Freitag, 2. November 2007
Ascheplatz
Kinderei
Erst reden die Dortmunder Spieler nicht mit den Journalisten, nun reden die Journalisten nicht mit den Dortmunder Spielern; Stefan Osterhaus (NZZ) verdreht die Augen: „Die Kontaktsperre wurde allenthalben gegeißelt. Man hielt den Spielern etwa vor, sie hätten für ihre horrenden Gehälter die Pflicht, der Öffentlichkeit Rede und Antwort zu stehen. Doch dann schlug das Imperium, beleidigt wie die sprichwörtliche Leberwurst, zurück und boykottierte seinerseits die Spieler – ein Novum im deutschen Sportjournalismus. Welche Pflicht der Reporter für seine fast ebenso horrenden Gehälter gegenüber dem Leser hat, blieb im Dortmunder Mediendiskurs leider unerörtert. Die Kinderei aus dem Pott ist allerdings jetzt fast schon wieder zu Ende. Nur für einen Match und die Vorberichterstattung zum nächsten wollte die Journaille den Spielern einmal so richtig zeigen, wo es langgeht. Am Samstag wird alles vergessen sein, und es wird wie eh und je heißen: ‚Ja gut, ich sach mal.‘“
NZZ: Die Wirksamkeit einer Fußball-EM für die Volkswirtschaft ist höchst umstritten
30. Oktober 2007
Rückständiges Sportmanagement
american arena kritisiert, den Vergleich mit dem US-Sport vor Augen und der Haustür, den Medienboykott Borussia Dortmunds (und den ehemaligen Schalkes) hart und fordert die DFL dazu auf, ihr Regelwerk zu professionalisieren: „Dass die Bundesliga angesichts der jüngsten Fälle nicht interveniert, ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie rückständig man dort Fragen des modernen Sportmanagements gegenübersteht. Die Angelegenheit ist nämlich nicht damit abgetan, dass man mit der Achsel zuckt, wenn in irgendeinem Club ein Mob aus demotivierten Leuten das Geschäft sabotiert, das daraus besteht, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, um möglichst viele Eintrittskarten, Pay-TV-Decoder, Souvenir-Artikel etc. zu verkaufen. Solange es keine Regel gibt, die für alle gilt, kann jeder Club im Zweifel machen, was er will. Solche Formen der Anarchie mögen ja in einigen Zirkeln auf Sympathie stoßen. Sie unterminieren aber jede Form einer offensiven Vermarktung der Liga als einer übergeordneten Einheit. Die Spieler können schließlich auch nicht darüber entscheiden, welche Trikotfarben sie tragen, welche Sponsoren auf ihrer Brust prangen und gegen welche Mannschaft sie wann antreten. Warum sollten sie darüber entscheiden, ob sie Lust darauf haben, mit Medienvertretern zu reden? Es kann ja sein, dass die akkreditierten Vertreter der Presse geistlos sind und aufdringlich und am Ende nur Mist wissen wollen. Aber wer glaubt, er hätte Anspruch auf eine andere Behandlung seitens der Medien, sollte sich zuerst einmal fragen, ob er überhaupt die Qualität an Sport und Statements liefert, die eine andere Behandlung rechtfertigt. Und wenn die Antwort ‚Ja‘ lautet, sollte er mal auf die Liga einwirken und herausfinden, wie man das akkreditierte Medienpersonal auf ein anderes Niveau bekommt. Den Druck müssten die Leute von der Presse eigentlich vertragen können.“
Donnerstag, 1. November 2007
Vermischtes
Ende der Zerreißprobe?
Sebastian Stiekel (FAZ) erzählt das (vorläufig) glückliche Ende des genesenen Ivan Klasnic, der beim Sieg der Bremer Reserve über St. Pauli endlich sein Comeback geben durfte: „Er ist der erste Fußballprofi, der ein Pflichtspiel mit einer Spenderniere bestritten hat. Aber alle Fragen, die sich bei Klasnic aufdrängen, konnte auch sein Comeback längst nicht beantworten. Hält sein Körper der Belastung des Profifußballs dauerhaft stand? Wie groß ist das Risiko, dass die neue Niere geschädigt wird, wenn sie im Zweikampf einen Schlag abbekommt? Schutz bieten Klasnics Bauchmuskeln und ein Sicherheitsgurt, aber das größte Problem ist, dass in seinem Fall niemand so etwas wie Erfahrungswert besitzt. Werder hat Klasnic in den vergangenen Wochen untersuchen lassen wie keinen anderen Spieler – zu seinem eigenen Schutz und um im Fall eines Rückschlags nicht dafür haften zu müssen. Dieses Geduldsspiel wurde schon zur Zerreißprobe zwischen Verein und Spieler, und das in einer Geschichte, die eigentlich so märchenhafte Züge trägt wie keine vor ihr in der Bundesliga. Immer wieder preschte Klasnic mit Äußerungen darüber vor, wann er wieder ins Training oder in den Kader zurückkehren wolle. Jedes Mal musste Werder ihn dann zurückpfeifen, weil die Haftungsfrage nicht geklärt war. Der Ton wurde zusehends genervter auf beiden Seiten, aber das ist mit dem Spiel gegen St. Pauli vorbei.“
Der Ton wird rauer
Matthias Wolf (FAZ) sammelt Eindrücke nach dem Ausscheiden Hertha BSCs in Wuppertal: „Hertha hat einen ausgewachsenen Pokalkomplex. 2002 Holstein Kiel, 2004 Eintracht Braunschweig, 2005 FC St. Pauli und nun Wuppertal. Stationen des Scheiterns bei Drittliga-Klubs. (…) Es war bereits Josip Simunic‘ sechster Platzverweis im Hertha-Trikot. Er wird fortan wieder unter besonderer Beobachtung stehen, denn Trainer Lucien Favre hatte von Beginn an Vorbehalte gegen den Hitzkopf, der schon unter Favres Vorgänger Falko Götz als Unruhestifter galt. Ohne Gilberto und Marko Pantelic, die beide verletzt fehlten, scheint Hertha nur die Hälfte wert. Pantelics Vertreter Solomon Okoronkwo fiel nur einmal nachhaltig auf: Nach dem Duschen fühlte er sich von einem Ordner rassistisch beleidigt und ging mit erhobener Faust in dessen Richtung. Hoeneß schritt ein, Augenzeugen wollten gehört haben, wie er dem Nigerianer befahl: ‚Halt die Klappe, geh in den Bus!‘ Der Ton wird rauer, nachdem die Realität Mittelmaß in der Bundesliga lautet und der Pokal nun keine Einnahmen mehr für den mit rund 45 Millionen Euro verschuldeten Klub bringt.“
Das Leiden verlängert
Das Spiel in Aachen, ein klassischer Fall von Denkste für den VfL Bochum – Richard Leipold (FAZ): „Sportler und ihre Fans versprechen sich gerade in schweren Zeiten von Zahlen und Orten oft eine magische Wirkung. 68, 88, 2008, das ist kein neuer Song der Sportfreunde Stiller, sondern die Zahlenfolge, die den Abergläubischen beim VfL Bochum jüngst ein wenig Hoffnung eingehaucht hatte. Die Fußballspieler des Revierklubs pflegten alle zwanzig Jahre das Endspiel um den DFB-Pokal zu erreichen, so die Botschaft, die sogar eine Regionalzeitung verkündete. 1968 ist ihnen das zum ersten Mal gelungen, zwei Jahrzehnte später zum zweiten Mal. Die Vorzeichen schienen also günstig zu stehen, trotz all der Misserfolge des VfL in dieser Saison. Zudem durften die Bochumer auch noch in Aachen antreten – dort, wo ihnen schon zweimal der entscheidende Schritt zum Aufstieg in die Erste Liga gelungen ist. Und dann gaben die Rheinländer dem Bundesligaverein mit dem frühen Eigentor von Marius Ebbers auch noch ein Tor Vorsprung. Aber all das hat den Westfalen nichts genützt. Statt zur Station auf dem Weg Richtung Pokalfinale 2008 wurde Aachen zu einem Ort des Scheiterns. Die Niederlage gegen die zweitklassige Alemannia hat das seit Wochen anhaltende Leiden der Bochumer verlängert und verstärkt.“
FAZ: Podolski als Vorbild – Oliver Neuville hofft auf die EM
Tsp: Kein Anpfiff um 18 Uhr 30? DFL: Szenarien für Bundesliga-TV ohne Sportschau
Mittwoch, 31. Oktober 2007
Am Grünen Tisch
Die Arroganz der Macht
Der Fifa-Kongress in Zürich spricht mit großen Tönen Brasilien die WM 2014 zu – doch in heiklen Dingen schweigen die Herren
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) geht den Politikern nicht auf den Leim, die Brasilien Prosperität durch die WM voraussagen: „Ein Großereignis nutzt nur manchen Menschen: Es hilft Politikern, die die erfolgreiche Bewerbung als Argument für ihre Wiederwahl verkaufen; es erfreut Firmen, die Stadien und Straßen bauen; es sichert Funktionären Ämter und Pöstchen. Wahr ist auch: Die Öffentlichkeit hat bisher bei den meisten Großereignissen draufgezahlt; nie ist eine WM am Ende so billig gewesen, wie die Politiker am Anfang behauptet haben. Die Kosten, die ein Turnier zusätzlich verursacht, werden, wenn das letzte Spiel gespielt ist, dann gern unter den Tisch gekehrt. Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein ist in reichen Ländern wie Deutschland ärgerlich. In armen Ländern wie Brasilien ist sie ein bisschen zynisch.“
Auch Peter B. Birrer (NZZ) kritisiert die Schönfärberei der Funktionäre sowie ihre herablassende Art: „Der Grundton solcher Veranstaltungen ist der Superlativ. Darunter geht fast nichts, Zwischentöne dringen nur marginal durch. Es bleibt zuweilen der Eindruck haften, dass sich die Welt ohne Fußball nicht mehr weiterdrehen würde. Wie skrupellos teilweise Zahlen verdreht werden, bestätigte die Lobrede Teixeiras. Der Verbandspräsident sagte, die WM 2006 habe in Deutschland 40.000 permanente Arbeitsplätze geschaffen. Teixeira verwandelte die (möglichen) Temporär- kurzerhand in Dauerjobs. Hauptsache, es klingt gut. Zudem ergibt es keinen Sinn, wenn Stellen entstehen, die größtenteils mit öffentlichen Geldern alimentiert werden müssen. Aber wen interessierte das? Der Höhepunkt der Irritation folgte allerdings erst nach der WM-Bekanntgabe. Als eine kanadische Agenturjournalistin Teixeira fragte, wie er die Sicherheitslage für 2014 einschätze angesichts der Tatsache, dass Brasilien eines der gefährlichsten Länder sei, war Teixeira nicht mehr zu halten: ‚Das Problem der Gewalt ist weltweit. In den USA bringen Schüler ihre Mitschüler um. In Brasilien hat es das noch nie gegeben. In jeder Stadt der Welt herrscht Gewalt, sie ist bei uns nicht mehr verbreitet als anderswo. Auch Brasilianer sind in anderen Ländern schon ausgeraubt worden. Kürzlich hat die Polizei in Kanada brasilianische Spieler angegriffen.‘ Den unkontrollierten Worten Teixeiras folgte Applaus im Saal. Nun sah sich der sichtlich ebenfalls enervierte Blatter bemüßigt, nochmals ans Rednerpult zu stehen. Schon im Fall von Südafrika und der WM 2010 sei die erste Frage diejenige nach der Kriminalität, rief Blatter, jetzt komme das wieder. Das gehe nicht – ‚als Patron dieses Hauses fordere ich mehr Respekt‘. Wieder Applaus. Keine Widerrede! Keine Kritik! Die schäumende Fifa-Replik auf die ganz normale Frage drückte die Arroganz der Macht aus. So deutete nicht nur die Vielzahl der Sicherheitsleute im Fifa-Haus an, wie entrückt die abgekapselte Welt der Mächtigen des Fußballs bisweilen sein kann.“
Ehrenwerte Familie
Die Fifa weigert sich auch, auf Fragen nach dem Hintergrund des gescheiterten Deals mit Visa (Stichworte: Vertragsbruch mit dem alten Partner Mastercard, versuchte Vertragsfälschung) zu antworten; Thomas Kistner (SZ) fühlt sich unwohl und wie im Kino: „Mutmaßungen liegen auf der Hand, genährt von den Rügen der US-Richter. Sie bezichtigen hohe Fifa-Funktionäre der Unwahrheit, auch Blatter soll von wesentlichen Vorgängen gewusst haben, die sich im Rücken des getäuschten Werbepartners abspielten. Und übrig blieb trotz der teuren Einigung mit Mastercard ein heikles Offizialdelikt, auch nach Schweizer Recht: Die Fifa legte den US-Richtern einen Vertrag mit Visa vor, der die Unterschrift des Visa-Chefs Christopher Rodrigues trägt – die von Visa eingereichte Vertragskopie trug eine erkennbar andere Unterschrift, sehr wahrscheinlich die originale. Und überdies ein anderes, höchstwahrscheinlich wahres Datum, es bekundet einen späteren Vertragsabschluss. Dass eine Fälschung vorliegt, ist klar. Dass sie von Visa begangen sein könnte, war nie Thema. Dass sie also von der Fifa kommt, die ein klares Motiv dafür hatte, wird irgendwie matt dementiert, nicht substantiell bestritten. Wer ordnete sie an? Wer nahm sie vor? Wer war eingeweiht? Das Schweigen zu selbst verschuldeten Abgeltungen in dreistelliger Millionenhöhe passt in die kalte, hohle Pracht des neuen 155-Millionen-Euro-Gebäudes der Fifa. Es wirkt wie die Filmkulisse für ein paar Dutzend Leute, die sich den Verband mit dem wichtigsten Markenrecht des Planeten unter den Nagel gerissen haben und die beim Geldschöpfen ab und zu innehalten, um ein paar um die WM bettelnde Staatsoberhäupter vor sich stramm stehen zu lassen. Diese Nebenwelt des Fußballs wird immer absurder. Und wenn es den Betrachter gruselt, dann, weil ihm einfällt, dass dies kein Film ist. Männer, die Bruderküsse austauschen, sich ihre Deals gegenseitig absegnen und die nur eines stolz und wahrheitsgemäß bekennen: dass sie eine ehrenwerte Familie sind.“
Jens Weinreich (Berliner Zeitung) berichtet sehr angetan von der Konferenz „Play the Game“, die in diesen Tagen zum fünften Mal stattfindet, dieses Jahr in Island, dessen Präsident eine „mitreißende“ Rede auf den sauberen Sport gehalten habe. Thema sind „die Kernthemen des Sports: Transparenz, Doping, Korruptionsbekämpfung und Wertebewahrung.“ Allerdings vermisst Weinreich in Island viele wichtige Menschen: „Von einigen Sportverbänden wie der Fifa wird ‚Play the Game‘ konsequent boykottiert. Andere, transparentere Organisationen wie die Welt-Antidopingagentur Wada zählen zu den Stammgästen.“
SZ: Der Traum nach dem Trauma – 2014 wird es wieder eine WM in Brasilien geben, 64 Jahre nach der Schmach von Maracanã; die Fußball-Erben wollen nun alles wieder gut machen
11 Freundinnen
Ins Mutterland des Frauenfußballs
Euphorische, zum Teil etwas gezwungen wirkende, Kommentare zur Entscheidung der Fifa, die Frauen-WM 2011 nach Deutschland zu vergeben
Patrick Krull (Welt) holt seine schwarz-rot-goldenen Shorts aus dem Schrank: „Wer das Thema Frauenfußball anschneidet, der kommt ohnehin um Deutschland nicht mehr herum. Imposanter Mitgliederzuwachs, Titel en masse und eine wohl einmalige Nachwuchsförderung machen unser Land zum Vorbild für ambitionierte Nachahmer in aller Welt. Mit dem Zuschlag für die WM 2011 ist das Signal ausgegangen, nunmehr verstärkt auf Deutschland zu schauen. Um zu lernen, wie vieles richtig gemacht werden kann. Wie Wachstum generiert und Strukturen aufgebaut werden können. Aller Voraussicht nach wird am Ende dann auch noch ein perfekt organisiertes und stimmungsvolles Turnier über die Bühne gehen. Die Herren der Fifa dürfen sich selbst zu ihrer Wahl beglückwünschen. Sie haben dem Frauenfußball einen guten Dienst erwiesen.“
Michael Horeni (FAZ) stimmt ein: „Die Fifa hat die WM 2011 nach Deutschland vergeben, und man ist geneigt zu sagen: ins Mutterland des Frauenfußballs. Zwar liegen die Wurzeln dieses noch recht jungen Sports etwas weiter im aufgeklärten Norden, aber in den vergangenen Jahren hat es in kaum einem anderen Land solche Anstrengungen gegeben, den Frauenfußball in der gesellschaftlichen Breite so intensiv zu fördern und gleichzeitig an der internationalen Spitze zu etablieren. (…) In den kommenden Jahren wird in Deutschland nun ein erstaunliches Experiment zu beobachten sein: ob es dem DFB, unterstützt von der Politik, gelingen wird, den Frauenfußball als weiblichen Sport Nummer eins in diesem Land zu verankern. Der Wille und die Mittel jedenfalls sind vorhanden, und das Zugpferd Weltmeisterschaft schafft dafür auch den nötigen Resonanzboden bei den Medien.“
Christof Kneer (SZ) frotzelt schnippisch: „Wenn sich Königin Fußball in Kaisers Land etablieren will, müssen Sponsoren und TV-Anstalten überzeugt werden, dass es sich lohnt, in diesen Sport zu investieren – da trifft es sich gut, dass der Frauen-WM schon jetzt ein Weltrekord sicher ist. Sie dürfte es schaffen, dass das Wolfsburger Stadion zum ersten Mal in seinem Leben ausverkauft ist.“
Dienstag, 30. Oktober 2007
Internationaler Fußball
Nachträgliche Strafe
Köstlich! Hier ist jede Schadenfreude nicht nur ausnahmsweise mal erlaubt, sondern geboten – Peter Hartmann (NZZ) amüsiert uns mit seinem Bericht über den 3:1-Sieg Neapels gegen Turin sehr, dem wir entnehmen, dass die Fußballwelt doch ab und zu Gerechtigkeit erfährt, hier in der Form von unberechtigten Elfmetern gegen Juventus: „Das zweite, ungerechte Urteil nach dem überstandenen Zwangsabstieg in die Serie B trifft den Skandalklub Juventus Turin jetzt mit voller Härte auf dem Spielfeld. Während früher, während der heimlichen Diktatur des korrupten Juventus-Generaldirektors Luciano Moggi, die Spielleiter die ‚Alte Dame‘ mit einer Art vorauseilender Unterwürfigkeit behandelten, fürchten sie sich jetzt, bei Pro-Juve-Entscheiden für parteiisch gehalten zu werden. Diese neue Befangenheit zum Nachteil der Turiner wird von der Statistik belegt: schon fünf Elfmeter in nur neun Runden, so viel waren es früher in zwei Saisons. (…) Der Napoli-Präsident Aurelio Di Laurentiis entschuldigte sich bei seinem Turiner Gegenpart Giovanni Cobolli Gigli für die Fehlentscheide. Als Filmproduzent war er peinlich berührt von den komödiantischen Leistungen seiner Angestellten Lavezzi und Zalayeta und forderte, als kameratechnischer Experte, den Video-Schiedsrichter bei Elfmeterszenen. Dafür hat Sepp Blatter, der Universalherrscher über das Reich der Intransparenz, auf seinem Fifa-Hochsitz aber keine Antenne.“
Da siehste mal, wie das ist: zwei komödienhafte Schwalben gegen Juventus, aber auch ein sensationell herausgespieltes Tor, erzielt durch Alessandro del Piero
Brot und Spiele
Großmannssucht – Jean-Marie Lanoë (NZZ) legt die Parallelen frei, die die Stürze der zwei größten französischen Klubs beschreiben: „Noch Anfang, Mitte der neunziger Jahre waren sie die Referenzadressen im französischen Klubfußball: Olympique de Marseille und der Paris Saint-Germain Football Club. Die beiden Klubs repräsentierten die beiden größten Städte Frankreichs, zogen mit Abstand am meisten Zuschauer an und prägten auch das sportliche Geschehen, nicht nur in Frankreich. Neben den Meistertiteln 1989 bis 1992 von OM und demjenigen der Pariser 1994 hinterließen die beiden auch Spuren im gleißenden internationalen Rampenlicht: OM gewann 1993 den ersten Jahrgang der Champions League, PSG holte sich 1996 immerhin die Cup-Sieger-Trophäe im Europacup. Diese Erfolge und die finanziellen Möglichkeiten der beiden Schwergewichte trugen, überhöht durch die neuen Möglichkeiten der Post-Bosman-Epoche, bereits die Keime des Niedergangs in sich. Die Klubs wollten und mussten ihrer für Frankreich überdurchschnittlich großen Fan-Gemeinde ‚Brot und Spiele‘ bieten und betrieben eine rein Checkbuch-orientierte Einkaufspolitik, in welcher der Pfeiler des französischen Fußballerfolgs – die Ausbildung in den Centres de Formation – völlig außer acht gelassen wurde. Die beiden Vereine maßen sich nicht etwa mit Auxerre und Nantes, zwei traditionell überdurchschnittlichen Ausbildnerklubs, im Wettrennen um die besten Nachwuchsspieler, sondern mit den Großen in Europa um die besten (fertigen) Spieler. Eine kapitale Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte. Und eine, die nicht ohne weiteres zu korrigieren ist.“
NZZ: Keine guten Aussichten für Boavista Porto
Bundesliga
Die Bayern bekamen zum ersten Mal in dieser Saison ihre Grenzen gezeigt
Peter Heß (FAZ) erbaut sich am 0:0 zwischen Dortmund und München und an der Leistung und der Standhaftigkeit des Bayern-Torwarts: „Beste Unterhaltung boten die Dortmunder Fußballprofis bei ihrem Versuch, dem FC Bayern die erste Saisonniederlage beizubringen. Und die Münchner setzten sich nicht nur erfolgreich, sondern auch durchaus sehenswert zur Wehr. Wenn die Partie einen Sieger verdient gehabt hätte, dann hätte er Borussia Dortmund heißen müssen. Zwischen einer ersten Halbzeit mit leichten spielerischen Vorteilen und zwei Lattentreffern für die Bayern und einer ausgeglichenen Schlussphase lag eine Viertelstunde, in der die Bayern zum ersten Mal in dieser Saison ihre Grenzen gezeigt bekamen. Die Borussen spielten ihre Gegner an die Wand und erarbeiteten sich vier große Tormöglichkeiten. (…) Ohne den angeschlagenen Spielmacher Franck Ribéry fehlte den Bayern meist das Überraschungsmoment im Angriff und in der kritischen Phase ein Mann, der den Ball in den eigenen Reihen halten konnte. Aber immerhin war auf Michael Rensing Verlass. Er bewies mit einer fehlerfreien Leistung, dass er großem Druck standhalten kann. Ähnlich souverän wie auf dem Feld reagierte Rensing nach dem Schlusspfiff auf die Schelte von Uli Hoeneß. Er hatte Rensing kürzlich empfohlen, ’sich wieder auf Fußball zu konzentrieren und nicht so viel ins Sportstudio zu gehen‘. Der Torwart gab nur kühl zurück: ‚Diese Kritik beschäftigt mich nicht mehr, denn sie war ungerecht.‘ Die Bayern werden nach Kahns Rücktritt sicher kein Torwart-Problem bekommen.“
Ein wettbewerbsfähiger Verfolger des FC Bayern?
Richard Leipold (FAZ) lässt sich von der Rationalität des HSV überzeugen: „Die Hamburger gewinnen ihre Spiele buchstäblich in aller Bescheidenheit. Im neunzehnten Pflichtspiel dieser Saison gelang ihnen zum siebten Mal ein 1:0. Aber gerade ein so glanzloser und doch kontrollierter Auftritt, ein so knapper und doch souveräner Sieg wie in Duisburg zeigt, was den HSV aus der Masse vermeintlicher Bayern-Konkurrenten heraushebt: Die Mannschaft versteht sich in all den englischen Wochen auf eine überaus ökonomische Spielweise. Wenn die Kräfte schwinden, reichen ein knapper Vorsprung und eine stabile Abwehr meist zum Sieg.“
Außerdem legt Leipold den Hamburgern höchste Ambitionen nahe (die sie aber von sich weisen): „In der Bundesliga prallen viele unterschiedliche Interessen aufeinander, ein Wunsch aber ist den Klubs gemein: Im Sinne des großen Ganzen sehnt sich die Branche nach einem wettbewerbsfähigen Verfolger des FC Bayern, nach einer Mannschaft, die sich nicht gleich wieder abschütteln lässt wie jene Teams, die mehr durch Zufall als durch eigenes Zutun schon in diese Rolle gelangt waren, ohne ihr auf Dauer gewachsen zu sein. Gewünscht wird ein Konkurrent, der hartnäckig bleibt. (…) Gedanklich haben die HSV-Profis die Verfolgung der Bayern offenbar noch nicht aufgenommen. Sie bewältigen ihre Aufgaben, ohne sich mit Hochrechnungen und Zwischenergebnissen zu belasten.“ Auch Philipp Selldorf (SZ) zählt große Stücke auf Hamburg: „Mit Schalke, Bremen und dem HSV hat es der MSV hintereinander zu tun bekommen, jedes Mal setzte es Heimpleiten, doch der HSV – zumal ohne den Spiel-Entscheider van der Vaart angetreten – beeindruckte unter den führenden deutschen Bayern-Jägern besonders. Dass er derzeit dem Trio vorsteht, ist zu guten Teilen das systematische Werk des Trainers Huub Stevens.“
NZZ: Stuttgart zählt nun auf Thomas Hitzlsperger, den lange Zeit Unterschätzten, an dem zunächst nur Klinsmann und Löw festhielten
Montag, 29. Oktober 2007
Bundesliga
Hat der VfB aus Fehlern der Vergangenheit gelernt?
Pressestimmen zum 11. Spieltag: Intensives Remis zwischen Schalke und Bremen; Manuel Neuer wird mit Lupen bewertet; Stuttgart hält sich den größten Ärger durch einen Sieg gegen Leverkusen mit unbekannten und unverbrauchten Spielern vom Leib; Dortmunds Quasi-Sieg gegen Bayern
Zwei Gewinner
Ein Fast-Sieg gegen die Bayern – Peter Heß (FAZ) teilt das Lob des Dortmunder Publikums an seine Mannschaft: „Zur Pause zollten die Fans ihren Borussen-Profis schon freundlichen Applaus. Da stand es 0:0, und die Borussia hatte den Bayern aggressiv und hoch konzentriert hartnäckigen Widerstand geleistet. Das reichte schon für die Beifallskundgebung, eine Führung gegen die in diesen Wochen übermächtig erscheinenden Bayern erwartet schon niemand mehr. 45 Minuten später verabschiedete das ganze Stadion den BVB mit Ovationen. Da stand es zwar immer noch 0:0, aber manchmal zählt nicht nur das Resultat. Mit einer begeisternden Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit hatten die Dortmunder den Favoriten in einem hochklassigen Bundesligaspiel an den Rand einer Niederlage gedrängt. (…) Dortmund schwang sich zu in dieser Spielzeit unbekannter Klasse auf, am Ende gab es keinen Verlierer. Die Dortmunder hatten neues Selbstbewusstsein geschöpft, die Bayern ein schweres Auswärtsspiel nicht verloren.“
Morgen mehr zu diesem Spiel
Geladen, intensiv, kunstlos
Philipp Selldorf (SZ) beschwert sich beim Schiedsrichter, dass dieser das 1:1 zwischen Schalke und Bremen zehn Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit abgepfiffen hat: „Warum Herbert Fandel die Partie so zeitig beendete, dieses Geheimnis nahm er mit auf den Heimweg nach Kyllburg in der Eifel. Überdruss am Geschehen konnte es nicht sein, denn er hatte ein sehr gutes, mit 1.000.000 Volt geladenes Fußballspiel leiten dürfen, und polizeilicher Notstand hatte auf dem Spielfeld auch nicht geherrscht: Obwohl es hart zuging und die Teams sich die sieben Gelben Karten redlich verdienten, blieben alle fair. Schalke und Werder hatten für den Sieg viel riskiert und den Zuschauern kribbelige Unterhaltung geboten.“
Roland Zorn (FAZ) hingegen will sich Härte nicht für Qualität vormachen lassen: „Die Intensität dieser Begegnung, ihre manchmal brutale Härte, die Vielzahl von vielversprechenden Torgelegenheiten konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein eher physisches Kräftemessen als Ersatz für den Mangel an Phantasie, Finesse und Spielkunst herhalten musste. Das Zusammenspiel der Bremer war einen Tick schöner anzuschauen, der zähe Zusammenhalt der Schalker wog das ästhetische Plus der Norddeutschen allemal auf. Schließlich waren sich die Verantwortlichen beider Mannschaften einig, dieses kraftraubende Duell mit hohen Noten zu verzieren – schon, um von der leisen Enttäuschung, nicht bei den Siegern des Tages gewesen zu sein, abzulenken.“
Obsession zum Drama
Matti Lieske (Berliner Zeitung) bremst den Fall Manuel Neuers, des in die Kritik geratenen Schalker Torhüters: „Er wurde schon nach einem leicht missratenen Abwurf in Rostock, an dem zur Hälfte Verteidiger Rafinha die Schuld trug, in Grund und Boden verdammt. Nach einem wirklich groben Patzer in Chelsea, der fast zwangsläufig war, nahm die Angelegenheit vollends Kampagnencharakter an. ‚Flutschfinger‘ wurde der kürzlich noch zum Jahrhunderttalent stilisierte Jüngling nun genannt, was aber nichts macht, weil Neuer eigenen Aussagen zufolge keine Zeitungen liest. Zu hoffen ist, dass er auch nicht fernsieht, sonst würde er nämlich feststellen, dass ihm inzwischen jedes Schalker Gegentor zur Last gelegt wird, bei dem er irgendwie in der Nähe ist – was bei einem Torhüter ja häufiger vorkommen soll. Offenkundig hat die Tatsache, dass die herausragendsten Produkte der selbsternannten Torwartnation Deutschland im Ausland zur Zeit nur als Polster für die Reservebank Verwendung finden, hierzulande eine handfeste Obsession hervorgerufen. Verbunden mit fortgeschrittenem Realitätsverlust, was die Unfehlbarkeit teutonischer Torleute angeht, lässt diese jeden kleinen Missgriff zum großen Drama geraten. Es dürfte eine Weile dauern, bis der Gedanke wieder akzeptiert wird, dass selbst deutsche Torhüter Fehler machen.“
Die Krise macht sich gelangweilt davon
Jan Christian Müller (FR) hebt lobend hervor, dass Nachwuchsspieler entscheidend zum 1:0 der Stuttgarter gegen Leverkusen beigetragen haben: „Dass junge Männer wie Pischorn, Beck, Schuster oder Perchtold ihren Beitrag zum ersten Sieg nach fünf Niederlagen leisteten, ist kein Zufall: Der Klub betreibt seit Jahrzehnten eine vorbildliche Nachwuchsförderung. Die Junioren hamstern Meistertitel, die U 23 steht auf Platz zwei der Regionalliga. Mit entsprechendem Selbstvertrauen konnten die jungen Forschen den Profis helfen. Dass sich die Vereinsführung um Präsident Erwin Staudt und Aufsichtsratschef Dieter Hundt zudem mit kritischen Äußerungen zurückhielt, lässt den – noch vorläufigen – Schluss zu, dass der VfB aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.“
Christof Kneer (SZ) ergänzt: „Wenn nicht alles täuscht, dann hat der Trainer Veh beim etwas glücklichen 1:0 gegen Leverkusen eine rettende Formel gefunden, auf die er schleunigst ein Patent anmelden sollte. Auf dem Weltmarkt dürften sich mit der Formel bald riesige Summen erzielen lassen, denn nun wissen die Krisenklubs in aller Welt endlich, was sie tun müssen. Sie müssen einfach Spieler aufstellen, die mit der Krise nichts zu tun haben – dann merkt die Krise nämlich, dass sie nicht mehr genügend Opfer findet und macht sich gelangweilt davon. Auch die beiden besten Stuttgarter kamen ja geradewegs aus einer heilen Parallelwelt, in der keine Krise das Spiel belastet: Andreas Beck, den Veh bisher erstaunlich ausdauernd übersehen hatte; und Thomas Hitzlsperger, der sein letztes Spiel für den VfB vor sechs Wochen bestritt, als die Krise noch keine Krise, sondern nur ein kleiner Fehlstart war. Der VfB ist also zu seinem Glück gezwungen worden, denn ohne Krise wäre keine dieser unbeschwerten Kräfte zum Einsatz gekommen.“
Völler klagt gegen sich selbst
Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) blickt in erleichterte Stuttgarter Gesichter und klopft Thomas Hitzlsperger auf die Schultern: „Nach dem Zieleinlauf wirkte die Mannschaft, als hätte sie einen Marathon hinter sich. Im aktuellen Fall mit Bayer Leverkusen im Nacken, einer Elf, die immer noch und immer wieder an ihrer Abschlussschwäche krankt, gefällig aufspielt, aber ihre besten Chancen versiebt. Zudem stand den Westdeutschen Raphael Schäfer im Wege. Erschöpft nach langer Durststrecke, aber glücklich lag sich das Team am Ende in den Armen. Ein Aufheller inmitten der Herbstdepression. Indizien der Besserung lieferten eine Reihe von Ensemblemitgliedern. Aufsteigende Tendenz bei Sami Khedira, der sich wieder traute und konstruktive Vorstöße inszenierte, Yildiray Bastürk erlebten die Zuschauer zielstrebig wie noch nie im VfB-Trikot, und Cacau kam ohne eine einzige abfällige Geste gegenüber den Kollegen aus. Was bleibt, ist die generelle Frage, ob ein einziger Sieg nach leidenschaftlichem Kampf als Krampflöser reicht. (…) Hitzlsperger lieferte den Beweis dafür, was ein einziger Mann für ein Kollektiv ausmachen kann. Am Donnerstag, nach sechswöchiger Pause, hatte Hitzlsperger erstmals wieder mit der Mannschaft trainiert und ging am Samstag als Bilderbuchkapitän voran. Er dirigierte, forcierte oder verlangsamte je nach Bedarf die Gangart und versuchte sich mit Distanzschüssen.“
Rudi Völler kritisiert, dass Leverkusen schon zwei Tage nach seinem Europapokalspiel wieder antreten muss, und Klaus Hoeltzenbein (SZ) wirft ein: „Völler klagt, ihm fehle jede Logik dafür, warum statt der üblichen zwei nicht auch mal drei Ligaspiele am Sonntag stattfinden können. Recht hat er, das Problem ist nur: Völler klagt gegen sich selbst. Er klagt gegen die DFL, die sich im Jahr 2000 aus dem DFB löste, ein neuer Apparat, den die Klubs mit der Geschäftsführung von Erster und Zweiter Liga betrauten. Diese DFL hat für diverse Käufer die Fernsehrechte klar portioniert: ein Spiel Freitag, sechs am Samstag, zwei am Sonntag. Ohne Ausnahme. Dass das flexibler wird, ab 2009 vielleicht, wie Völler hofft, haben die Klubs nicht mehr allein in ihrer Gewalt. Die Fernsehrechte von 2009 bis 2015 sind jüngst auf einer ominösen Blitz-Sitzung der DFL an Leo Kirch zurückgefallen. Von den sechsunddreißig Vereinen war nur der Hamburger SV dagegen, Leverkusen enthielt sich der Stimme, es sei ihnen, so heißt es, zu flott gegangen. Hätte man sich mehr Zeit gelassen, hätte man beispielsweise über eine Klausel verhandeln können, die für Profispiele eine Schutzsperre von drei Nächten vorschreibt. Künftig aber sind die Klubs eingeschnürt ins selbstgebastelte Fernsehpaket. Sie hoffen darauf, dass Onkel Leo faire Lösungen einfallen.“
taz: Lange war Raphael Schäfer beim VfB Stuttgart, stark umstritten; erst jetzt scheint er bei den Schwaben angekommen zu sein
Vorsicht zuerst!
Frankfurt spielt gegen Hannover, und Uwe Marx (FAZ) unterdrückt sich ein Gähnen: „Was Friedhelm Funkel und Dieter Hecking bei dem Duell ihrer Mannschaften gesehen hatten, war Anerkennung wert, aber keinen Beifall. Die gezeigten fußballerischen Primärtugenden beim 0:0 dieser taktisch weitgehend identisch spielenden Gegner konnten nicht verhindern, dass von den Zuschauern mehr Pfiffe zu hören waren, als das bei den meisten Bundesligaspielen der Fall ist. Sie galten vor allem der Eintracht, die auf ihrem langen Weg der sportlichen Konsolidierung das Credo ihres Trainers vorlebte: Vorsicht zuerst! (…) Beide Mannschaften boten eine Partie, von der kein Spieler, kein Spielzug, keine Einzelaktion in Erinnerung bleiben wird. In einer Begegnung ohne Sieger war der Gewinner am Ende der pragmatische Realismus beider Trainer, die ihrem Gegenüber partout nicht ins offene Messer laufen wollten und wissen, dass ihre Mannschaften nicht in der Lage sind, einen weitgehend ebenbürtigen Gegner auf Kommando auszuhebeln. Sie haben, bei aller Unansehnlichkeit, gute Argumente, denn mit achtzehn Punkten nach elf Spieltagen kann Hannover ebenso zufrieden sein wie Frankfurt mit seinen sechzehn. Die Eintracht dürfte es schwerer haben als Hannover, diese Bilanz weiter zu verbessern.“
Halbes Funktionieren
Nur zwölf Stück an diesem Spieltag! Michael Horeni (FAZ) wünscht sich mehr Tore: „Unter den acht torärmsten Spielzeiten seit 1963 finden sich drei Runden aus den vergangenen fünf Jahren. Wie es aussieht, wird auch die Saison 2007/08 einen Spitzenplatz in dieser Spielverderberwertung erhalten. Aber diese wenig vergnügliche Reduzierung des Wesentlichen hat auch ein paar gute Seiten. Es zeigt sich, dass die Trainer ihre Teams mittlerweile taktisch und körperlich auf ein Niveau gebracht haben, das ihnen gestattet, sich sehr erfolgreich gegen Angriffe zu wehren. Keine Mannschaft ist mehr schlecht genug, sich regelmäßig auseinandernehmen zu lassen, und selbst der Tabellenletzte Energie Cottbus hat bisher nur einundzwanzig Tore kassiert, das sind nicht einmal zwei pro Spiel. Gewonnen haben die Lausitzer aber auch noch nicht, und da zeigt sich das Dilemma dieser immer erfolgreicheren Sicherheitspolitik, die man auch als den Versuch einer persönlichen Arbeitsplatzerhaltungsmaßnahme für Fußballtrainer betrachten kann. Sie finden solche Spiele nämlich gar nicht schlecht, weil man dann sagen kann, dass die Mannschaft funktioniert, halbwegs zumindest.“
Freitag, 26. Oktober 2007
Champions League
S04, ein Kürzel für vergebliche Mühen
Die Journalisten gehen mit Schalke und Trainer Slomka wegen der Niederlage in Chelsea überraschend hart ins Gericht / Bremen, das deutsche Flaggschiff (FR) / Wo steht der Mailänder Jungbrunnen?
Aus den Reaktionen der Schalker auf die Niederlage in Chelsea liest Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) Duckmäusertum: „Mit dem wahrhaft nicht übermächtigen Gegner, der an gleicher Stelle vor fünf Wochen nur ein 1:1 gegen Rosenborg Trondheim erreicht hatte, wurde auch der eigene Auftritt von Minute zu Minute größer geredet. Am Ende war man wirklich zufrieden, dass man gut mitgehalten hatte, genau wie beim letzten Champions-League-Ausflug nach London, als man im Schicksalsjahr 2001 2:3 beim FC Arsenal verlor. ‚Kompliment für die Mannschaft, wie sie nach dem 0:2 weiter nach vorne gespielt hat‘, sagte damals der Trainer Huub Stevens. Die Kommentare sind austauschbar, und das ist kein Zufall. Schalke, man sah das unter dem europäischen Mikroskop, hat sich in den sechs Jahren auf dem Niveau einer deutschen Spitzenmannschaft konsolidiert, aber eben nicht entscheidend weiterentwickelt. Weder auf dem Platz, wo außer solider Arbeit wenig zu erkennen war, noch in den Köpfen. Es ist ein Jammer, dass sich die zweitbeste deutsche Mannschaft der vergangenen Saison mental nicht aus der Deckung traut – wer mit dem olympischen Motto ‚dabei sein ist alles‘ nach London fährt, für den bleibt dabei sein alles. Im ambitionierten Vorstand soll der Unmut größer werden, man glaubt es gerne. Ein Blick hinüber zu den Gegnern vom nächsten Samstag, den Bremern, zeigt, dass man nicht ewig ein Meister der Genügsamkeit bleiben muss. (…) Dass S04 ein Kürzel für vergebliche Mühen ist, hat sich mittlerweile sogar bis zum britischen Independent herum gesprochen. Das liberale Blatt stellte die Besucher als ‚die Beinahe-Männer der Bundesliga‘ vor, und stellte lapidar fest, dass diese in London ‚beinahe einen Kampf abgeliefert‘ hätten.“
Peter Penders (FAZ) hingegen wirft Mirko Slomka vor, auf dem Spielfeld ein zu großes Risiko eingegangen zu sein: „Der Schalker Trainer rutscht langsam, aber sicher, in die Kritik. In der Bundesliga läuft es alles andere als rund. Und in der Champions League droht Ungemach, denn die Gelsenkirchener sind auf den letzten Gruppenplatz abgerutscht. Der zweite Platz ist zwar auch nur einen einzigen Zähler entrückt, momentan allerdings würden die Schalker sogar den Trostpreis mit dem Erreichen des Uefa-Pokals verpassen, was wirtschaftlich einige Fragen aufkommen ließe. (…) Mit drei Stürmern zu spielen ist außerhalb der Niederlande ziemlich aus der Mode gekommen, erst recht auf des Gegners Platz. Slomka aber hatte diese Taktik gewählt, was einigermaßen überraschte. Immerhin fehlte bei Chelsea Abwehrchef John Terry, und die Verteidigung der Londoner hatte zuletzt einige Lücken offenbart. Aber ob Slomka da seine Mannschaft und ihre kreativen Möglichkeiten nicht etwas überschätzt hat? Nach dem Weggang von Lincoln ist Schalke immer noch auf der Suche nach einer neuen Ordnungskraft in der Schaltzentrale. Zu reagieren fällt dann meistens wesentlich leichter als zu agieren, und im Sturm ist der FC Schalke ohnehin nicht so besetzt, dass dem Gegner schon vor dem Anpfiff die Schweißperlen vor lauter Angst auf der Stirn stehen. Slomka aber hat an dieser Taktik festgehalten, obwohl deren wichtigster Baustein kurz vor dem Anpfiff aus dem Mosaik herausgefallen war: Kevin Kuranyi.“
Wie werden sich die Engländer gefühlt haben, als sie durch den Fehler eines deutschen Torwarts in Führung gegangen sind? Übrigens, auch wenn es Abseits gewesen ist – ein großartiges Tor vom Schalker Großmüller.
Deutsches Flaggschiff
Sebastian Stiekel (FAZ) mäkelt an Lazio Rom herum: „Die Römer machten deutlich, warum sie sich in der italienischen Liga zurzeit eher auf Augenhöhe mit Cagliari und Catania bewegen als mit Inter Mailand oder Juventus Turin. Sie waren zu schwach, um eine engagierte und zumeist druckvoll aufspielende Bremer Elf zu gefährden.“ Jörg Marwedel (SZ) ergänzt despektierlich: „Es war ziemlich ungewöhnlich, dass eine italienische Mannschaft in der Champions League ausnahmslos mit Profis daherkommt, die international niemand kennt. Auch, dass sie mit dem bald glatzköpfigen 43 Jahre alten Torhüter Marco Ballotta antraten, immerhin der älteste Spieler, der jemals auf diesem Niveau und in der Serie A gespielt hat, machte die Römer zwar interessant für das Guiness-Buch der Rekorde, aber nicht wirklich imposanter.“
Frank Hellmann (FR) setzt wieder auf Werder: „Eingedenk des Stuttgarter Versagens und der Schalker Schwäche schwingt sich Werder zu der Mannschaft auf, die am ehesten als Flaggschiff des deutschen Fußballs taugt, wenn schon der FC Bayern in der Königsklasse nicht mitspielen darf. Pflichtbewusst spielt Werder den Vorreiter, zumal sich der Eindruck verstärkt, dass dieser weitgehend komplettierte Kader von Woche zu Woche an Klasse und Konstanz gewinnt.“
Die Höhepunkte aus Bremen – und siehe, Manuel Neuer: auch erfahrene Torhüter können beim Abwurf durcheinandergeraten.
Doppelstrategie
Peter Hartmann (NZZ) bestaunt die Fähigkeit des AC Mailand, dem Alter zu trotzen, und legt eine interessante Hypothese dar, warum der Klub im Europapokal kaum wiederzuerkennen sei: „Silvio Berlusconi, der Presidente der AC Milan und Leader der politischen Opposition Italiens, ist siebzig, und der Öffentlichkeit hat er die Ergebnisse seiner kosmetischen Schnitte immer hemmungslos hautnah auf dem Fernsehschirm vorgeführt, denn sie sollen ihn ja unsterblich aussehen lassen: Augenlider gestrafft, Tränensäcke geglättet, das Doppelkinn weg, Glatze neu überpflanzt. Aber wie erklärt sich das Rätsel der plötzlichen Verwandlung seiner schon für moribund erklärten Altherren-Mannschaft? Verbirgt sich hinter dem ‚MilanLab‘, der medizinischen Abteilung unter Leitung des belgischen Doktors Meersseman, eine klammheimliche Geriatrie-Klinik? (…) Die von Carlo Ancelotti heftig dementierte These, dass Milan eine Doppelstrategie fährt und, unter Vernachlässigung des Binnenwettbewerbs in der Serie A, wieder auf die Champions League spekuliert, erhält durch die glanzvolle Vorstellung gegen Schachtjor neuen Auftrieb. Für die Interessenausrichtung auf Europa gibt es auch handfeste wirtschaftliche Gründe: Der heimische Fernsehmarkt gilt aus ausgereizt, überdies hat die Regierung Prodi einen neuen Schlüssel zur Verteilung der Fernsehgelder dekretiert, der ab 2009 Großklubs wie Milan, Inter, Juventus und AS Roma zu einem solidarischen Finanzausgleich mit den Kleinen zwingt. Die Serie A muss ferner die total ausgeblutete Serie B subventionieren. Und im Hintergrund droht ein neues Gesetz, das die großen Holdings wie Berlusconis Fininvest (oder das Ölimperium des Inter-Wohltäters Moratti) zwingt, für ihre Subgesellschaften separate Bilanzen vorzulegen. Die Riesenverluste aus dem Fußballgeschäft könnten also nicht mehr überwälzt werden – das Ende des Mailänder Mäzenatentums? Aber, vielleicht, noch nicht der letzte Vorhang für diese große alte Milan-Mannschaft.“
Deutsche Elf
Tragfähiges Fundament
Michael Horeni (FAZ) gibt der Vertragsverlängerung mit Joachim Löw seine Zustimmung, stört sich aber daran, dass die Bild-Zeitung als erste davon in Kenntnis gesetzt worden ist: „Im DFB ergibt sich nun erstmals seit Jahrzehnten die Chance, neben der zentralen Tagesarbeit mit der Nationalelf mit Löws Agenda 2010 auch eine Eliteförderung in bisher unbekannter Tiefe zu entwickeln. Dieser Aufgabe wird sich Löw spätestens nach der EM in noch entschiedenerer Weise annehmen. Die Ergebnisse dieser Aufbauarbeit jenseits der großen Turniere und der WM-Qualifikation werden erst später sichtbar sein. Die Chance allerdings, dass der DFB nun ein tragfähiges Fundament für seine Auswahlmannschaften und den gesamten deutschen Fußball legen kann, auf das er noch in vielen Jahren wird bauen können, war noch nie so groß. (…) Überraschender als die vertragliche Fixierung eines Zustands, der in den vergangenen eineinhalb Jahren alle sportlichen Argumente für eine Jobgarantie über den EM-Sommer hinaus wie von selbst lieferte, ist eher die kleine Indiskretion, zu der sich die DFB-Spitze gegenüber dem Boulevard vorab verpflichtet fühlte. Das passt eigentlich so gar nicht zur Philosophie einer Nationalmannschaft, die sich vor gut drei Jahren bei all ihren Reformen auch daranmachte, die ‚Informationskorruption‘ in den eigenen Reihen zu bekämpfen; jenes Gift, das es vermag, Vertrauen in einem Team nachhaltig zu trüben oder sogar zu zerstören.“
Roland Zorn (FAZ) hört das Gras wachsen: „Nach der WM in Südafrika könnte Löw, was heute schon gemutmaßt wird, von der Nation liebster zu der Nation teuerster Mannschaft wechseln. Dass sich der FC Bayern München bei anhaltendem Erfolg irgendwann auch einmal konkret für den in sich ruhenden, klar und wohltemperiert argumentierenden Löw interessieren wird, darf als wahrscheinlich vorausgesetzt werden. Das aber wird eine andere Geschichte, die frühestens im Sommer 2010 auf der Agenda stehen wird.“
Donnerstag, 25. Oktober 2007
Champions League
Da hat einer die drei besten Trainertugenden eingebüßt: Glück, Glück, Glück
Nach dem 0:2 gegen Olympique Lyon sagt die Presse dem VfB Stuttgart schwere Zweiten voraus und bereitet sich auf Krokodilstränen für Armin Veh vor, über dessen Entlassung sie unkt
Christof Kneer (SZ) rechnet damit, dass die Stuttgarter Vereinsführung in ihrer Not bald den letzten Nagel in die Wand schlagen wird: „Das Dramatische an der Situation ist ja, dass es im Grunde gar nicht mehr um die Qualitäten der sportlichen Leitung geht. Es geht nicht mehr darum, ob Heldt die Saison seriös geplant hat (das hat er); es geht auch nicht mehr darum, ob Armin Veh ein guter Trainer ist (das ist er); es geht darum, eine Lawine aufzuhalten, der mit fachlichen Mitteln schwer beizukommen ist. Neben dem Selbstvertrauen und den fußballerischen Automatismen ist die Lawine gerade dabei, auch die Sekundärtugenden dieser bemitleidenswerten Elf unter sich zu begraben. Für eine Krisenelf hat der VfB gegen Lyon dreißig Minuten sehr ordentlich Fußball gespielt, es haben nur ein paar letzte oder auch vorletzte Pässe gefehlt, aber sobald der Gegner es wagt, ein Tor zu schießen, löst sich diese Elf auf wie eine Brausetablette. Die Spieler winken dann ab, spielen provozierend lässig wie Ewerthon oder demonstrativ genervt wie Mario Gomez. (…) Wer die Stuttgarter Hauspolitik zuletzt verfolgt hat, kann davon ausgehen, dass die hohen Herren ihrem verdienten Trainer eine öffentliche Trainerdiskussion ersparen wollen. Im Stillen aber werden sie sich wappnen für den Fall, dass die Mannschaft auch gegen Leverkusen und im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten Paderborn verliert.“
Elke Rutschmann (Financial Times Deutschland) bedauert Veh: „Noch vor fünf Monaten hatte Veh die Champions League freudig herbeigesehnt. Nach der dritten Niederlage in Folge ist sie für die Stuttgarter zu einer Trauerveranstaltung geworden. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte er zusammen mit Heldt aus den Trümmern der Trapattoni-Ära den neuen VfB gebaut. Eine Mannschaft, die nach dem Meisterstück mit so viel Potenzial und Charakter gesegnet war. Jetzt funktioniert das Immunsystem des Ensembles nicht mehr. Die Körper und die Köpfe sind müde von der vielen vergeblichen Glaubensarbeit. (…) Man hatte nie das Gefühl, dass der Deutsche Meister gegen den französischen Titelträger gewinnen könnte.“
Wie eine Marionette aus der Augsburger Puppenkiste
Oliver Trust (taz) fügt hinzu: „Wie lange noch darf Veh auf die Geduld der Vereinsführung bauen? Zu dramatisch der Niedergang, zu groß inzwischen die Zweifel. In solch rasantem Tempo ging es selten für einen Titelträger bergab. Im Stadion war die Lethargie mit Händen zu greifen. Irgendwann pfiffen selbst die Zuschauer nicht mehr. Man ertrug nur noch.“
Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) tröstet Veh mit der Irrationalität des Fußballs: „Der Fußball ist gaga. Wie sehr der Fußball spinnt, vor allem in Trainerfragen, sieht man an der VfB-Chronologie seit Don Giovanni. Ganz Stuttgart hat den erfolgreichsten Trainer der Gegenwart als Messias empfangen und als Sargnagel wieder fortgejagt. Aus unerfindlichen Gründen hat der VfB dann den in der Dritten Liga entlassenen Veh geholt, aus noch unerfindlicheren Gründen hat er aus Wasser Wein gemacht – und aus den unerfindlichsten aller Gründe baumelt der Trainer des Jahres nun kurz danach als Untrainer des Jahres an einem dünnen Faden wie eine Marionette aus der Augsburger Puppenkiste. Da hat einer die drei besten Trainertugenden eingebüßt: Glück, Glück, Glück.“
Stuttgart in der Champions League, Tiervergleich I – Thomas Klemm (FAZ): „Das Duell mit Lyon geriet für die Schwaben zu einem Abend der bitteren Wahrheiten. In seiner aktuellen Verfassung ist der deutsche Überraschungsmeister in der europäischen ‚Königsklasse‘ so fehl am Platze wie ein Karpfen im Hechtteich.“ Stuttgart in der Champions League, Tiervergleich II – Frank Ketterer (Berliner Zeitung): „Sobald ein Ball auch nur in die Nähe ihres Strafraums kam, wirkten die VfB-Abwehrspieler so hektisch wie Hühner, in deren Stall der Fuchs eingebrochen ist. So sind die Stuttgarter am Ende eines Abends, der ihnen eigentlich Hoffnung hatte spenden sollen, noch tiefer in die Krise gerutscht.“
Von Karpfen und Hühnern, von Hechten und Füchsen
Beautiful game
Felix Reidhaar (NZZ) erklärt die heilende Wirkung des 7:0 Arsenals für England: „Vergessen die Niederlage im Rugby-WM-Final, überwunden der Sturz des Formel-1-Leaders im letzten Moment, verdrängt die latente Gefahr einer Nichtteilnahme an der Fußball-EM, die dem englischen Nationalteam aus dem Mutterland des Sports einen dunklen Winter androht. Seit Mittwoch ist die während der letzten sieben Tage schwer verwundete Seele vieler stolzer Engländer am Genesen. Sie und die veröffentlichte Meinung im Land schwelgen in typischer Übereinstimmung über einen Fußballabend, wie es ihn in der Tat nicht alle Tage gibt. Was Arsenal gegen Slavia Prag ohne Verschnaufpause an spielerischen Leckerbissen feilbot, kann besser nicht umschrieben werden als mit beautiful game. Entsprechend lasen sich am folgenden Morgen die Echos in den Printmedien des Landes, entsprechend der ’schwarzen Woche‘ suchten die Journalisten primär und ausnahmslos das positive Element britischen Ursprungs – und fanden es: Theo Walcott heißt der junge Mann dieser Sehnsüchte.“
Arsenals sieben Streiche
FAZ-Portrait Sergej Barbarez
Deutsche Elf
Verstoß gegen die Ethik eines deutschen Nationalspielers
Die Presse rät Jens Lehmann, den Mund zu halten
Peter Heß (FAZ) verteidigt Arsène Wenger gegen die Angriffe von Jens Lehmann: „Wenger ist – objektiv gesehen – überhaupt nichts vorzuwerfen. Dem Elsässer geht der Erfolg über Emotionen. Und weil das so ist, reagiert er immer gelassen auf alle Anwürfe Lehmanns: ‚Natürlich hat Jens eine Zukunft bei Arsenal.‘ Aber dessen Zukunft dürfte zeitlich eng begrenzt sein. Im November wird Lehmann 38 Jahre alt, und im Sommer läuft sein Vertrag aus. Wie bei allen Arsenal-Profis über 30 war der Kontrakt des Deutschen nur für zwölf Monate verlängert worden. Wenger achtet sehr darauf, Spieler nicht über ihren sportlichen Zenit hinaus an seinen Klub zu binden. Das haben in jüngster Vergangenheit Viera, Ljungberg, Pires und auch Henry erfahren. Für Wenger, seit elf Jahren bei Arsenal, ist die Personalie Lehmann keine allzu wichtige. Über kurz oder ganz kurz wird der Deutsche das Arsenal-Tor sowieso verlassen. Eine Trennung in der Winterpause wäre die logischste und für alle Seiten vernünftigste Lösung. Und vernünftigen Lösungen standen Wenger und Lehmann schon immer aufgeschlossen gegenüber.“
Jan Christian Müller (FR) erinnert Lehmann, der sich abfällig über seinen Konkurrenten Almunia geäußert hat, an die Ethik eines Sportsmanns und Nationalspielers: „Mit dieser Aussage verstieß Lehmann auch gegen die Vorgaben eines erst kürzlich von Manager Oliver Bierhoff an jeden potenziellen deutschen EM-Teilnehmer verteilten DFB-Handbuchs mit eindeutigen Regeln zum Benehmen in der Öffentlichkeit. Zudem hatte Bundestrainer Joachim Löw zuvor unmissverständlich deutlich gemacht, dass er öffentliche Kritik der Profis untereinander nicht dulde. Löw hatte damit entsprechende Hinweise von Werder Bremens Torwart Tim Wiese scharf gekontert, der sich in Interviews mit seinen Konkurrenten verglichen hatte, ohne dabei aber auch nur annähernd ähnlich ausfallend zu werden wie nun Lehmann gegen Almunia. Man darf gespannt sein, ob der DFB bei seiner Nummer 1 die gleiche Messlatte anlegt wie bei Wiese.“
SZ: Raus aus der Schmuddelecke – die deutschen Fußball-Spielerberater wollen ein seriöseres Berufsbild und gründen einen Verband
Mittwoch, 24. Oktober 2007
Champions League
Chelsea lebt in der Vergangenheit und in der Zukunft
Raphael Honigstein (Stuttgarter Zeitung) stellt uns Avram Grant, Chelseas Trainer, als kleines Licht und Dünnmann vor: „Seine Trainingsmethoden sind zwar noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommen – einige Spieler berichteten schockiert über Dribbelübungen im Hütchenparcours –, dafür hat er die gewiefte Überlebensstrategie der Schildkröte für sich entdeckt: Er zieht den Kopf ein und lässt einfach alles mit sich machen. Im Sommer übernahm der Israeli das Amt des Sportdirektors, ohne jegliche Kompetenzen. Die Beförderung zum Cheftrainer hat ihm wohl noch weniger Machtfülle eingebracht. Er wehrte sich nicht, als die dänisch-holländische Fraktion um Manager Frank Arnesen vergangene Woche den Holländer Henk Ten Cate als neuen Assistenten durchsetzte. Ten Cate, die ehemalige rechte Hand von Frank Rijkaard beim FC Barcelona, soll flüssigen Angriffsfußball und ein wenig Autorität mitbringen. Grant hat sich bisher nur als umgänglicher Kumpeltyp präsentiert; alle Kontroversen wurden tapfer weggeflunkert. Die Kabine ist zwar nicht ganz so gespalten wie vom Boulevard behauptet, doch eine gewisse Leere und auch ein Hauch von Resignation haben sich dort breit gemacht, wo früher der absolute Siegeswille und kollektive Kampfbereitschaft wohnten. (…) Für große Spannung ist auf jeden Fall gesorgt: Beamte von Scotland Yard werden sich unter die Zuschauer mischen und sie werden genau hinschauen, wer beim Besuch der von Gasprom gesponserten Gelsenkirchener alles auf der Ehrentribüne sitzt. Als vor zwölf Monaten der von Roman Abramowitsch unterstützte ZSKA Moskau beim FC Arsenal antrat, wurden im Emirates Stadium nämlich später Spuren von Polonium gefunden – jenem radioaktiven Material, mit dem der Kreml-kritische ehemalige Spion Alexander Litwinenko mutmaßlich ermordet wurde.“
Wolfgang Hettfleisch (FR) betont die Fügsamkeit Grants: „Der Israeli, anfangs als Übergangstrainer gehandelt, scheint inzwischen fester im Sattel zu sitzen, als einigen lieb ist. Nachdem weder Frank Rijkaard, noch dessen Landsmann Guus Hiddink Interesse an der Mourinho-Nachfolge gezeigt und auch der inzwischen offenbar für jeden Trainerjob auf der Insel gehandelte Jürgen Klinsmann abgewinkt hatte, mehren sich die Zeichen, dass Grant ein bisschen länger auf dem Schleudersitz verweilen könnte. Zumal der frühere Coach der israelischen Nationalmannschaft, anders als sein Vorgänger, gut mit Teambesitzer Roman Abramowitsch kann. Dem russischen Milliardär wiederum könnte das Arrangement deshalb gut gefallen, weil er neuerdings unbeanstandet die Spieler persönlich ins Gebet nehmen soll. Abramowitsch, heißt es, sei jetzt Stammgast in Cobham und lasse einzelne Profis schon mal wissen, wie er sich ihre Aufgabe im kommenden Spiel vorstelle. Die Rijkaards, Hiddinks und Klinsmanns dieser Welt hätten sich soviel wohlwollenden Zuspruch von oben fraglos verbeten. (…) Schalke wird auf einen Gegner treffen, der für den Moment mehr in Vergangenheit und Zukunft zu leben scheint als in der Gegenwart.“
Neue Kargheit
Dirk Schümer (FAZ) schildert die Entitalienisierung Lazio Roms, eingeleitet durch den Präsidenten, einen Reinigungsunternehmer: „Lazios Star ist die Mannschaft. Der albanische Ersatzstürmer Igli Tare, der über Bundesliga-Erfahrung verfügt, sagt seiner Mannschaft denn auch gute Chancen voraus, in Bremen zu bestehen: Lazio sei besonders gut darin, einer spielstarken Mannschaft den Spaß zu verderben. Darum darf sich Bremen auf eine tückische Kontertaktik einstellen. Präsident Lotito würde gewiss gerne in der Champions League weiterkommen, wäre als fußballerischer Realist aber wohl auch mit einem Platz im Uefa-Pokal als Gruppendritter zufrieden, damit sein sparsames Ensemble weiter Geld verdient. Knapp am Kollaps vorbeigeschrammt, hat sich Lazio im vorderen Mittelfeld der Serie A sportlich etabliert. Lotito ist zuletzt im italienischen Schiedsrichterskandal nur für vier Monate gesperrt worden; das am Rande verwickelte Lazio konnte einen Abzug von dreißig Punkten gerichtlich auf drei reduzieren und dann bis in die Champions League vordringen. Keine üble Bilanz für einen Skandalverein. Dazu konnte sich der Großreinemacher Lotito von neofaschistischen Tifosi, die einst die Tribünen und das Geschäft mit den Fan-Artikeln fest in der Hand hatten, erfolgreich distanzieren. Der rechtsradikale Stürmerstar Paolo Di Canio, der Tore mit dem römischen Gruß zu feiern pflegte, wurde sang- und klanglos entlassen. Nun noch mindestens ein Punkt in Bremen und ein Sieg am Sonntag im Derby gegen den Lokalrivalen AS Rom – und Lazio Rom wäre der fröhlichste Komapatient der Medizingeschichte.“
Birgit Schönau (SZ) begrüßt die neue Kargheit bei Lazio: „Lotito setzte bei Lazio ein Höchstgehalt von 500.000 Euro netto im Jahr durch, dafür hätte ein Vieri früher nicht mal das linke Bein gehoben. Er lässt sein Team in Trikots mit dem Schriftzug So.Spe spielen, so heißt die Wohltätigkeitsorganisation der römischen Nonne Paola. Es ist ein absolut einmaliges Trikot-Sponsoring für die Serie A, unbeachtet von der Presse und der Amtskirche. Der einstige Weltklub Lazio macht heute Werbung für ein katholisches Mutter-Kind-Heim am Stadtrand von Rom.“
Illusion
Stefan Osterhaus (NZZ) unterstreicht die Zauberkraft Diegos: „Diego bündelt die Bremer Hoffnungen auf dem europäischen Hochplateau, wenn es darum geht, gegen Lazio Rom die letzte Chance zu wahren. Diego hin oder her: In der Champions League ist es um Bremen nicht gut bestellt. Umso mehr brauchen sie den Spieler, dessen millimetergenaue Anspiele die Illusion schaffen, Werder verfüge in Boubacar Sanogo und Hugo Almeida über erstklassige Angreifer.“
BLZ: Werder Bremens Brasilianer Carlos Alberto ist krank und niemand weiß genau, was ihm fehlt
NZZ: Milan erstickt in der eigenen Routine und verliert gegen Empoli
SZ: Das Spiel AS Rom gegen Neapel gerät zur aufregenden Aufholjagd mit Herzflimmern-Finale, zum Manifest gegen den Ergebnisfußball
Köter
Sven Gartung (FAS) porträtiert Marseille liebevoll: „Wie erklärt man als Chronist Olympique de Marseille, seines Zeichens Rekordmeister, derzeit zu Hause in der Liga auf einem Abstiegsplatz, skandalumrankter Klub, der aber in dieser jungen Saison als Champions-League-Teilnehmer noch ungeschlagen ist? Am treffendsten scheint der Vergleich mit einem Hund: verzogen, laut bellend, dann wieder leise winselnd, bunt oder räudig, Wunden leckend, folgsam oder eigenwillig – ein Köter, den man am liebsten fortjagen würde, dann aber doch wieder ins Herz schließt. Von Zeit zu Zeit schüttelt sich dieser verrückte Hund wie nach einem Wasserbad kräftig durch, befreit sich von dem Ungeziefer, welches sich über die Zeit in seinem Pelz festgesetzt hat, ohne jedoch ganz zum süßen Schoßhündchen zu werden.“
Kaufen und Verkaufen
Ilja Kaenzig (NZZ) erörtert, aus der Perspektive eines Spielers, Für und Wider eines Wechsels zu Schachtjor Donezk: „Die hohe Dichte im Kader mit vierzehn Ausländern und zahlreichen Nationalspielern hat zur Folge, dass Stars oft auf der Ersatzbank sitzen. Dazu gesellen sich Adaptionsschwierigkeiten in der wenig Lebensqualität bietenden Kohlebaustadt Donezk und das nach wie vor geringe sportliche und infrastrukturelle Niveau der ukrainischen Meisterschaft. Obwohl Präsident Rinat Achmetow den besten Spielern selbst für westliche Verhältnisse sehr hohe Gehälter zahlt, will der erst auf diese Saison hin gekommene Italiener Cristiano Lucarelli im Winter bereits in die Serie A zurückkehren. Achmetow verhält sich auf dem internationalen Transfermarkt mittlerweile mit großem Geschick. Wohl wissend, dass seine ausländischen Spieler oft schon nach einer Saison einen Transfer in den Westen fordern, basiert die Transferpolitik auf der ständigen Erfassung von Spielern aus Brasilien oder dem Balkan mit Potenzial für eine internationale Karriere. Das System des Kaufens und Verkaufens soll weiter perfektioniert werden, da den guten Transfers massive finanzielle Abschläge beim Verkauf der Spieler gegenüberstehen – dies, weil Schachtjor von abwanderungswilligen Spielern unter Druck gesetzt wird und Transferverhandlungen deshalb aus ungünstigen Positionen führen muss. Ein Argument für den längeren Verbleib ausländischer Spieler soll ab Sommer 2008 das neue Stadion sein. Die Euro-2012-Spielstätte ist ein für Ost-, aber auch Westeuropa beeindruckender, auf drei Ringen 50.000 Zuschauer fassender Nachbau der Allianz-Arena. Rund um das Stadion entsteht eine Parklandschaft von der Größe einer Kleinstadt, die zum zentralen Ort der Freizeitgestaltung der Bürger Donezks werden soll.“
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