indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 16. Juni 2005

Deutsche Elf

Staat im Staate

Markus Völker (taz 16.6.) begutachten die Klinsmann-Reform: „Mit Völlers Rücktritt ist auch der Kompromiss gegangen. Völlers Antagonist formt sich die Nationalmannschaft wie deren Umfeld nach seinen Vorstellungen – und diese lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Ein Staat im Staate des reformträgen DFB ist durch Klinsmanns Gestaltungswillen entstanden. Auch Völler hat wie einst König Pygmalion eine marmorne Statue angebetet, auf dass sie sich aus ihrer Starre löse, aber wo Völler bat, befiehlt Klinsmann; die Wandlung hat erst unter dem Transatlantikflieger stattgefunden. Der DFB bewegt sich – im Rahmen seiner Möglichkeiten. Aber heißt das auch, dass Klinsmann den deutschen Fußball retten kann? (…) Bestand früher ein heißer Draht zum Boulevard, so wird unter Klinsmann auch für das Haus Springer die Information verknappt. Man will sich nicht ausliefern, nicht in die Fänge des Populären respektive Populismus begeben. Klinsmann, ein Mann mit Köpfchen, hat sich die aufgeklärte Presse als Verkündigungsmedium erwählt, auch hier zeigt er sein Profil. Die derart vergrätzte Bild-Zeitung wartet nur darauf, ihm eins auszuwischen.“

Verbale Narkosestrategie

Moritz Müller-Wirth & Christof Siemes (Zeit 16.6.) analysieren die interne und externe Kommunikation Klinsmanns: „Was am Anfang als moralische Aufrüstung nach der traurigen Europameisterschaft bestens geeignet war, Spieler und Öffentlichkeit positiv zu stimmen, passt nicht mehr. Jetzt muss die Strategie aufgehen. Jetzt geht es nicht länger um den weichen Faktor Stimmung, sondern um die harte Währung Leistung. Und viel Zeit ist nicht mehr, um aus hoffnungsfrohen Ansätzen eine WM-titelfähige Mannschaft zu machen. Zwar hat Klinsmann in Taktik und Fitness wirklich ernsthaft mit den Spielern gearbeitet – wohl als erster Bundestrainer seit vielen Jahren. Im Spiel gegen die Russen zeigte sich zudem, dass die Promotion der Jugend mit Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski jene Spielenergie entfacht, die einer deutschen Mannschaft seit Ewigkeiten fehlte. Doch das endlos beschworene Power-Play funktioniert bislang bestenfalls zweimal 25 Minuten. (…) Vielleicht handelt es sich bei Klinsmanns verbaler Narkosestrategie um einen Psychotrick aus dem Repertoire des neuen Mannschaftspsychologen Hans-Dieter Hermann. Was hilft es, wenn der Trainer öffentlich kritisiert? Ist es nicht besser, wenn die Spieler selbst bekennen? Nach dem Russland-Spiel jedenfalls erläuterten die Spieler sehr viel eindeutiger als ihr Trainer, dass der Gegner eigentlich besiegt gehört hätte. Klinsmann war zu diesem Zeitpunkt lange in den Katakomben verschwunden.“

FR-Interview mit Bernd Schneider

Mittwoch, 15. Juni 2005

Interview

Es wird niemand unter Generalverdacht gestellt

Otto Schily mit Jan Christian Müller & Jürgen Ahäuser (FR 15.6.) über Fußball und Sicherheit
FR: Der „normale“ Fan muss, um ein Ticket zu bestellen, 16 persönliche Angaben machen, wird mehrfach kontrolliert und fühlt sich damit unter Generalverdacht gestellt, während für andere Personen offensichtlich andere Kriterien gelten.
OS: Ich weiß nicht, was Sie da zusammengerechnet haben. Das ist die typische Art, alles furchtbar schlecht zu reden. Manche Medien machen das ja gerne. Bei meinen Begegnungen mit Menschen aus allen sozialen Schichten sind meine Erfahrungen ganz anders. Die Menschen freuen sich auf die WM. Es wird niemand unter Generalverdacht gestellt.
FR: Unseres Wissens nach ist es das erste Mal, dass Eintrittskarten für eine Sportveranstaltung personalisiert und sogar nach Kinderausweisnummern gefragt wird.
OS: Was ist daran so schrecklich, frage ich Sie. Was ist los? Die Kontrollen dienen der Sicherheit der friedlichen Fans und sind doch keine Schikane. Sie regen sich doch auch nicht auf, wenn bei einem Flug von Frankfurt nach New York Ihr Ticket und zugleich Ihr Pass kontrolliert werden.
FR: Unter den Fußballfans hat sich noch aus anderen Gründen Ärger aufgestaut: Fünf Minuten vor dem Ende der letzten Zweitligapartie dieser Saison ist im Frankfurter Stadion eine Hundertschaft Polizisten mit Schlagstöcken, Helmen und Schutzschilden aufgezogen. Auf einen Schlag ist die fröhliche und vor allem friedliche Atmosphäre in eine aggressive Stimmung umgeschlagen. Die Fans fühlten sich durch den martialischen Aufmarsch provoziert. Können Sie den Unmut der Leute nachvollziehen?
OS: Selbstverständlich müssen die Einsätze so gestaltet werden, dass keine ungute Stimmung aufkommt. Ich habe immer dafür geworben, strikte Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, ohne dass die sportliche Stimmung darunter leidet. Salt Lake City unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September war für mich ein positives Paradebeispiel. Trotz strengster Kontrollen hatten die Sicherheitskräfte immer einen aufmunternden Spruch auf den Lippen.
FR: So sind die Deutschen aber nicht gestrickt.
OS: Das kann man alles lernen. Wir sollten die Verdrießlichkeit ablegen, uns lieber von dem Stil anderer etwas abgucken und von der Begeisterung anstecken lassen. Aber klar muss sein, wir wollen keine Szenen erleben wie in einigen italienischen Stadien. Wir haben eine großartige Chance, uns mit der WM als weltoffenes, modernes und fröhliches Land darzustellen. Das ist auch meine Bitte an die Medien, nicht immer nur das Negative herauszustellen, sondern dazu beizutragen, dass eine lockere Atmosphäre entsteht.
FR: Die Fans sehen in diesem Frankfurter Fall und in anderen vergleichbaren Fällen aber bereits Probeläufe für die WM und befürchten, dass Enthusiasmus unter zu viel Sicherheitsdenken erstickt wird.
OS: Wer sind die Fans? Man kann das nicht verallgemeinern.
FR: Also die Frankfurter Zeitungen hatten die Leserbriefspalten voll…
OS: Beim Thema WM 2006 interessiert Sie offenbar nur, die Veranstaltung negativ darzustellen. Ich lege großen Wert darauf, dass Fans und Polizei zusammenarbeiten. Ich habe den Eindruck, das gelingt auch. Die überwiegende Mehrheit der Fans ist friedlich und will ein fröhliches Fußballfest erleben. Ich bin überzeugt, dass diese Mehrheit der Fans auch Verständnis für die Sicherheitsvorkehrungen hat. (…)
FR: Sehen Sie einen psychologischen Gewinn, in einem Land, in dem die Menschen eher furchtsam denn fröhlich in die Zukunft blicken?
OS: Das Ansehen unseres Landes ist im Ausland sehr viel besser, als das, was in Deutschland über die Medien vermittelt wird. Manche neigen dazu, alles in den schwärzesten Farben zu sehen, dabei haben wir wirklich allen Grund, selbstbewusst zu sein. Die Chance eines solchen Großereignisses müssen wir nutzen, um für unser Land zu werben, nicht, um es schlecht zu reden. (…)
FR: Die Zeichen, auch im Fußball, scheinen aber auf Wechsel zu stehen. Kürzlich beim DFB-Empfang in Mönchengladbach sind Funktionäre beim Erscheinen von Angela Merkel aufgestanden und haben Beifall geklatscht, während Sie deutlich kühler begrüßt wurden. Hat das weh getan?
OS: Mir wird allgemein attestiert, ich sei der stärkste Sportminister in der Geschichte der Bundesrepublik. Von Franz Beckenbauer angefangen bis zu IOC-Präsident Rogge wird mein Engagement für den Sport in den höchsten Tönen gelobt. Theo Zwanziger hat erst kürzlich in Mönchengladbach den Wunsch bekräftigt, mit mir auch in den kommenden Jahren zusammen zu arbeiten. Worüber soll ich mich also grämen?

NZZ-Interview mit Brasiliens Coach Carlos Alberto Parreira

Ronaldinho im Interview mit dem Guardian

Confed-Cup

Domestiziert

Deutschland und der Confederations Cup, eine Liebe auf den zweiten Blick – Jens Weinreich (BLZ 15.6.): „In gewisser Weise verhält es sich beim Confederations Cup wie im richtigen Leben. Manchmal muss man Familienmitglieder zu ihrem Glück zwingen. Im DFB hat man den Erdteil-Pokal immer gehasst, erst recht, nachdem der Verband 1999 aus sportpolitischen Gründen eingesprungen war und peinliche Niederlagen kassierte. Doch längst sind sie domestiziert worden, die Deutschen.“

Wie die Deutschen

Matthias Erne (FAZ 15.6.) schreibt über Argentinien und seinen Trainer: „Jose Pekerman erntet die Früchte der Arbeit, die ihn zum erfolgreichsten Jugendcoach der Welt gemacht haben. 1994 übernahm er Argentiniens Nachwuchs und führte ihn zu drei U-20-Weltmeistertiteln. Argentinische Fußballer, sagt Pekerman, seien fähig, sich überall sämtlichen Umständen anzupassen. Die Argentinier, sagen sie in Brasilien, seien wie die Deutschen – immer da, wenn es wirklich darauf ankomme. Fast alle, die heute im Nationalteam stehen, sind einst von Pekerman in der Jugendnationalmannschaft trainiert worden. Vermutlich kennt kein Nationalcoach der Welt seine Spieler so gut wie dieser Argentinier.“

BLZ: Maradonas schweres Erbe – Aimar trägt für Argentinien die berüchtigte Nummer 10

Schlafender Riese

Alexander Hofmann (FAZ 15.6.) misst die Bedeutung des Turniers für Australien: „Der Confederations Cup ist für die Australier seit Jahrzehnten die erste Chance, sich endlich wieder einmal auf der Weltbühne des Fußballs zu präsentieren und in der Heimat Bonuspunkte zu sammeln. Dementsprechend ernst nehmen Trainer Frank Farina und sein Team die Mini-WM in Deutschland. Seit Australien an gleicher Stelle 1974 zum bisher letzten Mal an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat, bemühen sich die „Socceroos“ vergeblich um internationalen Anschluß. (…) Heute sind fast 200 australische Fußballprofis im Ausland aktiv, die meisten sind in ihrem Heimatland nahezu unbekannt. Das würde sich schlagartig ändern, wenn die „Socceroos“ sich endlich wieder einmal für eine WM qualifizieren könnten. Fußball gilt auf dem fünften Kontinent im Sport als „schlafender Riese“, schließlich spielen mehr Australier Fußball als Cricket oder Rugby. Die Nachwuchsarbeit gilt als hervorragend, auch der italienische Spitzenstürmer Christian Vieri lernte sein Fußwerk in „Down under“.“

Exil

Barbara Klimke (BLZ 15.6.) ergänzt: „Nach der verpassten WM-Teilnahme 2002 hat der Verband Australiens auf das Dilemma reagiert und dem Trainer Frank Farina einen Zweitwohnsitz in London spendiert. Dort ist er seinen Spielern näher, die sich fast ausnahmslos in Europa verdingen. Ihre Heimspiele muss die Nationalmannschaft seitdem im englischen Exil bestreiten – andererseits schärfte dies vor dem Confederations Cup den Blick für die Konkurrenz.“

Dilemma

Christof Kneer (SZ 15.6.) fügt hinzu: „Wer die australische Nationalmannschaft finden will, muss wissen, dass sie wie eine Bezirksligamannschaft aussieht, die gerade in die Bezirksoberliga aufgestiegen ist. (…) Locker und selbstbewusst sind sie immer, die Australier, aber die Wahrheit ist, dass Australien selbst nicht weiß, wie gut Australien ist. Es ist das Dilemma dieser Mannschaft, dass sie zwischen den Welten hängt. Für die eine Welt ist Australien viel zu gut, für die andere war sie bislang zu schlecht. Daheim in Ozeanien ist Australien der größtmögliche Große, er sammelt Kantersiege gegen die Salomon Inseln oder die Fidschis, und das 31:0 gegen Amerikanisch Samoa ist noch immer Weltrekord. Aber außerhalb Ozeaniens gilt Australien immer noch als Kleiner.“

FR: Mark Viduka – Star ohne Stammplatz

Welt: Tunesiens Star heißt Francileudo Silva dos Santos

Ball und Buchstabe

Die wollen sich ein Tennispublikum erziehen

Christoph Twickel (FTD 15.6.) erläutert anschaulich die Gründe für den heutigen Fanprotest: „Sie protestieren nicht nur gegen „Hooliganhysterie“ und „Polizeirepression“, es geht um mehr: Da sind die fernsehfreundlichen, aber fanfeindlichen Anstoßzeiten am Sonntag- oder Montagabend. Da ist die Umwandlung von Steh- in Sitzplätze im Zuge des Neu- und Umbaus der Stadien zu „Arenen“. Und da ist die zunehmende Kommerzialisierung des Spektakels Fußballs: Videoclips dröhnen in der Halbzeit, Schaumgummi-Limonadenflaschen und aufblasbare Handys laufen übers Spielfeld, Unternehmen präsentieren Ecken, Fouls oder Zwischenergebnisse oder kaufen gleich den Namen der Arena. So verschwanden traditionsreiche Orte wie das Hamburger Volksparkstadion oder das Frankfurter Waldstadion aus dem kollektiven Gedächtnis. Das Ticketingkonzept für die WM 2006 verärgert viele: Wo Fans einst durch Schlangestehen Ausdauer und Engagement beweisen konnten, herrscht jetzt mit der Internetlotterie das Zufallsprinzip. Fans haben keine Chance mehr, organisiert ins Stadion zu kommen, was Aktivist Markhardt für einen erwünschten Nebeneffekt hält. Fanproteste können heilsam sein. Beim HSV hatte man Sprechgesänge über die Stadionlautsprecher eingespielt, musste das nach heftigem Widerstand aber rasch beenden. Die Missachtung der Basis könnte sich rächen. Ein zwar zahlungskräftiges, aber unengagiertes Schönwetterpublikum nimmt dem Fußball eben jenen „Eventcharakter“, der ihn von konkurrierenden Massenveranstaltungen unterscheidet. Für Rostock-Fan Sebastian Eggert wäre eine solche Entwicklung fatal: „Die wollen sich ein Tennispublikum erziehen. Aber Fußball war schon immer ein Ventil der Gesellschaft und muss es auch bleiben.““

Deutsche Elf

Keine Gefahr, süßer Klang

Stefan Hermanns (Tsp 15.6.) wünscht dem deutschen Fußball mehr Einfluss von außen: „Wenn die Welt ein globales Dorf ist, dann haben sich die deutschen Fußballer in ihrer kleinen Hütte verschanzt. Für die Qualität des deutschen Fußballs ist das nicht von Vorteil gewesen. Der internationale Fußball hat sich verändert, er ist rasanter geworden und effizienter, aber die Deutschen haben sich der Moderne lange verweigert. Es ist kein Zufall, dass der Aufbruch nun von einem Trainer verantwortet wird, der aus Los Angeles nach Deutschland einfliegt: Jürgen Klinsmann kommt aus den USA, jenem Land also, in dem das Wort Globalisierung anders als bei uns keine Gefahr verheißt, sondern einen süßen Klang hat.“

Sprachrohr der Nöhler und Nörgler

Ludger Schulze (SZ 15.6.) beschreibt Theo Zwanzigers Rückhalt für Klinsmann (er ist offenbar nötig): „Der Präsident mag die Mäkeleien an Klinsmanns Methoden und Vorstellungen nicht gelten lassen, die sich ohnehin im Vagen bewegen. Konkret immerhin ist der Vorwurf, der in Kalifornien lebende Bundestrainer habe gefälligst seinen Wohnort nach Deutschland zu verlegen. Klinsmann ist diese leidige und immer wieder neu belebte Debatte derart gegen den Strich gegangen, dass er kürzlich in einem Fernseh-Interview mit dem ZDF ungewohnt barsch reagierte und sich gegen „gewisse Medien“ zur Wehr setzte, die mehr Macht in Bezug auf die Nationalelf anstrebten. Zweifellos meint Klinsmann damit die Bild-Zeitung, die sich zuletzt als Sprachrohr der Nöhler und Nörgler verstand.“

Zuspruch

Andreas Lesch (BLZ 15.6.) bewertet die Rückendeckung Gerhard Mayer-Vorfelders für Klinsmann: „Es ist bemerkenswert, dass der Verbandsboss das so deutlich gesagt hat. Zumal ihn niemand gefragt hatte, was im Falle eines vorzeitigen Ausscheidens passiert. Der frühere Politiker, in vielen Affären gestählt, hat offenbar bemerkt, dass der Bundestrainer von mancher Seite Gegenwind bekommt – und er hat vermutet, dass sein Zuspruch ihm da hilft.“

FR: Klinsmann klagt über „Querfeuer“ der Medien

Sehr lesenswert! FAZ: Klinsmann – made in USA

Plaziert und ausgebucht

Bald in Madrid? Michael Ballack mache viel bis alles richtig, nicht nur auf dem Spielfeld, meint Michael Horeni (FAZ 15.6.): „Bisher hat Ballack noch jedes Ziel seiner strategisch geplanten Karriere pünktlich erreicht. Als er vor drei Jahren zum FC Bayern wechselte, unterschrieb er einen Vertrag exakt bis zur WM 2006 – ohne Ausstiegsklausel, ein für sein Management eher unübliches Verfahren. Denn bis zum Großereignis im eigenen Land sollte Ballack zur überragenden Persönlichkeit im deutschen Fußball aufgebaut werden. Mittlerrweile liegt er, trotz erheblicher Schwierigkeiten beim FC Bayern vor Jahresfrist, wieder exakt in der Zeit. Nach der WM soll dann, so der Masterplan, das krönende Ende mit einem Wechsel, ins Ausland folgen, möglichst mit Titel im Gepäck. (…) Der neue Schub an Popularität bringt Ballack als Werbefigur nicht mehr weiter. Er ist als Markenprodukt für die WM ohnehin schon plaziert und ausgebucht.“

Tsp: Thomas Hitzlsperger – unbedingt lernwillig

Dienstag, 14. Juni 2005

Confed-Cup

Stimmensammler

Die Schöpfung des Confederations Cup, eine Kostprobe Blatterschen Wirkens und Werkelns – Christof Kneer (SZ 14.6.): „Man muss das jetzt endlich einmal sagen: Sepp Blatter ist ein guter Mensch, und man hat ihm oft Unrecht getan. War es nicht ergreifend, wie der Mann aus der total neutralen Schweiz bei der Vergabe der WM 2006 „The winner is Deutschland“ in die Mikrofone rief, obwohl er total neutral für Südafrika war? Hat er nicht kürzlich erst die Größe besessen, die Unappetitlichkeit des deutschen Wettskandals mit einer hundertprozentigen Erhöhung der Dienstbezüge für Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees zu kontern? Und ist er nicht auch sonst immer sehr sozial veranlagt gewesen, zum Beispiel, wenn er sich rührend um seine steinreichen arabischen Sympathisanten kümmerte? (…) Noch bevor er Confed Cup heißen durfte, wurde er schon als Stimmensammler-Cup belächelt, weil die Fifa-Regenten Havelange und Blatter mit dieser Erfindung vor allem ihr arabisches Wahlvolk bedienten.“

Retortenwettbewerb

Michael Jahn (BLZ 14.6.) befasst sich mit der Tradition des Confed-Cups in Deutschland: „Lange haben die Deutschen diesen Retortenwettbewerb nicht ernst genommen. 1997 sagte man aus Termingründen ab, 1999 musste Ribbecks Hilfs-Truppe ran, 2003 verzichtete der DFB erneut – aus Rücksicht auf den Kalender der Bundesliga. 2005 aber, als Gastgeber des seltsamen Pokalwettbewerbs, hat man fast den Eindruck, dieser Cup sei nach der Wahl des Deutschen Josef Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. das größte und wichtigste Ereignis unserer Zeit.“

Staffage

Die NZZ (14.6.) schreibt, worum es geht: „Es geht um ein sorgsam ausstaffiertes Nichts in den kommenden beiden Wochen in Deutschland. Doch die Staffage ist es, die für die Deutschen von Bedeutung ist. Sie wollen prüfen, wie der Stand ihrer Vorbereitungen ist. In fünf von zwölf WM-Stadien wird gespielt, vornehmlich geht es um die Sicherheit, die innerstädtischen Verkehrsverbindungen, Hotelkapazitäten und ein reibungsloses Parkleitsystem. Das alles verleiht dem Wettbewerb eine Wichtigkeit, wie sie wohl nur für die Organisatoren nachzuvollziehen ist.“

Probelauf

Roland Zorn (FAZ 14.6.) ergänzt und verweist auf den sportlichen Wert des Turniers: „Immerhin wird der in Deutschland jahrelang als überflüssig belächelten Veranstaltung dieser Tage eine Aufwertung zuteil, die unwirklich anmutet im Vergleich zur Vielzahl der abwertenden Äußerungen von gestern. Warum? Weil fast alle, die heute bereits am Riesenrad drehen, zwar vorderhand vom Confed Cup reden, in Wirklichkeit aber auch das Gigantenereignis im Sommer des kommenden Jahres meinen. Jeder simuliert schon mal den Ernstfall: die deutschen Organisatoren, die Mannschaften, die Fifa, die Fans, die Städte, die Polizei, die Sponsoren und so weiter. Dabei dürften genügend Erkenntnisse herauskommen, wie man es 2006 besser nicht und besser anders macht. Auch dafür ist der Probelauf Confederations Cup da. Sportlich birgt das Turnier genug Spitzenqualität, um diesmal auch von notorischen Kritikern ernst genommen zu werden.“

Er entzieht sich den Kategorien des Fußballs

Ronald Reng (SZ 14.6.) freut sich auf Ronaldinho: „Ronaldinho wird auch während des Konföderationen-Pokals Dinge vollbringen, zu denen niemandem eine andere Beschreibung einfällt als: Das ist Kunst. (…) Stürmer, Mittelfeldspieler, Torjäger, Passgeber – er entzieht sich den Kategorien des Sports. Er ist alles und mehr: Ronaldinho spielt keinen Fußball. Er erfindet ihn. Etwa „den Kaugummi“. So taufte José Pekerman Ronaldinhos Eigenart zu dribbeln: Während er rennt, passt er sich den Ball zigmal zwischen den eigenen Füßen hin und her; so schnell, dass der Gegner nicht mehr weiß, an welchem Fuß der Ball gerade klebt. Wer hätte gedacht, dass ein Turnier mit beschränktem Prestige für einen wie ihn eine spezielle Angelegenheit wird? (…) Wer hatte geglaubt, dass es so einen Spieler noch einmal geben würde? Im modernen, von Teamwork geprägten Spiel schien kein Platz mehr für die Figur des Überfußballers, die mit ihrer überbordenden Inspiration alles löst. Sie schien ausgestorben mit dem Abtritt Diego Maradonas. Vorige Wochen trafen sie sich. Und ein Künstler erkannte einen Künstler. „Maestro!“, rief Maradona, „wirst du weiter triumphieren?“ Dann beugte er sich hinab, um Ronaldinhos Hand zu küssen.“

BLZ: Griechenlands Fußball hat vom EM-Titel nicht profitiert – der Verband klagt über Verluste, die besten Spieler wandern ab

Ball und Buchstabe

Opfer des Sicherheitswahns

Christoph Biermann (SZ 14.6.) ist besorgt wegen der Spannung zwischen Polizei und Fans: „Ein Jahr vor Beginn der WM ist die Stimmung an der Basis so schlecht wie lange nicht. Gerade jene Fußballanhänger, die fast alle Spiele ihrer Klubs besuchen und in den Kurven für Stimmung sorgen, sehen sich als Opfer eines wachsenden Sicherheitswahns wegen der WM 2006. Dieser Eindruck entsteht in Folge einer Mischung aus martialischer staatlicher Rhetorik, undurchsichtigen Einträgen in die Datei „Gewalttäter Sport“ und scheinbar veränderter Polizeistrategie. (…) Es klingt wie ein Aberwitz, dass im Stadion eine Gefahr von der Polizei ausgehen soll.“

Opfer der Sicherheitshysterie

Christoph Twickel (FAS 12.6.) fügt hinzu: „Die Fans haben den Eindruck, daß sie schon ein Jahr vor Beginn der WM Opfer einer allgemeinen Sicherheitshysterie werden, die nach den Ausschreitungen deutscher Hooligans beim Länderspiel in Slowenien noch zugenommen hat. (…) Am Eröffnungstag des Confederations Cup wollen Fans aus ganz Deutschland in Frankfurt gegen „Polizeiwillkür, Hooliganhysterie und Repressionen“ demonstrieren.“

Am Grünen Tisch

Eigene Regeln umdribbeln

Thomas Kistner (SZ 14.6.) kommentiert Auswanderung Australiens nach Fußball-Asien: „So geht ruckzuck ein Kontinent in einem anderen auf, und die Fußballwelt nimmt keine Notiz davon. Das mag daran liegen, dass Australiens Verband stets sehr devot mit Blatter paktiert hat. Als der für seine Wiederwahl 2002 die Stimmen aus dem von der FFA geführten Ozeanien brauchte, versprach er dort einen weiteren WM-Startplatz, ein Versprechen, klar, dass er gleich nach seiner Kür wieder kassierte. Irgendwo anders aber muss sich der Fifa-Boss schon erkenntlich zeigen (…) Was soll der „Ausnahmefall“ für Australien sein, warum sollte nicht auch dessen größter Nachbar Neuseeland nach Asien wechseln dürfen? Da werden die Funktionäre wieder mal ihre eigenen Regeln umdribbeln müssen. Und was, wenn nun anderswo auf der Welt Begehrlichkeit wächst? Wenn beispielsweise die Verbände Mexikos und der USA den sportlich bedeutungslosen, sportpolitisch aber leider sehr bedeutenden Karibikverband Concacaf des stets empfänglichen Paten Jack Warner (Trinidad) verlassen und sich den ungleich leistungsstärkeren Südamerikanern anschließen wollen, der Federation Conmebol? Will die Fifa ihre Fürsorgepflicht für Ozeaniens verbleibende zehn bitterarme Inselreiche wahrnehmen, bliebe nur eine Lösung: die Fusion des Ozeanien-Verbandes OFC mit dem asiatischen Verband AFC.“

Bundesliga

Moralisch nicht gerade wertvoll

Das Theater Bundesliga – keine empfehlenswerte Lehranstalt, findet Philipp Selldorf (SZ 14.6.): „Studenten der Fußball-Ökonomie dürften den Fall Kuranyi als Lehrbeispiel dafür heranziehen, wie der Seitenwechsel eines Nationalspielers inszeniert wird. Dazu sucht und nutzt man vor allem die Öffentlichkeit. So ging Kuranyi schon im Wintertrainingslager auf Distanz zu seinem Verein, indem er Erwin Staudt mangelnden Respekt vorwarf. Just war der bei näherer Betrachtung besonders geringfügige, aber betont vor Publikum vorgetragene Konflikt beigelegt, beschwerte sich Kuranyi über das Management des VfB, und zum Saisonschluss war es dann Matthias Sammer, der ihm wegen angeblich vorenthaltener „Rückendeckung“ nicht gefiel. Als Sammer beim VfB entlassen wurde, war’s trotzdem nicht recht. (…) Aus dem Klub verlautet die bittere Überzeugung: „Er hat immer nur versucht, vom Täter zum Opfer zu werden.“ Gestern in Frankfurt gab sich Kuranyi vor allem erleichtert, dass die Sache erledigt ist. Über die alten Probleme will er nicht mehr sprechen, und der Präsident Staudt gefällt ihm jetzt wieder „menschlich sehr gut“. Es ist ein Transfer, wie es schon so viele gegeben hat in der Bundesliga: Moralisch nicht gerade wertvoll, aber produktiv für die hauptsächlich Beteiligten.“

Deutsche Elf

Fünfzig Meter hinter der letzten Abwehrlinie

Christian Eichler (FAS 12.6.) befasst sich mit der Lage des deutschen Fußballs und beschreibt den Fehler Oliver Kahns beim Ausgleich durch die Russen, den die Ahnungslosen und Lobbyisten (allein) der deutschen Abwehr ankreiden: „Die Lage ist schlecht. Immer noch. Man vergißt es nur, weil die Stimmung jetzt so gut ist: Jürgen Klinsmanns Verdienst. Daß die Stimmung der Deutschen für ihr Nationalteam besser ist als dessen Leistungen, gab es zuvor nie. Ein 2:2 gegen ängstliche Russen gilt als Fortschritt, man redet von der „Lernphase“, die jeden Fehler erklärt; obwohl Kahn bestimmt nicht mehr in der Lernphase war, als er vor dem Konter zum 2:2 in seinem Fünfmeterraum stand, fast fünfzig Meter hinter der letzten Abwehrlinie, statt wie ein moderner Torwart-Libero an der Strafraumgrenze. Ab und zu sollte man auch den Realismus wieder auspacken.“

Einsturzgefahr

Was wird deutscher Erfolg beim Confederations Cup nach sich ziehen, Ludger Schulze (SZ 14.6.)? Und deutscher Misserfolg? Was würden Bild, Maier, Lattek und all die anderen Bremsklötze des deutschen Fußballs nörgeln und quaken? „Geht alles gut, wird der Betreuerstab in seinen revolutionären Bemühungen bestärkt. Eine Pleite aber zöge ein ganzes Jahr von zerstörerischen Zweifeln nach sich. Das Aufbauwerk Klinsmanns geriete in akute Einsturzgefahr, und jede der erfreulichen Veränderungen fiele mit Wucht als fataler Fehler auf den Urheber zurück. Die leidige Wohnort-Diskussion würde mit Genuss in den Medien breit getreten, die Opfer des personellen Revirements im DFB würden als Zeugen der Anklage auftreten, und Fragen nach dem Sinn ungewöhnlicher Maßnahmen würden wie Giftpfeile durch den öffentlichen Raum schwirren. (…) Für Klinsmann steht bei der Mini-WM mehr auf dem Spiel, als das Turnier hergibt.“

FR-Portrait Per Mertesacker

Montag, 13. Juni 2005

Internationaler Fußball

Sinn für Kreativität

Michael Wulzinger (Spiegel 13.6.) befasst sich mit Argentinien unter Trainer José Pekerman: „Bei seiner Amtseinführung vor knapp neun Monaten zweifelten viele seiner Landsleute noch an seinen Führungsqualitäten. Nun wird der ehemalige Profikicker, der nach Beendigung einer bescheidenen Karriere Ende der siebziger Jahre seine Familie in Buenos Aires eine Zeit lang als Taxifahrer ernährt hat, als der Mann gefeiert, der das Zeug hat, dem fußballbesessenen Argentinien nach 20 Jahren endlich wieder den WM-Titel zu bescheren. Das ist bemerkenswert, weil Pekerman nicht der Wunschkandidat für den heiklen Job war. (…) Pekerman vertritt eine andere Spielauffassung als sein Vorgänger. Bielsa ordnete seine Akteure einem rigiden taktischen System unter und ließ sein Team nach europäischem Vorbild Kraft- und Ausdauerfußball spielen. Zuweilen kehrten die argentinischen Stars geschlaucht von ihren Einsätzen nach Europa zurück, gestresst auch von den Nebenwirkungen des legalen, muskelaufbauenden Stoffwechselprodukts Kreatin, das Bielsa ihnen verabreichen ließ. Pekerman hat mehr Sinn für Kreativität. Er verlangt keine Attacken und Spielzüge im Hochgeschwindigkeitstempo, dafür mehr Finesse und technische Dominanz. (…) Er hat Büchern viel zu verdanken. Seine bevorzugte Lektüre: Fachliteratur aus der Soziologie.“

WamS: Der stille Spielmacher Riquelme, einst als Maradonas Nachfolger gefeiert, polarisiert die Argentinier

Bundesliga

Versprechen gebrochen

Christian Zaschke (SZ 13.6.) kommentiert den Weggang Kevin Kuranyis aus Stuttgart und schaut wehmütig zurück auf den 1. Oktober 2003 – der Tag, an dem der VfB Manchester United 2:1 besiegt hat: „Nicht viel ist übrig geblieben von der Elf, die so viel hätte erreichen können. Mit dem Weggang Kuranyis hat der Zerfall einer Mannschaft seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Spieler verlassen Vereine, das gehört zum Geschäft, aber andere Vereine gehen damit besser um. (…) Es soll keinesfalls behauptet werden, dass der VfB abstürzt. Die Stuttgarter werden weiter über eine solide Bundesliga-Elf verfügen. Doch klar ist: Der VfB Stuttgart hat das Versprechen, das er an jenem Abend vor 20 Monaten gab, nicht halten können: eine aufregende, vielleicht sogar eine große Mannschaft zu werden.“

Unberechenbare Personalpolitik

Die WamS (12.6.) rügt Thomas Strunz: „Gespannt beobachten die Fans in Wolfsburg, wie der zu Jahresbeginn als Quereinsteiger zum Manager beförderte Strunz den Klub auf eigenwillige Weise im Rampenlicht hält: mit unberechenbarer Personalpolitik statt sportlichen Erfolgen. Doch nun kommen erste Befürchtungen auf, Strunz‘ Arbeit könnte zum größten Betriebsunfall des Klubs geraten. (…) Strunz wirkt, als wäre Christof Schlingensief an die Spitze des Diplomatischen Dienstes gerückt: Weil Scheppern zum Handwerk gehört, ist kein Porzellan vor ihm sicher.“

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 0,921 seconds.