Dienstag, 9. August 2005
Allgemein
Zum Glück kauft er nicht so verwirrend ein, wie er spricht
Frank Heike (FAZ 9.8.) lobt die Arbeit Dietmar Beiersdorfers, über dessen Rhetorik fast hinwegsehend: „Je länger die Sätze werden, desto komplizierter geraten sie, und die Gefahr steigt, daß sich Beiersdorfer in ihnen verheddert. Es kann schon mal vorkommen, daß er auf seinem Weg durch den Sprachirrgarten plötzlich stoppt, lächelt und fragt: „Womit hatte ich angefangen?“ Er möchte gewichtige Sätze loswerden. Manchmal gerät das Ganze dann etwas gestelzt, weil Beiersdorfer all seine komplizierten Gedanken mitteilen will. All diese Wenns und Abers, die man als Fußball-Diplomat im gehobenen Dienst so mitdenkt. Zum Glück kauft er nicht so verwirrend ein, wie er spricht. (…) Im Schatten des Lieblings Thomas Doll und des Strategen Bernd Hoffmann hat er sich in seinem vierten Jahr beim norddeutschen Traditionsklub zu einem wichtigen Machtfaktor im Gefüge der Hamburger entwickelt. Das ist dem eher bedächtigen, freundlichen früheren Profi nach heftigen Anfangsschwierigkeiten im vergangenen Jahr gelungen. Getreu der Devise „Klasse statt Masse“ hat Beiersdorfer den Kader des HSV dank eines funktionierenden Sichtungssystems in 14 Monaten runderneuert. (…) Es gibt natürlich auch Leidtragende der Qualitätsoffensive. Hier erleben die Profis eher den weichen Beiersdorfer und den harten Doll – eine der Öffentlichkeit unbekannte Rollenverteilung, die aber viel eher der Realität entspricht.“
Bundesliga
Trendsportart
Italien-Korrespondent Dirk Schümer (FAS 7.8.) preist deutschen Fußball gegen jedes Bedenken: „Deutschland – ein Sanierungsfall? Zur Aufbruchstimmung im Jahr eins vor der Weltmeisterschaft will diese routinierte Selbstkasteiung einfach nicht passen. Die Rekorde beim Dauerkartenverkauf weisen darauf hin, daß zumindest die urdeutschen Fans der Bundesliga in der Meisterschaft der Miesmacher nicht mitspielen mögen. Sie honorieren offenbar begeistert die finanziellen Kraftakte ihrer Klubs – und zwar ebenso die Steine wie die Beine. Ein Blick über die Grenzen in traurigere Fußballkulturen verrät, daß sich die Bundesliga weltweit nicht verstecken muß. Sicher, Spanien und England liefern seit Jahren den besseren, den athletischeren, den lauffreudigeren Sport. Aber wären Sie gerne Fan in Schottland oder Holland, wo sich seit Jahrzehnten zwei, höchstens drei Klubs an der Spitze abwechseln? Und seien Sie froh, daß Sie nicht im Chaos des Calcio ihre Lebensleidenschaft als Tifoso büßen müssen! In Italien nämlich, dem einstmaligen Wunderland des Fußballs, entscheiden nach Wettskandalen, Gewaltausbrüchen, Bilanzfrisuren, Bankrotten wieder einmal die Gerichte, welche Klubs überhaupt zum – wahrscheinlich verspäteten – Saisonbeginn antreten dürfen. (…) Der deutsche Fußball ist – das zeigt sogar die Nationalmannschaft – deutlich im Aufschwung. Ein ganz neues Gefühl vor dem Abenteuer einer neuen Saison: Fußball ist eine Trendsportart.“
Nicht gesucht, aber gefunden
Dem 1:4 zum Trotz – Christof Kneer (SZ 9.8.) schätzt das Modell Eintracht Frankfurt: „Das Experiment Eintracht hat mehr Charme, als man von diesem Fußball-Standort gewohnt ist. Eintracht Frankfurt, das war immer dieser rätselhafte Klub, bei dem nie einer wusste, ob jetzt der Schuldenberg höher ist oder doch der Stapel mit den abgelegten Trainern. Aber diesmal haben sie die Abgeschiedenheit der zweiten Liga genutzt, um den Verein ein bisschen neu zu erfinden, und sie hätten der ersten Liga jetzt schon gern gezeigt, was für eine topmoderne Mannschaft sie da haben, jung, feurig, deutsch. Auch der Trainer Friedhelm Funkel hat noch eine Rechnung offen mit dieser Liga, die ihn immer nur als Karussellfahrer begreift, der lustig von Ort zu Ort zuckelt und immer da abspringt, wo Ewald Lienen gerade entlassen wurde. Sie haben sich nicht gesucht, aber gefunden, die Eintracht und der Funkel. Sie brauchen sich gegenseitig, um ihr negatives Image abzulegen, und die Gefahr ist jetzt, dass das Experiment sich gegen sich selbst wendet. Was im Erfolgsfall als jung und feurig gilt, wird im Misserfolgsfall schnell mit unerfahren und naiv übersetzt.“
Montag, 8. August 2005
Allgemein
Selbstreinigungskraft
Miroslav Klose, ein wichtiger Bremer Baustein – Frank Heike (FAZ 8.8.): „Auch intern ist der als still und zurückhaltend bekannte Stürmer in der Hierarchie gestiegen. Klose will mehr Verantwortung übernehmen im Jahr vor der WM. Als es Ende Juli in der Vorbereitung schlecht lief bei Werder, haute er auf den Tisch. Es paßte ihm nicht, wie die jungen Spieler sich verhielten. Die Novizen erfüllten nicht ihre Aufgaben, wie die Reinigung des Busses oder das Schleppen des Trainingsgeräts. „Denen geht es wohl zu gut“, schimpfte Klose und nahm sich einige Kollegen vor. Im Trainerstab sieht man es gern, wenn eine Mannschaft Selbstreinigungskräfte entwickelt. Daß es Klose ist, von dem die Warnung ausging, haben Schaaf und Allofs besonders gern vernommen.“
FAS-Interview mit Rafael van der Vaart
WamS-Interview mit Rudi Assauer
Ball und Buchstabe
Warum nur Phrasen?
Aus der Reihe „Fußball im Fernsehen, nein danke“ – Jürgen Kaube (FAZ/Medien 8.8.), von Werbung, Trailern und Inkompetenz verärgert, mit einem sehr lesenswerten Beitrag über die Sportschau: „Was für einen Zuschauer stellen sich Fernsehleute vor, die so etwas für „Bundesliga vom Feinsten” halten; gesetzt einmal, sie reden nicht bloß so geschwollen daher, um zu vertuschen, daß es nur darum geht, mit einem Minimum an Fußball ein Maximum an Werbeeinnahmen hereinzuholen, um die Einkaufskosten abzudecken? Es muß sich um einen äußerst vergeßlichen, durch nichts zu entnervenden, am kleinsten Spielbericht wie an einer Droge hängenden Zuschauer handeln, der seiner Gefühle aber so unsicher ist, daß man ihm sogar die Freude, Erregung, Spannung ständig aufs neue einhämmern muß. Alles, was man sieht, wird noch einmal in Worten ausgedrückt. Alles, was gesagt wird, wird wiederholt ausgesprochen, am besten erst vom Moderator, dann vom Reporter und dann noch einmal vom Spieler im Interview. Insofern folgt die Sendung der Werbung, die den Großteil an ihr ausmacht, denn auch von der Milch und den Telefonen wird uns im Verlauf der anderthalb Stunden je sechsmal gesagt, daß sie vom Feinsten sind, mitunter im Dreißigsekundenabstand, so als wären wir Reiz-Reaktions-Ratten im Gedächtnisexperiment von Doktor Skinner. (…) Sport kann jeder Fünfzehnjährige verstehen, und viele davon tun es auch. Warum liefert man ihnen nur Phrasen? Der Fußball ist populär, man muß ihn nicht durch Mätzchen dazu machen. Wer immer sich für die Sache selbst interessiert, sieht sich durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Nachfolge von Sat.1 auf den Besuch im Stadion, das Radio, eine Premiere-Sportbar und Lektüre verwiesen. Dort werden die Leute immerhin nicht für dumm verkauft.“
Es reicht
Marcus Bäcker (BLZ/Media 8.8.) ergänzt: „Ein für allemal: Wir wollen in der Sportschau nichts über Spielerfrauen erfahren. Auch können wir auf Begriffe wie „Caravan-Beckham“ gut verzichten. Und wo wir schon mal dabei sind: Kaum etwas ist langweiliger als die 548. Wiederholung von Trapattonis Münchner Wutrede. Es reicht. Wirklich.“
1:0 für den Fernsehgarten
Der Tagesspiegel (8.8.) lobt das ZDF-Sportstudio: „Diese 75 Minuten Sportstudio waren das Beste, was das ZDF in Sachen Bundesliga seit Jahren auf die Beine gestellt hat. Fußball pur, ab 22 Uhr. Kein Gelaber, nach fünf Minuten der erste Bericht. Und passend zum Eisnebel der coolste Franz Beckenbauer aller Zeiten: Drei Torwandtreffer – per Außenrist. Solch Klasse ließ ein anderer Bayer vermissen. Die Hartnäckigkeit, mit der ARD–Kommentator Gerd Rubenbauer im Auftaktspiel einen Schiedsrichterfehler beim Platzverweis von Bayern-Spieler Ismael gesehen haben wollte, nervte selbst Bayern-Fans. (…) Fazit: 1:0 für den Fernsehgarten.“
Oskar Beck (Welt 8.8.) fügt hinzu: „So einfach kann eine gute Show sein: Man baut ein Brett auf, sägt zwei Löcher hinein – und läßt Beckenbauer schießen.“
Bundesliga
Rückversicherungsstrategen waren nicht gefragt
Roland Zorn (FAZ 8.8.) kommentiert den torvollen Saisonauftakt: „Die Bundesliga ist in ihre 43. Saison gestürmt, als wollte sie dem Beispiel der deutschen Nationalelf folgen – ein gutes Zeichen zumindest für das in Scharen herbeiströmende Publikum, das tolle Tore, spektakuläre Aktionen und Stars mit dem gewissen Etwas sehen will. 32 Treffer nach den neun Spielen zum Auftakt haben viel über den Mut der meisten Mannschaften verraten, im Zweifel initiativ und offensiv zu handeln. Rückversicherungsstrategen waren am Premieren-Wochenende nicht gefragt – und diejenigen Teams, die wie die Mönchengladbacher oder die Nürnberger auf Sicherheit zuerst gesetzt hatten, kamen nicht einmal mit einem blauen Auge davon. Bei all dem Sturm und Drang, der besonders bei den notorisch angriffslustigen Bremern zu spüren war, blieben natürlich noch viele Wünsche offen. Wie sollte es auch anders sein, wenn gerade mal ein Spieltag voller Favoritensiege auf der 34 Etappen langen Rundreise durch Deutschlands Erstligastadien absolviert ist? Spieler wie Zuschauer offenbarten auf Anhieb zumindest so etwas wie eine fröhliche Partylaune, was zu Saisonbeginn leichtfällt, wenn Niederlagen noch nicht so schwer wiegen und Siege noch nicht so bedeutend sind.“
Ohne Spannung
Thomas Kistner (SZ 8.8.) hält dagegen: „Im medialen Schlachtenlärm, der sich am Vorabend der WM in neue, nie erreichte Höhen aufzuschwingen versucht, geht unter, dass der Betrieb nun zwar öfter mal Spektakel liefert, dafür aber sein wichtigstes Element auf der Strecke bleibt: die Spannung. Der originäre Nervenkitzel, der sich aus einem 34 Spieltage währenden Wettkampf unter annähernd Gleichstarken ergibt. Schon das erste Tabellenbild belegt den neuen Trend, nach dem wahrhaftige Leistungsvergleiche auf Augenhöhe abgelöst werden von erbaulichen Einzel-Events mit absehbarem Ausgang. Dieser Trend hat sich zuletzt in allen europäischen Spitzenligen verfestigt.“
Großer Fußball war schwer zu ermitteln
Sven Goldmann (Tsp 8.8.) mißt den Wert der Liga: „Christian Seifert ist Geschäftsführer der DFL, und zum Saisonstart hat er mal eben das neue Selbstbewusstsein seines Unternehmens skizziert: Premiere sei an der Börse zwei Milliarden Euro wert, und da die Hälfte der Kunden den Bezahlsender nur wegen der Bundesliga abonniert habe, rechnete der Herr Seifert den Wert der Bundesliga-Fernsehrechte flugs auf eine Milliarde Euro hoch. Das ist hübsch formuliert und deckt sich scheinbar mit den Besucherrekorden am ersten Spieltag. Der Wert einer Liga aber lässt sich nicht mit Rechenspielchen an der Börse ermitteln, er definiert sich durch die Qualität des Produktes auf dem Platz. Und diese Qualität bietet wie in den vergangenen Jahren Raum zur Steigerung. Großer Fußball war schwer zu ermitteln an diesem ersten Spieltag.“
Stimmen zum 1. Spieltag, sueddeutsche.de
Bildstrecke 1. Spieltag, sueddeutsche.de
Samstag, 6. August 2005
Ball und Buchstabe
Das gut gegelte Nichts
Das Streiflicht (SZ 6.8.) zupft Gänseblümchen: „Vielleicht bleibt er. Vielleicht geht er. Es ist leider viel wahrscheinlicher, dass er geht, als dass er bleibt. Die Frage, ob er geht oder bleibt, ist eine deutsche Schicksalsfrage, sie bringt das Land seit Wochen um den Schlaf. Wir reden also nicht darüber, ob Gerhard Schröder im Kanzleramt bleibt oder geht. Oder gar, ob Edmund Stoiber in Bayern bleibt oder nicht. Die einzige Frage, die tatsächlich rund um die Uhr und mit zunehmender Leidenschaft diskutiert wird, ist die Frage, ob der Fußballspieler Michael Ballack bleibt oder geht. Eine nationale Erregung herrscht, die schon erstaunlich ist – denn noch vor wenigen Jahren galt der Sportkamerad Ballack als Stern mittlerer Größe und Leuchtkraft. Er wurde ständig mit Leverkusen Zweiter, er schoss fatale Eigentore an so abgelegenen Orten wie Unterhaching. Mittlerweile aber ist er ein Superstar, einer der ganz wenigen im Lande, und das heißt: kein Tag mehr ohne Ballack-Nachricht, ohne Ballack-Interview. Zwar sind Ballack-Interviews totale Langweiler, das gut gegelte Nichts, trotzdem liest und sieht man sie mit der allergrößten Spannung. Denn der Mann hat ein Geheimnis: Er will sich nämlich „Zeit lassen“ mit der Entscheidung, und damit sind viele Millionen weiterer Ballack-Zeilen garantiert. Es ist alles schon sehr, sehr aufregend.“
Bundesliga
Tannenbaum-Taktik
Jan Christian Müller (FR 6.8.) stellt einen Trend zur Defensive fest: „Die Vorgaben, mit denen die Trainer ihre Spieler in die neue Saison schicken, sind nahezu deckungsgleich: Laufwege zumachen, Räume verdichten, zum Ball hin verschieben- und: blitzschnell umschalten. Allzu naives kollektives Offensivspiel unter Vernachlässigung der Defensive – wie von der Nationalmannschaft demonstriert – gilt nicht als vorbildlich. Vorbild ist vielmehr der FC Chelsea London, dessen Kulttrainer José Mourinho seinem Team ein aggressives Defensivkonzept mitsamt überfallartiger Kontertaktik verordnet hat. (…) Die „Tannenbaum-Taktik“ mit vier Abwehrspielern, drei defensiven, zwei offensiven Mittelfeldspielern und nur einem einzigen echten Stürmer gilt als Zukunftsmodell. Dass in der Bundesliga zehn Prozent mehr Tore fallen (2,97) als etwa in Englands Hochgeschwindigkeits-Eliteliga oder Italien (je 2,66), dient zwar der Volksbelustigung, wird aber von Fachleuten mitverantwortlich dafür gemacht, dass die Bundesliga international hinterherhinkt. Damit soll schnell Schluss sein.“
Niemand kann es im Kerngeschäft Fußball mit ihm aufnehmen
Der Tagesspiegel (6.8.) seziert die Macht Dieter Hoeneß’: „Hertha BSC ist Dieter Hoeneß’ Lebenswerk. Er hat die Voraussetzungen für den Aufstieg in die Bundesliga geschaffen. Die Entwicklung lief über Jahre steil nach oben. Zwischen 1999 und 2005 erreichte Hertha sechsmal einen internationalen Wettbewerb, das Olympiastadion wurde umgebaut, die Nachwuchsarbeit mit der Akademie mit zahlreichen Nationalspielern läuft vorbildlich. Hoeneß’ Verdienste sind gewaltig. Seine Machtfülle ist es auch, bis heute, wenngleich Michael Preetz nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn an die Seite des mächtigen Mannes rückte. Offene Kritik aus den eigenen Reihen mag Hoeneß nicht. Auf Mitgliederversammlungen kanzelt er solche Beiträge als „populistischen Käse“ ab: „Dafür arbeite ich zu hart, um mir das anhören zu müssen.“ Hoeneß selbst beschreibt sich als „absoluten Teamplayer“. Vor Jahren schon hatte er angekündigt, dass „die Zeiten der One-Man-Show vorbei sind“. Von Leuten, die ihn täglich umgeben, ist das Gegenteil zu hören. Heute noch. Natürlich gibt es im Verein einen aus Aufsichtsrat, Präsidium und einfachen Mitgliedern zusammengesetzten Beteiligungsausschuss, der Hoeneß kontrollieren darf. Aber niemand aus diesem Gremium kann es im Kerngeschäft Fußball mit ihm aufnehmen. Als Hoeneß seinen 50. Geburtstag mit einem Feuerwerk auf dem Schlossplatz in der Mitte Berlins beging, spottete ein Spieler: „Und wo wird jetzt das Denkmal enthüllt?““
Fußballinsider
Ralf Weitbrecht (FAZ 6.8.) schildert Wirken und Tun Heribert Bruchhagens: „Manager des Eintracht-Aufstiegs – diese Schlagzeile wenige Tage nach der Klassenversetzung der Frankfurter Fußballprofis hat ihm sichtlich gefallen. Tatsächlich ist es so, daß Heribert Bruchhagen als Vorstandsvorsitzender der Eintracht Frankfurt Fußball AG die maßgeblichen Grundlagen für die Rückkehr der Eintracht gelegt hat. Gewiß, eine gehörige Portion Glück hat ihm, vor allem aber der zwischenzeitlich bis ins Mittelmaß abgesackten Mannschaft geholfen. Doch Bruchhagens Konzeption war ebenso einfach wie bestechend: Junge, deutsch sprechende, idealerweise aus der Region kommende Fußballspieler: Mit diesem Ansatz wurde das Wagnis zweite Liga angegangen – und gemeistert. (…) Vom Oberstudienrat zum Vorstandschef. Eine solche Karriere ist nicht unbedingt in den Fibeln des Erfolgs skizziert. Doch der 56 Jahre alte Multifunktionär, der vor seiner Frankfurter Zeit als Geschäftsführer Sport bei der DFL wirkte, ging zielstrebig und unbeirrt seinen Weg. Erste Amtshandlung bei der Eintracht: Er ließ sich Richtlinienkompetenz in seinen Vertrag hineinschreiben. Alle Macht dem Fußballinsider, der zwar smart und jovial daherkommt, aber auch ein unerbittlicher Verhandlungs- und Geschäftspartner sein kann.“
Ruhe
Volker Kreisl (SZ 6.8.) staunt über Nürnberger Gelassenheit: „Der Club hat die Ruhe entdeckt. Sogar von Präsident Michael A. Roth ist nichts zu hören, nichts an Stammtischen und Toto-Theken, Ruhe herrscht in den Internetforen und am Trainingsplatz. Dabei wächst der Club tatsächlich. Die Änderungen sind nur nicht spektakulär, sie spielen sich im Verborgenen ab. Ein Teil dieser Fortschritte verbirgt sich zum Beispiel in den Vertragsdaten. Wolfgang Wolfs Mannschaft besteht aus einem Gerüst von Fußballern, die bis 2009 verpflichtet sind (…) Es hängt wohl auch mit seiner Zeit als Cheftrainer beim VfL Wolfsburg zusammen, dass Wolf so gut zum 1. FC Nürnberg passt. Die neue Ruhe ist ihm zu verdanken. Wolf hatte in Wolfsburg solide Fußballstrukturen aufgebaut, ehe der Konzernvorstand von VW die Fußballabteilung auf internationaler Bühne sehen wollte und Wolf gehen musste. Das hat den Gerechtigkeitssinn des Pfälzers getroffen und wohl auch seinen Ehrgeiz geschürt.“
SZ-Interview mit Miroslav Klose und Ivan Klasnic
FR-Interview mit Klaus Augenthaler
Welt: Zweite Bundesliga muß nach Rekordjahr mit Einbußen rechnen
FR: Hansa Rostock hat den Bundesliga-Abstieg verarbeitet und will gegen Kickers Offenbach den Grundstein zur Rückkehr legen
Ascheplatz
Paukenschlag
Thorsten Jungholt (Welt 6.8.) kommentiert die Aussage des DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, die Pay-TV-Rechte an der Bundesliga seien eine Milliarde Euro wert: „Ein Paukenschlag. Bislang erhalten die sechsunddreißig deutschen Profiklubs 317 Millionen Euro für ihr gesamtes Rechtepaket, davon nur 180 Millionen vom Bezahlfernsehsender Premiere. Schon Forderungen von Ligavertretern wie Karl-Heinz Rummenigge, der im Vorfeld der im Herbst beginnenden Verhandlungen um einen neuen TV-Vertrag ab Sommer 2006 eine Steigerung auf jährlich 500 Millionen Euro verlangt hatte, waren von Branchenkennern für unrealistisch gehalten worden. (…) Durch seine Abkehr von der in der Vergangenheit eher defensiven Verhandlungstaktik der DFL hat sich Seifert extrem unter Druck gesetzt. Denn bleibt das Ergebnis signifikant hinter seinen Forderungen zurück, ist der Ruf des erst seit wenigen Monaten amtierenden Geschäftsführers geschädigt.“
Nimmt der Springer-Konzern Pro Sieben Sat.1? Klaus Ott (SZ 6.8.) blickt auf die mögliche Folgen für die Bundesliga: „Die Liga setzt nicht nur darauf, dass Premiere den Preis erhöht und dafür exklusivere Rechte bekommt. Bei den TV-Plänen der DFL und vieler Klubs spielte auch Springer eine wichtige Rolle. Schon am Rande des kürzlich ausgetragenen Ligapokals hoffte ein führender Fußball-Manager, der Großverlag werde bei Sat 1 Vollzug melden, bevor die DFL ihre TV-Rechte für die nächsten drei Jahre kurz nach Herbstbeginn offiziell ausschreibe. Den Gefallen zumindest hat Springer der Liga getan. (…) Die Liga hofft einerseits auf einen preistreibenden Bieterkampf, befürchtet andererseits aber die Rache von Springer, falls die gebührenfinanzierte ARD mehr zahlen wolle und dann den Vorzug vor Sat 1 erhalte. Dann werde es, sagt ein Manager aus der Liga, keine freundlichen Schlagzeilen in Bild geben.“
Freitag, 5. August 2005
Interview
Der Erfolg steht an erster Stelle und die Qualität nur an zweiter
Ewald Lienen mit Frank Ketterer (taz 5.8.)
taz: In der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa liegt Deutschland erstmals hinter Spanien, Italien, England, Frankreich und Portugal auf Rang sechs. Ist das gerechtfertigt?
EL: Im Gegensatz zur Fifa-Weltrangliste gilt diese Rangliste als relativ korrekt, weil sie sich an den sportlichen Erfolgen orientiert.
taz: 1992 war Deutschland noch Erster. Was wurde verschlafen?
EL: Da haben verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt. Zum Beispiel ist in diese Zeit die Phase der Fernseh-Einzelvermarktung der Vereine gefallen. Das ging ungefähr los, als ich 1995 nach Spanien ging. Schon da verfügte ein eher durchschnittlicher Klub wie CD Teneriffa über das Doppelte oder gar Dreifache an Fernseheinnahmen wie die Spitzenklubs in Deutschland. Ein anderer Faktor war, dass uns just zu dieser Zeit ein bisschen die Toptalente ausgegangen sind.
taz: Warum war dem so?
EL: Vielleicht haben wir zu sehr ins Ausland geschielt. Ein anderer Punkt könnte aber auch sein, dass die Weltmeister von 1990, also die Völlers, Littbarskis, Brehmes und Matthäus’, die letzte Generation von Straßenfußballern waren. Für die war Fußball der Lebensmittelpunkt. Heutzutage hingegen muss man für die Jugend erst mal Möglichkeiten organisieren, damit die überhaupt gemeinsam Fußball spielen können. Ich glaube, dass uns in diesen Jahren die anderen Länder weggelaufen sind, in dem sie schon weit, weit vor uns professionelle Ausbildungsstrukturen installiert haben, die selbst unseren heutigen Standards um Lichtjahre voraus sind. Wir hingegen waren ja gerade mal wieder Weltmeister geworden – und schon deshalb zufrieden. Das ist die Krux im deutschen Fußball: dass der Erfolg an erster Stelle steht und die Qualität nur an zweiter. Und solange der Erfolg noch da war, gab es keinen Grund, irgendetwas zu ändern, auch nicht die Ausbildung.
taz: DFB-Präsident Zwanziger hofft, „dass sich die Faszination Nationalelf auf die Bundesliga überträgt“. Taugen Klinsmann und die Nationalmannschaft tatsächlich als Vorbild für die Bundesliga?
EL: Ich würde es viel lieber so sagen: Die Faszination Bundesliga hat sich auf die Nationalmannschaft übertragen. In der Bundesliga war doch schon in der Vergangenheit mächtig was los – und das ist nun auf die Nationalmannschaft übergegangen. Jürgen Klinsmann hat bestimmt eine Reihe von Dingen verändert und frischen Wind reingebracht, aber die Spieler, die bei ihm spielen, kommen meines Wissens alle aus der Bundesliga. (…)
taz: Hat die Bundesliga die aktuellen Entwicklungen der Trainingslehre verschlafen?
EL: Es geht weniger um Trainingslehre als um Trainingssteuerung. Also um die Frage: Wie begleite ich den Trainingsprozess wissenschaftlich? Da hinken wir in der Tat hinterher.
FAZ-Interview mit Felix Magath
taz-Interview mit Bert van Marwijk
Ball und Buchstabe
Kulturgut
Bundesliga im Öffentlich-Rechtlichen oder exklusiv auf Premiere? Markus Hesselmann (Tsp 5.8.) kommentiert: „Niemand kann voraussehen, ob sich Bezahlfernsehen in Deutschland rentiert, wenn das Doppelte und Dreifache für Exklusivrechte bezahlt werden muss. Schon einmal ist die Bundesliga zu den Öffentlich-Rechtlichen zurückgekehrt, als Sat1 einsah, dass mit Fußball keine Gewinne zu erzielen sind. Was passiert, wenn die erneute Abkehr von ARD und ZDF im Desaster endet? Zu konservativ sind die Sehgewohnheiten der deutschen Fußballgemeinde. Ebenso konservativ sollte auch die Haltung der Fußballschaffenden sein. Gerade der FC Bayern macht vor, wie weit man mit mittelständischem Unternehmerethos kommt. Dort halten ehemalige Fußballer einen Klub an der Spitze, ohne den Kollaps zu riskieren. Warum vertreten Rummenigge und Co. nicht selbstbewusst ihr Modell, statt nach englischen oder italienischen Verhältnissen zu rufen? Deutschlands Fußballchefs sollten erkennen, was sie an der Sportschau haben. Diese Sendung ist selbst Kulturgut. So etwas gibt man nicht leichtfertig aus der Hand.“
Man kennt sich, man duzt sich, man schützt sich
Höchst lesenswert! Hans Leyendecker (SZ/Medien 5.8.) kritisiert Sportjournalisten (und meint wohl Fußballjournalisten): „Sind Sportjournalisten anders? Sind sie gedankenloser oder korrupter als die Kollegen? Einerseits: In keinem anderen Journalismusbereich sind die Unterschiede zwischen den Sparten – Fernsehen, Radio, Boulevard, lokale, regionale, überregionale Zeitungen, Fachzeitschriften – so groß wie im Sportjournalismus. Andererseits: In keinem anderen Journalismusbereich haben sich so symbiotische Verhältnisse zwischen Akteuren und Beobachtern entwickelt. Man kennt sich, man duzt sich, und in aller Regel schützt man sich auch. In dieser Journalistensparte gibt es „Fairplay-Preise“: Wer wessen Parasit ist, bleibt oft unklar. (…) Es geht ihnen buchstäblich um Sieg oder Niederlage, Triumph oder Desaster. Der Verein ist ihre Welt. Wer kritisch fragt, kann rasch zum Außenseiter werden. Wer kritisch schreibt, gilt manchem als Nestbeschmutzer. Denn angeblich sitzen doch alle in einem Boot. Wer den Kurs vorgibt, ist egal. Bei Spielen der Fußball-Nationalmannschaft kann es passieren, dass ältere Kollegen die Jüngeren bei der Hymne auffordern, aufzustehen. Heile Fußballwelt. Der Sportsektor ist aber auch längst zur Werbemaschinerie für die Sport-Unterhaltungsindustrie geworden. Dass einer wie Franz Beckenbauer, die Fleischwerdung des totalen Sponsorings, als Kolumnist zum Griffel greifen darf, ist Zustandsbeschreibung. Dass mancherorts Sportjournalisten die Vergabe von Eintrittskarten für Bundesligaspiele an Kollegen übernommen haben, zeigt die Provinzialität. Die Sportberichterstattung weitet sich immer mehr aus, und die journalistischen Grenzverletzungen nehmen zu. Der Einzug des Kommerz-Fernsehens hat den Sportjournalismus gewaltig verändert und oft – wie Boxen, Fußball oder Motorsport zur Ware gemacht.“
Internet als Bedrohung für Fernsehsender und Zeitungen
Auf der Münchner Tagung „Visions of Football“ – Georg David (NZZ/Medien und Informatik 5.8.) notiert: „Die gewagteste und interessanteste These stellte Christian Blümelhuber von der Technischen Universität München auf: Er prophezeite, dass Sportjournalisten bald überflüssig sein werden, weil sich die nächsten Generationen ausschliesslich direkt informieren würden, etwa im Internet in Weblogs und ähnlichen Quellen. In der Tat: Dort können sie spätestens in Zeiten niedriger Flatrates für den Bruchteil des Zeitungspreises mehrere Meinungen abrufen – und nicht nur die eines einzelnen Journalisten, der erstens wie jedes Individuum seine Vorurteile hat, zweitens der Linie des Blattes folgt und drittens nur bis zum Redaktionsschluss schreiben und nachdenken kann, wohingegen im Netz ohne Schere im Kopf und ohne Zeitlimite kommentiert und diskutiert wird. (…) Das Internet als wachsende Bedrohung für Fernsehsender und Zeitungen?“
Über den schweren Ballast des Dritten Reichs hinaus
Moshe Zimmermann, Direktor des Koebner Zentrums für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem und HSV-Fan, (SZ/Seite 2 5.8.) rätselt über die israelische Lust an der Bundesliga: „Der Fußballfan, wo auch immer, möchte guten Fußball sehen, und da die Bundesliga nun einmal zu den Top-Ligen gehört, ist es „ganz normal“, dass dem verkabelten israelischen Fußballfan eine entsprechende Portion Bundesliga serviert wird. Doch aus zwei Gründen – über den schweren Ballast des Dritten Reichs hinaus – ist das nicht so „ganz normal“: Erstens fehlt der direkte Bezug zum Spiel. Ein Japaner oder ein Iraner kann sich für den HSV begeistern – er kann sich mit seinem Landsmann Takahara oder Mahdavikia identifizieren. Einen israelischen Spieler in der Bundesliga gibt es seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Als „Pisa“ Pizzanti beim 1. FC Köln oder 15 Jahre früher Shmuel Rosenthal bei Mönchengladbach spielte, gab es eben diesen direkten Bezug zur Bundesliga. Israelische Fußballspieler gibt es aber in der spanischen, in der englischen und in der türkischen Fußball-Liga – und dementsprechend dehnt sich die Berichterstattung über diese Ligen aus. Dass die Bundesliga trotz der Abwesenheit von israelischen Fußballspielern doch so intensiv gezeigt wird, kann man entweder schlicht als Anomalie bezeichnen oder als Spätfolge des überaus positiven Eindrucks, den Borussia Mönchengladbach bei den israelischen Fußballfreunden beim unvergesslichen Israel-Besuch 1970 hinterließ. Zweitens fehlt es an Fußballfreunden, die in Deutschland aufgewachsen sind und so eine unmittelbare Beziehung zur deutschen Fußballtradition haben. Ganz anders geht es mit dem südamerikanischen Fußball in Israel: Gebürtige Argentinier, Brasilianer, Kolumbianer oder auch in Frankreich geborene Israelis gibt es in großer Zahl, und die bleiben ihrem ursprünglichen Vaterland und ihren Fußballvereinen treu. Es ist die argentinische Fußballliga, die leidenschaftlich von israelischen Fans südamerikanischer Herkunft verfolgt wird. Ja, auch aus England kam keine Massenimmigration nach Israel, aber als Israel noch als Mandatsgebiet, „Palästina“ genannt, zu England gehörte, haben ihre Bewohner von den Engländern die Liebe zum Fußball gelernt. Und auf diese Tradition baut bis heute das enorme Interesse für die Premier League. Aber Deutschland?“
Projekt Deutschlandrettung
Gerrit Bartels (taz 5.8.) bremst: „Jetzt hat der Spaß ein Ende. Ab jetzt wird’s ernst, ab jetzt muss Deutschland gerettet werden. Das Projekt Deutschlandrettung begann ja bekanntlich vor einem Jahr, als Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft zu trainieren begann und wieder ein frisches Fußballlüftchen wehte, wenn auch begleitet von einem Fußballvokabular mit neoliberalen Zwischentönen. Plötzlich atmete Deutschland wieder freier, plötzlich waren alle Deutschlandprobleme nicht mehr so überwältigend und lähmend. Doch fragt sich, ob der Fußball diese Erwartungen aushält, zumal das Land spätestens zur WM 2006 merken wird, dass die vorgezogene Neuwahl alles andere als einen Aufbruch bedeutet und Schwarz-Gelb höchstens für einen Sturm im Wasserglas gesorgt hat: Deutschland muss dann Weltmeister werden, sonst heißt es wieder „Land unter“. Und es fragt sich, ob der Fußball es wirklich verkraftet, von der einst schönsten Nebensache der Welt zu einer der brutalsten Hauptsachen der Welt geworden zu sein.
Bundesliga
So darf es nicht weitergehen
Vor dem Saisonauftakt – Matti Lieske (FTD 5.8.) schüttet Wasser in den Wein: „Die Ansprüche an die Bundesliga sind klar: Eine harmonische und euphorisierende Ouvertüre zur großen Fußballoper soll sie werden. (…) So wie die Prognosen einer durch die WM aufblühenden Wirtschaft mit Zehntausenden von neuen Arbeitsplätzen auf äußerst wackligem Untergrund angesiedelt sind (sie stammen von der Bundesagentur für Arbeit), so wie die Rechnungen eines satten Gewinns aus der WM-Ausrichtung trügen (sie ignorieren die gigantischen Aufwendungen für die Infrastruktur) – so liegt auch der Hoffnung auf eine packende Spielzeit mit hochklassigem Fußball und einer erfolgreichen Europacupkampagne der Klubs als Dreingabe eine gehörige Portion Wunschdenken zu Grunde. Wir erinnern uns: Die letzte Saison endete ganz plötzlich etwa acht Spieltage vor Schluss, und es war so, als würden in einem zweistündigen Western nach anderthalb Stunden alle tapferen Helden an einer Fischvergiftung sterben, und die restliche halbe Stunde sähe man den Schurken mit fetter Beute in den Sonnenuntergang reiten. Während die Verfolger sämtlich auf die Knie fielen und um Gnade winselten, gewannen die Münchner Bayern ihre Spiele nach Belieben, zogen einsam ihre Kreise und waren vier Tage vor Saisonschluss deutscher Meister. Dass sie lange Zeit den Konkurrenten mühselig hinterhergehinkt waren, hatte man da längst vergessen. Weil auch der Abstieg früh entschieden war, trudelte die Liga einfach aus, Spannungsfaktor null. Der Europacup fand zu diesem Zeitpunkt schon ewig ohne deutsche Beteiligung statt, was ein weiteres Sinken in der europäischen Rangliste mit sich brachte und den Verlust des dritten Champions-League-Platzes näher rücken ließ. Dass es so nicht weitergehen darf, darüber sind sich alle einig.“
Alle gegen die Bayern
Auch Peter Heß (FAZ 5.8.) ist skeptisch, hegt aber eine Hoffnung: „Seit der Confederations Cup einen Vorgeschmack auf das Treffen der besten Fußballspieler der Welt im Sommer 2006 gegeben hat, ist der Begriff Fußball nur noch positiv besetzt. Die Welt zu Gast bei Freunden – der Slogan für die WM ist verinnerlicht. Die Bundesliga profitiert schon von der Partystimmung im Lande. Fast überall werden Dauerkartenrekorde gemeldet, manche Klubs brechen den Vorverkauf ab, damit im Laufe der Saison wenigstens ein paar kurzentschlossene Fans die Chance haben, Tickets an der Tageskasse zu erwerben. Der Ligapokal, dieser früher belächelte, jetzt zur bedeutungsvollen Ouvertüre hochstilisierte Testspielwettbewerb, feierte fröhliche Urständ. Wenn da die Vorfreude mal nicht enttäuscht wird mitten im Alltag. Wieso in aller Welt sollte die 43. Bundesligasaison so viel besser werden als die 42., nur weil an deren Ende die WM-Endrunde in Deutschland stattfindet? (…) Aber hoffen wir mal, daß Kuranyi, Ernst, Bajramovic und Larsen in Königsblau genauso gut spielen wie bei ihren früheren Vereinen. Dann kann Schalke den Titelverteidiger aussichtsreich herausfordern. Und darin liegt nun mal der Reiz der Bundesliga – alle gegen die Bayern.“
Arrangiert mit der Dominanz der Münchner
Richard Leipold (FAZ 5.8.) gibt zu bedenken: „Die Lage in der Bundesliga erinnert ein wenig an die Schulzeit. Der Lehrer stellt eine schwierige Frage, und niemand zeigt auf. Die einen fühlen sich nicht angesprochen, andere halten sich bedeckt, um eine Blamage zu vermeiden. Aber wie lautet die Masterfrage, die vor der 43. Saison sogar dem Leistungskurs Fußball in der deutschen Eliteklasse Unbehagen bereitet? Es ist eine ganz einfache Frage: Wer traut sich zu, die Bayern zu verfolgen und ihnen den Meistertitel abzujagen? Die Antwort ist Schweigen. Es mag ein paar Mannschaften geben, die den Münchnern gefährlich werden könnten. Aber sie schleichen sich lieber von hinten an, als dem Rekordmeister (verbal) die Stirn zu bieten. Vor dem Saisonstart ist keine richtige Wechselstimmung auszumachen. Die Mehrheit der Trainer sieht den FC Bayern auf seinem Stammplatz an der Spitze; bei den Fans scheint die Stimmung ähnlich zu sein. Handelnde und nichthandelnde Personen haben sich offenbar mit der Dominanz der Münchner arrangiert.“
Bei Lachsschnittchen und Sekt lassen sich schwache Spiele leichter verdauen
Udo Muras (Welt 5.8.) erklärt die große Nachfrage nach Tickets: „Der Zuschauer entscheidet offenbar immer weniger nach sportlicher Leistung, dafür immer mehr nach Komfort. Die Verpackung läuft dem Inhalt den Rang ab. „Unsere Stadien bieten einfach mehr, der Wohlfühlfaktor ist anders als früher“, sagt Kölns Manager Andreas Rettig, Frankfurts Bruchhagen erwähnt zusätzlich den „hohen Sicherheitsstandard“ in den Stadien. Im übrigen gebe es „im Freizeitbereich keine Alternative zum Fußball“. Auch wenn die Branche damit leben müsse, daß das fachkundige Publikum der Siebziger und Achtziger den Wertewandel der Bundesliga nicht überstanden hat. „Die haben noch genau gewußt, daß der Koslowski nur mit links flanken kann. Das ist bei dem heutigen Publikum nicht mehr so. Aber alle wollen das Event“, sagt Bruchhagen. Das für die VIPs in den exklusiven Logen, auf die kein Verein mehr verzichten kann, noch ein wenig genußvoller ist. Bei Lachsschnittchen und Sekt lassen sich schwache Spiele leichter verdauen.“
NZZ: Bundesliga zwischen hohem Zuschauerzuspruch und mässiger Qualität
Bildstrecke zum Saisonauftakt, faz.net
Donnerstag, 4. August 2005
Vermischtes
Nicht viel Vertrauen in Jürgen Klinsmann
Hilft der Erfolg der deutschen Elf dem Bundeskanzler? Barbara Kerbel (SZ/Wissen 4.8.) prüft eine alte These: „Der Kanzler hat nicht viel Vertrauen in Jürgen Klinsmann – das glaubt zumindest Reimar Zeh. Der Sozialwissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg ist ein wenig enttäuscht darüber, dass die Deutschen statt im Herbst 2006 aller Wahrscheinlichkeit nach schon in ein paar Wochen einen neuen Bundestag wählen. Denn im kommenden Jahr hätte er Gelegenheit gehabt, einer Frage weiter nachzugehen, die er schon 1998 und 2002 untersucht hat: die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Fußball-WM und der Bundestagswahl. Seit 1990 sind beide Ereignisse zusammengefallen. Und seitdem wird immer wieder vermutet, es nutze dem jeweils amtierenden Kanzler, wenn Deutschland bei der WM gut abschneidet. Reimar Zeh und seine Kollegen sind bislang die einzigen, die wissenschaftlich überprüft haben, ob und wie sich so genannte weiche Faktoren wie Fußball auf die Beurteilung von Politikern wirken. (…) Die Auswertung der Daten belegt: Je erfolgreicher die deutsche Mannschaft spielte, desto besser bewerteten die Befragten den Bundeskanzler. Auch der Umkehrschluss traf zu: Versagte die deutsche Elf, schadete dies dem Amtsinhaber. (…) Im laufenden Jahr, in dem hohe Arbeitslosigkeit das Kollektivempfinden drückt und Sachthemen die öffentliche Debatte beherrschen, könnte wohl nur eine anhaltende Schönwetterperiode, eine neue Naturkatastrophe oder ein außenpolitisches Ereignis von der Bedeutung des Irakkriegs Gerhard Schröders Popularität steigern. 2006 hätte ihm vielleicht Klinsmann helfen können.“
Regelrebellen
Uwe Marx (FAZ 4.8.) kommentiert die Weigerung deutscher Schiedsrichter, Abseits neu zu ahnden: „Das kommt einer Majestätsbeleidigung gleich, denn Sepp Blatter höchstpersönlich hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf diesem Feld ständiger Diskussionen für Klarheit und Ruhe zu sorgen. Früher gab es nur ein Abseits, heute wird unterschieden zwischen Spielern, die ins Geschehen eingreifen, und solchen, die es sein lassen. Aktiv oder passiv, das war seit langem ein unerschöpflicher Quell für kontroverse Debatten. Dagegen wollten Blatter und die Seinen etwas unternehmen. Das Ergebnis dieses Feldzuges ist allerdings heillose Verwirrung. Nach der neuen Lesart kann es nämlich sein, daß ein Spieler im Abseits einem Ball nachrennt, mit dem Torwart zusammenprallt, ihn schwer verletzt, aber erst per Wink vom Linienrichter gestoppt wird, wenn er den Ball annimmt. Wegen solcher Unwägbarkeiten und wegen mangelnder Gesprächsbereitschaft der Fifa kommt es nun zum zivilen Ungehorsam – zumindest vorübergehend. Auch andere europäische Verbände wollen sich der deutschen Linie anschließen. Die Regelrebellen werden der Fifa nicht dauerhaft trotzen können. Aber sie hegen die Hoffnung, daß es der neuen Praxis beim Abseits so geht wie einst der Fifa-Erfindung Golden Goal: Sie wurde nach einer Weile still und heimlich vom Platz genommen.“
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