indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 30. Mai 2005

Bundesliga

Kein Rücktritt aus freien Stücken

Frank Heike (FAZ 30.5.) kommentiert die Kündigung Erik Gerets’: „Der Belgier geht, wie er kam: als aufrechter, stolzer Mann mit Prinzipien. Trotzdem ist er beim VfL Wolfsburg nach gutem Beginn gescheitert. Es ist klar, daß Gerets gehen mußte, weil sein Verhältnis zu Sportdirektor Thomas Strunz belastet war. Die beiden konnten einfach nicht miteinander arbeiten; sie stritten um Kompetenzen und neue Spieler, später um lächerlichen Kleinkram. Strunz hatte dann in einer Fernsehsendung Mitte Mai zwar verklausuliert, aber vernehmbar Gerets zum Schuldigen für den sportlichen Niedergang gemacht. (…) Es war kein Rücktritt aus freien Stücken. Es war ein Rücktritt, den der vom Hauptanteilseigner Volkswagen bestimmte Aufsichtsrat Gerets nahegelegt hat. Die Taktik war durchschaubar: Beim auf Sparkurs getrimmten Weltkonzern würde keine Abfindung wegen einer Kündigung fällig, und Gerets könnte sein Gesicht wahren, indem er die Entscheidung fällen durfte. So kam es. Eine freie Wahl war es nicht.“

Samstag, 28. Mai 2005

Allgemein

Perfekt, perfekt, perfekt

Jan Christian Müller (FR 28.5.) schwärmt von Michael Ballack: „Ganz egal, wie viele Konditions-, Kraft-, Co-Torwart- oder Mentaltrainer den deutschen Nationalspielern die Muskeln stark und die Köpfe frei machen, völlig einerlei, mit wie vielen gut informierten Scouts Klinsmann die Gegner beobachten lässt – Ballack darf während der WM nicht ausfallen. (…) Es gibt auf der ganzen Welt keinen einzigen Mittelfeldspieler, der aus der Tiefe des Raumes nach vorn stoßend so viel Gefahr zu verbreiten vermag wie Ballack. Und niemand ist auch nur annähernd so stark im Kopfballspiel. Ballacks Timing: perfekt. Ballacks Technik: perfekt. Ballacks 1,89 Meter großer, auch oben herum auffällig kräftiger Körper: perfekt. (…) Ballack ist zudem bereit, Schmutzarbeit nach hinten zu verrichten.“

Versteckt

Andreas Hunzinger (FR 28.5.) wünscht sich mehr von Ballack: „Ballack ist, seit er 2002 zu Bayern München wechselte, zumeist dann, wenn das Spiel bedeutsam, der Gegner prominent und spielstark und die Ausgangslage für die Bayern schwierig wurde, abgetaucht. Der Grund: Bei aller fußballerischen Klasse mangelt es ihm an der nötigen mentalen Stärke. Er, von Grund auf ein wenig phlegmatisch, macht nicht den Eindruck, als besitze er das Feuer, den fanatischen Willen, der große Spieler auszeichnet, die es nicht ertragen können, wenn das Spiel gegen ihr Team und den Erfolg läuft. Wo echte Köpfe einer Mannschaft wie Ballacks Bayern-Vorgänger Stefan Effenberg, Zidane, Keane oder jüngst Steven Gerrard beim Champions-League-Finale die Ärmel aufkrempelten, wenn es gefordert war, hat sich Ballack bislang meist versteckt, wenn es ungemütlich wurde.“

of: Einen Aspekt vergessen Ballacks Chronisten meist: Keiner fällt so leicht wie er. Man denke an die Schwalben in Chelsea (2:4) und gegen Rostock (3:1). Auch außerhalb des Strafraums täuscht Ballack oft vor, er sei gefoult worden. Das sollte er, der Kapitän unserer Nationalmannschaft, sich abgewöhnen; das sollten die Journalisten mehr anprangern.

BLZ: Für Sebastian Deisler beginnt die Saison erst jetzt, da sie zu Ende ist

BLZ: Ebbe Sand ist die Konstante beim Umbau von Schalke 04

Tsp: Andreas Müller, der Kanzleramtsminister von Schalke

Interview

Uns fragt niemand

Felix Magath mit Sven Goldmann & Daniel Pontzen (Tsp 28.5.)
Tsp: Hätte der Spieler Magath Spaß unter dem Trainer Magath gehabt?
FM: Großen Spaß. Aber ich hatte das Glück, zwei der besten Trainer überhaupt zu haben, Branco Zebec und Ernst Happel. Es hieß ja immer, ich wäre nicht gern gelaufen. Das ist Blödsinn! Ich war beim HSV einer der Lauffreudigsten, bei sämtlichen Konditionseinheiten waren es immer dieselben Spieler, die vorne waren, und ich kann ihnen versichern: Ich war dabei. Ich weiß genau, wie viel ich selbst trainiert habe, ich weiß genau, wie viel ich jetzt trainieren lasse – und, glauben Sie: Es ist viel weniger, als ich als Spieler selbst trainiert habe. Ernst Happel hat immer gesagt, dass ich zu viel laufe. Er hatte wahrscheinlich Recht.
Tsp: Sie haben schon vor ein paar Jahren gesagt, Sie würden lieber im Ausland arbeiten, zum Beispiel in England, da werde noch mehr Wert auf den Sport gelegt.
FM: Dass ich ins Ausland wollte, war eine rein persönliche Sache: Weil ich gerne mal im Ausland gelebt, eine Sprache gelernt hätte, und ich glaube, dass mich das auch als Trainer weitergebracht hätte. Es wird immer der Mentalität der Leute entsprechend Fußball gespielt, und hier in Mitteleuropa sehe ich halt die Tendenz, dass das Sportliche immer mehr in den Hintergrund gedrängt und das Geschäft in den Vordergrund gerückt wird. Und in England ist das eben noch anders.
Tsp: Hat das mit einer anderen Fußball-Ethik zu tun?
FM: So ist es. Da fällt mir eine Szene ein: Ich war irgendwann mal ohne Job, da war ich in England und habe mir das Spiel Leeds gegen Liverpool angeschaut. Da war gerade der Kalle Riedle von Dortmund nach Liverpool gewechselt. Irgendwo im Mittelfeld kommt ein so genannter Mörderball, Riedle und sein Gegenspieler gehen hin. Der Gegner geht mit der Sohle voll rein, und Riedle, der das nicht gewohnt ist, wird getroffen, fällt um. Er will liegen bleiben. Aber dann fällt ihm auf einmal ein: Hoppla, ich spiele ja nicht mehr in der Bundesliga. Er steht auf und macht weiter. Wunderbar!
Tsp: Warum ist das nicht auf Deutschland übertragbar?
FM: Hier haben die Schiedsrichter zu viel und die Trainer zu wenig Einfluss. Es traut sich doch keiner mehr, richtig in einen Zweikampf zu gehen, weil sofort alles abgepfiffen wird. Wenn solche Entwicklungen besprochen werden, fragt der Verband bei allen nach: bei den Schiedsrichtern, den Vorsitzenden der Klubs, den Managern – nur nicht bei uns Trainern.
Tsp: Das betrifft auch den Konföderationen-Pokal, bei dem Sie mit Jürgen Klinsmann über Kreuz liegen. Sie befürchten eine zu starke Belastung Ihrer Spieler.
FM: Das hat nichts mit einem Streit zwischen mir und Klinsmann zu tun. Nach der WM 2002, als Klinsmann noch in Kalifornien unter der Sonne lag, habe ich gesagt: Wenn ein Spieler von 2004 bis 2006 jedes Jahr im Sommer im Einsatz ist und danach nicht genug Zeit zur Regeneration hat, dann kann er nach dieser Tortur bei der WM 2006 keine Höchstleistung bringen. Ein junger Spieler vielleicht, aber die meisten nicht. Wir hatten Trainersitzungen zu diesem Thema. Aber uns fragt niemand.

Ball und Buchstabe

Der Pokal hat seine Unschuld verloren

Christof Kneer (SZ 28.5.) kann und will nicht vergessen: „Das Pokalspiel zwischen Paderborn und dem HSV gilt bis heute als Mutter aller Manipulationen. Der Pokal hat seine Unschuld verloren, weil er seitdem mit Fragen leben muss, die nie beantwortet werden: Hätte Paderborn den HSV auch ohne Hoyzer besiegt? Wie wohl gelost worden wäre, wenn der HSV gewonnen hätte? Und was hält die Branche davon, dass nie zuvor ein Klub so lukrativ in der ersten Runde ausgeschieden ist wie der HSV? (…) Als wollten sie den Pokal rehabilitieren, haben sich zwei Teams ins Finale durchgespielt, an deren Qualifikation niemand zweifeln kann. Der Pokal ist unschuldig, er ist jenseits von Hoyzer angekommen – aber für den deutschen Fußball gilt das nicht.“

Gegen die Fans, gegen die Familien, gegen die Kinder

Roland Zorn (FAZ 28.5.) kritisiert die späte Anstoßzeit des Pokalendspiels: „Aus dem großen Fest des deutschen Fußballs, aus der großen Party in Berlin, ist in diesem Jahr eine Late-Night-Show geworden. Leider hat sich der DFB, obwohl die beteiligten Vereine ihren Unmut bekundet haben sollen, im vorauseilenden Dienst am Partner dem Ansinnen der ARD nicht vehement genug entgegengestellt. Nun werden alle Beteiligten mit den Folgen dieser Entscheidung gegen die Fans, gegen die Familien, gegen die Kinder, gegen die Berliner Pokalpartys auskommen müssen. War es nicht der Fußballbund, der jahrelang davor warnte, Fußballfernsehspiele so spät in Szene zu setzen, daß Kinder und Jugendliche davon nichts mehr mitbekämen? Gab es nicht vor einigen Jahren lauten und prompt erhörten Protest dagegen, Bundesligaspiele an Samstagabenden austragen zu lassen? Das alles scheint inzwischen verrauscht und versendet.“

Mitternacht

Michael Rosentritt (Tsp 28.5.) fügt hinzu: „Für unzählige Familien ist die Anstoßzeit ein Drama, und das spielt sich ab in der eigenen Wohnung. Die quälende Entscheidung, die Eltern zu treffen haben, lautet: Darf mein fünf-, sechs-, sieben- oder achtjähriger Sohn das Spiel sehen, womöglich mit Verlängerung und Elfmeterschießen? Dann ist es fast Mitternacht. Die Siegerehrung danach, Interviews mit dem geliebten Star… Das sind Probleme!“

Vor dem Finale, SZ

FR: Ailton beklagt sich über seine Medienpräsenz und Ralf Rangnick kontert Felix Magath

Freitag, 27. Mai 2005

Champions League

Hervorragend, ausserordentlich, faszinierend, erinnerungswürdig

Felix Reidhaar (NZZ 27.5.) applaudiert: „Der Final von Istanbul war einer der aufwühlendsten, merkwürdigsten und emotional ergreifendsten, seit 1956 europäische Klubwettbewerbe eingeführt wurden. …der beste Final seit langem, bestimmt seit die Champions League existiert. Hervorragend wegen der spielerischen, kämpferischen und athletischen Qualität; ausserordentlich wegen der Torfolge, faszinierend dank der typisch britischen Ambiance mit fairen Fans in und neben der Arena, erinnerungswürdig, weil nicht ein Hauch von Polemik den Showdown umgab.“

Zwei großartige Mannschaften

Jens Weinreich (BLZ 26.5.) schreibt entzückt: „Dieses Finale der europäischen Zasterliga wurde dadurch geprägt, dass zwei großartige Mannschaften phasenweise aus dem ihnen auferlegten taktischen Korsetts ausgebrochen sind oder ausbrechen mussten. (…) Nun hat also Milan Baros, der beste Spieler der EM 2004, endlich den großen internationalen Titel, den er verdient.“

Tsunami am Bosporus

Tobias Schächter (taz 27.5.) schildert die Naturgewalt Liverpool: „Für manche Dinge im Leben gibt es keine Erklärungen. Sie brechen über die Menschen herein und lassen sie ratlos zurück. Dass die Engländer einen hoffnungslos scheinenden 0:3-Rückstand in nur sechs Minuten drehten, ist eine der spektakulärsten Volten in der Geschichte großer Fußballspiele. „Sechs Minuten des Wahnsinns“, nannte Carlo Ancelotti die Phase zwischen der 54. und der 60. Minute, die den Lombarden wie ein Tsunami am Bosporus vorkommen musste – und Milan zerstört zurückließ. So zerstört fühlten sich zuletzt vielleicht die Bayern, als sie vor sechs Jahren beim Finale von Barcelona zusehen mussten, wie Manchester in den letzten Sekunden ein 0:1 in ein 2:1 verwandelte. (…) Dass die Liverpooler Spieler dieses Wunder Rafael Benitez zuschrieben, strickt zwar weiter an der Legende des Spaniers, der sich mit diesem sensationellen Triumph in seinem ersten Jahr an der Anfield Road in die Ahnenreihe der legendären Trainer an der Mersey einschreiben konnte, ganz der Wahrheit entspricht es nicht. (…) Die Umstellungen waren eher von der Angst vor einem Debakel beseelt als von der Hoffnung auf eine Wende.“

SZ: Dietmar Hamann, der heimliche Held

Den Kopf nicht frei

Birgit Schönau (SZ 27.5.) deutet Berlusconis Miene und Worte: „Die Fernsehkameras von Berlusconis Sender Mediaset hatten in der ersten Halbzeit keine Gelegenheit ausgelassen, den Großen Kommunikator jubelnd und bei der Entgegennahme von Glückwünschen zu zeigen. Als Liverpool den Ausgleich schaffte, rückte Berlusconis Stellvertreter ins Bild – Galliani, der Mann fürs Grobe. Nach besiegelter Niederlage diktierte Berlusconi den Agenturen: „Ich habe noch nie jemanden entlassen.“ Abgesehen von einigen aufmüpfigen Journalisten und ein paar Trainern, die dazu neigten, wichtige Spiele zu verlieren. Kann Carlo Ancelotti also beruhigt sein? Ihm war, wie vor jedem großen Spiel, vom Chef persönlich eingeschärft worden, mindestens zwei Stürmer zu bringen. Berlusconi mag keinen Defensivfußball. Brav (und wider besseres Wissen) hat Ancelotti den Auftrag ausgeführt. Nach dem ersten Anschlusstreffer hätte Ancelotti sein Team komplett umstellen müssen, um die Übermacht der Engländer im Mittelfeld aufzufangen. Er hat nicht schnell genug reagiert. Ein Trainer, den man für das politische Image seines Arbeitgebers verantwortlich macht, hat den Kopf nicht frei wie sein Liverpooler Kollege Benitez, der nur an das Ergebnis auf dem Spielfeld denken muss.“

Nachspiel zum Endspiel

Wird Liverpool, Fünfter der Premier League, nächstes Jahr im Uefa-Cup spielen müssen? Michael Horeni (FAZ 27.5.) kommentiert: „Darauf muß man erst einmal kommen. Es ist seit jeher einer der größten Reize von Meisterschaften und Pokalwettbewerben in allen Sportarten, daß die Sieger von gestern die Herausforderung von morgen zu bestehen haben. In der ansonsten komplett reglementierten Geldmaschine Champions League tut sich jedoch ausgerechnet in dieser zentralen Frage eine seltsame Regelungs- und Gerechtigkeitslücke auf. (…) Das Nachspiel zum Endspiel wird spannend. Aber sicher bleibt es ohne weiteren großen Sieg für den Fußball.“

Pressestimmen aus Italien und England, FR

Fotoserie vom Finale, faz.net sueddeutsche.de

86 Zuschauer

Im Tagesspiegel (26.5.) liest man vor dem Finale der Royal League: „Die Spiele werden live im Fernsehen übertragen, doch der sportliche Wert der Royal League ist begrenzt. Von der ersten Saison werden vor allem Bilder von einsamen Zuschauern auf verschneiten Tribünen bleiben und von Spielern, die auf vereisten Böden umherrutschen, während ihnen der Wind den Schnee waagerecht ins Gesicht bläst. Dank Rasenheizung wurde im Dezember das Spiel Tromsö gegen den FC Kopenhagen im Freien auf Naturrasen ausgetragen – 500 Kilometer nördlich des Polarkreises. Ein anderes Heimspiel Tromsös musste wegen Stadionumbauten in einer Halle mit Kunstrasen im 400 Kilometer entfernten Bodö gespielt werden. 811 Zuschauer wollten den Kick sehen, ein Vielfaches der Kulisse, die sich in Schweden zur Vorrundenpartie Halmstads BK gegen Odense versammelte. Der Platz in Halmstad war wegen starken Schneefalls unbespielbar geworden, weshalb die Begegnung kurzerhand in die Stadt Örebro verlegt wurde. Es kamen 86 Zuschauer.“

Mittwoch, 25. Mai 2005

Interview

Die Mannschaft hat leichtsinnig viel, sehr viel Geld und Renommee verspielt

Dieter Hundt, Aufsichtsratsvorsitzender des VfB Stuttgart, mit Felix Bingesser (Stuttgarter Zeitung 24.5.)
StZ: Sie waren nach dem Spiel gegen Bayern sehr aufgewühlt. Ist Ihr Ärger über den blamablen Auftritt verraucht?
DH: Ich war enttäuscht und verärgert und bin dies auch heute noch. Natürlich akzeptiere ich, dass die Mannschaft das erreicht hat, was wir als Saisonziel ausgegeben haben. (…) Aber die Mannschaft hat leichtsinnig viel, sehr viel Geld und Renommee verspielt.
StZ: Die Mannschaft hat sich im sportlichen Bereich nicht weiterentwickelt.
DH: Stimmt, das ist leider so. Aus der Mannschaft ist auch zu hören, dass einiges in Unordnung geraten ist und es in der Mannschaft nicht mehr stimmt. Darüber muss jetzt geredet werde, das muss auf den Tisch. In den letzten Wochen sind geradezu Zerfallsentscheidungen festzustellen gewesen. Präsident und Vorstand sind jetzt gefordert und müssen handeln. Jetzt muss alles auf den Tisch und über alles geredet werden.
StZ: Auch über den Trainer?
DH: Über alles. (…) Wir haben in diesem Jahr keinen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs an die Mannschaft herangebracht.
StZ: Der Präsident hat angekündigt, dass Leistungsträger verkauft werden könnten. Sehen Sie das genauso?
DH: Herr Staudt stimmt mit mir überein, dass sich einiges ändern muss. Wie die Sache aussehen wird, ist Sache der Vereinsführung.
StZ: Und das neue Saisonziel lautet wieder „Qualifikation für den Uefa-Pokal“?
DH: Unser Anspruch muss deutlich höher sein.

Champions League

Populär

Felix Reidhaar (NZZ 25.5.) resümiert 50 Jahre Europapokal: „Neulich wurden in einer Umfrage von France Foot unter zwei Dutzend Trainern, Managern und Profis schöne alte Zeiten heraufbeschwört. Für sie gelten noch heute das Glasgower Endspiel 1960 zwischen Real und Eintracht Frankfurt (7:3) und der Amsterdamer Final 1962 Real – Benfica Lissabon (3:5) als mit Abstand atemraubendste Entscheidungen in Europa. Fast völlig einig sind sich die Experten auch darin, dass Di Stefano bis dato die denkwürdigste Spielerpersönlichkeit geblieben ist. Jüngere Generationen orientieren sich seit Anfang der neunziger Jahre an einer Kompetition, die Namen, Modus und vielfältige Wahrnehmung des Wettbewerbs verändert und inzwischen die meisten Skeptiker überzeugt hat. Die AC Milan ist mit fünf Finalteilnahmen in mittlerweile vierzehn Spielzeiten der erfolgreichste Verein der „Sternen“- oder Königsklasse und nimmt zu Recht das Verdienst am bisher brillantesten Champions-League-Triumph in Anspruch (4:0 vor elf Jahren gegen Barcelona). Am Mittwoch versucht er, mit Real Madrid an Erfolgen (drei) gleichzuziehen; kommerziell hat das Team des italienischen Premiers am meisten profitiert. Dieser Aspekt hat in diesem letzten Viertel eines ungemein populären Sportwettbewerbs an Interesse gewonnen.“

NZZ: Milan gegen Liverpool, der erste Gipfel am Bosporus – Moderne fussballerische Multikulturalität an der Brücke zwischen Europa und Asien

Wann wieder ein normaler Fußballklub?

Birgit Schönau (SZ 25.5.) hat einen Traum: „Wenn dereinst Italien ein normales Land sein wird, ist nicht auszuschließen, dass auch der AC Mailand wieder wird, was er die längste Zeit seiner mehr als 100-jährigen Geschichte war: ein normaler Fußballklub. Im Moment laufen die Dinge aber noch so, dass am Nachmittag vor der Abreise nach Istanbul ein Hubschrauber auf dem Trainingsgelände Milanello einschwebt, dem Helikopter ein älterer Herr entsteigt und von einem Angestellten begrüßt wird, der im Klub den Statthalter gibt. Jeden Spieler begrüßt der Hubschrauber-Passagier und richtet an sein Bodenpersonal wenige, wohlgesetzte Worte. Es folgt ein Auftritt im Klubfernsehen Milan Channel, damit jeder der acht Millionen Tifosi in der Welt erfahren kann, was geschah: „Als alter Trainer habe ich Ancelotti ein paar Vorschläge für das Mittelfeld und den Sturm unterbreitet“, sagt Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi. (…) Wenn Milan, irgendwann, wieder ein normaler Fußballklub sein wird, werden seine Spieler sich auf das konzentrieren können, was von normalen Profis erwartet wird. Fußball eben. Ohne politrhetorischen Ballast. Die Sportjournalisten werden über die Leistungen auf dem Spielfeld schreiben können, und die Fans werden nicht mehr sagen müssen: Ich bin für Milan, mit dem Rest will ich aber nichts zu tun haben.“

Großes Portemonnaie

Über das Verhältnis Berlusconis zum AC Mailand lesen wir von Dirk Schümer (FAZ 25.5.): „Politisch ist Berlusconi ein Mann der eisenharten Marktwirtschaft, doch kennt er bei seiner sentimentalen Leidenschaft für den Fußball keine Bilanzen: Regelmäßig gleicht der steinreiche Mogul am Saisonende die Verluste seines Spielzeugs aus, zuweilen mehr als hundert Millionen Euro. In einer Branche, in der sich sogar Juventus Turin von der Dominanz der Agnelli-Familie gelöst hat und einigermaßen kostendeckend operiert, ist Berlusconi zum letzten klassischen Fußballpräsidenten mit großem Portemonnaie geworden – jedenfalls zum letzten erfolgreichen. Wie die sprichwörtlichen zehn kleinen Negerlein warfen Berlusconis Konkurrenten in den vergangenenen Jahren das Handtuch, weil sie mit der mörderischen Geldspirale, die der Milan-Boß mit den von ihm kontrollierten Fernsehgeldern aufgedreht hatte, nicht mehr Schritt halten konnten.“

Leerlauf

Peter Hartmann (NZZ 25.5.) lenkt die Aufmerksamkeit auf das Spielfeld: „Die Stärke Milans ist ein traumhaft variantenreiches Kombinationsspiel, das die Gegner aus der Puste bringt. Doch manchmal, wenn ein Zacken Tempo fehlt und sich Routine einschleicht, kippen dieses Ballstafetten in den Leerlauf. Dann versucht Gattuso, der Motivator auf dem Feld, seine Kollegen anzutreiben wie ein Hirtenhund. Boban, der kroatische Mittelfeldmann der Milan-Meistermannschaft der neunziger Jahre, der mittlerweile seinen Doktor in Literatur machte, hat die Spieler wegen dieser unterschwelligen Überheblichkeit harsch kritisiert.“

BLZ: Kaka prägt das Spiel beim AC Mailand

Tsp: Clarence Seedorf will heute mit dem AC Mailand zum vierten Mal die Champions League gewinnen

Eines der erstaunlichsten Comebacks in dieser Saison

Michael Horeni (FAZ 25.5.) blickt auf Dietmar Hamann: „An diesem Mittwoch könnte eines der erstaunlichsten Comebacks in dieser Saison seinen vorläufigen Höhepunkt erfahren. Erstmals nach dem Sieg der Bayern vor vier Jahren hat wieder ein deutscher Spieler die Chance, den wichtigsten Klubwettbewerb in Europa zu gewinnen. Die erste Belohnung für die Teilnahme am Endspiel hat Hamann jedoch schon vor dem Anpfiff erhalten. In der vergangenen Woche nominierte ihn der Bundestrainer vollkommen überraschend doch noch für den Confederations Cup.“

taz-Interview mit Hamann

FAS-Interview mit Hamann

SpOn: Rafael Benitez, Mythos-Macher mit Manieren

Eine Niederlage würde man automatisch ihm ankreiden

Seit seinem Flirt mit Chelsea entziehen Liverpool-Fans Steven Gerrard ihre Liebe – Raphael Honigstein (FTD 25.5.) befasst sich mit Gerrards Zukunft: „Mehr als die Hälfte der Fans hat im Herzen keinen Platz mehr für ihn, obwohl er heute den 20 Jahre alten Traum vom fünften Europacup wahr machen kann. Soll. Muss. Eigentlich müsste der 24-jährige Schlaks längst eine Anfield-Legende wie Ian Rush oder Kenny Dalglish sein. Bis vor kurzem war er das auch. Gerrard hatte ja alles, was man zum englischen Fußball-Helden braucht: Talent in rauen Mengen, unbedingten Siegeswillen, die richtige Herkunft. Er wuchs in einem Sozialwohnungsbau in Huyton auf, einem von vielen ungemütlichen Vierteln in der von der Dienstleistungsgesellschaft vergessenen Hafenstadt. Auf einem winzigen Flecken Grün zwischen schmutzigen Häusern lernte er als Kind, den Ball hart zu treten und die Knochen hinzuhalten. (…) Es ist ein persönliches Schlüsselspiel für ihn, denn nach dem Finale will er über seine Zukunft entscheiden. Allein der Pokal könnte ihm einen einigermaßen friedlichen Abgang bescheren, eine Niederlage würde man automatisch ihm ankreiden. „Wenn wir ihn nicht mit nach Hause bringen, wäre es ein Desaster“, weiß Gerrard. Ganz besonders für ihn.“

Dienstag, 24. Mai 2005

Internationaler Fußball

Conquistador

Benfica Lissabon ist unter Giovanni Trapattoni portugiesischer Meister; Georg Bucher (NZZ 24.5.) begründet den Erfolg historisch: „Nach fünf sieglosen Spielen hatte sich Benfica wieder an diesen Ruhepol begeben und aus dem Mythos der nahe gelegenen Stadt Obidos Kraft geschöpft. Staatsgründer Don Afonso Henriques befreite im Jahr 1148 das Kastell von den Mauren. Durch das „Tor des Verrats“ sollen Waffenbrüder eingedrungen sein, während der Feldherr selber die Feinde am Haupteingang ablenkte. Ein Akt der List, mit dem sich Benfica identifizierte. Anders als Sporting und Porto konnten sie nicht aus einem breiten und hochwertigen Kader schöpfen. Als Miguel, Petit und Manuel Fernandes verletzt waren, schmolz der einst komfortable Vorsprung wie Schnee an der Sonne. – Um dem lusitanischen Pessimismus Gegensteuer zu geben, verwies Trapattoni auf persönliche Erfahrungen. (…) Nächsten Sonntag das Double im Cup-Final gegen Setúbal – und der Minimalist Trapattoni wird definitiv zum Conquistador.“

NZZ: Celtic verspielt Titel in den letzten zwei Minuten

NZZ: Der Abschluss der Eredivisie

Ball und Buchstabe

Unsinnige Spielzeitverlängerung

Jürgen Kaube (FAS/Wissen 22.5.) studiert eine Studie über Schiedsrichterbeeinflussung durch Zuschauer: „Ökonomen der Universität von Chicago haben kürzlich zwei nationale Fußballmeisterschaften in Spanien analysiert und errechnet, daß die Schiedsrichter systematisch die Heimteams begünstigen. Sie pfeifen das Spiel früher ab, wenn die Gastgeber mit einem Tor vorne liegen, und sie verlängern es eher, wenn das Heimteam knapp im Rückstand ist. Die Differenz betrug durchschnittlich zwei Minuten. (…) Zum Glück sind alle diese Aussagen nur im Durchschnitt wahr. Oder besser: Leider treffen sie nur im Durchschnitt zu. Denn als 2001 die deutsche Meisterschaft durch eine ganz unsinnige Spielzeitverlängerung entschieden wurde, da spielte die zu Unrecht begünstigte Mannschaft aus dem Süden Deutschlands – auswärts. Es war in jener Saison das einzige Tor in der Nachspielzeit, das von einer Auswärtsmannschaft erzielt wurde.“

Über die Nachspielzeit in Hamburg 2001 lese selbst und die Diskussion zwischen Rambo Pflügler und mir in der Südkurve!

Prävention und Repression

Ronny Blaschke (NZZ 21.5.) widmet sich dem Kampf gegen Gewalt: „Im WM-Land Deutschland ist die Gewalt vor allem ein Problem des Ostens. Das belegt eine Studie des renommierten Fan-Forschers Gunter A. Pilz von der Universität Hannover. Wissenschafter, Verbandsfunktionäre und Politiker sprachen zuletzt immer wieder von einem Medienphänomen, einem Pauschalurteil und einem künstlichen Argument für den leidigen Ost-West-Konflikt. Doch diese Betrachtung ist zu einfach. Denn sie dokumentiert die Sorglosigkeit, mit der deutsche Entscheidungsträger den Krankheiten der Gesellschaft begegnen. (…) Die wachsenden Probleme in der Gesellschaft und die ungenügende Betreuung geben Grund zur Sorge, dass sich das Problem nicht nur in Dresden, Cottbus und Erfurt manifestieren wird. Der DFB, die Vereine und das Innenministerium haben nun die undankbare Aufgabe, einen Ausweg zu finden. Sie haben nicht die Macht, aus soziokulturellen Problemzonen blühende Landschaften zu machen – und damit den Frust der Nach-Wende-Verlierer zu bändigen. Die Lösung liegt vielmehr zwischen weitsichtiger Prävention und überlegter Repression. Dabei hilft es nicht immer, die Keule zu schwingen. Ohne das Problem zu verharmlosen: Prävention bedeutet nicht, Fans zwei Tage vor einem Spiel ins Gefängnis zu stecken. Sondern sich in ihre Lage zu versetzen. Fans kritisieren, dass Würdenträgern in Verband und Staat die Perspektive aus ihrem Block fehlt. Ganz falsch liegen sie damit nicht.“

Diskutieren Sie über die Gewalt im Osten und über die Zukunft des Ost-Fußballs in der Südkurve!

Unterhaus

Europapokal!

In Frankfurt nichts neues. Vom Vorstandsvorsitzenden mal abgesehen – Detlef Esslinger (SZ 24.5.) bericht von der Aufstiegsfeier (oder um mal die Stilverbrechen der mittelhessischen Lokalpresse zu übernehmen: von den Aufstiegsfeierlichkeiten in der Mainmetropole): „Auf Heribert Bruchhagen kommt die Aufgabe zu, Realismus durchzusetzen in der Stadt. Bruchhagen ist vor anderthalb Jahren zu dem Klub gekommen, er hat Ruhe und Seriosität dort eingeführt. Er bestand auf dem Konzept, mit jungen, deutschsprachigen Spielern aus der Region den Wiederaufstieg zu versuchen. Bruchhagen stammt von weit her, aus Ostwestfalen – dem Illusionstheater einer Stadt, die sich grundsätzlich als die beste und tollste von allen versteht, verweigert er sich, an diesem Sonntag erst recht. Die Erwartung, der Bruchhagen gerecht werden will, ist seine eigene: „Das kann nur der Klassenerhalt sein.“ Sein Verein hingegen verteilt vor dem Stadion Mitgliedsanträge mit einem Meisterschalen-Foto auf der Vorderseite. Der Pressesprecher eröffnet die Pressekonferenz nach dem Spiel mit dem Hinweis, heute sei „der erste Tag nach dem 25. Jubiläum des Uefa-Pokal-Gewinns“. Die Fans singen „Europapokal!“ in der Straßenbahn auf dem Weg zum Römer, zur Aufstiegsfeier. Das sind die Bezugsgrößen beim deutschen Meister von 1959. (…) Am Abend kommt es im Apfelwein-Viertel von Alt-Sachsenhausen zu einer Schlägerei, aus einer Gruppe von 500 Menschen wird die eintreffende Polizei mit Bierflaschen beworfen.“

of: Mit dem Lied „Europapokal“ nehmen die geschichtsbewussten Eintracht-Fans, so weit mir bekannt, den Ex-Bayern-Trainer Jupp Heynckes (und Bayern-Fans) auf den Arm. 1990 versprach Heynckes, mit der Meisterschale in der Hand, dem Münchner Marienplatz „für nächstes Jahr den Europapokal“ – das Ergebnis ist bekannt. Es handelt sich also um einen Refrain auf sektlaunigen Übermut, vermutlich inzwischen eher eine ironische Selbstbeschreibung.

WM 2006

Der WM tut das gut

Befreit die mögliche Berliner Neuwahl die WM von Politikern, Robert Ide (Tsp 24.5.)?: „Monatelang haben Regierung und Opposition für das sportliche Großereignis trainiert; beide versprachen sich davon eine gute Ausgangsposition für die Wahl im Herbst 2006. Nun hat sich die Politik selbst aus dem Spiel genommen. Der WM tut das gut.“

Lahme Ente?

Thomas Kistner (SZ 24.5.) beschreibt die Lücke Schily: „Das Berliner Politbeben wird auch den Sport in Mitleidenschaft ziehen, jedenfalls, wenn Gerhard Schröder die Neuwahlen verlieren und ein neuer Mann ins Bundesinnenministerium einziehen sollte. Ein Beckstein, Westerwelle oder Bosbach. Dann nämlich wird die nationale Körperkultur auch ihre schillernde Galionsfigur der vergangenen sieben Jahre verlieren: Otto Schily, den stärksten Sportminister, den das Land bisher hatte. (…) Nun könnte es ruhiger und der starke Mann zur lame duck werden, zur lahmen Ente. Hieße aber auch, dass der Sportbetrieb wieder selbst Impulse setzen und sich aus der personellen Erstarrung lösen müsste. Auf die WM-Organisation andererseits wird sich kaum beflügelnd auswirken, wenn Kapitän Schily von Bord ginge.“

Am Grünen Tisch, Champions League

Larmoyanz

Ihr habt zu wenig Geld?! Alexander Jung (NZZ 24.5.) verteilt Taschentücher und verweist auf den Erfolg von Liverpool und Eindhoven: „Das einstimmige Klagen über die unerträgliche Symbiose von Wettbewerbsfähigkeit und Etatgrösse wurde in der Champions League ad absurdum geführt vom smarten Kollektiv aus Eindhoven, und auch ein Gegner vom Format des FC Liverpool wäre den Bayern im Viertelfinal nur Recht gewesen. Die neuerliche Larmoyanz, die in nichts weiter als dem Ruf nach mehr Fernsehgeld mündet, übertönt vielmehr den Ärger über eigene Versäumnisse im Spiel. Es lästert sich eben besser in der Rolle des Underdogs, die keinem schlechter liegt als den Münchnern. Andere haben doch viel mehr Grund, ihre Situation zu beklagen, solche wie der FC Hansa Rostock (…) Die Klagen derer auf hohem Niveau sind denen derer verblüffend ähnlich, denen es nun um die Existenz geht.“

Vom Strafverfahren gegen die ehemalige Führung des 1. FC Kaiserslautern, FAZ

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