indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 29. August 2005

Ball und Buchstabe

Parallelität

Axel Kintzinger (FTD 29.8.) stört sich an Analogien zwischen Politik und Fußball: „Mitunter kann ja der Eindruck entstehen, mit der Parallelität von Fußball und Politik werde es in letzter Zeit übertrieben. Etwa, wenn Otto Schily öffentlich seine fußballerische Vergangenheit ausbreitet. Torwart sei er also gewesen – und wir dachten immer nur an Cello, Flick-Ausschuss und Terrorabwehr. Und der Fußball selbst? Mischt sich, in der Person von Uli Hoeneß, talkrundend in die Politik ein. Wenn der Bayern-Manager mit seinem brüderlichen Berliner Konterpart nach dem Spiel über die Vereinsgrenzen hinweg analysiert – kommt einem da nicht Hans-Jochen Vogel in den Sinn und dessen Bruder Bernhard? Selbst das Geschehen auf dem Rasen erinnert aktuell an die Politik, nehmen wir nur das Problem in der deutschen Innenverteidigung: Christian Wörns packt es einfach nicht, aber soll es etwa Robert Huth richten? Gott bewahre. Das ist ja wie die Wahl zwischen, richtig: Schröder und Merkel.“

Trend verschlafen

Deutsche Abwehr, Fußball-Entwicklungsland – ein Hilferuf von Markus Lotter (WamS 28.8.): „1985 bekam Uli Stielike unerwarteten Besuch. Vor der Eingangstür seines Hauses im Madrider Nobelviertel La Moreleja stand Carlos Bilardo. Der damalige Trainer der argentinischen Nationalmannschaft bat um Einlaß – und um eine Lektion. Der Deutsche in Diensten von Real Madrid sollte doch bitte erläutern, wie man erfolgreich eine Defensive organisiert, ohne als freier Mann 20 Meter hinter der eigenen Abwehr zu agieren. Leider ist Stielike ein gutmütiger Mensch, und so besiegten die Argentinier Deutschland im Jahr darauf im Endspiel der WM mit 3:2. Auf die Idee, bei Problemen mit der eigenen Abwehr einen Deutschen zu konsultieren, würde 20 Jahre später wohl niemand mehr kommen. Schonungslos führten die Niederländer der Auswahl des DFB mit ihrem Drei-Mann-Sturm vor, daß ausgerechnet das Mutterland der knochenharten Manndecker erhebliche Probleme hat, die gegnerische Offensive in den Griff zu bekommen. Der Mangel an souveränen Defensivakteuren mit internationaler Klasse ist frappierend, überraschen kann er allerdings niemanden. Die Verknappung ist logische Konsequenz und Quittung dafür, daß hierzulande eine spieltaktische Entwicklung verpaßt wurde. Der Libero und der wadenbeißende Vorstopper sind Geschichte, der moderne Abwehrmensch beherrscht die Viererkette. Deutschland hat den Trend verschlafen und spielt, was die Defensive anbelangt, im Vergleich mit den aktuellen Fußball-Hochkulturen im Neandertal.“

Überheblich

Philipp Selldorf (SZ 29.8) sieht und hört Wolf-Dieter Poschmann im aktuellen Sportstudio und ballt die Fäuste: „Er bestätigte in allen Formen der TV-Kommunikation – Monolog, Dialog und Debatte – die Vorbehalte gegen seine journalistische Eignungen. Mit fast jeder Kommentierung der Spielberichte aus der Bundesliga lag Poschmann daneben, er verdrehte Tatsachen und Trends ins Gegenteil und offenbarte ein arrogantes Desinteresse an den Zusammenhängen. Dazu kommt, dass sich Poschmann anmaßt, ein souveräner Aphoristiker des Ballgeschehens zu sein und als humoriger Plauderer glänzen zu wollen. Zum Opfer dieser überheblichen Attitüde geriet Roy Makaay, der sich als Poschmanns Studiogast unmotivierte und ausgesprochen unverschämte Wohnwagen- und Autobahnwitze gefallen lassen musste. Ernsthaft problematisch wurde es dann, als Poschmann ans Werk ging, ‚ein wenig Licht’ in die Doping-Affäre Lance Armstrong zu bringen.“

Unterhaus

Vergangenheit

An Frank Pagelsdorf scheiden sich die Geister; Ronny Blaschke (BLZ 29.8.) steht in der Reihe der Zweifler: „Auch dieses Mal scheint der FC Hansa gefangen zu sein zwischen Nostalgie und Naivität. Pagelsdorfs Comeback ist die einfachste Lösung, um den aufgebrachten Anhang zu besänftigen und den Vorstand aus dem ungeliebten Rampenlicht zu befreien. Der junge Aufbauhelfer Pagelsdorf, der in den Neunzigern Namenlose wie Barbarez, Beinlich oder Pieckenhagen zum großen Sprung verholfen hatte, ist inzwischen gescheitert. Den HSV hat er zwar in die Champions League geführt, doch kurz danach waren sie in Hamburg froh, ihn wieder los zu sein. Der VfL Osnabrück versank in seiner Amtszeit mutlos in Liga drei, und das Engagement in Dubai ist nicht von Bedeutung. Pagelsdorf ist mittlerweile 47, er hat den Vertrag in Rostock nicht wegen seiner Referenzen erhalten, sondern wegen seiner Vergangenheit.“

Bundesliga

Festhalten an Bewährtem, Mißtrauen gegenüber Neuem

Die Stuttgarter Personalie Zvonimir Soldo nach dem 1:1 in Bremen – Gerd Schneider (FAZ 29.8.) liest den vorlauten Kritikern an Giovanni Trapattoni die Leviten: „Jeder weiß, daß Trapattoni in Stuttgart viel verändern muß. Also fing er damit an, daß er einen Siebenunddreißigjährigen auf die Bank setzte und junge Kräfte aufbot. Der weise Fußball-Lehrer wird damit gerechnet haben, daß der Umbau nicht ohne Knirschen vor sich geht – aber gewiß nicht damit, daß ihn viele Medien deshalb gleich zum Dr. Seltsam erklären und an seinem Fußball-Verstand zweifeln. Die Kritiker werden sich nun nach der Leistungssteigerung des VfB bestätigt fühlen. Aber es spricht nicht für die Stärke einer Mannschaft, deren Wohl und Wehe von einem einzigen Spieler abhängt, der auf die Vierzig zugeht. Hinter der öffentlichen Entrüstung im Fall Soldo wird eine Geisteshaltung sichtbar, welche den Bundesliga-Fußball viel zu lange geprägt und gelähmt hat: das Festhalten an Bewährtem, Mißtrauen gegenüber Neuem, Risikovermeidung, Ergebnisfußball statt Erlebnisfußball.“

Zu ewigen Anwärtern degradiert

0:3, die Berliner lassen sich von den Bayern die Nägel schneiden; Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 29.8.) beobachtet es mit Resignation: „So geht das nun seit Jahren mit der Hertha: Vor jedem Saisonbeginn will der Verein ‚in drei, vier Jahren’ ein ernster Titelkandidat sein. Dann gibt es beim Champion eine deutliche Niederlage, und man verschiebt das Meisterschaftsvorhaben lieber um ein paar Jahre. Das ist das wirklich Bewundernswerte am FC Bayern, dass er die hartnäckigsten Plagegeister Jahr für Jahr, Dekade für Dekade zu ewigen Anwärtern degradiert.“

Gewittrige Stimmung

Roland Zorn (FAZ 29.8.) schaut in die Gesichter der Verlierer aus Nürnberg: „Geladen präsentierten sich die Oberfranken des FCN [if: So ist das mit den Synonymen: Oft wissen wir Leser nicht, wer gemeint ist, und manchmal sind sie schlicht falsch. Nürnberg liegt, laut eines empörten Zwischenrufs aus dem freistoss-Team, in Mittelfranken.] nach ihrem Frankfurter Flop in einer Mischung aus Wut, Trotz und mühsam zur Schau gestellter Gelassenheit. Ob Vereinspräsident Michael A. Roth, Trainer Wolfgang Wolf oder Kapitän Mario Cantaluppi – alle, die beim 1. FC Nürnberg sportlich und wirtschaftlich in der Pflicht und Verantwortung stehen, verbreiteten zwei Wochen vor der schwersten Saisonprüfung gegen Meister Bayern München eine gewittrige Stimmung, die kommende Donnerschläge ankündigte.“

Samstag, 27. August 2005

Internationaler Fußball

Neue Ära?

Robinho und Co – wird die Primera Division brasilianischer, Ralf Itzel (taz 27.8.)? „Von Brasilien lernen heißt im Fußball siegen lernen, weswegen die 75. Auflage der Liga mit Samba-Rhythmus unterlegt wird. Kann das neue Real Madrid die Musik machen? Und wird Spaniens Klubfußball im europäischen Konzert wieder die erste Geige spielen, nachdem die englischen und italienischen Konkurrenten jüngst die besseren Auftritte hatten? Diese Fragen gilt es zu beantworten. Vom FC Barcelona ist viel zu erwarten, auch in der Champions League. Trainer Frank Rijkaard musste kaum etwas ändern, der Kader wurde zusammengehalten und durch Mittelfeldspieler van Bommel aus Eindhoven, Linksläufer Ezquerro aus Bilbao und zurückgekehrte Langzeitverletzte wie Edmilson (ein Brasilianer!) noch verstärkt. Gut möglich, dass Barca nach schweren Jahren vergangene Saison eine neue Ära eingeleitet hat. Andere haben die entgegengesetzte Entwicklung genommen. Der FC Valencia und Deportivo la Coruña, einst feste Größen in Spanien und Europa, tun nach acht respektive sechs Jahren erstmals nicht im Europacup mit.“

Spiegel von Politik und Volksseele

Skandale, Gerichtsurteile, soziale Schieflage, Fan-Gewalt – Italiens Fußball hatte in der Sommerpause schlechte Schlagzeilen; doch nun wird wieder gespielt, und Peter Hartmann (NZZ 27.8.) erklärt die Bedeutung des Fußballs: „Die immer gleiche Frage: Milan oder Juventus?, und die ständige Zusatzfrage (oder endlich Inter?) bewegen den Stiefel, und doch elektrisiert jeder Meisterschaftsstart Italien aufs Neue. Fussball ist die Klammer, die das Land zusammenhält. Oder: das Interesse am Calcio, die Leidenschaft, die Parteinahme. Silvio Berlusconi, der Stammeshäuptling, hat daraus eine Ideologie gemacht. Der italienische Fussball zerfällt zwar in Dutzende von Kirchturm-Territorien, wie die Nation vor ihrer Einigung vor kaum 150 Jahren, aber er ist immer flächendeckende Wirklichkeit. Niemals Nebensache, immer erregende Gegenwart. Ein Spiegel von Politik und Volksseele. Ein Schaufenster von 60 mal 90 Meter [of: Die Italiener haben aber kleine Spielfelder…] für ein Spiel, das niemand mehr für ein Spiel hält, denn niemand hält sich an die Spielregeln, wie der lange Skandalsommer wieder bewiesen hat. Ausser die Spieler, mit aller angepassten Verschlagenheit, und es ist fast eine Ironie, dass ausgerechnet der aufrechte Gerechte in diesem Theater, Pierluigi Collina, auf die Spielwiesen der Serie B verbannt wird, weil auch er das Gesetz des Geldverdienens verinnerlicht hat und für den gleichen Sponsor Modell steht, der Milan unterstützt.“

Staatsangelegenheit

Paul Kreiner (Tsp 27.8.) schreibt von Silvio Berlusconis neuestem Trick: „Das Fernsehgeld hat den italienischen Fußball längst gespalten. Die Klubs der Serie A haben die Zweitligisten aus dem gemeinsamen Verband hinausgedrängt, weil sie nicht länger teilen mochten. Auch die Vergabe der Rechte soll nicht ganz sauber abgelaufen sein. Erstmals wird Silvio Berlusconis Konzern Mediaset die Spiele übertragen, und das staatliche Fernsehen Rai behauptet, das Milliardengeschäft habe Adriano Galliani schon zuvor ausgehandelt. Der Chef der Ersten Liga ist gleichzeitig Berlusconis Statthalter beim hauseigenen Verein AC Mailand und Mediaset eng verbunden. Um ganz sicher zu gehen, dass sein Programm auch geschaut wird, hat sich Silvio Berlusconi etwas Besonderes einfallen lassen: Jeder Italiener, der sich einen Mediaset-kompatiblen Decoder angeschafft hatte, erhielt 150 Euro aus Steuergeldern. Fußball ist in Italien eben immer noch Staatsangelegenheit.“

NZZ: Vor dem Start der Primera Division

BLZ: Polens Fußball hat ein Korruptionsproblem

SpOn: Seit Monaten gibt es Zoff bei Red Bull Salzburg; vorrangig geht es um die Trikotfarbe, aber auch um den Einfluss des neuen Vereinsbesitzers

Bundesliga

Nach allen Moden gesprungen

Herthaner Republik – Christof Kneer (SZ 27.8.) befasst sich mit der Wiederwahl Dieter Hoeneß’: „Dieter Hoeneß ist immer ein Mittelstürmer gewesen, er hat die Nummer 9 hinübergerettet ins Managerleben. Er ist mit Durchsetzungsvermögen begabt, aber irgendwann, sagen sie in Berlin, habe der Regierende Mittelstürmer vergessen, dass man zum Toreschießen auch Mitspieler braucht. In Herthas Gremien grummeln sie heimlich über Alleingänge und das bisweilen wankelmütige Regierungsprogramm. Ende der Neunziger wollte Hertha ein bisschen wie die Deutsche Einheit aussehen, weshalb verstärkt Profis aus dem Osten des Landes (Wosz, Rehmer, Tretschok, Herzog) angeworben wurden. Dann wollte Hertha plötzlich wie Brasilien aussehen, und als sich herausstellte, dass Brasilien auch aussehen kann wie der schwer erziehbare Alves, wurde umgehend der nächste Strategiewechsel angeordnet. Nun wollte Hertha wie ein Charakterkopf aussehen, und so kamen Fredi Bobic und Niko Kovac in die Stadt, die als Typen und erst in zweiter Linie als Fußballer besetzt wurden. Hertha ist nach allen Moden gesprungen, die sie finden konnte, und so ist aus dem Team über die Jahre ein buntes Durcheinander-Dings geworden, das bis heute zu sehr von den Stimmungen des schrillen Marcelinho abhängt, der hinter Kanzler Hoeneß zum zweitwichtigsten Herthaner aufgestiegen ist.“

Begeisterung und Sorgen

Gregor Derichs (FAZ 27.8.) schildert Kölner Stimmung nach der Berufung Lukas Sinkiewicz’ in die Nationalelf: „Das eventuell bevorstehende Debüt des anderen Kölner Lukas in der deutschen Nationalelf hat die Kölner Begeisterung um den FC trotz der Pokalniederlage in Offenbach weiter beflügelt. (…) Er wolle ‚ein normaler Junge’ bleiben, hob der von den Kölner Medien als Lukas II. bezeichnete Junioren-Nationalspieler hervor. Lukas I. macht den Kölnern hingegen einige Sorgen. In der vorigen Woche traf sich Lukas Podolski mit der brasilianischen Fußball-Ikone Pele, der wegen des Weltjugendtages nach Köln gekommen war. Eine Audienz für Podolski bei Benedikt XVI. ließ sich aber trotz intensiver Bemühungen nicht realisieren. Poldi und der Papst – speziell die Boulevardzeitungen und Fernsehsender hatten nach diesem Fotomotiv gegiert. Beim Abschiedsspiel für Thomas Häßler, trat Podolski neben Stefan Wessels als einziger Spieler aus dem Kölner Bundesligakader an, zusammen mit Altstars wie Toni Polster und Harald Schumacher. Der 20 Jahre alte Stürmer ist überall präsent, und sei es bis Mitternacht wie beim Häßler-Fest in einem Kölner Hotel. Am Geißbockheim wundern sich dann die ständigen Trainingsbeobachter, daß ihr Liebling das Tor kaum noch trifft.“

Welt: Die Reformen von Giovanni Trapattoni bringen das Mannschaftsgefüge des VfB Stuttgart durcheinander
FAZ: Denkmalstreit statt Denkmalpflege – Trapattoni verzichtet wohl weiter auf Zvonimir Soldo

BLZ: Ali Karimi widerlegt beim FC Bayern alle Vorurteile

Freitag, 26. August 2005

Internationaler Fußball

Zeichen der Zeit

In Italien, und das ist eine Nachricht, beginnt die Saison planmäßig; Dirk Schümer (FAZ 26.8.) blickt in die Kassen der Vereine: „Pünktlich zum Start der Serie A hat Italiens Wirtschaftszeitung Il sole 24 ore dem professionellen Fußball erst die Bilanzen, dann die Leviten gelesen. Mit eineinhalb Milliarden Euro Schulden und einem Jahresverlust von 400 Millionen stehe der Calcio wie so oft vor dem Bankrott. Wem sein Geld lieb sei, der solle besser die Finger vom Fußball lassen. Aber das tun die Italiener natürlich nicht, allen voran eitle Präsidenten wie Berlusconi (AC Mailand) und Moratti (Inter Mailand), die mit ihrer Sucht nach Stars und Glamour den fatalen Zyklus der Verschwendung immer weiter angeheizt haben. Immerhin haben die Spieler vom Wahn des Fernsehfußballs profitiert; von den knapp 600 kickenden Angestellten der Serie A verdienen 139 mehr als eine Million Euro im Jahr. (…) Viele Tifosi sind erst einmal froh, daß der Spielbetrieb überhaupt pünktlich angepfiffen wird. Manche reiben sich die Augen, weil sie ganz unerwartete Neulinge in der höchsten Spielklasse begrüßen können. Die Underdogs aus Treviso oder Ascoli konnten sich zwar sportlich nicht qualifizieren, hatten aber wundersamerweise die Bilanzen in Ordnung. Das reicht. Immerhin haben auch die meisten anderen Klubs der Serie A die Zeichen der Zeit erkannt und schränkten die Neuverpflichtungen stark ein. Bei den drei Großvereinen aus Mailand und Turin sieht das wie immer ganz anders aus.“

Welt: Sicherheit und Seriosität lauten die wichtigsten Saisonziele der morgen beginnenden Serie A, die sportlich längst eine Mehrklassengesellschaft ist

FR: Werder Bremen berauscht sich weniger am mühsamen 3:0 gegen Basel als am Einzug in die Champions League

Welt: Horst Köppel plant ohne Giovane Elber

Donnerstag, 25. August 2005

Allgemein

Selbstreflexion ist keine seiner Elementarstärken

Christoph Ruf & Rainer Schäfer (Rund & Spiegel Online) stören sich an der Opferhaltung Klaus Toppmöllers: „Toppmöller fühlt sich ungerecht bewertet seit seinem Scheitern beim HSV. Nicht zu Unrecht, wenn man glauben darf, welche hochkarätigen und wechselwilligen Spieler nicht nach Hamburg kamen, weil das Präsidium sie für zu schwach hielt. Seit Toppmöller im vergangenen Herbst beim HSV entlassen wurde, ist er arbeitslos. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal wurde der Mythos des Toptrainers entzaubert. Vielleicht wurde sogar sein Ruf nachhaltig beschädigt. Aber hat er nicht an seiner eigenen Demontage mitgearbeitet, sich sturköpfig mit allen angelegt, dem Vorstand, den mächtigen Hamburger Medien und Spielern wie Björn Schlicke, den er einmal für Nachlässigkeiten im Spiel dazu verdonnerte, eine Woche die Schuhe des Kollegen Sergej Barbarez zu putzen? Hat er nicht die Anhänger verprellt, mit einem zaudernden Fußball, der nichts mehr atmete von den ästhetischen, taktisch perfekt organisierten Leverkusener Darbietungen? Und dann kommt Nachfolger Doll und lässt mit beinahe demselben Team den Fußball spielen, den Toppmöller versprochen hatte. Jetzt, so sollte man meinen, wäre der Zeitpunkt, an dem man als Trainer seine Arbeit und seine Methoden reflektiert, um mit den verarbeiteten Erfahrungen und analysierten Fehlern wieder gestärkt zurückzukommen. Doch Toppmöller hegt und pflegt eine andere Perspektive. Im Zweifelsfall sind es die anderen (…) Selbstreflexion ist keine seiner Elementarstärken.“

Rechtschaffene Defensivarbeit

Jan Christian Müller (FR 25.8.) kommentiert die Vertragsverlängerung Dieter Hoeneß’: „Die Verdienste von Hoeneß, der ein umgänglicher Gesprächpartner sein kann, den Angestellte der Geschäftsstelle, Spieler und vor allem Schiedsrichter aber auch als tobenden Wüterich kennen, sind unumstritten. Unter seiner energischen Führung entstand ein Trainingszentrum am Olympiastadion, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Die Nachwuchsförderung zählt zu den anerkannt besten der Republik. Nur die Ausstrahlung der Profimannschaft samt ihres Trainers Falko Götz bleibt trotz rechtschaffener Defensivarbeit seltsam blass.“

FTD: Anwalt Götz von Fromberg, ein Freund Gerhard Schröders, übernimmt Amt und Probleme des Patriarchen Martin Kind in Hannover

Allgemein

Stil

Ronald Reng (FR 25.8.) beurteilt den Einzug des HSV in den Uefa-Cup: „In der Sehnsucht, 22 Jahre nach dem Gewinn des Europacups der Landesmeister endlich wieder Erfolge zu erleben, verschwimmen leicht die Proportionen. Es war nur der UI-Cup, ein Wettbewerb, der Sommerferien im Hinterhof gleichkommt, und der FC Valencia, vor 15 Monaten noch spanischer Meister und Uefa-Cup-Sieger, ist allenfalls noch eine Spitzenelf mit Fußnote. In der steht: ein Team mit zu vielen Spielern wie Patrick Kluivert und Pablo Aimar, die schon ewig nicht und vermutlich nie mehr die Klasse zeigen, die man mit ihrem Namen verbindet. Doch nur ein Kleingeist wird über die Hamburger Begeisterung lächeln. Selbst mit rationalem Blick lässt sich nicht übersehen, dass sich in Valencia eine Elf angekündigt hat, die mehr von solchen Nächten liefern wird. Denn hinter dem Erfolg ist ein System zu erkennen. Der HSV hat unter Trainer Doll einen Stil entwickelt, und neue Spieler werden nicht mehr wild verpflichtet, weil sie gut sind, sondern gezielt, weil sie in diesen Stil passen.“

FR: Thomas Doll, ein Glücksfall für den HSV

NZZ: Thun und die Champions League: Freude, Wasser, Personalsuche, täglich 150 Anrufe

Mittwoch, 24. August 2005

Champions League

Leichtigkeit und Professionalität

Frank Heike (FAZ 24.8.) würdigt Werder Bremens Stürmer: „Neben Ivan Klasnic wirkt Miroslav Klose oft wie der ernste Bruder, wie derjenige, der es gewohnt ist, den Jüngeren nach der Disko pünktlich zu Hause abzuliefern – wenn er ihn denn gefunden hat auf der Tanzfläche, die er nur in Notsituationen betritt. Dem 25 Jahre alten Kroaten Klasnic blitzt die Frechheit aus den Augen, er nimmt Gesprächspartner gern hoch, mag die Ironie und ist doch mundfaul, ohne daß man dies mit geistiger Stumpfheit verwechseln dürfte. Klasnic gehört zur seltenen Spezies der beraterlosen Profis; er ist ein gefürchteter Verhandlungspartner, der keine Sentimentalitäten pflegt. Kühl erledigt er seinen Job des Toreschießens (…) Die Leichtigkeit des Ivan Klasnic und die Professionalität des Miroslav Klose sind derzeit die besten Argumente einer Bremer Mannschaft, die ihre Sorgen hinten hat. Vorn kommt zur Not ein anderer wie Hunt, Valdez oder Zidan, wenn es beim k.u.k.Sturm einmal nicht klappen sollte. Ausnahmsweise.“

FTD: Immerhin dürfte die Bremer Offensive durchaus Champions-League-Niveau besitzen

Schickeria-Lady

Frank Hellmann (FR 24.8.) porträtiert salopp Gisela Oeri, die Geldgeberin des FC Basel: „Der FC Basel, so führen seine Kritiker immer wieder an, hat seinen Reichtum zwar auch klugen Entscheidungen in der sportlichen Leitung (allen voran Trainer Christian Gross) zu verdanken, doch mit dem nötigen Kleingeld hilft die Liaison der Gisela Oeri. Die 1955 in Schopfheim (Baden-Württemberg) geborene Frau ist eine der reichsten Personen der Schweiz, seit die gelernte Physiotherapeutin den Erben des Schweizer Pharma-Riesen F. Hoffmann – La Roche AG, Andreas Oeri, heiratete. Sein Vermögen wird auf 17 Milliarden Euro geschätzt, klar, dass Gisela Oeri ein paar Millionen für den FC Basel übrig hat und auf dem Weg zu ihrem Stammplatz im Stadion jedes Mal mit reichlich Bussis empfangen wird, wenn die stets gut gebräunte Blondine nicht gerade mit ihrem Privatjet in den Thailand-Urlaub geflogen ist. Offiziell fungiert die Schickeria-Lady als Vize-Präsidentin, zuständig für den Nachwuchs und medizinischen Bereich, inoffiziell ist sie Mäzenin und Managerin des Vereins.“

Tsp: Braunschweig siegt gegen Dortmund 2:1 (DFB-Pokal)

Ball und Buchstabe

Leadership

Querpass – Christian Scholz (SZ/Wirtschaft 22.8.), Verfasser des Buches „Spieler ohne Stammplatzgarantie – Darwiportunismus in der neuen Arbeitswelt“, empfiehlt Führungskräften das Modell Jürgen Klinsmann: „Auch Führungskräfte, die sich nicht als Fußballfanatiker sehen, tun gut daran, sich intensiv mit Bundestrainer Klinsmann zu beschäftigen. Bemerkenswert ist der Führungsstil, den er praktiziert – er passt nicht nur auf den Fußballplatz. (…) Was Klinsmann vielleicht teilweise unbewusst praktiziert, nennt die Wissenschaft ‚Transformational Leadership’: Über partizipative, kooperative, autoritäre und situative Führung hinaus geht es um die erkennbare Vision der gemeinsamen Zukunft, um Selektion und Förderung von Mitarbeitern, um leistungsbezogene und intellektuelle Anregung sowie um emotionale Einbindung. Natürlich hat auch Klinsmann keine Garantie auf den Weltmeistertitel und vielleicht wird er an einer unvorhergesehenen Kleinigkeit scheitern. Trotzdem: Man sieht, dass moderne Führung deutlich mehr ist als das kumpelhafte ‚Wir’ von Rudi Völler und auch mehr als die verkrampfte Verbissenheit von Berti Vogts. Manager sollten den Führungsstil und Personalabteilungen ihr Führungskräftetraining überdenken.“

Michael Ashelm von der FAZ sagt in einem Gespräch mit den indirekten freistoss: „Klinsmann arbeitet hauptsächlich die positiven Momente eines Spiels heraus. Das ist seine Philosophie.“ Michael Horeni (FAZ) ergänzt: „Es geht darum, der Mannschaft Sicherheit zu vermitteln und den Spielern Vertrauen zu dokumentieren; sie dürfe Fehler machen und erfahre trotzdem Rückendeckung, solange sie die Grundsätze der Gemeinschaft befolgt: gegenseitiges Vertrauen, großes Engagement, Leistungsbereitschaft, Lernwilligkeit. Wenn die Mannschaft gefestigter sein wird, kann ich mir vorstellen, dass Klinsmann auch mal andere Töne anschlagen wird.“ Mehr über die Bewertung Jürgen Klinsmanns Menschenführung und seine Arbeit als Bundestrainer lesen Sie in der freistoss-Presseanalyse Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch, die Sie hier kostenlos bestellen können.

Dienstag, 23. August 2005

Internationaler Fußball

Hoffnung

Martin Pütter (NZZ 23.8.) schreibt über den Aufschwung Tottenham Hotspurs’: „Die Anhänger Tottenhams wollen die Gegenwart geniessen und blicken mit viel Hoffnung in die Zukunft. So werden sie zuletzt sehr oft und mit heller Freude die Tabelle der Premier League konsultiert und ihr Team dort an erster Stelle wiedergefunden haben. Was macht es da schon aus, dass erst zwei Runden gespielt sind? Ganz sicher hat die (ablösefreie) Verpflichtung von Edgar Davids zum Erstarken beigetragen. Der Niederländer ist zwar bereits 32 Jahre alt – doch sämtliche Kritiker, gemäss denen er vor dem Ende der Karriere lediglich noch den Goldtopf Premier League schröpfen wolle, verstummten nach dem Début (…) Ob die Perücken und Brillen von Edgar Davids in Tottenhams Vereinsshops auch mittelfristig noch gefragte Artikel sind, dürfte sich schon am Samstag zeigen: Dann tritt Chelsea an der White Hart Lane an.“

FR: Vorbericht Ui-Cup-Finale Valencia gegen Hamburg

Am Grünen Tisch

Halbherziges Angebot

Roland Zorn (FAZ 23.8.) begutachtet die geäußerte Absicht Lincolns, für Deutschland zu spielen und zieht aufschlussreiche Vergleiche: „Einbürgerungen aus rein sportlichen Motiven sind derzeit nicht en vogue, zumal mit Pässen für vermeintlich deutsche Sportler – beispielsweise im Eishockey – vor Jahren reichlich Schindluder getrieben worden ist. Auch im Fußball hat es im übrigen so mancher mit der Seriosität seiner Argumentation zwecks Erwerbs eines deutschen Passes nicht übertrieben. So wollte der in die Türkei gezogene Brasilianer Ailton auch schon mal Deutscher werden, nachdem es mit dem geldwerten Wechsel ins Team von Qatar nicht geklappt hatte. Es gehört nicht viel Prophetie zu der Annahme, daß auch Lincolns halbherziges Angebot, für Deutschland Regie auf dem Fußballplatz zu führen, abschlägig beschieden wird. Eine Ablehnung hätte im übrigen nichts mit dünkelhafter Haltung zu tun, da Nationalspieler wie Asamoah, Kuranyi oder Klose auch nicht auf eine rein deutsche Vita zurückblicken – hier aber groß wurden und sich zu Deutschland bekannten, als sie noch weit davon entfernt waren, für Deutschland Fußball zu spielen.“

FAZ: eine Recherche über das Geschäft mit Jungtalenten

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