Dienstag, 13. März 2007
Internationaler Fußball
Schulhoffußball
Barcelona und Madrid trotzen dem Ausscheiden in der Champions League mit Offensive
Paul Ingendaay (FAZ) feiert das 3:3 zwischen Barcelona und Real als Wiederauferstehung des Schönen, Wahren und Guten: „Gerade als man nach dem doppelten Aus in der Champions League die ödeste Neuauflage des spanischen Klassikers FC Barcelona gegen Real Madrid erwarten durfte, eine Begegnung der Verlierer, ausgerechnet da entdeckten die beiden Großen der Primera Division ihre Qualitäten wieder und lieferten ein hochklassiges Fußballspiel mit sechs Toren, offenem Schlagabtausch und krimihafter Dramaturgie. Die Männer in Weiß bewiesen, daß in ihnen mehr Herz und guter Fußball stecken, als in der ganzen Saison zu besichtigen war, was nichts Schmeichelhaftes über Trainer Fabio Capello sagt. Der FC Barcelona dagegen, eine Halbzeit lang mit einem Mann weniger auf dem Feld, zog sich allein dank der grandiosen Vorstellung des Jüngsten aus dem Sumpf: Leo Messi.“
Ronald Reng (BLZ) läßt sich nicht blenden: „Es war der passende Schlußpunkt, der Irrsinn in seiner absoluten Schönheit, zu einem Spiel, das eine einzige Reizüberflutung war. 2:1 führte Real nach dreizehn Minuten, 5:2 hätte Barça nach einer halben Stunde führen müssen, und so ging es weiter: Tore, Tempo, Traumpässe, viel zu viel von allem. Wer das Spiel kalt analysierte, erschrak. Es war Schulhoffußball, sorglos, letztlich: unreif. Die Partie verstärkte den Verdacht: Obwohl beide weiterhin zur Spitzengruppe der Liga gehören, wird der spanische Meister vielleicht Sevilla heißen, sehr wahrscheinlich Valencia, nur im Fall einer Überraschung Barça und sicher nicht Madrid.“
NZZ: Traumwandler im Camp Nou – Barcelona und Real Madrid richten sich in der Classique wieder auf
Eine zehnminütige Zusammenfassung des Spiels – mit vergnügten spanischen Reportern
Wie Ali
Ronaldos Treffer gegen Inter liefert Peter Hartmann (NZZ) den Impuls zu einem sporthistorischen Vergleich: „Ronaldo ist, mit 30 Jahren, nicht mehr so schnell, daß er allen Fallenstellern entrinnen kann, aber immer noch ein großer Stürmer. Er läßt die Gegner an sich heran, in den Clinch, um sie zu täuschen, und das erinnert ein bißchen an den größten Boxer, an Muhammad Ali, der auch nicht mehr im Ring tanzte, als er älter wurde und mehr Fleisch auf den Rippen hatte, aber das untrügliche Auge behielt in jeder Situation.“
„Alis“ Tor (mit links) gegen Inter
NZZ: Erzengel Serafini gegen Buffon – ein Serie-B-Kicker bezwingt dreimal den besten Torhüter der Welt
NZZ: Wirtschaftliche Vernunft und sportliche Nivellierung gegen unten in Frankreich
zeit.de: In Rußland beginnt die neue Saison, das Land sieht sich selbst auf dem Weg in die Fußballelite, doch Skandale verdrängen den Sport
Bundesliga
Bayern wie ein echter Titelanwärter, doch Werder mit Dusel
Das Unentschieden zwischen den stürmischen Münchnern und den kühlen Bremern resultiert aus einem Rollenwechsel
Peter Heß (FAZ) deutet Thomas Schaafs Worte und Mimik als Erleichterung und Zuversicht: „Der Werder-Trainer verließ ausgesprochen gut gelaunt die Allianz-Arena. Daß seine Mannschaft eine Halbzeit richtig schlecht gespielt hatte und sich im zweiten Durchgang lediglich in der Defensive ein wenig steigerte, beunruhigte ihn weniger, als ihn die weiteren Aussichten im Rennen um die Meisterschaft beflügelten. In den verbleibenden neun Spieltagen trifft Bremen auf keines der Spitzenteams mehr, während sich Schalke, Stuttgart und München noch gegenseitig Punkte wegnehmen werden. Schaaf ging einfach davon aus, daß kein Gegner mehr in der Lage sein wird, seine leicht irritierte Mannschaft so unter Druck zu setzen, wie es die Bayern taten. Die überragende Mannschaft der Vorrunde lebt im Moment von der Hoffnung. (…) Trotz des Unentschiedens – erstmals seit langer Zeit spielten die Bayern wie ein echter Meisterschaftsanwärter. Dieses Gütesiegel können die Titelkonkurrenten im Moment nicht für sich beanspruchen.“
Jörg Hanau (FR) goutiert die Performance der Bayern: „Trotz des unglücklichen Remis‘ gegen den Erzrivalen fühlten sich die Bayern, kaum war der erste Ärger verraucht, als heimliche Sieger. Die Art, wie sie die Bremer eine Stunde lang vorgeführt hatten, hinterließ bleibenden Eindruck.“ Christian Zaschke (SZ) registriert umgekehrte Vorzeichen: „Die Bremer erzählten stolz, sie hätten aus einer Chance ein Tor gemacht – aber es war ja nicht einmal eine Chance. Das Tor war Glück, und genau deshalb waren die Bremer so froh. Es war die Art von Glück, die man sonst vom FC Bayern München kennt, Fachbegriff: Dusel.“
Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) spekuliert über Ursache und Folge des Gegentreffers für die Bayern: „Oliver Kahn polarisiert wie kaum ein zweiter Bundesligaprofi, und das seit Jahren. Genauso ambivalent ist er mit seiner Leistung. Er hält über Wochen und Monate Bälle, die noch heute, da er fast 38 Jahre alt ist, nur wenige Kollegen parieren. Ebenso gut läßt er aber auch Bälle rein, die ebenfalls nur wenige Kollegen passieren ließen. Der Preis, den der Rekordmeister für Kahns Fehler zahlen muß, könnte hoch sein. Die endgültige Summe steht am 34. Spieltag fest. Die verlorenen zwei Punkte wären Teil einer Gesamtrechnung, nach der die Gerechtigkeit des Fußballs einen sehr langen Atem hat. Die Bayern hatten im Saisonendspurt ein jahrelang kontinuierliches, mitunter unglaubliches Glück. Kahns Fauxpas könnte der Beginn des ausgleichenden Pechs gewesen sein. (…) Da Hitzfeld seinen Verbleib vom Ausgang der Meisterschaft und der Champions League abhängig macht, könnte Kahns Fehler sogar noch über die Schicksalsgemeinschaft FC Bayern und Hitzfeld entscheiden. Die Bayern haben vielleicht viel mehr verspielt als nur zwei Punkte.“
FAZ-Hintergrundbericht über die schwierige Bekämpfung der Fan-Gewalt in Sachsen
Gunter Pilz (TspaS): Warum Fußballfans gewalttätig werden – und wie man ihnen begegnen kann
Tsp: Die DFB-Integrationsbeauftragte Gül Keskinler über gegenseitiges Lernen und Probleme, die keine sind
FR: Nike bittet Zwanziger nach Oregon – pikante Einladung
Bundesliga
Mangelnde sportliche Kompetenz in der Führungsebene
Die Trennung von Jürgen Röber nehmen die Journalisten zum Anlaß, das Dortmunder Management zu schelten und seine Befähigung infragezustellen
Röber ist weg, doch ist damit der Schuldige gefunden und die Dortmunder Krankheit kuriert?, fragt Sven Goldmann (Tsp) rhetorisch und blickt zehn Jahre zurück: „Mag sein, daß Röbers Methoden nicht mehr zeitgemäß sind. Das Elend haben andere zu verantworten. Von Bert van Marwijk heißt es, er habe an Dortmund vor allem die Autobahn in Richtung Heimat geschätzt. Hans-Joachim Watzke schaffte zwar die wirtschaftliche Sanierung, aber vom Fußball verstand der Betriebswirt nicht viel. Das wäre kaum aufgefallen, hätte Watzke einen fähigen Fachmann an seiner Seite gehabt. Michael Zorcs Qualifikation für den Job als Sportdirektor reduzierte sich auf seine Vergangenheit als Idol der Südtribüne. Dortmunds Niedergang begann nicht mit Röber, nicht mit van Marwijk und Watzke. Sondern schon 1997, als Trainer Ottmar Hitzfeld die Mannschaft nach dem Gewinn der Champions League radikal verjüngen wollte. Die älteren Spieler aber soufflierten der Vereinsführung, sie möge doch lieber auf der Trainerposition eine Verjüngung herbeiführen. Hitzfeld mußte gehen. Mannschaftskapitän war damals der 35 Jahre alte Michael Zorc.“
Ein Video aus besseren Zeiten
Matti Lieske (BLZ) nennt die Fehler der Vereinsführung in dieser Saison: „Erst die würdelose Demontage van Marwijks, zu einer Zeit, als das Team in der Tabelle noch ganz gut stand. Dann das stillose Buhlen um von Heesen, der noch anderswo arbeitete. Schließlich die Verpflichtung eines Lückenbüßers mit begrenzter Haltbarkeitsdauer maximal bis Saisonende. Solch ein Arrangement mag mit einem gestandenen Trainerboliden wie Hitzfeld funktionieren, nicht aber mit einem Röber, dem der Mißerfolg seit Jahren treu an den Fersen klebt. Röber konnte unter solchen Umständen nur den Hampelmann abgeben, der verzweifelt um eine Chance kämpfte, die er nie hatte. Die Gelegenheit, rechtzeitig einen respektierten Trainer mit Perspektive zu installieren, haben die Dortmunder verpaßt.“
Auch Frank Hellmann (FR) zeigt auf die Schwächen im Management: „Überraschend ist Röbers Scheitern nicht. Getrieben vom Verlangen, ins Rampenlicht zurückzukehren, und getäuscht vom Blendwerk des ersten Erfolgs gegen die Bayern fand er kein Mittel, die leistungshemmenden Mechanismen im Team zu bekämpfen. Im Spielerkreis herrscht eine an Selbstbetrug grenzende Selbstüberschätzung; fehlende Strukturen und die Abwesenheit einer funktionierenden Hierarchie machen jedem Röber-Erben das Leben schwer. Die Probleme sind hausgemacht und Indizien mangelnder sportlicher Kompetenz in der Führungsebene. Geschäftsführer Watzke mag ein konsequenter Sanierer sein – Stärke im operativen Fußballbusiness hat er nicht bewiesen. Sportdirektor Zorc ist ein verdienter Fußballprofi – im vertrackten Transfergeschäft hat er keine Kreativität erkennen lassen.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) sucht Antworten auf die Fragen, warum es so wenige geeignete Trainer zu geben scheint und welche Rolle ihr Alter spielt: „Trainer gesucht! Das ist die Botschaft dieser Tage, in der in der Liga bekannte Namen scheitern. In der Röber, Heynckes, Magath, jeder auf andere Art, an anderem Ort, feststellen mußten, daß die Mannschaften immer schwieriger zu trainieren sind, weil die Figuren, die auftreten, immer schwieriger werden – samt ihrer Manager. Es gibt offenbar nur wenige Trainer, die diesen von Egomanie geprägten Gruppen die gemeinsame Idee vermitteln können. Trainer, die bereit sind zu akzeptieren, daß dieses Spiel sich verändert hat – und auch sie sich verändern, daß sie reagieren müssen. Beim FC Bayern scheint dies Ottmar Hitzfeld zu gelingen, aber auch, weil der einst schon so Erfolgreiche versucht hat, sich in einem für ihn schmerzhaften Prozeß noch einmal zu hinterfragen, seine Methodik aufzufrischen. Auch Hans Meyer, der Senior der Liga, beweist beim 1. FC Nürnberg, daß es keine Altersfrage ist, ob einer in der Rolle des Dompteurs im Stall der Egomanen überleben kann.“
FR: Sicher ist nur: Lattek macht’s nicht
FAZ-Glosse über Dortmund und Bielefeld: Wildwest in Westfalen
Montag, 12. März 2007
Bundesliga
Der BVB hat sich total verheddert
Dortmunds Sinken als Spätfolge des Neureichtums der alten Vereinsführung? Jürgen Röber vor der Entlassung? / Huub Stevens Strenge, der Hamburger Erfolgsfaktor / Geteilte Meinungen über Christian Ziege, den neuen Gladbacher Sportdirektor
Freddie Röckenhaus (SZ) wertet den Sinkflug der Dortmunder als Spätfolge des Neureichtums unter Niebaum und Meier: „In diesen Wochen zahlt Borussia den erwartbaren Preis für die Sanierung der Finanzen. Geld regiert die Bundesliga, und der BVB hatte über Jahre (neben dem FC Bayern) an der Spitze dieser Bewegung gestanden – damit kam er auch bis in die europäische Spitze, solange die Kreditlinien das hergaben. Jetzt, da der Etat des Vereins nur noch auf Platz fünf oder sechs der Geldrangliste rangiert, rächen sich die Sünden der Vergangenheit. Anderthalb Jahrzehnte lang konnten Trainer und Manager des BVB die Politik verfolgen, mit hohen Millionengehältern und -ablösesummen wenn nicht die Welt, so doch die Bundesliga zu regieren. Jetzt, da die zerfledderte Rest-Mannschaft der goldenen Jahre scheinbar widerstandslos in den Abstieg trudelt, merkt man, daß man sich im Millionen-Poker mit den Profis von einigen hat über den Tisch ziehen lassen.“
Roland Zorn (FAZ) hingegen knöpft sich die aktuelle sportliche Führung vor: „Falsche Sofortmaßnahmen, falsche Zielvorgaben, falsche Personalwahl bei den Profis, falsche Planung im Verein: Borussia Dortmund hat in dieser Spielzeit taktisch, strategisch und konzeptionell so ziemlich alles falsch gemacht. Die Folgen der Fehlerkette sind inzwischen unübersehbar: Der Klub schwebt wie zuletzt 2000 in allerhöchster Abstiegsgefahr. Der Zuschauerkrösus der Bundesliga auf dem Weg zu den armen Schluckern zweiter Klasse? Nichts ist unmöglich in dieser Spielzeit, da die Hälfte aller Vereine Woche für Woche in einem Klima zwischen Bangen und Hoffen dem Ärgsten zu entkommen sucht. Der BVB hat sich total verheddert.“
Röckenhaus trifft, wenn auch in beiläufigem Ton, ein vernichtendes Urteil über Trainer Jürgen Röber: „Mit seiner wohlmeinenden, beinahe altväterlichen Ansprache, seinem begrenzten Repertoire und seinen überholten Trainingsmethoden ist Röber von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Zu kompliziert ist das Gefüge der zerrissenen BVB-Mannschaft, die sich aus einem Rest der Meistermannschaft von 2002 zusammensetzt, aus einigen viel zu schnell hochgelobten Talenten, aus scheinbar kopflos zusammengekauften Zugängen und einem Führungsspieler Christoph Metzelder, der an einen Wechsel zu Real Madrid und an die große Welt denkt. Insider bescheinigen dem größten Teil dieser heillosen Truppe ein Führungs- und Disziplindefizit. (…) Daß die Elf der Borussia, ihre Gruppendynamik und ihre Zusammensetzung, das eigentliche Problem darstellen, läßt sich so spät in der Saison nicht mehr korrigieren. Gesucht wird also ein Sklaventreiber mit Geschick für Zwischentöne.“ Auch Andreas Morbach (FR) rechnet stündlich mit einer Trainerentlassung: „Das Chaos vor der schwarz-gelben Haustür ist groß, an den aufwändigen Kehrarbeiten darf sich Röber wohl nicht mehr sehr lange beteiligen.“
Angst, der Antriebsmotor der Hamburger Profis
Jörg Marwedel (SZ) macht die Strenge Huub Stevens‘ für die neue Stärke des HSV verantwortlich, nicht ohne Thomas Doll noch etwas ins Stammbuch zu schreiben: „Tatsächlich ist offenbar immer mehr Profis bewußt, daß es sportlich auf Dauer wenig bringt, wenn der Trainer fast einer von ihnen ist. Einer, der sich auch mit vierzig noch anzieht wie ein Twen. Einer, der bei einer Auslandsreise schon einmal bis nachts um vier mit dem Team ausgegangen ist. Einer, von dem Spieler, die zu spät zum Training erschienen, oft nicht mehr befürchten mußten als einen Augenaufschlag des Chefs. Sie hatten keinen Respekt mehr vor ihrem Vorgesetzten. Stevens, der Mann mit den nach hinten gekämmten Haaren, machte dagegen schon am ersten Tag klar, welche Regeln bei ihm gelten.“ Frank Heike (FAS) stimmt zu: „Das Leben ist weniger süß, seit Stevens nach Hamburg gekommen ist. Disziplin steht bei allem Denken und Handeln an oberster Stelle, es gibt schlichtweg keinen Platz mehr für Alleingänge außerhalb des Feldes, für Faulheit, Sorglosigkeit und Gedankenlosigkeit. Der Antriebsmotor der Hamburger Profis heißt: Angst. Es ist nicht die Abstiegsangst, sondern Furcht vor dem neuen, respekteinflößenden Coach.“
Interview mit Stevens (TspaS): „Manche Profis sind fast noch Kinder“
Ein neues Gesicht auf einem Markt des Mangels
Richard Leipold (FAZ) verbindet wenig Hoffnung mit dem neuen Gladbacher Sportdirektor Christian Ziege: „Zehn Trainer und Manager in vier Jahren: Kontinuität war einmal. Helmut Grashoff, einst der Inbegriff des Bundesligamanagers, wirkte in Mönchengladbach, als wäre es ein Job auf Lebenszeit. Die Borussia brauchte in der Bundesliga zwei Jahrzehnte, bis in Wolf Werner im Herbst 1989 der erste Cheftrainer entlassen wurde. Das war noch zu jenen Zeiten, als Gladbach als sportlicher und gesellschaftlicher Gegenentwurf zum Münchener Establishment galt, nicht so proletarisch angehaucht wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund, die lange Zeit auch das Zeug dazu hatten. Inzwischen gibt es in der kruden Personalpolitik des Klubs nur noch eine Konstante: den Rückgriff auf alte Borussen – wenn irgendwie möglich. Die meisten Trainer der vergangenen Jahre paßten jedenfalls in dieses Profil und auch der neue Manager Ziege. Wenn schon jemand auserwählt ist zu scheitern, dann, bitte schön, ein Borusse alter oder neuer Schule.“
Daniel Theweleit (taz) jedoch kann dieser Personalentscheidung etwas abgewinnen, zumal auch weil Stefan Effenberg dadurch verhindert worden ist: „In der Bundesliga, diesem Becken der alten Seilschaften und Klüngeleien, hätte der mitunter steinzeitlich denkende Effenberg (‚Arsch aufreißen, Gras fressen‘) beste Aussichten gehabt, wenn er einen alten Weggefährten auf dem Gladbacher Präsidentenstuhl angetroffen hätte. Der Textilunternehmer Königs aber fand einen, der sich zwar nicht beworben hat, der dafür aber in die Klinsmann/Löw-Line paßt: Christian Ziege. Vielleicht war das ein genialer Coup des Präsidenten. Er hat sich für die eloquentere, die besonnene und – mit Verlaub – intelligentere Alternative entscheiden. (…) In jedem Fall wird hier nun ein neuer Sportdirektor ausgebildet, ein neues Gesicht auf einem Markt des Mangels.“
Sonntag, 11. März 2007
Ball und Buchstabe
Abkehr vom Gewohnheitsrecht
Die Neue Zürcher Zeitung geht einem neuen Trend im deutschen Tor auf den Grund
Stefan Osterhaus (NZZ) liest die Torwartwechsel in Leverkusen (Adler für Butt) und Schalke (Neuer für Rost vor rund einem halben Jahr) als neue Antwort auf die deutsche Generationenfrage: „Gemeinsam verkörpern sie die Abkehr zweier Klubs von der sakrosankten Nummer 1, die in den meisten Fällen auch noch die Patina von Hunderten von Bundesligaspielen in den Strafraum schleppen muß. Und vielleicht stehen sie auch für einen kleinen Mentalitätswandel. Denn während Jahrzehnten, als Gestalten wie Maier, Schumacher und Kahn dem Torhüterspiel weltweit den Stempel aufdrückten, hat sich der Irrglaube etabliert, daß allein ein Keeper kurz vor Eintritt ins Pensionsalter der Abwehr die nötige Sicherheit gewährleisten kann. Kahn, Schumacher, Maier und Köpke war der Platz im Tor nur durch höhere Gewalt zu nehmen; ihre Legitimation war oft mehr das Gewohnheitsrecht als die gegenwärtige Verfassung.“
Gerade im internationalen Vergleich steche der deutsche Hang zur Routine hervor: „Zu ihren Keepern unterhielten die Deutschen stets eine besondere Beziehung. Hier war Weltklasse quasi garantiert. Zwar verfügt noch immer keine europäische Spitzenliga über eine derartige Anzahl an passablen Goalies aus dem eigenen Land wie die Bundesliga. Doch in der Auswahl junger Spitzenkräfte sind die Trainer mitunter weniger von Skrupel getrieben als die deutschen Kollegen. In Spanien trug Iker Casillas schon früh die Verantwortung bei Real Madrid und im Nationalteam. Gianluigi Buffon hütete bereits in seinen frühen Zwanzigern das Tor der Squadra Azzurra. Petr Cech galt bis zu seiner schweren Kopfverletzung keineswegs zu Unrecht als einer der sichersten Torleute des Erdballs. Als er 2004 nach einer überragenden EM beim Chelsea FC unterschrieb, war er 22 Jahre alt. Das alles geschah, während sich Oliver Kahn jenseits der 35 und des eigenen Zenits stoisch weigerte, Konkurrenten auch nur als solche wahrzunehmen.“
Auch die gegenwärtige und künftige Besetzung im Tor der deutschen Elf nimmt Osterhaus in den Blick und macht sich für diejenigen stark, die nicht nur mit der Hand gut sind: „In Deutschland hatten die Bundestrainer stets die Qual der Wahl. Allein die Jugend mancher Kandidaten schien ein Ausschlußkriterium. Jens Lehmann, 36 Jahre alt, ist auch beim besonnenen Reformer Joachim Löw noch gesetzt. Auch hier geht es um Verdienste, doch vordergründig spielt der alte Herr von Arsenal einer Eigenschaft wegen, die dem Kombattanten Kahn Zeit seines Fußballerlebens ein Mysterium blieb: Der Ball am Fuß ist ihm kein Fremdkörper, er spielt stets den ersten Paß. Neuer und Adler als Vertreter der jüngsten Generation versprechen gegenüber den ehedem hoch gehandelten Reflexwundern wie Roman Weidenfeller und Tim Wiese genau diesen Vorzug – weswegen die Chancen gar nicht so schlecht stehen, daß im deutschen Fußball auch in der Zeit nach Lehmann die Spieleröffnung mit dem Torhüter beginnt.“
Hallo Herr Fritsch,
ich wäre Ihnen dankbar gewesen, wenn Sie in Ihrer Nachlese zum Spiel Bayern-Real auf das wieder mal großspurige Auftreten Karl-Heinz Rummenigges eingegangen wären. Seine Schiedsrichter-Schelte gegenüber Lubos Michel war ja wieder ein Lehrstück bajuwarischer Arroganz. Natürlich ging dem Elfmeter kein Foul voraus – geschenkt. Aber dem Schiri bei den beiden Platzverweisen mangelndes Fingerspitzengefühl vorzuhalten, war schon recht abenteuerlich. Zu harmlos seien die Vergehen gewesen. Die Deutung dieser Aktion müßte wohl eigentlich richtig heißen: Warum gehe ich als ein mit Gelb vorbelasteter Leistungsträger (van Bommel) ein derartiges Kindergartengerangel ein und zwar so lange, bis ich vom Platz fliege? Zudem war der Elfmeter in meinen Augen ausgleichende Gerechtigkeit, denn Michel hatte Real kurz zuvor eine glasklare Chance genommen, als er fälschlicherweise auf Abseits entschied. Aber diese Szene wurde in der Nachbesprechung im Premiere-Studio mit dem Ex-Premiere-Experten Hitzfeld natürlich weder gezeigt noch überhaupt erwähnt. Was lernen wir daraus? Die Bayern haben zwar schwierige Monate hinter sich, aber ihr Selbstverständnis hat keinen Schaden genommen. Wer hätte auch anderes erwartet …
Frank Lübberstedt
OF: Mir ist eher Rummenigges belehrende Wortwahl aufgefallen: „Hier ist vom Schiedsrichter schlecht gearbeitet worden.“
Samstag, 10. März 2007
Allgemein
Zeitreise zurück in die Achtziger
Bremen siegt 1:0 in Vigo – Ronald Reng (Berliner Zeitung) räumt bei der Gelegenheit mit einem Mißverständnis über die Primera Division auf: „Es werden rücksichtslosere Gegner kommen auf dem Bremer Weg, den Uefa-Cup zu gewinnen. Was sie in Vigo vor allem lernen konnten, war, wie gut sie es in Deutschland haben. Der Glaube, daß es in Spanien (und England) viel besser als in der Bundesliga sei, sitzt fest in deutschen Köpfen. Weil man immer nur Madrid und Barcelona sieht, Grandezza und Olé. Doch auch Vigo ist Spanien: 9.000 Zuschauer verloren sich im Balaídos-Stadion, für Deutsche war es eine Zeitreise zurück in die Achtziger zu kalten Abenden in fast leeren, veralteten Stadien – im Spanien jenseits von Real und Barça ist dies immer noch der Alltag. Gut die Hälfte der Erstligisten kriegt selten über 17.000 Fans zusammen, um technisch zwar gute, aber vorsichtige, langsame Teams wie Celta zu sehen. Deshalb mußte es auch niemanden in Deutschland allzu traurig stimmen, daß die tempoarme Partie in Vigo nicht im Fernsehen zu betrachten war.“
NZZ: Drei englische Klubs im Champions-League-Viertelfinale – ist das überhaupt ein englischer Erfolg?
Freitag, 9. März 2007
Champions League
Große Fortschritte bei der Wiederauferstehung
Die Presse verteilt sehr gute Noten an die Bayern, verweist aber auf den Gegner Real Madrid, von dem sie nicht viel hält
Christoph Ruf (rund-magazin.de) schnalzt mit der Zunge ob dem Auftritt der Bayern: „Die zuweilen so mathematisch dröge agierenden Taktiker spielten so entfesselt, daß selbst die Geräusche des notorisch konsumistischen Münchner Publikums in ungeahnte Dezibelgrade emporschnellten. Selbst in der Nachspielzeit hatte man nie den Eindruck, die Mannschaft gerate ins Flattern, zumal sie vor lauter Spielfreude die Ratio nicht vergaß. Bei allem verdienten Lob für die Gastgeber – so grotesk schlecht wie Real Madrid tritt nicht jede Mannschaft auf. Real wirkte wie ein teigiger Rentner, der vorgibt, mal jung gewesen zu sein: Kein Einsatz, keine Leidenschaft, keine Kommunikation auf dem Feld. Schlimmer: Beim besten Willen war keine Idee vom Spiel zu erkennen.“
Christoph Biermann (SpOn) erstellt eine Liste der kleinen Mängel: „Es gab auch gegen Real noch schauerlichen Fehler aus der Höllenzeit zu sehen. Der riesige van Buyten etwa überließ immer noch dem kleinen Lahm jene Kopfballduelle, die er doch besser selber bestreiten sollte. Rätselhaft war auch, daß van Bommel trotz seiner Bewährungsstrafe erneut so aufgedreht war, daß er die Gelb-Rote Karte sah. So ganz ist die rote Bestie also noch nicht wieder bei sich angekommen. Aber in Schalke, Stuttgart und Bremen muß man trotzdem wieder nervös an den Fingernägeln kauen, denn die Bayern machen große Fortschritte bei ihrer Wiederauferstehung.“ Auch Stefan Osterhaus (SpOn) gibt zu bedenken: „Geschichte wiederholt sich selten, und beim FC Bayern sollte man sich von der Rückkehr Hitzfelds nicht zu viele Wunder versprechen. Denn Real Madrid, das war ab der ersten Ballberührung von Roberto Carlos zu spüren, stellte vieles dar, nur kein europäisches Spitzenteam. Das wartet aber schon bald auf die Bayern – garantiert im Viertelfinale.“
Heinz-Wilhelm Bertram (FTD) betont die hervorragende Verhandlungsposition Ottmar Hitzfelds: „Hitzfeld feierte einen triumphalen persönlichen Sieg. Seit seinem Rauswurf pflegt er ein gesundes Mißtrauen den Bayern-Bossen gegenüber: Sind sie wirklich loyal zu mir? Oder brauchen sie mich nur? Das sind die Gretchenfragen, die Hitzfeld seit seiner Rückkehr beschäftigen. Es ist sein stilles Duell mit denen, die ihn im März 2004 entließen und seinen Rauswurf als harmonisch-einvernehmlichen Geschäftsakt verkauften. Obwohl er ihn mitten ins Herz traf. Jetzt sind die Karten neu gemischt. Hitzfeld genießt es, daß ihm die Bosse plötzlich aus der Hand fressen. Er wird sein süßes Spiel der Revanche in vollen Zügen auskosten. Sollte er seinen Vertrag verlängern, so wird er nicht nur der mächtigste Trainer der Bundesligageschichte werden. Bleibt er länger, so werden ihm Hoeneß und Rummenigge Rekordmillionen und funkelnde Rubine zu Füßen legen. Rubine so rot wie das Bayern-Trikot und wie die leuchtende Allianz-Arena nach dieser rauschenden Fußballnacht.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) wagt nach dem Achtelfinale keine Prognose: „Bayern und Real haben sich ein irre spannendes, nach jüngsten taktischen Erkenntnissen jedoch nicht gerade hochwertiges Duell geliefert. Indiz dafür ist eine Inflation der Chancen und Tore. (…) Noch nie hat eine Mannschaft bislang den Champions-League-Titel verteidigen können, was eines zeigt: Es gilt heute, den Augenblick zu nutzen, auf der Welle des Erfolges zu surfen, falls man sie einmal erwischt.“ Auch Roland Zorn (FAZ) verweist auf die Ausgeglichenheit der acht verbliebenen Teams: „Favoriten, Außenseiter – selten hat sich die europäische Meisterklasse in ihrer entscheidenden Phase so ausbalanciert gezeigt wie in dieser Saison. Die Teams, die im Vorjahr mit Traumfußball zauberten, wie Barcelona und Arsenal, haben sich diesmal schon im Achtelfinale verabschiedet. Sowohl die Mannschaft von Frank Rijkaard als auch der Kader von Arsène Wenger wirken in der Spielzeit nach der kraftraubenden Weltmeisterschaft nicht frisch, phantasievoll und athletisch genug. Wer diesmal ganz vorn dabei sein will, muß die Kunst des zähen Ringens um jedes Tor beherrschen.“
Roy Makaays Tor in Zeitlupe (youtube)
Donnerstag, 8. März 2007
Champions League
Gegen den Zeitgeist
Ronald Reng (Berliner Zeitung) empfiehlt Inter Mailand nach dem erneuten Ausscheiden ein engeres Korsett: „Inter, dessen Namen unter den Größten geführt wird, das aber seit 1965 den Europacup nicht mehr gewann, ist schon wieder, ist wie immer zu früh ausgeschieden. Inters Ruf, am meisten Geld für den geringsten Erfolg zu investieren, steht auf solidem Fuß. Das Spiel in Valencia schrie es hinaus: Inters Elf ist eines durch und durch – seltsam. Dies ist das Jahr von Teams wie Valencia, Chelsea oder Liverpool, die alle irgendwie gleich wirken, eng gestaffelt in der Defensive, schnell, technisch sauber und schnörkellos im Angriff; immer gut und oft dröge. Das Inter Mancinis, der als Spieler ein fantasista war, einer, der Spiele aus der Eingebung steuerte, dagegen vertraut noch immer der Kraft des Impulses. Das Spiel fließt dahin, ohne die strengen Automatismen, im Vertrauen, bei der Klasse seiner Spieler werde irgendwann schon irgendetwas passieren. Erfolg schien 2007 so nicht mehr möglich zu sein. Inters Triumphzug durch die Serie A widerlegt die These, aber vielleicht war das verdiente Aus in Europa gegen einen vorbildlichen Vertreter des rigiden taktischen Zeitgeists genauso zwangsläufig.“
Zukunft hinter sich
Nach dem Ausscheiden in Liverpool – Raphael Honigstein (Tagesspiegel) glaubt, den Anfang vom Ende der aktuellen Barcelona-Elf erlebt zu haben: „Es drängte sich der traurige Eindruck auf, daß in diesem Achtelfinale eine Ära halblaut Abschied genommen hatte, die noch gar nicht so richtig begonnen hatte. Klar, die umschwärmten Decos, Messis und Ronaldinhos werden sicher auch in Zukunft zaubern. Fragt sich nur, ob zusammen: Rijkaard wird Amtsmüdigkeit nachgesagt, Eto‘o hat ein lukratives Angebot von Liverpool vorliegen, Deco zieht es zum bald Mourinho-losen FC Chelsea. Die Zukunft hat diese Mannschaft hinter sich.“
NZZ: Falscher Stolz – nach dem Champions-League-Out belügt sich Barcelona selber
FAZ: Über die Hispanisierung Liverpools
Die Highlights von Liverpool – Barca auf youtube:
BLZ: Michael Ballack erarbeitet sich mit seinem Siegtor für den FC Chelsea endlich Respekt
Ball und Buchstabe
Gewalt vorgelebt
Die Presse mahnt die prügelnden Fußballprofis aus Valencia und Mailand an ihre Vorbild- und die Verbände an ihre Straffunktion
Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) bringt die Schlägerei zwischen den Spielern mit allgemeiner Fan-Gewalt in Verbindung: „So lange die Spieler auf dem Platz ihre Aggressionen dermaßen brutal abbauen, gibt es auch keinen Grund zur Hoffnung, daß man die ebenfalls vermehrt auftretenden Zuschauerausschreitungen in den Griff bekommt. Auch wenn’s mittlerweile ziemlich abgedroschen klingt: Die Vereine sollten die Profis dringend an ihre Vorbildfunktion erinnern. Und die Spieler sollten nicht nur vor dem Anpfiff medienwirksam irgendwelche Plakate ausrollen, auf denen sie sich gegen Gewalt und für Fairness aussprechen; sie sollten sich gefälligst auf dem Platz auch dementsprechend verhalten.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) erinnert die Verbände an ihre Sanktionsmöglichkeiten: „Der Fußball darf sich nicht hinter der Politik verstecken, wie er es gerne tut, sobald es unangenehm und teuer wird. In diesem Betrieb steckt genügend Finanzkraft, um sozial wirkungsvoller als bisher aktiv zu werden. Es gibt aber auch einen breiten Kanon von Sanktionsmöglichkeiten, wie bereits vorgestellt bei Feyenoord Rotterdam: Der Klub wurde wegen der permanenten Randale seiner Fans aus dem Uefa-Cup entfernt. Hier wurde eine Verantwortung für die Kuttenträger bei den Klubs festgesetzt. Eine ähnlich harte Sanktion ist nun auch im Fall Valencia zu erwarten. Denn das Mindeste ist, daß die Vereine in Haftung zu nehmen sind, wenn ihre Angestellten, die vielen Vorbild sind, die Gewalt auch noch vorleben.“
FAZ: Valencia und Inter – Hooligans aus der Fußball High-Society
Hier ein paar Szenen (youtube), auch mit Cruz und Cambiasso:
Montag, 5. März 2007
Am Grünen Tisch
Niemals geht man so ganz
Pressestimmen zum überraschenden Comeback Gerhard Mayer-Vorfelders auf der Bühne der Sportpolitik
Wolfgang Hettfleisch (FR) bestaunt das Stehaufmännchen Mayer-Vorfelder: „Er mag in seiner langen Laufbahn häufig angezählt worden sein, aber k.o. gegangen ist er nie. Und auch jetzt macht es ganz den Eindruck, als arbeite der bald 74-Jährige an einem weiteren überraschenden Comeback. Mayer-Vorfelders Zukunft liegt auf dem Feld der internationalen Fußball-Diplomatie. Bis 2009 sitzt er im Exekutivkomitee der Uefa, zu deren Vizepräsident er jüngst aufstieg. Noch ist Mayer-Vorfelder also ein Machtfaktor, und das läßt er Nachfolger Theo Zwanziger und dessen leitende Mitarbeiter spüren, wo er kann. Denn aus seiner Sicht haben sie ihn gedemütigt, haben ihm verweigert, was ihm zusteht. Dabei hätte alles so einfach sein können. Sie hätten ihn beim Außerordentlichen DFB-Bundestag vorigen September nur zum zweiten Ehrenpräsidenten neben Egidius Braun ernennen müssen. Eine Frage des Respekts – und eine der Privilegien. Ein DFB-Ehrenpräsident hat Sitz und Stimme im Vorstand – geschenkt. Aber er hat auch einen Dienstwagen samt Fahrer.“
Roland Zorn (FAZ) stimmt ein: „Niemals geht man so ganz – auf welchen deutschen Sportfunktionär träfe Trude Herrs kölsche Abschiedshymne besser zu als auf Gerhard Mayer-Vorfelder. (…) Theo Zwanziger schloß jetzt mit seinem ungeliebten Kollegen einen Burgfrieden, über den Mayer-Vorfelder geschmunzelt haben dürfte. Er ist wieder da, mischt wieder mit und bleibt gefragt in diesen Monaten, da der DFB sich um die Ausrichtung der Frauen-Weltmeisterschaft 2011 bewirbt. Darüber entscheidet zwar im August die Exekutive der Fifa, in der aus Deutschland nicht Mayer-Vorfelder, sondern Franz Beckenbauer sitzt. Doch die Fifa wird von Joseph Blatter regiert, und auch der Schweizer hat mindestens einen, nun sogar wieder einflußreichen Freund in Deutschland: Gerhard Mayer-Vorfelder.“
Philipp Selldorf (SZ) ergänzt: „Mayer-Vorfelder, der von seinen zahlreichen Gegnern schon oft voreilig für erledigt erklärt worden ist, will noch nicht aus dem Mittelpunkt abtreten. Eine Karte ist ihm geblieben, und die erweist sich in der Form seines (personen-, nicht verbandsgebundenen) Mandats in der Uefa-Exekutive als furioser Trumpf. Kaum im Amt, beförderte ihn Michel Platini zu einem seiner vier Stellvertreter, was ein durchsichtiges, aber effektvolles Manöver der Vergeltung war. Der DFB hatte ja vor den Wahlen Partei ergriffen für Lennart Johansson. Dem Franzosen kam da Mayer-Vorfelder als Rache-Botschafter gerade recht: Auch der fühlt sich vom DFB schlecht behandelt. (…) Mayer-Vorfelder spricht es zwar nicht aus, aber er hat gute Gründe, seine Situation in der Isolation zu genießen. Sie erlaubt ihm, all diejenigen zu ärgern, die geglaubt haben, sie hätten die Akte Mayer-Vorfelder beim DFB endlich geschlossen.“
Wolfgang Hettfleisch (FR) würdigt die Politik Zwanzigers: „Ungeachtet dieser Sandkastenspiele gilt es festzuhalten: Der Wechsel an der Spitze hat dem DFB gut getan. Vom Umgang mit der NS-Vergangenheit des DFB über die Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Gewalt bis zur Hinwendung zum Breitensport und seinen Problemen setzte Zwanziger Akzente, die seinem Vorgänger fremd waren. Diesen künftig als ‚Schattenpräsidenten‘ neben sich dulden zu müssen, ist ein Rückschlag für den durchaus machtbewußten Mann aus Altendiez. Wer ihn ein bißchen kennt, ahnt: Dabei wird er’s nicht bewenden lassen.“
taz: Der DFB stellt den Funktionären an der Basis ein Konzept vor, mit dem er auf den demografischen Wandel reagieren will; auch flexible Mannschaftsgrößen sind dabei ein Thema
BLZ: Jungstürmer und Hitlergruß – vor allem ostdeutsche Fußballvereine werden zunehmend von rechtsradikalen Gruppierungen unterwandert
FAZ: Über die Brüder Sport und Alkohol
FAZ: „Nirgendwo wird so viel getrunken“ – eine Studie über das Suchtpotential in Fußball und Handball
Freitag, 2. März 2007
Vermischtes
Schwere Nüsse knacken
Roland Zorn (FAZ) ist beeindruckt vom VfB Stuttgart, 2:0-Sieger gegen Hertha: „Armin Veh wurde exemplarisch vor Augen geführt, wie weit seine junge Mannschaft, die ja auch noch Deutscher Meister werden kann, inzwischen ist. Wenn es gilt, kann sie auch schwere Nüsse knacken. Anders als vergangene Woche war die Berliner Mauer schon nach 38 Minuten durchlöchert, als der VfB den ersten Moment zum freien Handeln sogleich entschieden nutzte.“ Christian Zaschke (SZ) spöttelt: „Die Fans der anderen Klubs stimmen seit Jahren ein beschwingtes Lied an, es heißt: ‚Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin‘, und wenn die Fans der Hertha Humor hätten, dann würden sie einfach mitsingen, denn obwohl sie nie ins Endspiel kommen, müssen sie doch stets nach Berlin zurück.“
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Donnerstag, 1. März 2007
Vermischtes
Ein Fall fürs Fußballfeuilleton
Pressestimmen zu den Viertelfinalsiegen Frankfurts und Wolfsburgs im DFB-Pokal
Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) betont seine Überraschung darüber, wie eindeutig die Eintracht das Hessenderby für sich entschieden hat: „Die Machtverhältnisse am Main sind in einer Weise zementiert worden, wie es nicht vorhersehbar war. Im Nachhinein nimmt sich das Geplänkel zwischen den Oberhäuptern beider Städte mit Schiffchenfahrt von hier nach dort und retour, einem gemeinsamen Essen der Vorstände, wie seichte Folklore aus. Die knallharte Analyse indes besagt, daß der OFC kein adäquater Gegner mehr für die Eintracht ist. Da konkurriert bestenfalls noch eine mittelständische Firma mit einem Großbetrieb, dessen Geschäftszahlen im Vergleich zu denen des Kleineren geradezu erdrückend sind. (…) Die Kickers hatten sich ihren Auftritt im Rampenlicht als wunderbare PR-Angelegenheit in eigener Sache ausgemalt. Als Appetitmacher für potentielle Investoren und Sponsoren. Der Schuß ging, pardon, nach hinten los.“
Auch Christoph Hickmann (SZ) hat mehr Brisanz und Rivalität erwartet: „Viel Lärm um nichts. Was das Geschehen rund um das Stadion anbelangte, war das ja durchaus erfreulich. Vor dem Spiel waren die Wege zum Stadion von derart viel Polizei gesäumt gewesen, daß man sich eher an einen G8-Gipfel denn an ein Derby erinnert fühlte. Letztlich aber hatten die Beamten keine Mühe, die einander tief abgeneigten Anhänger der Kickers sowie der Eintracht voneinander fernzuhalten. Abgesehen von ein paar Leuchtkörpern aus dem Eintracht-Fanblock blieb es dabei, daß sich die Anhänger beider Lager wechselseitig bezichtigten, von Damen des horizontalen Gewerbes abzustammen. Weniger froh konnte man darüber sein, daß die 90 Minuten auf dem Rasen ähnlich ruhig verliefen. Die Niederlage der Kickers war vom Spannungsfaktor vergleichbar mit einem dieser Fernsehfilme, an dessen Beginn der Singlemann der Singlefrau versehentlich den Kaffee über die Bluse kippt: Das Ende war vorhersehbar.“
Kommt eher selten vor – Claudio Catuogno (SZ) schwärmt vom Wolfsburger Sieg gegen Aachen: „Große Kunst – das war dieses Viertelfinale gewesen, jedenfalls aus Sicht des ganz von sich selbst berauschten VfL Wolfsburg. Der hatte das 2:0 gegen die Aachener nicht etwa auf den Rasen gepinselt, nein: In Öl gemalt hatte er es. Als eine Art Kultur-Event zelebriert: Zauberfußball aus Niedersachsen, die beste erste Halbzeit der Vereinsgeschichte, ein Fall fürs Fußballfeuilleton. Man konnte es natürlich auch nüchterner betrachten. Dann war das 2:0 vor allem ein interessanter Einblick in den aktuellen Zustand des stets ambitionierten, aber bisher wenig erfolgreichen Kleinstadtklubs. Es war beeindruckend – aber auch deshalb so einfach, weil das Spiel der Aachener aus einer einzigen großen Lücke bestand. Die knallgelben Gäste ließen sich ausspielen wie elf Kanarienvögel auf einer Stange. Anders als in der Malerei schätzt der neutrale Beobachter, wenn es um Fußball geht, den Widerstand eines Gegners. Aachen stand für diese Rolle nicht zur Verfügung.“
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