Montag, 13. Juni 2005
Deutsche Elf
Nicht mehrheitsfähig
Armin Lehmann (Tsp 13.6.) fürchtet Ungeduld und Kurzsichtigkeit der Kritiker mit den Neuerungen Jürgen Klinsmanns: „Klinsmanns Agenda steht unter enormem Druck. Scheitert er mit seiner Verjüngung und seiner offensiveren Herangehensweise, ist das Urteil gefällt: Der Daumen wird sich über Klinsmann senken. In Deutschland, das zeigt Schröders Agenda 2010, sind notwendige Reformen nicht mehrheitsfähig. Dabei gibt es auch für Klinsmanns Weg keine Alternative. Sein umfassendes Konzept, das auch eine modernisierte Trainingsmethodik einschließt, ist zukunftsfähig. Er führt die Nationalmannschaft wie einen modernen Verein. Nur leider könnte es sein, dass Klinsmanns Reformeifer keine unmittelbaren Erfolge garantiert. Dann werden wieder die Zauderer auftreten und genau sagen können, warum Deutschland nicht Weltmeister geworden ist.“
Magier oder Zauberlehrling?
Lars Gartenschläger & Thorsten Jungholt (WamS 12.6.) verorten die Skepsis gegenüber Klinsmann bei den DFB-Funktionären: „Die Fachleute beim DFB sind sich nicht so sicher. Ein Gefühl der Unsicherheit, den Berufseinsteiger mit weitgehender Machtfülle ausgestattet zu haben, wabert weiter. Im Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die das Wirken des Bundestrainers mit überwältigender Mehrheit begrüßt, wissen die Funktionäre noch nicht so recht, ob sie in Klinsmann wirklich den großen Reformator des deutschen Fußballs sehen sollen oder doch nur einen ehrgeizigen Anfänger, der Spieler und Öffentlichkeit mit Reizen überflutet und dessen ambitionierte Amerikanisierung mehr Schein als Sein darstellt. Ist Klinsmann wirklich der moderne Magier des Erfolgs? Oder ist er ein Zauberlehrling, der sich bei den Basteleien an seinem Projekt 2006 hoffnungslos verstrickt?“
Welt-Interview mit Theo Zwanziger
Freitag, 10. Juni 2005
Internationaler Fußball
Liebe auf den letzten Blick
Sehr schön! Spanien wird von seinen Zuschauern für das 1:1 gegen Bosnien/Herzegowina verehrt – Ronald Reng (BLZ 10.6.) vermutet die Rosa-Brille: „Lange hat die spanische Nationalelf auf ein bisschen Liebe gewartet. Das Land schien desillusioniert und gelangweilt von einem Team, das eines der besten der Welt sein sollte und doch seit Jahrzehnten regelmäßig versagt. Am Mittwoch hat es sie tatsächlich erwischt. Es war Liebe auf den letzten Blick zwischen der Nationalelf und ihrem Publikum, aber sie brach in ungezügelter Hemmungslosigkeit aus. Fußball ist wie Frühling: Er bringt die Gefühle zum Explodieren. Ein einziger Moment wie Carlos Marchenas Tor in der siebten Minute der Nachspielzeit, ein Tor, an das niemand mehr geglaubt hatte – und eine Elf und sein Publikum verlieren vor Glück den Verstand. Wenn ein Team Weltmeister wird, kann die Zuneigung nicht frenetischer sein – dabei war die Nationalelf gerade auf dem Tiefpunkt ihrer an Tiefen nicht armen jüngeren Geschichte angekommen. (…) Viel erinnert an Deutschland im Jahr 2000 unter Erich Ribbeck: Man weiß schon vorher, es wird nichts. (…) Es ließ sich ahnen, dass es den Fans nicht anders gehen würde als vielen in einer Frühlingsnacht: Wenn man am nächsten Morgen noch einmal hinschaut, fragt man sich: Wie konnte man nur?“
BLZ: von Griechenlands 0:1 gegen Ukraine
taz: Argentinien besiegt Brasilien 3:1
Am Grünen Tisch
Kaltgestellt
Was macht eigentlich Gerhard Mayer-Vorfelder? Eine Notiz von Jan Christian Müller (FR 10.6.): „Bei Theo Zwanzigers Empfang mit Merkel, Schily, Beckenbauer und Netzer wurde wie nie zuvor deutlich, wie sehr „MV“ zur Randfigur geworden ist. In der langen Latte an Danksagungen kam er ganz hinten unter ferner liefen, auf die Bühne durfte er nicht. Noch nicht einmal am Ehrentisch saß er anfangs, sondern im Hintergrund, allein an einem Bistrotisch. Man muss kein Freund des Patriarchen sein, um seine Situation als entwürdigend zu empfinden. Noch bei seiner Wahl 2001 in Leipzig wurde der inzwischen 72-Jährige von den Adlaten im Verband untertänigst hofiert; jetzt wird er kaltgestellt wie eine Flasche Bier im Keller.“
Noch ist Beckenbauer nicht Bundespräsident
Das Streiflicht (SZ 10.6.) befasst sich mit der Abwahl Gerhard Schröders und erklärt, wie sie hätte verhindert werden können: „Wenn’s denn so kommt, hat sich’s der Kanzler selber zuzuschreiben. Halbherzig nur hat er dem Fußball jenen Raum gegeben, der ihm zukommt. Noch füllt Fußball nicht die ganze Sendezeit der Fernseh-Anstalten aus. Noch ist Beckenbauer nicht Bundespräsident. Noch findet keine einzige Bundestagssitzung in der gebenedeiten Allianz-Arena statt. Noch hat nicht jedes Stadion einen Landeplatz und eine direkte Autobahn-Anbindung. Noch dürfen Spieler in den Regionalklassen schlechter bezahlt werden als Minister. Noch dümpelt auch jene Änderung des Grundgesetzes in den Koalitionsausschüssen, welche den Artikel 6 der Verfassung zeitgemäß abrundet: „Ehe, Familie, Fußballtore und der von den Eckfahnen begrenzte Raum stehen unter dem besonderen Schutz des Staates.“ Natürlich: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Das macht dann Angela, die Frau mit dem Blick für den am besten positionierten Mann.“
Deutsche Elf
Knöcherne Allianz aus Grantlern, Gurus und Gestrigen
Ludger Schulze (SZ 10.6.) gehen die Nörgler auf die Nerven: „Zehn Jahre lang verharrte die Nationalelf in Stagnation und verbreitete die Aura verzweifelter Hilf- und Hoffnungslosigkeit. Inzwischen, nach einem knappen Jahr unter der Führung von Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Joachim Löw, spielt die Auswahl nach einem durchdachten Plan aus aggressivem Forechecking und mutigem Angriffsspiel. Die positive Atmosphäre in den Stadien dokumentiert das Erwachen eines Publikums, welches die Zeitenwende spürt. Wenn man nun das tadellose Auftreten des Teams außerhalb des Rasens hinzurechnet, müssten Kritiker und Konsumenten eigentlich… Stattdessen wird an den neuen Chefs herumgenörgelt, an ihren ungewohnten Trainingsmethoden, an der Loyalität mit den eigenen Spielern (siehe Lehmann), an ihrem Wohnort oder an ihrer überschwänglichen Rhetorik. Schwerer noch, als aus der Wüste eine blühende Fußball-Landschaft zu machen, ist es, die knöcherne Allianz aus Grantlern, Gurus und Gestrigen zu überzeugen.“
Fußballreformpaket noch nicht fertig
Was ist an dem 2:2 gegen Russland zu bemängeln, Christof Kneer (SZ 10.6.)? „Klinsmann ist ein Freund der Geschwindigkeit, und es kann ihm nicht gefallen, dass im Tempodrom Nationalmannschaft die ersten unfreiwilligen Stehversuche zu verzeichnen sind. Es kann ihm nicht gefallen, dass er vier Monate nach dem 2:2 gegen Argentinien nun das gleiche Spiel noch einmal erleben musste. Frech hat Klinsmann jene jungen Spieler erfunden, von denen alle dachten, dass es sie gar nicht gibt, aber er hat jetzt lernen müssen, dass er sich auf diese Mannschaft noch nicht so verlassen kann, wie er das gehofft hatte. (…) Ein Wunder ist es nicht, dass dieses Fußballreformpaket noch nicht fertig geschnürt ist, aber es scheint, als würde die Nation plötzlich jenes Tempo einfordern, das ihr anfangs selbst nicht geheuer war. „Klinsi, das war nix“, titelte Bild gestern.“
Reifeprozeß vor sich
Michael Horeni (FAZ 10.6.) hofft auf die Zukunft: „In der neuen Mönchengladbacher Heimat der ehemals berühmtesten deutschen Fußball-Fohlenzucht war deutlich zu erkennen, daß dieses von Klinsmann auf die nationale Dimension erweiterte jugendbewegte Fußballexperiment noch einen langen Reifeprozeß vor sich hat.“
Absichten und Worte
Michael Rosentritt (Tsp 10.6.) sorgt sich um die Verteidigung: „Klinsmann hat viele Symbole des Aufbruchs gesetzt. Im Augenblick aber bieten die guten Absichten und die starken Worte mehr Hoffnung und Halt als die deutsche Abwehr auf dem Rasen.“
of: Viel Kritik gibt es zurecht an den deutschen Abwehrspielern. Oliver Kahn hingegen, der beim 2:2 genauso jung wie seine Vorderleute aussieht, lebt weiter unter Artenschutz.
Verkörperung der Sehnsucht
Andreas Lesch (BLZ 10.6.) schreibt über den zweifachen Torschützen: „Bastian Schweinsteiger verkörpert die Sehnsucht nach dem schönen Spiel. Er drängt bedingungslos nach vorn, er kann nicht anders, er dribbelt, er sucht das Duell eins gegen eins – ein Künstler, wie ihn der deutsche Fußball schmerzlich vermisst. Er wirkt unbeschwert, ursprünglich, verspielt, wie die Straßenfußballer, die es eigentlich nicht mehr gibt. Er hat eine Geschichte, die sich verkaufen lässt: Er ist verletzt gewesen vor der Saison, er ist beim FC Bayern versetzt worden zu den Amateuren, er hat sich hochgekämpft und ist angekommen im Mittelfeld des deutschen Teams. Er ist wie geschaffen als Hoffnung für die WM.“
SZ: Schweinsteiger, Fußball mit einem Lächeln
Tsp: Podolski und Schweinsteiger stehen mit ihrer Unbekümmertheit für die Zukunft der Nationalmannschaft
Donnerstag, 9. Juni 2005
Allgemein
Auf unterschiedliche Art gleich
Sehr lesenswert! Ronal Reng (Zeit 9.6.) zeigt uns Lothar Matthäus im Spiegel Jürgen Klinsmanns: „Er ist ein scharfer Analytiker eines Fußballspiels, er macht ein gutes Training. Und die Angebote aus der Bundesliga oder anderen großen Ligen lassen auf sich warten. Matthäus, darauf laufen alle Gespräche mit Machern im deutschen Fußball hinaus, sei sein eigener Feind. Zu egozentrisch. Kann den Mund nicht halten. Garantiert Ärger. Doch liegt es wirklich nur an ihm? Während sie in anderen Ländern generös über die Makel ihrer Fußballstars hinwegsehen, in England David Beckham trotz seiner Selbstverliebtheit lieben, in Spanien Raúl vergöttern, obwohl er permanent schlechte Laune ausstrahlt, wurde in Deutschland ein Sport daraus, über Matthäus zu lächeln oder zu lästern. Weil wir Deutsche in Matthäus all das wiedererkennen, was wir an uns selbst hassen? Sobald seine Heimkehr auch nur als vage Möglichkeit auftaucht, regt sich Widerstand. „Wenn er Bundestrainer wird, melde ich unsere Elf in der holländischen Liga an“, sagte Rudi Assauer, als Matthäus mit dem Amt liebäugelte. Dass es Jürgen Klinsmann bekam, hatte seine Ironie. Ihre gesamte Karriere hindurch verbindet sie eine Rivalität, wie es sie sonst nur bei Einzelsportlern gibt, Muhammad Ali gegen George Foreman, Sebastian Coe gegen Steve Ovett. Matthäus und Klinsmann schafften es, als Spieler zusammen erfolgreich zu sein und trotzdem wie Gegner dazustehen. Auf ihre unterschiedliche Art sind Matthäus und Klinsmann gleich. Sie sind sehr deutsche Stars. Ihre Ziele erreichten sie mit Hartnäckigkeit, Besessenheit, Verbissenheit. Leichtigkeit haben sie nie besessen. Klinsmann kann das verbergen, mit seinem Sonnyboy-Lächeln, seinem Talent für Fremdsprachen, seinem Leben in Los Angeles. Matthäus kann man es immer ansehen: den brennenden Ehrgeiz, die Sehnsucht, weltgewandt zu wirken; den Wunsch, nach jedem Streit trotzdem geliebt zu werden. (…) Er ist ein Kind des deutschen Fußballs der Achtziger. Dort ging es nie so sehr um Taktik oder Talent, sondern immer um den Willen. (…) Am deutlichsten kam das System „Gemeinsamer Erfolg durch Konflikte untereinander“ zu seiner Spielerzeit beim FC Bayern zum Tragen. Damals bildeten sich regelrechte Lager, sogar im Präsidium und in den Medien, Manager Hoeneß, Klinsmann und die Süddeutsche Zeitung auf der einen Seite, Präsident Beckenbauer, Matthäus und Bild auf der anderen.“
Der fromme Francesco
Sehr lesenswert! Francesco Totti bleibt in Rom – Dirk Schümer (FAZ 9.6.) schreibt, warum und blickt zurück auf Tottis Spuckattacke gegen den Dänen Christian Poulsen und seine Beichte: „Totti erwies sich auf dem Tiefpunkt als leidenschaftlich frommer Römer, indem er das Trikot des Spiels einer beliebten Wallfahrtskirche vor den Toren der Ewigen Stadt darbrachte – zusammen mit dem Schwur, es nicht wieder zu tun. Auch als Johannes Paul II. starb, fand sich der fromme Francesco zu Gebeten auf dem Petersplatz ein, schließlich schreibt er mit ortstypischem Aberglauben seine Karriere einer persönlichen Segnung durch den Pontifex vor zwanzig Jahren zu. Nun läßt sich solch römischer Katholizismus ebensogut als beständiges Ritual der Reue wie als feste Lizenz zum Sündigen deuten, denn niemand glaubt im Ernst, daß Totti sich durch den Segen der Kirche noch grundlegend wandeln könnte. So blieben denn auch nach der EM die rituellen Gebote großer internationaler Klubs auffällig aus, wohl weil man sich nirgendwo für viel Geld einen rauhbeinigen Exzentriker in den Kader holen wollte. Jahrelang hatte das große Kind Francesco, den sie in seiner Stadt zärtlich den „Pupone“ – das Riesenbaby – nennen, alle Verlockungen zur Abwanderung stets ausgeschlagen, wollte die leckere Pasta aus Rom partout nicht gegen den Nebel bei Chelsea London oder das galaktische Raumfahrtkommando von Real Madrid eintauschen. Doch was Fußballkenner als einen Verlust beklagen, dürfte den Ur-Römer Totti nicht reuen. Denn was ein echter Gladiator ist, der sieht im Rest der Welt nur fußballerische Provinz.“
Die Beckhams der Niederlande
Christian Görtzen (FAZ 9.6.) begrüßt Rafael van der Vaart in Hamburg: „Seit Jahrzehnten nicht mehr, genaugenommen seit der Vertragsunterschrift des Engländers Kevin Keegan 1977, sind an einen ausländischen Spieler derart hohe Erwartungen gerichtet worden wie jetzt an van der Vaart, die teuerste Neuerwerbung in der Vereinsgeschichte. (…) Nicht allein seine zeitweilige Stagnation und die Meinungsverschiedenheiten mit Ajax-Trainer Danny Blind ließen van der Vaart nach einem neuen Umfeld Ausschau halten. Vertrieben hat ihn aus seinem früheren Paradies vor allem das überbordende Medieninteresse an seiner Beziehung zu der vier Jahre älteren, bildhübschen Fernsehmoderatorin Sylvie Meis. Die „Beckhams der Niederlande“, als die sie bald galten, wurden immer wieder zur Zielscheibe von Verunglimpfungen.“
Mittwoch, 8. Juni 2005
Allgemein
Bild des unerschrockenen Aufbruchs
Bastian Schweinsteiger, Repräsentant der Nationalelf – Michael Ashelm (FAZ 8.6.): „Jung, unkompliziert, aufstrebend, motiviert, Lausbuben-Image: ein Kicker fürs Fußballvolk. Ins Marketingraster von Oliver Bierhoff paßt Schweinsteiger schon jetzt perfekt. „Ein Spielertyp, der viel Spaß bringt, der die Phantasie bei den Jugendlichen und Kids anregt“, sagt Bierhoff, „mit einer Frechheit, die nicht ungezogen ist.“ Mit anderen recht unerfahrenen Mitstreitern wie Lukas Podolski verkörpert der zwanzig Jahre alte Münchner das erwünschte Bild des unerschrockenen Aufbruchs im deutschen Fußball (…) Das vergangene Jahr war für den Oberbayern, der in noch jüngeren Jahren auch kurz mit einer Karriere als Skirennläufer geliebäugelt hatte, ein Slalom durch die schöne und tückische Welt des Fußballs.“
Internationaler Fußball
Es derzeit gibt kaum ein spannenderes Projekt als den russischen Vereinsfußball
Christof Kneer (SZ 8.6.) befasst sich, am Beispiel des Co-Trainers der Nationalmannschaft, mit der Entwicklung des russischen Fußballs: „An Alexander Borodiuk lässt sich am besten erzählen, was passiert ist in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten. Borodiuk war der erste Spieler aus der alten Sowjetunion, der ins westdeutsche Profilager wechselte, 1989, zum damaligen Zweitligisten FC Schalke 04. Mit ihm begann das Legionärswesen in diesem riesigen Land, und bald hatte Russland eine Debatte eingeholt, die im Westen schon viel früher geführt wurde: Ist es gut für die Nationalmannschaft, wenn viele Spieler ins Ausland gehen? Oder ist es schlecht, weil das Niveau der heimischen Liga sinkt? Aber heute wird die Debatte längst andersherum geführt: Ist es gut für die Nationalelf, dass so viele Ausländer in Russlands erster Liga spielen? Neueste Zählungen haben 219 Legionäre aus 46 Nationen ermittelt, und spätestens seit dem Uefa-Cup-Sieg des ZSKA Moskau hat der Rest des Kontinents begriffen, dass es derzeit kaum ein spannenderes Projekt gibt als den russischen Vereinsfußball. Es ist Mode geworden bei den neuen Kapitalisten im Öl- und Gasgeschäft, sich ein Fußballteam zu halten.“
BLZ: Eine hoffnungsvolle Generation russischer Fußballprofis nähert sich den großen Mannschaften der Welt
BLZ: Griechenland vor dem Spiel gegen Ukraine
Tsp: Vor dem Spiel Argentinien gegen Brasilien
Ball und Buchstabe
Schaukasten für die neue Soziologie des Fußballs
Sehr lesenswert! Dirk Kubjuweit (Spiegel/Gesellschaft 6.6.) warnt vor einer Spaltung des Fußball-Publikums in der Allianz-Arena und in anderen Stadien: „Die meisten WM-Arenen sind fertig, und sie sind schön und praktisch, aber sie zeigen auch mehr als die alten, dass sich etwas verändert hat bei den Zuschauern. Und weil in München die Gegensätze besonders stark sind, präsentierte sich die Allianz-Arena auch als Schaukasten für die neue Soziologie des Fußballs. (…) In München gibt es jetzt die Zweieinhalbetage. Sie liegt zwischen Mittelrang und Oberrang, ein schmales Zwischengeschoss, ein gläserner Schlitz im Stadion. Hier sind rundum Logen. Man sieht Leute in gedämpftem Licht tafeln, die Glastüren stehen bei gutem Wetter offen. Mit der Loge zerfällt die Erregungsgemeinschaft in Lager. Es gab auch früher die Trennung zwischen Arm und Reich, aber es gab die gemeinsame Erfahrung kalter Füße im Winter und, ganz früher, die Begegnung am Bierstand in der Halbzeit. In der Allianz-Arena hat sich die Welt des Geldes vom Rest abgeschottet. Bequemlichkeit geht mehr denn je vor Zugehörigkeit. Das Stadion wird zur Kulisse für die Vertragsanbahnung. (…) Die Ränge und stumpfen Winkel schaffen Zonen des Gegensatzes und des Aneinander-vorbei-Sehens. Das neue Stadion passt zu einer Gesellschaft, die sich wieder in Schichten fraktioniert. Es ist ein ehrliches Stadion. Ein gemeinsames Erleben gibt es erst nach dem Spiel – im Stau vor der Ausfahrt des gigantischen Parkhauses. Im Zustand angespannter Bewegungslosigkeit, dem deutschen Zustand schlechthin, ist man wieder Erregungsgemeinschaft.“
Deutsche Elf
Hochs und Tiefs
Andreas Lesch (BLZ 8.6.) wundert sich noch immer über die Kritik der Knallpresse an Klinsmann und der Nationalmannschaft nach der Niederlage in München: „Schon jetzt hat der Bundestrainer die Hochs und Tiefs seines Jobs erlebt, nach nicht einmal einem Jahr im Amt. Er ist gefeiert worden für den frischen Stil seines Teams, und er ist dann, sofern man der Bild-Zeitung glaubt, fast ansatzlos in eine „Klinsi-Krise“ geschlittert, nach einem 2:4 im Freundschaftskick gegen den FC Bayern München. Lange hat Klinsmann der Öffentlichkeit die Themen diktiert. Er hat sie Woche für Woche mit seinen Neuerungen beschäftigt, so sehr, dass sich kaum einer Gedanken machte, was der Reformeifer auf dem Platz überhaupt bringt.“
Was für eine Marke?
Christof Kneer (SZ 8.6.) beschreibt die Baustelle Nationalelf: „Exakt ein Jahr dauert es jetzt noch, bis die WM beginnt, und noch nie hat man so deutlich gespürt, dass der deutsche Fußball eigentlich gar nicht weiß, was für eine Marke er genau ist. (…) Der deutsche Fußball hat keine souveräne Abwehr mehr, und noch schlimmer ist, dass aus den Tugenden offenbar Untugenden geworden sind. Intern heißt es, die Auswertungen der Fitnesstests seien keineswegs zur Zufriedenheit ausgefallen.“
Ein bisschen viel für deutsche Fußballer
Frank Hellmann (FR 8.6.) skizziert das Anforderungsprofil Außenverteidiger: „Der deutsche Fußball fahndet seit mehr als einem Jahrzehnt nach einem wie Andreas Brehme, der beidfüßig komplex zu kicken wusste. Vielleicht liegt die Wurzel des Übels auch in den umfassenden Anforderungen an die Außenposition: Der Mann hat schnell wie zweikampfstark und beim Einrücken auch kopfballstark zu sein, dazu taktisch geschult und technisch gewieft; er soll den Gegner ablaufen können, um bei Vorstößen auch mal einen Kontrahenten auszuspielen und eine genau getimte Flanke zu zirkeln. All das im hohen Tempo und auf engem Raum. Vielleicht ist das einfach ein bisschen viel für deutsche Fußballer.“
Tagesspiegel-Interview mit Joachim Löw
Dienstag, 7. Juni 2005
Internationaler Fußball
Goldzeit
Die Slowakei hat eine gute Chance, sich für die WM zu qualifizieren; für Ronald Reng (taz 7.6.) staunt nicht: „Es ist längst keine Überraschung mehr, dass es solche Überraschungen gibt. Mitte der Neunziger verwandelte sich der Fußball für immer, er wurde eine weltweite Freihandelszone. Der Ausverkauf der schwächeren nationalen Vereinsligen wurde beschrieen, weil nun plötzlich massenweise Norweger in England spielten, Bulgaren in Deutschland oder Kroaten überall. Doch für die Auswahlteams der kleinen Nationen war es der Beginn der Goldzeit. (…) Norwegen bei der WM 1994 war der erste, seitdem scheint ein Platz in der Endrunde für einen Überraschungsgast quasi reserviert. Slowenien übernahm die Rolle 2000 und 2002, Lettland 2004.“
WamS: Argentinien und Brasilien treffen aufeinander, die Partie wird von einer seit Jahren nicht mehr erlebten Welle aus Antipathie und Rassismus erfaßt
WM-Qualifikation: der Spieltag in Südamerika, NZZ
Gespür für den richtigen Moment
Rod Ackermann (NZZ 7.6.) kommentiert den Rücktritt Guy Roux’: „Ende – nach 44 Jahren. Teilweise überrascht, vor allem aber bedauernd, rieb sich toute la France die Augen. Konnte es denn wirklich sein, dass der Mann, der seit Menschengedenken als Markenzeichen eines der beständigsten Klubs des Landes galt, einfach so aufhört? War die Aussicht auf ein zusätzliches Amtsjahr null und nichtig? Fussball-Frankreich fällt es jedenfalls schwer, sich eine Szene ohne die Persönlichkeit auszumalen, die längst zur nationalen Institution geworden ist. Seit 1961 auf der Trainerbank von Auxerre, wo der einstige Mittelfeldspieler zahlreiche Talente – unter anderen Laurent Blanc, den späteren Captain der „Bleus“, und Djibril Cissé, jüngst mit Liverpool Champions-League-Gewinner – entdeckt, gefördert und ins grosse Geschäft katapultiert hatte, bewies Roux ein feines Gespür auch für den richtigen Moment zum Abtreten.“
Bundesliga
Kompromiß
Achim Lierchert (FAZ 7.6.) schreibt über die Verpflichtung Holger Fachs in Wolfsburg: „Fach ist die Kompromißlösung zwischen höchst unterschiedlichen Vorstellungen gewesen, die man sich über das Profil des neuen Mannes gemacht hatte. (…) Schon in zwei Wochen beginnt die Vorbereitung auf eine Saison, in der Mannschaft, Trainer und Manager nach zuletzt erfolglosen Jahren im Bundesliga-Mittelmaß unter einem bisher nicht dagewesenen Erfolgsdruck stehen.“
Eine Verbindung, die passt
Jörg Marwedel (SZ 7.6.) ergänzt: „Die Verantwortlichen mühten sich, den Eindruck zu zerstreuen, Fach sei eine Notlösung. (…) Strunz und Fach – das könnte eine Verbindung sein, die besser passt als die gescheiterte Beziehung zwischen dem kompromisslosen Strunz und dem knorrigen Gerets, die sich manches Scharmützel um die Richtlinienkompetenz lieferten. Das neue Tandem entstammt derselben Fußballergeneration, ist von ähnlich cooler Natur und hat laut Strunz ziemlich deckungsgleiche Ansichten, was die künftige Spielweise angeht.“
Deutsche Elf
Arbeitsteilung zwischen Holzmichel und Künstler
Ein sehr kluge Analyse über deutsche Abwehr von Christof Kneer (SZ 7.6.): „Welch titanische Aufgabe Jürgen Klinsmann übernommen hat, zeigt sich nirgendwo besser als gerade dort, wo Deutschland immer am stärksten war. Hinten war das ja immer einfach, man bestellte die Abwehrspieler in der Mannheimer Vorstopperschule, und von da aus kamen dann die Försters, Kohlers und Wörns’ übers Land und verbreiteten Angst und Schrecken. Und hundert Meter hinter sich hatten sie einen Libero stehen, der all das wegräumte, was die Mannheimer noch übrig ließen. Die Deutschen waren immer so stolz auf die Arbeitsteilung zwischen manndeckendem Holzmichel und Spiel eröffnendem Künstler, dass sie selbst dann noch am Erfolgsmodell festhielten, als es längst aus der Mode gekommen war und andernorts längst schicke Ketten gebaut wurden. Genauso wie Rudi Völler leidet Jürgen Klinsmann noch heute darunter, dass die Vorgänger Berti Vogts und Erich Ribbeck den alternden Lothar Matthäus bis kurz vor die Pensionsgrenze als treudeutschen Libero besetzten. Auf diese Weise ist dem Land eine halbe Generation an modernen Verteidigern verloren gegangen.“
Get together
Noch eine Änderung unter Jürgen Klinsmann – für Christoph Biermann (SZ 7.6.) nichts Neues: „Einen so genannten Medientag, zu dem alle Nationalspieler kommen, sich an Tischen verteilen und die Reporter freifließend zu ihnen gesellen können, hat es in der Geschichte der deutschen Nationalauswahl noch nie gegeben. Sonst gibt es das, was man früher in der Schule Frontalunterricht nannte: Oben auf dem Podium sitzen die Befragten und unten im Saal die Frager, was zu dem Umstand führt, dass man am nächsten Tag in vielen Zeitungen lesen kann, was unten gefragt und oben geantwortet wurde. Von daher dürfte so ein Medientag für eine Diversifizierung der Berichterstattung sorgen. Zudem sollten die Spieler auf die absehbare Belagerung im nächsten Jahr vorbereitet werden. Obwohl der Bundestrainer vom „Media Day“ sprach und vom „Get Together“, folgt diese Neuerung alten Gepflogenheiten in Holland. Jedenfalls macht es die Oranje Elftal schon seit vielen Jahren so. Muss nicht mehr nur vor der Amerikanisierung, sondern auch vor der Hollandisierung des Nationalteams in der Ära Klinsmann gewarnt werden?“
FAZ: Kuranyi sucht Rat, Frings wartet kühl ab
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