indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 2. Juni 2006

Confed-Cup

Rückzug

Alexandra Muz (FAZ) beschreibt den deutschen Gegner Kolumbien auf dem langen Weg zurück zu Legalität und Sauberkeit: „Als Kolumbien in den neunziger Jahren Schauplatz eines mörderischen Drogenkrieges war, gehörte Fußball zu den wenigen Themen, die dem Land Anerkennung brachten. Gleichzeitig aber war auch der Fußball eng mit der Drogenmafia verbunden. Gerade wieder wird Freddy Rincon, der kongeniale Kollege von Valderrama, beschuldigt, Strohmann eines Drogenbarons gewesen zu sein. Funktionäre, Trainer, Spieler, Schiedsrichter, Journalisten, viele standen damals auf der Gehaltsliste der Mafiabosse. Abgedroschen ist die Aussage, daß der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft sei. Aber in diesem Fall scheint es zu stimmen: Seit die kolumbianische Regierung der Drogenindustrie den Kampf angesagt hat, hat sie sich auch aus dem Fußball zurückgezogen. Nicht ganz, aber es ist besser geworden. (…) Es ist ein Trost, daß das WM-Finale eine kolumbianische Note haben wird: Shakira singt bei der Abschlußveranstaltung.“

Man wird schnell als Nestbeschmutzer angesehen

Berti Vogts im Interview mit Michael Horeni (FAZ)
FAZ: Sie haben behauptet, daß die Bundesligaspieler zuwenig trainieren würden. Können Sie den Vorwurf belegen?
Vogts: Man muß sich doch nur die anderen Sportarten anschauen. Da wird täglich zwischen vier und sechs Stunden trainiert. Im deutschen Profifußball trainieren wir noch wie vor zehn Jahren – aber die anderen Nationen nicht mehr. Unsere Nationalspieler nehme ich von der Kritik einmal aus. Aber schon unsere jugendlichen Auswahlspieler ab 14 Jahren trainieren zuwenig. Ich habe jetzt fünf Jahre im Ausland gelebt. Und dort sehe ich, daß man sich bei Arsenal, Chelsea oder West Ham United, dem Klub mit der besten Jugendarbeit in England, mit den Spielern mehr als sechs Stunden am Tag beschäftigt. Morgens gehen sie zur Schule, nach dem Mittagessen um drei ist die erste Einheit. Um fünf werden Hausaufgaben gemacht. Dann wird eine Stunde trainiert. Nach dem Abendessen wird noch einmal individuell trainiert, technisch. Das fehlt uns.
FAZ: Jürgen Klinsmann legt ja den größten Wert in der Vorbereitung auf die Fitness. Glauben Sie, daß man in wenigen Wochen solche Defizite, die auch im Europapokal erkennbar waren, wirklich aufarbeiten kann?
Vogts: Jürgen Klinsmann hat gleich zu Beginn vor zwei Jahren Leistungstests und sportmedizinische Untersuchungen vorgenommen. Da hat man sofort erkannt, daß wir hinterherhinken. Die Werte der Spieler in den neunziger Jahren waren besser. Klinsmann ist absolut auf dem richtigen Weg – und nur dieser Weg mit vielen Spezialisten wird uns wieder an die Weltspitze zurückführen. Er hat jetzt schon Erfolg. Kein Trainer hat so vielen jungen Spielern eine Chance bei der WM gegeben. Ich hoffe, daß der Nachfolger von Jürgen Klinsmann nach der WM Jürgen Klinsmann sein wird. Die Mannschaft ist erst bei siebzig Prozent, sie wird erst bei der WM 2010 auf ihrem Höhepunkt sein. Falls Klinsmann nach Kalifornien zurückgeht, kann ich für den deutschen Fußball nur hoffen, daß der Nachfolger seine Philosophie vertritt.
FAZ: Wundern Sie sich, daß es immer noch so schwierig ist, Defizite im deutschen Fußball zu benennen, ohne Gegenwind aus der Bundesliga zu bekommen?
Vogts: Die Bundesliga ist ein sehr spezielles Geschäft. Sie wird wunderbar vermarktet. Die Fernsehsender kaufen das Produkt teuer ein. Aber die Ware hat nicht mehr den Wert früherer Jahre. Man kann nicht mehr von Pech sprechen, wenn unsere beste Mannschaft 1:4 in Mailand verliert. Dann ist das ein Leistungsunterschied. Im Uefa-Pokal sind unsere Mannschaften gegen Durchschnittsmannschaften ausgeschieden. Die Bundesliga ist in Europa nur Durchschnitt. Aber man darf das nicht laut sagen. Sonst wird man als Nestbeschmutzer angesehen.
FAZ: Wie hätten Sie reagiert, wenn schon vor der WM, wie in diesen Tage geschehen, eine Trainerdiskussion losgetreten wird?
Vogts: Man merkt, daß Jürgen Klinsmann gut erzogen ist. Ich hätte anders reagiert. Es ist noch kein Ball gespielt worden, da wird schon über seine Nachfolge diskutiert. Nichts gegen Sammer und Hitzfeld. Aber das gehört sich nicht.

SZ: Kapitän Michael Ballack fordert Torsten Frings auf, defensiver zu spielen

BLZ: Ballack kontert Klinsmanns Taktik

BLZ: Die deutsche Elf kennt ihre Fehler, und kann sie dennoch nicht vermeiden

taz-Portrait Jens Lehmann

Welt-Interview mit Per Mertesacker

taz: Saudi-Arabien wird wohl auch bei dieser WM nicht weit kommen – das liegt auch an der fehlenden Auslandserfahrung der Spieler

BLZ: WM-Serie: 2002 schließt der Fußball für wenige Wochen die tiefen Gräben zwischen den Erzrivalen Japan und Südkorea

Ball und Buchstabe

Verbesserung der Lage durch Verbesserung der Stimmung

Bernd Ulrich (Zeit) stellt uns die Arbeit Jürgen Klinsmanns als Synthese der Arbeit Gerhard Schröders und Angela Merkels vor: „Da der Bundestrainer zwischen Amtsantritt und WM im eigenen Land noch weniger Zeit hatte als Gerhard Schröder und Angela Merkel, wendet er die zwei Methoden der beiden Kanzler zugleich an: Rasche, schockierende Reformen (Agenda 2010/Schröder), von denen er allerdings weiß, dass sie allein den zurückgebliebenen deutschen Fußball nicht retten werden, weshalb er zusätzlich auf das Prinzip der grundlos guten Laune (Merkel) setzt. Drei Hürden musste und muss Jürgen Klinsmann dabei überwinden, um Erfolg zu haben. Erstens: Allein gegen die Mafia. Die Entmachtung der Besitzstandswahrer und Status-quo-Profiteure. Das sind im deutschen Fußball der DFB und die FC-Bayern-Bild-Connection. Hier hat der Bundestrainer mit seiner Basta-Politik einiges geschafft, allerdings begünstigt durch die nahende WM, die all diese Leute in eine Art patriotische Geiselhaft des ungeliebten Trainers und seiner noch ungeliebteren Methoden nimmt. Zweitens: Es gibt keinen deutschen oder italienischen, es gibt nur modernen oder unmodernen Fußball. Klinsmanns Reformen selbst wirken leider etwas synthetisch, atmen den Geist technischer, kalter Instrumentepolitik wie die Agenda 2010. Und wie bei Schröders Agenda weiß niemand genau, ob sie überhaupt irgendetwas bringen. Man wird den Bundestrainer also an den Erfolgen messen, und wie beim ehemaligen Bundeskanzler wird man das früher tun, als die Erfolge überhaupt eingetreten sein können, wenn nicht ein irrationaler Faktor hinzukommt. Den versucht Klinsmann zu erzeugen. Drittens: Gute Stimmung kann nur von besserer Laune kommen. Die große Frage an die WM wird sein, ob die Verbesserung der Lage durch vorherige Verbesserung der Stimmung in Deutschland tatsächlich funktioniert. Zunächst einmal würde man so etwas am ehesten den Amerikanern zutrauen und am wenigsten den Deutschen. Dieses Amerikanische ist auch genau das Problem von Jürgen Klinsmann. Das hat man in der Politik auch schon versucht, die Amerikanerwerdung des Deutschen als Allheilmittel. Es hat bisher selten funktioniert.“

Sorgen macht mir eher der Rassismus

Der Spotzsoziologe und Fan-Forscher Gunter Pilz warnt in einem Interview mit der NZZ vor zu lauten Warnungen vor Hooligans und Gewalt: „Ich habe ein ungutes Gefühl, weniger wegen der Hooligans als vielmehr wegen der Äusserungen in Politik und Presse. Es findet eine permanente Hochstilisierung statt, die drei Dinge nach sich zieht: Die Poliziei wird derart massiv unter Druck gesetzt, dass irgendwann nicht mehr auf Deeskalation gesetzt werden kann, sondern nur noch auf Repression. Ausserdem wird die Angst in der Bevölkerung unnötig geschürt. Das Ganze führt so weit, dass sich die Hooligans irgendwann gezwungen fühlen, tätig zu werden, weil sie sonst fürchten, nicht mehr ernst genommen zu werden. Eins muss einfach klar sein: Polizei und Justiz sind bestens auf die WM vorbereitet. Alles wird gutgehen, wenn wir uns endlich darauf besinnen, ein Fußballfest feiern zu wollen. In einem entspannten, fröhlichen Umfeld haben es auch die Hooligans schwerer, jemand anderem die Faust ins Gesicht zu rammen. (…) Gewaltbereite Hooligans werden diese Bereiche [Public-Viewing-Zonen] meiden wie die Pest. Solche Leute brauchen Auslauf und Bewegungsfreiheit. Die grösste Gefahr sind die Horrorszenarien, die seit dem 11. September 2001 überall verbreitet sind, und ihre Folgen. Ich werde mich nicht daran beteiligen. Sorgen machen mir eher – weniger mit Blick auf Gewalt als aufs Image – die Rassismus-Auswüchse. Während der WM werden viele rechte Gruppen ihr Süppchen kochen. Das zu verhindern, wird schwer.“

FAZ-Hintergrundbericht über Polens Hooligans

Zeit: Taktik – warum Weltmeisterschaften dem Fußball heute keinen neuen Kick mehr geben, anders als früher

FR: Als die Kartenschalter an den WM-Stadien öffneten, gab’s eine Sensation: Etliche Fans, die geduldig Schlange gestanden hatten, angelten sich tatsächlich Tickets

taz: Der Berliner Musiker Torsun covert mit einer Technoversion den Gesang englischer Fußballfans; der provokante Protestsong „Ten German Bombers“ richtet sich gegen den wachsenden Nationalismus zur WM-Zeit

WM 2006

Rückzug

Alexandra Muz (FAZ) beschreibt den deutschen Gegner Kolumbien auf dem langen Weg zurück zu Legalität und Sauberkeit: „Als Kolumbien in den neunziger Jahren Schauplatz eines mörderischen Drogenkrieges war, gehörte Fußball zu den wenigen Themen, die dem Land Anerkennung brachten. Gleichzeitig aber war auch der Fußball eng mit der Drogenmafia verbunden. Gerade wieder wird Freddy Rincon, der kongeniale Kollege von Valderrama, beschuldigt, Strohmann eines Drogenbarons gewesen zu sein. Funktionäre, Trainer, Spieler, Schiedsrichter, Journalisten, viele standen damals auf der Gehaltsliste der Mafiabosse. Abgedroschen ist die Aussage, daß der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft sei. Aber in diesem Fall scheint es zu stimmen: Seit die kolumbianische Regierung der Drogenindustrie den Kampf angesagt hat, hat sie sich auch aus dem Fußball zurückgezogen. Nicht ganz, aber es ist besser geworden. (…) Es ist ein Trost, daß das WM-Finale eine kolumbianische Note haben wird: Shakira singt bei der Abschlußveranstaltung.“

Man wird schnell als Nestbeschmutzer angesehen

Berti Vogts im Interview mit Michael Horeni (FAZ)
FAZ: Sie haben behauptet, daß die Bundesligaspieler zuwenig trainieren würden. Können Sie den Vorwurf belegen?
Vogts: Man muß sich doch nur die anderen Sportarten anschauen. Da wird täglich zwischen vier und sechs Stunden trainiert. Im deutschen Profifußball trainieren wir noch wie vor zehn Jahren – aber die anderen Nationen nicht mehr. Unsere Nationalspieler nehme ich von der Kritik einmal aus. Aber schon unsere jugendlichen Auswahlspieler ab 14 Jahren trainieren zuwenig. Ich habe jetzt fünf Jahre im Ausland gelebt. Und dort sehe ich, daß man sich bei Arsenal, Chelsea oder West Ham United, dem Klub mit der besten Jugendarbeit in England, mit den Spielern mehr als sechs Stunden am Tag beschäftigt. Morgens gehen sie zur Schule, nach dem Mittagessen um drei ist die erste Einheit. Um fünf werden Hausaufgaben gemacht. Dann wird eine Stunde trainiert. Nach dem Abendessen wird noch einmal individuell trainiert, technisch. Das fehlt uns.
FAZ: Jürgen Klinsmann legt ja den größten Wert in der Vorbereitung auf die Fitness. Glauben Sie, daß man in wenigen Wochen solche Defizite, die auch im Europapokal erkennbar waren, wirklich aufarbeiten kann?
Vogts: Jürgen Klinsmann hat gleich zu Beginn vor zwei Jahren Leistungstests und sportmedizinische Untersuchungen vorgenommen. Da hat man sofort erkannt, daß wir hinterherhinken. Die Werte der Spieler in den neunziger Jahren waren besser. Klinsmann ist absolut auf dem richtigen Weg – und nur dieser Weg mit vielen Spezialisten wird uns wieder an die Weltspitze zurückführen. Er hat jetzt schon Erfolg. Kein Trainer hat so vielen jungen Spielern eine Chance bei der WM gegeben. Ich hoffe, daß der Nachfolger von Jürgen Klinsmann nach der WM Jürgen Klinsmann sein wird. Die Mannschaft ist erst bei siebzig Prozent, sie wird erst bei der WM 2010 auf ihrem Höhepunkt sein. Falls Klinsmann nach Kalifornien zurückgeht, kann ich für den deutschen Fußball nur hoffen, daß der Nachfolger seine Philosophie vertritt.
FAZ: Wundern Sie sich, daß es immer noch so schwierig ist, Defizite im deutschen Fußball zu benennen, ohne Gegenwind aus der Bundesliga zu bekommen?
Vogts: Die Bundesliga ist ein sehr spezielles Geschäft. Sie wird wunderbar vermarktet. Die Fernsehsender kaufen das Produkt teuer ein. Aber die Ware hat nicht mehr den Wert früherer Jahre. Man kann nicht mehr von Pech sprechen, wenn unsere beste Mannschaft 1:4 in Mailand verliert. Dann ist das ein Leistungsunterschied. Im Uefa-Pokal sind unsere Mannschaften gegen Durchschnittsmannschaften ausgeschieden. Die Bundesliga ist in Europa nur Durchschnitt. Aber man darf das nicht laut sagen. Sonst wird man als Nestbeschmutzer angesehen.
FAZ: Wie hätten Sie reagiert, wenn schon vor der WM, wie in diesen Tage geschehen, eine Trainerdiskussion losgetreten wird?
Vogts: Man merkt, daß Jürgen Klinsmann gut erzogen ist. Ich hätte anders reagiert. Es ist noch kein Ball gespielt worden, da wird schon über seine Nachfolge diskutiert. Nichts gegen Sammer und Hitzfeld. Aber das gehört sich nicht.

SZ: Kapitän Michael Ballack fordert Torsten Frings auf, defensiver zu spielen
BLZ: Ballack kontert Klinsmanns Taktik
BLZ: Die deutsche Elf kennt ihre Fehler, und kann sie dennoch nicht vermeiden

taz-Portrait Jens Lehmann

Welt-Interview mit Per Mertesacker

taz: Saudi-Arabien wird wohl auch bei dieser WM nicht weit kommen – das liegt auch an der fehlenden Auslandserfahrung der Spieler

BLZ: WM-Serie: 2002 schließt der Fußball für wenige Wochen die tiefen Gräben zwischen den Erzrivalen Japan und Südkorea

Ascheplatz

Nullsummenspiel

Die NZZ entlarvt die Mär vom Wirtschaftsimpuls WM: „Wenn jemand sein Haus umbaut, verursacht ihm dies Kosten. Das ist beim Neubau von Stadien oder Strassen nicht anders. Doch aus dem Munde von Politikern werden aus Kosten plötzlich Erträge, welche die Wirtschaft ankurbeln. Wenn sich jedoch keine privaten Träger bereit finden, ein Stadion vollständig zu finanzieren, lässt sich daraus eigentlich nur ein Schluss ziehen: Der Nutzen (also die Erträge) wiegt die Kosten nicht auf, ergo sollte man die Investition besser bleiben lassen. Übernimmt der Staat in solchen Fällen einen Teil oder gleich die ganzen Baukosten, handelt es sich um staatlichen Konsum. Darüber freut sich besonders die Fifa, die allein mit den Fernsehübertragungsrechten der WM 1,5 Milliarden Franken [rund 960 Millionen Euro] einnimmt. Aber auch Adidas oder Puma können mit hohen Einnahmen durch die WM rechnen. Salopp ausgedrückt subventioniert damit die Öffentlichkeit einige stark auf solche Anlässe ausgerichtete Firmen. Nicht thematisiert wird in den Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Wirkungen einer WM, was das Geld gebracht hätte, wenn es anderweitig verwendet worden wäre. Doch selbst wenn Alternativen durchgerechnet werden, sind solche Übungen letztlich immer paternalistisch. Die Konsumenten wissen selbst am besten, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Die WM ist eine private Veranstaltung und hat nicht den Charakter eines ‚öffentlichen Gutes‘, weshalb dafür auch keine staatliche Unterstützung vorzusehen ist. Ausgeblendet oder klein gerechnet werden in einschlägigen Studien zudem die mannigfaltigen Verdrängungseffekte, die durch einen solchen Sportanlass ausgelöst werden. Der Bäcker verkauft zwar mehr WM-Brötchen, dafür weniger Semmeln – ein Nullsummenspiel. Zwar werden mehr Fernseher gekauft, doch handelt es sich in der Regel um ein Vorziehen von Anschaffungen, die man etwas später ohnehin gemacht hätte. Solche Reaktionen können auch nicht überraschen: Wegen der WM haben die Deutschen keinen Cent mehr in der Tasche, also können sie auch nicht mehr ausgeben. Eher müssen sie netto mit einer Belastung rechnen, weil die Veranstaltung Steuermittel verschlingt.“

Zeit: Der sanfte Pate – Franz Beckenbauer und sein einzigartiges Beziehungsgeflecht: Wie aus dem Giesinger Straßenfußballer ein erfolgreicher Unternehmer in eigener Sache wurde

Tsp: Debatte über Fußball und Kommerz im WM-Jahr

Donnerstag, 1. Juni 2006

WM 2006

Theaterbühne und Tanzparkett zugleich

Andrzey Rybak (FTD) wiegt die Bedeutung der WM-Teilnahme für Angola: „Für Angola ist die erste WM-Teilnahme in der Geschichte eine Sensation – das Land hofft auf etwas wie das ‚Wunder von Bern‘, das 1954 für Deutschland den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg markierte. Das afrikanische Land wurde von einem fast drei Jahrzehnte währenden brutalen Bürgerkrieg erschüttert, eine Million Menschen fielen ihm zum Opfer. Seit 2002 schweigen die Waffen. Das ganze Land ist stolz auf die ‚Palancas negras‘, die schwarzen Antilopen, wie die Spieler des Nationalteams genannt werden. Wenn sie gegen Portugal, das Team der ehemaligen Kolonialherren, antreten, wird jeder Angolaner mitfiebern. (…) Fast eine Milliarde Menschen leben in Afrika – und fast alle sind verrückt nach Fußball. Zwischen Mogadischu und Monrovia, zwischen Kairo und Kapstadt werden ständig talentierte Nachwuchskicker entdeckt, die mit Technik und Eleganz, Leidenschaft und Spielfreude begeistern. In Afrika ist Fußball nicht allein ein vergnüglicher Zeitvertreib. Das Spiel bietet den Unterprivilegierten eine Chance, dem Elend zu entkommen, sich Anerkennung zu verdienen. Das Spielfeld ist hier Theaterbühne und Tanzparkett zugleich, es geht um Ausdruck, Rhythmus und Geschmeidigkeit. ‚Im afrikanischen Fußball ist es nicht wichtig, ein Tor zu erzielen, sondern es mit Stil und Eleganz zu erzielen‘, sagt Roger Mila, der Altstar aus Kamerun. Der internationale Durchbruch ist den afrikanischen Fußballnationen bislang noch nicht gelungen.“

BLZ: Wie ein betäubtes Pferd – beim WM-Finale 1998 taumelt Ronaldo über den Rasen

sueddeutsche.de: Auch Nicht-VIP-Karten sind offenbar in großer Zahl ohne Personalisierung vergeben worden: Ausländische Fans scheren sich wenig um die Fifa-Regeln, sondern bieten die begehrten Tickets munter zum Tausch an

NZZ: über den ökonomischen Wert der WM-Rechte 2006

NZZ: über den Umgang mit „Schmarotzer“-Marketing bei der EM 2008

Ein Interview im Tagesspiegel mit Franz Beckenbauer, der sich darüber beklagt, daß manche Leute mit dem Fußball zu viel Geld verdienten

Deutsche Elf

Versuch und Irrtum

Im Gegensatz zur internationalen Presse reagieren die deutschen Zeitungen auf das 2:2 gegen Japan milde. Zwar werden große Mängel in der Abwehr und im Mittelfeld erkannt, doch der Ton ist sachte. Oder ist es Resignation oder Genügsamkeit? Peter Heß (FAZ) geht der Frage nach, was wir von der WM erwarten dürfen und was uns blühen wird: „Nur auf eines dürfen sich die deutschen Fußballfans ganz sicher gefaßt machen: auf Stunden voller Dramatik, auf viele Szenen zum Haareraufen und auf einige Aktionen zum Zungeschnalzen. Acht Tage vor der WM ist die Illusion zerstoben, irgendein wundersames Fußball-Phänomen könnte dem Team der Deutschen zu einem plötzlichen Reifeprozeß verholfen haben. Zum Erwerb eines höheren Niveaus, das dazu taugte, Aufgaben zuversichtlich entgegenzublicken, die noch schwieriger sind, als gegen Mannschaften wie Costa Rica, Polen und Ecuador zu bestehen. Spätestens das 2:2 gegen Japan hat dem letzten notorischen Optimisten deutlich gemacht, daß es einer Menge Glückslose in der Lotterie bedarf, um Deutschland bei seiner Heim-WM bis unter die letzten acht Teams zu tragen. Klinsmanns Hoffnung, seine jungen Spieler könnten sich in den zwei Jahren Vorbereitung signifikant weiterentwickeln, hat sich nicht erfüllt. (…) Das Geschäftsprinzip der deutschen Nationalmannschaft heißt Versuch und Irrtum. Torwart Lehmann sollte schon mal verstärkt üben, wie er sich verhält, wenn gegnerische Stürmer frei auf ihn zulaufen.“

Eigene Gesetze

Ludger Schulze (SZ) gibt zu bedenken: „Sollten wir unsere Elf also vorsichtshalber schon vor dem Auftaktspiel abmelden, um dem Gastgeber eine unsterbliche Blamage zu ersparen? Gemach, es war ja nur ein Vorbereitungsspiel, und das hat, wie alle anderen Spiele übrigens auch, seine eigenen Gesetze. Nämlich die, dass alle Mann furchtbar Muskelkater haben nach tagelanger Konditionsbolzerei, was Sprinten, Dribbeln, Drehen und Wenden doch erheblich erschwert. Haben Sie schon mal versucht, mit einem Nähfaden einen Knoten zu knüpfen, nachdem sie eine Woche lang die Decken in ihrer Wohnung gestrichen haben?“

Zeit für Experimente abgelaufen

Ralf Köttker (Welt) fordert gegen Kolumbien die Stammelf: „Es ist jetzt vor allem wichtig, die immer noch fehleranfällige und instabile Mannschaft nicht durch weitere Experimente zu verunsichern. Wenn keine Verletzungen dagegen sprechen, muß der Bundestrainer morgen im letzten Test die elf Spieler aufstellen, die auch das Turnier eröffnen sollen.“ Wenigstens das zentrale Mittelfeld solle nun in seiner endgültigen Form antreten, mahnt Jan Christian Müller (FR): „Der Bundestrainer hat in seiner Dienstzeit viel Wert darauf gelegt, dass sich jeder einzelne Spieler individuell steigert. Daran hat er gemeinsam mit seinem Expertenteam akribisch gearbeitet. Auch die mentale Vorbereitung, die Gegnerbeobachtung und die Analyse der eigenen Stärken und Schwächen wurden zurecht mit nie gekanntem technischen und personellen Aufwand betrieben. Aber es ist geraten, die Spieler nun nicht mehr zu überfordern. Es bleibt keine Zeit mehr für mannschaftstaktische Experimente in der Schaltzentrale des deutschen Spiels.“

Das Alte

Bernd Müllender (FTD) stört sich unter anderem an der Inszenierung des Spiels: „Zu den alten Problemen passte das altbackene Drumherum, das auch Klinsmann nicht verändert hat. Eingespielt werden Fansongs von vorgestern. Bei der Nationalhymne muss in diesem Land der Identitätsdebatten der Text auf der Videowand mitlaufen. Die Fans müssen zwischendurch vom Sprecher zum Anfeuern aufgefordert werden. Eine weitere Seltsamkeit im Land vermeintlicher Titeleuphorie. Ein Rätsel bleibt auch Michael Ballack. Nicht nur wegen vieler Fehlpässe oder übler wie plump taktischer Fouls. Sondern wegen defensiver Nachlässigkeiten vor allem in der ersten Halbzeit. (…) Vielleicht bleibt mehr beim Alten, als Klinsmann glauben will.“

Persönlicher Sieg

Christoph Biermann (SZ) kritisiert Jens Nowotny: „Nowotny wirkte so schwer, wie man ihn auch bei Bayer Leverkusen zuletzt erlebt hatte. Mitunter scheint diese Schwere stabil und sicher wie eine starke Schulter, an die man sich anlehnen kann. Im nächsten Moment aber kommt Nowotny eher schwerfällig daher, wie einer, der noch nicht wieder zu sich gefunden hat. Den Spielrhythmus von einst hat Nowotny noch nicht, vielleicht wird er ihn auch nicht mehr finden. Vielleicht gibt es einfach körperliche Grenzen für den 32-Jährigen, der gerne noch zehn Jahre spielen würde, um all die Spiele nachzuholen, die er wegen Verletzungen verpasste.“ Jan Christian Müller (FR) ruft bei der Bewertung Jens Lehmanns die Rote Karte im Champions-League-Finale in Erinnerung: „Man hätte annehmen können, dass er schwer an diesem Rucksack trägt, zumal erstmals als unumstrittene Nummer eins im deutschen Tor. Doch Lehmann bestand die schwere Prüfung von Leverkusen mit Bravour. Das Unentschieden gegen Japan war ein persönlicher Sieg für ihn. Ein ganz wichtiger.“

BLZ: Der technisch begabte Bastian Schweinsteiger erlaubt sich gegen Japan plumpe und unbeholfene Fouls

Wenn es nicht gut läuft, bin ich weg

Jürgen Klinsmann im Interview mit Moritz Müller-Wirth und Henning Sußebach (Zeit)
Zeit: Die Öffentlichkeit scheint sich in den letzten Wochen auf eine Meinung über Sie verständigt zu haben: Inhaltlich, heißt es jetzt sogar in der Bild-Zeitung, war an Ihrer Arbeit wenig auszusetzen, ob bei der Modernisierung der Trainingsmethoden, der Verjüngung der Mannschaft, der Entscheidung gegen Oliver Kahn – aber in der Art, die Dinge zu kommunizieren, hätten Sie viele Fehler gemacht. Können Sie mit dieser Bilanz leben?
Klinsmann: Ich stimme dem nicht zu. Wir haben immer eines befolgt: Der Sport steht an erster Stelle. Vielleicht hätten wir einige Debatten durch mehr Gespräche beruhigen können. Ich konnte mich aber gar nicht auf lange Diskussionen einlassen, ich musste mich immer entscheiden, wem ich Aufmerksamkeit schenke. Hätten wir vier oder sechs Jahre gehabt, okay, dann hätte man vielleicht mehr reden können. Aber wir hatten nur zwei.
Zeit: Wieso hat Sie in Deutschland keiner verstanden?
Klinsmann: Manches, zum Beispiel mein Fernbleiben vom Fifa-Workshop in Düsseldorf, war vielleicht, objektiv betrachtet, ein Fehler. Das räume ich ein. Aber: Dieses Datum war der erste Todestag meines Vaters. Und für mich persönlich waren um das Datum herum die Tage mit meiner Mutter unendlich viel wichtiger. Die haben mir auch für das, was jetzt kommt, so viel mehr Energie gegeben. Ich würde deshalb immer wieder so entscheiden.
Zeit: Und Sie würden auch am Morgen nach einem verlorenen Länderspiel wieder zur Familie nach Kalifornien fliegen, statt sich den Diskussionen in Deutschland zu stellen?
Klinsmann: Das hängt vom Spiel ab. Nach dem verlorenen Italien-Spiel bin ich zum Beispiel länger in Deutschland geblieben. Generell fliege ich ja nicht immer wieder nach Hause, weil das Wetter in Kalifornien schöner ist, sondern weil ich dort die Energie tanken kann, die ich brauche, um hier optimal arbeiten zu können.
Zeit: Das heißt: Aus Ihrer Sicht war Ihre Abwesenheit sogar förderlich für Ihren Job?
Klinsmann: Ja. Nur wer Energie hat, kann auch Energie abgeben. Wenn ich jeden Tag in Deutschland gewesen wäre, wäre ich von den unwichtigen Dingen aufgefressen worden und hätte die wichtigen aus den Augen verloren.
Zeit: Manchmal hatte man allerdings den Eindruck, Sie hätten bei Ihren wichtigen Entscheidungen den halben Fußballbund ignoriert, die Bundesliga sowieso. Warum?
Klinsmann: Mein ganzes Streben war doch darauf angelegt, mit Fachleuten zu reden, die mich voranbringen und mir das Wissen vermitteln, hoffentlich den richtigen Kader für diese Weltmeisterschaft auszuwählen. Das heißt: Während mich einige samstags gern in irgendeinem Bundesligastadion sehen würden, habe ich andere Prioritäten. Als die Leute zum Beispiel wieder einmal klagten, ich sei in Kalifornien, war ich in Rio bei Carlos Alberto Parreira, Brasiliens Nationaltrainer. Ich wollte wissen: Wie baut sich Teamgeist auf? Wie passen Charaktere zusammen? All diese Erfahrungswerte habe ich extern eingeholt.
Zeit: Hatten Sie das Reizklima insgesamt unterschätzt, in dem die Deutschen über Reformen und Führungsstile diskutieren – ob in der Politik oder im Fußball?
Klinsmann: Ich habe unterschätzt, wie lange manche Leute in Deutschland brauchen würden, bis sie einsehen, dass wir ein Fitness-Problem, ein taktisches Problem und ein Schnelligkeitsproblem im Fußball haben. Statt um Inhalte ging es um Personen. Viele Leute, die uns kritisieren, haben bis heute keinerlei Einblick in unsere Arbeit. Kein Günter Netzer, kein Franz Beckenbauer, kein Lothar Matthäus, kein Paul Breitner hat je eine Trainingseinheit von uns gesehen. Es war lehrreich zu sehen, dass man mich kippen wollte wegen eines verlorenen Spiels, dem 1:4 in Italien. Es war lehrreich, mit welcher Freude da einige 18 oder 19 Monate Arbeit kaputtmachen wollten.
Zeit: Hätte die Mannschaft gegen die USA verloren, hätte die Koalition aus Bild,dem FC Bayern und den verbliebenen Kritikern innerhalb des Deutschen Fußballbundes Sie fortgejagt?
Klinsmann: Gut möglich.
Zeit: Dennoch bleibt die Frage, ob Sie mit Ihrer Kompromisslosigkeit manche Spannungen nicht selbst geschaffen haben. (…) Wie groß ist die Gefahr, dass eine verkorkste Weltmeisterschaft Ihre Planspiele zerstören könnte?
Klinsmann: Wenn es nicht gut läuft, bin ich weg, das ist mir selber auch klar. Es wäre schade, wenn da mehr beschädigt würde, aber die Verwurzelung unserer Philosophie in der Mannschaft ist da, auch in der Öffentlichkeit. Was sie jetzt bei der WM vor allem braucht, ist die Bestätigung und damit den Erfolg.
Zeit: Wer wäre verantwortlich, bliebe der Erfolg aus?
Klinsmann: Es wäre auch meine persönliche Niederlage, ich würde die Schuld nicht bei anderen suchen.

Die anderen liegen nicht auf der faulen Haut

Chefscout Urs Siegenthaler im Interview mit Jens Anker (Welt)
Welt: Als Chefscout des DFB haben Sie derzeit den besten Überblick über den Stand des internationalen Fußballs. Wo steht Deutschland?
Siegenthaler: Alles, was Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ausgemacht hat, die Dynamik und die Fitneß, das haben heute alle Mannschaften. Ich war neulich beim Spitzenspiel in Costa Rica, das an einem Sonntagmittag stattfand. Ich wollte mir das Abschlußtraining ansehen, am Samstag um 7.30 Uhr. Da dachte ich: Schön, erst das Training, dann gehst du frühstücken. Um 10 Uhr haben die immer noch trainiert. Da bin ich gegangen. Das war natürlich kein Training unter ständig hoher Belastung, sondern mit viel Taktik dabei. Aber, verstehen Sie, die anderen liegen nicht auf der faulen Haut.
Welt: Ja. Es gibt keine kleinen Mannschaften mehr, heißt es schon länger …
Siegenthaler: Vor zehn Jahren hat niemand die Schweiz ernst genommen. Heute würde ich nicht gern gegen sie spielen. Gegen Polen übrigens auch nicht, obwohl die Offensivabteilung, die in der WM-Qualifikation so stark war, zur Zeit stark in der Kritik steht. Wenn wir Franz Beckenbauer in seinen Zustand von vor 30 Jahren zurückversetzen könnten und ihn heute spielen ließen, würde er nach 20 Minuten entnervt vom Platz gehen und sagen: „Sind die denn verrückt, was spielen die denn heute für einen Fußball.“
Welt: Wie hat sich der Fußball in den vergangenen Jahren verändert?
Siegenthaler: Um das festzustellen, hat mich das Trainerteam geholt. Aber ich bin erst seit 18 Monaten dabei. Ich renne den Problemen hinterher. In zehn Jahren kann ich eine Entwicklung feststellen und erklären, wie alles weitergegangen ist.
Welt: Das hört sich für die WM nicht sehr optimistisch an.
Siegenthaler: Doch! Deutschland muß sich hochkonzentriert vorbereiten. Wenn die Spieler die Vorgaben des Trainerstabes umsetzen können, bin ich überzeugt, daß die Weltmeisterschaft einen positiven Verlauf nimmt. (…) Spieler aus Mitteleuropa können nicht tanzen. Das muß man üben. Als ich vor 30 Jahren hier an der Sporthochschule Köln mal eine Trainingseinheit mit Musik machen wollte, da bin ich verspottet und verhöhnt worden. Dabei ist die Rhythmisierungsfähigkeit im Fußball ganz wichtig.
Welt: Die was?
Siegenthaler: Rhythmisierungsfähigkeit. Es gibt Stürmer, die stehen schon am Pfosten, wenn die Flanke von außen erst unterwegs ist. Da denke ich: Leck mich, der muß doch den Rhythmus des Flankengebers übernehmen!

Mittwoch, 31. Mai 2006

Ball und Buchstabe

Deutschland ist ein Land, in dem man sich als Ausländer wohl fühlen kann

Gerald Asamoah im Interview mit Michael Ashelm (FAS) über Rassismus in Deutschland
FAZ: Sie sehen sich rassistischen Parolen ausgesetzt. Eine Neonazi-Organisation verbreitet Poster und Hemden mit Ihrem Foto und der Parole „Nein, Gerald, du bist nicht Deutschland“. Was unternehmen Sie dagegen?
Asamoah: Das hat mich sehr verletzt, aber ich bin zuerst nicht juristisch dagegen vorgegangen. Mit Unterstützung des DFB habe ich jetzt aber rechtliche Schritte eingeleitet und per einstweilige Verfügung generell die Veröffentlichung und Verbreitung dieses Plakats und des dazugehörigen Bildes untersagen lassen.
FAZ: Im neuen Verfassungsschutzbericht steht, daß rechte Straftaten um 27 Prozent zugenommen haben. Spüren Sie am eigenen Leib eine direkte Gefahr?
Asamoah: Ich habe natürlich gegenüber vielen anderen Farbigen oder Ausländern in Deutschland den großen Vorteil, daß ich eine prominente Person bin. Bei mir traut sich keiner so schnell, mich in der Öffentlichkeit anzupöbeln, auch wenn er es vielleicht wollte. Ich selbst fühle mich nicht in Gefahr, aber ich habe Freunde, die sich im Moment nicht besonders wohl fühlen und auf der Straße beleidigt werden.
FAZ: Wie offenbart sich der Fremdenhaß im Fußballstadion, nachdem in Deutschland viel dagegen unternommen wurde?
Asamoah: In der Bundesliga passiert eigentlich nichts. Da bleibt es bei ein paar wenigen Idioten auf der Tribüne. Die schlimmsten Zeiten sind wohl vorbei, als ich zum Beispiel in Cottbus noch mit Bananen beworfen wurde. In deutschen Stadien hat sich die Situation deutlich gebessert. Im Uefa-Pokal mit Schalke kam in Sofia aber wieder dieses Affengebrüll von der Tribüne, wenn ich am Ball war. Wie mit der Nationalmannschaft in der Slowakei. Daran werde ich mich nie gewöhnen. Das macht mich immer wieder traurig.
FAZ: Unterhalten Sie sich im Nationalteam über dieses Thema?
Asamoah: Natürlich wird mal darüber gesprochen. Aber jetzt in der WM-Vorbereitung möchte ich mich damit auch gar nicht belasten. (…)
FAZ: Ist die deutsche Gesellschaft aus Ihrer Sicht noch eine offene, fremdenfreundliche Gesellschaft?
Asamoah: Ja, schon. Natürlich hat Deutschland das Problem mit seiner speziellen Vorgeschichte, die immer wieder hoch kocht. Ich weiß auch, daß manche im Ausland sehr negativ über Deutschland denken und sagen, es sei ein Land der Rassisten. Es gibt auch Leute, die mich fragen, weshalb ich überhaupt für Deutschland Fußball spiele; für ein Land, das Schwarze nicht akzeptiert, sagen die dann. Aber ich fühle mich sehr heimisch in Deutschland. Deutschland ist ein Land, in dem man sich als Ausländer wohl fühlen kann. Ich lebe schon lange hier und habe mich nie richtig unwohl gefühlt.

WM 2006

Der WM-Pokal steht ihnen zu wie ein Aston Martin

Thomas Hüetlin (Spiegel) schildert den wiedererlangten Übermut der Engländer: „Wer die Champagnerlaune des englischen Teams dieser Tage erlebt, bekommt den Eindruck, die Mannschaft hätte den WM-Pokal bereits sicher in der Sporttasche und die vier Wochen in Deutschland seien nur noch eine Art Ehrenrunde, welche die Jungs absolvieren müssen, bevor sie das Ding endlich auspacken dürfen. Vorbei ist jener Schock, der sich über die Insel legte, als Ende April Chelsea-Verteidiger Paulo Ferreira Wayne Rooney umgrätschte, jener sich beim Sturz den vierten Knochen im rechten Mittelfuß brach und mit ihm die Hoffnungen der gesamten Fußballnation vom Platz getragen wurden. (…) Vorbei ist auch das jahrelange Theater um Sven-Göran Eriksson, einen Ausländer, dem die Engländer nie wirklich trauten. Schon klar, es gab schöne Momente, wie das 5:1 im Münchner Olympiastadion über den Erzrivalen Deutschland, aber richtig warm wurden die Fans mit der an Temperamentlosigkeit grenzenden Zurückhaltung ihres Nationaltrainers nie. Unvergessen und nicht vergeben sind auf der Insel Momente wie jene langen Minuten, als die Elf im WM-Viertelfinale der WM 2002 gegen Brasilien nach Ronaldinhos Platzverweis beim Stand 1:2 orientierungslos herumstolperte, Eriksson aber, statt die Initiative zu ergreifen, so still auf der Bank saß, als starrte er in die Asche eines Kaminfeuers. Richtig lebendig schien der Schwede nur, wenn es um Frauen oder um Geld ging. Sein Nachfolger und bisheriger Assistent, Steve McClaren, ist Trainer des FC Middlesbrough, eines Clubs, den jener vor fünf Jahren auf Platz 14 übernahm und genau auf dieser Position am Ende dieser Saison wieder abgab. Bei solchen Aussichten erscheint Eriksson auf einmal wieder wie eine Lichtgestalt – zumal jene ‚goldene Generation‘ um David Beckham, Steven Gerrard, Frank Lampard, John Terry, Rio Ferdinand, Joe Cole und Michael Owen auf den letzten Metern zu der Überzeugung gelangt, dass der WM-Pokal ihnen ebenso zusteht wie jene Aston Martin und diamantbesetzten Uhren, die sie sonst für sich beanspruchen.“

Sog

Georg Bucher (NZZ) begründet die Herkunft des Optimismus der Spanier: „Luis Aragonés verkörpert die kastilische Lebensart: den zuweilen schroffen, aggressiven Ton, Lebensfreude, Generosität und einen Schuss Bauernschläue. Wem, wenn nicht ihm, sollte es der Verbandspräsident Villar zutrauen, Spanien endlich aus dem Schatten grosser Nationen herauszuführen? Schon auf mehreren Klub-Bühnen war der 67-jährige Madrilene erfolgreich; nichts reizt ihn mehr als die Aussicht, ein Stück Nationalgeschichte zu schreiben, verschiedene Mentalitäten zu mischen und jenseits von Klubinteressen und Eitelkeiten ein Erfolgsteam zu formen. (…) So zerstritten die Spanier bisweilen sind, so gern sonnen sie sich im Erfolg von Landsleuten. Dann verwenden sie das Bild der Ananas, Symbol von Einheit. Auch der gute Lauf wird beschworen, heuer fast inflationär: Alonso in der Formel 1, Nadal im Tennis, Gibernau und Pedrosa auf Motorrädern, die Handballter aus Ciudad Real, die Futsal-Equipe von Boomerang – in etlichen Sportarten haben die Conquistadores Spitzenränge erobert, auch im Fussball: Sevilla und Barcelona in den europäischen Klubwettbewerben. Arsenal ist spanisch angehaucht. Die Vermutung liegt nahe, das Nationalteam werde in den gleichen Sog geraten, sich anstecken lassen vom Esprit der Winner.“

Die Erniedrigten

Peter Hartmann (NZZ) beschreibt die Hoffnung der Italiener, nichts von ihrer Stärke einzubüßen: „Es ist hundert Tage her, und Italien spielte wie der kommende Weltmeister, damals in Florenz. ‚Deutschland in Stücke zerschlagen‘, eine ‚Erniedrigung‘ der Klinsmänner, so las es sich nach dem 4:1. Die Squadra Azzurra ist fast dieselbe geblieben, aber nun ist sie die ‚Erniedrigte‘ – der beispiellose Skandal um das ‚System Moggi‘ belastet auch sie. Italien ist nicht Juventus, aber der genetische Baukasten, ein Teil der Identität dieser Mannschaft ist Juventus. Der Commissario Tecnico Marcello Lippi, dessen Sohn Davide als Agent tief im Sumpf steckt, arbeitete acht Jahre für Juventus, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass er nichts von den Machenschaften des Managers Moggi und von den übervollen Medizinschränken, die zum Dopingprozess führten, geahnt hat. Lippi baut auf einen Juve-Block, Capitano Cannavaro muss, wegen Verdachts auf Geldwäsche, immer wieder den Staatsanwälten zur Verfügung stehen, Torhüter Buffon steckt in einer Wettaffäre. Aber die Nationalmannschaft ist nun einmal der Italiener bevorzugtes Kind, 84 Prozent verfolgen ihre Auftritte mit patriotischer Leidenschaft, 72 Prozent lieben sie sogar mehr als ihren Herzensklub. Und der Hoffnungsträger heisst, wieder einmal, Alessandro Del Piero, der hamletische Juventus-Stürmer, der bisher an jedem Turnier unterging.“

FAZ: Ronaldo, im Schatten von Ronaldinho?

taz: Die französische Nationalmannschaft wirkt verunsichert. Ein Grund dafür: Drei der wichtigsten Spieler stehen beim Skandalclub Juventus Turin unter Vertrag und vor einer ungewissen Zukunft

Deutsche Elf

Deutschland ist ein Land, in dem man sich als Ausländer wohl fühlen kann

Gerald Asamoah im Interview mit Michael Ashelm (FAS) über Rassismus in Deutschland
FAZ: Sie sehen sich rassistischen Parolen ausgesetzt. Eine Neonazi-Organisation verbreitet Poster und Hemden mit Ihrem Foto und der Parole „Nein, Gerald, du bist nicht Deutschland“. Was unternehmen Sie dagegen?
Asamoah: Das hat mich sehr verletzt, aber ich bin zuerst nicht juristisch dagegen vorgegangen. Mit Unterstützung des DFB habe ich jetzt aber rechtliche Schritte eingeleitet und per einstweilige Verfügung generell die Veröffentlichung und Verbreitung dieses Plakats und des dazugehörigen Bildes untersagen lassen.
FAZ: Im neuen Verfassungsschutzbericht steht, daß rechte Straftaten um 27 Prozent zugenommen haben. Spüren Sie am eigenen Leib eine direkte Gefahr?
Asamoah: Ich habe natürlich gegenüber vielen anderen Farbigen oder Ausländern in Deutschland den großen Vorteil, daß ich eine prominente Person bin. Bei mir traut sich keiner so schnell, mich in der Öffentlichkeit anzupöbeln, auch wenn er es vielleicht wollte. Ich selbst fühle mich nicht in Gefahr, aber ich habe Freunde, die sich im Moment nicht besonders wohl fühlen und auf der Straße beleidigt werden.
FAZ: Wie offenbart sich der Fremdenhaß im Fußballstadion, nachdem in Deutschland viel dagegen unternommen wurde?
Asamoah: In der Bundesliga passiert eigentlich nichts. Da bleibt es bei ein paar wenigen Idioten auf der Tribüne. Die schlimmsten Zeiten sind wohl vorbei, als ich zum Beispiel in Cottbus noch mit Bananen beworfen wurde. In deutschen Stadien hat sich die Situation deutlich gebessert. Im Uefa-Pokal mit Schalke kam in Sofia aber wieder dieses Affengebrüll von der Tribüne, wenn ich am Ball war. Wie mit der Nationalmannschaft in der Slowakei. Daran werde ich mich nie gewöhnen. Das macht mich immer wieder traurig.
FAZ: Unterhalten Sie sich im Nationalteam über dieses Thema?
Asamoah: Natürlich wird mal darüber gesprochen. Aber jetzt in der WM-Vorbereitung möchte ich mich damit auch gar nicht belasten. (…)
FAZ: Ist die deutsche Gesellschaft aus Ihrer Sicht noch eine offene, fremdenfreundliche Gesellschaft?
Asamoah: Ja, schon. Natürlich hat Deutschland das Problem mit seiner speziellen Vorgeschichte, die immer wieder hoch kocht. Ich weiß auch, daß manche im Ausland sehr negativ über Deutschland denken und sagen, es sei ein Land der Rassisten. Es gibt auch Leute, die mich fragen, weshalb ich überhaupt für Deutschland Fußball spiele; für ein Land, das Schwarze nicht akzeptiert, sagen die dann. Aber ich fühle mich sehr heimisch in Deutschland. Deutschland ist ein Land, in dem man sich als Ausländer wohl fühlen kann. Ich lebe schon lange hier und habe mich nie richtig unwohl gefühlt.

Es wäre sehr wichtig für den deutschen Fußball, daß Klinsmann weitermacht

Gerhard Mayer-Vorfelder im Interview mit Michael Ashelm (FAZ) über Theo Zwanziger, Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer
FAZ: Sie haben den neuen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer als Übergangslösung für den Bundestrainerposten ins Spiel gebracht, falls Jürgen Klinsmann nach der WM aufhören sollte. Theo Zwanziger zeigte sich nicht einverstanden mit Ihnen. Welchen Grund hatte Ihre Aussage so kurz vor dem WM-Turnier?
Mayer-Vorfelder: Wir sind jetzt wieder in einer medialen Phase, in der einem die Worte im Munde gedreht werden. Ich habe das auf vielfache Nachfrage und in der Auseinandersetzung mit einer Aussage von Matthias Sammer getan, der sagte, es dürfe nicht mehr vorkommen, daß der DFB ohne Trainer dasteht. Das ist die Beschreibung der Quadratur des Kreises. Wenn ein Trainer wie vor zwei Jahren Rudi Völler nachts um halb zwölf zurücktritt, kann ich nicht zum Eisschrank gehen und einen tiefgekühlten Trainer herausholen. Ein überraschender Rücktritt und eine trainerlose Zeit kann immer wieder passieren – und wie ich es verstanden habe, soll der neue Sportdirektor doch genau dann einspringen.
FAZ: Sie gehen nicht davon aus, daß Jürgen Klinsmann weitermacht?
Mayer-Vorfelder: Es wäre wirklich sehr wichtig für den deutschen Fußball, daß er weitermacht. Ich habe in Genf die außergewöhnliche Professionalität gesehen, mit der er und sein Team arbeiten. Er hat die Bedeutung und Strahlkraft seiner Aufgabe erkannt und schätzengelernt. Ich habe ihm geraten, mit dieser jungen Mannschaft weiterzumachen bis 2008 oder 2010, um dann die Früchte seiner Saat zu ernten. Aber ich möchte nicht beschwören, daß er weitermacht. Ich schaue nicht in seine Gehirnwindungen.
FAZ: Jürgen Klinsmann kennen Sie recht gut. Wie sieht das mit Theo Zwanziger aus, wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Nachfolger?
Mayer-Vorfelder: Ich würde es als offenes Verhältnis beschreiben.
FAZ: Das kann nicht sein.
Mayer-Vorfelder: Nun, die Situation ist nicht ganz leicht für ihn – er muß sich als zukünftiger Präsident profilieren, dafür habe ich Verständnis. Ich bin sicher, daß er im September zum nächsten Präsidenten gewählt wird. Der Wechsel in Führungspositionen verursacht eben hier und da Spannungen, das ist doch nichts Neues. Wenn er mit mir über die Frage der Nachfolge in die Ämter bei Uefa oder Fifa geredet hätte, hätten wir sicher eine Lösung gefunden.

FAZ-Interview mit Jens Lehmann

FAZ-Portrait Philipp Lahm

FAZ-Portrait Bastian Schweinsteiger

taz: Werder Bremen und 1860 München wollen auf ihren Trikots für einen privaten Sportwettenanbieter werben. Das bayerische Innenministerium möchte das mit aller Macht verhindern

Dienstag, 30. Mai 2006

Deutsche Elf

Scherbenhaufen

Von wegen, Bayern München leiste viel für den deutschen Fußball – der Kulturtheoretiker und renommierte Fußball-Autor Klaus Theweleit (NZZ) wirft den Bayern vor, die deutsche Konkurrenz ohne Rücksicht auf das Gesamte kleinzuhalten: „Den Zustand des deutschen Fussballs erfasst man am besten mit Blick auf seine selbst ernannten Herzstücke, die Bild-Zeitung und den FC Bayern. Punkto Grössenwahn ist der Klub konkurrenzlos. An der Spitze Uli Hoeness, ein Kampagnen-Macher, der sich nicht die kleinste Einfluss-Chance entgehen lässt. Doch weder in der Torwartfrage noch sonst hat Klinsmann auf die Bayern und auf Bild gehört. Dies wird geahndet als Majestätsbeleidigung. Klinsmann ignoriert all das, so gut es geht, und bezieht dafür Prügel. Dabei sind der FC Bayern und seine Führung das grösste Hindernis für eine Entwicklung des deutschen Fussballs auf ein höheres spielerisches Niveau: indem Hoeness gezielt jede Konkurrenz kaputtkauft und die eingekaufte Spielintelligenz unter Durchschnitts-Trainern wie Felix Magath nicht selten auf der Bank verhungern lässt. (Eine Ausnahme war Ottmar Hitzfeld.) Hoeness‘ Verfahren ist ohne Frage effektiv. Bloss: Er schwächt damit systematisch die deutschen Vereine im europäischen Vergleich. Das Nationalteam interessiert die Bayern nur in dritter Linie, als Wertsteigerungs- und Propagandainstrument für die eigenen Spieler und des eigenen Einflusses auf das Fussballgeschehen im Land. Dieser Einfluss ist allerdings sehr geschwunden. Konnten die Deutschen ‚unter Matthäus‘ oder früher ‚unter Beckenbauer‘ als Münchner Ableger gelten, so wäre es heute nur noch Ballack (an der WM nicht mehr Bayern-Spieler), der diese Fahne hochhalten könnte. Neben Ballack wäre es Kahn gewesen. Genau deshalb propagierten die Bayern Kahn als die gottgewollte Nummer 1. Genau deshalb wollte Klinsmann Kahn eben nicht in dieser Position. Das war eine Entscheidung gegen die beanspruchte Bayern-Dominanz. Bleibt der überforderte Basti Schweinsteiger; den Magath zum halben Reservisten degradiert hat. Magaths Umgang mit Schweinsteiger kann man nur als offene Destruktionspolitik gegenüber Klinsmanns Präferenzen bezeichnen. Irgendeine Hilfe bei der Vorbereitung der WM hat Klinsmann aus der Ecke Bayern nicht erhalten. Ist es Neid? Ist es Bösartigkeit? Ist es provinzialistische Grossmanns-Beschränktheit? Ich weiss es nicht. Ich sehe nur die Scherbenhaufen, die sie systematisch in die Landschaft stellen.“

Offener Kampf

Roger Repplinger (Rund) beleuchtet den Machtwillen der Bild-Zeitung und schildert ihre Versuche, die Nationalmannschaft und die Besetzung des Trainerpostens zu beeinflussen: „Für Bild ist der Bundestrainer so wichtig wie der Bundeskanzler. Mit beiden ist Auflage zu machen. (…) Unter den Spielern der aktuellen Nationalmannschaft hat Bild keinen Informanten. Angeblich hat Oliver Kahn für die Zeit nach der WM einen Exklusivvertrag mit der Zeitung. Umso blindwütiger greift Bild Klinsmann an. Dies geschieht vor allem durch WM-OK-Chef Beckenbauer, der, so hört man, eine Million Euro pro Jahr für seine Tätigkeit bei Bild bekommen soll und den uns das ZDF trotzdem als unabhängigen Experten verkauft. Über den Bild-Kolumnisten Günter Netzer, den die ARD als unabhängigen Experten verkauft. Über einige Trainer aus der Bundesliga, die Bild brauchen, um ihren Job zu sichern. Und über DFB-Funktionäre der zweiten, Politiker der dritten Reihe und enttäuschte Spieler wie Christian Wörns. Klinsmann steht für alles, was Bild ablehnt: neue Formen der Trainingsarbeit, Wissenschaft, neue Taktik, Risiko, neue Führungscrew, internationaler Trainerstab – Bild ist national. Klinsmann bedeutet einen Verlust von Macht und Einfluss. Deshalb muss Klinsmann weg. Sonst saust die sinkende Auflage weiter in den Keller. Bild hat den Nachfolger schon positioniert: Matthias Sammer. Dessen Medienberater heißt Ulrich Kühne-Hellmessen und war Chefreporter bei Bild. Sammer wurde, unter Einsatz aller Blätter des Springer-Verlags und der üblichen Trittbrettfahrer, als neuer DFB-Sportdirektor gegen Klinsmanns Kandidaten, Hockey-Nationaltrainer Bernhard Peters, durchgeboxt. Ein Erfolg. Der Ausgang des Kampfes zwischen Klinsmann und Bild ist offen. Es ist wie im Fußball. Nicht immer gewinnt der Bessere.“

Zur Bild-Kampagne gegen Jürgen Klinsmann siehe auch hier.

Wärme ist hier Konzept

Klaus Brinkbäumer (Spiegel) beäugt die rationale Arbeitsweise Jürgen Klinsmanns: „Das Projekt des Trainers Klinsmann machen zwei Dinge aus, die sich widersprechen müssten. Er will die Geschlossenheit der Gemeinschaft. Das macht aus Klinsmann den liebenden Vater, der immer an alle und ans Ganze denkt, einerseits. Aber er schneidet scharf. Aussortiert wurde Kevin Kuranyi, der eineinhalb Jahre lang dabei gewesen war und dann die Form verlor, denn das Primat der Höchstleistung ist absolut. Das macht Klinsmann zum amerikanischen Manager, der ganz gut in die Welt des Spitzensports passt. Er ist ein freier Trainer, aber seinen Teamspirit sollte kein Spieler mit Freundschaft verwechseln. Wärme ist hier Konzept, da Wärme Erfolg verspricht; sie muss nicht dauerhaft sein und nicht einmal echt. 11 Freunde? 23 Hochleister, die begriffen haben, dass sie ihre persönlichen Ziele nur erreichen, wenn sie einen Bund bilden, ohne Kompromisse, inklusive Leidenschaft, auf Zeit. (…) Fußballmannschaften können für eine gewisse Zeit genau so funktionieren – wie Südkorea 2002 oder Griechenland 2004. Oder wie eine Gruppe von Wirtschaftsmenschen, die sich zum Seminar im Wald treffen, am Feuer Gitarre spielen, einen ganz und gar neuen Blick auf ihr Leben kriegen, und am Ende versprechen sich alle, dass sie in Kontakt bleiben werden, weil sie sich so erneuert fühlen. Möglich, dass auch die Spieler des Projekts 2006 nach dem Sommer nie wieder miteinander telefonieren, aber vorher wie in Trance antreten und während der vier WM-Wochen groß und immer stärker werden. Möglich auch, dass sie nach zwölf Tagen raus sind.“

Korrektiv für die junge Abwehr

Stefan Hermanns (Tsp) befaßt sich mit der Rolle Jens Nowotnys: „Als er 26 war, galt er als bester Verteidiger der Bundesliga, und niemand zweifelte daran, dass nur Nowotny bei der Europameisterschaft 2000 der Abwehrchef der Nationalmannschaft sein könne. Niemand außer – dummerweise – Teamchef Erich Ribbeck, der lieber den fast 40 Jahre alten Lothar Matthäus als Libero spielen sehen wollte. Es könnte die bittere Ironie von Nowotnys Karriere sein, dass er 2000 zu modern war für die Vergangenheit, und jetzt, 2006, als zu altmodisch gilt für die Zukunft. (…) Öffentliche Vorbehalte haben Nowotny durch seine Karriere begleitet. Bis heute. Dass Jürgen Klinsmann ihn nominiert hat, wird ihm als Verrat an seinen eigenen Prinzipien ausgelegt. Nowotny scheint nicht zu passen in das jungdynamische Projekt des Bundestrainers. Er gilt als Hemmnis für das offensive Spiel, als Sicherheitsfanatiker und letzter Vertreter der Lieber-erstmal-quer-Philosophie. Da hilft es auch nichts, wenn Nowotny auf die erfolgreichste Zeit seiner Karriere, bei Bayer Leverkusen unter Christoph Daum, verweist: ‚Wir haben damals auch sehr risikoreich gespielt, viele Spiele 3:2 oder 4:3 gewonnen.‘ Doch wie es aussieht, wird Nowotny auch von Klinsmann eher als Korrektiv für die junge Abwehr gesehen.“

„Testosteron hat ausgedient“ – ein Kommentar in der Wochenzeitung Freitag über die Entlassung Rudi Assauers

Montag, 29. Mai 2006

Internationaler Fußball

Schnelljustiz

Italien und der Moggi-Skandal – Dirk Schümer (FAZ/Feuilleton) kritisiert die Veröffentlichung der Abhörprotokolle: „Ist Italien ein Rechtsstaat? Nach der Abwahl Berlusconis, der nonchalant Gesetze gegen die Strafverfolgung seiner Person oder zugunsten privater Konzerninteressen als Medienmogul durchs Parlament brachte, kommt die Antwort auf diese Frage postwendend: Italien ist kein Rechtsstaat. Oder jedenfalls ein System mit laxeren Regeln. Wie anders wäre zu erklären, daß Tausende von Abhörprotokollen mächtiger Fußballfunktionäre in den Medien veröffentlicht werden, als wären diese illegal weitergegebenen Ermittlungsakten amtliche Bekanntmachungen? Das Abtreten des Managers von Juventus Turin, der Rücktritt der mächtigen Verbandsspitze, die Durchsuchung von Vereinsbüros, darunter auch Berlusconis AC Mailand: Der moralische Schock im ganzen Land wurde demnach ausgelöst durch unautorisierte Protokolle höchst privater Gespräche. Es geht dabei um Essenseinladungen, persönliche Geschäfte, hochnotpeinlichen Klatsch und Tratsch und oft nur am Rande um verschobene Spiele und willfährige Schiedsrichter. Das Austreibungsritual hat etwas Römisch-Archaisches: Die einst unangreifbar Mächtigen wie Moggi und Berlusconis Fußballmanager Galliani haben nun nicht einmal mehr das Recht auf Privatsphäre und Verteidigung, sondern werden durch dieselben Medien verhöhnt, die ihnen zuvor jedes Wort von den Lippen lasen. (…) Es scheint, als werde die Unfähigkeit des italienischen Justizsystems mit jahrelang sich hinziehenden Prozessen, Verjährungen und einem undurchschaubaren Instanzenweg kompensiert durch die mediale Schnelljustiz.“

Ball und Buchstabe

Überstrapaziert

Holger Gertz (SZ/Seite 3) ist erleichtert, daß die WM nicht im Zeichen des Wahlkampfs steht und sich Angela Merkel im Vergleich mit Gerhard Schröder mit Anbiederungen an den Fußball zurückhält: „Fünf Millionen Arbeitslose sind ein Fakt, aber Fußball ist ein Symbol. Ein Symbol kann von Fakten ablenken. Fakten sind oft eine Enttäuschung, Symbole sind oft ein Versprechen. Der Fußball, den jeder spielen kann, der jedem auf der Welt gehört, mit dem jeder etwas verknüpft, der auch dem ärmsten Kind eine Chance zu bieten scheint, der eine Sprache anbietet, in der sich alle verständigen können, der Spannung ins Leben trägt und echte Solidarität abverlangt, ist ein enorm starkes Symbol. Ein Medienkanzler wie Schröder wusste, was es bringen kann, wenn man zum richtigen Zeitpunkt auf überflutetem Gelände steht, in Gummistiefeln und Regenzeug. Selbst Gummistiefel können Symbolkraft entfalten. Wer als Politiker eher mit Symbolen arbeitet, als sich an Realitäten zu orientieren, wird den Fußball wirken lassen, wo er nur kann. Wird, wie Schröder, den Fußballer Pelé herzen, wo er ihn zu fassen kriegt. Wird in Cottbus den Schal von Energie Cottbus tragen und in Dortmund den vom BVB und in Hannover den von 96. Wird sich ‚Fußballkanzler‘ nennen lassen und darauf vertrauen, dass die Wähler – und die Medien – seine Nähe zum Fußball als echt verstehen und nicht als kalkuliert. (…) Jetzt sind es noch zwei Wochen bis zur WM. Und wenn nicht Schröder beschlossen hätte, die Wahl vorzuziehen, wäre jetzt Wahlkampf. Dann wäre Schröder längst ins Trainingslager gereist, dann würden Demoskopen fragen, wie die WM die Wahl beeinflusst. Dann würden die Spieler Asamoah und Odonkor instrumentalisiert: als von den Politikern oder von den Medien oder von beiden verwertbares Symbol dafür, dass Fußball weiter ist als eine Gesellschaft, in der Ausländer zu Tode geprügelt werden. Aber weil der Fußballkanzler ausgewechselt wurde und der bayerische Fußballministerpräsident sich mehr oder weniger selbst aus dem Spiel genommen hat, hat auch der Fußball als Symbol in der politischen Diskussion an Bedeutung verloren. Sogar in der Politikersprache. Wer – außer Stoiber – spricht noch davon, Deutschland müsse endlich die Abstiegsplätze in Europa verlassen? (…) Angela Merkel hat zu ihrer China-Reise in der vergangenen Woche keinen Fußballer mitgenommen. Sie hatte Wirtschaftsleute zum Türöffnen dabei. Vielleicht haben Politiker den Fußball überstrapaziert, vielleicht haben sie seine Wirkung überschätzt. Vielleicht haben sie sich lächerlich gemacht mit ihren verzweifelten Versuchen an der Torwand. Angela Merkels Popularität ist jedenfalls immer noch beachtlich. Obwohl sie mit Fußball nicht viel anfangen kann.“

Man kann alles Notwendige während des Spiels sagen

Manfred Breuckmann im Interview mit der Berliner Zeitung
BLZ: Führen Sie für’s Radio Interviews mit Fußballern?
Breuckmann: Nein, Gott sei Dank nicht. Ich halte von Fußballer-Interviews überhaupt nichts. Die Jungs sollen Fußball spielen und keine Interviews geben. Die meisten davon sind nichtssagend bis unsäglich und vom Informationsgehalt auch sehr dürftig.
BLZ: Im Fernsehen gehören sie aber zu jeder Fußball-Übertragung.
Breuckmann: Ich persönlich könnte darauf gut verzichten. Es gab mal eine Zeit, da fingen Fußballspiele noch mit der Eurovisionshymne an. Anschließend erschien auf dem Bildschirm der Mittelkreis des Fußballfeldes, da standen zwei Spieler und machten den Anstoß. Wenn das heute noch genauso wäre, hätte ich überhaupt nichts dagegen. Das Vorprogramm gibt es doch nur, damit die Werbespots besser platziert werden können, und nicht, weil ein umfassender Informationsanspruch herrscht. Man kann alles Notwendige während des Spiels sagen.
BLZ: In Ihrer Vita finden sich Ausflüge ins Fernsehen, am Ende sind Sie beim Radio geblieben. Warum?
Breuckmann: Es gibt zwei Möglichkeiten: einmal die Arbeit für eine Sendung wie die Sportschau, wo man eine Konserve herstellt, die später gesendet wird. Da fühle ich mich als Live-Kommentator im Hörfunk wesentlich besser aufgehoben. Dann gibt es die Magazinmoderation. Aber dabei stört mich diese inszenierte Körperlichkeit: Bim ersten Satz guckst du in die Kamera 1, dann drehst du dich nach rechts und guckst in die 2, und bei deinem letzten Satz gehst du einen Schritt zurück. Das ist für mich eine Art Fesselung, da kann ich weder meine sprachlichen Qualitäten noch Lockerheit entfalten. Fernsehen ist eben nicht die Steigerung von Radio, sondern eine ganz andere Art Berichterstattung, die man sich mühsam beibringen muss.
BLZ: Wie würden Sie den Zustand des deutschen Fußballs beschreiben?
Breuckmann: Mittelmaß. Ein Mittelmaß, das vielleicht durch eine gewisse Euphorie bei dieser WM noch gesteigert werden kann. Ansonsten können die Deutschen aber mit Nationen wie Brasilien, Argentinien, Italien, England oder Holland nicht mithalten. Das ist Fakt. Darüber wird ja nur deswegen noch diskutiert, weil alle so enthusiastisch und manchmal auch so hysterisch fordern, dass Deutschland Weltmeister werden muss bei der WM im eigenen Land. Es wäre schön, wenn wir es würden, aber wenn es leistungsmäßig nicht langt, wovon ich ausgehe, dann ist das doch keine nationale Katastrophe. Dann wird doch Deutschland nicht von der Weltkarte getilgt.

Tsp-Interview mit dem ZDF-Experten Jürgen Klopp

Welt: Wie der holländische Startrainer Leo Beenhakker Trinidad und Tobago konkurrenzfähig macht

BLZ: Ritterschlag für einen Gitarristen – 1994 richtet das Fußball-Entwicklungsland USA das Championat aus und will den Soccer endgültig etablieren

BLZ: Fußball in Zeiten der Kohl-Ära – bei der WM 1990 erfährt Deutschland kaum Gegenwehr

BLZ: 1986 in Mexiko treibt die Wut Diego Maradona zum Spiel seines Lebens an

BLZ: Italienische Klopper und deutsche Zyniker – bei der WM 1982 in Spanien herrschte Sittenverfall

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