indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 23. April 2007

Bundesliga

Tatenlos, phantasielos, mutlos, chancenlos

Pressestimmen zum 30. Spieltag: Dem 2:0 des VfB Stuttgarts gegen Bayern München folgen Abgesänge auf die Verlierer, insbesondere deren Management; über die Gewinner liest man wenig / Neu: Schalkes Hartnäckigkeit sowie Wolfsburg und Bielefelds Unterhaltungswert / Alt: Bremens Schönheit

Michael Horeni (FAZ) hält der Bayern-Führung den Spiegel und ihr selbstgerechtes Genörgel an Jürgen Klinsmann vor und überzieht sie mit beißender Kritik: „Wenn der FC Bayern nur halb so bedeutend wäre wie die Nationalmannschaft, gäbe es schon seit vielen Monaten eine Task Force. An deren Spitze stünden dann ganz sicher Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, denn wer sonst im Fußballand käme nach eigenem Selbstverständnis der Unfehlbarkeit so nahe wie das bayerische Führungsduo? Unglücklich nur, daß sie in diesem Krisenfall einmal über ihre eigene Arbeit zu befinden hätten – und man den Niedergang beim Rekordmeister auch mit Wohnsitzdebatten (‚Hoeneß muß nach München ziehen‘) und der Torwartfrage so schnell nicht stoppen könnte. Die Bilanz der zwar immer wieder laut tönenden, aber inhaltlich vollkommen sprachlosen sportlichen Führung in diesem Jahr ist niederschmetternd. Platz vier ist die schlechteste Plazierung seit über zehn Jahren in der Liga – und dies, obwohl der ökonomische Vorsprung der Bayern in dieser Zeit immer größer, ja riesig geworden ist. Nach der Kosten-Nutzen-Rechnung haben sie in diesem Jahr das Zeug zum Abstiegskandidaten, spieltechnisch war das 0:2 nur die letzte Bankrotterklärung in einer mit an hilflosen Auftritten überreichen Saison. (…) Ob Hoeneß und Rummenigge die Phantasie, Führungsstärke und auch den Fleiß aufbringen, mit einem neuen Konzept ihre sportliche Abteilung zu renovieren, ist fraglich.“

Michael Kölmel (Berliner Zeitung) vergleicht die Evolution zwischen Bayern und Stuttgart: „Seit Jahren ignoriert der FC Bayern Symptome des Stillstandes, geblendet von sieben Meistertiteln seit 1997, die in erster Linie durch die im nationalen Vergleich überbordende individuelle Klasse zustande kamen. In den Jahren unter Trapattoni, Hitzfeld, Magath und nun erneut Hitzfeld hat sich der FC Bayern einen Pseudofußball angeeignet. Lange Bälle sollen Spielkultur ersetzen, Flanken aus dem Halbfeld imitieren Angriffe, Pöbeleien suggerieren Aggressivität. Im Vergleich zu dem jungen, bescheidener besetzten VfB gleicht der FC Bayern einem auferstandenen Tyrannosaurus Rex.“ Auch Ludger Schulze (SZ) empfiehlt den Bayern die radikale Wende: „Dieses Team muß an Haupt und Gliedern renoviert werden. Neue Häuptlinge braucht’s und frische Indianer. In Anbetracht eines höchst schwierigen internationalen Transfermarkts stehen Manager Hoeneß und Vorstandschef Rummenigge jedoch vor einer Aufgabe, die weitaus problematischer und umfassender ist als in gewöhnlichen Jahren. Wenn die Bayern nicht den Anschluß verlieren wollen, muß der nächste Anzug sitzen.“

Das Ancien Régime des deutschen Fußballs

Roland Zorn (FAZ) beobachtet den FC Bayern beim Schrumpfen: „Tatenlos, phantasielos, mutlos, chancenlos – das sollten die großen Bayern sein? Das Publikum bekam nicht einmal eine schlechte Kopie des Rekordmeisters, es bekam gar nichts von den Münchnern zu sehen, die sich eingeschüchtert wie eine biedere Durchschnittstruppe vom jugendlichen Elan der Stuttgarter überrollen ließen. Jung, aufstrebend, dynamisch, das ist der VfB Stuttgart des Jahrgangs 2006/07. Die Bayern aber, ohne jeden frischen Glanz und Chic, verkörpern derzeit nur noch das Ancien Régime des deutschen Fußballs. Es wird von niemand mehr gefürchtet und hat sich überlebt.“ Schulze fügt hinzu: „Der FC Bayern hat sowohl eine irritierend hilflose Vorstellung geboten wie auch jede moralische Berechtigung verspielt, künftig unter den Champions der gleichnamigen Europaliga mitzukicken. Der FC Bayern wird wohl vom Gipfel sorgsam gepflegter Arroganz in die Niederungen der Uefa-Cup-Demut hinabsteigen und nach Craiova oder Hammarby reisen müssen.“

Oskar Beck (Welt) porträtiert den FC Bayern als eine Art Scheinriesen: „‘Die Bayern kommen‘ – aus Sicht der VfB-Fans klang das immer so, als würden die Russen kommen. Schon Tage vor den Spielen brach in Stuttgart die nackte Verzweiflung aus, aus panischer Angst vor dem Feind hätten die schreckhaften Schwaben am liebsten von der Ausfahrt Köngen auf der A 8 bis Cannstatt weiße Fähnchen gehißt, Panzersperren errichtet und sämtliche Neckarbrücken gesprengt, um den Mannschaftsbus der Bayern an der Fahrt ins Gottlieb-Daimler-Stadion zu hindern. Doch plötzlich ist alles anders. Der Respekt vor dem FC Allmacht bröckelt.“

SZ: Das Einzige, was die Bayern-Elf gemeinsam zu haben scheint, ist ihre Vereinzelung – eine taktische Analyse
Welt-Interview mit Franz Beckenbauer

Mehrwert

Richard Leipold (Tagesspiegel) mißt Schalkes Fortschritt beim 2:0 gegen Cottbus: „Es war vor allem ein Lernerfolg. Die Schalker haben offenbar verinnerlicht, daß im Titelkampf mit Nervenstärke und Geduld vieles zu erreichen ist, wofür spielerische Klasse allein nicht ausreicht. Die Kandidaten in Königsblau haben aus ihren Fehlern gelernt. Sie haben gelernt, gegen hartnäckig hinten drinstehende Mannschaften auf ihre Chance zu warten, statt übereifrig gegen solche Bollwerke anzurennen. (…) Der Mehrwert dieses Sieges, der den Vorsprung von zwei Punkten sicherte, liegt für Schalke in der Erkenntnis, eingangs der Zielgeraden einem besonderen psychologischen Druck gewachsen zu sein, den die Mannschaft nicht gewohnt ist. Zuletzt hatten sie selbst vorlegen können, und Verfolger Werder Bremen mußte nachziehen, um den Anschluß zu halten. Diesmal lief es andersherum.“

Das Schönste

Matti Lieske (Berliner Zeitung) tipt auf einen anderen: „Nicht immer wird Schalke einen freundlichen Gegner finden, der den Ball ins eigene Tor stolpert. Die Meisterschaft muß man sich an den letzten Spieltagen mit Selbstbewußtsein, Mut und Kaltblütigkeit verdienen. Insofern spricht alles für Werder Bremen, deren Saison so verläuft, wie es sich für einen Champion gehört: am Anfang stark und am Ende stark.“ Ralf Wiegand (SZ) fühlt sich beim 3:1 Bremens gegen Aachen sehr gut unterhalten: „Aachen wird wohl bis zur letzten Sekunde gegen den Abstieg kämpfen. Weil sie das aber in Bremen mit viel Mut taten und die Bremer wiederum durch die Einwechslung zweier Offensivspieler schon zur Pause das Risiko fast fahrlässig erhöhten, kam ein Fußballspiel wie ein süffiges Boulevardstück zustande. Später flogen im Presseraum so viele Komplimente zwischen den Trainern Schaaf und Frontzeck hin und her wie vorher Bälle in die Strafräume. Im Wettstreit um den Titel haben die Bremer sich selbst und der verbliebenen Konkurrenz aus Schalke und Stuttgart zu verstehen gegeben, daß sie die Saison wenn schon nicht als Erste, dann wenigstens als Schönste beenden wollen.“

Alles anders

Andreas Pahlmann (FAZ) reibt sich die Augen und läßt sich von Wolfsburg und Bielefeld mitreißen: „Wolfsburg gegen Bielefeld, das ist so etwas wie die perfekte Beschreibung des grauen Bundesliga-Alltags und verhält sich zum großen Fußball ungefähr so wie ein halbes Schmalzbrot zum Fünf-Sterne-Menü. Wolfsburg gegen Bielefeld, das war in der Vergangenheit oft genug ein Spiel, nach dem man Worte finden mußte für all das, was nicht passiert ist. Am Samstag war alles anders. Zum ersten Mal in der Bielefelder Bundesliga-Geschichte gab es Arminia-Tore in Wolfsburg – gleich drei Stück. Mit 3:2 gewann das kämpferisch bessere Team ein Spiel, das wesentlich mehr Reize hatte, als es die Ansetzung versprach.“

FAS-Interview mit Jürgen Klopp: „Die zweite Liga ist nicht die Hölle“

Freitag, 20. April 2007

Vermischtes

Finkes schmerzhafter Abschied und mehr

FAZ: Eine Reportage über Schalkes Sponsor Gasprom, auch mit Zitaten des Schriftstellers und Schalke-Fans Michael Klaus: „Ich wünsche dem Verein alles Gute. Aber ich verachte den Vorstand, weil er eine Mörderbande zum Sponsor gemacht hat“
Ein (altes) WDR-Interview mit Klaus zum Thema

Volk ohne Raumdeckung wehrt sich gegen Kritik am Gasprom-Deal

BLZ: Mirko Slomka und Petrik Sander sind die innovativsten Trainer der Saison

Tsp: Stuttgart will heute München schlagen und sich langfristig in der Bundesliga-Spitze etablieren

taz-Glosse über Bayerns Einkaufspolitik

SZ: Eine Inventur bei den Bayern

FR: Volker Finkes schmerzhafter Abschied

Ascheplatz

Kein ernsthafter Wettbewerb

Marcus Theurer (FAZ) kommentiert die Bedenken des Kartellamts gegen die Kooperation zwischen Arena und Premiere: „Der Fall könnte weite Kreise ziehen: Verbieten die Wettbewerbsaufseher die Zusammenarbeit im Satellitenfernsehen, wäre das ein Rückschlag für Premiere. Die Erfolgsaussichten von Arena – dem wichtigsten Finanzier der Bundesliga – würden weiter dezimiert. Gut möglich, daß Arena nun gegenüber dem Kartellamt argumentiert, ohne die Kooperation sei die Zukunft des Senders gefährdet und damit der Wettbewerb im Bezahlfernsehen gefährdet. Überzeugend wäre das nicht. Denn was ist schon gewonnen, wenn das Kartellamt den Schulterschluß toleriert? Die geplante Kooperation zwischen Premiere und Arena soll so weitreichend sein, daß zwischen ihnen ernsthafter Wettbewerb um die Live-Rechte der Bundesliga in Zukunft kaum noch zu erwarten wäre.“

Caspar Busse (SZ) kritisiert Premiere-Chef Georg Kofler: „Natürlich kann es passieren, daß die Wettbewerbshüter überraschend manche große Pläne ins Wanken bringen. Doch gerade in diesem Fall war das absehbar, zudem das Kartellamt gerade in Medienfragen gerne besonders genau hinschaut. Deshalb bleibt mehr als ein schlechter Nachgeschmack. Denn Premiere und Konzernchef Kofler, der bei Bekanntgabe der Kooperation noch alle Kartellbedenken zerstreuen wollte, haben die rechtliche Unsicherheit zu ihren Gunsten ausgenutzt. Kofler selbst hat kurz nach Bekanntgabe der Kooperation, die für einen Kurssprung sorgte, seine Premiere-Beteiligung für etwa 190 Millionen Euro verkauft und damit Gewinne realisiert. Das sieht im Rückblick nicht gut aus. Und Vertrauen schafft das bei den gebeutelten Premiere-Anlegern auch nicht.“

FAZ: Die Rückkehr des Platini-Flüsterers Gerhard Mayer-Vorfelder (mit ein paar Seitenhieben auf Theo Zwanziger)

Donnerstag, 19. April 2007

Vermischtes

Wolfsburger Werbechance vertan

Wolfsburg hat die Chance verpaßt, überregionale Werbung für sich zu machen

Pressestimmen zum zweiten Pokalhalbfinale

Frank Heikes (FAZ) Hoffnung auf ein spannendes und intensives Pokalhalbfinale ist von Wolfsburg und Stuttgart enttäuscht worden; zudem bedauert er Marcelinho: „Es war ein Spiel zum schnellen Vergessen, kein Vergleich mit dem stimmungsvollen Abend von Nürnberg, auch wenn es endlich mal echte Fußballstimmung gab in Wolfsburg. (…) Das Spiel zeigte auch die aus Berlin bekannte Gefahr eines Marcelinho-Transfers: Man macht sich von ihm und seiner Tagesform abhängig, weil die Mitspieler sich automatisch ausruhen, wenn einer so dominant ist. Was soll Marcelinho denn machen: Entweder wird er schlecht angespielt von den Wolfsburger Grobmotorikern, oder die Kollegen können mit seinen Pässen nichts anfangen. (…) Vielleicht wäre der VfL mit seinem beschränkten Kreativpotential gegen Bochum oder Bielefeld weitergekommen. Gegen einen aggressiven VfB aber, der nicht gut spielte, sondern nur die Räume verengte und der Souveränität seiner Innenverteidiger Delpierre und Meira vertraute, wirkte Wolfsburg so durch und durch mittelmäßig, wie es nun einmal ist. Der VfL Wolfsburg hat die große Chance verpaßt, überregionale Werbung für sich zu machen.“

Claudio Catuogno (SZ) spürt die Nervosität der Stuttgart angesichts des Saison-Finishs: „Man durfte die Geschäftsmäßigkeit, mit der die Stuttgarter ihren Triumph über bedauernswert limitierte Wolfsburger begingen, nicht mit Arroganz verwechseln. Eher mit einer speziellen Form von Erleichterung, die bloß noch nicht ausreichte, um die Anspannung dieser Tage zu überlagern. Seit Monaten werden Armin Veh und sein junges Ensemble bestaunt und bejubelt, aber erst jetzt, zum Saisonende, stellt sich die Frage nach dem Ertrag. Und so langsam schwant den Schwaben, wie eng Triumph und Traurigkeit beieinander liegen können. Fällen nun vielleicht ein, zwei Szenen das Urteil über ein ganzes Jahr? Pokalfinale und Champions-League-Qualifikation – das wäre eine Sensation. Pokalaus und Rang vier in der Liga – das wäre, Spaßfußball hin oder her, eine Enttäuschung.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) dagegen attestiert den Stuttgartern ein gutes Immunsystem: „Der VfB Stuttgart hat eine neue Qualität entdeckt. Er ist mittlerweile in der Lage, eine hübsch geplante Choreographie humorlos kaputt zu machen. Er beherrscht nicht mehr nur das Offensivspektakel, sondern auch die Kunst der Zerstörung. Er kann auch durch Glanzlosigkeit glänzen. Er kann in mehrere Rollen schlüpfen. Er ist nicht festgelegt auf den Part des strahlenden Helden, er gibt auch mal den grimmigen Bösewicht. Er ist jetzt schwerer auszurechen, weil kein Gegner wissen kann, was der VfB an welchem Abend plant.“

Grauzone zwischen Rechts- und Spielregeln

Thomas Kistner (SZ) erneuert anläßlich der falschen Abseitsentscheidung gegen Wolfsburg seine Forderung nach dem Video-Beweis im Fußball: „Tatsächlich werden im Fußball Irrtümer per Videobeweis korrigiert, auch und gerade Urteile der Referees: etwa wenn brutale Ellbogenstöße übersehen wurden. Hier dient die Technik der Urteilsfindung – warum also sollte der menschliche Makel dort als wichtiges Spielelement geschützt werden, wo er Resultate verfälscht oder den Ausgang von Turnieren und Meisterschaften? Die Furcht vor dem unbestechlichen TV-Auge ist eine Eigentümlichkeit der Kickerbranche. Basketball, Eishockey, Fechten, Tennis und andere nutzen es längst zur Trefferermittlung. Doch kann der Fußball in Zeiten von Schiedsrichter- und Wettspielaffären nicht mehr am Liebreiz menschlicher Irrtümer festhalten, weil diese ja, wenn sie zum System gehören, ein gefährliches Instrument darin bilden. Schon deshalb gehört die Grauzone zwischen Rechts- und Spielregeln nicht verklärt, sondern aufgeklärt. Es bräuchte einen Kläger, der eine Fehlentscheidung wie die von Wolfsburg vor Gericht anficht.“

Der Erfolg ist das Ergebnis der Arbeit zweier Trainer

Abschließend gönnt Lesch den beiden Siegern die Finalteilnahme: „Die Saison, die lange so wirr und chaotisch gewirkt hat, findet in dem Duell zwischen Stuttgart und Nürnberg doch noch einen würdigen, logischen Höhepunkt. Im Berliner Olympiastadion werden zwei Vereine aufeinandertreffen, die ein Konzept haben, eine klug zusammengestellte Mannschaft und einen Trainer mit Ideen – das unterscheidet sie von vielen ihrer Konkurrenten. Stuttgart und Nürnberg sind keine großen Namen, aber sie versprechen ein großes Spiel.“ Stefan Osterhaus (NZZ) fügt hinzu: „Der Erfolg ist das Ergebnis der Arbeit zweier Trainer, deren Qualitäten auch darin liegen, in einem nicht eben einfachen Umfeld zurechtzukommen.“

Am Grünen Tisch

Allen Europas veränderte Landkarte vor Augen geführt

Sehr gemischte Meinungen zur Entscheidung der Uefa, die EM 2012 Ukraine und Polen zuzusprechen: Politisch wertet sie die Presse zum Teil euphorisch als Öffnungsangebot an Osteuropa; große Bedenken bestehen gegen die siegreichen Funktionäre

Die Leitglosse der FAZ kommentiert die Vergabe der EM an Polen und Ukraine aus europapolitischer Perspektive bejahend: „Die Entscheidung der Uefa ist ein Signal, das die Politik nicht ignorieren sollte. Politisch nämlich fährt es sich gegenwärtig holprig in Polen und in der Ukraine. Warschau zuckt in den Konvulsionen eines unbefriedigten, religiös untermalten Nationalstolzes, und in der Ukraine tobt ein regelloser Kampf aller gegen alle. In beiden Ländern aber kann die Konsequenz nicht sein, die Wege einfach verfallen zu lassen, die sie mit Europa verbinden. Die Löcher müssen vielmehr verfüllt und die Wegweiser erneuert werden. Strategische Interessen des Westens – Energietransit, Raketenabwehr – sind dafür nicht einmal der entscheidende Grund. Wichtiger ist, daß ein Blick weiter nach Osten, nach Rußland, genügt, um am Unterschied zu erkennen, daß Polen ebenso wie die Ukraine ganz grundsätzlich zum Westen gehören. Das gegenwärtige Chaos in Kiew ändert daran nicht viel. Die lebendige Konkurrenz zweier Lager, die unentwegten friedlichen Demonstrationen beweisen vielmehr, daß die Ukraine das Potential hat, einer anderen Welt anzugehören als Rußland mit seiner Grabesruhe, seinen prügelnden Polizisten und seiner erbarmungslosen Hegemonialpolitik. Diese andere Welt aber ist Europa, und die Mühen des Weges, einschließlich der Mühen der Europäischen Union mit sich selbst, dürfen nicht dazu führen, daß dieses Land verlorengeht.“

Sven Goldmann (Tagesspiegel) verweist auf die Chancen: „Wahrscheinlich wird einiges in Bewegung geraten. In Osteuropa werden moderne Stadien entstehen, das öffentliche Interesse wird sich geographisch verlagern. Als Gastgeber für die Fußballelite sind die Polen endlich angekommen in der Gemeinschaft. Und sie richten das Turnier nicht allein aus – ein schönes Signal dafür, daß weiter östlich noch mehr Europa ist.“ Auch Roland Zorn (FAZ) feiert die Entscheidung: „Das gab es noch nie, soll aber erst der Anfang der neuen Realität sein. Europäische Fußball-Großereignisse sind nicht mehr ausschließlich ein Fall für erprobte Ausrichterländer aus West- oder Südeuropa. Die Uefa hat allen, die an die traditionelle Verteilung der Pfründe glaubten, Europas veränderte Landkarte vor Augen geführt. So wie die Europäische Union ihren Kinderschuhen entwachsen und auf inzwischen 27 Staaten erweitert worden ist, mußte sich auch das Spektrum des Fußballs auf diesem Kontinent vergrößern. Die Uefa-Exekutive hat Fingerspitzengefühl bewiesen und den Mut, endlich auch andere als die allseits bekannten Wege zu gehen.“

Korrupt, vergessen, vergeben

Konrad Schuller (FAZ) hingegen zeigt auf die Verstrickungen des ukrainischen und polnischen Fußballs in die Vergangenheit: „In beiden Ländern liegt das Fußball-Establishment in schwerem Konflikt mit den Regierungen – und zwar genau deswegen, weil es zu jenen Segmenten der Gesellschaft gehört, in welchen postkommunistische Strukturen, grassierende Korruption und Oligarchenherrschaft nach wie vor in Blüte stehen. In Polen haben Staatsanwaltschaft und Polizei erst im Jahr 2005 ein Netzwerk von Schieberei, arrangierten Siegen und Wettbetrug aufgedeckt, das mittlerweile zu Festnahmen und Verfahren gegen mehr als fünf Dutzend Schiedsrichter, Funktionäre und Spieler geführt hat. In der Ukraine ist Fußball womöglich noch enger mit postkommunistischen Netzwerken verbunden. Die wichtigsten Fußballklubs, Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk, sowie der nationale Fußballverband sind in der Hand der milliardenschweren Oligarchen Grigorij Surkis und Rinat Achmetow sowie ihrer Verwandten. Beide gehören zum Unterstützerfeld des ‚blauen‘ Lagers, das sich der Demokratisierung der Ukraine seit Jahren widersetzt.“

Thomas Kistner (SZ) beanstandet die Geschäftsmoral der Spitzenfunktionäre: „Sinnfällig für eine gewisse Verwahrlosung im Fußball steht nun das Siegerbild von Cardiff: Die triumphierenden Verbandsfürsten Michal Listkiewicz (Polen) und Grigorij Surkis (Ukraine). Listkiewicz verwaltet einen so korrupten Spielbetrieb, daß ihn Sportminister Thomas Lipiec im Januar wegen der Verwicklung in einen Manipulationsskandal suspendiert hatte, dazu der komplette Verbandsvorstand. Rund 70 Personen – Referees, Klubchefs, Funktionäre – wurden verhaftet. Doch die Fifa, deren Chef Sepp Blatter privat ein Freund von Listkiewicz ist, reagierte mit einem Ultimatum bis Ende März: Polen würde aus dem Weltfußballbetrieb ausgeschlossen, wenn bis Ende März die Funktionäre nicht wieder eingesetzt sind. Was ja auch bedeutet hätte: keine Euro-Kür im April. Anzunehmen, daß da jede Regierung einknickt – Politiker wollen wiedergewählt werden, auch von Millionen Fußballfans im Lande. Auch dem Triumphator Surkis wird seine Vergangenheit nicht nachgetragen. Etwa, daß er einst als Klubchef von Dynamo Kiew in eine Schiedsrichterbestechung verwickelt war, die seinem Bruder immerhin einen lebenslänglichen Bannstrahl durch die Uefa eintrug. Vergessen, vergeben.“

Matti Lieske (Berliner Zeitung) schreibt mit Blick auf die mangelhaften Alternativen Italien und Ungarn/Kroatien: „Die Europameisterschaft 2012 einfach absagen, ging irgendwie nicht. Also mußte die Uefa wohl oder übel entscheiden, wo das Turnier ausgetragen werden soll.“

SZ: Ukraine und Polen verbinden mit der EM politische Hoffnung
rund-magazin.de: Polen und Ukraine wird ein Boom vorausgesagt, zuvor müssen allerdings noch viele Probleme gelöst werden
SpOn: Die Entscheidung der Uefa setzt die Gastgeber auch unter Druck; es fehlt an geeigneten Stadien, Korruption und Gewalt dominieren mancherorts den Sportalltag

Der Trailer Danzigs mit Lech Walesa (warum eigentlich nicht Günter Grass?)

Mittwoch, 18. April 2007

Vermischtes

Fußballmärchen

Nürnbergs Einzug ins Pokalfinale, ein Triumph der Gebeutelten – Volker Kreisl (SZ): „Nürnberger Fans, das waren immer die, deren Verein 1969 als Meister abgestiegen war. Das waren die, deren Schatzmeister in den achtziger Jahren eine schwarze Kasse geführt hatte. Und die Nürnberger hatten es auch 1999 fertig gebracht, nahezu gesichert abzusteigen, weil die Kommunikation nicht klappte. Die Mannschaft wußte nichts vom Spielstand der Konkurrenz, perfekt aufgebaut war dafür die Bretterbühne für die Feier des Klassenerhalts, auf der dann Trauerreden gehalten wurden. Die Anhänger bezogen ihr Selbstbewußtsein aus der Vergangenheit, und auf den Spielern lasteten die fünf Titel der zwanziger Jahre. Seit Dienstag steht der Club in einem Finale, auch wenn es nur der DFB-Pokal ist: Für die Traumatisierten vom Valznerweiher ist dieser Einzug in Wahrheit ein Titel. (…) Die Bilder von den Jubelfeiern ließen für Außenstehende bizarre Schlüsse zu: Wird der Titel im DFB-Pokal neuerdings schon an den ersten Halbfinalsieger vergeben?“

Auch Gerd Schneider (FAZ) befaßt sich mit dem Glück der Nürnberger: „Für Außenstehende mag das wunderlich klingen. Aber in Nürnberg kommen sie sich tatsächlich vor, als erlebten sie in dieser Saison ein Fußballmärchen. Das Pokalfinale soll das traumhafte Jahr der Nürnberger krönen. Der Pokalsieg ist nicht ausgeschlossen. Schließlich heißt der Gegner nicht, wie 1982, Bayern München.“

FAZ-Portrait Meira

FR-Interview mit Wolfsburg Manager Klaus Fuchs: „Die Wolfsburg-Klischees stimmen nicht“

Stern-Portrait Michael Ballack

taz: Über Volker Finkes letzte Tage als Freiburger Trainer

BLZ: Kartellamt stoppt Kooperation von Premiere mit Arena

Am Grünen Tisch

Es geht um das kleinste Übel

Jeder der drei Kandidaten und Kandidatenpaare für die Bewerbung um die EM 2012 löst starke Bedenken in der Presse aus

Dirk Schümer (FAZ) tippt, aus ökonomischen Gründen, auf Italien als Sieger: „Die Uefa könnte eines ihrer sportlichen und finanziellen Zugpferde zum Nulltarif sanieren und sich so eine sorgenfreie Zukunft an der Südflanke sichern – ein Argument für eine Aufbauhilfe im Mezzogiorno, gegen das fußballerische Winzlinge im Osten kaum ankommen. Damit solche Argumente bei Michel Platini auch Gehör finden, hat ihn sein alter Fußballfreund Jean Claude Blanc, als Nachfolger Moggis derzeitiger Juve-Manager, bereits besucht und eindringlich an die Verbundenheit Platinis mit dem italienischen Fußball erinnert. Zwar verdankt der neue starke Mann in der Uefa seinen Posten der Unterstützung osteuropäischer Verbände, gespielt hat der Enkel italienischer Einwanderer aber in Turin. Und schlägt das Herz des internationalen Fußballs nicht ohnehin dort, wo die Brieftasche sitzt? Die zynische, also positive Antwort auf diese Frage könnte für die Uefa schwerer wiegen als eine moralische Abstrafung für den Weltmeister.“

Thomas Kistner (SZ) rechnet, aus ökonomischen Gründen, mit Ukraine/Polen oder Ungarn/Kroatien: „Bei einem Sonderkongreß im Mai will Platini per Statutenänderung zum hauptamtlichen Präsidenten werden, mit fürstlichem Salär, wie es sich sein Idol Sepp Blatter in der Fifa genehmigt. Dafür braucht er eine Dreiviertelmehrheit. Und die könnte ausbleiben, falls ihm der Osten Europas von der Fahne geht. Polen/Ukraine sollten nun also schon der Ausrichter 2012 sein, sonst wird der Ärger mit dem Stimmvieh im Osten zu groß. (..) Sollten die Tifosi nun die EM 2012 erhalten, hätte Platini seine Vision vom großen Putsch für die Fußballzwerge in Rekordzeit ad absurdum geführt.“ Roland Zorn (FAZ) legt seine Stirn in Falten: „Das große Los steckt nicht in der Wahltrommel. Wenn die Uefa darüber befindet, wer 2012 Ausrichter der Europameisterschaft wird, geht es eher um eine Kür mit Handicaps, also um das kleinste Übel.“

Welt: Keine der drei Kandidaturen kann überzeugen

Ein makelloser Auftritt Platinis

BLZ: Weltweit kämpft man um Olympische Spiele, nur die Deutschen schauen passiv zu

Dienstag, 17. April 2007

Am Grünen Tisch

Nicht weit auseinander

Wolfgang Hettfleisch (FR) kommentiert das Versöhnungstreffen Michael Platinis mit Theo Zwanziger: „Es bleibt abzuwarten, was von Platinis revolutionärem Pathos programmatische Überzeugung ist, und was bloße Rhetorik. Den überzeugten, aber traditionell konservativen Europäern im DFB wird es recht sein, wenn er auf der Suche nach Führungsstil und -anspruch Elan einbüßt. In Frankfurt herrscht die Auffassung: Soll er sich ruhig hier und da mal eine blutige Nase holen. Dennoch werden sie miteinander müssen, die Herren bei der Uefa und beim gelegentlich larmoyanten, häufiger noch schulmeisterlichen DFB. Inhaltlich ist man ohnehin nicht weit auseinander. In Zwanziger, der ein treuer Freund des Frauenfußballs und Breitensports ist und der im Kampf gegen Gewalt und Rassismus bislang kerzengerade Furchen zieht, steckt viel mehr vom vorgeblichen ‚Fußballromantiker‘ Platini, als vielen bewußt ist.“

BLZ: Suche nach dem kleinsten Übel – sämtliche Kandidaten für die Ausrichtung der EM 2012 werden von schwerwiegenden Problemen geplagt / Italien Favorit

FAS-Portrait Dieter Hoeneß

Montag, 16. April 2007

Bundesliga

Die Bundesliga, eine Not-und-Elend-Vereinigung

Vortrauer um Mönchengladbach / Respekterzeugungen nach Cottbus / Lincoln, der Schalker Meistermacher? / Stuttgart siegt ohne Schwung u.v.m.

Ulrich Hartmann (SZ) teilt uns mit, welcher Film gerade in Mönchengladbach läuft: „Borussia Mönchengladbach wäre ein Fall für Danny Rose. Rose war Agent für gescheiterte Varietékünstler. Er betreute eine einbeinige Stepptänzerin, einen blinden Xylophonisten und einen stotternden Bauchredner. Eine Fußballmannschaft ohne Torschützen würde ihm gut ins Sortiment passen. Seinen Film ‚Broadway Danny Rose‘ drehte Woody Allen einst als wehmütige Reminiszenz an die Liebenswürdigkeit des grandiosen Scheiterns. So ähnlich war die Stimmung auch im Borussiapark, wo sich die örtliche Fußballmannschaft im sechstletzten Spiel der Saison aus der Bundesliga zu verabschieden begonnen hat. (…) Gladbach zeigte noch einmal ein Highlight-Programm aus dieser völlig mißlungenen Spielzeit. 15 Mal schossen sie in einer überlegenen ersten Halbzeit Richtung Hamburger Tor. Getroffen haben sie nicht. Gladbach war in dieser Saison wie ein Vampir ohne Gebiß, wie eine Dynamitstange ohne Lunte, wie ein Tintenfisch ohne Tinte.“

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) kommt angesichts der Wortbeiträge verschiedener Gladbacher Fußballrentner nicht um Sarkasmus herum: „Wie schlimm es wirklich steht, läßt sich nicht nur an der Tabelle ablesen, sondern auch daran, wer jetzt ungefragt seine Hilfe anbietet. Nachdem Stefan Effenbergs selbstlose Offerte, als Sportdirektor einzuspringen, einfach ignoriert wurde, hat sich nun Berti Vogts über die Gladbacher Undankbarkeit beschwert. Vogts hatte seinem alten Klub Lothar Matthäus als Trainer angedient und sich selbst als Berater. Angesichts solcher Ratschläge fragt man sich natürlich, ob der Abstieg in die Zweite Liga wirklich schon das Ende der Entwicklung ist. Selbst ohne Vogts’ Zutun ist ein weiterer Verfall nicht auszuschließen. Die Gladbacher sind Experten darin, hohe Erwartungen zu wecken und sie dann locker zu verfehlen.“

Christian Eichler (FAZ) stellt uns Cottbus als Sherwood Forest des deutschen Fußballs vor: „Cottbus ist ein schönes Beispiel dafür, wie der wenn schon nicht totgesagte, dann doch immer wieder krankgeschriebene Osten wunderbar zurechtkommen kann. Natürlich ist es kein repräsentatives Beispiel, es geht ja nur um Fußball. Und doch wird hier gezeigt, wie man auch ohne Westniveau bei Gehältern und ohne ewige Alimente konkurrenzfähig sein kann – die einzige Transferleistung aus dem Westen sind die Punkte, die der Rest der Liga daläßt. (…) Wenn Petrik Sander, ganz kulleräugiges Schlitzohr, die Beutezüge seiner bunten Truppe erläutert, dann braucht man nur etwas Phantasie, um ihn sich in grünen Strumpfhosen als Robin Hood des Fußballs vorzustellen. “

Strahlung

Peter Heß (FAZ) schildert, wie ihn Schalke beim Sieg in Mainz imponiert und gesteht Lincoln einen Leistungsimpuls zu, würde aber seine Hand nicht dafür ins Feuer legen, daß die Harmonie bis zum Saisonende hält: „Das 3:0 ließ keine Schalker Wünsche offen. Die Leistung war tatsächlich von der Art, daß es nur noch heißen konnte: Macht genau so weiter, dann klappt es mit dem Titel! Freilich können die Schalker nicht darauf hoffen, es immer so leicht gemacht zu bekommen wie von den desolaten Rheinhessen. Aber der Tabellenführer ließ in vielen Szenen spüren, daß er noch eine Menge Luft nach oben hat. Der Auslöser der Qualitätsverbesserung war unschwer zu erkennen: Lincoln kehrte in die Mannschaft zurück, und mit ihm wuchs jeder einzelne Profi um ein paar Zentimeter. (…) Der Brasilianer mit dem Selbstverständnis, ein Star zu sein, hat den ‚Königsblauen‘ häufig mit seiner Genialität genutzt, aber auch schon einige Male geschadet, als er sich aus verletzter Eitelkeit zu Unbeherrschtheiten hinreißen ließ. Im Moment sind sie alle Lincoln-Fans auf Schalke. Die Konkurrenz kann nur darauf hoffen, daß das fragile Verhältnis des Spielmachers zu sich, seiner Arbeit und seinen Kollegen kippt. Kein anderer Meisterschaftskandidat kann ihnen mehr gefährlich werden. Nur Schalke vermag sich noch den Weg zum Triumph zu verbauen.“

Philipp Selldorf (SZ) ergänzt: „Mit dem Genie des Brasilianers hat das Publikum immer wieder Schwierigkeiten: Man bejubelt ihn für seine Absatzkicks und übersinnlichen Pässe, aber wie allen Meistern des Okkulten widerfährt ihm zugleich Mißtrauen und Ablehnung. Diesmal gab es keine zwei Meinungen über ihn. Seine Leistung war exzellent. Und was noch wichtiger ist für das Finale im Titelkampf: Mit Lincoln ist die ganze Mannschaft entscheidend besser, sein Vermögen überträgt sich auf die Nebenleute, als ginge eine Strahlung von ihm aus.“

Bibbernder Haufen

Oliver Trust (FAZ) beschreibt seine Enttäuschung über das Spiel der Stuttgarter beim 2:1 gegen Hannover: „Wie ein Spitzenteam präsentierte man sich nicht. Die sonst so munteren Stuttgarter boten diesmal das Bild eines bibbernden Haufens, der auf unerwarteten Beistand hoffen muß. Fehlpässe, stockender Spielaufbau und überhaupt wenig Erbauliches bestimmten das Spiel. Am Ende aber stand ein mit minimalem Aufwand erzielter knapper Erfolg.“

SZ: Müde bis zum Migräneanfall: Nur dank eines kuriosen Mißverständnisses der Hannoveraner Abwehr bleiben die Stuttgarter im Titelrennen

Angsthasenfußball, Absicherung, Durchhalteparolen

Rainer Moritz (Financial Times) macht seiner Wut über die Schwerfälligkeit und den Krampf des Bundesligafußballs Luft: „Ideenarmut waltet fast überall, und die Spielanlage ist so differenziert wie Günther Oettingers Filbinger-Gedenkrede. Oder mit Frank Rost gesagt: Das ‚Fußballerische‘ kommt in der Bundesliga zu kurz, eine schmerzhaft wahre Formulierung. Man stelle sich vor, beim Handball fehle das ‚Handballerische‘, beim Skispringen das ‚Skispringerische‘. Rost hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir müssen uns daran gewöhnen, daß die Bundesliga, von Bremer Sternstunden abgesehen, eine Ansammlung mittelmäßiger Not-und-Elend-Vereinigungen ist. ‚Gelingt ein Déjà-vu zum letzten Wochenende?‘, fragte grammatikalisch kühn ein ARD-Reporter, als die Wolfsburger sich kurzzeitig aufmachten, ihren 0:3-Rückstand wettzumachen. Ja, bei Lichte besehen, erleben wir jedes Wochenende ein Déjà-vu: immer der gleiche Angsthasenfußball, immer Absicherung, immer Durchhalteparolen. Da ist es nur logisch, daß Werner Lorant im deutschen Profifußball wieder Fuß faßt. Irgendwo wird sich auch wieder ein Plätzchen für Egon Coordes oder Rolf Schafstall finden. Und könnte Peter Neururer nicht rasch das Ruder in Mainz übernehmen? Kommt auch nicht mehr drauf an.“

Sonntag, 15. April 2007

Vermischtes

(Nicht nur Leverkusener) Leserbriefe

Sehr geehrter Herr Fritsch,

als langjähriger Leverkusen-Fan fühle ich mich mal wieder so richtig schön verschaukelt! Da fährt man mit einem 0:3 im Rücken nach Spanien und hat eigentlich nichts mehr zu verlieren. Ich hatte mir nun folgendes vorgestellt: Man tut in Osasuna das, was man am besten kann (offensiv spielen), hofft auf ein frühes Tor und versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Vielleicht läuft man in den ein oder anderen Konter und verliert, doch man hätte alles gegeben und könnte erhobenen Hauptes nach Hause fahren. (Was den Verantwortlichen im Vorfeld ja unheimlich wichtig zu sein schien!). Doch weit gefehlt: Leverkusen bringt mit Sergej Barbarez einen halben Stürmer und spielt ein bißchen nett mit. Daß die Spanier wie erwartet auf jegliches Offensivspiel verzichten, wird uns später als „konzentrierte Defensivarbeit“ verkauft und man rühmt sich damit, „nur wenig zugelassen zu haben“. Am Ende schafft man es trotz eines „couragierten Auftrittes“ auch gegen einen gelangweilte B-Elf des Tabellenvierzehnten aus Spanien 0:1 zu verlieren und verbucht dies auch noch als Erfolg. „Ordentlich verabschiedet“ nennen das Skibbe und Co. Sang- und klanglos nennen das andere! „It’s better to burn out than to fade away“ wußte Kurt Cobain. Wie wenig Rockstar in Michael Skibbe steckt, wissen wir spätestens seit Donnerstag …

Wußte nicht wohin mit meiner Wut, also ab zu ihnen! Schönen Gruß, Felix Richter

OF: Nur her damit, Ihr Dr. Sommer des deutschen Fußballs

Hallo Herr Fritsch,

es muß wieder mal gesagt werden, auch wenn Sie’s ohnehin bestimmt öfter hören und solche Randnotizen wie meine vielleicht auch untergehen: indirekter-freistoss.de ist das beste, was im Netz zum Thema Fußball zu finden ist. Von vorne bis hinten und von oben bis unten .

Großes Kompliment!!!

Viele Grüße aus Heidelberg
Henning Parche

Samstag, 14. April 2007

Allgemein

Die Bremer wissen doch noch, wie schönes Spiel funktioniert

Erleichterung in den Zeitungen nach dem 4:1 gegen Alkmaar

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) zieht, dem Halbfinaleinzug Werder Bremens zum Trotz, ein kritisches deutsches Europapokal-Fazit: „Die Jubelmeldungen aus Bremen sollten nicht den Blick auf sportliche Wahrheiten vernebeln. Die lassen sich nüchtern beschreiben: Die Bundesliga hat einen von sieben Klubs ins Halbfinale eines europäischen Wettbewerbs durchgebracht. Diese Bilanz ist ein realistisches Spiegelbild ihres Leistungsvermögens. Die Liga kann, wenn die Saison ihre entscheidende Phase erreicht, ab und an im Uefa-Pokal glänzen; es fehlt ihr aber das Format, in der Champions League mehr als ein paar Nebenrollen zu spielen. Die Liga kann sich mit der Elite des Kontinents, mit den Klasseklubs aus England, Spanien und Italien, längst nicht mehr messen.“

Roland Zorn (FAZ) hingegen hebt das Hoffnungmachende hervor: „Unaufhaltsam, spektakulär und manchmal so brillant wie in der Vorrunde verbreiteten die Norddeutschen einen Glanz, der ihnen und dem deutschen Fußball einen Tag nach dem schmucklosen Ende aller Träume des FC Bayern München von neuem Ruhm in der Champions League guttat. Werder hat vieles von dem zurückerobert, was diese Mannschaft zu Herz-Königen im deutschen Fußball gemacht hat, und dazu Zeichen gesetzt, daß die Rückkehr von gestandenen Profis wie Borowski, Owomoyela, Pasanen und Baumann einen Rückschlag wie das wochenlange Fehlen von Mertesacker mehr als wettmacht. Dazu die Renaissance von Torjäger Klose – wenn das nicht Mut und Laune macht.“ Lesch zieht den zweifachen Torschützen ein wenig auf: „Klose hat entschieden, seiner Tätigkeit als Fußballprofi ab sofort wieder im Hauptberuf nachzugehen und seine Denkarbeit über die großen Fragen des Lebens (Wer bin ich? Wer will mich? Wo will ich hin?) nur noch nebenbei zu verrichten. Er hat mit seinen Teamkollegen bewiesen, daß die Bremer doch noch wissen, wie schönes Spiel funktioniert.“

Die Tore

Freitag, 13. April 2007

Champions League

So nackt stand der Kaiser selten da

Die Bayern müssen sich nach dem 0:2 gegen den AC Mailand von der deutschen Presse einiges über ihre Personalpolitik anhören

Boris Herrmann (Berliner Zeitung) stellt der Bayern-Mannschaft ein schlechtes Ganzjahreszeugnis aus: „Das Spiel wirkte wie der Trailer für einen Film über die gesamte Bayern-Saison: Hinten zu löchrig, vorne zu ideenlos, das sind die Leitmotive dieser Mannschaft.“ Vincenzo Delle Donne (Zeit Online) fügt an: „Die Münchener waren ihren italienischen Kontrahenten in beiden Partien deutlich unterlegen und erweckten kaum den Eindruck, eine europäische Spitzenmannschaft zu sein – weder spielerisch noch taktisch.“

Heinz-Wilhelm Bertram (Financial Times) malt die Münchner nahe Zukunft schwarz und zweifelt am Trainer: „Ohne Titel, mit viel Schulden auf der Allianz-Arena und eventuell mit Champions-League-Pause – so nackt stand der Kaiser selten da. Die Bayern befinden sich in einer gefährlichen Lebensphase. Und es stellt sich die Frage, ob Hitzfeld die glücklichste Trainerlösung war. Ein mutiger, junger Fußballehrer mit einem leuchtenden Konzept wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen. Was bedeutet hätte, daß die hochbezahlten Geschäftsführer Rummenigge und Hoeneß ein anderes Risiko hätten eingehen müssen als sie bislang bereit waren.“

Wie wär’s mal mit Phantasie?

Herrmann schildert die nachlassende Anziehungskraft des FC Bayern auf ausländische Spieler: „Um das Geld muß man sich wohl trotz der Bauchlandung im Viertelfinale und den damit verbundenen Einnahmeverlusten wenig Sorgen machen. Die Frage ist vielmehr, welche sportliche Perspektive der FC Bayern großen Spielern bieten kann, von denen ja einige nötig wären, um eine große Mannschaft zu formen. Seit Wochen steht der Klub auf dem vierten Platz der Bundesliga, nach Lage der Dinge spielt er damit demnächst im Uefa-Cup. Da kann Hoeneß wohl noch so lange mit seinen schwarz bedruckten Kontoauszügen winken, ein Verein, der keine Planungssicherheit in Richtung Champions League bietet, wird kaum einen Spieler von internationaler Klasse bekommen. Er bekommt Spieler wie Jan Schlaudraff, Hamit Altintop oder José Ernesto Sosa. Dabei träumen sie in München von ganz anderen Namen.“

Andreas Burkert (SZ) rät zu einem radikalen Schnitt in der Vereinspolitik: „Unter dem Strich stand nach den Duellen mit Milan ein Klassenunterschied. Mit der Betonung auf Klasse. Lange haben die Bayern ihre Unpäßlichkeiten gerade im Alltagsgeschäft Bundesliga nicht als Folge eines Mangels an Qualität und ihrer Versäumnisse in der Personalplanung verstehen wollen. Doch schon der taumelnde Königsklub Real hatte angedeutet, was nun Milans prächtig organisierte Altstars zumindest für die europäische Bühne besiegelten: das Ende einer kleinen Mannschaft. Weil es die Münchner versäumt haben, den goldenen Jahrgang 2001 zu ersetzen, steht ihnen jetzt ein Umbau bevor, bei dem es mit Schönheitskorrekturen nicht getan sein dürfte – sofern sie Europas Spitze nicht aus den Augen verlieren wollen. Für die Renovierung besitzt der FC Bayern zwei Optionen: Er kann entweder doch einmal sorglos in die Festgeldkasse greifen, oder er kann es mit Phantasie versuchen. Beide Wege sind für ihn Neuland.“

Zahn der Zeit

Peter Heß (FAZ) stimmt der Kritik an Hoeneß und Rummenigge zu: „Es war eine eklatante Fehleinschätzung, das Münchner Fußball-Ensemble wäre stark genug, um bei den internationalen Festspielen Preise abzuräumen. Mehr noch. Die Mannschaft offenbarte sogar erstaunliche Schwächen, die Tournee über die heimischen Bühnen halbwegs stilvoll durchzuhalten. Gut fünf Wochen vor Ende der Spielzeit droht dem deutschen Rekordmeister eine Blamage: Sogar die Qualifikation für den nächsten Auftritt in der Königsklasse ist in ernsthafte Gefahr geraten. (…) Was ist so gründlich schiefgelaufen? Das Management unterschätzte den Zahn der Zeit, die Neigung zur Bequemlichkeit, wenn Erfolge satt machen. Die Kämpen, die seit Jahren das Spiel der Münchner tragen, vermochten sich immer seltener zu höchster Anstrengung aufzuraffen. Und um mit halber Kraft zu siegen, fehlte den Bayern die spielerische Klasse.“

Die beiden Tore Milans

SZ-Interview mit Hasan Salihamidzic

Tsp: Triumph und Selbstzweifel – England feiert seine drei Halbfinalisten in der Champions League und sorgt sich ums Nationalteam

FR: Spät am Abend wird Wolf in Kaiserslautern der Stuhl entzogen

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