Mittwoch, 29. Juni 2005
Deutsche Elf
Kein Krisengebiet mehr
Deutschland hat wieder Stürmer, die diese Bezeichnung verdienen, meint Christof Kneer (SZ 29.6.): „Der Sturm ist kein großes Thema gewesen, das ist doppelt erstaunlich. Zum einen hat die DFB-Elf bislang bei diesem Turnier die meisten Treffer aufgehäuft (11), und zum anderen ist der Sturm ein Thema, der seit geraumer Zeit zu jeder anständigen Turnierberichterstattung gehört. Hilfe, Deutschland, wer soll unsere Tore schießen, so gingen die Geschichten in den Jahren 2004, 2002 und 2000, und die Trainer hatten oft nur die Wahl der Qual. Es ist möglicherweise die erfreulichste Erkenntnis der letzten Monate, dass Deutschlands Angriff nicht mehr zwingend als Krisengebiet zu verorten ist. (…) Vorerst vorbei sind die Zeiten, in denen Bierhoffs klobiges Spiel als stilbildend galt; vorbei die Zeiten, in denen sich Jancker mit dem Rücken zum Tor in einen Gegner hineinwühlte, um ein freundliches Heberchen vom Stapel zu lassen, welches freundlich ins Aus hoppelte.“
FR: Qualität im deutschen Mittelfeld
FAZ: Kahn verpackt seine Kritik an Klinsmann in Diplomatie
Das unnötige Finale
Stefan Hermanns (Tsp 29.6.) verdreht die Augen: „Mit dem Spiel um Platz drei verhält es sich wie mit dem menschlichen Blinddarm: Vor Urzeiten mag es einmal eine gewisse Bedeutung gehabt haben, inzwischen aber besitzt es keine lebensnotwendigen Funktionen mehr. Es ist der Wurmfortsatz des Turniers, das unnötige Finale. Oder hat sich je jemand darüber beklagt, dass bei Europameisterschaften seit 1984 kein Spiel um Platz drei mehr ausgetragen wird? Es ist ein guter Witz, dass ausgerechnet der Confed-Cup ein Spiel um Platz drei hat. Oder ein schlechter Scherz.“
Dienstag, 28. Juni 2005
Confed-Cup
Schlechter Verlierer, taktisch reif
Javier Cáceres (SZ 28.6.) rügt La Volpe für dessen Schiedsrichterschelte und lobt La Volpes Taktik: „Um die Mexikaner muss man sich in der Tat sorgen. Vor dem Hintergrund der während des Turniers aufgeflogenen Dopingaffäre wirken die Attacken gegen die Fifa zunächst einmal wie Schüsse aus einem Schnellfeuergewehr – in die eigenen Füße. Bei der Fifa ist man von den Mexikanern in dem Maße genervt, in dem das eigene Image ramponiert wird. Die Mexikaner laufen Gefahr, dass von ihnen nun das Bild des schlechten Verlierers gezeichnet wird. Das ist tragisch, insofern, als der deutsche Gegner im Spiel um Platz drei beanspruchen darf, zu den lichten Momenten des Turniers bemerkenswerte Leistungen beigetragen zu haben. Auch gegen Argentinien stellte Mexiko eine enorme taktische Reife unter Beweis. „Keine Ahnung, wie La Volpe das bewerkstelligt, aber seine Mannschaft verteidigt immer mit neun und attackiert mit sechs“, sagte Kolumbiens früherer Nationaltrainer Pacho Maturana, ein unabhängiger Beobachter der Strategien des Turniers. Die Mexikaner funktionierten das Areal vor ihrem Strafraum in ein Gebiet um, das so undurchdringlich wirkte wie der Urwald in Chiapas.“
BLZ: Mexiko wittert Versäumnisse und Verschwörungen
Shoot-out-Festival
Roland Zorn (FAZ 28.6.) schreibt begeistert über das zweite Halbfinale: „Was die Argentinier und Mexikaner bei ihrem Steigerungslauf nach verhaltener erster Hälfte, intensivem zweiten Durchgang, leidenschaftlich umkämpfter Verlängerung und atemraubendem Elfmeterschießen boten, war so etwas wie eine Mustervorlage für echte Weltmeisterschafts-Auseinandersetzungen. In Hannover wurden beiderseits die letzten Reserven mobilisiert, als ginge es schon um die allerhöchsten Ehren des Weltfußballs. Dazu erlebte das zunehmend faszinierte Publikum auch erstmals bei dieser bisher luftig-leichten, manchmal sogar auf dem Spielfeld liebenswürdigen Veranstaltung ein Duell mit all den Nickligkeiten und kleineren wie größeren Fouls, die, man mag es beklagen, den Fußball ebenso prägen wie die schwebende Eleganz der Ballstilisten oder die bebende Wucht der Torschützen. Und noch etwas weckte den Appetit auf viel, viel mehr: das Elfmeterschießen. Selten hat die Welt ein Shoot-out-Festival von so kristallharter Entschlossenheit, von soviel Raffinesse in der Ausführung und von so viel Kaltblütigkeit unter dem Druck der ohrenbetäubenden Verhältnisse erlebt. Die Klasse der Schützen, die nur ein Mexikaner weit und entscheidend verfehlte, spiegelte nebenbei auch das mittlerweile sehr hohe Niveau in diesem Segment des Weltfußballs.“
FR-Portrait Ronaldinho
FR-Portrait Riquelme
Ball und Buchstabe
Lachnummern
Eine Tagung der Akademie für Fußballkultur in Nürnberg – Andreas Platthaus (FAZ/Feuilleton 27.6.) resümiert die Antwort auf die Frage, wer und was ein Fan sei: „Für die Weltmeisterschaft fürchten die Fans Enteignung und Bevormundung. Denn in den Stadien genießt dann die Fifa Hausrecht, und beim Confederations Cup konnte man einen Vorgeschmack darauf bekommen, was das bedeutet. Es heißt unter anderem, daß der Schiedsrichter keine eigene Münze mehr zur Seitenwahl mitbringen muß, weil diese Aufgabe an einen der Sponsoren abgetreten worden ist, der für jedes Spiel ein Kind zum offiziellen Münzträger bestimmt. Man kann die kleinen Knirpse nicht ohne Rührung betrachten, doch die Fans empfinden noch das letzte bißchen Tradition ihres Spiels als verraten und vor allem verkauft. Wer allerdings sind „die Fans“? Dazu gaben die versammelten Experten keine rechte Auskunft. Klar war nur, daß es nicht mehr ausschließlich diejenigen sind, die sich selbst als „Ultras“ bezeichnen. Mittlerweile ist der Stadionbesuch ein Familienereignis, und ein Drittel der Zuschauer sind Frauen. Die Entproletarisierung bringe den Fußball nur wieder seinem Herkunftsmilieu näher, dem Bildungsbürgertum, das diese Sportart im frühen zwanzigsten Jahrhundert populär gemacht habe, meinte Kurt Wachter, österreichischer Antirassismus-Aktivist auf Fußballplätzen und nach eigener Einschätzung selbst gar kein Fan. Solche Einstellungen sind für Ultras Lachnummern. Ihr Anspruch an sich selbst ist so hoch, daß sie das Deutungsmonopol für Fußball beanspruchen. Wer wochenlang Transparente malt, Fahnen bestickt, Choreographien und Gesänge für den Auftritt auf der Tribüne einstudiert, der kann einen Besucher, der bestenfalls die Nationalhymne mitzusingen weiß, nur mit Verachtung strafen.“
Am Grünen Tisch
Schweigen
Thomas Kistner (SZ 28.6.) fordert Strafe für den mexikanischen Trainer: „La Volpe ist einer, an dem die Fifa ihre frommen Erziehungsformeln einmal rigoros anwenden müsste: Dass er die Medien wegen der Berichterstattung über die heimlich heimgeschickten Dopingsünder Carmona und Galindo angreift und gar zur Zensur im Sportjournalismus aufruft, zwingt den allzeit pastoral auftretenden Fifa-Boss Blatter ja direkt zu Konsequenzen – zumal sich die Fifa als Vorkämpfer für Fairplay und gegen Doping sieht. Doch Blatter schweigt. So verwundert nicht, dass ihm bei seinen Auftritten in den Stadien Pfeifkonzerte demokratisch gesinnter Sportsfreunde entgegenschallen. Oder sollten da Zehntausende Spielverderber am Werk sein, die einfach nicht die ethischen Bemühungen des Fifa-Granden begreifen? Aufklärung könnte da ein Blatter-Freund und führender deutscher Dopingbekämpfer liefern, Otto Schily. Der hat sich die Betrugsbekämpfung ganz oben auf seine To-do-Liste als Sportminister geschrieben, hat auch Verdienste erworben als Mitbegründer der Wada. Doch wenn es drauf ankommt, überwiegt wohl der Schulterschluss mit den Kameraden auf der Ehrentribüne – anders ist das Schweigen im Veranstalterland kaum zu deuten. (…) Um zu begreifen, warum da nicht mehr viel erwartet werden sollte, hilft vielleicht der Blick auf die sportpolitischen Verhältnisse: Die Nord- und Mittelamerika-Konföderation Concacaf ist Blatters potentester Stimmenlieferant bei Präsidentschaftswahlen: 35 Voten. Setzt man das wegen ein paar dopender Kicker aufs Spiel?“
Bundesliga
Trapattoni
FAZ: Giovanni Trapattoni – der neue Stuttgarter Star ist der Trainer
Welt: Trapattonis Einstand in Stuttgart
Deutsche Elf
Ein meteorologisches Spiel
Christof Kneer (SZ 28.6.) befasst sich mit der deutschen Erwartung an das kleine Finale: „Dem armen Confed-Cup ist inzwischen wahrscheinlich ganz schwindlig geworden, so oft haben sie ihn in Deutschland hin- und hergedeutet. Früher haben sie ihn nicht mal ignoriert, dann haben sie ihn verflucht, weil sie 1999 aus sportpolitischen Gründen mitten im Urlaub in Mexiko antreten mussten, und vor ein paar Wochen ist er plötzlich der wichtigste Pokal seit Erfindung der Siegerehrung gewesen. So sehr haben sich die Deutschen nach einem richtig schönen Wettbewerb gesehnt, und man darf es lustig finden, dass sie das Spiel um Platz drei, das letzte Wettbewerbsspiel vor der WM 2006, nun plötzlich vom Confed-Cup abkoppeln. Fürs Erste hat die deutsche Delegation das Treffen mit den Mexikanern in ein Mental-Freundschaftsspiel umgewidmet, aber niemand muss deshalb einen sorglosen Li-La-Laune-Kick befürchten. Es darf bislang ja als eine der bemerkenswerten Leistungen des Bundestrainers Jürgen Klinsmann gelten, dass es ihm gelungen ist, den Freundschaftsspielen ihren Schrecken zu nehmen. Er hat im Team ein schlüssiges Herausforderer-Prinzip etabliert, das jedes Spiel zum Ausscheidungsmatch um die Plätze im WM-Kader gemacht hat. (…) Es wird auch ein meteorologisches Spiel werden; dieses Spiel wird das Klima festlegen, das Klinsmanns weiteres Reformschaffen umgibt.“
Körperlich straffer
Die Torhüter rotieren (sinngemäß) bis Mai 2006 – Jan Christian Müller (FR 28.6.) filtert Erkenntnisse aus der Diskussion: „Sämtliche der eilig befragten Experten von Ottmar Hitzfeld bis Toni Schumacher sind der Meinung, dass Klinsmann mit seiner neuen Kurzfristsetzung einen Fehler macht. Doch der eigenwillige Bundestrainer, der die Torwartfrage offenbar zur Chefsache erkoren hat, geht den komplizierteren Weg. Denn ihm ist nicht entgangen, dass Lehmann gegen Tunesien und Brasilien tadellos hielt und körperlich straffer wirkt als der zusehends verletzungsanfälligere Kahn. Zwar sagt Klinsmann immer wieder, Kahn sei die „Nummer eins“ und Lehmann sein „Herausforderer“, doch wenn der Anschein nicht trügt, denkt der Bundestrainer anders als er spricht. Derzeit mehr denn je zuvor.“
Konkurrenzkampf
Michael Horeni (FAZ 28.6.) entschlüsselt das Signal Klinsmanns: „Das Zeichen, das er mit dem späten Termin setzte, zielt nicht nur auf Oliver Kahn und Jens Lehmann, sondern auf die gesamte Mannschaft. Der Konkurrenzkampf um die Plätze im Weltmeisterschaftskader, so die Botschaft, wird bis zum Ende der kommenden Saison dauern. Die Gewinner des Confederations Cup sollen sich nicht zu sicher fühlen, die Verlierer die Hoffnung nicht fahren lassen – und von beiden gab es in den vergangenen zwei Wochen viele in der deutschen Mannschaft. (…) Das Turnier wird aus deutscher Sicht auch mit dem Namen Huth verbunden bleiben, der sich zum Liebling der Fans, aber auch manches Gegenspielers wie Adriano entwickelte. Der physisch und psychisch robuste Innenverteidiger englischer Prägung besitzt, falls er in Chelsea Spielpraxis erhalten sollte, zwar noch viel Steigerungspotential, ob er es allerdings bis zur WM ausschöpfen kann, ist fraglich.“
SZ: Oliver Kahn erträgt die neu aufgelegte Torwartdebatte mit professioneller Geduld
Was verkündet denn Franz Beckenbauer? Die SZ liest Zeitung, sieht fern und zitiert: „Wenn der Bundestrainer das so sieht, ist das in Ordnung. Wir können ihm und seinem Team vertrauen.“ (Franz Beckenbauer in Bild). „Jürgen Klinsmann muss sich spätestens Anfang des nächsten Jahres festlegen – länger darf er nicht warten.“ (Franz Beckenbauer im ZDF)
BLZ: Sebastian Deisler, der frühere Patient, beginnt seine Karriere wieder einmal neu
Tsp-Interview mit Bastian Schweinsteiger
Welt-Interview mit Torsten Frings
Montag, 27. Juni 2005
Interview
Diese Arroganz steht uns als Deutschen nicht zu
Joachim Löw mit Michael Ashelm & Michael Horeni (FAS 26.6.)
FAS: Wie beeinflussen die skeptischen, kritischen Stimmen Ihre Arbeit?
JL: Fußball ist extrem geworden in der Beurteilung. Es fehlt meistens eine realistische Einschätzung von Spielern und Mannschaft, das sieht Jürgen Klinsmann genauso. Die zeitweise extrem negative Stimmung, die einige Medien verbreitet haben, war für uns nicht nachvollziehbar. Da wird auf junge Spieler draufgehauen, sie werden an den Pranger gestellt. Dann kommt das 2:2 gegen Argentinien, und die ganze Stimmung schwenkt um.
FAS: Sie haben viele deutsche Fußballexperten zu überzeugen. Ärgert Sie die Kritik von ehemaligen Spielern wie etwa Paul Breitner noch?
JL: Bei allem Respekt für die ehemalige Nationalspieler oder Experten. Deren Kritik aus der Ferne sieht man immer mit einem Lächeln. Wir laden jeden herzlich gerne ein, bei uns vorbeizuschauen. Es ist doch absurd, wenn uns Breitner vorwirft, wir würden Leichtathleten ausbilden. Genau das tun wir nicht. Und wenn dann jemand fragt, was Amerikaner (Fitnesstrainer) oder Schweizer (Wettkampfbeobachter) uns beibringen können, ist das despektierlich. Diese Arroganz steht uns als Deutschen nicht zu. Zu sagen, wir könnten alles, wir sind die erfolgreichste Nation und brauchen nicht über die Landesgrenzen hinausschauen.
FAS: Über welche Qualitäten muß ein modernes Trainingsmanagement verfügen – da gibt es erfolgreiche Beispiele a la Mourinho oder Pekerman?
JL: Wichtig ist, daß der Trainer ein Konzept verfolgt. Wie Mourinho in Chelsea. Der hat ganz klare Vorstellungen, was er der Mannschaft vermitteln möchte, welche Spielerpersönlichkeiten, Typen und Charaktere er braucht, oder die argentinische Pekerman-Schule. Da weiß ein U17-Spieler, wenn er in die U20 kommt, welche taktischen Grundvoraussetzungen von ihm verlangt werden. Da ist bis oben in die A-Mannschaft eine durchgängige Philosophie vorhanden. Deshalb möchten wir den Technischen Direktor im Verband, der genau so etwas einführt und überwacht. Da sind uns andere Nationen weit voraus.
WamS-Portrait Joachim Löw
FR-Interview mit Oliver Kahn
WamS-Interview mit Robert Huth
Ball und Buchstabe
Leidenschaftlich wie ein Montagsmaler
„Jürgen Klopp muß zur WM!“, fordert Thomas Klemm (FAS 26.6.): „Was wir schon immer über Fußball wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten – Jürgen Klopp erklärt es uns. Hier ein Kreuz, dort ein Kreis, da noch ein Strich – fertig ist „Kloppos“ Taktiktisch. Während andernorts dampfgeplaudert wird, während das Grimme-Preis-gekrönte Moderatorenduo Netzer/Delling im achten gemeinsamen Jahr oft mit sich und seinen routinierten Sticheleien beschäftigt ist („Jetzt werden Sie ja doch euphorisch!“ – „Werde ich nicht!“), kritzelt der Mainzer Fußballehrer leidenschaftlich wie ein Montagsmaler auf einem Bildschirm herum und erläutert begeistert feine Spielzüge und taktische Winkelzüge. ZDF-Experte Klopp, jünger als Bundestrainer Klinsmann, läßt die ARD mit ihrem honorigen Experten Netzer, älter als DFB-Präsident Zwanziger, ziemlich alt aussehen im Fernsehfernduell des Confederations Cups, der auch für die Rundfunkanstalten ein Testlauf für die WM 2006 ist. Wo Netzer behauptet, da illustriert Klopp. Seine frischen Auftritte sind die mediale Fortsetzung von Klinsmanns forscher Strategie mit anderen Mitteln.“
Am Grünen Tisch
Experte darin, wie ein Experte zu klingen
Sehr lesenswert! Jürgen Leinmann (Spiegel 27.6.) begleitet den leidenden Otto Schily durch den Confederations Cup: „Aufmunterungsstatements, mit denen Schily in diesen Tagen um sich wirft wie die Kölner beim Karneval mit Kamellen, dienen vor allem der Selbstbeflügelung. Der rot-grüne Kabinettstar hat längst noch nicht verkraftet, dass sein bewunderter Kanzler Gerhard Schröder ihm mit der Ankündigung von Neuwahlen seinen politischen Lebenstraum zerstörte – zumindest höchstwahrscheinlich. Denn das Fußball-Turnier der Meister aller Kontinente, das Schily sich in diesen Tagen mit geradezu gierigem Pflichtbewusstsein reinzieht, sollte ja nur die Generalprobe sein für das Superereignis 2006 – die WM in Deutschland: Milliarden Fernsehzuschauer, Millionen Besucher, Wirtschaftsaufschwung und Stimmungsumschwung, Weltmeister Deutschland. Und mittendrin – Otto der Große. (…) Der Minister klingt bei Ausflügen in die Fußball-Fachwelt längst wie ein Experte. Er redet von Catenaccio und Viererketten, von passivem Abseits und Pressing so routiniert wie ein Sportreporter. Tatsächlich ist er aber vor allem ein Experte darin, wie ein Experte zu klingen. Fußball ist sein Leben? Man merkt Schily die körperliche Anstrengung an, mit der er seine Abscheu vor solchen Slogans unterdrücken muss. Elf Freunde sollt ihr sein? Fürchterlich. Die kumpelhafte, schulterklopfende Art alter Fußballkameraden ist ihm zuwider. (…) Bei den Mächtigen, auf die es ankommt bei einem Milliardenprojekt wie der Fußball-WM – bei den Blatters und Beckenbauers, den Zwanzigers und Netzers –, genießt er wegen der „etwas überspitzten Autorität“, wie der grüne Europa-Abgeordnete und Schily-Freund Cem Özdemir die egozentrischen Verhaltensweisen des Ministers einmal genannt hat, einen beachtlichen Respekt. „Die merken, dass Schily nicht einfach so ‚n üblicher Polit-Fuzzy ist, der sich wichtig macht“, sagt ein Insider, „der will was bewirken, der meint es ernst.““
Ascheplatz
Kommerzialisierung
Der Confederations Cup, eine Geldquelle – Thorsten Jungholt (WamS 26.6.) : „Die WM in Deutschland spült geschätzte 1,8 Milliarden Euro in die Kasse der Fifa, die nächste Ausgabe in Südafrika soll ein Einnahmeplus von „30 bis 40 Prozent“ bringen, ließ Joseph Blatters Generalsekretär Urs Linsi bereits verlauten. Dafür sollen kleinere Veranstaltungen wie der Konföderationen-Pokal kräftig aufgewertet werden. Ob das den bereits jetzt überbelasteten Spielern oder den Fans gefällt, ist dabei zweitrangig. Blatter pflegt die Kommerzialisierung damit zu rechtfertigen, daß sie letztlich den 205 Nationalverbänden und ihren Millionen Mitgliedern zu Gute komme. Schließlich sei die Fifa eine nicht gewinnorientierte Organisation, deren Zweck die weltweite Förderung des Fußballs sei. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Dem Fifa-Chef geht es nicht nur um das Wohl des Fußballs, sondern wohl auch um das seiner persönlichen Finanzen und denen folgsamer Funktionäre. Blatter wohlgesonnene Verbände werden mit Vorliebe unterstützt, und um seine Wiederwahl 2007 zu sichern, gönnte er sich und den anderen 23 Mitgliedern der Exekutive, der Regierung des Weltverbandes, jüngst eine Verdopplung der jährlichen Aufwandsentschädigungen auf 75 000 Euro. Außerdem führte Blatter, der ohnehin ein geschätztes Grundgehalt von einer Dreiviertelmillion Euro einstreicht, ein Rentensystem ein, das jedem Exko-Mitglied nach achtjähriger Zugehörigkeit 18 000 Euro pro Jahr garantiert.“
Deutsche Elf
Der Weg an die Weltspitze ist noch weit
Michael Horeni (FAZ 27.6.) erfreut sich an der Begeisterung der deutschen Fans für ihre Mannschaft: „Oft heißt es über das verzagte Deutschland, daß die Stimmung schlechter als die Lage sei. Im Fußball dagegen hatte das Volk bei diesem Turnier immer ein sicheres Gespür zwischen hohem WM-Anspruch und rauher Wirklichkeit. Dabei ist es gar nicht so einfach, die richtige Perspektive zu finden für eine Mannschaft, deren Fortschritte sich angesichts des Erbes der Europameisterschaft bei jedem Länderspiel nachweisen lassen, der aber andererseits in jeder Partie auch noch Defizite vorzuhalten sind wegen ihres höchsten Ziels, im kommenden Jahr die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das verständige Publikum nahm dankbar die offensive Erneuerung unter Klinsmann auf und sah trotzdem noch die Lücke, die bei dieser in entscheidenden Momenten noch zu unerfahrenen Mannschaft bis zur absoluten Weltspitze der besten vier, fünf Mannschaften klafft. (…) Die Identifikation der Deutschen mit ihrer Nationalelf, die vor einem Jahr mit dem Breitwandfußball erloschen schien, wurde bei diesem Turnier neu gestiftet. Dies ist ein in der Niederlage nicht zu unterschätzender Gewinn.“
Unterhaltungsware
Ludger Schulze (SZ 27.6.) zählt die Fortschritte in der Klinsmann-Ära: „Das Projekt 2006 hat ein konkretes Gesicht bekommen durch eine Menge von Zwischenergebnissen in der Arbeit des deutschen Trainerstabs: neue, offensichtlich hochtalentierte Spieler, die vor kurzem noch so weit weg von internationaler Klasse zu sein schienen wie ein Behördenbrief von Literatur; ein verinnerlichtes Spielsystem; flüssige Kombinationen als Resultat konzentrierter Trainingsanstrengungen. Der unzweifelhafte Fortschritt der Auswahl ist von der Mehrzahl der Sachverständigen mit Erstaunen, vom Publikum sogar mit allen Anzeichen freudiger Überraschung zur Kenntnis genommen worden. Die Zeit zermürbender Langeweile wie an Fernsehabenden mit Länderspielen gegen die Färöer Inseln, Island oder Rumänien ist vorbei, deutscher Fußball ist wieder eine spannende und Laune machende Unterhaltungsware.“
Defizit
Was hat uns Brasilien voraus, Michael Ashelm (FAZ 27.6.)? „Der Vergleich zwischen dem Angreifer Adriano und dem Innenverteidiger Huth zeigte die grundsätzlichen Unterschiede: hier das Symbol für Fußball-Perfektion, dort das Bild einer hoffnungsvollen, aber unfertigen Entwicklung. (…) Nürnberg zeigte dem zwanzig Jahre alten deutschen Innenverteidiger, welche Defizite er auf dem höchsten internationalen Niveau noch aufzuholen hat. Nur körperliche Stärke oder sogar Überlegenheit reicht eben nicht aus auf dieser Stufe des Weltfußballs. Technische Fertigkeiten, viel Erfahrung und die Fähigkeit, Aktionen des Gegners zu antizipieren, gehören hier zur Grundausstattung.“
Der Weg an die Weltspitze ist noch weit
Jan Christian Müller (FR 27.6.) ist skeptisch: „Jürgen Klinsmann wird die individuellen Klassenunterschiede durch seine Arbeit auch in den nächsten zwölf Monaten nicht ausgleichen können. Seine Mannschaft hat gegen Argentinien und gegen Brasilien in der Nähe ihres Leistungszenits gearbeitet, ist taktisch jeweils perfekt eingestellt und aufgestellt gewesen und hat dennoch nicht gewonnen. Der Weg an die Weltspitze ist noch weit.“
Defensiver und pragmatischer
Andreas Lesch (BLZ 27.6.) merkt an: „Spätestens diese Partie hat bewiesen, dass Klinsmanns ständig propagierter offensiver Tempo-Stil nur noch in den Pressekonferenzen existiert. Auf dem Platz denkt das deutsche Team längst defensiver und pragmatischer. Es orientiert sich am Gegner und an den eigenen Möglichkeiten.“
Reaktionen auf das Spiel, FAZ
Wahlkampf der Torhüter geht weiter
Ist es überhaupt erlaubt, über die Torwartfrage zu diskutieren – mit Argumenten und so? Philipp Selldorf (SZ 27.6.) meint ja: „Lúcio werden trotz seiner fünf Jahre währenden, soliden Deutschland-Erfahrungen gewisse Verständnisprobleme nachgesagt, doch handelt es sich womöglich um einen Irrtum. Am Samstag offenbarte Lucio, dass er verstanden hat, wann es heikel wird im hiesigen Fußballdiskurs. Die Frage, ob er sich wundere, dass Oliver Kahn nicht im Tor gestanden habe, schien er gleich als Aufruf zum Beitrag für die deutsche Torwart-Debatte zu deuten. Er antwortete vorsichtig: „Lehmann ist auch ein guter Torwart.“ Man weiß ja nie, wie gefährlich eine exponierte Meinung in diesem explosiven Konflikt ist. (…) Deutet man den Ablauf des Turniers, ist Kahn neben den in Acht und Bann geratenen Mexikanern Carmona und Galindo sowie Otto Rehhagel einer der großen Verlierer des Confed-Cups. (…) Er musste zuschauen, wie Widersacher Lehmann durch gute Auftritte und gewinnende Öffentlichkeitsarbeit punktete: In Köln hielt er tadellos und durfte sich am Beifall des Publikums aufbauen; auch in Nürnberg zeigte sich Lehmann von der besten Seite. In der Schlussphase rettete er gegen konternde Brasilianer durch gute Paraden die dünne Hoffnung auf den Ausgleich. Noch mehr gefiel er durch sein konstruktives Pass-Spiel, das ihn für gehobenes Mittelfeld-Niveau qualifizierte. Einmal gab es sogar Szenenapplaus, als er einen Rückpass aufnahm und mit einem gezielten 50-Meter-Zuspiel auf Bernd Schneider in einen vielversprechenden Angriff verwandelte. Der Ball fiel Schneider vor die Füße, dass es eine Pracht war. Der Wahlkampf der Torhüter geht also weiter.“
Diven im Tor
Die FAZ (27.6.) fügt hinzu: „Es kann wirklich keine Rede davon sein, daß der Confederations Cup als gemeinschaftsbildende Maßnahme der deutschen Fußball-Nationalelf zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann geführt hätte. Überall und jederzeit ist das gespannte Verhältnis zwischen den Diven im Tor zu spüren.“
Samstag, 25. Juni 2005
Interview
Wenn man junge Spieler sehen will, dann muss man ihnen Zeit gönnen
Oliver Bierhoff mit Philipp Selldorf & Ludger Schulze (SZ 25.6.)
SZ: Es wirkt nicht ehrlich, wenn Klinsmann sei „sehr, sehr zufrieden“ mit jemandem, der offensichtlich ein schlechtes Spiel gemacht hat.
OB: Ich glaube, es ist seine Art, die Sache positiv zu gestalten. Er möchte eben auch, dass diese Mannschaft wie eine Festung steht. Das will er nicht dadurch zerrütten, dass vor den Spielern dieses Bild entsteht, er stehe nicht richtig zu ihnen. Allgemein finde ich: Es ist eine Frage, den richtigen Ton zu treffen zwischen Schönreden und einer Kritik, die trotzdem positiv wirkt.
SZ: Was auch eine Frage der Glaubwürdigkeit ist.
OB: Aber die Sache ist doch auch die, dass man der Mannschaft gar keinen großen Vorwurf machen kann. Sie muss noch wachsen, das wissen wir, aber sie zeigt das Engagement, das wir sehen wollen. (…) Wenn man junge Spieler sehen will, dann muss man ihnen Zeit gönnen. Und wenn man aggressives Spiel will, dann muss man das Risiko akzeptieren. Was ich vermisse, das ist konstruktive Kritik mit ein bisschen Schmunzeln und Wohlwollen.
SZ: Wenn man über die veröffentlichte Kritik spricht, muss man auch über Bild reden. Zählt Bild zu den Gegnern, die in Lauerstellung liegen?
OB: Boulevardpresse will Zeitungen verkaufen und lebt von Polemiken oder Zuspitzungen, insofern sehe ich sie nicht als Feinde. Es gibt sicherlich eine Tendenz, sich an der von Klinsmann dargestellten Freiheit zu reiben. Wenn man vorprescht, was wir getan haben, als wir gesagt haben, dass wir Weltmeister werden wollen, dann muss man damit rechnen, dass es in manchen Momenten auch wackelt.
SZ: Kann es sein, dass die von Klinsmann propagierten inneren Werte – Glaube an sich selbst, Persönlichkeitsentwicklung – oder auch die neuartigen Trainingsinhalte einfach Misstrauen erzeugen?
OB: Viele befassen sich nicht richtig damit. Ich glaube nicht, dass ein Paul Breitner sich mal die Mühe gemacht hat, sich das Training anzuschauen. Oder sich mit Oliver Schmidtlein (Fitness-Trainer) unterhalten hat, um sich dessen Arbeit erklären zu lassen. Aber ich sage dem Jürgen auch immer, dass er ein bisschen Verständnis haben soll, wenn Leute, die sich seit vielen Jahren mit Fußball beschäftigen, über ihn meinen: ‚Ich bin schon so lange dabei – und jetzt kommt einer, der sich für ein paar Jahre nach Amerika zurückgezogen hatte und verkündet große Dinge‘. Das ist nur menschlich.
SZ: Einen dieser Altmeister haben Sie immerhin schon fest an Ihrer Seite. Franz Beckenbauer hat sich in seiner Kolumne festgelegt: „Keiner hat das Recht, an Jürgen zu zweifeln.“ Wie wichtig ist seine Unterstützung?
OB: Franz spricht ein gewichtiges Wort in Fußball-Deutschland, und er wird ja täglich in tausend Ecken befragt. Wenn also mal ein kritischer Satz fällt, dann nehmen wir das nicht krumm. Aber er hat uns sowieso von Anfang an unterstützt, und der Vorteil ist, dass er die Situation als Spieler und als Trainer kennt. Er war ja einige Tage hier und hat das alles genau beobachtet, da ist schon eine gewisse Nähe entstanden. Als Spieler hatte ich es zwar nicht immer leicht mit ihm, aber das hat sich schnell geklärt. Als er mich dann zum WM-Botschafter machen wollte, habe ich ihm gesagt: ‚Aber du hast mich doch immer niedergemacht.‘ Er meinte bloß: ‚Ach, das war doch nichts Persönliches.‘