indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 25. Juni 2008

Deutsche Elf

Bruder-Duell

Deutschland und die Türkei leben und spielen nach ähnlichen Werten / Joachim Löw und Michael Ballack führen eine „Vernunftehe“ (FAZ) / Ballack-Portrait (SZ) / Die Türken zählen auf göttlichen Beistand / Das Märchen von Fatih Terim und seinen Söhnen

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) wählt die Überschrift „Bruder-Duell“ und macht die Deutschen auf ihre Ähnlichkeit mit den Türken aufmerksam: „Die Binsenwahrheit, wonach die Deutschen erst geschlagen sind, wenn sie im Kabinengang stehen, scheint für die Türken unter Fatih Terim in verstärktem Masse zu gelten: Wer diese Mannschaft in den letzten drei Spielen erlebt hat, der könnte meinen, sie gebe ein Spiel erst dann verloren, wenn der Mannschaftsbus das Hotel erreicht hat. In der Nachspielzeit schlug jeweils ihre Stunde. Und im Duell vom Punkt zeigte sie sich so nervenstark wie die Deutschen, die Hohepriester des Elfmeters. Diese Disziplin frappiert Außenstehende, die sie als Vertreter orientalischer Lässigkeit wähnten. Auch die körperliche Präsenz würde den deutschen Abwehrrecken gut anstehen. Wenn Deutschland auf die Türken trifft, dann spielt die Mannschaft gegen einen fußballerischen Wiedergänger. Mögen sich Deutsche und Türken trotz der mehr als 40-jährigen Geschichte der Gastarbeiter noch immer fremd sein, so legt der Fußball den Schluss nahe, dass zumindest die eine Seite die Werte der anderen dankend aufgesogen hat.“

Im weiteren Text fußt Osterhaus die historische Bindung der Türkei auf die Deutschen auf Jupp Derwall und Colmar von der Goltz, seines Zeichens deutscher General im 19. Jahrhundert.

FR: Derwalls stolzes Vermächtnis – der Ex-Bundestrainer begründete einst als Coach von Galatasaray die enge Bindung des türkischen an den deutschen Fußball

Keine einheitliche Linie

Michael Horeni (FAZ) befasst sich unter dem Titel „Szenen einer Vernunftehe“ mit dem pragmatischen Verhältnis zwischen Joachim Löw und Michael Ballack: „In den letzten Tagen ist um die Nationalelf ein Deutungsstreit erkennbar geworden, der sich sozusagen um die Frage des Urheberrechts des Erfolgs dreht, um die taktische Veränderung, die gegen Portugal so hervorragend wirkte. Es ist eine unglücklich geführte Diskussion, und das liegt daran, weil sie auch die Machtfrage im Team berührt. Ballack und Löw haben in dieser Frage bisher keine einheitliche Linie gefunden, und so gaben die Hauptfiguren in diesen Tagen nur wortreiche, aber unpräzise Erklärungen ab, die nicht recht zusammenpassen wollten. (…) Löw schätzt die sportliche Entwicklung, die Ballack durch seinen Wechsel in die Premier League genommen hat, außerordentlich. Bei der WM 2006 betrachteten Löw, damals schon für die Taktik zuständig, und Klinsmann den Kapitän als ‚Kind der Bundesliga’, als einen Spieler, der stark von den routinierten Abläufen der Liga geprägt worden sei. Nun ist Ballack, gereift und gestärkt, bei Chelsea. Er hat sich zu einem eigenständigen Macht- und Kraftzentrum entwickelt.“

Andere Kanäle gefunden

Holger Gertz (SZ/Seite Drei) stellt in einem langen Portrait Michael Ballack und dessen Berater Michael Becker als Repräsentanten des veränderten Fußballdeutschlands vor: „Kein Glück zu haben, ist eine Facette eines Images, die sich immer wieder selbst erneuert. Gerade hat Ballack nach großem Spiel mit Chelsea das Champions-League-Finale verloren, im Elfmeterschießen. Er war schuldlos besiegt. Es gibt Bilder, auf denen man sieht, wie er, am Mittelkreis stehend, in sich zusammensackt. Viele hatten gedacht, Ballack würde verzagt zur Europameisterschaft anreisen. Aber er war gut drauf, von Anfang an, alle sagen das. Er musste das abhaken, weil ja die EM kam, der gepackte Kalender der Fußballer kann psychologisch gesehen auch Vorteile haben. (…) Michael Becker versteht sich eher als Lebensberater. Er hält die Zahl seiner Klienten klein, um sich um jeden kümmern zu können. Zahlreiche Schimpfwörter hält Becker bereit für die Männer aus seiner Branche. Es gibt Würste und Bratwürste, Hühnerdiebe und Eckensteher. Er hat es nicht darauf angelegt, sich beliebt zu machen, aber er ist bestens vernetzt, er weiß, dass er intelligenter ist als die meisten anderen im Business, und er ist anerkannt. Der Verhandlungspartner Becker wird als seriös geschätzt. (…) Ballack hat, als er noch bei Bayern spielte, viele Titel geholt. Aber wenn die Bayern mal schlechter waren, sah die Bild eher in ihm den Schuldigen als zum Beispiel in Torwart Kahn, der auch Fehler gemacht hatte. Es braucht Mut, um Distanz zu halten. Man braucht eine Haltung. Beckers und Ballacks Weg ist inzwischen auch ein bisschen der des DFB. Wo früher die Boulevardblätter eine solche Macht hatten, dass sie Bundestrainer ins Kippen bringen konnten, wird heute verstärkt die Nähe zu den seriösen Medien gesucht. Sie haben viele kluge Typen im Team, Löw, Ballack, Lahm, Lehmann, der manchmal am meisten sagt, wenn er nichts sagt. Sie können ironisch sein und strafend, wenn es sein muss. Die Nationalmannschaft präsentiert sich anders als vor Jahren, sie hat andere Kanäle gefunden. Aber das ändert nichts an dem Anspruch, dass sie auch mal wieder was gewinnen muss.“

Ballack, der bei den Geschwindigkeitsmessungen der Uefa den deutschen Höchstwert hält, wird in der FR mit den Worten zitiert: „Mit Odonkor möchte ich mich da nicht messen. Beim Fußball ist ja auch der Ball dabei, und den muss man auch mal treffen.“ Hat der Capitano auch einen Witz über Frings parat?

Gegen Allah ist Beckenbauer eine lächerliche Krippenfigur

Markus Völker (taz) verweist auf die Unterstützung, die die Türkei erfahren wird: „Dass die Deutschen leichtes Spiel haben, könnte sich als Trugschluss erweisen, denn das türkische Team wittert eine historische Chance. Es handelt quasi im nationalen Auftrag. Die Kicker in den roten Leibchen sind nun keine normalen Fußballspieler mehr, sie sind Botschafter mit Stollenschuhen, Abgesandte eines EU-Prätendenten. Ja, selbst Allah ist mit im Spiel, hat er doch der Nationalelf und, nicht zu vergessen, dem türkischen Volk die späten Tore gegen Tschechien und Kroatien geschenkt. Allah ist groß, Allah ist mächtig, gegen ihn ist der Fußballheilige Franz Beckenbauer nur eine lächerliche Krippenfigur.“

Heldenepos

Fortsetzung folgt – Roland Zorn (FAZ) erzählt das Märchen von Fatih Terim und seinen Söhnen, ohne dass das letzte Kapitel geschrieben wäre: „‚Fatihs Familie’ wird dereinst die Erzählung von einem furchtlosen Trainer und seinen opferwilligen, geschundenen und wieder auferstandenen Spielern heißen – in ihr wird ausführlich und voller Emotionalität vom dramatischen Aufstieg der Türkei zu einer Macht des europäischen Fußballs die Rede sein. Dass das Team von Fatih Terim mit einem Sieg über den Giganten Deutschland den Gipfel der Europameisterschaft, das Finale, erklimmen kann, wird für sich gesehen schon mythenbildend wirken in dem eurasischen Land. Dass Terim diesen größten Coup der türkischen Fußballgeschichte mit seinem letzten Aufgebot in Angriff nehmen muss, gibt dem, wer weiß, neunzig- oder hundertzwanzigminütigen Stück mit der möglichen Zugabe Elfmeterschießen den ganz besonderen Stoff zum identitätsstiftenden Heldenepos.“

NZZ-Portrait Terim: Unbeugsamer, Expressionist, Chauvinist?
BLZ: Terim gilt selbst in seiner Heimat als umstritten

Dienstag, 24. Juni 2008

Deutsche Elf

Die Türken sind viel mehr als das Bielefeld Europas

Ist Deutschland gegen die Türkei hoher Favorit? / Wird Torsten Frings in die Startelf zurückkehren, obwohl die Startelf (vom Portugal-Spiel) keinen Grund dazu bietet? / Vorwurf an die Bayern wegen der Verhandlung mit Mario Gomez / Joachim Löw im Interview über Gedanken über einen möglichen Rücktritt, seinen Umgang mit Bastian Schweinsteiger und die Fotos von seiner Frau in der Bild-Zeitung

Vor dem Halbfinale nimmt Roland Zorn (FAZ) Deutschland die Bürde des Favoriten: „Selten herausragend gespielt, aber oft genug ganz oben dabei: Das Ausland staunt wieder einmal über die Mannschaft, die sich durch die EM-Gruppenspiele gerumpelt und dann ein tolles Spiel gegen Portugal hingelegt hat. Leiten sich daraus Gewissheiten für das Halbfinale gegen die Türkei ab? Vorsicht ist geboten. Den verletzungsgeplagten Türken gehört das Momentum. Manche halten sie sogar für die Griechen von heute. Das Comeback der Underdogs haben sie auf ihren EM-Etappen schon dreimal gefeiert. Wie zukunftsträchtig der türkische Fußball ist, weiß niemand so recht. Einstweilen ist er auf hohem Niveau angekommen. Sich dort zu halten ist bei der paneuropäischen Fluktuation schwer. Von den Halbfinalisten vor vier Jahren, Griechenland, Portugal, Tschechien und die Niederlande, ist jedenfalls niemand mehr dabei.“

Christof Kneer (SZ) ergänzt: „Ach, wie schön war das nur gegen Portugal! Da haben die Deutschen genüsslich den Außenseiter-Status kultiviert, sie haben sich kleingemacht bis zur Unsichtbarkeit, und umso entgeisterter waren die zugspitzhohen Favoriten aus Portugal, als die Unsichtbaren sie von der ersten Sekunde an ziemlich sichtbar attackierten. Joachim Löw weiß genau, wie gefährlich dieses Halbfinale ist – zumal die Türken viel mehr als das Bielefeld Europas sind.“

Der Huub Stevens des deutschen Mittelfelds

Über die bedeutende und offene Frings-Frage schreibt Kneer: „Das Komplexe an dieser Debatte ist, dass es dabei nicht nur um Taktik-, Hierarchie- oder Form-Fragen geht; so hat sich das Duell um den Stammplatz/die Stammplätze auf der 6er-Position zwar einerseits aus dem Portugal-Spiel ergeben, andererseits ist dieses Duell am Wochenende durch ein paar verstreute Äußerungen erneut zur Klimadebatte aufgeladen worden. Wie man inzwischen weiß, ist das innerbetriebliche Klima ein großes Thema gewesen bei der so genannten Aussprache nach dem Kroatien-Spiel; offenbar haben sich Spieler an der dominanten Art des Herrscherduos Ballack/Frings gestört, die die Kollegen im Spiel ziemlich zusammenfauchten. In der Tat ist Frings mit einer gewissen Knurrigkeit begabt, er ist der Huub Stevens des deutschen Mittelfelds, und was ein Team an guten Tagen nach oben zieht, kann es an schlechten Tagen runterziehen. Niemand bezweifelt, dass Frings in Normal- oder gar Bestform ein zentraler Akteur des Teams ist, aber noch ist nicht sicher, ob er wieder gesund genug ist für ein Halbfinale.“

SZ: Die Affäre um den nun reuigen Nationalmannschafts-Kritiker Bernhard Peters lenkt den Blick auf ein Beziehungsgeflecht im deutschen Fußball

Im Nationalteam für Unruhe gesorgt

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) kritisiert die Bayern: „Die Spekulationen um die Zukunft der deutschen Stürmer reißen nicht ab. Es fällt auf, dass alle Gerüchte um den FC Bayern kreisen, jenen Klub, den künftig Jürgen Klinsmann trainiert. Man muss dem früheren Bundestrainer nicht unterstellen, seinen Nachfolger stören zu wollen. Fest steht jedoch, dass die Münchner mit ihrem Werben um Mario Gomez im Nationalteam für Unruhe sorgen. Wer das Theater begonnen hat, dazu gibt es zwei Theorien. Die eine Theorie besagt, dass erst die Münchner Gomez umgarnt haben und darauf Podolski von seinem Weggang gesprochen hat, womöglich zu seinem Heimatklub, dem 1. FC Köln. Die andere Theorie besagt, dass die Münchner zuerst von Podolskis Abwanderungsgelüsten erfahren und sich danach um Gomez gekümmert haben.“

BLZ: Per Mertesacker wirbt öffentlich für einen Wechsel von Lukas Podolski zum SV Werder

Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass es Rücktrittsgedanken nicht gegeben hat

Joachim Löw hat der SZ ein langes Interview gegeben, deren wichtigste Passagen wir hier wiedergeben. Löw über sein Innenleben während der Vorrunde: „Nach dem Kroatien-Spiel war ich völlig überzeugt, dass wir gegen Österreich gewinnen werden. Nicht mit einer tollen Leistung, aber das hatte ich auch nicht eingefordert. Es ging ums Weiterkommen, sonst wäre es eine Mega-Blamage gewesen. Da ist nachher auch von mir eine Last abgefallen. Dass ich aber nicht zufrieden war, ist auch klar. Ich habe der Mannschaft gleich gesagt: ‚Leute, der Fußball, den wir nun zweimal gespielt haben, der gefällt mir nicht.’ Es muss sich etwas ändern, sonst schaffen wir es im K.o.-System nicht mehr.“

Über mögliche Rücktrittsgedanken: „Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass es solche Gedanken nicht gegeben hat.“

Nicht die Bälle ins Niemandsland schlagen

Über die Aussprache der Mannschaften nach der Kroatien-Niederlage: „Ich habe nach dem Spiel den Ansatz – wirklich nur den Ansatz – von gegenseitiger Schuldzuweisung gespürt. Und so habe ich zwei, drei erfahrenen Spielern gesagt: Setzt euch doch zusammen und klärt es mal untereinander! Macht eine Aussprache ohne Trainer, in der ihr euch gegenseitig die Meinung sagt, ohne dass es eine öffentliche Selbstzerfleischung gibt. Die Aufgabe von uns Trainern ist zu analysieren und euch zu kritisieren, aber euer Recht ist es nicht, in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Ich wollte eine Kommunikation unter allen. Du brauchst, wenn die Mannschaft untereinander spricht, einen Moderator. Ich sagte Michael Ballack und Jens Lehmann, setzt Euch mal maximal eine halbe Stunde zusammen! Und dann möchte ich eine Rückmeldung.“

Über den Wechsel von 4-4-2 auf 4-5-1 gegen Portugal: „Wir haben die Spiele gegen Österreich und Kroatien in diesem System einfach nicht mit dieser Wucht und Kraft durchgezogen wie in den vielen Spielen zuvor. Jetzt ist viel über einen Systemwechsel geschrieben worden, aber die taktische Ausrichtung war dieselbe wie beim 4-4-2: schnell, geradlinig nach vorn spielen, nicht die Bälle ins Niemandsland schlagen. Alles das Gleiche wie vorher, nur mit einer anderen Raumaufteilung. Es gibt eben Momente, da muss man eine andere Lösung bieten.“

Schweinsteiger war unglaublich enttäuscht

Über die Mutmaßung einiger Medien, ob Michael Ballack großen Einfluss auf den System- und Personalwechsel genommen und wie Löw ihn in die Entscheidung eingebunden habe: „Informiert. Ich habe ihn informiert.“

Über Bastian Schweinsteiger: „Als er beim Polen-Spiel nicht in der ersten Elf war, war er unglaublich enttäuscht. Wirklich unglaublich enttäuscht. Das war für ihn schwer zu verarbeiten, deshalb musste ich ihn aufbauen und heranführen. Aber nach dem Kroatien-Spiel war die Situation anders: Da musste man ihn nicht aufbauen, sondern ihm klar machen, dass er uns allen geschadet hat. Nach Österreich habe ich seinen Einsatz angekündigt, weil ich wusste, dass wir ihn brauchen, als frischen Spieler auf dieser Position.“

Eingriff

Über den Vierten Mann in Wien: „Ich habe gedacht, er hat einen Papagei dabei, der immer das gleiche sagt. Immer nur: ‚Go back, go back, go back!’ Das hat mich gestört, und genau das gleiche hat er Hickersberger gesagt. Ich würde ihn nie beleidigen. Ich habe ganz einfach gesagt, dass er aufhören soll, mich in der Konzentration zu stören. Das ist aber auch ein grundsätzliches Problem: Der Vierte Mann nervt die Trainer zusehends. Beim Spiel Russland gegen Holland habe ich gesehen, wie Guus Hiddink nach einem Tor zu seinem Kapitän spricht – prompt kommt der Vierte Mann und mischt sich ein. Was hat er da zu suchen? Das Spiel war sowieso unterbrochen. Selbstverständlich gibt der Trainer Anweisungen.“

Über die Fotos von seiner Frau in der Bild-Zeitung, deren Anwesenheit beim Kroatien-Spiel als mögliche Ursache für die Niederlage betrachtet wurde: „Das hat mich irritiert. Das war nicht gewünscht. Meine Frau möchte nicht in die Öffentlichkeit. Sie ist eigentlich immer im Stadion. Jetzt ist diese Situation dargestellt worden. Ich war überrascht davon, und es war mir nicht recht. Das ist einfach ein Eingriff. Bei uns zuhause stehen Leute vor der Tür und vor dem Garten, sie schießen Fotos, befragen Nachbarn und Familienmitglieder. Das belastet mich, weil es auch die Betroffenen belastet. Man ist ohnmächtig. Meine Verwandten können sich ja nicht einschließen.“

Sonntag, 22. Juni 2008

Ball und Buchstabe

Von Maulkörben und dem Kontrollwahn der Uefa, Zensurdiskussionen, schlechter Bildregie, dem Anachronismus Günter Netzer, der Nervensäge Oliver Pocher, dem Sorry-Sex der Spielerfrauen und vielem mehr

Von Maulkörben und dem Kontrollwahn der Uefa, Zensurdiskussionen, schlechter Bildregie, dem Anachronismus Günter Netzer, der Nervensäge Oliver Pocher, dem Sorry-Sex der Spielerfrauen und vielem mehr

Hintergründe, Meinungen, Gedanken und einige Zeilen Hass abseits des Spielfelds

Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung am Sonntag) wehrt sich gegen die rigide Öffentlichkeitsarbeit der Uefa und der Nationalmannschaften: „Die Uefa übernimmt die Rolle des Gesetzgebers und Polizisten. Das heißt: Sie diktiert, sie sichert, sie kontrolliert, sie setzt durch. Das wiederum hat Maulkörbe zur Folge. Die Uefa bündelt, kontrolliert und glättet Informationen. Sie schafft Distanz, übt Zensur, unterbindet Spontaneität und Kritik. Ausdruck der schärferen Regeln ist auch die Bunkermentalität, die in den nationalen Verbänden zunehmend Einzug hält. Die Teilnehmer schotten sich im Turnier ab, verbauen die Sicht, ziehen sich hinter Gitter und Absperrungen in ihre Luxus-Schlösser, die man teilweise nur mit einem Fernrohr sehen kann, zurück. Einerseits ist der Rückzug nachvollziehbar, weil von den Stars Leistung verlangt wird und sie fernab des EM-Rummels nicht zuletzt vor den (immer mehr werdenden und teilweise aggressiven) Medien ihre Ruhe haben dürfen. Anderseits trägt die totale Einigelung paranoide Züge. Überall riegelt Sicherheitspersonal mit breiten Schultern unerbittlich ab – das Volk wird ab- und zurückgewiesen. Aber das dergestalt gegängelte und ausgesperrte Publikum strömt weiterhin zu den Spielen, in die Fanzonen und vor die Großbildschirme – die Faszination Fußball tilgt jede Unbill. Es will sich das inszenierte Spiel mit dem Ball nicht nehmen lassen, das Spiel mit den Milliarden, das Spiel mit den Emotionen, den Diktaten und den strikten Regeln. Das Spiel notabene, das an der Euro 2008 auf dem Rasen mit freiem Geist und offener Haltung gespielt wird und im starken Kontrast steht zur teuren Verpackung, die mehr und mehr ein- und zugeschnürt wird.“

Keine Zensur

In einigen Medien ist Kritik laut geworden, dass die Uefa Bilder von randalierenden Fans im Fernsehen nicht gezeigt würden. Die taz etwa wirft der Uefa vor, die Berichterstattung zu zensieren. allesaussersport hingegen stellt klar: „Ohne Sprachrohr der Uefa zu sein, deren Antworten sind nachvollziehbar. Erstens wolle man ‚Chaoten keine Plattform bieten’, indem man sie auch noch weltweit im Fernsehen zeigt. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit das Zeigen solcher Bilder wirklich Randale fördert, aber zumindest ist dies eine These, die Fernsehkommentatoren selber sehr gerne von sich geben, wenn sie im pikierten Ton von Geschichten wie vor einigen Wochen Frankfurt-Nürnberg berichten müssen. Ähnlich wird es im US-Sport behandelt, die konsequent Flitzer ausblenden. Die Uefa führt zudem aus, dass es genügend Extrakameras der einzelnen Fernsehanstalten gebe, die die Szenen einfangen und ausstrahlen. Von ‚Zensur’ könne daher nicht die Rede sein. Hier geht der Argumentationspunkt nur teilweise an die Uefa: Es sitzen genügend Journalisten und Kameras am Ort, um darüber zu berichten. Zensur ist etwas anderes. Aber: Genügend Fernsehanstalten übertragen die EM nur aus dem heimischen Studio heraus und haben daher nicht mehr als die Bilder, die die Uefa liefert. (…) Es ist für mich keine Zensur, sondern eine taktische Entscheidung wie man mit solchen Bildern umgeht.“

Naiver Hurra-Journalismus

Auch die NZZ lehnt Alarmismus ab: „Wer einmal den schwarzen Peter gezogen hat, wird ihn nicht mehr so schnell wieder los. Zumindest im Kommunikationsspiel um die Guten und Bösen. Diese Erfahrung durfte dieser Tage die Uefa machen. Eine Empörungswelle rollte über sie: ‚Uefa betreibt Zensur in TV und Internet.’ Auch wenn es im Journalistenmilieu einem Sakrileg gleichkommt, die Uefa in Schutz zu nehmen, Tatsache ist: Die Uefa lässt weiterhin Dutzende Kameraleute, Fotografen und Journalisten ins Stadion. Uefa-unabhängige Blicke aufs Geschehen im Stadion sind also weiterhin möglich. Die Fernsehsender können überdies eigene Aufnahmen in die Übertragungen einspeisen. Und sie haben selbst nachträglich Zugriff auf die Bilder, welche die Uefa-Kameras aufzeichneten. Überdies vermochte bisher kein Medientitel plausibel zu machen, dass Wichtiges verschwiegen worden wäre. Die publizistische Bedeutung von ein paar Feuerwerken in einer Fanzone darf man bezweifeln. In diesem Zusammenhang von Zensur zu sprechen, scheint leicht übertrieben.“

Und fordert die TV-Sender auf, wacher zu sein: „Indessen regiert Naivität bei den Fernsehsendern. Ein ZDF-Sprecher sagte, die sendereigenen Kameras seien eigentlich dazu bestimmt gewesen, das Geschehen auf der Trainerbank der Heimmannschaft zu verfolgen. Ein Sensorium für die heikle Rolle, welche die Uefa spielt, bestand zuvor offenbar nicht. Solche Blauäugigkeit verwundert nicht wirklich, denn Hurra-Journalismus dominiert ohnehin im Sport. Die Fernsehsender müssten also erst sich selber kritisieren. Es erstaunt allerdings nicht, dass die Uefa böse Journalistenblicke auf sich zieht. Das rigide Vorgehen beim Schutz ihrer Geschäftsinteressen hat ihr das Image eines Kontroll-Freaks eingetragen. Dieses prägt nun die Wahrnehmung aller weiteren Handlungen. Die Reputation wird zum kommunikativen Gefängnis. Ausbruchsversuche wären schweißtreibend.“

Undurchsichtig

Aus der Rubrik „Aus der Seele sprechen“ – Peter Körte (FAS/Medien) stößt die Bildregie auf: „Die Weltregie hat auch diesmal wieder deutliche Schwächen im Bildaufbau gezeigt. Die dauernde Abwendung vom Spielgeschehen ist typisch für den Regiestil der Uefa-Tochter Umet. Die Entstehung einer gefährlichen Situation wird reduziert, meist auch noch zugunsten folkloristischer Impressionen von den Tribünen. Und oft, wenn die Spielentwicklung im Mittelfeld länger dauert, fixiert eine andere Kamera eher unmotiviert einen ballführenden Spieler in Großaufnahme, so dass nicht mehr zu erkennen ist, welche Abspieloptionen der Mann noch hat. Ein ähnliches Muster wird in Strafraumnähe bevorzugt: Statt möglichst viel von dieser Kampfzone im Blick zu behalten, wird gerne die Eins-gegen-Eins-Situation am Strafraumeck in einer halbnahen Einstellung gezeigt, was offenbar Dramatik simulieren soll, aber bloß Undurchsichtigkeit erzeugt, weil alle Anspielstationen aus dem Bild verschwinden. (…) Es ist eines der vielen Rätsel, welche die Dramaturgie der Fernsehinszenierung eines Fußballspiels einem immer wieder aufgibt. Obwohl technisch immer besser ausgerüstet, löst die Regie die Szenen nach einem starren Schema auf, das sich weniger an Tempo, Dramatik und Verlauf des Spiels selber orientiert, als dass es ihm seinen Rhythmus aufzuzwingen versuchte.“

Schriller Videoclip

Jörg Hahn (FAZ) ergänzt: „Die technischen Möglichkeiten zu besitzen, ein Spiel dramaturgisch zu gestalten, ist die eine Sache. Diese Technik sinnvoll, im Dienste des Zuschauers einzusetzen ist die andere. Wiederholungen, die über eine mögliche Abseitsstellung oder ein umstrittenes Foul aufklären können, sind notwendig. Aber die Zugaben schon während der regulären Vorstellung zu servieren, das ist die falsche Strategie. Ein Fußballspiel sollte nicht zum schrillen Videoclip werden. Bei Unterbrechungen, in der Halbzeit oder nach der Partie sind Superzeitlupen oder Großaufnahmen von Gesichtern nette Hingucker, jedoch nicht, wenn es auf dem Feld ohnehin gerade hin und her geht. Manchmal wundert man sich, wie sehr die Meinung von Stadionbesuchern und Fernsehzuschauern über ein und dasselbe Spiel auseinandergehen können: Die Regie-Einfälle haben daran einen gehörigen Anteil.“

Luxus der Langsamkeit

Ralf Wiegand (SZ) fährt auf den Anachronismus Günter Netzer ab: „Nur hochauflösende Fernsehgeräte zeigen, dass er tatsächlich selber spricht, wenn seine Stimme zu hören ist, allerdings in einer jedes lobenswerte Maß an Besonnenheit weit überschreitenden Gemächlichkeit. Netzer mag keine Details, hasst Aufregung und versucht so angestrengt, jede unseriöse Zuspitzung zu vermeiden, dass er klingt wie ein Gesandter der Vereinten Nationen. Der in die Jahre gekommene Spielmacher ist der lebende Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit des Fußballs. Würde ihn nicht Gerhard Delling gelegentlich animieren, etwas zu sagen, müsste der Fernsehzuschauer Günter Netzer wohl die ganze Zeit beim Fernsehschauen zuschauen. Dafür hat es im letzten Jahrhundert den Grimme-Preis gegeben. Heute wirkt das Paar Netzer/Delling jedoch wie aus der Zeit gefallen. Aber ist es deshalb schlecht? Muss das Nachspiel wie im ZDF mit einem rasenden Kameraflug und einer Lichtorgie beginnen, die eine Epilepsiewarnung rechtfertigen würden? Müssen Analytiker gegen johlende Fans anbrüllen und sich ins Gesicht fassen, wie Klopp neulich Kerner? Es sind absolut keine Umstände denkbar, unter denen sich Delling und Netzer ins Gesicht fassen würden. Netzer hat auch noch nie auch nur angedeutet, er würde so etwas wie EuroPocher oder Waldis EM-Club überhaupt kennen, geschweige denn komisch finden, obwohl beides ARD-Stoff ist. Es ist sogar vorstellbar, dass Netzer daheim nicht einmal das Programm einschalten könnte, in dem er selber läuft. Er würde fragen: Wozu? Für diesen Luxus der Langsamkeit muss es unbedingt noch einen Grimme-Preis geben!“

Er ist ja noch jung

Jan Freitag (FR) zerreißt Oliver Pocher: „Wir wollen ihn an seinen eigenen Ansprüchen messen: Konventionen sprengen, ohne sich selbst zu schonen; schlagfertig sein, ohne zu zögern; auf die Kacke zu hauen, ohne Schamgefühle; juvenil, nicht infantil. Keine kabarettistischen Tugenden, aber Indizes eines Humors, der Mario Barth Stadien füllen lässt und ein paar Gleichgesinnten die Konten. Nur: Barth findet witzig, wer frauenfeindliche Witze braucht. Bully Herbig, wer auf Tuntenparodien steht. Den Maddin, wem Grimassenhumor liegt. Gaby Köster amüsiert jene, die Mundart als Selbstzweck sehen. Und Oliver Pocher? Der ist laut. Wem seine Hemmungslosigkeit und Beißbereitschaft fehlen, der kann ihm kein Paroli bieten, nicht vor laufender Kamera. Ansonsten sieht Pocher blass aus. Man kann es ein Dilemma nennen, wenn jemand die eigene Messlatte hochlegt und dann ständig reißt. (…) Oliver Pocher ist ein Christ von 30 Jahren, gelernter Versicherungskaufmann aus Hannover, ein sympathischer Kerl mit hübscher Freundin, gut als Entertainer für ‚Bravo’-Shows, durchaus geeignet also für eine Beamtenlaufbahn im Comedybiz. Jetzt braucht er nur noch eine Pointe. Aber er ist ja noch jung.“

Wohltuende Sensation

Dass sie den Lesern nach dem Maul schreibt, wird man ihr sicher nicht vorhalten können – Bettina Cosack (Berliner Zeitung) lobt Steffen Simon: „Es liegt in der Natur des modernen Fernseh-Fußballs, dass der Kommentator, bildlich abwesend, aber als Stimme dominant, stets ein wenig aufdringlich und besserwisserisch daher kommt, egal, ob er das beabsichtigt oder nicht. Nichts aber schmerzt beim Lauschen mehr als das Plappern eines aufdringlichen Besserwissers. Zeit zum Schauen muss sein, Zeit zum Fiebern, Zeit zum Schweigen auch. Steffen Simon, einst Schülerreporter des Rias Berlin, jetzt WDR-Sportchef, als Typ eher unauffällig, schenkt diese wertvolle Zeit dem oft genug zugetexteten Zuschauer. Er hat den Mut zur Lücke, wenn es nichts zu sagen gibt, er hat das Gefühl für die richtige Dosis an Wörtern pro Minute. Alle unangemessene Aufgeregtheit angesichts des Spielgeschehens auf dem Feld reduziert er (meistens zumindest) auf ein erträgliches Maß, seine Stimme kippt nicht, wenn nationale Begeisterung sich überbreit macht, er ist markant, weil er sich zurückhält. Und die reichlich gelieferten Bilder vom verkleideten Fan-Volk auf der Tribüne lässt er dankenswerterweise unkommentiert. Der Leise wird in einer Welt, die laut und hysterisch genug ist, zur wohltuenden Sensation.“

taz-Interview mit Michael Palme: „Der Reporter, auch wenn er die deutsche Nationalmannschaft beobachtet, darf kein Fan sein, er ist nach wie vor Reporter und Journalist. Ich will da keinen Fan hören. Die Zuschauer finden das vielleicht schön – ich nicht.“

Verkrüppelte, popindustriell gesteuerte Gesellschaft

Jürgen Roth (FR) kann den Anblick öffentlich feiernder Fans nicht ertragen: „Der einzige Ort, an dem sich das unvergleichliche Spiel Fußball würdevoll und adäquat verfolgen lässt, ist die Quartierskneipe alten Stils, in der, unbesehen ihres Standes, ihrer Kleidung, ihres Gebarens, Einzelgänger so beheimatet sind wie Ansprachebedürftige und Dauerunterhalter. Alles andere gehört zum Teufel und nach der EM für alle Zeiten wieder abgeschafft: das gelenkte Gehampel und Zusammenrottungsgewürge in prangend konformer sog. Feierlaune auf den sog. Fanmeilen z. B., auf denen Gelegenheitseventfußballglotzer, die sich für den herrlichen Sport einen Scheißdreck interessieren (und ob dieser ekelhaften Haltung im ebenso spaßverseuchten ZDF-Morgenmagazin selbstverständlich ostentativ Lob einfahren), nolens volens demonstrieren, wie weit es in der verkrüppelten, popindustriell gesteuerten Gesellschaft mit dem ‚außengeleiteten Menschen’ (David Riesman) gekommen ist.“

Schlimm, schlimmer

Trainer Baade moniert einen Box-Trailer, den die ARD nach dem Spiel Russland gegen Schweden der Zusammenfassung des anderen Gruppenspiel Spanien gegen Griechenland vorzog: „Was ist denn das, mit Verlaub, für ein Scheiß? Da wird mir in der Nachberichterstattung tatsächlich noch ein Werbespot für irgendeine andere Wurstsendung der ARD zugemutet, die nicht mal was mit dem schlimmen Humor des Weißbier-Waldis zu tun hat, sondern noch schlimmer, Boxen ist. Glaub ich. Weiß ich nicht. Es ging darum, dass irgendeine noch nie gesehene sportlich relevante Flitzpiepe — wahrscheinlich bei der ARD unter Vertrag — am Strand einen Strafstoß in ein notdürftig dahingelogenes Tor erzielen sollte, was sie dann gegen ihren 88 Jahre alten halbnackten Trainer auch bewerkstelligte. Der ‚EM-2008’-Schriftzug blieb allerdings über die gesamte Dauer des Werbespots unten links eingeblendet und Medienbashing ist noch nicht ganz so out wie Kommentatoren- oder Modefans-Bashing, ja, es ist nicht mal so out wie Bashing-Bashing, weshalb das hier mal erwähnt werden musste. Keine Werbung nach 20h. Manchmal wünschte man sich Werbung statt solcher Clips. Wer’s nicht gesehen hat: Dankbar sein.“

Nicht mehr zumutbar

Holger Gertz (SZ) nimmt Christina Stürmers Liedchen beim Wort: „Nichts ist weniger angesagt als eine Großveranstaltung, bei der die Gastgeber nicht mehr mitmachen dürfen; nichts klingt abgenudelter als ein EM-Song, wenn die EM schon rum ist für diejenigen, die in dem EM-Song bejubelt worden sind. Christina Stürmer hat in ihrem Lied ‚Fieber’ Folgendes gesungen: ‚Wir haben Fieber, komm fieber mit/100.000 folgen dir auf Schritt und Tritt.’ Inzwischen kann man es den Leuten praktisch nicht mehr zumuten. 100.000 fiebernde Menschen, die einem hinterherrennen, das hat nichts mehr mit Begeisterung zu tun, das ist eine eher unangenehme Vorstellung. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass die österreichischen Ärzte gerade dauernd streiken und ihre Praxen zusperren und Fiebernde in dieser Größenordnung kaum würden versorgen können.“

Trophy Girl?

Else Buschheuer (SZ) spielt in Gedanken eine Alternativkarriere durch: „Was muss man können als Spielerfrau? Eiswürfel via Fallrückzieher in den Cocktail schmeißen? Blutgrätsche im Hotelbett? Ohrenschnipser fürs Nutella-Naschen? Oder, wie von Ronaldo favorisiert, dem Spieler vorm Spiel zum ‚passiven Sex’ verhelfen? Was ist eine Spielerfrau genau? Rückenfreihalterin? Vertragsaushandlerin? Nacktschnecke? Mama? Trophy Girl? Schimäre? Klose sagt, Podolski will eine starke Frau. Merkel steht auf Schweini. Schweini steht auf Models. Ballack heiratet im Sommer die Muddi seiner Kinder. Die Conny vom Jens Lehmann kann auf den Fingern pfeifen. Aber wie dealen diese Frauen mit der Hybris, mit der Etikettierung, mit den Vorurteilen? Wie sind sie hinter verschlossenen Türen? Kühlen sie die Fußballerwaden, pusten aufs Aua, setzen Trostpreise aus? Gibt’s für den Verlierer Sorry-Sex – darf der Sieger frivole Sonderwünsche äußern? Darf gar eine von der Spielerfrau nicht favorisierte Sexpraktik ausgeübt werden? In Sex an the City hatte Samantha mal einen Liebhaber, der nur konnte, wenn seine Mannschaft gewonnen hat. Was die Sache wahnsinnig spannend machte. Eine nicht enden wollende erotische Aufregung. Denn: Vor dem Spiel ist nach dem Spiel.“

Ball und Buchstabe

Von Maulkörben und dem Kontrollwahn der Uefa, Zensurdiskussionen, schlechter Bildregie, dem Anachronismus Günter Netzer, der Nervensäge Oliver Pocher, dem Sorry-Sex der Spielerfrauen und vielem mehr

Hintergründe, Meinungen, Gedanken und einige Zeilen Hass abseits des Spielfelds

Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung am Sonntag) wehrt sich gegen die rigide Öffentlichkeitsarbeit der Uefa und der Nationalmannschaften: „Die Uefa übernimmt die Rolle des Gesetzgebers und Polizisten. Das heißt: Sie diktiert, sie sichert, sie kontrolliert, sie setzt durch. Das wiederum hat Maulkörbe zur Folge. Die Uefa bündelt, kontrolliert und glättet Informationen. Sie schafft Distanz, übt Zensur, unterbindet Spontaneität und Kritik. (mehr …)

Samstag, 21. Juni 2008

Deutsche Elf

Mut und die Kraft zur Änderung

Die Presse macht den System- und Personalwechsel Joachim Löws als Ursache für den Sieg gegen Portugal aus – was natürlich den Vorzug hat, dass sie von ihrer harten Kritik am Bundestrainer nach der Vorrunde nicht abrücken muss / Spekulation über eine Einflussnahme Michael Ballacks (taz) / Mitentscheidend seien die Fehler der portugiesischen Abwehr, des Tormanns und des Schiedsrichters gewesen

Michael Horeni (FAZ) bescheinigt dem Bundestrainer, kritische Bewährungsproben gemeistert zu haben: „Nach Franz Beckenbauer, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann hat nun auch Joachim Löw bei seinem ersten großen Turnier die Erfahrung gemacht, dass er sich unter dem Erwartungsdruck manchmal kaum mehr wiedererkennt. Dieses Erlebnis und diese Erkenntnis sind für Löw, der in der Vorbereitung allzu lange nur aus der Kühle des Taktiklabors kam, allerdings ein unschätzbarer Gewinn. Er hat mit dem spektakulären Sieg gegen Portugal und seinem Mut zur Veränderung nach turbulenten Tagen eine Prägung erfahren, die für den weiteren Turnierverlauf und seine Karriere als Bundestrainer von großer Bedeutung sein dürfte. Löw hat innerhalb von acht Tagen in die Tiefen und die Abgründe geschaut, die das höchste deutsche Fußballamt bereithält, wenn die Erwartungen und Hoffnungen einer Fußballnation enttäuscht zu werden drohen. Er hat all das überstanden und den Sieg gegen Portugal damit auch in einen ganz persönlichen Triumph verwandelt. Er hatte den Mut und die Kraft, sich und seinen Weg an wichtigen Stellen zu ändern, ohne dabei von seiner sportlichen Linie grundsätzlich abzuweichen. Das ist für Löw ein weit größerer Gewinn, als es ein Weg ohne Hindernisse bis ins Halbfinale gewesen wäre.“

Auch Jan Christian Müller (FR) macht einen Lernzuwachs aus: „Seit Joachim Löw mit Urs Siegenthaler für die taktische Ausrichtung der Nationalmannschaft verantwortlich ist, hat Deutschland unbeirrbar mit zwei Stürmern angegriffen. Sämtliche über vier Jahre eingeübten Mechanismen beruhten auf diesem System. Siegenthaler und Löw haben ihre Doktrin über Nacht aufgegeben, um einer zuvor verunsicherten Mannschaft Fußwerkzeug für ihre Defensive zu reichen. Das war eine kühne Entscheidung. Denn wäre die in nur einer einzigen Trainingseinheit eingeübte Taktik nicht aufgegangen, wären den beiden Gesinnungsgenossen der Verrat an den eigenen Idealen vorgeworfen worden. Aber offenbar ist es ihnen gelungen, den Spielern die Neuausrichtung verständlich zu machen. Man darf gespannt sein, was die gegen Kroatien und Österreich noch taktisch tapsigen Löw und Siegenthaler nun fürs anstehende Halbfinale aushecken.“

Spielertrainer?

Markus Völker (taz) spekuliert über eine Einflussnahme des Kapitäns (was einer Machtprobe gleichkäme): „Das neue 4-2-3-1-System war Grundlage des Sieges, aber woher kam die Neuerung; womöglich sogar vom Kapitän und Siegtorschützen höchstselbst? Darüber darf spekuliert werden, tauchte es doch bereits vorm Spiel in Bild auf und auch auf der ZDF-Taktiktafel Toni Schumachers. Steckte Ballack hinter diesen Indiskretionen? Wollte er damit den Druck aufs Trainerteam erhöhen? Sollten sie, Joachim Löw und Hansi Flick, gar nicht mehr anders können, als dem Wunsch des Chelsea-Spielers zu folgen? Fest steht jedenfalls: Im Vergleich zum WM-Turnier, das von einem kontrollsüchtigen und machtbewusstem Jürgen Klinsmann geprägt wurde, ist dieses Trainerteam schwächer. Das kommt Ballack zugute, der in England zum internationalen Star gereift ist. Damals, am Beginn des Sommermärchens, konnte man noch sehen, dass Klinsmann gegenüber Ballack das letzte Wort hatte: Es ging seinerzeit um ‚die Wade der Nation’. Ballack hatte Bild Informationen über den maladen Muskel gesteckt, und das passte Klinsmann gar nicht. Der ‚Capitano’ wurde gerügt. Ballack übte sich fortan in Zurückhaltung im Umgang mit seinen Spezies vom Boulevard. (…) Sollte Ballack wirklich der (Mit-)Initiator sein, dann gebührt ihm das Etikett ‚Spielertrainer’.“

NZZ: Niederlage an der Taktik-Tafel – Portugal wollte spielen wie immer, Deutschland reagierte richtig

Aus dem Nichts

Philipp Selldorf (SZ) spürt die traditionelle deutsche Konzentration wirken: „Die Ängste des schlauen Trainers Scolari bewahrheiteten sich: Löws Spieler siegten mit zeitgemäßen, aber eben auch mit typisch deutschen Mitteln, sie gewannen die Partie im Kopf. Neben all den Würdigungen für Löws Spielsystem, den berechtigten Hymnen auf Schweinsteiger, Podolski, Ballack oder Lahm muss daher auch der intakt überlieferten deutschen Fußball-Mentalität ein Kompliment gemacht werden. Gewisse Dinge ändern sich nicht: Der Kölner Dom steht in Köln, durch Hamburg fließt die Elbe – und Deutschland ist eine Turniermannschaft, die zur rechten Zeit weiß, wie man die entscheidenden Spiele gewinnt. Das ist auch im Jahr 2008, wo jeder über den wissenschaftlichen Fußball debattiert, eine Tatsache von Belang.“

Christof Kneer (SZ) rückt zurecht: „Praktisch aus dem Nichts hat die DFB-Elf das beste Turnierspiel hingelegt seit – ja, seit wann eigentlich? Die bis heute überhöhte WM 2006 scheidet als Vergleichsmaßstab aus, sie brachte eine überragende Halbzeit (gegen Schweden, nicht gegen Portugal), einen geordneten Auftritt gegen spielerisch bessere Argentinier und eine Niederlage gegen taktisch reifere Italiener. Womöglich muss man bis zur WM 1990 zurückblättern, um DFB-Turnierspiele von vergleichbarer Dichte, Struktur und Qualität zu finden. Zu solchen Partien gehören immer auch die Unzulänglichkeiten, etwa die des portugiesischen, nun ja, Torwarts oder die womöglich spielentscheidenden Fehler des Assistenten, der den Portugiesen ein eher korrektes Tor (wegen Abseits) wegwinkte, oder des Schiedsrichters, der Ballacks Schubser vor dem 3:1 übersah.“

BLZ: Lehmann wird wieder Lehmann – Deutschlands Nummer 1 feiert einen stillen Triumph

Wie ein Schuljunge

Christian Eichler (FAZ) befasst sicht mit den Portugiesen und den Ursachen ihrer Niederlage: „Luiz Felipe Scolari beklagte zu Recht, dass Ballacks Foul übersehen worden war. Doch anders als im Halbfinale der EM 2000, als sich die Portugiesen von einem Handelfmeter für Frankreich um den Lohn gebracht sahen, als mehrere Spieler ausrasteten und lange Sperren erhielten, überwog nun etwas, das ihnen besser stand: eine Mischung aus Melancholie und Sachlichkeit. Es war also wieder ein echter portugiesischer Fußball-Fado. Immer feiner Fußball, immer der Favorit sportlicher Romantiker – und dann, wenn es plötzlich vorbei ist, wirken sie ein bisschen überrumpelt und traurig, aber dann auch wieder so, als hätten sie heimlich gar nichts anderes erwartet. Die Wucht der Deutschen und deren Fähigkeit, wie ein Chirurg das Messer an die Schwachstelle des Gegners zu setzen, ließ die Portugiesen ohnmächtig zurück. Die Schwächen bei hohen Bällen in den Strafraum, speziell durch Standards, waren schon gegen Tschechien deutlich geworden – speziell bei Ricardo, dem einzigen Nationaltorwart in Europa, der es schafft, beim Herauslaufen im Sprung mit den Fäusten niedriger zu sein als der gegnerische Angreifer mit der Stirn. Schon das EM-Finale 2004 gegen den Griechen Charisteas hatte er so verloren, jetzt war er erst gegen Klose indisponiert und dann auch noch gegen Ballack. Die Deutschen waren einfach eine Nummer zu groß für die Portugiesen, im Durchschnitt sieben Zentimeter, und man sah es.“

Claudio Catuogno (SZ) befasst sich im Detail mit Portugals Defensivschwäche: „Cristiano Ronaldo ist einfach kein Abwehrspieler. Wie er versuchte, das 2:0 zu verhindern, das hatte fast etwas von Slapstick. Miroslav Klose hatte den Ball schon – halb mit dem Kopf, halb mit der Schulter – Richtung Tor gelenkt, da sprang auch Ronaldo in die Luft. Er stand zwar weit weg vom deutschen Stürmer und noch weiter weg vom Ball, trotzdem machte er einen großen, nutzlosen Satz, als gelte es allen zu zeigen: Seht her, ich kann auch ganz schön hoch springen! Ronaldo, der auf der anderen Seite des Spielfelds das Fußball-Repertoire beherrscht wie kein Zweiter, wirkte nun hilflos wie ein Schuljunge, der noch schnell eine willkürliche Zahl hinter das Gleichheitszeichen kritzelt, während ihm der Mathelehrer schon das Aufgabenblatt wegzieht. Fataler wirkte sich jedoch aus, dass auch jene Portugiesen nicht konsequent verteidigten, deren wichtigste Aufgabe es gewesen wäre. Allen voran Torwart Ricardo.“

Drei Stufen auf und ab

Ronald Reng (taz) ärgert sich am Beispiel Cristiano Ronaldo über „Hosianna“ und „Kreuzigt ihn!“: „Stars wie er, die von Medien schon vor dem Turnier ausgerufen werden, ereilt meistens dasselbe Schicksal in drei Stufen. Erste Stufe: Sie werden, bevor ein Ball gespielt ist, in den Himmel geschrieben. Zweite Stufe: Die Medien werden ihrer eigenen Worte müde und bemerken, heuchlerisch erstaunt, dass da ja noch andere in seiner Elf spielen. So erschienen in der Vorrunde all diese Texte mit dem Inhalt ‚Deco ist Portugals wahrer Star’. Dritte Stufe: Seine Elf scheidet aus, und plötzlich war alles schlecht, der Star eine Riesenenttäuschung. So wird es natürlich auch mit Ronaldo geschehen. Aber: Ronaldo hat eine ordentliche EM gespielt. Er schenkte dem Turnier genügend Momente, in denen seine Einzigartigkeit für jeden zu erkennen war. Wie er etwa den Ball mit der Hacke an Arne Friedrich vorbeilegte, sich drehte und auf und davon war – welcher andere Fußballer kann das schon? Es gelang Ronaldo nicht, Portugal zu ähnlicher Einmaligkeit zu führen – aber wie konnte man das auch erwarten? Es war schon vor der EM wahrscheinlicher, dass etwa Spaniens medial missachteter Spielmacher Xavi ein Star des Turniers werden könnte, als dass es Ronaldo würde – weil Xavi in einer Elf spielt, die einen Tick besser organisiert, mit weniger Wundstellen versehen ist als Portugal.“

Mangel an individueller Klasse

Matti Lieske (Berliner Zeitung) ordnet das 3:2 über Portugal in die Löw-Ära ein: „Es war ein merkwürdiger und gewundener Weg, der das deutsche Team vom ersten Spiel unter der Ägide der Trainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw, einem 3:1 in Wien am 18. August 2004 gegen Österreich, bis ins Halbfinale der EM 2008 geführt hat. Es gibt ein Grundmuster, das sich wie ein roter Faden durch alle 60 absolvierten Spiele seit dem August 2004 zieht: Die Mannschaft hatte kaum Probleme mit schwächer besetzten Teams, den so genannten Kleinen, die der Teamchef Rudi Völler einst so fürchtete. Sie lieferte ihre besten Partien gegen starke selbstbewusste Mannschaften, die in ihrer Taktik wenig Rücksicht auf den Gegner nahmen, sondern auf ihr eigenes Offensivspiel vertrauten. Und sie hatte massive Schwierigkeiten mit gut organisierten Teams, die kompakt standen und vordringlich daran interessiert waren, das deutsche Spiel zu zerstören. Wenn der Mannschaftsverbund nicht funktionierte, zeigte sich, dass es an absoluter individueller Klasse fehlte. (…) Die Kroaten legten alle Schwächen des deutschen Teams bloß. Mannschaften wie Kroatien können es sich nicht leisten, nur ihren Stärken zu vertrauen und jene der Gegner einfach zu ignorieren. Sie wissen, dass die Deutschen gut genug sind zu glänzen, wenn man sie spielen lässt, aber selten gut genug waren um zu bestehen, wenn man ihnen den Raum nimmt und sie permanent unter Druck setzt. Nach dem Coup gegen Portugal ist dem Team von Löw aber zuzutrauen, dass es sogar das bis Mittwoch noch lernt.“

Freitag, 20. Juni 2008

Ball und Buchstabe

Das größte Comeback seit Rocky Balboa

Blog-Splitter zum Deutschland-Sieg gegen Portugal

Aus dem Kult-Live-Blog von allesaussersport: „Ich stehe immer noch recht fassungslos vor dem Spiel. Schaut man sich insbesondere die deutsche Turniergeschichte an, so gab es keinen Fall (behaupte ich jetzt schlankweg pi mal Daumen), in der eine deutsche Mannschaft sich über drei Spiele hinweg verschlechterte, um dann mit einem Mal so ein Brett zu spielen. Die Leistungskurve ging bei Turnieren immer nach unten. Es wurde zwar mitunter weiter fleißig gewonnen (WM 2002), aber die Spiele wurden immer unansehnlicher. Dass die deutsche Mannschaft sich in einem Turnier spielerisch so gehaltvoll von alleine aus der Grube geholt hat, daran kann ich mich nicht erinnern.“

„Jens Lehmann – Er wird immer besser und heute hat er zum ersten Mal bei der EM auch von der Autorität/Ausstrahlung eine makellose Vorstellung gebracht. Schweinsteiger war wie von der Kette gelassen. Es ist ein gefährliches Spiel, weil seine Hinterleute sehen müssen, wo er hingeht und wo er Raum für den Gegner hinterlässt. Auf der anderen Seite zeigte er gestern endlich jene Mischung aus Unberechenbarkeit und Durchsetzungsvermögen, die ihm seit zwei Jahren völlig flöten gegangen ist. Lahm war großartig. Er hat seine Leistung aus dem Österreich-Spiel bestätigt, inkl. seines Vorwärtsdranges. In der Defensive zeigt er aktuell großartiges Timing bei den Tacklings. In einem Moment scheint er zu weit weg vom Gegner zu stehen, im nächsten hat er ihm den Ball vom Fuß getacklet. Ballack – der Wahnsinn. Hat die meisten Kilometer des Spiels gelaufen (12,1km) und war überall. Man hat ihn seit langer Zeit nicht mehr an so unterschiedlichen Stellen des Spielfelds gesehen wie gegen Portugal.“

„Lob an die ARD, die auch zehn Minuten nach Abpfiff bei Simon und den Bildern vom Platz geblieben sind.“

„Wir haben keine Deutschlandfahne. Wir werden stattdessen gleich nach Abpfiff freudestrahlend und gröhlend das Grundgesetz übern Balkon halten.“

„Das größte Comeback seit Rocky Balboa.“

Helmut-Schmidt-Ehrenpreis für Löw

Der 12. Mann in unserem Blog: „Ich musste ja gestern ein wenig schmunzeln, als ich den Satz von Arne Friedrich lesen musste: ‚Ich kenne Ronaldo. Ich habe sehr viel Champions League gesehen’. Aber klasse Spiel von ihm. Scheinbar hilft fernsehen wirklich. Ich werde jetzt noch mehr Fußball schauen, vielleicht bin ich dann schon in Südafrika 2010 im Kader.“

Aus dem Live-Ticker von sueddeutsche.de: „22:33 Uhr Löw gewinnt den Helmut-Schmidt-Ehrenpreis: Er zündet sich erstmal eine Zigarette an. So darf er nie mehr in Uefa-Stadien, aber stundenlang solo zu Maischberger. 22:44 Uhr Podolski animiert die Fan-Tribüne, als wäre er Oliver Pocher, der Podolski spielt.“

It’s time to start the Ronaldo-In-Tears countdown

Aus dem Guardian, dem anscheinend neben mir der einzige auf der Welt ist, dem die Ähnlichkeit Michael Ballacks zu Matt Damon ins Gesicht sticht (siehe Link): „European Pop Idol: The anthems arrive and, by God, Nuno Gomes has got a strong voice. Unfortunately he is horribly out of tune and is about 10 seconds behind the rest of the team. He does, however, have nice hair, which should secure him the crucial teenage girl demographic. GOAL!!!!!!!! (Schweinsteiger 22 min) A brilliant goal from Germany. Podolski and Ballack exchange passes before Podolski crosses to Schweinsteiger who taps home. As incisive and pacy as Russia were last night. 25 min: The quality of team football in this tournament has been breathtaking at times. There have been very few great individual goals but Holland, Russia and now Germany have scored from some epic, sweeping moves that have been almost impossible to stop. 70 min: Lahm knocks a ball gently wide as he gets forward and cuts in from the left. ‘Surely it’s time to start the Ronaldo-In-Tears countdown now’, says Angus Chisholm, dancing a jig of joy. 80 min: Podolski belts a shot in about a foot wide. I haven’t seen a leather ball take so much punishment since a hurricane swept through the 1993 S&M Autumn Dinner and Dance. For those that don’t think Matt Damon looks like Michael Ballack see this.”

Unbedingt noch bei Drei Ecken, ein Elfer reinschauen, wie sich das ZDF auf den nächsten Besuch von Mario Gomez vorbereitet.

Deutsche Elf

Kein Rumpelfußball, sondern Überrumpelungsfußball

Damit hat die Presse nicht gerechnet: Deutschland zeigt nach einem Systemwechsel sein bestes Spiel in diesem Turnier und schlägt den Favoriten Portugal mit 3:2 – Mannschaft und Trainer sind rehabilitiert / Bastian Schweinsteiger, Michael Ballack, Philipp Lahm und Jens Lehmann als beste Spieler auserkoren

Michael Horeni (FAZ) erkennt die deutsche Mannschaft nicht wieder und macht die Systemumstellung für den Umschwung verantwortlich: „Das deutsche Team lebt – und Deutschland bebt. Mit Herz, Verstand, Leidenschaft und enormem Trainermut hat die Nationalmannschaft das Halbfinale erreicht. Beim beeindruckenden 3:2-Triumph gegen Portugal vollzogen Joachim Löw und seine Mannschaft eine spektakuläre Wende, die von so vielen Fans erhofft, aber in dieser Weise kaum noch zu erwarten war. In Basel war dann aber tatsächlich eine von der Turnierdynamik entfachte Wiederbelebung aller zuletzt so tief verschütteten deutschen Stärken zu bestaunen, der am Ende nicht einmal die Extrakönner aus Portugal gewachsen waren – und die aus der deutschen Mannschaft wieder eine große Nummer bei der EM machte. Das war kein Rumpelfußball mehr wie zuletzt, sondern Überrumpelungsfußball. (…) Die Notoperation am offenen Herzen seines Teams entpuppte sich ganz schnell als eine goldrichtige Entscheidung des von der Uefa auseinander gerissenen Trainerteams Löw und Flick. Es war ihr Meisterstück, aus den enttäuschenden Auftritten diesmal genau die richtigen Konsequenzen gezogen zu haben.“

Markus Völker (taz) fügt hinzu: „Rasant, stark im Offensivspiel, ein Spiel, in dem die deutschen Spieler ihre Robustheit in den Zweikämpfen bewiesen. Die Deutschen zeigten in allen Mannschaftsteilen ihr bislang bestes Spiel im Turnier; sie agierten flexibel im Positionsspiel, es schien, als hätten sie in der Einöde von Tenero, in der sie derzeit aufeinander sitzen, nur darauf gewartet, endlich in dieser Formation zusammenzuspielen.“

Wieder zurück

Nico Stankewitz (stern.de) hat das zentrale Mittelfeld als Schlüsselstelle ausgekuckt: „Ein Schlüssel zum Sieg war damit schon gefunden, denn die supergefährlichen portugiesischen Flügelspieler bekamen dadurch wenig Bälle, über lange Zeit hatte das Dreieck die Nachschublinien der Außenspieler eindrucksvoll unterbrochen. Hinzu kam eine gelungene Besetzung der Offensive, mit Schweinsteiger und Podolski als überragenden Spieler auf den deutschen Außenbahnen, einem Ballack, der viel aus seinen neuen Freiheiten machte und den entscheidenden Treffer zum zwischenzeitlichen 3:1 erzielte. Schweinsteiger hat auf der rechten Seite vermutlich sein bestes Spiel auf dieser Position gemacht – ähnlich überraschend wie die veränderte Taktik, denn der Bayern-Spieler war in der Nationalelf wie im Verein eigentlich links immer stärker. Das Trainerteam Löw/Flick hat Portugal richtig ausgeguckt, hinzu kam eine große Leistungssteigerung in Punkto Disziplin und Laufbereitschaft, die die DFB-Elf sogar den Nachteil der kurzen Pause vergessen ließ. Deutschland ist wieder zurück – als Turniermannschaft.“

Willensleistung

Jan Christian Müller (FR) hält die Autokorsos diesmal für angebracht: „In den Straßen der großen Städte ist inzwischen wieder der Anflug jenes Ausnahmezustands zu erleben, der den Sommer 2006 zu einem unvergesslichen gemacht hat. Aber, das sei an dieser Stelle nicht unterschlagen: Auch 2002, als sich die deutsche Mannschaft mit drei nüchternen 1:0-Siegen über Paraguay, die USA und Südkorea ins WM-Finale schlich, feierten die Menschen das Team, als wäre es überirdisch. Der Eventcharakter, den Fußballs hierzulande inzwischen verströmt, hat Qualitätsansprüche ersetzt, auch wenn das deutsche Team nicht nur sein bestes Spiel sondern auch nach absoluten Maßstäben sehr gute Qualität gegen die starken Portugiesen lieferte. Fest steht aber, dass Löw ein Team zusammengestellt hat, das auch in der Krise, in der ersten ernsthaften gemeinsamen Krise, zu einer echten Willensleistung fähig ist. Dass der Trainer wegen eines Bagatelldelikts von der herrschsüchtigen Uefa auf die Tribüne verbannt wurde, mag am Ende sogar dazu beigetragen haben, dass die Deutschen zusätzliche Kräfte frei gemacht haben. Und ihrem alten Ruf gerecht wurde: eine echte Turniermannschaft zu sein.“

Naiv

Claudio Catuogno (SZ) entdeckt Nachlässigkeiten in Portugals Abwehr: „Selten hat ein Team erst so viel Hoffnung geweckt – und ist dann so naiv am defensiven Schlendrian gescheitert. Bosingwa und Pepe etwa hätten sich ein bisschen konsequenter in den Lauf von Lukas Podolski stellen sollen, sie verzichteten darauf – und bestaunten bloß dessen scharfe Hereingabe und Schweinsteigers 1:0. Miroslav Klose ließen gleich drei so genannte Defensive in ihrem Rücken zum Kopfball aufsteigen – 2:0. Aus Kloses Kopfballtor hatten sie wenig gelernt, sonst hätten sie Michael Ballack nicht die genaue Kopie dieses Treffers gestattet. So naiv hatte sich bisher noch kein deutscher Gegner aufgestellt.“

Lehmann auf dem Weg zur alten Sicherheit

In der FR lesen wir: „Bastian Schweinsteiger: Spielt liebend gern gegen den portugiesischen Torhüter Ricardo. Gegen ihn schießt er immer Tore. Aktivposten, agil, viel unterwegs, gefährlich – und das auf der rechten Seite. Bester Deutscher. Michael Ballack: immer da, wo was los war. So muss ein Kapitän sein. Musste viel rackern und kämpfen. Setzte Podolski vor dessen Flankenlauf zum 1:0 prima ein. Sehr beherzter Auftritt. Und dann war er zu Stelle, als es wirklich eng wurde: Sein Kopfball-Tor zum 3:1 war eminent wichtig. Jens Lehmann: hat sich offenbar gefangen. Hielt, was es zu halten gab, das war einiges. Wirkte sicher und souverän. Parierte vor dem 1:2 klasse gegen Ronaldo, machtlos beim Gegentor. Guter Rückhalt der nicht immer sicheren deutschen Abwehr. Simon Rolfes: couragierte Partie, immerhin seine erster Einsatz in diesem Turnier. Sollte Frings vertreten, was ihm gut gelang. Stopfte viele Löcher, spulte viele, viele Kilometer ab. Agierte so, als hätte er immer im Team gestanden. lm Spiel nach vorne Defizite. Christoph Metzelder: Was soll man da noch sagen? Zweikämpfe sind nicht seine Sache. Allenfalls lässt er sich anschießen.“

Die SZ schreibt: „Jens Lehmann: scheint auf dem Weg zur alten Sicherheit. Griff einige Male beherzt zu, kennt sich auch innerhalb seines Strafraums wieder besser aus. Philipp Lahm: der ideale Mann für dieses Spielsystem sowie alle anderen Spielsysteme auf der Welt. Geschickter Pressingspieler, der gerne eine Fußspitze vor dem Gegenspieler an den Ball kommt, wobei diese Fußspitze den Ball meist auch konstruktiv weiterleitet. Zog häufig empörte portugiesische Blicke auf sich und Beschwerden wegen Balldiebstahls. Vom Schiedsrichter immer freigesprochen.“

Donnerstag, 19. Juni 2008

EM 2008

Mit neuen, offensiven Ideen ist Frankreichs Kontrollfußball überholt worden

Frankreichs Verfall unter dem wirren Raymond Domenech / Daniele De Rossi, das neue Zentrum in Italiens Teams / Rumänien in der entscheidenden Stunde zu passiv

Boris Herrmann (Berliner Zeitung) gibt sich irritiert über den französischen Trainer: „Raymond Domenech erinnert in seiner öffentlich zur Schau gestellten Verblendung stark an jenen Gerhard Schröder aus der Nacht seiner Abwahl 2005. Er will nicht einsehen, dass er gescheitert ist, er klammert sich mit letzter Kraft an seinem Job fest. Und wenn er danach gefragt wird, warum er nicht einfach aufgibt, verliert er die Selbstkontrolle. Man kann diese Selbstkontrolle auf verschiedene Arten verlieren. Schröder giftete damals seine unausweichliche Nachfolgerin Angela Merkel an. Domenech trat unmittelbar nach der Niederlage vor die TV-Kameras und machte seiner Freundin Estelle Denis einen Heiratsantrag. Die Grande Nation hatte wenige Minuten nach dem Vorrunden-Aus ganz andere Sorgen: Wie geht es Franck Ribéry? Warum spielte die französische Mannschaft in allen drei Turnierspielen währen der EM so gehemmt, so uninspiriert?“

Christian Eichler (FAZ) schildert die Degeneration Frankreichs: „Domenech setzte ganz auf die Vergangenheit. Sein größter Coup war, Zinedine Zidane vor der WM 2006 zur Rückkehr zu bewegen. Doch bei anderen hat das Modell ‚Zurück in die Zukunft’ nicht funktioniert. Es sind starke junge Spieler da, Domenech behandelte sie wie Spielbälle. Stürmer Karim Benzema brachte er im ersten Spiel, wechselte ihn dann im zweiten nicht mal beim 1:3-Rückstand ein, brachte ihn wieder gegen Italien – so schafft man bei einem Zwanzigjährigen weder Rhythmus noch Selbstvertrauen. Das andere Supertalent, Samir Nasri: rein nach zehn Minuten für Ribéry, raus eine Viertelstunde später, als nach Abidals Rausschmiss ein neuer Verteidiger gebraucht wurde. Domenech hatte die Jugend, aber er traute ihr nicht. Die Reformen, die den Fußball der Nationalteams in den letzten Jahren auf die Spuren der Champions League gebracht haben – Tempo, Beweglichkeit, flexible taktische Muster, absolute Fitness –, sind an den Franzosen vorbeigegangen und an ihrer Selbsteinschätzung als Maßstab des europäischen Fußballs, der sie einmal waren. Sie definierten den Sicherheitsfußball der späten neunziger Jahre, mit der vielleicht besten Viererkette, die es je gab und die nie auch nur ein Spiel verlor: Lizarazu, Blanc, Desailly, Thuram; und mit dem unübertroffenen defensiven Mittelfeld Vieira und Makelele. Doch mit neuen, offensiven Ideen ist der Kontrollfußball überholt worden. Das zeigt diese EM. Große Fußballnationen brauchen Totalschäden, um Neuanfänge zu wagen – so wie Deutschland nach der letzten EM.“

Arbeitsbiene und Schwulenikone

Birgit Schönau (SZ) stellt Daniele De Rossi als wichtigsten und repräsentativen Spieler Italiens heraus: „Er war überall, er war der unumschränkte Herrscher des Mittelfeldes, und in seinem Reich ging die Sonne nicht unter. Er ließ sich tief nach hinten fallen, beruhigte die immer noch etwas hektische Abwehr der Azzurri, an ihm kam keiner vorbei. Mit beiläufiger Selbstverständlichkeit klaubte er dem Gegner den Ball vom Fuß und zog seine Mannschaft nach vorn. De Rossi besiegelte dann den Untergang der Équipe Tricolore – mit einem kraftvoll geschossenen Freistoß, den Thierry Henry ins Tor abfälschte. Wie De Rossi dann zur Bank lief, um mit seinem Trainer zu feiern, das machte für einige Augenblicke deutlich, was er für die Squadra Azzurra ist: nicht Überflieger, sondern Pflichterfüller, working class hero statt Universalgenie. Hochmotiviert, schnörkellos und pragmatisch, ein Spieler, der das verkörpert, was Roberto Donadoni von seiner Mannschaft will. (…) Das Italien der Arbeitsbienen summt weiter. Mittendrin die Nummer 10, keine Königin – eher Baubiene, Wehrbiene, Trachtbiene in Personalunion. Eine 10, die die anderen nicht unbedingt überstrahlt. Die aber jederzeit zustechen kann.“

Julius Müller-Meiningen (Berliner Zeitung) berichtet aus dem Hintergrund: „Im kommenden Jahrzehnt wird er einer derjenigen sein, die Italiens Fußball prägen. Trotz seiner offensichtlichen Stärken verzichtete Roberto Donadoni im ersten Spiel überraschend auf den Römer, der die Nichtnominierung fassungslos entgegennahm. Noch immer wird gemunkelt, Donadoni habe erst nach einem Anruf des Milan-Besitzers Silvio Berlusconi, im Nebenamt auch Ministerpräsident, den gesamten Mittelfeldblock des AC Mailand eingesetzt. (…) ‚Wir haben nun alle zum Schweigen gebracht, die uns Muttersöhne genannt haben’, protestierte De Rossi gegen die Anfeindungen der Presse, die den jämmerlichen EM-Start beklagt hatte. ‚Wir sind richtige Männer’, erinnerte auch das Kraftpaket Gattuso vor den Kameras. Diese Tatsache hatte die Heimat ernsthaft in Zweifel gezogen. Dass der verheiratete Vater De Rossi, (blond, blauäugig und in Italien deshalb weitgehend als omnipotent angesehen) als Schwulenikone gilt, ließ die oft beinharte Fußballpresse in der Debatte gnädigerweise außen vor.“

Ingo Durstewitz (FR) wird nicht schlau aus Italiens Spiel: „Bei den Italienern wirkt alles nicht durchdacht, da ist weit und breit kein Konzept, keine Idee zu erkennen. Im Grunde gibt diese konturlose Mannschaft Rätsel auf. Man fragt sich noch immer: Für was steht dieses italienische Ensemble eigentlich?“

Chancen der Gegenwart

Christian Kamp (FAZ) hält den Rumänen Passivität vor: „Ein wenig rätselhaft blieben diese Rumänen bis zum Schluss. Man musste sich schon wundern, wie mutlos sie ihre Chance auf das Viertelfinale verspielten. Und fast erstaunlicher war, dass sie nicht einmal sonderlich enttäuscht darüber schienen. schon von der ersten Minute an hatten sich die Rumänen in die Beobachterrolle gefügt – und kamen in dieser Partie auch nicht mehr heraus. 38 Prozent Ballbesitz, zwei Schüsse in Richtung Tor – das ist schon sehr wenig, wenn doch noch so viel möglich scheint. Sie hatten wohl einfach selbst nicht mehr an die finale Überraschung geglaubt nach den beiden hart erkämpften Unentschieden gegen Frankreich und Italien. Die Perspektiven für das relativ junge Team mögen gut sein, in Erinnerung aber bleibt vom Schweizer Gastspiel nicht allzu viel. Nur einmal, gegen Italien, deuteten die Rumänen an, dass sie besser und vor allem offensiver spielen können, als ihr Ruf das vermuten ließ – zu wenig.“

Daniel Theweleit (SZ) wirft den Rumänen vor, die Stunde nicht genutzt zu haben: „Rumäniens Spieler bleiben ein Rätsel. Da hatten sie sich eine Ausgangsposition erspielt, die ihnen vor dem Turnier keiner zugetraut hatte, hätten aus eigener Kraft das Viertelfinale erreichen können, doch statt mit Optimismus Fußball zu spielen, produzierten sie ein großes Nichts. Fast gleichgültig haben sie ihr entscheidendes Spiel gegen Holland verwaltet, und als sie diese Enttäuschung dann kommentieren sollten, zuckten die Herren aus den Karpaten allenthalben die Schultern. Es gab keinen Moment des Aufbäumens, keine Phase, in der sie ernsthaft auf ein Tor drängten, dieser rumänische Abschied war geprägt von einem tiefen Fatalismus. Offenbar waren die Rumänen in ihren Herzen damit zufrieden, in der starken Gruppe C nicht untergegangen zu sein. Die rumänische Nationalmannschaft erlag einem Reflex, der nicht selten ist im Fußball: Sie basteln an einer großen Zukunft und haben darüber die Chancen der Gegenwart vergessen. Dabei war die Gelegenheit günstig wie nie.“

Gelegenheitsholländer

Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) gibt zu bedenken: „In ganz Europa werden die Niederlande derzeit als Lieblingsteam der Neutralen wiederentdeckt, die Dunkelziffer der Gelegenheitsholländer wird täglich größer. Die meisten Teams würden alles für einen solchen positiven Moment tun. Die Niederländer aber wissen aus schmerzhafter Erfahrung bei früheren Turnieren, dass zuviel Anfangsschwung die Konzentration auch beeinträchtigen kann.“

Deutsche Elf

Der Fußball wird vor Gericht zum Verlierer

Fast einhellige scharfe Kritik an der Sperre für Joachim Löw / Erinnerung an die Frings-Sperre vor zwei Jahren / Cristiano Ronaldo, eine Gesamterscheinung – aber Portugal hat auch Schwächen

Michael Horeni (FAZ) kritisiert die Uefa: „Sein Auftreten an der Seitenlinie ist seit Jahren vorbildlich. Schon die Entscheidung des spanischen Schiedsrichters Gonzales, Löw und Josef Hickersberger im prestigeträchtigen deutsch-österreichischen Duell ohne Warnung ihres Arbeitsplatzes zu verweisen, war unverhältnismäßig. Der Unwillen der Kontroll- und Disziplinarkommission der Uefa in der Verhandlung von der Möglichkeit einer Begnadigung Gebrauch zu machen, die das Reglement ausdrücklich vorsieht, ist genau das, als was es Oliver Bierhoff bezeichnet: eine Entscheidung gegen den Fußball. Die Nachreichungen des Urteils lesen sich mehr wie der Versuch, eine zweifelhafte Schiedsrichterentscheidung im sportjuristischen Nachgang zu legitimieren, um die Autorität der Unparteiischen zu schützen.“

Thomas Kilchenstein (FR) kann es nicht fassen: „Will die alles reglementierende Uefa, die die Akteure immer mehr an die Kandare nimmt, den stummen Fisch auf der Trainerbank, der scheu und schüchtern hinter der Werbebande zurücktritt und sich gefälligst aus dem Spiel herauszuhalten hat? (…) Das Urteil der Uefa ist überzogen und steht in keinem Verhältnis zur Tat.“

Ohne jegliches Fingerspitzengefühl

Philipp Selldorf (SZ) stampft mit dem Fuß auf: „Von Verhältnismäßigkeit kann keine Rede sein, sonst hätten die Richter berücksichtigt, dass nervöse, schreiende und in der Coaching-Zone herumtigernde Trainer nichts Ungewöhnliches sind bei einem EM-Turnier, siehe die bisher nicht belangten Bilic, Scolari oder Terim. Löw und Hickersberger hatten das Pech, dass bei ihnen daraus ein Fall entstand. Für die Uefa zählt aber nicht der Einzelfall, sondern allein die Bestätigung ihrer Obrigkeit und der Autorität der Schiedsrichter. So wird der Fußball vor Gericht zum Verlierer.“

Ralf Köttker (Welt) ergänzt: „Es ist die Entscheidung einiger Funktionäre, denen jegliches Fingerspitzengefühl fehlt. Ein Fußballplatz ist kein Konzertsaal, wo nur geflüstert werden darf. Ein Fußballspiel ist Emotion, Energie, laute Leidenschaft. Es ist dringend Zeit, dass sich die Verbandsverantwortlichen daran erinnern, wo der Sport herkommt und was ihn ausmacht. Funktionäre, die sich mit spektakulären Entscheidungen wie im Fall Löw in den Vordergrund spielen wollen sind ebenso fehl am Platz wie Regeln, die all das verbieten, was den Fußball so faszinierend macht.“

Selbst zu verantworten

Andreas Lesch (Financial Times Deutschland) hingegen sieht den Fehler bei Löw: „Die Aussagen erinnern verdächtig an die WM 2006. Damals zeigten sich die DFB-Verantwortlichen schwer beleidigt, nachdem Torsten Frings wegen einer Tätlichkeit nach dem Viertelfinale gegen Argentinien gesperrt worden war. Die Deutschen fühlten sich von der Fifa zu Unrecht verfolgt. Nun stellen sie die Uefa als alleinigen Bösewicht dar – und machen es sich damit recht einfach. Die Sperre als Strafe für Löws vergleichsweise harmloses Vergehen mag streng sein. Den entscheidenden Fehler aber hat der Bundestrainer selbst zu verantworten. Er hatte seine Nerven nicht im Griff. Er hätte die Anweisungen des vierten Offiziellen, auch wenn sie kleinkariert waren, befolgen können, getreu der Weisheit, die jede Oma kennt: Der Klügere gibt nach.“

Die falschen Fälle ausgesucht

Auch Horeni erinnert den Fall Frings, kommt aber zu einem anderen Schluss: „Damit haben die Deutschen nun schon zum zweiten Mal in zwei Jahren bei einem großen Turnier unter verbandsrechtlichen Entscheidungen zu leiden, denen es an innerer Logik und Konsequenz mangelt. Auch die nachträgliche Sperre von Frings hinterließ einen bitteren Beigeschmack angesichts der vielen anderen ungesühnten Handgreiflichkeiten nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien. Auch wenn beide Fälle nicht direkt miteinander zu vergleichen sind, eine Parallele weisen sie auf: Die beiden großen Verbände haben sich bei ihren Kampf nach einem sauberen Fußball die falschen Fälle ausgesucht.“

Die Frings-Sperre im Rückblick (I), (II)

FAZ: Hans-Dieter Flick im Portrait

Prototyp für den neuen Typ Angriffsfußball

Christian Eichler (FAZ) beleuchtet beeindruckt alle Facetten Cristiano Ronaldos: „Nach vielen Jahren, in denen man entweder zu introvertierte Ballgenies hatte, wie Zidane, oder Stars, bei denen irgendwann die Bildverwertung besser war als die Ballverwertung, wie Beckham, hat der Fußball endlich einen, der beides bietet: sportliches Spektakel und die Lust, im Rampenlicht zu sein. Er lächelt, er strahlt, er lässt sich bewundern, er wird gern fotografiert. Manche werfen ihm das als Eitelkeit, als Selbstverliebtheit vor. In Wirklichkeit ist es aber ein Glück für eine bildersüchtige Welt. Ronaldo hat noch nicht den hasserfüllten Papparazzi-Blick, die abwehrende Körpersprache, die verächtliche Haltung des gejagten Stars gegenüber denen, die ein Stück von seinem Leben wollen. Ronaldo ist ein Lieferant großartiger Bilder. Sein Spiel ist es. Sein Körper ist es. Hier ist er, der große Kicker aus der Körperkult-Generation, der erste Fußball-Weltstar, für den die tägliche Arbeit am eigenen Körper, am Oberkörper, an der Gesamterscheinung, an der Balance der Muskelpakete schon von früher Jugend an selbstverständlich war. Gern entblößt er seinen famosen Oberkörper nach dem Spiel. Aber er gibt auch jenen eine Vorlage, die Quote und Auflage mit anderen prallen Formen machen, mit Bildern von den schnittigen Sportwagen seines Fuhrparks oder den Rundungen seiner Freundinnen. Ronaldo liefert allen guten Stoff. Aber vor allem ist er Fußballer, mehr noch: eine Fortentwicklung dessen, was man bisher unter einem Fußballer verstand. Er ist der Prototyp für den neuen Typ Angriffsfußball, wie ihn Manchester United vorführt – in dem sich die Grenzen zwischen Mittelfeldspieler, Flügelmann, Mittelstürmer auflösen. Ronaldo ist alles zusammen.“

Fußball der achtziger Jahre auf dem höchsten Tempo

Ronald Reng (SZ) macht uns allen Mut, indem er auf die Schwächen Portugals pocht: „Portugal spielt mit Pausen und einer für die heutige Zeit ungewöhnlich lockeren defensiven Ordnung. Zwar scheint das erste Problem der deutschen Elf momentan sie selbst zu sein, doch falls sie halbwegs wieder zu ihrem Spiel findet, ist Portugal keineswegs so favorisiert, wie es Decos Pässe oder Ronaldos Dribblings vorgaukeln. Portugal lässt seine Defensivleute oft alleine. Petit etwa, ein ordentlicher, aber auf EM-Niveau gewöhnlicher Mittelfeldspieler, steht oft verlassen im Grenzland zwischen Abwehr und Mittelfeld, hier fänden deutsche Weitschützen wie Michael Ballack und Thomas Hitzlsperger Platz zum Austoben. Im Grunde ist es der beste Fußball der achtziger Jahre auf dem höchsten Tempo, mit der exquisiten technischen Klasse der Gegenwart. Während andere großartige Mannschaften wie Italien oder Spanien heute quasi durchgehend von Automatismen gesteuert agieren, vertraut Portugal wie die großen Teams vor zwanzig Jahren auf spontane, unwiderstehliche Eingebungen in einem einigermaßen geordneten Spielsystem.“

Mittwoch, 18. Juni 2008

Deutsche Elf

Deutschland, ein Rumpelmärchen

Deutschland 2008 erinnert an Deutschland 2000 bis 2004 – die Presse nimmt’s zum Teil gelassen, zum Teil verärgert, zum Teil spöttisch / Die Anführer Michael Ballack und Torsten Frings ziehen die Zweifel der Journalisten und anscheinend auch einiger Spieler auf sich / Endlich Kritik an den Verhandlungen zwischen Bayern München und Mario Gomez, unserem melancholischen Stürmer

Christof Kneer (SZ) stöhnt in Anbetracht der Rückbesinnung der Deutschen auf ihre Wurzeln, ist andererseits aber erleichtert über diese Repertoire-Erweiterung: „Diese Vorrunde war einem so vertraut, dass man sie fast nicht wiedererkannt hätte. Es war eine Vorrunde, die sich kaum von jenen Zeiten unterschied, die Löws neues Deutschland ausdrücklich für überwunden erklärt hatte. Deutschland, ein Rumpelmärchen – nach dem Spiel gegen Österreich wurde jede urdeutsche Kampfesfloskel in den Mund genommen, die nicht bei drei aus dem Stadion verschwunden war. Wer will, der kann die Wiederentdeckung der Tugendrhetorik durchaus für einen Fortschritt halten, denn man konnte sich ja bis Montagabend nicht sicher sein, ob Löws saubere Laptop-Elf überhaupt noch die gute, alte Schmutzlösung im Programm hat. Sie hat – dank Ballacks kunstvollem Brachialtor brachten die Deutschen das Spiel in ihre Gewalt. Löws Anspruch aber sind gewaltlose Siege; sein Deutschland soll eigentlich nicht per Faustschlag gewinnen, sondern mit manikürten Fingernägeln.“

Wunsch und Wirklichkeit

Michael Horeni (FAZ) nennt der Teamführung deutlich die Unterschiede zwischen Wort und Tat, zwischen Theorie und Praxis: „Wenn die Wirklichkeit doch nur so wäre, wie die deutsche Nationalmannschaft sie wahrnimmt! Aber seit Wochen findet die Wirklichkeit nur noch schwerlich Zugang zum deutschen Lager. Der Bundestrainer und seine Spieler haben es sich zunehmend in ihrer eigenen Wunschwelt bequem gemacht, in der nicht erst seit den kümmerlichen Auftritten gegen Österreich und Kroatien nicht mehr sein kann, was nicht sein darf. Vor dem Spiel gegen Österreich kündigte der Bundestrainer zahlreiche Änderungen an. Neue Spieler sollten kommen, eine aufgefrischte Spielweise sollte zu sehen sein. Das war die Wunschvorstellung. Die Wirklichkeit sieht so aus: Bis auf den verletzten Marcell Jansen blieb personell alles so, wie es war – und auch spielerisch wurde nichts besser. Oder die Fitnessfrage: Die Führung sprach vor der EM von der vielleicht besten Vorbereitung auf ein Turnier. Das war ihre Wunschvorstellung. Die Wirklichkeit sieht derzeit so aus: Die Mannschaft ist nicht topfit, zu viele Spieler haben ihre Defizite nach Verletzungspausen nicht aufarbeiten können. Vor dem Viertelfinale sagt der Bundestrainer jetzt, dass ein spielerisch stärkeres Team wie Portugal der deutschen Mannschaft entgegenkomme. Das ist die Wunschvorstellung. Wenn sich bis Donnerstag nicht doch noch Entscheidendes ändert, droht den deutschen Verdrängungseuropameistern der nächste Realitätsschock.“

Überlebensausrüstung

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) hingegen gesteht der Elf zu, pragmatische Lösungen zu suchen und ästhetische zu vernachlässigen: „Die Performance gegen den Erzrivalen war nach der Niederlage gegen Kroatien eine Leistung, wie sie zur Überlebensausrüstung jeder halbwegs erfolgsträchtigen Mannschaft gehört. Virtuosität für die Dauer von neunzig Minuten nicht als einzig erstrebenswertes Ideal zu betrachten, zeugt wenigstens von Realitätssinn, wie er in noch höherem Maße nötig ist, um gegen Portugal zu bestehen. Die Deutschen kramten reflexartig alte Methoden hervor, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eher zum Erfolg führen werden als der Versuch, eine Spielkultur zu demonstrieren, die die Mannschaft noch nicht hinreichend verinnerlicht hat. Das Team zeigte nicht mehr und nicht weniger als robustes Handwerkzeug. Es tat, was notwendig war.“

Nicht glänzen, gewinnen

Andreas Lesch (Financial Times Deutschland): „Die deutschen Spieler haben einen Stil gezeigt, der mit den fußballerischen Idealen ihres Bundestrainers nicht das Geringste zu tun hat. Sie sind ganz und gar unlöwianisch aufgetreten. Aber sie haben das nicht mit böser Absicht getan. Sie können zurzeit nicht anders. Sie sind schon froh, wenn sie ein harmloses Gegnerlein wie Österreich überhaupt bezwingen. Sie haben sich nicht als Erlebnisfußballer, sondern als Ergebnisfußballer definiert. Unter Löw, der mit Feuereifer über Vertikalpässe, Ballannahme im Höchsttempo und offensive Brillanz doziert, gibt die Nationalmannschaft sich plötzlich so altdeutsch wie in längst überwunden geglaubten Zeiten. Sie will nicht glänzen, sondern gewinnen.“

Einsprüche gegen die Doppel-Herrscher

Die Alpha-Tiere Ballack und Frings geraten in den Blickpunkt. Lesch zieht ihre Dominanz im Team in Zweifel, solange sie nicht durch Leistung gedeckt ist: „Das deutsche Spiel hakt und ruckelt, es fließt nicht. Es basiert maßgeblich auf der Leistung der beiden Führungskräfte Frings und Ballack. Frings näherte sich gegen Österreich bedrohlich dem inoffiziellen Fehlpassweltrekord, er spielte nahezu jeden Ball in den mitspielerfreien Raum. Er agierte so schwach, dass Ballack sich zu selten nach vorn traute. Beide meckern auffällig oft ihre Mitspieler an. Wenn aber Frings schlechte Laune mit Altherrenkickerei kombiniert und Ballack kaum zum Torschuss kommt, dann wird die Fixierung des Teams auf dieses Duo zum Problem.“

Auch Philipp Selldorf (SZ) muss daran denken, wenn er sich Michael Ballacks Tor in Zeitlupe ansieht: „Im Fußball können Tore sprechen, und dieses Tor besagte, dass der Chef sich der Pflicht bewusst ist, dass er das Besondere zum Erfolg beitragen muss. Mit Nebenmann Frings hatte Ballack während des Kroatien-Spiels die übrigen Spieler verbal ziemlich herumgescheucht. Die herrische Art der Bosse, die zurzeit ein Autoritätsmonopol besetzen, hat nicht allen gepasst, wie Ballack selbst andeutete, als er aus der internen Mannschaftssitzung berichtete (‚Fußball ist nicht immer Harmonie’). Offenbar wurden Einsprüche gegen die Doppel-Herrscher laut, aber geschadet hat das nicht.“

Lies auch das seltsame Interview mit Ballack und Frings in der SZ der letzten Woche

Aus Mitspielern werden Rivalen

Michael Ashelm (FAZ) stört sich an den Vertragsverhandlungen zwischen Mario Gomez und Bayern München: „Gomez macht es seinen Kritikern derzeit leicht. Zur Ladehemmung auf dem Rasen kommen die Spekulationen, wohin es ihn bald hintreiben könnte. Diese Diskussion kann ihm nicht gefallen. ‚Sein Marktwert fällt’, schreibt das spanische Sportblatt ‚Marca’ hämisch. Der Stuttgarter soll mit dem FC Barcelona verhandeln. Den viel größeren Wirbel lösen allerdings die Gerüchte über den Kontakt mit dem FC Bayern aus. Karl-Heinz Rummenigge bestätigte, dass Gomez ‚ein Thema’ sei. Die täglichen Meldungen von der Wechselbörse sollen schon für atmosphärische Störungen innerhalb der Nationalmannschaft gesorgt haben. Gomez‘ Teamkollegen Podolski und Klose könnten sich durch die Gerüchte verunsichert fühlen, weil es indirekt ihre Zukunft bei den Bayern betrifft. Der Mitspieler Gomez ist plötzlich noch mehr ein Rivale. Diese Konfliktsituation und das sportliche Leiden auf dem Platz haben ihn nun mit der vollen Wucht erwischt.“

Trainer Flick?

Kneer befasst sich zudem mit der möglichen Sperre für den Bundestrainer: „Löw wäre der erste Coach in der EM-Geschichte, der ein komplettes Spiel seiner Mannschaft von der Tribüne betrachten müsste – er dürfte kein Handy benutzen und keinen Sprechfunk und er dürfte auch keine Spickzettel zu Papierfliegern falten und in den Innenraum hinunterwerfen. Der alleinverantwortliche Trainer im EM-Viertelfinale hieße Hansi Flick. Unter dem Präsidenten Lennart Johannson galt die Uefa traditionell als deutschfreundlich, aber nun, da der Blatter-Zögling Michel Platini dem Verband vorsitzt, ist das Ergebnis der Verhandlung fast so offen wie ein gutes Viertelfinale.“

Momentum nicht genutzt

Roland Zorn (FAZ) kommentiert den Austritt Österreichs aus dem Turnier: „Österreich kann sich wieder ganz auf seine beste und überzeugendste Rolle konzentrieren: die eines perfekten Gastgebers. Die vielen rot-weiß-roten Luftballons, die die Fans in ihren Träumen und in der Hoffnung auf eine wundersame Erfolgsgeschichte bei diesem Turnier der Besten hatten in den Himmel steigen lassen, sind nicht mit einem lauten Knall geplatzt, ihnen ging nahezu undramatisch die Luft aus. Österreich gegen Deutschland atmete nicht den Geist einer epischen Auseinandersetzung zwischen Groß und Klein. Vielmehr haftete diesem Aufeinandertreffen zweier nervöser, unsicherer, von sich selbst nicht überzeugter Mannschaften nie das Flair eines besonderen Spiels an. Die große Gelegenheit, unter Druck erst recht Stärke zu zeigen, ließen die Teams verstreichen – und am Ende stand für die mit 0:1 knapp unterlegenen Herausforderer aus Österreich die ernüchternde Erkenntnis, das Momentum eines außergewöhnlichen Landesfeiertages nicht genutzt zu haben. Der Wahrheit die Ehre: Mit einer schwächeren Bilanz – ein Punkt, ein Tor in drei Gruppenspielen – hat sich noch keine Ausrichternation von einer Europameisterschaft verabschiedet. Was blieb, waren die wohlverpackten Trostpreise.“

Dienstag, 17. Juni 2008

EM 2008

Außer Balance?

Christian Eichler (FAZ) blickt gebannt auf das Duell zwischen Italien und Frankreich, zwei angeschlagenen Teams: „Es liegt in der Laune der Holländer, ob es in der Neuauflage des WM-Finals um einen Platz im Viertelfinale geht – oder um den Trostpreis der Verlierer. Und vielleicht gibt es gerade deshalb einmal, ein einziges Mal zwischen den beiden erfolgreichsten Fußballnationen der letzten zehn Jahre ein echtes Fußballfest, ein Feuerwerk des Spiels. Denn wenn man die eher unrealistische Möglichkeit eines holländischen Sieges mit drei oder mehr Toren Vorsprung gegen Rumänien ausschließt, hilft jedem der beiden nur ein Sieg, keinem ein Remis. Beide müssen so offensiv weitermachen, wie sie es unvorsichtigerweise schon gegen die Niederländer anfingen. (…) Noch eine Gemeinsamkeit vereint die beiden bibbernden Großmächte des europäischen Fußballs und deren von der heimischen Presse geprügelte Trainer: ihre neue Karriere als Schießbuden der EM-Kirmes. Beide haben schon jetzt mehr Gegentore kassiert als während der gesamten WM 2006. Die EM ist bisher ein Fest des mutigen Offensivfußballs, die alten Mächte des ängstlichen Abwehrspiels kommen mit ihrer Neuausrichtung noch nicht zurecht. Nun haben sie es nicht mal mehr in der Hand, das Ärgste abzuwehren.“

Stephan Ramming (Neue Zürcher Zeitung) zweifelt an der Strategie der beiden Trainer: „Schon die Tatsache, dass Weltmeister Italien und WM-Finalist Frankreich auf fremde Hilfe angewiesen sind, ist überraschend – zumindest auf dem Papier. Vergegenwärtigt man sich aber die Leistungen der Azzurri und der Equipe tricolore in den bisherigen zwei Spielen, offenbaren sich hüben wie drüben vor allem Probleme, Probleme, Probleme. Die Schwierigkeiten in beiden Teams sind ähnlich, auch wenn sie sich unterschiedlich akzentuieren. Im Kern geht es um die Frage, ob ein Team in der Balance steht – etwa zwischen Erfahrung und Jugendlichkeit. Nimmt man die Aufstellungen des WM-Finals 2006, stellt man fest, dass zwei Jahre später das Gerüst beider Teams aus den gleichen Spielern in bereits fortgeschrittenem Alter besteht. Das bedeutet, dass sowohl der italienische Trainer Roberto Donadoni wie auch der französische Coach Raymond Domenech der Eigenschaft ‚Erfahrung’ enorme Bedeutung beimessen. Das hat Tücken.“

Birgit Schönau (SZ) fügt hinzu: „Vorbei ist es mit Grandezza und Grandeur, verblasst ist aller Glanz, es geht nur noch um Schadensbegrenzung, um die Vermeidung der größtmöglichen Blamage. Für die beiden Trainer Roberto Donadoni und Raymond Domenech könnte es am Dienstagabend heißen: Finale di partita, fin de partie, aus und vorbei. Was Donadoni angeht, wäre er nur der Letzte einer beachtlichen Reihe italienischer Nationaltrainer, die gleich nach einem Spiel gegen Frankreich abtraten oder abtreten mussten: Bearzot, Maldini, Zoff, Lippi. Sein Kollege Domenech ist mindestens so umstritten wie der Italiener, übelnehmerisch, exzentrisch und abergläubisch: legendär seine Abneigung gegen das Sternzeichen des Skorpions, angeblich verzichtet er deshalb sogar auf David Trezeguet.“

Unberechenbar

Daniel Theweleit (SZ) zeigt auf Rumänien: „Deutschland hat sich über die Jahre den Ruf erarbeitet, über eine Turniermannschaft zu verfügen. Mit Abstrichen trifft das wohl auch auf Italien zu, doch gibt es noch eine kleine Fußballnation aus dem Südosten Europas, die dieses Attribut ebenfalls verdient: Rumänien. Eine Turnier-Vorrundenmannschaft, sollte man vielleicht präziser sagen. Sieben Mal nahmen die Rumänen an einer Weltmeisterschaft teil, nur einmal, 1934, sind sie in der Gruppenphase ausgeschieden. Prominente Konkurrenten störten Rumänen noch nie. Argentinien, Deutschland oder England landeten in Vorrunden schon hinter den Überlebenskünstlern aus den Karparten. Unvergessen ist die Euro 2000, als Rumänien und Portugal sowohl England als auch die deutsche Auswahl von Erich Ribbeck aus dem Turnier bugsierten. ‚Draculas Söhne’ titelte Bild damals, und hinter solchen Wortschöpfungen steckte ein Gefühl, das die Rumänen noch heute verbreiten. Sie sind unbekannt, geheimnisvoll. Der Exot dieser Europameisterschaft, deren Teilnehmerfeld dominiert wird von Nachbarn und vertrauten Urlaubsländern. Rumänien ist ein Land, in dem es gerade einmal zwei Autobahnen für 21 Millionen Menschen gibt, richtig groß ist hier nur eins: der pompöse Palast des ehemaligen Staatschefs Nicolae Ceausescu, das angeblich zweitgrößte Gebäude der Welt. Nur das Pentagon nimmt eine größere Fläche ein. Bukarest boomt zwar, doch die Walachei, die Karpaten und Transsylvanien sind noch so wie sie sich anhören: ländlich und fremd. (…) Es ist die Unberechenbarkeit, welche die Rumänen zu so einem komplizierten Gegner werden lässt.“

EM 2008

Mit dem Rücken zur Wand am stärksten

Italien gelingt erster Sieg im letzten Vorrundenspiel und damit die Viertelfinalqualifikation – auch dank Hollands „selbstlosem“ Sieg

Bahnwärter Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) schließt nach dem 2:0-Sieg gegen Frankreich hinter den Italienern die Türen: „Irgendwann rauschte er vorbei, der letzte Euro-Zug und die italienischen Fußballer vermochten gerade noch auf den hintersten Wagen mit der roten Laterne aufzuspringen. Er fährt sie nach Wien zum Viertelfinal. Den Italienern gelang der gewünschte Leistungssprung im richtigen Moment, im entscheidenden Spiel, als sie nicht mehr weiter nach hinten ausweichen konnten, weil der Rücken an der Wand anstieß. In diesen Momenten war ihnen wieder eingefallen, wie man italienisch verteidigt und dem Gegner fast gar nichts zugesteht. Diese Abdichtung war wichtiger als die gelungenen Spielzüge, denn die hatten die Italiener auch gegen Rumänien schon gezeigt. Diesmal funktionierte vieles. Sie spielten mit einem Masterplan im Hinterkopf. So wie man es sich eigentlich vom Weltmeister gewohnt ist. In einigen Szenen war Pirlo, den die Zeitungen aus der Mannschaft schreiben wollten, wie unsichtbar verkabelt mit dem Stürmer Toni. (…) Die Franzosen der Gegenwart waren satt und uninspiriert. Es gelang ihnen überhaupt nicht, wenigstens in einem EM-Spiel die Ehre einer älter werdenden Spielergeneration zu retten.“

Christoph Biermann (Spiegel Online) kommt das alles bekannt vor: „Irgendwie erinnern die Italiener mit ihrer Mischung aus Qualität und Gerumpel an deutsche Mannschaften der Vergangenheit, die plötzlich in Endspielen auftauchten und niemand wusste, wie sie da eigentlich hingekommen waren.“ Hendrik Ternieden (Spiegel Online) zählt Luca Tonis Fahrkarten: „Was ist mit Tormaschine Toni geschehen? Der Angreifer spielt stark, er ist immer in Bewegung, erarbeitet sich eine Chance nach der anderen – und trifft das Tor nicht. Hätte er bei der EM die gleiche Trefferquote wie im Verein bei Bayern München – er würde die Torjägerliste mit geschätzten elf Treffern anführen.“

Stephan Ramming (Neue Zürcher Zeitung) sagt Adieu: „Am Ende trotteten die Franzosen traurig vom Rasen. Patrick Vieira, der wegen seiner Verletzung nie spielen konnte, Thuram, der nicht mehr im Aufgebot war, und auch Henry, ihnen allen war es nicht vergönnt, ein letztes Mal Ehre einzulegen für die Equipe Tricolore und die glorreiche Generation von Zinedine Zidane. Irgendwo draußen, schon weit weg vom Stadion, lag wohl Franck Ribéry in einem Spitalbett. Ob er geweint hat?“

Kluger Schachzug

Andere Spieler, anderes Spiel, ähnliches Resultat – Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) über Hollands Sieg gegen Rumänien: „Es ist schon erstaunlich, wie leichten Herzens und noch leichteren Schwunges die Niederländer dreimal ihre Ernte einfuhren. 3:0 und 4:1 gegen die WM-Finalisten 2006, 2:0 mit dem Team B gegen Rumänien – das ist eine orange Verheißung für das Turnier. Doch während den ersten beiden Erfolgen die Etikette ‚zu hoch’ anhaftet, gilt für den Dritten (etwas überspitzt formuliert): kein Widerstand. Auch das gibt’s an Endrunden.“

Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) beobachtet Marco van Basten bei einer gelungenen Gratwanderung, bei der mehr auf dem Spiel stand als drei Punkte, nämlich sein Ansehen: „Natürlich ist es eine verführerische Gelegenheit gewesen, mit einer Niederlage zwei Titelaspiranten und potenzielle Halbfinalgegner mit großem Namen aus dem Turnier zu befördern. Doch das hätte eine Lawine der Kritik ausgelöst. Schon im Stadion, vor allem aber in den Medien. So etwas verdirbt schnell die Stimmung. Außerdem ist es kaum vorstellbar, dass die holländische Stammformation über ein ganzes Turnier so überzeugend spielt wie in den ersten beiden Partien. Solch einen Sturmlauf bis ins Finale ohne schwächere Momente hat es seit Peles Zeiten nicht gegeben. Deshalb war diese Lösung mit einer engagierten B-Elf ein kluger Schachzug. Gegen die Rumänen reichte auch eine mittelmäßige Leistung, um das Gesicht zu wahren. Denn die Osteuropäer agierten viel zu vorsichtig, wirkten irgendwie gehemmt von ihrer enormen Chance, die Sensation zu schaffen.“

Die NZZ versetzt sich in das Gemüt der Italiener: „Allein schon die Abhängigkeit hatte etwas Demütigendes, dieses Schielen auf holländische Hilfe ein paar Kilometer weiter westlich. Es war schlicht erniedrigend, schließlich ist man ja nicht irgendwer. Doch nach dem Auftritt wissen die Gegner: Italien ist wieder da. Und vielleicht gefährlicher als zuvor.“

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