indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 6. September 2004

Internationaler Fußball

Vielleicht wird sich Rehhagel in einem Jahr wünschen, doch Bundestrainer in Deutschland geworden zu sein

Albanien-Griechenland 2:1

Peter Heß (FAZ 6.9.) wundert sich nicht: “62 Tagenach dem märchenhaften Triumph von Lissabon ist der griechische Fußball wieder in der Wirklichkeit angekommen. Das 1:2 gegen den Nachbarn Albanien mag den Fans von Trainer Otto Rehhagel und dessen Spielern wie ein Schock vorkommen – eine Sensation stellt die Niederlage bei objektiver Betrachtung nicht dar. Durch den Titel Europameister gewinnt eine Mannschaft genausowenig spielerische Extraklasse wie durch den zweiten Platz bei einer Weltmeisterschaft. Teamchef Rudi Völler hatte damals nur zu recht, als er nach dem WM-Finale 2002 beteuerte, der Erfolg bedeute nicht, daß Deutschland nun die zweitbeste Fußballnation der Welt sei. Genausowenig ist Griechenland im Jahr 2004 das beste Team Europas. (…) Vielleicht wird sich Rehhagel schon in einem Jahr wünschen, doch Bundestrainer in Deutschland geworden zu sein. Denn selbst wenn Griechenland die Kurve nach Deutschland noch kriegen sollte: Den Höhepunkt seiner Macht hat König Otto von Griechenland schon überschritten.“

Wie haben sich Briegel und Rehhagel vertragen, Tobias Schächter (FR 6.9.)? „Es hatte mitunter komische Züge, mit welchen Volten der kalte Krieger Rehhagel es vermied, seinem Intimfeind Briegel zu begegnen. Als Letzter kam der 65-Jährige aus der Halbzeitpause zurück auf den Platz, den Kopf streng auf den Boden gerichtet. Im letzten Moment, bevor er an der albanischen Bank und somit an Briegel hätte vorbeigehen müssen, machte der listige Rehhagel einen Schwenk und lief schnellen Schrittes hinter der Bank vorbei. Eine wahre Meisterleistung bei der „Briegelunbedingtnichtindieaugenschauenwollen-Weltmeisterschaft“. Die hat Rehhagel souverän gewonnen.

Frankreich-Israel 0:0

Die Titel sind eine große Bürde und hängen wie Blei an der neuformierten Mannschaft

Sven Gartung (FAZ 6.9.) schildert den schwierigen Anfang des neuen französischen Teams: „So schnell hat sich das Stade de France in Saint Denis wohl nur selten geleert: Bereits wenige Minuten nach dem Abpfiff waren die Zuschauer von dannen gezogen. Zu feiern gab es für die knapp 43 000 Anhänger der Equipe tricolore nichts, die bestenfalls mittelmäßige Partie endete in einem torlosen Unentschieden. In den Metrozügen lebte in dieser enttäuschenden Fußballnacht die Erinnerung an die Stunde des größten Triumphes vor sechs Jahren auf. (…) Vorbei. Geschichte. Spieler vom Schlage eines Zidane, Desailly, Thuram oder Lizarazu sind nicht mehr dabei. Ihre Nachfolger heißen Mendy, Evra oder Givet und haben als größten internationalen Erfolg bislang die Teilnahme am Champions-League-Finale mit Monaco vorzuweisen. Es sind Spieler, denen in der Nationalmannschaft eine Leaderfigur fehlt. Es sind Spieler, die ob der Dominanz der Weltmeister bislang in der Nationalmannschaft kaum zum Einsatz kamen. Die WM- und EM-Titel sind eine große Bürde und hängen wie Blei an der neuformierten Mannschaft und Trainer Raymond Domenech.“

Italien-Norwegen 2:1

Überzeugter Sozialist unter Fußballmillionären

Dirk Schümer (FAZ 6.9.) spürt frischen Wind: „Mit ungewohnter Freude am Risiko legte die verjüngte italienische Mannschaft mit zuweilen sieben Spielern den Vorwärtsgang ein. (…) Marcello Lippi, der als Spieler bei Sampdoria Genua eine unauffällige Karriere im defensiven Mittelfeld absolvierte, gilt als harter Arbeiter, der seine Erfolge bei Juventus Turin dem ständigen Wechsel der Startformation verdankt. Rücksicht auf die Eitelkeiten seiner Stars offenbarte der überzeugte Sozialist unter Fußballmillionären nur selten. Bei der ebenso leicht vergötterten wie verdammten Nationalmannschaft kann ihm die Revolution vielleicht abermals gelingen.“

Viel zu schön, um Fußball zu spielen

Birgit Schönau (SZ 6.9.) ist Italiens Spieglein an der Wand: „Es war einmal die Squadra Azzurra der Del Piero, der Totti und Vieri, die Nationalmannschaft der Diven. Sie stritten sich schon im Trainingslager, wer wohl der Schönste und Beste von ihnen sei, und ihr Trainer betrachtete sie mit nachsichtiger Verzweiflung. Denn er fühlte sich ein bisschen wie ihr Papa. Auf dem Platz machten sie dann mit schöner Regelmäßigkeit eine grottenschlechte Figur, obwohl es gar nicht gegen Drachen und Menschenfresser ging, sondern bloß gegen Koreaner oder Dänen. Der Trainer versprengte Weihwasser, um den Teufel vom verhexten Rasen zu vertreiben. Das half aber auch nicht mehr, und die Mannschaft der Reichen und Schönen fuhr immer ganz schnell nach Hause. Jetzt soll damit Schluss sein. Jetzt ist Marcello Lippi Trainer. Einer, über den einst seine Übungsleiter sagten: „Viel zu schön, um Fußball zu spielen.“ Einer, der schon vor 30 Jahren auf dem Strand von Viareggio von den Mädchen belagert wurde, und auf ihren Rücken Autogramme schrieb. Heute ist Lippi 56, immer sonnengebräunt vom Meereswind, das Silberhaar so perfekt geschnitten wie die Maßanzüge, der Gang elastisch und bestimmt. Marcello Lippi ist der Paul Newman des calcio – viel zu schön, um Fußballer zu trainieren.“

Österreich-England 2:2

Die NZZ (6.9.) fasst zusammen: „Das sehr positive Ergebnis für Österreich offenbarte bei genauerer Betrachtung einige Widersprüche. Wille und Kampfkraft auf der einen Seite stand über weite Strecken allzu statisches und durchsichtiges Spiel der Gastgeber nach vorne gegenüber. Weite Bälle wurden hoch nach vorne geschlagen, die Glieder und Haas als Spitzen kaum kontrolliert annehmen oder abspielen konnten, die Unterstützung aus dem Mittelfeld fehlte weitgehend. Einer soliden Defensivleistung mit hervorragendem Kopfballspiel standen zahlreiche Unsicherheiten, frühe Ballverluste und kaum zwingende Möglichkeiten aus geordnetem Spielaufbau gegenüber.“

Irland-Zypern 3:0

Perfekter irischer Fussballnachmittag

Benjamin Steffen (NZZaS 5.9.): „Schon nach einer Stunde war alles eingetreten, was für einen perfekten irischen Fussballnachmittag erforderlich gewesen war: ein relativ frühes Tor wider den (Stürmer-)Frust, ein sehenswertes Goal durch den neuen Liebling Andy Reid und ein Treffer, der den Iren Anlass dazu gibt, was sie am liebsten tun: feiern. Die Gäste verdarben das Fest nicht. Ihre Mittel waren zu limitiert, um die entschlossenen, von fast 36 000 Zuschauern nach vorne gepeitschten Gastgeber am Sieg zu hindern. Die Iren, 2004 in neun Spielen erst einmal bezwungen (von Nigeria), treten ihren Gegnern mit stolz geschwellter Brust entgegen. Die Performance seiner Mannschaft sei „sehr gut“ gewesen, sagte Kerr nach der Partie. Er lächelte dabei und liess erkennen: Seine Spieler hatten ihm deutlich mehr Lust als Frust bereitet.“

Eine Zusammenfassung des Spieltags in der taz

Eine Übersicht im Tagesspiegel

Champions League

Warum sind die Europäer schon wieder gegen uns?

Streit zwischen den Israelis und der Uefa um den Termin der Partie zwischen Tel Aviv und Bayern München – Michael Borgstede (FAS 5.9.) warnt vor den Folgen: „Der Streit um den Anpfifftermin hat einmal mehr das fragile Verhältnis zwischen Israel und Europa offengelegt. Denn im Hintergrund der Auseinandersetzung stand in Israel die Frage: Warum sind die Europäer schon wieder gegen uns? Warum weigern sie sich, uns zu verstehen? Das böse A-Wort schwebt da schnell im Raum.“

Deutsche Elf

In Nordamerika interessiert es keinen, wie Profi-Footballer 200 Kilogramm Körpergewicht aufbauen

Jan Christian Müller (FR 6.9.) beäugt Mark Verstegen, den amerikanischen „Fitness-Guru“ in deutschem Dienst: “Klinsmanns Initiative kann sich nicht von einigen Makeln freisprechen, weil bisher ein nicht unumstrittener Gewinner feststeht: der Guru. Denn der bisher in den USA als Meister der Leistungsoptimierung bekannte Mark Verstegen gelangt durch die Allianz mit Klinsmann auf einen Schlag zu europäischem Renommee. Mit einer Fußball-Mannschaft, die Zweiter bei einer WM wurde, konnte er noch nie werben. In Kürze wird der geschäftstüchtige Mann mit der Ausstrahlung eines US-Marines den adelnden Auftritt in seinen PR-Portefeuilles aufführen. Damit hat sich Klinsmann bei dem Verstegen-Geschäftspartner Phillip Anschütz, dem die halbe US-Fußball-Liga gehört, für den Berufseinstieg bei den Los Angeles Kings bedankt. Zweifel ergeben sich auch aus den Arbeitsnachweisen Verstegens. Der hat vornehmlich US-Sportler im Football und Baseball auf Vordermann gebracht. Wie die Stars der Ligen ihre Leistung zur Not mit chemischen Manipulationen, auch unerlaubten, oft ungestraft, steigern, lässt Experten verzweifeln. „In Nordamerika interessiert es keinen, wie Profi-Footballer 200 Kilogramm Körpergewicht aufbauen: Das kommt nicht vom Steak- und Hamburgeressen“, so der Chef der Wada, Richard Pound, „es ist ein professioneller Gladiatoren-Sport.““

Wie und was trainiert die deutsche Elf? FR

Ein Sieg wäre das Siegel unter der neuen Optimismusdoktrin

Matti Lieske (taz 6.9.) blickt auf Mittwoch, Deutschland trifft auf Brasilien: “Es ist ein sehr wichtiges Match für Klinsmann und seinen neuen Stab. Ein Sieg oder Unentschieden gegen den Weltmeister wäre das Siegel unter der neuen Optimismusdoktrin. Eine Klatsche mit drei oder mehr Toren Unterschied darf nicht sein. Dann wäre abrupt Schluss mit der Euphorie, der EM-Blues würde neu aufgelegt, das Geschwätz vom WM-Titel 2006 klänge noch hohler, und all jene bekämen Oberwasser, denen Klinsmann in seiner kurzen Amtszeit bereits auf den Schlips getreten ist. In erster Linie sind das jene Leute im DFB, die bisher das Sagen hatten, und die Bundesligavereine. Felix Magath zum Beispiel, der bei den Münchner Bayern einen äußerst restriktiven Kurs der Nationalspieler-Abstellung verfolgt. Zu spüren bekamen das vor allem Lucio und Ze Roberto, denen mit bemerkenswerter Instinktlosigkeit die Teilnahme am weltweit beachteten Friedensspiel der Brasilianer in Haiti verwehrt wurde. Zur Strafe sind beide nicht im Kader, denn Brasiliens Trainer Alberto Parreira macht die Spieler selbst für ihre Absenz verantwortlich, sie hätten eben nicht genug Druck auf ihren Klub ausgeübt. Damit trägt er mächtig Konfliktstoff in die Vereine oder schürt vorhandenen. Siehe Lucio. Im Fall Deisler und Görlitz biss Magath diesmal bei Klinsmann auf Granit, nachdem der Bundestrainer beim Österreich-Spiel noch wunschgemäß auf die beiden verzichtet hatte. Eine Botschaft an die Bundesligisten, dass Klinsmann längst nicht so viel Rücksicht auf ihre Belange nehmen wird wie Vorgänger Rudi Völler.“

Organisation, Fitness – waren dies wirklich die Schwächen des deutschen Fußballs oder doch eher die letzten Stärken?

Jörg Kramer (Spiegel 6.9.) befasst sich mit Klinsmanns Reformen: „Es gibt Leute in der Frankfurter DFB-Zentrale, die sorgen sich, dass sich der Göppinger Sonnyboy als Berufsanfänger ein bisschen viel vorgenommen hat, dass er sich mit seinem Doppelleben als Fußballvermarkter in Kalifornien und Fußballlehrer in Deutschland verzettelt. Manche fragen sich, warum er vorige Woche vier spielfreie Tage des Fußballkalenders verstreichen ließ, die schon als Lehrgang für die Nationalelf hätten genutzt werden können. Schließlich soll ja nach Klinsmanns Wunsch ein „aktiver Stil“ einstudiert werden, bei dem „eines ins andere fließt“, und zwar auf „ganz hohem Aggressivitätslevel“ mit entsprechender „Willensbereitschaft“. Die Spieler sollen lernen, den Ball schneller zu passen. Doch der Trainer hatte knapp zwei Wochen in den USA zu tun. Andererseits: Bei dem Arbeitstempo, das der Teilzeit-Trainer vorlegt, muss sich niemand Gedanken etwa über versäumte Übungszeit machen. Inzwischen fragen sich Skeptiker, ob der Bundestrainer in seinem Reformeifer nicht an den falschen Stellen herumdoktert: Organisation, Fitness – waren dies wirklich die Schwächen des deutschen Fußballs oder doch eher die letzten Stärken? Noch ist die Zahl der Bewunderer nicht schneller als die der Gegner gestiegen, denn wie immer bei Sanierungen gibt es viele Verlierer. Und wenn auf dem Rasen die Siege ausbleiben, könnte es passieren, dass auch dem Reformer Klinsmann montags ein paar Eier entgegenfliegen. Eine Sprache haben Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw in die Welt der Nationalmannschaft eingeführt, die mit ihren Anglizismen („key messages“) an Manager-Kurse erinnert und manchmal derart ins Esoterische lappt, dass Zuhörer glauben, sie hätten sich ins Seminar eines Motivationsgurus verirrt.“

Auf dem Trainingsplatz ist das Rad nicht neu erfunden worden
Christoph Biermann & Ludger Schulze (SZ 6.9.) sprechen mit Jürgen Klinsmann über seine Stärken und Schwächen

SZ: Wann kam Ihnen erstmals der Gedanke, diese Aufgabe zu übernehmen?
JK: Es gab ja dieses Interview mit Ihrer Zeitung, in dem ich deutlich machen wollte, dass man zwei Jahre vor dem größten Event, das es auf lange Sicht in Deutschland geben wird, einige Dinge im Fußball überdenken muss. Das hat offenbar dazu geführt, dass mich der DFB ansprach. Vorher aber hat mein ehemaliger Trainer Arie Haan gesagt: „Warum nehmt ihr nicht den Jürgen und stellt ihm einen erfahrenen Trainer zur Seite?“ Richtig los ging es aber erst, als Berti Vogts bei mir in Kalifornien zu Besuch war. Er fragte mich: „Kannst Du Dir nicht vorstellen, Bundestrainer zu werden?“ Ich antwortete: „Vorstellen schon. Aber dazu müsste sich vieles ändern.“ Vogts hat dann beim DFB angerufen, und dann hat sich alles sehr schnell entwickelt.
SZ: Es ist ja eine besondere Fähigkeit, in der Hektik eines Spiels taktische Details zu erkennen. Können Sie das?
JK: Das muss ich noch lernen. Natürlich hilft die Erfahrung als Spieler. Aber es ist ungleich schwieriger, einen Spielverlauf von der Seitenlinie zu erkennen als von der Tribüne aus. Für mich ist es wichtig, dass Joachim Löw da schon zehn Jahre Erfahrung hat.
SZ: Sie sprachen von der Individualisierung: Hat sich der Fußball in den letzten zehn Jahren verändert?
JK: Auf dem Trainingsplatz ist das Rad nicht neu erfunden worden. Aber wir haben heute einen Spielertypus vor uns, der sich enorm schnell verändert. Zu meiner aktiven Zeit konnte man vielleicht alle 20 Jahre von einer neuen Generation sprechen, heute ist zwischen Ballack und dem 20-jährigen Philipp Lahm ein Generationensprung. Die Spieler wachsen heute auf in einem Umfeld, das sich immer schneller wandelt, und in einer Medienlandschaft mit Internet und Video-Games. Sie sind einem Überschuss an Information ausgesetzt. Sie stehen extrem in der Öffentlichkeit, das war bei uns vor 20 Jahren lächerlich dagegen. Es wird ein wesentlicher Punkt sein, diese Spieler zu erreichen.
SZ: Das betrifft weniger den Spieler als Sportler, sondern das Leben um ihn herum?
JK: Ja, aber auch für den Sportler gibt es Möglichkeiten, andere Wege zu gehen. Nehmen wir das Beispiel der amerikanischen Fitness-Experten, die hier in Berlin bei uns waren und schon kritisiert wurden, bevor sie ihre Arbeit begonnen hatten. Sie haben sich in den letzten fünf, zehn Jahren auf die individuelle Betreuung eines Athleten spezialisiert, egal, aus welcher Sportart er kommt. Dieser Spielraum ist doch bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Wenn ich gezielt an der Sprungkraft eines Mittelstürmers arbeite, macht der vielleicht zwei, drei Kopfballtore mehr im Jahr – und das könnte ein Tor bei der WM sein. Ein Beispiel: Wenn ich persönlich nicht mit 20 Jahren ein spezielles Schnelligkeitstraining mit einem Sprinttrainer gemacht hätte, wäre ich ewig die 100 Meter in 12,0 gelaufen statt in 11,0. Im Fußball sind wir in unserer Denkweise stehen geblieben. Aber wir müssen uns öffnen, Informationen aus anderen Bereichen beziehen. Ob die umsetzbar sind, wird sich dann erst erweisen. Ob die Leute, die uns ihr Wissen vermitteln, aus Deutschland stammen, aus Amerika oder Südafrika, spielt dabei keine Rolle.
SZ: Viele Ihrer Ideen scheinen aus dem amerikanischen Business zu stammen.
JK: Die Leute in Deutschland haben vielleicht nicht mitbekommen, dass ich in den vergangenen sechs Jahren eine Entwicklung durchlaufen habe. Ich bin nicht mehr der ehemalige Fußballer Jürgen Klinsmann, sondern jemand, der sich auf vielen Feldern umgetan hat.

Jürgen ist forscher als Rudi
Michael Horeni (FAS 5.9.) interviewt Michael Ballack

FAS: Vielleicht wissen Sie es schon: Wie soll denn unter Klinsmann der Fußball im Jahr 2006 aussehen?
MB: Jede Fußballnation hat ihre Mentalität. Es ist daher schwer, die Spielweise einer Nation zu verändern. Unsere Stärken und Schwächen werden wir behalten – das wird auch in zehn Jahren so sein. Wir können etwas verbessern, aber unser Stil wird bleiben. Wir dürfen ihn auch nicht zu sehr verändern. Denn wenn man zuviel ändern will, verlieren wir auch unsere Stärken. Wir sind Zweiter der WM geworden und haben nicht den schönsten Fußball gespielt. Gerade dort war aber unsere Mentalität ausschlaggebend für den Erfolg.
FAS: Rudi Völler hat also nicht viel falsch gemacht?
MB: Nein, überhaupt nicht. Den schönsten Fußball muß man nicht spielen. Es geht nur um Erfolg. Unsere Stärke ist immer, aus einer kompakten Defensive Druck zu machen. Wenn wir mit Glück 1:0 gegen Brasilien gewinnen, und die anderen sind eigentlich besser – das ist doch auch etwas Schönes. Auch Jürgen wird wissen, wo unsere Stärken und Schwächen liegen. Aber in der Nationalelf sind wir wie bei den Bayern derzeit in der Probierphase. Man muß erst einmal sehen, wie und ob es wirklich geht.
FAS: Spüren Sie schon etwas von Klinsmanns Spirit 2006?
MB: Daß Jürgen Klinsmann etwas verändern will, daß er positiv drauf ist, daß er sich nicht von außen beeinflussen lassen will, daß er sein Konzept durchziehen wird – das haben alle mitgekriegt. Das vermittelt er sehr stark, überzeugend und mit viel Begeisterung. Ich sehe es positiv, daß er in den letzten Jahren Abstand zum Fußball gewonnen hat. Wenn man lange dabei ist, besteht die Gefahr der Betriebsblindheit. Er kann alles neutraler betrachten.
FAS: Was hat sich in den wenigen Tagen unter Klinsmann im Vergleich zu Völler verändert?
MB: Beide sind junge und dynamische Trainer – sie haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Rudi hat sehr die Nähe zu den Spielern gesucht und viele Gespräche geführt, um den Spielern Vertrauen und Selbstbewußtsein zu vermitteln. Da sind sie sich ähnlich. Früher hat Michael Skibbe das Training geleitet, und Völler hat es beobachtet. Das ist jetzt auch mit Jogi Löw so. Jürgen aber hat in den ersten Tagen seine Vorstellungen, auch außerhalb des Platzes, sehr stark durchgesetzt. Da ist er forscher als Rudi.

Ein Schnellboot, das dem Tanker DFB davon rauschen will

Jan Christian Müller (FR 6.9.) findet die Änderungen gut: “Die reformerischen Kräfte von Oliver Bierhoff und seines sportlich verantwortlichen Kollegen Jürgen Klinsmann sind derart stark, dass man vielleicht schon von einer Palastrevolution sprechen kann. Und die Anzeichen mehren sich, dass die beiden Neuen gemeinsam mit Co-Trainer Joachim Löw einen kleinen Verband im großen Verband installieren wollen: Ein Schnellboot, das dem Tanker DFB davon rauschen will. Wie sehr sich das Management der Nationalmannschaft bereits verselbstständigt hat, gab Oliver Bierhoff preis, als er auf die Frage nach der Zukunft des bisherigen Teammanagers Bernd Pfaff antwortete: „Was mit Herrn Pfaff passiert, müssen Sie den DFB fragen.“ Das Trio hat sich bei seinen Aufräumarbeiten bislang nicht nur Freunde gemacht, ganz im Gegenteil, aber es geht zielgerichtet vor, mitunter unsensibel, und es scheut Konflikte nicht. Von Sponsorenseite werden erste positive Reaktionen vernommen. Die Partner des DFB, wie etwa Mercedes-Benz, fühlen sich dank Bierhoff aufmerksamer begleitet, es heißt, Pfaff habe für diese Arbeit wenig Sinn gehabt.“

Andreas Lesch (FTD 6.9.) kommentiert Klinsmann IV: “Oliver Bierhoff, hat noch ein paar Probleme in der durchreformierten deutschen Welt. Klinsmann und er hatten drei deutsche Olympiateilnehmer eingeladen; sie sollten das Training der Fußballer begutachten und sich abends, beim Essen, mit ihnen austauschen. Bierhoff kündigte also an: „Patrick Wasserziehr. Das soll wohl einer der besten Wasserballer sein, nach allem, was an Informationen zu mir gekommen ist.“ Er sollte mit seinen Informanten noch mal reden: Wasserziehr ist in Wahrheit TV-Sportmoderator. Die Sportart stimmte aber: Der Hüne, den Bierhoff meinte, heißt Weissinger. Seine Mitstreiter, Hockeyspieler Tibor Weißenborn und Radsportler Robert Bartko, mochten Bierhoffs Anruf gar nicht glauben. „Ich dachte, irgendein Freund verarscht uns“, sagte Weißenborn. Bartko habe „gleich die versteckte Kamera gesucht“. So konnte das Trio beim abendlichen Training wertvolle Erkenntnisse gewinnen. „Ich hab vom Oli gehört, dass die Fußballer nie selbstständig etwas tun“, sagte Weißenborn. „Das hat mich gewundert.“ Weissinger fügte an: „Wir hinterfragen alles viel mehr. Wir horchen mehr in unseren Körper hinein. Wir beschäftigen uns viel mehr mit dem, was wir tun.““

Tsp-Interview mit Brasiliens Nationaltrainer Parreira
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Samstag, 4. September 2004

Interview

Wenn andere dabei sind, fühlen sich brasilianische Profis schnell persönlich angegriffen

Sehr lesenswert! Christoph Biermann (SZ 4.9.) holt sehr viel aus Klaus Augenthaler heraus

SZ: Herr Augenthaler, ist es für einen deutschen Trainer schwierig, mit Brasilianern zu arbeiten?
KA: Jedenfalls musste ich es erst lernen. In der Vorbereitung zur vergangenen Saison etwa – Lúcio und Juan waren noch beim Confederations-Cup –, habe ich beim Lauftraining mit Franca und Ponte ein privates Gespräch anzufangen versucht. Nichts besonderes, ob sie verheiratet sind und Kinder haben, ich wollte sie halt ein wenig kennen lernen. Aber die beiden haben auch beim fünften Anlauf nur „hm, ja, hm“ geantwortet. Irgendwann hat mir Ponte dann erklärt, dass Brasilianer es gewohnt sind, von ihrem Trainer nur Anweisungen zu erhalten. Dass ich ein wenig etwas über ihre Lebensumstände wissen wollte, war für sie irritierend.
SZ: Hat sich das geändert, als Franca vor einigen Monaten von Frau und Kind verlassen worden ist?
KA: Es geht gegen ihren Stolz, wenn so etwas schief läuft. Ich habe ihn zwar kurz gefragt, ob ich helfen kann, aber sie wollen ihr Privatleben vor ihrem Vorgesetzten nicht ausbreiten. Deshalb habe ich ihn in Ruhe gelassen.
SZ: Dann brauchen Sie ja nur kühl auf Distanz zu bleiben?
KA: Nein, man muss auf den richtigen Umgang sehr genau achten. Als ich Lúcio nach einem schlechten Spiel mal vor der Mannschaft hart kritisiert habe, war das ein Fehler. Er war sehr eingeschnappt, das hat man noch im Training tagelang gemerkt, weil er diese Form der Kritik als persönliche Beleidigung empfunden hat.
SZ: Er fühlte sich offenbar vor den anderen Spielern bloßgestellt.
KA: Genau. Man kann ihnen alles sagen, aber wenn andere dabei sind, fühlen sich brasilianische Profis schnell persönlich angegriffen. Das verletzt ihren Stolz.
SZ: Es wundert sie also nicht, dass Lúcio dieser Tage Bayern-Coach Magath kritisiert hat, weil der ihn bei der Niederlage in Leverkusen ausgewechselt hat?
KA: Nein, Lúcio hat früher bei uns nie die Auswechseltafel gesehen.
SZ: Haben Sie eine Erklärung für diese Art von Empfindlichkeiten?
KA: Ich glaube, dass es mitunter so etwa wie einen Minderwertigkeitskomplex gibt, weil einige Profis aus einfachsten Verhältnissen kommen und nur vier, fünf Jahre zur Schule gegangen sind. Es steckt vielleicht in den Hinterköpfen, dass wir sie als Menschen zweiter Klasse anschauen könnten, weil sie nicht so eine Schulbildung haben, wie das bei uns üblich ist. Daher kommt auch die Forderung vieler Brasilianer, dass man ihnen mit Respekt begegnen soll. Ich habe meinen Brasilianern deshalb gesagt, dass ich sie zuerst als Menschen sehe, dann als Fußballer, und Herkunft oder Schulbildung für mich keine Rolle spielen.

Internationaler Fußball

Unfähigkeit zur Selbstkritik

Gelingt Italien mit Marcello Lippi mehr auf und neben dem Platz als mit Giovanni Trapattoni, Peter Hartmann (NZZ 4.9.)? „Den ketzerischen Satz sprach einer aus, der von seinem Posten aus den Überblick hat: „Ich glaube, wir werden überschätzt“, urteilte Torhüter Gigi Buffon nach der blamablen 0:2-Niederlage der Squadra Azzurra gegen Island Mitte August. Es war ein Fehlstart für den neuen Commissario Tecnico Marcello Lippi. Und erst ein Testspiel. Aber Buffon hatte ein allegorisches Bild vor Augen: Die Erfolglosigkeit der Nationalmannschaft in den letzten vier Jahren unter Giovanni Trapattoni, der für die Gewissheiten des Fussballs „all‘italiana“ stand, für die Taktik des Abwartens, Fallenstellens und Konterns, und damit an der WM 2002 und der EM 2004 Schiffbruch erlitt. Buffon meinte auch die überhebliche Nabelschau des Calcio mit seiner längst nicht mehr „schönsten Meisterschaft der Welt“. Die Unfähigkeit zur Selbstkritik, die in den meisten Medien nur als melodramatische Selbstbemitleidung stattfindet: Italien als Opfer von Komplotten, von Schiedsrichtern, von Sepp Blatter und andern finstern Mächten. Marcello Lippi ist ein nüchterner und – selbst mit 56 Jahren – der nach Ansicht der Hofberichterstatter schönste Mann des Italo-Fussballs, eine Art verspäteter Doppelgänger des silberhaarigen US-Schauspielers Paul Newman. Er hält, allerdings pragmatischer, die gleichen System-Tugenden hoch wie Trapattoni und war in seiner Jugend ebenfalls Defensivspieler, ein umsichtiger, etwas langsamer Libero.“

11 Freundinnen

Mit Professionalität hat das nichts zu tun

Heute beginnt die neue Saison. Matthias Kittmann (FR 4.9.) blickt voraus, auf politische Korrektheit verzichtend: „Die Frauen-Bundesliga ist die ödeste Spielklasse des DFB. Obwohl ohnehin nur zwölf Clubs mitspielen, sind das schon vier zu viel. Diese Mini-Liga besteht aus vier Klassen: Zwei spielen um die Meisterschaft, vier um den nutzlosen Platz drei, drei bevölkern das nicht minder langweilige untere Mittelfeld und drei balgen sich um den Abstieg, wovon zwei die Aufsteiger sind. Und das Schlimmste: Die letzten Drei können nie einen der ersten zwei schlagen. (…) Um den Frauenfußball besser zu verkaufen, haben die Protagonisten die Legende erfunden, dass Frauen aus biologischen Gründen zwar nicht so dynamisch und schnell wie Männer seien, aber dafür den technisch besseren Fußball spielen. Als Marketing okay, nur darf man so was nicht selbst glauben. In der Landesliga der Männer können in jedem Verein die meisten immer noch technisch besser kicken, als die 50 Prozent der Frauen in der Bundesliga. Bleibt das „Doppelpack-Phänomen“. Im Frauenfußball (übrigens nur in Deutschland) kommen vier von fünf Wechseln in der Bundesliga aus Beziehungsgründen zu Stande. Zwei Spielerinnen gehen von München nach Freiburg, zwei von Frankfurt nach Bad Neuenahr, zwei von Saarbrücken nach Frankfurt (gewollt haben die Clubs immer nur eine, aber die Freundin muss mit), beim vierten wollen zwei Freundinnen zusammenkommen. Nur der fünfte Wechsel hat sportliche Gründe. Mit der verkündeten neuen Professionalität hat das nichts zu tun.“

„Nach einem kräftigen Durchhänger und dem Verlust aller wichtigen Pokale will der FFC wieder an die Spitze“, erfahren wir von Michael Ashelm (FAZ 4.9.): „Der erste Eindruck fällt so aus, wie es Hans-Jürgen Tritschoks nicht anders erwartet hätte. „Das ist eine andere Welt“, sagt der neue Mann beim 1. FFC Frankfurt, der gewissermaßen im Schlaraffenland des deutschen Frauenfußballs gelandet ist. Seine Aufgabe dort hat ihren besonderen Reiz: Weil in der abgelaufenen Saison beim unumstrittenen Branchenführer der vergangenen Jahre fast alles schiefgegangen ist, was nur schiefgehen konnte, wird zu Beginn der neuen Spielrunde an diesem Wochenende mit Spannung erwartet, ob aus dem dümpelnden Luxusliner wieder ein schlagkräftiges Schlachtschiff werden kann. Tritschoks‘ Zielsetzung ergibt sich von ganz alleine: Meisterschaft und damit Qualifikation für den Europapokal, Einzug ins DFB-Pokalfinale. Im Umkehrschluß heißt das: Der frech daherkommende Emporkömmling aus Potsdam, der den Frankfurterinnen unlängst mit jugendlicher Frische alle wichtigen Pokale entrissen hatte und nun auch den deutschen Frauenfußball international vertritt, muß abgehängt werden.“

Deutsche Elf

Wir wollen einfach mal einen neuen Weg gehen

Was gibt’s neues von Jürgen Klinsmann? Und wie reagieren die anderen, Jan Christian Müller (FR 4.9.)? “Aus den Clubs ist zarte Kritik – Dieter Hoeneß warnt vor einer „Amerikanisierung des DFB“ –, aber auch Unterstützung – Thomas Schaaf findet „neue Wege“ gut – zu hören. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff hat fürs Lamentieren kein Verständnis. Es sei in der Wirtschaft üblich, so der diplomierte Betriebswirt, „dass man sich Rat von außen holt“. Damit werde die medizinische Abteilung des DFB keineswegs vor den Kopf gestoßen, „es heißt doch, wir in Deutschland igeln uns zu sehr ein. Wir wollen einfach mal einen neuen Weg gehen“. Klinsmann erhofft sich durch den Einsatz des Spezialisten-Trios auch, dass „neue Reize“ gesetzt werden, was nach der am Ende bleiernen Ära Völler und dem ewig Gleichen in Training und Tagesablauf womöglich keine ganz schlechte Idee sein könnte. Auch den Plan, sich psychologische Hilfe von außen zu holen, verfolgen Klinsmann, sein Co-Trainer Joachim Löw und Bierhoff weiter. (…) Alsbald wollen die neuen Verantwortlichen für die Nationalmannschaft ihren Auserwählten sogar Hilfe aus eigenen Landen zukommen lassen: Laut FR-Informationen sollen ein Hockeyspieler, ein Bahnradfahrer und ein Kanute den Fußball-Profis anhand eigener Lebenserfahrung in persönlichen Vorträgen deutlich machen, wie man trotz kleiner finanzieller Gegenleistung große sportliche Leistung vollbringen kann.“

Die Hilfe eines Psychologen?! Wie kann sie aussehen, Stefan Hermanns (Tsp 4.9.)? „In keiner anderen Sportart ist die Skepsis gegen Psychologen so groß wie im Fußball. „Da gibt es immer noch die Vorbehalte, dass wir irgendwelche Leute auf die Couch legen, um Psychoanalyse mit ihnen zu machen“, sagt Werner Mickler, der für die sportpsychologische Ausbildung beim Trainerlehrgang des DFB zuständig ist. Neu ist das alles gar nicht. Ulrich Kuhl hat schon 1981 mit dem damaligen Zweitligisten Eintracht Trier zusammengearbeitet. Er wurde engagiert, weil die Mannschaft offensichtlich ihre Stärke nicht ausschöpfen konnte. Als Ursache erkannte Kuhl, dass die Spieler Angst hatten, Fehler zu machen, und daher übervorsichtig spielten. Der Sportpsychologe empfahl dem Trainer, risikoreicher spielen zu lassen. Das hört sich banal an, in der Praxis aber durfte kein Spieler ausgewechselt werden, nur weil er einen Fehler gemacht hatte. Und es war ausdrücklich untersagt, auf missglückte Aktionen eines Mitspielers mit negativen Äußerungen zu reagieren. Als Kuhl in Trier anfing, war die Mannschaft 14., zwischenzeitlich, nach acht Siegen aus zehn Spielen, lag sie auf Platz drei. „Auch mit der Unterstützung eines Psychologen kann ein Trainer aus schlechten Spielern keine gute Mannschaft machen“, sagt Kuhl. Aber mit Hilfe eines Psychologen können Sportler ihr Leistungspotenzial besser ausschöpfen.“
Er darf es nicht übertreiben mit seinen Ideen

Andreas Lesch (BLZ 4.9.) fasst zusammen: „Es ist schon alles ein bisschen schräg: Erst hat der DFB nach Rudi Völlers Rücktritt den Nichtreformer Ottmar Hitzfeld als Bundestrainer umgarnt und dann den Rückwärtsreformer Otto Rehhagel – bekommen aber hat er Klinsmann, einen Mann, der für manche Geschmäcker ein bisschen zu radikal reformiert. Es ist ein schmaler Grat, auf dem der Neuling da wandelt. Er weiß, dass er vieles verändern muss, dass vieles fest gefahren war; das Vorrundenaus bei der Euro 2004 war dafür nur der jüngste Beweis. Er sollte aber auch wissen, dass er es nicht übertreiben darf mit seinen Ideen. Denn schon jetzt mehren sich kritische Stimmen – auch, weil manche Entscheidungen Klinsmanns den Eindruck erwecken, sie seien wenig mehr als ein Symbol, ein Zeichen der Stärke des Neuen.“

Freitag, 3. September 2004

Internationaler Fußball

„Herr Briegel ist ein Lehrling“

Roman Abramowitsch hat zwei Pferde im Champions-League-Rennen, die sogar gegeneinander spielen. Markus Wehner (FAZ 2.9.) berichtet: „Daß Chelsea und ZSKA Moskau gleichermaßen startberechtigt sind, verdankt sich auch Abramowitschs Schläue: Während er in den Londoner Nobelverein persönlich Abermillionen Pfund investiert hat, wird der Zentrale Armeesportklub von Firmen unterstützt, an denen Abramowitsch mehrheitlich beteiligt ist, ohne offiziell das Sagen zu haben. Der rothaarige russische Milliardär, der in London lebt und aus der sibirischen Stadt Omsk stammt, hat, wie bekannt, Chelsea „aus Spaß am Sport“ erworben und noch einige hundert Millionen Dollar mehr dafür ausgegeben, eine Starmannschaft zusammenzukaufen. In England ist er so zum Idol der Chelsea-Fans, in Rußland zum Helden mancher Jugendlicher geworden, die später auch einmal „Oligarch“ werden wollen. Doch russische Abgeordnete und Funktionäre schalten „Roma“, so der Spitzname des fünffachen Familienvaters, unsozial und unpatriotisch, da er sein Geld nicht in den heimischen Sport investiere. Abramowitsch, den selbst der russische Patriarch Alexii II. für seine Chelsea-Sünde rügte, ließ das nicht auf sich sitzen. Der russische Ölkonzern Sibneft, der als das Kernstück seines Imperiums gilt, hat im März dieses Jahres einen Vertrag mit ZSKA geschlossen. Danach erhält der Verein für drei Jahre von der Ölfirma 54 Millionen Dollar – eine Summe, die in der russischen Fußballwelt als atemraubend gilt und den Meister zum reichsten Klub des Landes macht.“

Herr Briegel ist ein Lehrling

„Im ersten WM-Qualifikationsspiel treffen Albanien und Griechenland aufeinander, deren Trainer Briegel und Rehhagel zerstritten sind“, schreibt Tobias Schächter (FR 3.9.): „Otto Rehhagel und der albanische Nationalcoach Hans-Peter Briegel pflegen seit sieben Jahren intensiv ihre Männerfeindschaft. Täglich reportieren 60 Journalisten das Neueste vom Schlagabtausch „Briegel gegen Rehhagel“. Schon bei der Gruppen-Auslosung im Dezember in Frankfurt würdigten die beiden Männer sich keines Blickes. Einst angetreten, um als Sportdirektor (Briegel) und Trainer (Rehhagel) gemeinsam den 1. FC Kaiserslautern nach dem Abstieg sofort wieder in die Bundesliga zu hieven, brachte eine öffentliche Äußerung Briegels kurz vor den Aufstiegsfeiern im Sommer 1997 den Bruch zwischen den beiden Galionsfiguren. Briegel warf Rehhagel „Alleingänge“ und „mangelnde Professionalität“ vor, worauf der Begründer der Ottokratie keinen Spaß verstand. „Herr Briegel ist ein Lehrling, wenn er mal eine Meisterschaft gewonnen hat, darf er mich kritisieren. Vorher nicht“, konterte Rehhagel gewohnt unversöhnlich, und seine Freunde Friedrich und Kessler in der FCK-Führung standen felsenfest zu ihm. Briegel und Aufsichtsrat Landry traten bald zurück. Seitdem herrscht Funkstille. Die viel diskutierte Frage lautet daher: Wird es zum Handschlag kommen? „Ich würde ihm die Hand reichen“, sagt Briegel, „aber Herr Rehhagel guckt mich ja nicht an.““

WM 2006

Bevorzugter Parkplatz und bestes Catering

Wann gibt es Tickets zu kaufen, Frank Hellmann (FR 2.9.)? „Am 15. September läuft das Vorkaufsrecht für die bisherigen Logennutzer in den zwölf WM-Stadien ab. Über die Bundesliga-Clubs und Betreiber sind die Angebote verschickt, über die selbst betuchte Bundesliga-Kunden erst nachdenken müssen. Eine Loge mit zehn, zwölf Plätze für fünf oder sechs Partien an einem festen Standort (z. B. Hamburg, Köln oder Kaiserslautern) kostet für die WM 2006 zwischen 99 000 oder 210 000 Euro. Etwa 1000 bis 3000 Euro ist es demnach pro Person teuer, zur WM einen bevorzugten Parkplatz und ein besonderes Catering zu erhalten, beste Sicht und Unterhaltung zu genießen. Csanadis Credo: „Es gibt gute, und es gibt noch bessere Plätze.“ Noch ist kein Feedback im Coloseo am Walther-von-Cronberg-Platz in Frankfurt eingetroffen, wo die Fäden für den Verkauf und Vertrieb des VIP-Programms zusammenlaufen. Doch das wird sich ändern, da ist sich Csanadi sicher. Haben die bisherigen Nutzer kein Interesse, gehen die Logen ab 1. Oktober in den freien Verkauf. Der normale Fan muss sich weitere fünf Monate gedulden. Noch tüftelt das Organisationskomitee daran, wie viele der begehrten Billets, die in vier Kategorien zwischen 35 Euro (billigster Platz Vorrunde) und 600 Euro (teuerster Platz Finale) erhältlich sind, im Detail in den freien Verkauf gelangen.“

Bundesliga

Die Reste alter Mentalität

Wie ist die Unruhe bei Bayern München zwischen Spielern und Trainer zu bewerten, Armin Lehmann (Tsp 3.9.)? „Was jetzt sichtbar wird beim FC Bayern, das sind nur die Reste alter Mentalität eines Teams, das Ottmar Hitzfeld nicht mehr zu ändern verstand. Die Mentalität beruhte darauf, Fehler nicht bei sich zu suchen. Magath will diese Mentalität ändern, und dazu gehört auch, dass die Mannschaft sich läuferisch verbessern muss, weil sie sonst, das hat die vergangene Saison gezeigt, international nichts gewinnen kann. Wer aber glaubt, Magath wolle nur Kondition bolzen lassen, der versteht wenig davon, wie laufstark Spitzenteams agieren müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Technisch perfekt müssen sie ohnehin sein. Das Gehabe von Santa Cruz, Lucio und Co., nennen wir es Machtkämpfchen, wird Magath mit Leichtigkeit gewinnen. Dann wird er den Weg der Erneuerung ohne Rücksicht auf Namen fortsetzen. Und schließlich wird der FC Bayern erfolgreicher Fußball spielen als in der letzten Saison. Mit Lucio Santa Cruz und allen anderen Unzufriedenen.“

Ascheplatz

Vermarktungskonzept der 70er Jahre

Hat sich das Sponsoring bei der EM gelohnt, Oliver Zils (Horizont Sport Business)? „Präsenz in den Arenen – vor allem für die acht Sponsoren der Uefa – muss nicht zwangsläufig gute Wahrnehmung bedeuten, kritisiert Heinz Abel, Geschäftsführer von IFM Medienanalysen in Karlsruhe. Kumuliert betrachtet hätten die EM-Sponsoren Hyundai, Mastercard, Canon, Carlsberg, Coca-Cola, McDonald’s, T-Mobile und JVC etwa beim Spiel Deutschland gegen Tschechien zwar eine On-Screen-Präsenz von über vier Stunden während der Live-Übertragung erzielt. Vor allem Hyundai schnitt dabei mit rund 33 Minuten gut ab und brachte es allein in Deutschland auf einen theoretischen Werbewert von 774241 Euro. „Dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt“, moniert Abel. „Wie in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen wurde, generieren statische Banden nur äußerst geringe Recall-Werte – besonders dann, wenn eine derartige Vielzahl von Sponsoren vertreten ist.“ Abels Ansicht nach gleicht das Vermarktungskonzept der Uefa „dem der 70er Jahre, als man die Werbebotschaften noch auf Reiter geklebt hatte und dachte, dass sich daran irgendein Fernsehzuschauer auch noch erinnern müsste“. Die probate Alternative wäre für den Experten der Einsatz von Rotations- und Videobanden, „die gerade bei den Livespielen für die nötige Aufmerksamkeit und Exklusivität sowie für einen adäquaten Return on Investment. Gut, dass die Partner des Euro-Organisators nicht auf bloße Bandenpräsenz setzen, sondern ihre Engagements vernetzen, etwa mit Presenting.“

Deutsche Elf

Zeit der Veränderungen

Jürgen Klinsmann hat einen weiteren Stein umgedreht – Michael Kölmel (FTD 3.9.): „Noch vor seiner Ankunft aus Kalifornien war bekannt geworden, dass der Teilzeit-Amerikaner drei Fachleute auf dem Gebiet der Leistungsdiagnostik aus Übersee mitbringen würde. Das habe „Deutschland nicht nötig“, konnte Klinsmann lesen. Mit der „Kalifornien-Combo“ schieße er „erneut über das Ziel hinaus“, hieß es. Professor Kindermann werde dadurch beim DFB ebenso beschnitten wie zuvor Nationalelf-Organisator Bernd Pfaff. Die DFB-Auswahl benötige eine eigene Datenbank, ging Klinsmann indirekt auf die Spitzen ein. Mark Verstegen, der als Fitnesscoach der Los Angeles Galaxy die Sprint-, Sprung- und Schnellkrafttests durchführt, sei ein absoluter Fachmann. Immer werde darüber geklagt, dass man „nicht über den Tellerrand blicke“, doch wenn das passiere, sei es auch nicht recht. „So etwas kann bei dem einen oder anderen neuen Reiz setzen“, so Klinsmann. Dabei machte er zugleich deutlich, dass die Zeit der Veränderungen längst nicht abgeschlossen sei. Ein Sportpsychologe sei „ein wichtiger Baustein für die WM 2006“, weil der „mentale Bereich im Hochleistungssport immer wichtiger wird“. Auch der „Austausch mit Trainern anderer Sportarten“ werde bald beginnen. „Es ist wichtig, dass wir uns öffnen“, sagte er bestimmt – aber „alles zu seiner Zeit“. Man kann also weiter nicht von einer Palastrevolte beim DFB sprechen, die manche gefordert und andere befürchtet hatten. Aber Klinsmann setzt den Kurs der Veränderungen stetig fort. „Ich stelle doch nichts in Frage, um Gottes Willen“, sagte er, doch genau das macht er. So versteht er seine Aufgabe als Erneuerer.“

Michael Rosentritt & Stéphanie Souron (Tsp 3.9.) ergänzen: „Deutschland zählt in der Leistungsdiagnostik zu den führenden Nationen, auch Tests der Koordinationsfähigkeit sind nichts Neues. Trotzdem hat Klinsmann jetzt Spezialisten aus Amerika in den Kreis der Nationalmannschaft eingeführt. Bisher wurden bei den leistungsdiagnostischen Tests der Nationalmannschaft nur die Sprintfähigkeit und die Ausdauerleistungsfähigkeit getestet. Zur Ermittlung ihrer Sprintleistung mussten sich die Spieler dem so genannten 5-x 30-m-Test stellen. Bei diesem Test wird eine 30-m-Strecke auf der Laufbahn abgesteckt, die Spieler starten ohne Kommando: Mit Hilfe einer Lichtschranke am Start wird die Stoppuhr ausgelöst. Zwischenzeiten werden nach fünf, zehn und dreißig Metern genommen. Es geht um die Ermittlung von Antrittsschnelligkeit, Beschleunigungsfähigkeit und Grundschnelligkeit der Spieler. Auch die Laktatwerte der Spieler werden bei allen Bundesligisten regelmäßig ermittelt. Aus ihnen kann nicht nur der Ist-Zustand der Spieler abgeleitet werden, es können auch Empfehlungen für das Training herausgelesen werden.“

Kommunikationskultur

Christoph Biermann (11 Freunde) wünscht Klinsmann und Löw einen guten Draht zu den Bundesliga-Vertretern: „In der Machowelt des Fußballs gilt es als Schwäche, Fragen zu stellen, Erkundigungen einzuholen oder sonst wie den Eindruck entstehen zu lassen, etwas nicht immer schon gewusst zu haben. Auch manch lauter Streit in der Liga hat damit zu tun, dass Manager oder Trainer zwar gerne übereinander aber nicht so gern miteinander reden. Lieber plustert man sich auf, haut donnernd auf den Tisch oder kloppt einen Spruch raus, als Unstimmigkeiten mit einem kurzen Telefonat zu klären. Dass Klinsmann und Löw angekündigt haben, verstärkt das Gespräch mit den Vereinstrainern über Leistungsfähigkeit und Form der Kandidaten für die Nationalmannschaft zu suchen, ist ein deutlicher Bruch mit dieser Haltung. Daher ist es vorstellbar, dass ihnen das als Zeichen mangelnder Stärke ausgelegt wird, wenn es sportliche Rückschläge gibt. Richtig ist dieser Weg trotzdem. (…) Doch selbst wenn eine mustergültige Kommunikationskultur entstehen sollte, wird diese allein die vielen Probleme der Nationalmannschaft nicht lösen, sondern bestenfalls die Chancen der Problemlösung verbessern.“

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