indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 10. Dezember 2004

Ball und Buchstabe

Bier, Würstchen und Oliver Kahn

Anne Scheppen (FAZ/Zeitgeschehen 9.12.) befasst sich mit dem Deutschlandbild in Japan: „Bier, Würstchen und Oliver Kahn – das ist das erste, was jungen Japanern in den Sinn kommt, wenn sie nach Deutschland gefragt werden. Ziemlich vielen fällt allerdings auch gar nichts ein. Eine Fallstudie in Shimokitazawa, dort, wo Tokio am jüngsten ist. Kleine Geistesblitze schlagen aus den Wissenslücken: Technomusik und Ska, die Berliner Mauer, Umweltschutz. Welche Deutschen kennen Sie? Neun von zwanzig kennen keinen. Die einzigen Deutschen, die an diesem Nachmittag Erwähnung finden, spielen Fußball: Kahn, Ballack, Beckenbauer. Deutsche Produkte? Wie zu erwarten fallen die Namen Volkswagen und Mercedes, eine junge Mutter führt Schokolade an, gerät aber sogleich in Zweifel: „Vielleicht verwechsle ich das mit der Schweiz.“ Zehn von zwanzig haben keinerlei Assoziationen. Deutschland sei „irgendwie weit weg“, heißt es zur Begründung.“

Das ist doch der Kerl, dem der Heilige Geist Hörner aufgesetzt hat

Das Streiflicht (SZ 10.12.), wie immer das beste: „Es geht uns zu Herzen, wie Beckham im antiken Designer-Look als Josef an der Krippe des Jesuskindleins steht, den Blick verklärt ins Jenseits gerichtet und in seinem Arm die Heilige Jungfrau respektive Ex-Spice-Girl Victoria. Und es tut der Ergriffenheit keinen Abbruch, dass es sich um Wachsfiguren handelt, ausgestellt im Kabinett der Madame Tussaud zu London. Man hat dort die klassische Krippenszene neu interpretiert, fortschrittlich und kühn, weshalb jetzt „der Vatikan tobt“ (Focus Online). Von „schlechtem Geschmack“ ist in Rom die Rede, wenn nicht gar von Gotteslästerung. Herr im Himmel, die missdeuten wieder alles! Da stehen doch George W. Bush und Tony Blair neben der Heiligen Familie, und zwar als die „Weisen aus dem Morgenland“. Respekt! Das ist noch viel feinsinniger, ja hinterlistiger und gemeiner, als würden die beiden Ochs und Esel verkörpern. Was aber den Fußballer Beckham betrifft, so sollte er sich nicht wundern, wenn seine Sportskameraden von Real Madrid künftig losprusten, sobald sie ihn sehen. Josef! Das ist doch der Kerl, dem der Heilige Geist Hörner aufgesetzt hat.“

WM 2006

Stumpfsinnige Animationen, aufgeblasene Fernsehbilder, getragene Fußballer-Klamotten

Scharlatanerie! Gaukelei! Christoph Schurian (taz 10.12.) entblößt André Heller (den ich früher mit André Rieu verwechselte): “Jetzt hat er sich über den Fußball hergemacht. Also tingelt eine große schwere Hellersche Fußballkugel durch die Spielorte der Weltmeisterschaft, gezahlt vom OK – zur Zeit ist Gelsenkirchen dran. Das Innere des Metallballes könnte nicht äußerlicher sein: Stumpfsinnige Animationen, aufgeblasene Fernsehbilder, abgetragene Fußballer-Klamotten, reproduzierte Pokale, der Finalball von 1954. Heller fiel wenig ein – er gibt das im Wiener Schmäh gerne zu: „Ich habe gedacht, was ist Fußball, und vor allem: Was hat das mit mir zu tun?“, sagt er freimütig. (…) Der einstige Spezialist für erigierte Lieder macht mit Vorliebe Dinge, von denen er nichts versteht.“

Bundesliga

Ein erfolgreiches Team muss passen, muss zusammenwachsen, muss sich ergänzen

Thomas Kilchenstein (FR 10.12.) kritisiert die Verpflichtung Jörg Böhmes in Mönchengladbach: „Stark drängt sich der Verdacht auf, dass Borussia Mönchengladbach langsam, aber sicher nervös wird und sich in Aktionismus verliert. Mit dem neuen Stadion im Rücken sind die Borussen zum Erfolg verdammt, er lässt sich aber nicht erzwingen. Denn es gehört offenbar mehr dazu, als sich ein paar früher mal erfolgreiche Fußballer zusammenzukaufen und von einem „kleinen General“ trainieren zu lassen. Ein erfolgreiches Team muss passen, muss zusammenwachsen, muss sich ergänzen. All dies ist in Mönchengladbach nicht der Fall. Dort, so steht zu befürchten, sind die Zeichen der Zeit nicht erkannt worden: Dort klammert man sich an große Namen. Doch Namen, die Liga zeigt es Woche für Woche, sind nur Schall und Rauch.“

Horroszenarien aus dem Fundus deutschtümelnder Leitkultur-Verfechter

Javier Cáceres (SZ 10.12.) berichtet Zwist in Wolfsburg: „Mit jeder Woche des Misserfolgs nehmen auch die Meldungen über sich angeblich nicht einbindende Argentinier zu. Unter anderem wurde bekannt, dass D’ Alessandro und Thomas Brdaric im Training zum wiederholten Male aneinander geraten waren. Andere Nachrichten lesen sich wie Horroszenarien aus dem Fundus deutschtümelnder Leitkultur-Verfechter: „Nach wie vor kapseln sich die Südamerikaner ab, sprechen kaum Deutsch. Das geht so weit, dass Trainer Erik Gerets, 50, Spanisch lernt, um näher an die Stars heranzukommen“, empört sich die Sport-Bild. (…) Auch in der Chefetage registriert man aufmerksam den sich verfestigenden Mythos vom nicht integrierbaren, privilegierten Südamerikaner. Auch sie wüssten gerne mehr, etwa über den merkwürdigen Teamgeist, von dem Brdaric sprach, als er sich unter dem Hinweis auf die eigene Schleimspur („dass wir dankbar sein müssen, so einen Trainer zu haben“) über Nichtberücksichtigung klagte – und öffentlich an D’Alessandro herumnörgelte.“

Donnerstag, 9. Dezember 2004

Allgemein

Der neue Stoff, aus dem die Träume sind

Borussia Dortmund lechzt nach guten Nachrichten – Richard Leipold (FAZ 9.12.) hat eine: “Christoph Metzelder steht im Kabinengang des Westfalenstadions und strahlt wie ein Junge, der seine Angst vorm Zahnarzt besiegt hat. Der Verteidiger hat fast zwei Jahre bohrender Schmerzen hinter sich. Nun ist er wieder umringt von Reportern, schaut in Kameras und spricht in Mikrofone. Mit fester Stimme erklärt er sein Martyrium für beendet. Wie es geht? „Gut“, sagt er, „ich spüre nichts.“ Aber er hat sehr wohl etwas gefühlt an diesem kühlen Abend: Freude und Erleichterung. Nach 626 Tagen ohne Spiel hat er wieder unten angefangen, bei den Amateuren des BVB gegen Eintracht Braunschweig. Trotz des 0:2 war dieser Auftritt für Metzelder ein Hauptgewinn. Siebenunddreißig Ballkontakte, zehn Zweikämpfe, sechs davon gewonnen, das ist für ihn der neue Stoff, aus dem die Träume sind. (…) An diesem trüben Dienstag war es schöner als jemals zuvor irgendwo auf der Welt für den Fußballspieler Christoph Metzelder. Er hat in Rotterdam um den Uefa-Pokal gespielt und in Yokohama um die Weltmeisterschaft. Aber was bedeuten jene historischen Auftritte schon im Verhältnis zu dieser einen Halbzeit vor zweitausend Zuschauern gegen Eintracht Braunschweig?“

Er föhnt sich gerade die Haare

Was macht er? Was macht er? Nun sagen Sie schon, Felix Meininghaus (FR 9.12.)! „Dass der BVB das Spiel verlor, interessierte höchstens am Rande. Die zweite Halbzeit bekamen die Journalisten sowieso nicht mit. Sie warteten im Kabinengang auf den Protagonisten. Die Szenerie hatte etwas Kurioses: Draußen wurde gekickt, drinnen überbrachte der in schwarze Ballonseide gekleidete Betreuer Zwischenmeldungen: „Er steht unter der Dusche“, und wenig später: „Er föhnt sich gerade die Haare.““

Im Sport altert man anders als im Kalender

Christof Kneer (BLZ 9.12.) verdeutlicht am Beispiel Metzelder die Vergänglichkeit von Prognosen: “Der Fall Metzelder zeigt, dass man im Sport anders altert als im Kalender. Sportler altern relativ. Der Kalender sagt, dass Metzelder gut anderthalb Jahre weg war, aber der Fußball sagt, es waren mindestens vier. Metzelder war der Hoffnungsträger einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Er war der Prototyp einer neuen Generation, jetzt ist er ihr Urahn. Er war im Jahr 2002 angeblich schon 2006, aber 2004 ist er immer noch 2002. In seiner Abwesenheit sind dem Land neue Metzelders erwachsen, sie heißen jetzt Huth oder Mertesacker, aber es gibt immer noch Hoffnung für das Original: Vielleicht braucht Bundestrainer Klinsmann im Jahr 2006 ja einen Routinier, einen Haudegen, einen Methusalem. Einen in Ehren ergrauten, 25-jährigen Christoph Metzelder.“

Internationaler Fußball

Neue Heimat Istanbul

Tobias Schächter (SpOn 8.12.) besucht Christoph Daum im Exil: „Als in der chaotischen Diskussion über einen Nachfolger Rudi Völlers auch sein Name lanciert wurde, musste Daum feststellen, dass er in großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit weiterhin ein Paria ist: Nicht vermittelbar. Ihm ist klar, dass er seinen größten Traum vergessen kann: „Bundestrainer werde ich nicht mehr.“ Neue Heimat Istanbul? Daum, der Mann, der gerne von „Wir“ spricht, wenn er die Türkei meint, nehmen sie sein Bekenntnis zum Land nicht ab. Daum wolle die Türkei nur als Sprungbrett nutzen, heißt es immer wieder. Er polarisiert, eckt an, hat Feinde bei Presse und im eigenen Präsidium. Aber er hat einen wichtigen Verbündeten in diesem bizarren Spiel am Bosporus: Fener-Boss Aziz Yildirim. Es vergeht keine Pressekonferenz, bei der sich die beiden wichtigsten Figuren des meistgehassten Vereins des Landes nicht gegenseitig bauchpinseln. Daum formte aus den Trümmern seines Vorgängers Werner Lorant eine Meistermannschaft. Das schweißt zusammen.“

Champions League

Hasenfüße aus Valencia

FC Valencia-Werder Bremen 0:2

Bremer Erfolg auf ganzer Linie – Hans Trens (FAZ 9.12.): „Die Finanzen stimmen beim deutschen Double-Gewinner, doch neben wirtschaftlicher Prosperität ergeben sich auch glänzende sportliche Perspektiven. „Die Elf hat die richtige Balance gefunden“, analysierte Johan Micoud, der wieder einmal in famoser Spiellaune war und sich mit beeindruckendem Einsatzwillen als Kopf des Teams hervortat. Mit der Erwähnung des Begriffs Balance zielte der Franzose auf die richtige Strategie ab, die Thomas Schaaf entworfen hatte. Obwohl die Abwehr sich neben Joker Valdez als Spielgewinner fühlen durfte, mauerte Werder nicht, sondern bemühte sich stets darum, Akzente in der Offensive zu setzen. Im Gegensatz zu den Hasenfüßen aus Valencia, die Claudio Ranieri zu zögerlich in dieses Zitterspiel geschickt hatte.“

Schaaf taktischer Sieger gegen Ranieri

Jörg Marwedel (SZ 9.12.) ergänzt: „Schaaf erfuhr Anerkennung, hatte er sich doch als taktischer Sieger gegen Claudio Ranieri erwiesen. Dessen Strategie, zunächst auf fast alle Offensivkräfte zu verzichten, um das zum Weiterkommen ausreichenden 1:0 anzustreben, durchkreuzten die Bremer trotz einer zu hohen Fehlerquote im Kombinationsspiel durch viel Eigeninitiative, was die Spanier noch vorsichtiger machte.“

AS Rom-Real Madrid 0:3

Bericht, NZZ

Ball und Buchstabe

Ihre Augen sitzen gut 40 Meter von ihnen entfernt

Wie sehen eigentlich Blinde Fußball, Jürgen Bröker (Tsp 9.12.)? „Achim Töns hat seine Frau Petra an die Hand genommen. „Hier sind die Stufen“, sagt er. Dann tasten sich die beiden mit ihren Stöcken die Treppen hinunter. Bei jedem Heimspiel sitzen die beiden in ihren blauen Trainingsanzügen in der Südkurve, drücken sich die Kopfhörer auf die Ohren und dem FC Schalke 04 die Daumen. Anders als die meist 60 000 anderen Stadionbesucher sehen Petra und Achim Töns nicht das Grün des Rasens oder das blaue Fahnenmeer. Petra und Achim Töns sind blind. Ihre Augen sitzen gut 40 Meter von ihnen entfernt im Restaurant Schalker Markt. Dort hockt Karl-Heinz Witteck hinter einer Glasscheibe. In der einen Hand hält er ein Mikrofon, in der anderen die Aufstellungen. Eine Viertelstunde lang wird Witteck alles erzählen, was er sieht, ohne Pause. Dann wird er an seinen Kollegen Thomas Krawinkel übergeben. Witteck ist einer von vier ehrenamtlichen Blindenreportern auf Schalke. In Zweierteams schildern sie den blinden Gästen das, was in der Dunkelheit um sie herum passiert. Ein Service, den immer mehr Vereine anbieten. Bayer Leverkusen war im Oktober 1999 der erste Klub. Inzwischen sind Mönchengladbach, der Hamburger SV, Wolfsburg und Schalke hinzugekommen. Hertha BSC plant ein ähnliches Angebot.“

Es könnte sich um die Spätfolgen von Doping oder Schmerzmitteln handeln

Eine weitere schlechte Nachricht für Italiens Fußball – Peter Hartmann (NZZ 9.12.): „Italienische Fussballer haben ein 6,5-mal höheres Risiko, von der unheilbaren Muskelkrankheit ALS befallen zu werden, als die übrige Bevölkerung. Dies ist das alarmierende Ergebnis einer breit angelegten wissenschaftlichen Studie im Auftrag des Turiner Staatsanwalts Raffaele Guariniello unter 7325 Profis (…) Der Verdacht der betroffenen Spieler und ihrer Angehörigen, dem Guariniello nachgeht: Es könnte sich um die Spätfolgen von Doping oder exzessiver Anwendung von Schmerzmitteln handeln.“

Wir haben Fidel, der die ganze Zeit spricht

Maradona kehrt zurück, meldet Le Soir/Belgien (7.12.): „Diego Maradona steht vor der Rückkehr in sein Heimatland Argentinien, nachdem er in Kuba war, um sich dort einer Entziehungskur zu unterziehen. Am Montag wendete er sich in einer bekannten argentinischen Fernsehsendung an seine Fans und versicherte: „Keine Angst, mir geht es gut. Ich freue mich nach Buenos Aires zu kommen. Ich war total von der Außenwelt abgeschnitten. Ich bin lediglich ein Mal herausgekommen, als meine Töchter mich besuchten.“. Um sich die Zeit auf der kommunistischen Insel zu vertreiben, auf die er nach den Feiertagen zurückkommen muss, erklärte er, sah er fern, „wo wir Fidel haben, der die ganze Zeit spricht.“

Ballschrank

Jahn Regensburg, etabliert in Liga Zwei

Jahn Regensburg, etabliert in Liga Zwei u.a

Rudolf Neumaier (SZ 9.12.) befasst sich mit der Lage Jahn Regensburgs: „Niederlagen scheinen Heinz Groenewold körperliche Pein zu bereiten. Möglicherweise sogar Bauchkrämpfe, denn er sitzt nach vorne gebeugt und hat die Arme eng vor dem Rumpf verschränkt. Sauertöpfisch blickt er hinüber in die Kurve des Jahnstadions, vor der die Burghausener stehen, um sich von ihren Fans bejubeln zu lassen – so sauertöpfisch, als ob er gerade Haus und Hof an einen ungeliebten Nachbarn verloren hätte. Diese Burghausener! Sie haben Regensburg im Sommer den Torwart Uwe Gospodarek abspenstig gemacht, sie haben ein Sturmtalent namens Reisinger verpflichtet, das auch die Regensburger engagieren wollten. Und sie haben die drei Punkte, die es bei diesem ersten Aufeinandertreffen zweier Mannschaften aus Ostbayern in der Zweiten Liga zu gewinnen gab. Dann wandern die Augen des Heinz Groenewold, des Fußball-Generalbevollmächtigten beim Aufsteiger SSV Jahn Regensburg, wieder die Gegengerade entlang zur Anzeigetafel. SSV Jahn 0 – Gäste 2. Beide Tore hat Stefan Reisinger erzielt. Sollte sich in Groenewolds Kopf in diesen Minuten das Personalkarussell weiterdrehen, das in Regensburg mit einer Frequenz Spieler aufnimmt und abwirft wie kaum irgendwo sonst – mehr als 120 Profis standen in den letzten vier Spielzeiten auf der DFB-Transferliste –, dann hat dieser Abend einen Schatten auf die Karriere einiger Akteure gelegt. Auf die von Kapitän Carsten Keuler zum Beispiel, der sich von seinem Gegenspieler Reisinger düpieren ließ. Wenn Heinz Groenewold jedoch so gütig gesinnt ist wie der neue Trainer Günter Brandl, und dazu hätte er nach zuletzt zwei Liga-Erfolgen Anlass, wird er nicht mit den Spielern hadern, sondern mit den Platzverhältnissen und anderen Umständen.“

Der Tagesspiegel interviewt gerne Los-Kinder – siehe auch

Tsp: Hallo, Luca, wie war es in der Schule?

L: Ich war heute nicht in der Schule. Wir waren noch unterwegs, ich und meine Eltern.

Tsp: Warum?

L: Wir kamen aus Köln von der Sportschau. Da habe ich die Lose für den DFB-Pokal gezogen. Und dann war ich in Schleswig-Holstein auch noch im Fernsehen. Jetzt bin ich ganz schön kaputt.

Tsp: Du bist ein richtiger Star geworden.

L: Ach, naja.

Tsp: Du wurdest von Rudi Völler und der Fußball-Nationalmannschaft zum Essen eingeladen. Das darf nicht jeder Junge …

L: Ich wüsste ja gerne mal, wann das ist. Bei Rudi gibt’s bestimmt Salamipizza. Die esse ich am liebsten.

Tsp: Bei der Sendung „Wetten, dass…?“ am Wochenende hast du die Fußballspiele dieser und der vergangenen Saison auswendig gewusst – mit allen Ergebnissen und allen Torschützen. Wie hast du das geschafft?

L: Ich habe mir das einfach gemerkt. Zu Hause gucken wir immer die Bundesliga-Konferenz. Und wenn die Tore fallen, merke ich mir das halt.

Tsp: Du hast dir 432 Spiele gemerkt mit 1360 Toren. Wie hast du das trainiert?

L: Nö, trainiert habe ich nicht. Das ist alles in meinem Köpfchen.

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WM 2006

Jürgen Klinsmann, der heimliche Regierungschef des FC Deutschland

Tina Hildebrandt & Moritz Müller-Wirth (Zeit 9.12.) erläutern politisches Programm und Erfolgsrezept Jürgen Klinsmanns: „Er begeistert, er hat es geschafft, dass seine Leute wieder an sich glauben. Er gilt als Deutschlands mutigster Reformer. Der Mann ist nicht Bundeskanzler, sondern Bundestrainer. Er heißt Jürgen Klinsmann, und er wird langsam so etwas wie der heimliche Regierungschef des FC Deutschland. Von so viel Zuspruch und Reformbegeisterung kann Gerhard Schröder nur träumen. Seine Agenda 2010 hat er in einem Kraftakt durchgesetzt. Aber was die Regierung bis 2006 noch vorhat, kann derzeit niemand so recht sagen. Kein Wunder, dass sich der Bundeskanzler gerne ein wenig im Glanz des Bundestrainers sonnen würde. Immerhin haben beide ein gemeinsames Ziel: Sie wollen 2006 gewinnen. Klinsmann die Weltmeisterschaft, Schröder die Wahl. Die Regierung arbeitet daran, dass es so aussieht, als ob das irgendwie dasselbe ist. (…) Wird nun also der Reformfußballer den Reformkanzler retten, als eine Art geheimes Kabinettsmitglied? Der „coolste Deutsche seit Marlene Dietrich“ (The Observer) spricht lieber über Fußball, zum Beispiel über die Asienreise. Vor der Bundestagswahl 2002 sprach sich Klinsmann für eine „zweite Halbzeit“ Schröders aus, der Kanzler wiederum ist Schirmherr bei seiner Stiftung Jugendfußball. (…) Und Angela Merkel? Von der ist bekannt, dass sie als Kind keinen Berg runterlaufen konnte. Außerdem ist die CDU-Chefin natürlich, wie ihre Leute versichern, leidenschaftliche Fußballanhängerin, und auf dem Parteitag hat sie gesagt, dass Deutschland Weltmeister werden könne und das Land Menschen wie Klinsmann brauche. Aber als Lieblingsvereine gibt sie Hansa Rostock und Bayern München an. Angela Merkel eben: Den Osten hat sie, der verliert aber gerade, den Westen hätte sie gerne, der passt aber besser zu anderen.“

Robert Ide (Tsp 9.12.) fügt hinzu: „Klinsmann und Schröder haben 2006 viel gemeinsam. Die WM bietet ihnen die Möglichkeit, viel zu gewinnen. Kein Wunder, dass sich beide von Kritik kaum irritieren lassen wollen.“

Deutsch feiern heißt eben feiern nach Vorschrift

Thomas Kistner (SZ 9.12.) befasst sich mit der Diskussion um Großleinwände: „Nur die WM-Städte sollen, von der Fifa bezuschusst, public viewing als offizielles Ereignis anbieten. Wer sonstwo in der Republik Leinwände aufbaut, ohne Bezüge zur WM herzustellen, ohne deren Logos und Titel zu nutzen, der soll seine Sponsoren frei wählen dürfen. Und muss nicht auf öffentliche Gelder zurückgreifen. Wird lustig zu sehen sein, wie überall Zehntausende WM gucken, ohne dass dort das schlimme WM-Wort fällt, ein einziges T-Shirt verkauft werden darf. Nicht mal auf den Ankündigungen sind Begriffe wie WM-Party erlaubt. Hieße im Fall unseres Wunschfinales: Sonntag, Marktplatz: Übertragung des Länderspiels gegen Brasilien. Deutsch feiern heißt eben feiern nach Vorschrift.“

Mittwoch, 8. Dezember 2004

Allgemein

Künstlerseele

Christoph Biermann (SZ 8.12.) schwärmt von Dimitar Berbatov: „Bislang hat sich nicht weit herumgesprochen, wie gut Berbatov wirklich ist. Klaus Augenthaler hält den Bulgaren für „einen der besten Stürmer Europas“, und das ist keine dramatische Übertreibung. In seiner Nationalelf jagt der erst 23-jährige Stürmer bereits den Torrekord von Hristo Stoitchkov, und sein wunderbarer Treffer beim 1:1 in Rom hat auch bei den Großen der Champions League Eindruck gemacht. In Leverkusen ist Berbatov zum Symbol für die Zukunftsfähigkeit des Klubs geworden. Dass Berbatov in Deutschland trotzdem noch nicht zum Topstar aufgestiegen ist, liegt auch daran, dass er zwar einer der elegantesten, aber auch schweigsamsten Spieler der Bundesliga ist. (…) Man muss nicht wissen, dass Berbatov gerne zeichnet, um in ihm eine Künstlerseele zu erkennen. Sein Verständnis von Fußball ist sowieso ein ästhetisches.“

Interview

Ich halte nichts von Trainerwechseln

Achim Stocker, Vereinschef des SC Freiburg, im Interview mit Matthias Wolf (BLZ 8.12.)
BLZ: Nach einem 0:6 ist in Rostock Juri Schlünz von sich aus gegangen.
AS: Das ist nicht vergleichbar, weil Schlünz nur ein Jahr Cheftrainer war. Finke ist hier über 14 Jahre, in denen wir gute und schlechte Zeiten erlebt haben. Aber nebenbei: Finke klebt nicht an seinem Stuhl. Dieser Tage kam er zu mir und sagte: Herr Stocker, wenn Sie der Ansicht sind, ein anderer macht das hier besser, höre ich sofort auf.
BLZ: Und was haben Sie gesagt?
AS: Rücktrittsgedanken sind Unsinn. Er ist der beste Trainer, den wir je hatten. Ich sehe sogar keinen Besseren in der Liga. Vor kurzem war er als Bundestrainer im Gespräch – und jetzt soll er ein schlechter Trainer sein? Ich halte nichts von Trainerwechseln, das bringt allenfalls kurzfristig was, wenn überhaupt – und danach brauchst Du Jahre, um Dich zu erholen. Ich befürchte nur, Finke ist es irgendwann leid, dass ihm ständig ans Bein gepinkelt wird – und geht wirklich von sich aus.
BLZ: Oft heißt es, Ihre Treue sei Resultat einer tiefen Männerfreundschaft.
AS: Nein, wir haben ein sachliches Verhältnis, sind per Sie. Der Finke ist ein Intellektueller, der hat sogar was Journalistisches. Ich bin ja nur höherer Beamter, als ehemaliger Regierungsdirektor. Dem Trainer bin ich manchmal viel zu trocken.

Champions League

Neutrales weißes Textil

Frank Nienhuysen (SZ 8.12.) über die politische Farbenlehre Dynamo Kiews: „Die Anhänger von Dynamo Kiew, das räumte der Vereinssprecher ein, stünden wohl mehrheitlich auf der Seite der Opposition. Farbtechnisch macht dies die Lage allerdings etwas kompliziert. Die Vereinsfarben von Kiew sind weiß-blau, dies aber sind genau die Insignien des unbeliebten Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch. Seine Hochburg ist Donezk im Osten des Landes, Heimatstadt von Dynamos sportlich größtem Rivalen Schachtjor Donezk. Dessen Vereinsfarbe wiederum ist pikanterweise orange, weshalb der Klub gegen AC Mailand neutrales weißes Textil bevorzugte.“

Verwirrend, diese Zeiten im modernen Profifußball

Erik Eggers (FTD 8.12.): „Sollte Köln wieder aufsteigen, muss, so ist das Ausleihgeschäft geregelt, Andrej Woronin zurückkehren, dort läuft sein Vertrag bis 2007. Jedenfalls dann, wenn Bayer keine Ablöse zahlt. Sollte sich der Traum des Stürmers erfüllen und Leverkusen tatsächlich die Champions League gewinnen, dann würde Woronin womöglich zu teuer werden für Bayer. Verwirrend, diese Zeiten im modernen Profifußball.“

Es fehlt ein klares Konzept

Georg Bucher (NZZ 8.12.) beschreibt das Verhältnis zwischen José Mourinho und dem FC Porto: „Misstrauen herrscht, man geht sich aus dem Weg und vergisst die lange Zeit nahezu perfekte Beziehung. Porto gab Mourinho die Gelegenheit zur internationalen Profilierung, erhielt im Gegenzug den erfolgreichsten Abschnitt der Klubgeschichte, konnte danach einige Stützen millionenschwer veräussern und sich aus der Schuldenfalle befreien. Was die Arbeit des methodischen Perfektionisten und Motivationskünstlers wert war, sieht man jetzt, da die Equipe unter Leitung des Spaniers Victor Fernández kaum mehr mittleren Ansprüchen genügt. Es fehlt ein klares Konzept, Selbstbewusstsein und Dynamik sind dahin, Alibipässe dokumentieren Ratlosigkeit und Angst.“

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