen Scharmützel unter den Spielern seit jeher schweigend geduldet.“
Auch Wolfgang Hettfleisch (FR) schüttelt den Kopf über den Schutz, den viele Auguren und Fans Zidane bieten wollen: „Wer in der Sportredaktion einer Zeitung arbeitet, bekam bei der Lektüre der vielen, vielen Leserbriefe zum Thema eine Ahnung davon, daß die Unversöhnlichkeit des begnadeten Ballkünstlers auch mit dessen Status als Halbgott zu tun haben könnte. Da wird ein Kurzschluß, für den jeder Kreisligaspieler von seinen Kollegen ordentlich was zu hören kriegte, umstandslos zum heroischen Akt umgedeutet.“ Matti Lieske (BLZ) fügt an: „Manche Zidane-Fans verteidigten das Recht des Franzosen, auch mit Gewalt ‚die Ehre der Familie‘ zu schützen, so vehement, daß es schon an den Blutrachekodex archaischer Gesellschaften gemahnte.“
Lieskes Auffassung zufolge sei das Urteil von der Stimmung beeinflußt worden: „Was die Popularität angeht, war es ein ungleicher Kampf. Auf der einen Seite ein berühmter Fußballkünstler, der zwar für gelegentliche Ausraster bekannt war, weit mehr aber für seine unvergleichliche Eleganz auf dem Spielfeld. Auf der anderen Seite der üble Treter und berüchtigte Raufbold. Er hoffe, daß der Vorfall beurteilt werde, und nicht die Reputation der Spieler, hatte Materazzis Agent vorher gesagt. Das trat nur bedingt ein.“
Die Fifa stellt sich bloß
Ein Etikett, das dem „selbsternannten Fußballintellektuellen“ Schneiders verwandt ist – nämlich der „Feuilletonist“ –, finden wir bei Hettfleisch, der sich zudem über Voreingenommenheit gegenüber Italienern ärgert: „So mancher von allen guten Geistern verlassene Feuilletonist wollte uns glauben machen, Zidanes Stierkampf-Nummer sei ein grandioser finaler Akt der Selbstbestimmung oder sonst irgendein Schmonzes. Für alles Schlechte ist nach bevorzugter Lesart Materazzi, sind in Sippenhaft gleich noch alle Italiener verantwortlich, bei denen es sich offenbar um ein Volk von heimtückischen Provokateuren und Simulanten handelt.“ Dahingegen nimmt Hettfleisch Materazzi aus der Schußlinie: „Wer je Vereinsfußball gespielt hat, weiß, daß derlei derbe Sprüche gang und gebe sind. Da ist nichts zu beschönigen, aber auch nichts zu dramatisieren.“
Bemerkenswert: Den Spruch der Fifa nimmt Schneider zum Anlaß, auf die fragwürdige Sperre gegen Torsten Frings (siehe indirekter-freistoss vom 9. Juli) zu blicken: „Damit stellt sich dieselbe Instanz, die Frings wegen einer Lappalie um das Halbfinale gebracht hat, vollends bloß. Ihr Urteil ist ein Kotau vor der französischen Fußball-Majestät.“ Die Welt kommt aber zu einem versöhnlichen Schluß: „Die Fans werden Zidane dennoch vermissen. Genies steht man gemeinhin einen Hang zum Extremen zu.“ Dem will sich auch Schneider nicht entziehen: „Zidanes letzte Tat war kein Skandal“, schreibt er, „das Urteil der Fifa sehr wohl.“ In einigen deutschen Zeitungen ist der Einwurf der L‘ Equipe zitiert, der sich auf italienische Medien bezieht: „Man darf auch nicht so tun, als habe man vergessen, was die italienische Presse enthüllt hat: daß Zidane im Halbfinale den Schiedsrichter einen Hurensohn genannt hat.“ Italiens Journalisten scheint die Wahrung der hohen Moral auf dem Fußballfeld ja besonders am Herzen zu liegen …
NZZ: Viel Lärm um wenig – Pro-forma-Strafen im Fall Zidane
Tsp: Italien beschwert sich über Fifa-Urteil
NZZ-Portrait Zidane: Hamlet oder James Dean, ein Rebell ohne Grund?
faz.net: Internationales Presseecho: „Mit anderen Nachnamen hätten wir wahrscheinlich ein anderes Urteil gehabt“
Welt-Interview mit dem Ex-Nationaltorhüter Walter Zenga über den Skandal und die Strafen: „Der italienische Fußball muß gesäubert werden“
BLZ: Ein Kommentar für die Einführung des Profi-Schiedsrichters in Deutschland
SZ: Nicht ohne seinen Partner – Gerhard Delling plant seine Zukunft, auch mit Günter Netzer
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Donnerstag, 20. Juli 2006
Am Grünen Tisch
Stunde Null
Kein mildes Urteil, mit Ausnahme für den AC Mailand, lautet der Tenor der deutschen Presse über den Spruch im Moggi-Skandal. Die FAZ staunt über „eine Strafe, die wie das Delikt wenig Vergleichbares in der Fußballhistorie kennt“. Benedikt Voigt (Tagesspiegel) schreibt: „Berlusconi ist abgewählt, und in der italienischen Sportjustiz bricht eine neue Zeit an. Das beweist das Urteil, das für Italien ein großer Fortschritt ist. Die Sportjustiz löst sich aus der Umklammerung der Politik. Die Zurückstufung dreier renommierter Klubs in die Serie B trifft Italiens Fußball schmerzlich und wird Änderungen auslösen. Die neue Führung des italienischen Fußballverbandes muß sich überlegen, wie sie künftig mafiöse Strukturen zwischen Vereinen, Schiedsrichtern und Spielern verhindern kann. Zumal sich der italienische Fußball bei Verfehlungen nicht mehr auf eine willfährige Justiz verlassen kann.“
Die FR geht von der Stunde Null aus: „Die Voraussetzungen für einen echten Neubeginn sind günstig wie noch nie: Der WM-Sieg hat dem Land den Stolz und die Freude am Calcio zurückgegeben. Unter Berlusconi wäre dieser Prozeß undenkbar gewesen.“ Die FAZ ergänzt: „Italien braucht den Glauben an einen sauberen Fußball. Die exemplarischen Strafen werden nach dem Willen von Verbandschef Guido Rossi als notwendige Läuterung angesehen, damit die Tifosi wieder zu einem authentischen kollektiven Fußballgefühl zurückfinden. Nur so ließe sich nämlich die dramatische wirtschaftliche Krise des italienischen Fußballs überwinden. Sie sei zudem Ausdruck eines in der Berlusconi-Regierung verlorenen Gefühls für Ethik und Moral – auch im Fußball.“
Von wegen Amnestie
Birgit Schönau (SZ/Feuilleton) kommentiert die Zwangsabstiege, Punktabzüge und Sperren vor dem Hintergrund des Weltmeistertitels; schon vor dem Finale in Berlin wurde gemutmaßt, der Erfolg der italienischen Nationalelf in Deutschland und die Feierstimmung auf den Straßen würden die Richter zu Gnade verleiten: „Von wegen Amnestie. Von wegen vergeben und vergessen. Italien hat soeben vorgeführt, wie man innerhalb von einer Woche Weltmeister werden und das exzessiv feiern und anschließend den Fußball drastisch für dessen Mauscheleien strafen kann – als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun. Hat es ja auch nicht. Das Drama der italienischen Weltmeister aus den Reihen von Juventus Turin, dem AC Mailand und dem AC Florenz ist ja gerade, daß sie die Schiedsrichterkorruption und Bestechungen ihrer Klubmanager nicht nötig gehabt hätten. Das haben Buffon, Toni und Pirlo in Deutschland bewiesen – und deshalb war es richtig, daß das Land sie und auch sich selbst feierte. In den Volksfesten von Mailand bis Neapel lag etwas Befreiendes: Unsere Jungs sind auf dem Platz Weltmeister geworden, wir Italiener können auch ohne Tricks gewinnen.“ Voigt hingegen widerspricht: „Ganz frei von Einflüssen scheint die Sportjustiz noch nicht zu sein. Daß das Urteil milder ausfällt, als es die Anklage beantragt hatte, dürfte Italiens Begeisterung über den WM-Titel geschuldet sein.“
Nebelkerzen ohne Wirkung
Kritik, besonders in Italien, äußern Medien, Offizielle und Fans über die Milde gegenüber dem AC Mailand. Die FAZ faßt zusammen: „Bei den betroffenen Vereinsfunktionären und bei den Fans herrscht Fassungslosigkeit darüber, daß das Sportgericht offenbar mit zweierlei Maß gemessen hat. Die Urteile der Fußballjustiz haben zwar mit ungekannter Härte Juventus Turin, den AC Florenz und Lazio Rom getroffen. Doch der AC Milan kommt glimpflich davon.“ In der SZ lesen wir: „Die milde Strafe für Milan läßt die Konkurrenz schäumen und allerhand Verschwörungstheorien blühen. Tatsache ist aber, daß Silvio Berlusconi mit seiner systematischen Vermengung von Fußball, Fernsehen und Politik mit Sicherheit die politische Verantwortung für die Degenerierung der einstmals besten Liga der Welt zuzuschreiben ist.“ Daher protestiert die Financial Times gegen die Beschwerde ausgerechnet des Milan-Chefs: „Berlusconi fühlt sich verfolgt“.
Die SZ befaßt sich mit den Reaktionen und der Strategie der Angeklagten und stellt fest, daß deren Nebelkerzen nicht gewirkt hätten: „Die Klubpräsidenten ergehen sich abwechselnd in Unschuldsbeteuerungen und Richterkritik. Sie hätten keinen fairen Prozeß gehabt, schimpfen sie – dabei waren ihre Anwälte schlicht daran gehindert worden, ihre vor normalen Gerichten so oft erprobte Taktik zu spielen: 200 Zeugen aufbieten, 2.000 Ausnahmeanträge stellen und beharrlich darauf hinarbeiten, daß der Prozeß erst gar nicht stattfindet. Sich nicht gegen die Anklage, sondern gegen den Prozeß verteidigen, heißt diese Strategie. Sie wird derart konsequent angewendet, daß die italienische Justiz seit Jahren die langsamste Europas ist. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wird nicht müde, die italienische Regierung dafür zu rügen. Diesmal konnte die Strategie ‚Verwässern und Versanden‘ nicht verfangen.“
FAS: Chronologie einer beispiellosen Manipulationsaffäre
FR: Pressestimmen aus Italien
SZ: Internationale Pressestimmen
NZZ: Das System Moggi und das Kartell Berlusconi
Tsp: „Europas Fußball braucht neue Regeln“– Italiens Sportministerin Melandri über die Lehren aus der Affäre
Der schönste edle Wilde nach Winnetou
Zwei Autoren stellen rückblickend klar, daß in der Diskussion um Materazzi und Zidane der Täter heroisiert werde. Dirk Schümer (FAS) ärgert sich über die „Ammenmärchen, die den wilden Stier Zidane zum Opfer verklären. Der Kopframmer des Franzosen, ein paar Zentimeter tiefer gesetzt, hätte innere Verletzungen zur Folge haben können, ein paar Zentimeter höher Knochenbrüche. Doch statt über diese Gewalt auf dem Fußballplatz redet die Welt – von französischen Zeitungen bis zum algerischen Präsidenten – über die Unsportlichkeit ‚der Italiener‘; sogar für die Regelverletzungen der Regierung Berlusconi muß Materazzi geradestehen. Daß Materazzi seinen Gegner beleidigt hat, gab der hölzern wirkende Abwehrrecke gleich nach dem Spiel selber zu und entschuldigte sich – anders als Zidane, der keine Reue über seine Tat empfindet. Während der eigentliche Übeltäter sich medial zum Schützer von Witwen, Schwestern, Müttern aufschwingen konnte, mußte Materazzi bei der Fifa vorsprechen; zwei Spiele Sperre drohen ihm mindestens – für Verbalakte eine ganz neue Dimension im Fußball. Es ist ein bißchen wie bei den Mohammed-Karikaturen: Die eher harmlose diskursive Tat wirkt am Ende skandalöser als die reale Gewalt.“
Auch Schönau klagt über die Fortsetzung der Giftereien gegen Italien in der – deutschen – Zidane/Materazzi-Debatte: „Die Züge fröhlich anti-italienischer Vorurteile sind unüberhörbar: Den Weltmeistertitel haben sie nicht verdient, sie sind reine Abwehrstrategen, ihre Methoden sind link, das Auftreten aggressiv, und dann beleidigen sie noch die Ehre ihrer Gegner … Daß die Azzurri gegen Deutschland angreifend ins Endspiel kamen, daß sie – anders als die verteidigenden Franzosen, die in den letzten beiden Spielen nur zwei umstrittene Elfmeter verwandelten – regulär herausgespielte Tore fabrizierten – darüber redet angesichts eines Brutalofouls eines vermeintlich gekränkten Franzosen niemand mehr. In Deutschland wird Zidane zum Helden verklärt. Die letzte Karl-May-Generation in den Redaktionen erkürt die finale Kopfnuß zum Befreiungsakt des schönsten edlen Wilden nach Winnetou und schießt sich auf den eklen Verbalgrätscher Materazzi ein. Und als Zidane im Fernsehen klage, Materazzi habe seine Schwester beleidigt, meldete sich keiner der Integrationstheoretiker zu Wort, die sich sonst bei Christiansen über das beunruhigend archaische Frauenbild gewaltbereiter Neuköllner mit Migrationshintergrund auslassen. Zidanes Schwester ist übrigens in einem überwiegend männlichen Umfeld voll berufstätig – als Managerin des Bruders.“
Tsp: Trash Talk gehört in vielen Sportarten dazu
taz: Im niederklassigen Fußball gehören Verbalattacken offenbar zur Taktik
Jetzt ist aber Schluß!
„Arschloch, Penner, das ist normal!“ Die Sport Bild spricht mit einigen Profis und Ex-Profis aus der Bundesliga über die gängigen Beschimpfungen auf dem Spielfeld. Die bunteste Anekdote erzählt Dieter Schatzschneider, Kult-Stürmer aus den 80er Jahren: „Einmal bin ich richtig ausgerastet. Ich habe mit Schalke auswärts gespielt. Mein Gegenspieler hat mich ständig beleidigt und getreten. Als er mich mal wieder umgehauen hatte, kam der Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder und sagte zu mir: ‚Schatzschneider, keine Revanche!‘ Ich antwortete: ‚Chef, ein Ding mußt Du mir geben. Den haue ich einmal um, dann sind wir pari.‘ Bei der nächsten Aktion habe ich ihn an der Seite weggehauen. Ahlenfelder kam, zeigte mir die Gelbe Karte und sagte: ‚Jetzt ist aber Schluß!‘ Ich: ‚Keine Sorge, Chef, wir sind durch.‘“ Eine schöne Parabel für Fußballgerechtigkeitstheoretiker … Die Sport Bild kommt zum Schluß: „Zart besaitet darf man in diesem Geschäft nicht sein. Vor allem darf man sich nicht provozieren lassen – wie Zinédine Zidane!“
Welt-Portrait: Fernsehstar Jürgen Klopp auf Tingeltour über die Dörfer
Donnerstag, 13. Juli 2006
Vermischtes
Leserzuschriften an der WM
Frings-Sperre
„Endlich greift das Thema mal einer auf: Die WM hat einen ganz üblen Beigeschmack! Es ging hier nicht sauber zu. Wohlgemerkt, wenn Frings geschlagen hat, muß er gesperrt werden. Aber: Nur ein Spiel? Warum das? Er hätte mindestens zwei Spiele kriegen müssen! Auch dieses Detail wirkt so, als ob er genau fürs Italien-Spiel aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Und noch eines: Auch der Zeitpunkt war der Hammer! Die Sperre am Montag vor einem WM-Halbfinale bringt immer Unruhe in ein Team. Wieso dauert das von Freitag bis Montag? Wieso warten bis nach dem letzten deutschen Training? Drei Tage für die Auswertung? Auch hier müffelt es gewaltig! Insofern, vielen Dank, Sie sprechen mir aus der Seele.“ (Klaus Döring)
„Ist Ihr Fernseher zu klein? Brauchen Sie eine Brille? Ich jedenfalls habe beides, und ich konnte auf den Fernsehbildern der Rudelbildung (zugegebenermaßen nicht direkt nach dem Spiel, aber in Wiederholungen und Superzeitlupen) eindeutig erkennen, wie Frings seinen Gegenspieler schlägt. Es ist lobenswert, wie Sie sich kritisch mit der Presse befassen, doch hier sind Sie leider über das Ziel hinaus geschossen.“ (Markus Balgenorth)
„Vielen Dank für die Frings-Diskussion – die größte Panne der WM und ein Armutszeugnis für die Fifa. Frings‘ Schatten liegt über dem Triumph der Tifosi!“ (Gerrit Mannes)
„Ohne Fifa wär‘n wir in Berlin!“ (Rim Georges)
„Das Frings-Urteil ist in der Tat sehr fragwürdig. Im Zweifel gegen den Angeklagten (weil Gastgeber) zu entscheiden, ist äußerst fragwürdig. Oder wollte Blatter sich an den deutschen Fußball-Fans und Ihrer Einstellung ihm gegenüber rächen?“ (Stephan Grochowina)
„Das Verhalten der deutschen Medien ist auch für mich unbegreiflich. Bitte legen Sie den Finger immer wieder in diese Journalistenwunde!“ (Stefan Bendig)
„Hochachtung! Ein sehr guter Beitrag, gegen den Wind!“ (Joerg Roling)
„Sehr gut, daß Sie die Berichterstattung immer wieder gegen den Strich bürsten. Übrigens, die milden Strafen gegen die Argentinier sind ein Skandal!“ (Frank Heike, FAZ)
„Ich glaube tatsächlich, daß Frings mit seiner Äußerung gar nicht so falsch liegt. Es sieht nach einer Machtdemonstration der Fifa gegenüber dem DFB aus. Schrecklich, wie wenig die Fußballherren merken, was sie den Spielern antun – eine problematische Gerichtsbarkeit.“ (Prof. Detlev Claussen)
„Ich glaube, sie verrennen sich da in eine Verschwörungstheorie. Die Fifa hat bei dieser WM von Anfang an bewiesen, daß sie sich von niemanden unter Druck setzen läßt. Sie sollten vielleicht mal fragen, warum die Bilder zur Tätlichkeit von Frings nicht früher aufgetaucht sind und im deutschen TV nicht zu sehen waren. Bei Premiere, wo die Bilder vorlagen, gab es nach meinen Informationen eine direkte Anweisung diese nicht auszustrahlen.“ (Sid Meyer)
Markus Merk
„Es ist klar zu erkennen, daß Schiedsrichter Merk meist opportunistisch für den Favoriten pfeift. Dies war bei den Unsportlichkeiten von Oliver Kahn zu erkennen, wo sich Herr Merk als unfähig erwies, Kahn die Rote Karte zu zeigen. Genauso hat er Brasilien bevorzugt. Purer Opportunismus gegenüber dem Stärkeren wie auch bei Bayern München und Kahn. Bei Herrn Merk wird nie eine sportliche Sensation stattfinden, da ihm der Gedanke der sportlichen Fairneß durch seinen Opportunismus versperrt ist. Eine große Vereins- oder Nationalmannschaft hat bei ihm immer einen Bonus.“ (Klaus Zepf)
Finale in Berlin
Schön und gut, wenn Felix Reidhaar den historischen Kontext im Auge behält, aber ein wenig Sachkunde wäre auch angebracht: 1972 kam das Berliner Olympiastadion deshalb nicht in Frage, weil die Olympischen Spiele – wie Reidhaar selbst feststellt – im 600 Kilometer entfernten München stattfanden, wo ja auch ein Olympiastadion steht. 1974 fanden sehr wohl mehrere Spiele der WM im dafür eigens modernisierten Berliner Olympiastadion statt, nämlich alle drei Vorrundenspiele der Chilenen. Und daß bei der EM 1988 kein Spiel in Berlin stattfand, hing nicht – wie von Reidhaar insinuiert – mit der Naziarchitektur des Stadions zusammen, sondern damit, daß die diesmal teilnehmende Sowjetunion darauf beharrte, West-Berlin gehöre nicht zur ausrichtenden Bundesrepublik Deutschland. Es gab damals heftige Kritik am DFB und an der Uefa wegen des Ausschlusses der Berliner Zuschauer. Zum Ausgleich gab der DFB das Pokalfinale endgültig für immer nach Berlin. Wäre es in der ganzen Diskussion jemals um die Naziarchitektur des Stadions gegangen, hätte man wohl kaum zu dieser Kompensation gegriffen.“ (Dr. Oliver Domzalski)
Italien-Bashing
„Vielen vielen Dank für diesen Artikel! Du sprichst mir so aus der Seele. Ganz groß!“ (Sasa Stanisic)
„Millionenfacher Dank für Deine kritische Analyse!“ (Giuseppina Dolle)
„Die gehässige Art, über die Squadra Azzurra zu schreiben, ist schwer verständlich und schwer erträglich.“ (Dr. Oliver Domzalski)
Allgemein
„Finde Eure Seite wirklich großartig!!!“ (Ulrike Reinhold)
„Ich will mich für Ihre Arbeit bedanken.“ (M. Imran Sagir)
„Herzlichsten Dank für die unschlagbare Informationsversorgung während des Turniers. Das muß eine ziemliche Schufterei sein.“ (Robert Frank)
„Ein Weltnewsletter is das, weissu das, ein Weltnewsletter!“ (Harald Kayser)
„Können Sie mich endlich mit Ihren Mails in Ruhe lassen!!!!!!“ (Redakteur einer großen deutschen Zeitung)
Ball und Buchstabe
Trash Talker
Joachim Mölter (SZ) kommentiert Marco Materazzis Beleidigungen im WM-Finale: „In amerikanischen Profiligen ist der Trash Talk über das Stadium hinweg, das man als Affekt bezeichnen könnte – die Provokation wird gezielt eingesetzt, in entscheidenden Phasen, gegen entscheidende Spieler. Genau das werfen die Franzosen den Italienern vor: dass sie Zidane von Beginn des Finales an provozierten. Und genau wussten, was sie zu tun hatten. Zinédine Zidane hat fünf Jahre in Italien gespielt; er hat in dieser Zeit fünf rote Karten gesehen wegen seines Jähzorns. Zwei seiner ehemaligen Mitspieler liefen am Sonntag für Italien auf, Gianluca Zambrotta und Alessandro Del Piero. Aber alle Italiener kannten ihn und seine Reizbarkeit. Frankreichs Trainer Domenech unterstellte offen, dass Materazzi gezielt auf Zidanes Platzverweis hingearbeitet habe. In Amerika gibt es ja solche Profis, deren Aufgabe nur darin besteht, das Spiel des Gegners zu zerstören, auf welche Weise auch immer.“
Größter Triumphzug der Geschichte
Birgit Schönau (SZ) schreibt über den Römer Empfang der Weltmeister: „Erinnert sich noch jemand an Forza Afrika? Vor vier Wochen waren ein paar Römer auf die Idee gekommen, bei der WM Ghana, Angola, Togo, Tunesien und die Elfenbeinküste zu unterstützen. Bloß nicht die eigene Nationalmannschaft mit fünf Juventus- und Milan-Spielern, angeführt vom ehemaligen Juve-Coach Marcello Lippi. Also, man kann jetzt ganz offiziell feststellen: Forza Afrika ist nicht mehr. Irgendwo zwischen Achtel- und Viertelfinale verlorengegangen, wahrscheinlich aber viel, viel früher. Als diese Juventini und Milanisti nämlich aus Germania zurück in Rom ankamen, da war das wie Weihnachten, Ostern und das antike Wolfsfest Luperkalien zusammen. Der größte Triumphzug der Geschichte, nicht einmal Cäsar hatte nach seinem Siegen über die Gallier so viele Menschen zusammengebracht.“
Hoffentlich werden wir den Deutschen eines Tages ähnlich sein
Die spanische Zeitung Marca bewundert das gastgebende Deutschland: „Eine Weltmeisterschaft in der ersten Person zu erleben läßt Dich in den Genuß unvergesslicher Momente kommen, die auf dem kleinen Bildschirm weit entfernt bleiben: zu sehen, wie ein Volk wie das deutsche sich über seinen dritten Platz freut, auf die Straßen von Berlin springt und dadurch eine der großen Hauptstädte der Welt kollabiert, obwohl ihr Ehrgeiz war, Weltmeister zu werden. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie das Finale erreicht hätten. Auf jeden Fall hätte die Feier nicht größer sein können als das, was ich gesehen habe: Menschen, die sich in ihrer kollektiven Ekstase geradezu auf die Straßen warfen, bengalische Lichter, lange Autokorsos, die mit Pfiffen ihren Triumph feierten … Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was in Spanien passiert wäre, wenn wir Dritter geworden wären, aber auf jeden Fall hätten wir aus dem Sieg nicht so eine Hingabe rausgeholt. Wahrscheinlich würden wir, wenn wir im Halbfinale verlieren würden, gleich sagen, daß es eine Niederlage war, und daß man ins Finale hätte kommen können. Ich weiß nur, daß Deutschland durchaus auf das Höchste hinaus wollte und den dritten Platz feierte wie einen Triumph über alle. Davon sollten wir lernen! Niemand rieb Ballack seine schlechte Partie gegen die Italiener unter die Nase, und keiner erinnerte mehr daran, daß Klinsmann in den USA lebt und das ein Problem für die Mannschaftsführung darstellt, niemand machte irgendjemandem Vorwürfe, man feierte einfach nur das Fest des Fußballs. Denn das ist, was hier einen Monat lang gelebt worden ist: ein wahres Fußballfest. Ein Land, das König Fußball ergeben ist und alles daran setzt, daß seine Besucher sich an seiner liebsten Leidenschaft mitfreuen. Ich hatte das Glück, beim Finale der letzten WM dabei zu sein, und muß sagen, die Deutschen haben die Japaner und die Koreaner mit beachtlicher Tordifferenz geschlagen. Und ich sage es noch einmal: Uns schlagen sie auch, indem sie sich mit ihrer Mannschaft freuen. Hoffentlich werden wir ihnen eines Tages ähnlich sein.“
Im Ausland ist man auf mich aufmerksam geworden
Urs Siegenthaler im FR-Interview über seine Arbeit als Taktikexperte und die (ehemaligen) Defizite deutscher Nationalspieler
FR: Viele Bundesligisten behaupten, sie würden vieles von dem, was bei der Nationalmannschaft praktiziert wird, längst machen.
Siegenthaler: Wenn ich meiner Frau erkläre, ich gehe seit 20 Jahren zum Musikunterricht, dann kauft sie mir irgendwann ein Klavier und sagt: „Dann spiel mir mal was vor!“ Dann antworte ich, das und jenes kann ich nicht. Dann fragt sie: „Ja, was hast du denn 20 Jahre lang gemacht?“ Ich höre immer: Das machen wir schon, das ist nicht neu. Dann kann ich nur entgegnen: Und warum haben wir solche Trainingsübungen wie in Genf machen müssen? Das haben wir gesehen: einfachstes Taktiktraining für die Innenverteidiger. Rein- und rausrücken, verschieben im Verbund. Das sah aus wie ein Abc-Kurs für Fußballprofis. Die Trainer – allen voran Joachim Löw – haben alles im Detail auch mit mir besprochen: Wir haben uns an der Realität orientiert. Wenn ich nicht gut Englisch kann, muss ich einfach anfangen: „Ich gehe zur Schule“ / „I go to school“. Da kann ich drauf aufbauen und dann weitere Sätze in Englisch bilden. Wir hatten keine kleinen Kinder vor uns, die noch nie gegen den Ball getreten haben. Aber es galt, das versteckte Können und Talent zu wecken. Es macht mich stolz, dass Per Mertesacker und Christoph Metzelder am Ende der WM die besten Zweikampfwerte aller Abwehrspieler hatten und zu den besten deutschen Spielern zählten.
FR: Die Bundesliga erweckt nicht den Eindruck, als sei sie offen für Entwicklungen.
Siegenthaler: Es braucht Kompetenz und Offenheit. Man muss sich selbst hinterfragen und auch selbst mal den Spiegel vors Gesicht halten. Dann erlangt man auch eine soziale Kompetenz. Wenn man die nicht hat, dann sagt man: „Das ist mir alles bekannt.“ Dann kommt man aber nicht vorwärts. In der Wirtschaft ist eine andere Vorgehensweise und Denkensart undenkbar.
FR: Haben Sie Anrufe von Bundesligatrainern erhalten?
Siegenthaler: Nein. Es gibt aber Anfragen aus dem Ausland. Dort ist man auf mich aufmerksam geworden.
FR: Sie würden weiter gerne im deutschen Fußball arbeiten, um bei der EM 2008 den Gastgeber zu ärgern?
Siegenthaler: Wissen Sie, ich habe die Autowerkstatt eingerichtet, ich habe alles Werkzeug mir besorgt, ich habe die ersten Aufträge bekommen und durfte die ersten Autos flicken. Jetzt wäre es schön, wenn ich mit diesen auch noch mal zwei, drei Jahre fahren dürfte.
Man hat mich als Wichtigtuer hingestellt
Pedro Gonzalez, dessen Doktorarbeit über das Konditionstraining in der Bundesliga im letzten Herbst viel Wirbel verursacht hat, sieht sich durch die WM bestätigt: „In Sachen Fitness ist Italien hervorragend aufgestellt. Was beim DFB vor der Ära Klinsmann kaum beachtet wurde, ist dort seit langem gang und gäbe. In Italien gibt es eine spezielle Ausbildung für Fußball-Fitness-Trainer, eine Fachlizenz. Das gibt es in Deutschland nicht. Es gibt in Florenz ein nationales Fußball-Forschungsinstitut. Die Italiener haben früh erkannt, wie wichtig das Thema Fitness und Leistungsdiagnostik ist. In der Serie A hat jeder Klub mindestens einen Fitness-Trainer, eine ganze Reihe hat zwei, die großen wie AC Mailand haben sogar drei. Da hinkt die Bundesliga weit hinterher. Wie meine Untersuchung ergab, hat bei uns nur die Hälfte der Vereine einen Fitness-Coach. Hier gibt es immer noch Trainer, die glauben, einer allein kann alles trainieren: Taktik, Technik, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit. Wenn man manche reden hört, meint man, sie könnten sofort als Professor an die Uni gehen. Auch die Italiener haben im Jahr vor der Weltmeisterschaft alle sechs oder acht Wochen normierte Fitnesstests gemacht, man muß beinahe von ganzen Testbatterien reden. Was noch auffiel: Sie haben sehr stark nach individuellen Plänen trainiert, in kleinen Gruppen. Zusammen gespielt haben sie meist nur eine oder anderthalb Stunden am Tag. Zu ihrem Betreuerteam gehörten vier Fußballtrainer, zwei Fitness-Trainer, zwei Ärzte, ein Ernährungsberater und drei Physiotherapeuten. Aber der Aufwand hat sich ja gelohnt, nicht nur bei den Italienern. Die Nationen, die sich akribisch und mit wissenschaftlicher Unterstützung auf die WM vorbereitet haben, sind jedenfalls weit gekommen. Das kann kein Zufall sein. Auch einige kleinere Fußballnationen wie die Ukraine oder Ecuador waren übrigens athletisch erstaunlich gut ausgebildet. Manche haben es allerdings übertrieben. Costa Rica hatte während der WM drei Trainingseinheiten pro Tag. Das war eindeutig zuviel des Guten. Die Brasilianer haben offenbar gedacht, mit ein bißchen Ball hochhalten könnten sie Weltmeister werden. Auch die Engländer waren physisch nicht auf der Höhe. Daß die Nationalmannschaft fit war, lag vor allem an Klinsmann und an seinem Betreuerstab. Professor Kindermann, der Internist des Nationalteams, hat es doch bestätigt: Die Fitness-Werte waren vor der WM-Vorbereitung schlecht. Es muß sich ganz oben etwas ändern, im DFB und in der DFL. Die Ausbildung der Trainer muß verändert werden. Die Themen Fitness und Leistungsdiagnostik muß man neu aufrollen. Man hat mich als Wichtigtuer hingestellt, als ich meine Untersuchung vorgestellt habe. Die gleichen Leute waren es, die Klinsmann belächelt haben. Doch jetzt hat Klinsmann die Entwicklung zum Hochleistungssport hin angestoßen. Die Welle läßt sich nicht mehr aufhalten.“
Weltwoche: Die WM der Westeuropäer
WM-Geschichten der FR-Reporter
Drei Mal bildblog:
http://www.bildblog.de/?p=1527
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Deutsche Elf
Klinsmanns letzte Großtat
Gestern ist ein sehr schlechter und ein sehr trauriger Tag für den deutschen Fußball gewesen. Für seinen Verdienst am deutschen Fußball und seinen Mut werden die Chronisten der Nachwelt dem zurückgetretenen Jürgen Klinsmann Kränze winden müssen: Klinsmann ist für das außerordentlich gute WM-Turnier 2006 verantwortlich. Klinsmann hat die Weichen im DFB auf Erneuerung gestellt, den Rückstand des deutschen Fußballs im internationalen Vergleich um Jahre verkürzt; sein Nachfolger Joachim Löw darf das Ziel, Europameister zu werden, als eine Selbstverständlichkeit formulieren. Klinsmann hat dem Meinungsmachtkartell Bild-Bayern-Beckenbauer die Hosen runtergezogen. Gäbe es einen Freiheitsindex für Fußballnationen, Deutschland hätte seine Position stark verbessert. Der Nationaltrainer darf nun die besten Spieler aufstellen und nicht die mit der größten Lobby.
Für seine Reform hat Klinsmann bezahlt. Wer ihm heute ins Gesicht schaut, sieht einen gealterten, verwundeten Mann. Ein Jahr DFB-Bundestrainer sind sieben Menschenjahre – zumindest wenn man seinen, den schweren, Weg geht. Die alten (und jungen) Herren des großen, lauten Fußballstammtischs haben ihn Tag für Tag ausgezählt und ihm besonders im letzten halben Jahr Arbeit und Leben schwergemacht; die Kritik an ihm war verletzend (Maier, Beckenbauer, Bild, Wörns) oder hat sich ausnahmslos als falsch erwiesen (Torwartfrage, Fitnesstraining, Quartierfrage, Wörns). Einen Großteil der seriösen Presse hat in dieser Zeit der Mut verlassen, ihn in dieser ungleichen Schlacht zu verteidigen.
Ein ghanaischer Leserbriefschreiber der Sport Bild hat den Nagel jüngst auf den Kopf getroffen: „Klinsmann ist dem Land um zehn Jahre voraus.“ Vielleicht sollte man genauer sagen: dem institutionellen Teil des Fußball-Lands. Denn das Fußballvolk liebt ihn, wie das seine Mannschaft auch tut. Die Presse lobt zwar sein Werk, doch oft zähneknirschend. Selbst in Lobpreisungen heißt man ihn immer noch despektierlich den „Projektleiter“, den „religiösen Führer“, den „Unternehmensberater“, den „Sektenguru“. Klar, seine missionarische Rhetorik liefert die Vorlage für diese Vokabeln, darüber darf man sich auch mal lustig machen. Aber warum nicht mal ihm die gleichen Etiketten wie die Frauen, Männer und Kinder auf der Straße anheften: Freund der Spieler, fleißiger Arbeiter, Optimist, Sportsmann, Sympathieträger, kluger Kopf, Pädagoge, Philanthrop, Trübsalmörder, Himmelsfeger …? Muß man einen Fußballtrainer in erster Linie an seiner Wortwahl messen? Oder doch eher an seiner Menschenführung, dessen Frucht uns ein ewiges Bild hinterläßt: Oliver Kahn umarmt Jens Lehmann freundschaftlich, welcher Fußballfreund muß dabei nicht mit den Tränen kämpfen?
Welch ein Sportsmann, dieser Klinsmann!
Die Presse wird heute, einen Tag nach seinem Rücktritt, Klinsmanns grandiosen Arbeit nur stückweise gerecht, dabei wäre es der richtige Tag für Oden und Hymnen. Viele Zeitungen können sich nicht ganz von ihren Berichten in den Monaten vor der WM lösen, in denen sich ihr mangelnder Weitblick niedergeschlagen hat. Wer will schon den ganzen Weg zurückrudern? Die Hälfte tut’s doch auch! Daß Klinsmann, der vor kurzem noch so stark Bezweifelte, seine Mannschaft im Stich lasse – dieser Vorwurf wird in manchen Texten heute mehr oder weniger laut. Im Fußballvolk hingegen, das ein gutes Gespür für Klinsmanns Innenleben beweist, erfährt er Verständnis von, wenn man es messen würde, über 90 Prozent: „Recht hat er! Nachdem, was er sich alles anhören mußte!“
Seine letzte Großtat: Klinsmann verzichtet auf die Genugtuung, den wichtigsten und offenkundigen Grund für seinen Rücktritt und sein „Ausbrennen“, zu nennen: die dauerhafte Stimmungsmache gegen ihn. Das kann man ihm nicht hoch genug anrechnen. Hätte er die Populisten, den DFB, die Presse und die Alt-Stars, vergolten, hätte er die Arbeit für seinen Assistenten und Nachfolger deutlich erschwert; ein solches Nachhaken wäre auch an Löw, der ja Teil des Klinsmann-Systems ist, hängengeblieben. Dank Klinsmanns Großmut ist es aber ein harmonischer Beginn für Löw – eine wichtige Voraussetzung für einen Neubeginn. Ein guter Gewinner, der auch an die Zeit nach ihm denkt, welch angenehmer, seltener Charakterzug im Fußball! Wie generös, wie gelassen! Welch ein Sportsmann, dieser Klinsmann! Gibt es einen größeren in der deutschen Fußballhistorie? Harmonie hinterlassen, das Fußball-Land einen, Kritik ein letztes Mal auf sich ziehen – statt einer Abrechnung mit den Heuchelhänsen, Weltenschwärzern, Tugendgänsen. Er hat dem deutschen Fußball das Feld für die Zukunft bestellt, ernten müssen und dürfen andere. Vielleicht ist sein Abgang seine größte Leistung unter vielen.
Mit Joachim Löw, der Klinsmanns Erbe annehmen darf und den die deutschen Medien in der spekulativen Nachfolgediskussion vor und an der WM lange übersehen haben, gibt es natürlich allen Grund zur Zuversicht. Vielleicht wird er Klinsmann sportlich ersetzen können, menschlich ist das nicht zu stemmen. Übrigens, daß jetzt nicht ein Mal der Name Lothar Matthäus fällt, auch das haben wir Jürgen Klinsmann zu verdanken, der Mann, an dessen Verlust die deutschen Medien eine Mitschuld tragen.
Heldenhaft in dünner Luft
Oskar Beck (StZ) ehrt die Taten und den Langmut des Angegriffenen, Angefeindeten, Bespuckten und Getretenen: „Klinsmann hat sich heldenhaft verkniffen, zum Abschied schmutzige Wäsche zu waschen oder alte Rechnungen zu begleichen. Klinsmann sagt nur, dass er sich ausgebrannt fühle. Und leer. Die Kraft ist weg. Wer oder was hat ihm die Kraft genommen? In dieser rasenden Zeit wird zu schnell vergessen. Irgendwas war immer: Die Wohnortdebatte. Die Torwartfrage. Seine E-Mail-Kommunikation. Wörns. Scholl. Der DFB-Psychologe. Der Schweizer Chefscout. Die US-Fitnesstrainer. Die Nominierung Odonkors. Und falls es doch einmal einen Tag gab, an dem er entspannt lachen konnte, wurde auch das noch gegen ihn verwendet. Er war ‚Grinsi-Klinsi‘. Kann sich einer von uns Flachlandtirolern vorstellen, was dieser Bundestrainer da oben in seiner dünnen Luft mitgemacht hat, umzingelt von Nörglern und Neururern, Alleswissern und Assauern, Bundesligatrainern und Bundesligamanagern? Sogar Bundestagshinterbänkler gingen mit Hilfe der Revolverpresse auf ihn los – und der große Effenberg krönte die Kampagne mit der Forderung: ‚Weg mit Klinsi!‘ Kaum ein Tag verging, an dem nicht irgendein Exnationalspieler oder chronischer Blindgänger seine Meinung kundtat. (…) Die schreibenden Blutgrätschen und Stänkerer sind weiter unter uns, und weil Klinsmann kein Idiot ist, weiß er es. Sie warten nur auf die ersten Rückschläge in der EM-Qualifikation. Er lieber nicht.“
Man kann tief fallen als deutscher Bundestrainer
Christian Gödecke (SpOn) zieht die Wertlosigkeit der vielen aktuellen Gunstbeweise für Klinsmann in Betracht: „Vor dem Turnier traf sich Klinsmann angeblich mit Springer-Chef Mathias Döpfner, um einen Burgfrieden für vier Wochen zu vereinbaren. Aber es war ein Frieden auf Zeit, kein Vertrag der Welt konnte Klinsmann garantieren, dass die Bild-Zeitung nicht irgendwann von ihrem Klinsi-Kuschelkurs abrückt. Es sind zwei lange Jahre bis zur EM in Österreich und der Schweiz, und die nächste Niederlage kommt bestimmt. Es kann sehr kräftezehrend sein, keine Lobby bei der Bild zu haben. Genervt haben Klinsmann auch die Bugschüsse aus dem eigenen Verband. Der DFB verhinderte Klinsmanns Wunschkandidaten für den Sportdirektor-Posten, Hockeytrainer Bernhard Peters. Stattdessen wurde auf Druck der greisen DFB-Hinterbänkler Matthias Sammer installiert. Das sitzt tief. Bis heute hat er diese Demütigung nicht vergessen. Man kann wieder tief fallen als deutscher Bundestrainer, nach einem solchen Turnier. Jürgen Klinsmann nimmt lieber freiwillig die Treppe.“
Nie verwunden
Philipp Selldorf (SZ) blickt zurück: „Den Auseinandersetzungen mit den Bundesligavertretern, DFB-Funktionären und Widersachern in den Medien hat Klinsmann in den zwei Jahren gut standgehalten. Seine Durchsetzungskraft ist legendär, und seine Unabhängigkeit verschafft ihm viel Spielraum. Aber er hat auch gelitten unter Schlagzeilen wie ‚Grinsi-Klinsi‘ (Bild) und unter den subtilen und manchmal auch offenen Sabotageakten seiner Gegner im DFB. Dass er nun Dank sagte für die ‚phänomenale Unterstützung‘ im Verband, das war eine diplomatische Leistung. Das Geld hat er nicht verachtet, keine Frage, darin ist er Profi geblieben. Aber wenn ihm Geld so wichtig wäre, hätte er jetzt weitergemacht, einen neuen Vertrag aufsetzen und ihn mit Werbemillionen vergolden lassen. Darauf hat er verzichtet zugunsten der Wiedergewinnung seiner persönlichen Freiheit.“ Jan Christian Müller (FR) fügt an: „Klinsmann hat einige Dinge nicht vergessen. Dass es der DFB-Vize Franz Beckenbauer war, der in den trüben Tagen im März die Anti-Klinsmann-Stimmung im Land in den Massenmedien vorangetrieben hatte; dass der wendige Geschäftsführende Präsident Theo Zwanziger seinen Favorit als Sportdirektors, Bernhard Peters, kurz zuvor abgelehnt hatte. Auch die harsche Pressekritik im Herbst nach einer 1:2-Niederlage in der Türkei und im Frühjahr nach dem 1:4 in Italien hat Klinsmann nie verwunden.“
Verantwortung nicht gerecht geworden
Dietrich Menkens (Welt) kritisiert Klinsmanns Entschluß: „Klinsmann war mehr als ein Trainer. Er trat wie ein Topmanager auf, der einen Konzern radikal umzubauen gedenkt. Jetzt läßt er die Firma im Stich, und sein Reformprojekt droht zu scheitern.“ Auch Müller (FR) kann ihn nicht nachempfinden: „Der Manager und die Spieler haben sich mit Klinsmann gefühlt wie in einer großen Familie. Dieser Verantwortung ist das Familienoberhaupt nun nicht mehr gerecht geworden. Seine Begründung ist schwierig nachvollziehbar. Klinsmann ist 41 Jahre und keine 55 wie Ottmar Hitzfeld vor zwei Jahren.“ Christof Kneer (SZ) fügt hinzu: „Klinsmann hat sich in seiner amerikanischen Logik von Anfang an als Projektleiter begriffen, und das Projekt ist jetzt zu Ende. Verpflichtung einem Land, gar einem Verband gegenüber? Das sind nicht die Kategorien, in denen Klinsmann denkt.“
Ausgezehrt
Andreas Lesch (BLZ) zählt Klinsmanns tiefe Falten: „Er ist erschreckend gealtert. Er ist fast nicht wiederzuerkennen. Wer den ersten und den letzten Auftritt von Klinsmann als Bundestrainer vergleicht, der sieht, wie dieses Amt einen Menschen ändert, wie es an ihm zehrt, Tag für Tag. Sein Rücktritt ist ein konsequenter, rationaler, realistischer Schritt. (…) Für ihn war das Bundestraineramt nie eine Lebensaufgabe, sondern immer nur ein zeitlich begrenztes Projekt. Er wollte den deutschen Fußball ändern, aber er wollte sich nicht vom deutschen Fußball ändern lassen. Er hat die jungen Spieler und die Fans von seinem frischen Stil abhängig gemacht, aber er ist selbst immer unabhängig geblieben.“
Verlustgefühl
Michael Horeni (FAZ) trauert: „Seit dem Rückzug Franz Beckenbauers nach dem Gewinn des letzten Weltmeistertitels 1990 hat kein Bundestrainer mit seinem Abschied ein solches Verlustgefühl hinterlassen. Der neunte Bundestrainer des Deutschen Fußball-Bundes war nicht einmal zwei Jahre auf diesem Posten, so kurz wie keiner seiner Vorgänger außer Erich Ribbeck. Aber niemals zuvor erlebte der deutsche Fußball eine spannendere und aufregendere Zeit als die mit dem Erneuerer aus Amerika. Sein konsequenter Weg widersetzte sich selbst am letzten Tag den üblichen Verhaltensmustern von männlichen Führungskräften nicht nur im Fußballgeschäft. Die eigene Karriere zugunsten der Familie auf unbestimmte Zeit ruhenzulassen und auch auf die Signale des eigenen Körpers zu hören, das ist für viele Traditionalisten mindestens so schwer zu verstehen wie das Neue, das Klinsmann vor zwei Jahren mit nach Deutschland gebracht hat. (…) Der Schatten, den Klinsmann mit seinem Rückzug nach Kalifornien hinterläßt, ist lang. Die Standfestigkeit und die Courage, die ihn in den Auseinandersetzungen mit den Meistern des Populismus aus der Bundesliga und vom Boulevard auszeichneten, muß sein fachlich erstklassiger, aber öffentlich noch schwach konturierter Nachfolger erst beweisen.“
FAZ: Höhepunkte der Polemik gegen Klinsmann vor der WM
SpOn: Dokumentation der „Maul-Fouls gegen Klinsmann“
sueddeutsche.de: Klinsi-Schlagzeilen in Bild (Fotostrecke)
FR: Stimmen über Klinsmanns Rücktritt
Uli Hoeneß (Tsp): „Daß er aufhört, das ist eine mittlere Katastrophe“
SZ-Magazin: Ein viel beachtetes und damals sehr umstrittenes Interview mit Klinsmann aus dem Juni 2005
Ich denke, dass die Kritik des DFB auch ein Grund ist
Bernhard Peters, der zunächst belächelte Hockeytrainer, im taz-Interview über Klinsmanns Rücktritt
taz: Hatten Sie damals, als Sie mit dem DFB in Verhandlung standen, den Eindruck, dass der DFB so verkrustet ist, wie er oft dargestellt wird?
Peters: Nein, das ist überzogen dargestellt. Es gibt auch dort solche und solche. Es ist ja wichtig, die gute Tradition des Fußball-Bundes aufrechtzuerhalten, aber man muss innovativ denken und die Entwicklungen, die im internationalen Fußball passieren, mitgehen. Dazu waren etliche im Präsidium noch nicht bereit.
taz: Gerade Ihre Einstellung als Sportdirektor wäre ein revolutionärer Schritt gewesen. Woran ist er gescheitert?
Peters: Wir haben versucht, unser Konzept und unsere Inhalte darzustellen, aber man hat sich für den bekannten Fußballkopf entschieden, weil man Angst hatte vor der Öffentlichkeit. Außerdem wurde die Stellenbeschreibung eines modernen Sportdirektors, was die Aufgaben in Führungs-, Management- und Strukturverbesserung angeht, nicht gut genug mit dem Präsidium kommuniziert. Das war sicher auch ein Fehler von Oliver Bierhoff, Jürgen Klinsmann und von mir.
taz: Sind die Verhandlungen mit dem DFB Ihrerseits endgültig abgeschlossen?
Peters: Nein. Es wird noch Gespräche über eine Beratertätigkeit geben, nur der Verhandlungstermin steht noch nicht fest.
taz: Sehen Sie auch in der Bundesliga die Möglichkeit, dass sich die Vereine an den neuen Ideen bereichern?
Peters: Einige Bundesligisten arbeiten bereits sehr gut und differenziert, andere noch nicht. Auch wenn es viele Bundesligisten nicht zugeben wollen, glaube ich, dass – angestoßen durch die Symbolfigur Klinsmann – ein Nachdenken eingesetzt hat und dass, was Umfang, Intensität, Differenzierung, Individualisierung, Trainerspezialisten angeht, eine neue Zeitrechnung begonnen hat.
taz: Glauben Sie, dass es wirklich nur familiäre Gründe waren, die Klinsmann bewogen haben aufzuhören? Oder war es der Gegenwind vor der WM?
Peters: Beides, glaube ich.
taz: Muss sich der DFB also Mitschuld eingestehen? War die Kritik zu stark?
Peters: Das hat für einen großen emotionalen Druck gesorgt. Ich denke, dass das jetzt auch ein Grund ist, warum er nicht mehr mitmachen will.
Zweiter Mann
Ludger Schulze (SZ) hebt Joachim Löw aus dem Schatten: „Kritiker führen gegen Löw vor allem zwei Argumente an: zu wenig Erfahrung als Chef, zu wenig Autorität bei den Spielern als bisheriger Assistent. Dagegen ist zu halten, dass Klinsmann bei seinem Arbeitsantritt 0,0 Prozent Trainererfahrung besaß, Löw aber bereits in der Bundesliga, der Türkei und in Österreich verantwortlich wie erfolgreich gearbeitet hat. Klinsmanns fanatische Energie und die Züge rücksichtslosen Egoismus‘ mögen Löw zwar fehlen, seine charakterliche Integrität, sein gewinnendes Auftreten und seine enorme Fachkompetenz aber werden dazu den Ausgleich schaffen. Und die Theorie des Einmal-Assi-immer-Assi ist einfach nur Quatsch: Sepp Herberger und Helmut Schön waren ursprünglich auch jeweils zweiter Mann. Später wurden sie Weltmeister.“
BLZ: Löws Trainerkarriere und sein Verhältnis zu Gerhard Mayer-Vorfelder, der ihn schon mal entließ
Tsp: Löw war unter Jürgen Klinsmann mehr als ein Assistent, jetzt hat er die ganze Verantwortung
FAZ-Portrait Löw
youtube-Video: best of Miroslav Klose
Mittwoch, 12. Juli 2006
Ball und Buchstabe
Welche Bild-Kampagne?
Alle Zeitungen drucken nun Dokumentationen, aus denen hervorgeht, wer Jürgen Klinsmann in seinen zwei Jahren Amtszeit alles angemault hat; das liest man mit einer Mischung aus Schmunzeln und Kopfschütteln, Faszination und Entsetzen. Leider jedoch werden diese Stammtischtypen um Basler, Effenberg und Assauer nicht groß darunter leiden müssen. Sie werden weiter im DSF als „Experte“ vorgestellt werden.
Die argumentierende Presse, die Klinsmann lange wohlwollend begleitete, hat in den Monaten vor der WM seinen Reformkurs nicht mehr gestützt und, bis auf Spiegel, Spiegel Online und die FR, auch nicht mit Nachdruck gegen die unfaire Kritik verteidigt. Vermutlich eine der größten Enttäuschungen, daß sich selbst die SZ und die FAZ von der grimmigen Anti-Klinsmann-Stimmung, die Deutschland im März und April 2006 im Griff hatte, anstecken ließen. Viele Zeitungen haben immerhin nun die Größe, auch ihre eigenen Zitate in die Sammlung „Klinsmann-Bashing“ aufzunehmen – eine Abbitte.
Daß die Bild-Zeitung ihn nicht mag, damit war ja zu rechnen, und das Fernsehen interessiert so was ohnehin nicht. Als ich auf den Marler Tagen der Medienkultur im April das Podium, besetzt mit prominenten TV-Sportreportern, fragte, ob es sie als Journalisten nicht einmal reizen würde, zum Beispiel die Bild-Kampagne gegen Klinsmann zu recherchieren, zu bewerten und das Ergebnis zu senden, erhielt ich vom Premiere-Vertreter die Antwort: „Welche Bild-Kampagne? Ich kann da nichts entdecken.“ Tja, welche Bild-Kampagne? Guten Morgen! Von den anderen Vertretern mußte ich mir vorhalten lassen, „überkritisch“ zu sein. Die ARD übrigens sendet so ein Thema, wenn überhaupt, in einem Politmagazin, auf die Sportschau braucht man da nicht zählen.
Bild und Sport Bild fallen übrigens gerade dadurch auf, daß sie den Schwarzen Peter den DFB-Funktionären zuschieben, deren Aussagen sie noch vor Wochen als Vorlage für rabiate Kritik an Klinsmann verwertet haben. Die Bild schreibt heute über Klinsmanns Rücktritt: „Ihn nervt die zum Teil kleinliche Kritik einiger DFB-Funktionäre. Eine andere Wunde ist nie verheilt. Daß der DFB seinen Hockey-Trainer Bernhard Peters als Sportdirektor abgeschmettert hatte, schmerzt bis heute.“ Welch Heuchelei! Bild war der größte Kritiker an der Idee, Peters zu engagieren. Meine Herren vom DFB, laßt Euch das eine Lehre sein! Laßt Euch von Bild nicht mehr in den Wald locken!
Lesen Sie die Highlights aus den freistoss-Kommentaren des letzten Jahres, in denen ich mich mit der schlichten und unsachlichen Klinsmann-Kritik auseinandergesetzt habe:
http://www.indirekter-freistoss.de/home/gleiche-klinsmann.html
Dienstag, 11. Juli 2006
Ball und Buchstabe
Perverse italienische Anthropologie
Der Italien-Korrespondent der FAZ, Dirk Schümer, leitet aus Italiens Triumph zur Zeit des Niedergangs Schlüsse über das italienische Selbstverständnis ab: „Um eine weltmeisterliche Truppe zu schmieden, brauchen Italiener offenbar weder amerikanische Fitnesstrainer noch Sportpsychologen. Ihnen reichten als Motivationsmix ein Rudel gekaufter Schiedsrichter, Vereine kurz vor dem Bankrott, abgetretene Funktionäre, ausbleibende Fernsehgelder – kurz: eine Fußballindustrie nahe dem Kollaps. Franz Beckenbauers Unkenrufe vor dem Turnier, die Italiener würden die Quittung für ihren heimischen Saustall einstecken müssen, bewahrheitete sich auf gespenstisch gegensätzliche Weise. Daß Sportler oft nur unter existenziellem Druck ihre Höchstleistungen vollbringen, gehört zu den ungeschriebenen Regeln eines überbezahlten Gewerbes. Während Spanier, Engländer, Brasilianer entspannt und mit geringstmöglichem Aufwand scheiterten, spielten die Italiener ohne Clubs, ohne funktionierenden Verband und mit ungewisser Zukunft um alles. ‚Ohne die Skandale hätten wir nie gewonnen.‘ Diese Analyse trug im Siegesrausch der Kopf des Teams vor, Gennaro Gattuso. Wahrscheinlich hat er recht, und doch äußert sich darin eine perverse italienische Anthropologie: Wir brauchen den Stimulus, über den eigenen Sumpf hinwegzuspringen. Und vor allem: Erst nachdem wir unlauter versucht haben, die Regeln zu manipulieren, macht es uns Freude, sie zu akzeptieren. So sind wir eben. In dem Milieu mächtiger Strippenzieher und des schillernden Fußball-Polit-Moguls Berlusconi sind diese Weltmeister groß und stark geworden. Statt wehmütig zu spekulieren, was die Athleten ohne den Klotz solcher Klientelwirtschaft am Bein noch alles hätten leisten können, nutzte man in Italien die schmierige Mißwirtschaft lieber als moralische Antriebshilfe. (…) Und so fragen sie sich: Können wir irgendwann leben ohne Verfilzung und Kungelei? Oder ist Italien nur dann ganz groß, wenn es zugleich ganz klein ist?“
Mannschaft von außergewöhnlicher moralischer Kraft
Emilio Marrese, ein Reporter der Repubblica beteuert im Tagesspiegel, daß Fußball-Italien im Moggi-Prozeß auf harte Strafen hofft: „Italiens Fußball hat in seinem traurigsten Moment triumphiert, und das ist kein Zufall. Wir alle wissen jetzt zuverlässig, was immer vermutet, gesagt und geschrieben wurde, ohne dass wir gerichtsfeste Beweise dafür hatten: Das System ist verrottet. Die Italiener, das sollte man wissen, sind die ersten, die sich zutiefst dafür schämen, was alles aufgedeckt wurde und die ersten, die wütend über die sind, die ihren Traum und ihre Gefühle betrogen haben. Und alle, auch viele Fans von Juventus und anderen beteiligten Vereinen, die nicht blind sind, haben nach dem Triumph in Deutschland Angst vor einer Art vorauseilender Amnestie, in der das Klima freundlicher und die Urteile milder ausfallen könnten. Italien will das nicht, glaubt uns das! Wir wollen, wie man bei uns sagt, nicht Salzgebäck und ein Gläschen, sondern harte Strafen. Die Spieler sind noch der intakteste Teil dieses Systems und Opfer wie die Fans. Der Riesenwunsch nach einem Zeichen – auch nach den unfairen Pfiffen im Olympiastadion, nachdem Zidane vom Platz musste – machte sie zu einer Mannschaft von außergewöhnlicher moralischer Kraft. Das hat den großen Unterschied bei dieser Weltmeisterschaft gemacht, deren Fußball technisch nur noch in Millimetern Unterschiede kennt.“
Todkrank
In einem weiteren Text verweist Schümer (FAZ) auf die möglichen Folgen des Prozesses für die Zukunft des italienischen Fußballs und die Bedeutung der jahrelangen Manipulation für den WM-Erfolg: „Er begreife den Triumph, sagte der neugewählte Fußballpräsident Napolitano, ‚als Sieg des gesetzestreuen Italien‘. Aber so einfach ist das nicht. Berlusconi und andere verschwenderische Fußballmäzene haben die Spieler in hochmodernen Trainingszentren zu konkurrenzfähigen Gladiatoren ausgebildet, sie haben Milliarden in den Fußball investiert, ihn medial perfekt ausgebeutet und sich schließlich für berechtigt gehalten, die Spielregeln zu ihren Gunsten zu ändern. Wie in der Justiz. Wie in der Politik. Wie im Geschäft. Die Welt sei nun einmal dreckig und böse, so verteidigen sich jetzt nahezu alle Inkriminierten und Manipulateure. Wer sich da mit allen Tricks durchbeiße, der handle sozusagen in Notwehr. Einige Spieler wie der grundsolide Kalabrese Gennaro Gattuso scheinen begriffen zu haben, daß Leute wie Berlusconi den italienischen Fußball groß gemacht und zugleich an den Abgrund gebracht haben. Der biedere Moralist Gattuso fordert strenge Strafen für die Täter – und damit den Abstieg seines Clubs, die Schwächung der Liga, den Kollaps der Finanzen, also all das, was die Moguln des Fußballs in den nächsten Wochen mit allen juristischen Mitteln zu verhindern suchen. Die Frage ist, wie kann ein starkes Fußball-Italien ohne Lobbies und Vetternwirtschaft geschaffen werden? (…) Italien, das Land der Sieger, steht sportlich und ökonomisch als großer Verlierer da. Italiens so erfolgreicher Fußball ist krank, todkrank sogar.“
Peter Hartmann (NZZ) blickt auf den Trainer: „Es ist schwer vorstellbar, dass Lippi als hochdekorierter Trainer von 1994 bis 1999 und wieder von 2001 bis 2004 nichts mitbekommen hat von den Manipulationen der Schiedsrichter, von der chronischen Bevorteilung seiner Mannschaft, dass er im Unklaren gelassen wurde über medizinische Therapien, die Gegenstand des noch nicht abgeschlossenen Dopingprozesses gegen Juventus sind. Fragen wischt er beleidigt und arrogant beiseite.“
Triumph einer Gastarbeiternation
Birgit Schönau (SZ) verteidigt die Italiener gegen Ressentiments in deutschen Zeitungen: „In Deutschland spielten die Italiener auch gegen eine weitgehend ignorante, teils offen feindselige Presse, die sich nicht die Mühe machte, ihre verkrusteten Klischees über den Haufen zu werfen. Dieser Begleitumstand der WM kam in Italien, aber auch bei den Spielern schlecht an. Der Sieg in Berlin bedeutet – das darf man nicht vergessen – auch den Triumph einer Gastarbeiternation, die sich von den reicheren Nachbarn wieder einmal nicht gut behandelt fühlte. Leider wurde das von vielen übersehen, die Italien nur noch als Urlaubsland wahrnehmen und schon lange nicht mehr als Heimat von immerhin 600.000 Arbeitern, die sich in Deutschland niedergelassen haben. Wo Ignoranz herrscht, kann keine Sensibilität entstehen – die Nolens-volens-Arroganz der Gastgeber hinterließ in Italien einen dicken, dunklen Flecken.“
Beckmanns Liebling
Andreas Platthaus (FAZ/Medien) steckt ARD und ZDF in einen Sack: „Übers Turnier gesehen schenkten sich ARD und ZDF nichts, was das triste Niveau der Reportagen betraf. Konsequenterweise hielt beim Abschied der Nationalmannschaft auf der Berliner Fan-Meile Johannes B. Kerner ein ARD- und Monica Lierhaus ein ZDF-Mikrophon in der Hand: Na, war ja auch wirklich egal, wer für wen quasselt. Doch erst das Finale war der konsequente Höhepunkt. Die Beschreibungskunst des Reinhold Beckmann kam hier vollends zu sich. Keine Erwägung, die über das hinausgegangen wäre, was ohnehin alle gesehen hatten, und als dann plötzlich etwas außerhalb des Bildschirmbereichs stattfand – der Kopfstoß von Zinedine Zidane –, da erspähte Beckmann wie wir nur die zurückeilenden Spieler: ‚Da hinten ist etwas passiert.‘ Wozu brauchen wir Reporter im Stadion, wenn sie auch nur auf ihre Monitore starren? Oder die Einwechslung von Trezeguet zur privaten Marotte machen. Ja, wir hielten zu Frankreich, doch als einer der ‚Bleus‘ beim Elfmeterschießen versagte, waren wir ehrlich froh, daß es ausgerechnet Beckmanns Liebling war.“
taz: Der Fußball an der WM 2006 war weit offensiver ausgerichtet als allgemein behauptet wird
Am Grünen Tisch
Sünde
Die Rote Karte für Zinédine Zidane ist durch einen unzulässigen Videobeweis zustande gekommen, was die Fifa zwar dementiert, für den Rest der Welt aber offensichtlich ist. Javier Cáceres (SZ) beschreibt das Verhalten des vierten Offiziellen, der den Schiedsrichter auf die Tätlichkeit Zidanes hingewiesen hat: „Luis Medina brachte den Fernsehbeweis zur Anwendung und schrieb damit Geschichte. Seine Crux: Er darf es nur im Beichtstuhl zugeben, nicht öffentlich. Der Rückgriff auf bewegte Bilder ist nicht von den Regeln gedeckt. Mehr noch: Er gilt im Fußball, dem die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters heilig ist, als Sünde. (…) Zwischen der Aggression Zidanes und der roten Karte liegen 96 Sekunden, in denen auf den Bildschirmen im Stadion die Aktion Zidanes gezeigt wurde – sowohl in Zeitlupe wie in Echtzeit. Wenn Medina Zidanes monströse Tat live sah – warum wurde das Spiel nicht vorher unterbrochen? Die einzige logische, aber unbewiesene Schlussfolgerung: Weil Medina die Wiederholung abwartete.“ Wolfgang Hettfleisch (FR) fügt an: „Niemand kann anzweifeln, dass der große Franzose für seinen Ausraster zu Recht die Rote Karte sah – wenn auch womöglich nicht ganz regelkonform.“
Peter Michalzik (FR) legt die Aussagen der ARD-Experten aus: „Dieses dubiose Videospiel der Fifa um Frings fand in einem merkwürdigen Nachspiel seine Scheinfortsetzung: Gerhard Delling versuchte mit Fernsehbildern zu beweisen, dass auch der Linienrichter Zidanes Kopfstoß nicht gesehen hatte, sondern die Information von irgendwo anders her gekommen war. Günther Netzer begriff sehr schnell, welche Tragweite das haben könnte und schob Dellings Bilderbeweis beiseite. Woraufhin der immer wieder in Momente von begnadeter Naivität fallende Franz Beckenbauer vom ersten Videobeweis der WM sprach.“ Michael Horeni (FAZ) fordert, den Videobeweis endlich offiziell einzuführen: „Bei einer WM, unter den Blicken von Milliarden Fernsehzuschauern, stößt das Dogma der Tatsachenentscheidung an Grenzen. Was die ganze Welt sehen kann, müssen auch die Schiedsrichter sehen dürfen.“
FR: Hintergrund: Videobeweis im Finale
Willkürherrschaft
Horeni zieht ein äußerst kritisches Fazit: „Der Fifa mit ihrem Regelungswahn ist es zwar gelungen, das Erscheinungsbild in den Städten nach ihrem Willen zu ändern. Aber auf ihrem ureigensten Territorium – dem Fußballplatz – hat sie es während der WM nicht geschafft, dringend benötigte Ordnungsprinzipien durchzusetzen. Das zeigte sich schon im Umgang mit dem Fall Frings, der eklatante Mängel im nachträglichen Verfahren aufwies, sowie im grundsätzlichen Vorgehen – viele andere kamen (wie Figo nach Kopfstoß) trotz evidenter Bilder ohne Strafe davon. Das nennt man Willkürherrschaft, im Reich Blatters Sportgerichtsbarkeit.“
WM 2006
Rausschmeißer
Peter Heß (FAZ) hakt das Finale ab: „Magie gehört nicht zum Repertoire des neuen Weltmeisters. Italien triumphierte auf dieselbe nüchterne, aber effektive Weise, mit der es die Mannschaft bis ins Finale gebracht hatte. Und der Mann, der für den Extra-Kick hätte sorgen können, versah den vermeintlichen Höhepunkt des Turniers sogar noch mit dem Touch des Vulgären. Das Fußballidol Zinedine Zidane beendete mit einem brutalen Kopfstoß seine Karriere aufs unwürdigste. (…) Die Herzen der Fußball-Welt eroberten sich die Italiener nicht. Und da es zudem schwerfiel, den Verlierern nach Zidanes Tätlichkeit Mitleid zu zollen, endete diese emotionale Weltmeisterschaft nicht mit dem Höhepunkt, sondern mit einem Rausschmeißer. Zumindest erleichterte das Finale die Rückkehr in den Fußball-Alltag.
Kopfgesteuert, aber gedankenlos
Zidanes Ausraster, ein episches Thema – Roland Zorn (FAZ) trägt es ihm nicht allzu sehr nach: „Alle, die sich vorher ein Idealbild von dem bekannt jähzornigen Franzosen ausgemalt hatten, sahen nun die Fotos von einem Irregeleiteten, der sein Endspiel nicht unter Kontrolle hatte. Es war für ihn das Finale einer Achterbahnfahrt, die den gelegentlich verschlossen wie eine Auster wirkenden Mann während der vier turbulenten Wochen mal ganz nach oben katapultierte, mal ganz nach unten schleuderte. Zidane hielt sich, Frankreich und die Fußballwelt in Atem – und blieb damit trotz seiner kopfgesteuerten, aber gedankenlosen Missetat zum bösen Schluß einer der faszinierenden Hauptdarsteller der großen WM-Fußballshow. (…) Sein Ruhm wird zu glanzvoll bleiben, um von diesem trüben Schlußkapitel seiner Laufbahn überschattet werden zu können.“
Kein Übermensch
Christian Zaschke (SZ) erkennt den alten Zidane: „Dieses Foul war nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal, dass Zidane diese erstaunliche Rücksichtslosigkeit aufscheinen ließ, diese Brutalität. Sie wohnt ebenso in ihm wie das Genie, und wenn L‘Equipe fragt, was man den Kindern erzählen soll, dann ist die schlichte Antwort wohl, dass Zidane kein Übermensch ist, sondern einfach ein sehr guter und doch jähzorniger Fußballer, und dass sie sich ihre Vorbilder anderswo suchen oder einfach ohne auskommen sollten. Doch selbstverständlich hätte im Rückblick niemand von den elf vorangegangenen roten Karten gesprochen, hätte es diese zwölfte nicht gegeben.“ Andreas Lesch (BLZ) ergänzt: „Er, der majestätische Tänzer, hat den niederen Instinkten gehorcht. Er ist der Logik der Straße gefolgt: Wer provoziert, wird bestraft.“
BLZ: Kritik an der Wahl Zidanes zum Spieler des Turniers
Nichts über seine Mutter
Vor dem Hintergrund der Spekulation darüber, mit welchen Worten Marco Materazzi Zidane provoziert haben könnte, gibt Birgit Schönau (SZ) zu bedenken: „Ein Muttersöhnchen durfte er nie werden. Sie starb, als er ein kleiner Junge war. Deshalb wird er Zidane alles Mögliche an den Kopf geworfen haben, bevor der große Franzose ihm seine Glatze in den Brustkorb rammte, alles Mögliche, aber nichts über dessen Mutter. Diese Beleidigung grölten dafür die Tifosi zu Hunderten in den Straßen Roms, und manche nahmen sogar ein Megaphon dazu, es waren keine schönen Szenen. Wenn einer auf dem Platz Zidane zutiefst verstehen konnte, wenn einer nachfühlen konnte, was es heißt, derart gedemütigt vom Rasen zu schleichen, um sich in tiefster Scham vor der Welt zu verkriechen – dann war es wohl Materazzi. Wie oft war es ihm selbst so ergangen, zuletzt im Achtelfinale gegen Australien. Der Schiedsrichter taucht auf wie ein Erzengel beim Jüngsten Gericht, greift in die Brusttasche, im Gesicht den unerbittlichen Ausdruck von Endgültigkeit. Zieht die Karte. Und dann muss man mit fest auf den Boden geheftetem Blick den Ausgang finden, während sich die Sekunden unter den Pfiffen von Zehntausenden endlos dehnen. Diesmal nicht. Diesmal ging der Andere, der Große, der Weltstar, der König des Fußballs, der sich soeben selbst entthront hatte.“
Vorzeigerüpel aus Lippis Schlitzohr-Combo
Michael Ashelm (FAZ) stellt Materazzi als grimmigen Verteidiger vor: „Zu seiner ‚göttlichen Bestimmung‘ gehört, den Gegner mit allen Mitteln zu bekämpfen, die nicht immer im Fußballregelbuch zulässig sind. Materazzi ist ein schreckensfreier Grätschenfreund, ein harter Geselle, der nicht mal über diese typisch engelstreue Mimik eines italienischen Fußballprofis verfügt. Der rauhbeinige Abwehrmann verkörpert deshalb wohl am besten den Stil des neuen Weltmeistertrainers Marcello Lippi. ‚Ich bin lieber ein Arsch als ein Verlierer‘, sagt er zu seinem Faible für rüde Typen. Materazzi wirkt da wie ein Vorzeigerüpel aus Lippis Schlitzohr-Combo, was nicht nur an seinen vielen furchteinflößenden Tätowierungen liegt. Weit über die Serie A hinaus sind seine Fouls und Pöbeleien gefürchtet.“
FR: Materazzi, Rammbock und Waisenkind
NZZ: Materazzi gibt Beleidigung zu
youtube: ein Video mit den Karriere-Highlights Materazzis
Foult nicht
Wiebke Hollersen (BLZ) veredelt Fabio Cannavaros Spiel: „Wer Cannavaro zugesehen hat, vor allem in seinem besten Spiel, dem Halbfinale gegen Deutschland, konnte in dem, was er tat, mehr Spaß und Spiel entdecken als in vielen verkorksten Angriffsversuchen. Cannavaro ist fast zu schmächtig für einen Innenverteidiger. Aber er braucht keine Härte als Ausgleich, er erhielt im ganzen Turnier keine Gelbe Karte. Den Freunden der Italien-Klischees in Deutschland macht er keine Freude: Er trägt kein Gel in den Haaren, er hat sich die Haare geschoren, er fällt nicht um, er foult nicht.“
BLZ: Weltmeister Italien spiegelt wie die gesamte WM den Trend zur Defensive im internationalen Fußball wider
FR: Korrespondentenbericht über die Stimmung in Italien
FR: Chirac erteilt Zidane die Absolution
Wir, die schmutzigen, korrupten und selbstmitleidigen Catenacciari
(sh) Aus italienischen Zeitungen: Der Himmel über Berlin erstrahlt für die Italiener im schönsten azzurro. „Campioni del mondo“ ist die Schlagzeile der Repubblica, „L’Italia dei Campioni“ die des Corriere della Sera, und auf Seite 2 heißt es in Anlehnung an Wim Wenders’ auch in Italien sehr populärem Film: „Azzurro sopra Berlino“ (Azurblau über Berlin). Aus dem Corriere della Sera: „Es endet eine große WM, die von einem großen Team mit Kraft und Leidenschaft erobert wird.“ Zitiert wird Gennaro Gattusos These: „Ohne die Skandale hätten wir nie gewonnen. Alle unsere Mannschaften hatten und haben Probleme mit der Sportjustiz, genau deshalb haben wir mehr gegeben!“ Und Romano Prodi: „Wir haben nicht um ein Haar, aber um einen Torpfosten gesiegt, es ist nur ein Torpfosten, der den Unterschied ausgemacht hat, es gibt Spiele, bei denen man so gewinnt …!“ Der Kommentator Gianni Riotta sieht den Sieg seiner Mannschaft so: „Wir sind Meister, weil wir Italiener sind, wir haben durch Entschlossenheit, durch Glück und durch unsere nationalen Defekte gesiegt.“ In einem weiteren Kommentar heißt es: „Unvollkommen und schön, ängstlich und heroisch. Wir sind der Fußball. Wir sind Weltmeister, was niemand gedacht hätte und was auch niemand gewollt hätte. Wir, die schmutzigen, korrupten und selbstmitleidigen Catenacciari. Wir, aus diesem Land, das sich geißelt und das morgen die Weltmeister wer weiß wohin schicken wird, in die Serie B oder C, egal, weil wir eben so sind, einig und eklektisch, morbid und loyalitätsvergiftet.“
In der Repubblica wird berichtet, die Spieler der Nationalmannschaft hätten im Flugzeug gesungen: „Lippi, non lasciare!“ (Lippi, nicht aufhören!) In der Analyse heißt es: „Wieder sind Buffon, Grosso, Cannavaro und Materazzi (plus Zambrotta und Gattuso) die Protagonisten des Italiens der Arbeiter, das leidet, kämpft, erträgt, unterzugehen scheint, und am Ende triumphiert.“ Nicht verschwiegen werden die Schwierigkeiten der Mittelfeldspieler „in einem Spiel, in dem Frankreich in der gesamten Nachspielzeit im Ballbesitz war.“ Natürlich wird auch in der Repubblica Staatspräsident Giorgio Napolitano zitiert, der auf der Tribüne gelitten habe und den Spielern immer nahe gewesen sei: „Italien hat einen Sieg erobert, der uns mit Stolz erfüllt und der uns eine nationale Identität verleiht, die fundamental ist, um dieses Land mit seinen vielen Problemen auf den Beinen zu halten.“
Jetzt ist Afrika dran
(ag) Die spanische Presse ist sich weitgehend einig, daß Frankreich in einem „langen Monolog“ im Finale gegen Italien den besseren, „attraktiveren“ Fußball gespielt habe. In El País lesen wir: „Es war ein fauler Triumph, a la italiana und unverdient. Aber so ist der Fußball. Nicht die, die ihn am meisten suchen, erringen den Sieg. (…) Es war keine spektakuläre Meisterschaft, was den Fußball angeht. Sie spiegelte den Triumph des Konservatismus wider. Nur wenige junge Spieler sind über die Veteranen hinausgewachsen. Es war die Niederlage Brasiliens und Argentiniens und der Triumph Europas; eines Europas, das nicht bezaubert, aber am Ende immer da ist: die vier Halbfinalisten – Italien, Frankreich, Deutschland und Portugal – sind Mitglieder der EU. In Sachen Organisation dagegen muß man dem Gastgeber Deutschland eine 1 mit Sternchen geben: volle Stadien, wenige Zwischenfälle und wirtschaftlicher Erfolg. Fußball verkauft sich nach wie vor gut, obwohl der Ball immer mehr verbannt wird: wenige Tore, einwandfreie Verteidiger und Ergebnisorientierung. Jetzt ist Afrika dran.“
BLZ: Internationale Pressestimmen
Montag, 10. Juli 2006
Ball und Buchstabe
Die Welt zu Gast beim Fußball
Roland Zorn (FAZ/Leitartikel): „Wer aus der Begeisterung für die deutsche Mannschaft einen neuen Patriotismus ableiten wollte und wieder einmal sogleich zur Stelle war mit gesellschaftlichen und politischen Analogien, hat Sommermärchen verbreitet. Überall flatternde schwarzrotgoldene Fähnchen, die erstmals laut mitgesungene Hymne in den Stadien, Autokorsos in den Innenstädten und deutsche Gemeinschaftserlebnisse vor dem Bildschirm zeugten eher von der Sehnsucht, sich zur Abwechslung aus der wachsenden Vereinzelung der iPod-Generation zu befreien. Was für Deutschland galt, beanspruchte auch die Welt für sich: Partys, Massenaufläufe, Extrafeierschichten für den Fußball, wohin das Auge zwischen Australien und Korea, Frankreich, Ghana oder Italien schaute. Die Internationale dieses weltweit beliebtesten Sports, auch das hat sich bei dieser WM gezeigt, ist jünger, weiblicher, verspielter geworden. Der Fußball gehört allen und ist, weil einfach zu durchschauen und oft nur schwer zu erklären, zum Massenkulturgut der Menschheit geworden. Bei dieser WM wurde wie nie zuvor der Eindruck erweckt, die Welt sei zu Gast beim Fußball – und dann erst bei den Freunden in Deutschland.“
Die Niederlage hatte ihr Gutes
Christoph Albrecht-Heider (FR) kann sich mit einem harmonischen dritten Platz anfreunden und hätte im Falle eines deutschen Weltmeistertitels mit Überschwang gerechnet: „Vor dem Halbfinalspiel gegen Italien mischten sich aggressive Untertöne in die deutsche Begeisterung, benutzte die Boulevardpresse wieder das Mittel der aufhetzenden Schlagzeile, begann der Abend damit, dass die italienische Hymne überpfiffen wurde, bekam die Schwarz-Rot-Gold-Orgie unerfreuliche Züge. Die Niederlage gegen Italien hatte, da die nationale Euphorie erstmal etwas abkühlte, damit durchaus ihr Gutes, so bitter sie sportlich war, so sehr der Durchmarsch der deutschen Underdogs eine poetische Qualität gehabt hätte.“
Intellektueller Problembär
Kurt Kister (SZ) reduziert die schwarz-rot-goldene Unterstützung für die deutsche Mannschaft auf das Wesentliche: „Seit Anfang Juni hat die Laber- und Interpretationsindustrie in den Medien Sonderschichten gefahren. Kein Schluss war zu abseitig, als dass er nicht gezogen worden wäre. Die Leistung der deutschen Mannschaft sowie die ihres Trainerstabes musste herhalten als Vorbild für die große Koalition, als Mutmachding für die Wirtschaft, als Identifikationsgegenstand für die Jugend, als Chance für den Standort und natürlich als Urgrund für das Marodieren des intellektuellen Problembären dieses Sommers, der so genannten Patriotismus-Debatte. Weil sich so viele Menschen für die WM interessieren, darunter etliche, die im weiteren Sinne vom Reden leben, musste sich wohl auch das große Geschwätz über unser Land senken – zumal da es richtig chic geworden war, WM zu gucken und WM zu reden. Jetzt nun doch ein paar Sätze zum ‚Patriotismus‘: Fußball ist in Deutschland ein sehr beliebter Sport, und wenn die Nationalelf erfolgreich durch ein dramatisches Turnier geht, dann feiern die Leute mit den Farben dieser Elf, die eben die Nationalfarben sind. Sie haben dabei weder die gute Paulskirchen-Tradition von Schwarz-Rot-Gold im Kopf noch überlegen sie, ob die Deutschen an sich und von ihrem Wesen her eher Dichter und Denker oder vielleicht doch mehr Richter und Henker sind. Ebenso fremd ist den Ballack-Fahnenschwenkern jener gequirlte Unsinn, der manchmal Politikern beim Stichwort Patriotismus durch den Kopf geht – die Kanzlerin zum Beispiel glaubt, es sei patriotisch, verfassungsgemäße Etats zu verabschieden. Ach je. In den vergangenen vier Wochen ist nichts anderes passiert, als dass die Fußballfans unabhängig von ihrer politischen Einstellung, ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung ‚Deutschland, Deutschland‘ für sich und ihre Begeisterung adoptiert haben. Offenbar gibt es eine Gegenbewegung zu einer tendenziell mehr und mehr vereinzelnden Lebensart und Unterhaltungstechnologie (iPods, Gameboys, Surfen im virtuellen Netz). Diese Gegenbewegung wendet sich den alten Formen der Identifikation mit und in der Masse zu: Die eigene Mannschaft wird in der Arena zum Sieg gebrüllt. Es ging also nicht um neuen oder gar alten Patriotismus, sondern vielmehr darum, mit anderen, auch Unterschiedlichen, eins zu sein. Und genau das war Klinsmanns Leistung mit der deutschen Elf.“
NZZ: Party, Pop-Patriotismus und Patt
Leises Meerrauschen
Benjamin Henrichs (SZ) schaltet nach einem Monat den Fernseher aus: „Diese so genannte Patriotismusdebatte war das mit Abstand übelste Spiel der WM, ein endloses Nullzunull ohne Elfmeterschießen. Selbst harmloseste Siege der Deutschen wurden zu dröhnenden Deutschlandreden missbraucht, die allesamt mit dem absurden Appell endeten, Merkel solle ihren Job doch bitte so machen wie Klinsmann. Bei der WM 2010 werde ich vielleicht dem Rat des Kollegen R. folgen. Den Fernsehton abstellen und zum Fußball Mozart hören. Oder die Gesänge der Hildegard von Bingen. Oder Bach natürlich – mit dem ‚Wohltemperierten Klavier‘ oder der Kantate ‚O höchst erwünschtes Freudenfest‘ wird noch die ödeste Partie zum strahlenden Festspiel. Oder ich mache es wie beim Finale 1986. Das habe ich im Hafen der griechischen Insel Hydra gesehen, und im Hintergrund rauschte leise das Meer. Und ich lauschte den Gesängen des griechischen Kommentators. Vielleicht redete er ja das selbe Zeug wie unsere Leute, aber weil ich nichts verstand, klang es wie Homer und Sophokles, nicht wie Reinhold Beckmann.“
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