indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 15. Dezember 2006

Unterhaus

Vielleicht braucht es einen frischen Windstoß

Freiburg und Volker Finke werden sich am Saisonende trennen, und obwohl die Presse an Finkes Großtaten in der Vergangenheit erinnert, findet sich keine kritische Stimme zu dieser Entscheidung

Andreas Lesch (BLZ) ehrt Volker Finke und will ihn daran messen, welches Erbe er hinterläßt: „Finke ist als Gesamtkunstwerk zu verstehen. Er hat die erstaunte Konkurrenz gelehrt, daß Geld ersetzbar ist – durch Kreativität. Er hat seinen Klub zum Gegenentwurf der anderen Vereine gemacht, zum cleveren Nischenfinder, ökologisch abbaubar. Als Finke alles anders gemacht hat, hat die Bundesliga gemerkt, daß sie alles gleich macht. Der Hype um seine Ideen hat erst die verschnarchte Stromlinienförmigkeit der Rivalen offenbart. (…) Ob die Arbeit des Trainers wirklich nachhaltig war, ob sie dem Klub auch in der Zukunft helfen wird, ist noch nicht zu ermessen – Werder Bremen und der Karlsruher SC jedenfalls sind nach der Trennung von ihren Langzeitherrschern Rehhagel und Schäfer abgestürzt.“

Stefan Hermanns (Tsp) schätzt vor allem Finkes unabhängigen Geist: „Volker Finke hat – wider alle Erfahrung – fünfzehn Jahre in Freiburg durchgehalten und in dieser Zeit sogar drei Abstiege überstanden. Für die Branchengesetzeshüter hat er sich damit der fortgesetzten Anarchie verdächtig gemacht. Aber Finke hat die Legislative aus Bild und DSF-Stammtisch genauso wenig anerkannt wie Udo Lattek als obersten Verfassungsrichter. Vielleicht war dieser Akt des Widerstands seine größte Leistung für den deutschen Fußball.“

Finke steht schon jetzt für die Vergangenheit

Nadeschda Scharfenberg (SZ) würdigt Finkes große Verdienste, hält aber auch einen Abschied von ihm für geboten: „Es gibt keinen anderen Trainer, der aus wenig so viel gemacht hat. Die Spielstätte, einst ein Acker mit einem Bretterverschlag als Tribüne, ist zu einem modernen Stadion mit 25.000 Plätzen und Solarzellen auf dem Dach ausgebaut, und es gibt die Fußballschule, der Stolz der Freiburger. Das sind bleibende Werte, die sich der Verein aufgebaut hat, ohne Schulden zu machen. (…) In jüngster Zeit scheint die Philosophie zu verstauben, im Treibsand zu versinken wie eine Oase in der Wüste. Die Freiburger Verantwortlichen, Manager, PR-Manager, Trainerteam, sind alle im System Finke großgeworden, sie haben es so verinnerlicht, daß es ihnen schwer wird, es weiterzuentwickeln. Vielleicht braucht es einen frischen Windstoß, um den Sand wegzupusten.“

Mathias Schneider (StZ) kritisiert den Kompromiß als halbherzig: „Der SC und sein Finke wirken wie ein Ehepaar, das weiß, daß es miteinander nicht mehr geht, aber es nicht fertigbringt, sich diese Niederlage einzugestehen. Der dringend benötigte Aufbruch der Mannschaft zu neuen Ufern wird durch das Zaudern der Entscheidungsträger eher gehemmt als provoziert. Dafür dokumentiert die Scheu vor einem klaren Votum – und sei es pro Finke! –, unter welch großem Führungsvakuum der Klub unter seinem Präsidenten Achim Stocker mittlerweile leidet. Seit gestern hat die Krise den ganzen Verein erreicht – mit unabsehbaren Folgen.“ Frieder Pfeiffer (SpOn) ergänzt: „Auch Ankündigungen, wie die geplante Einbeziehung Finkes in die Suche nach einem Nachfolger täuschen nicht darüber hinweg, daß die Tage des Gutsherren aus Freiburg gezählt sind. Finke steht schon jetzt für die Vergangenheit.“ Oliver Trust (Tsp) schreibt über die Freiburger Presseankündigung: „Der Sportclub hat ihm viel zu verdanken, das schimmert überall durch, allein deshalb kommt es nicht zur sofortigen Trennung. Manches klang deshalb so verklärt, als teile der Pfadfinderbezirk Breisgau eine Entscheidung mit.“

FR-Interview mit Freiburgs Manager Andreas Bornemann über Finke

Wissen Sie was? Behalten Sie doch Ihr Vorurteil!

Ein Auszug aus dem Spiegel-Interview mit Christoph Daum
Spiegel: „Sie wurden in Köln wie der Messias empfangen. Eine Zeitung schrieb: ‚Wir sind Daum‘. Das wirkt wie die Sehnsucht nach jemandem, der die Hand auflegt, und alles wird gut. Von Arbeit will in Köln niemand etwas hören.“
Daum: „Dann muß man das eben wiederholen, wiederholen, wiederholen. Lernen heißt wiederholen. Bei einem Verein wie dem 1. FC Köln kann man nur mit knallharter Arbeit etwas ändern. Aber Fußball hat heute nicht nur hier Event-Charakter, das Spiel hat sich von seinen Ursprüngen gelöst.“
Spiegel: „Sie könnten versuchen, sich dagegenzustemmen.“
Daum: „Keine Chance, vergiß es! Das wäre eine Aufgabe für Don Quichotte. Man kann nur versuchen, die wichtigen Dinge in den Vordergrund zu rücken: das Spiel und die Arbeit. Andererseits lebt das Großereignis Fußball zu einem großen Teil von dieser Emotionalität. Nun könnte man da eine Käseglocke drüberstülpen, aber dann würde man der Sache eine ihrer Grundsäulen nehmen, die Fußball zu so einer unvergleichlichen Erlebniswelt gemacht hat.“
Spiegel: „Sie haben in Ihrer Karriere diese Erlebniswelt oft bedient.“
Daum: „Das ist der größte Unsinn, der mir immer wieder vorgeworfen wird. Wer war eigentlich zuerst da? Ich oder die Medien? Es heißt: Daum inszeniert sich selbst, weil es Ihnen gut gefällt, mich als einen Selbstdarsteller zu bezeichnen. Aber im Prinzip ist die Presse oft der Provokateur.“
Spiegel: „Herr Daum, Sie haben 1989 live im Fernsehen Jupp Heynckes und Uli Hoeneß beleidigt. Sie haben Geldscheine an die Kabinentür genagelt, um die Spieler heißzumachen. Sie haben während Ihrer Kokainaffäre die Öffentlichkeit belogen, und später nach Ihrer Rückkehr aus den USA wurde Ihre Entschuldigungspressekonferenz zur Comedy-Show. Dann war der Trainer Christoph Daum ein paar Jahre weg aus Deutschland, und wo gibt er seine erste Pressekonferenz, um Auskunft über ein mögliches Engagement beim 1. FC Köln zu geben? Im Krankenhaus.“
Daum: „Wissen Sie was? Behalten Sie doch Ihr Vorurteil!“
Spiegel: „Wir sind hier, um zu erfahren, warum Sie tun, was Sie tun. Es geht nicht um Vorurteile.“
Daum: „Ich bin bei Ihnen in der Schublade drin. Wissen Sie, ich will Sie doch gar nicht verunsichern und aus Ihrer Komfortzone herausholen, weil ich Sie damit vielleicht überfordere. Es gibt ein paar Leute, die kennen mich, und das reicht mir.“
Auf die Doping-Affäre angesprochen, blockt Daum: „Darüber will ich einfach nicht mehr reden. Das war eine Episode in meinem Leben, die ich gerne missen möchte, aber nicht ausradieren kann. Es war eine Zäsur und hat mir die Möglichkeit gegeben, mich auf einige Dinge für die Zukunft zu besinnen. Wissen Sie, für mein Leben ist nicht das Wichtigste, was Sie von mir halten, sondern was ich von mir halte. Ich bin aus der Sache gestärkt hervorgegangen, ich habe das alles mit meiner Familie und meinen Kindern, die mir die nächsten Menschen sind, aufgearbeitet. Ich bin im Reinen mit mir und auf alle Leute zugegangen, von denen ich meinte, da müßte es ein klärendes Gespräch geben. Ich habe Briefe geschrieben und alles Menschenmögliche getan, um die Sache auszuräumen, die nicht mehr rückgängig zu machen war. Niemand ist fehlerfrei, das kann, glaube ich, keiner von sich behaupten.“
Spiegel: „Haben Sie auch das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein?“
Daum: „Das ist kein Gefühl, das ist belegbar. Das stand sogar im Spiegel.“

Allgemein

Die ehemalige Diva ist seriös geworden

Zwei Pressestimmen zum 2:2 Eintracht Frankfurts bei Fenerbahce

Tobias Schächter (SZ) bescheinigt der Eintracht Solidität, nicht mehr und nicht weniger: „Bei allem Stolz, den auch Friedhelm Funkel über seine Mannschaft äußerte, kommen die Frankfurter an einer Erkenntnis nicht vorbei: Wer in vier Spielen nicht einmal gewinnt, kommt nicht weiter. Die neue Eintracht ist noch nicht so weit. Sie spielt erst im zweiten Jahr wieder in der Bundesliga und qualifizierte sich lediglich über ein verlorenes Pokalendspiel für die internationalen Spiele. In der Liga muß sie stets an ihre Leistungsgrenze gehen. Aber die Mannschaft ist jung und besitzt Perspektive. Auch der Verein steht mit einem Budget von 55 Millionen Euro wieder gesund da, und die Zuschauer rennen der Eintracht bei Heimspielen die Bude ein. Die ehemalige Diva ist seriös geworden.“

Ralf Weitbrecht (FAZ) attestiert den Frankfurtern, sich gut verkauft zu haben: „Von ‚Hexenkessel‘ wurde vorab gesprochen, von äußerst schwierigen Bedingungen, als ausländische Mannschaft im Sükrü-Saracoglu-Stadion, vor einem Jahr Schauplatz jenes Skandalspiels zwischen der Türkei und der Schweiz, bestehen zu können. Die Eintracht widerlegte dieses Vorurteil – trotz des unglücklichen Ausscheidens.“

stern.de: Michael Ballack weht auf der Insel ein stürmischer Wind entgegen; Teile der Chelsea-Fans sowie die britische Presse haben sich auf ihn eingeschossen

NZZ: Überraschendes Ende – Estudiantes gewinnt die argentinische Meisterschaft

Bundesliga

Kultur des Verhinderns und der Versagensangst

Zwei kritische Texte fordern die Bundesliga dazu auf, ihre Schwäche einzusehen und zu analysieren / Eine neue Aufgabe für Jupp Heynckes: Abstiegskampf (FAZ)

Andreas Lesch (BLZ) läßt nicht viele gute Haare an allen Bundesliga-Vereinen, die in europäischen Wettbewerben spielen. An allen? Ja, an allen! „Die Bundesliga ist schon immer ein Meister des Selbstbetrugs gewesen. Die Liga nimmt die Wahrheit immer nur scheibchenweise wahr. Sie dreht die Fakten so lange hin und her, bis sie ihr passen. Die Wahrheit lautet: Deutschlands Vereine sind 2006 der internationalen Bedeutungslosigkeit ein stolzes Stück weiter entgegengeeilt. Die Wahrheit, die die Liga sich baut, klingt dagegen natürlich anders. Sie lautet so: Das Jahr ist eine nicht enden wollende Verkettung unglücklicher Umstände gewesen, eine Art europaweite Verschwörung. Böse Mächte sind da am Werk gewesen, gegen die die Bundesligisten chancenlos waren. Im März hat es den bedauernswerten FC Bayern erwischt. Er ist in der Champions League höchst unglücklich am AC Mailand gescheitert, und Felix Magath hatte prompt eine passende Erklärung: Der Schiedsrichter hat’s verbockt. Er hat den FC Ruhmreich nicht gewinnen lassen. Werder Bremen wurde in diesem Jahr gleich zwei Mal gebeutelt: in der vergangenen Saison gegen Juventus Turin ausgeschieden, durch einen Fehlgriff seines Torhüters Tim Wiese. Eine tragische Sekunde, so jaulte Fußball-Deutschland, reichte also, um zu verhindern, daß die Bremer weitere Punkte für ihre Liga in der Uefa-Rangliste sammeln. In der laufenden Spielzeit ereilte Werder das Holzhammer-Schicksal schon bei der Auslosung. Zwei der edelsten Gegner Europas wurden ihm zugeteilt, der FC Chelsea und der FC Barcelona. Das Urteil nach dem Aus mit Ansage war dann schnell gefällt: Pech gehabt. Das muß als Erklärung reichen. Wenn die Bundesliga es sich so überlegt, hat sie wirklich niemals Glück.“

Martin Freund (Passauer Neue Presse) vermißt Stil, Konzept und Nachhaltigkeit im deutschen Vereinsfußball: „Der globalisierte Fußball hat seine Grenzen. Nämlich dort, wo die Jagd nach dem schnellen Erfolg, dem gerade verfügbaren Wunschspieler, im babylonischen Sprachgewirr endet. Dort, wo im hitzigen Rhythmus des Hire and Fire Mannschaften keine Identitäten entwickeln können, die es aber braucht auf dem Weg zum Erfolg. Das Nationalteam 2006, die Bayern 2001 hatten ebenso klare Hierarchien wie fest umrissene Ziele. Sie hatten aber vor allgemeine Vorstellung davon, wie ihr Fußball aussehen sollte, den sie spielen. Einen Fußball, der auch nach Inhalten fragt und nicht nur nach dem Ergebnis. In der Bundesliga wird allein auf Ergebnis gespielt. Die Frage, wie es zu Stande kommt, können durchschnittlich begabte Mannschaften nicht stellen, Trainer unter maximalem Erfolgsdruck wollen sie nicht stellen. So hat eine Kultur des Verhinderns und der Versagensangst Einzug gehalten. Wer sie vertreiben will, wird viel Mut brauchen − und Zeit.“

Eine neue Aufgabe: Abstiegskampf

Über mangelnden Kredit dürfe sich Jupp Heynckes in Mönchengladbach nicht beschweren, meint Richard Leipold (FAZ): „Noch zehrt Heynckes von seinem Ruf als Gladbacher Jahrhundertstürmer, der den Klub auch als Trainer stark gemacht hat in Zeiten, die nicht mehr so gut waren wie die Fohlen-Ära der siebziger Jahre, aber noch lange nicht so schlecht wie die jüngere Vergangenheit. Die Fans halten sich mit Kritik oder gar Schmähungen zurück. Einem wie Heynckes spricht in Mönchengladbach niemand ohne weiteres die Fähigkeit ab, eine Lösung zu finden. Ihm wird schon etwas einfallen, mögen viele denken – oder wenigstens hoffen. Aber die Antworten des Meisters klingen altbacken. Mag sein, daß der Verein sich diese T-Frage wirklich nicht stellt, nicht stellen will. Dafür spräche, daß Heynckes in Mönchengladbach seit dem Wiederaufstieg vor fünf Jahren schon der sechste Trainer ist, der versucht, ein solides Fundament zu schaffen. Warum also nicht einmal mit einem Fußball-Lehrer eine längere Krise bewältigen, um gestärkt daraus hervorzugehen? (…) Auf Heynckes kommt eine Aufgabe zu, die er nur vom Hörensagen kennt: Abstiegskampf.“

Ascheplatz

Der Wirklichkeit nicht ins Auge gesehen

Die FAZ kritisiert das Festhalten der Länder an ihrem Wettmonopol: „Die starken europarechtlichen Bedenken könnten sich nach dem allgemein erwarteten Urteil des Europäischen Gerichtshofs möglicherweise schon Anfang kommenden Jahres als echtes Hindernis für den Staatsvertrag herausstellen. Spätestens dann dürften die Ministerpräsidenten doch zu der Einsicht gelangen, daß sich die harschen Regelungen gegenüber privaten Anbietern aus dem EU-Ausland nicht durchsetzen lassen. Auch die Europäische Kommission beobachtet die Entwicklung mit Argwohn. Es ist bedauerlich, daß nun alle Hoffnungen auf der EU ruhen. Es hätte den Ländern gut angestanden, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen und den Lottomarkt privaten Anbietern zu überlassen. Das hieße ja nicht, zwielichtigen Wettbuden Tür und Tor zu öffnen. Auch in einem liberalisierten Markt dürfen die Behörden die Genehmigungen an strenge Voraussetzungen knüpfen.“

SZ: Der Scheich an der Anfield Road – Englands Dominanz in der Champions League lockt weitere Finanziers, jetzt wird der FC Liverpool verkauft

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Ball und Buchstabe

Der falsche Meinungsführer

Der Pakt der Schalker mit Putins Gasprom, der Rauswurf der Journalisten auf der Hamburger Mitgliederversammlung, der Schalker Presseboykott – drei Ereignisse, drei Anlässe, über den Ruf von Sportjournalisten und ihren Fixstern Bild-Zeitung zu diskutieren

Schalke bekommt ab 2007 von einem Unternehmen, Gasprom, Millionen, das dem politischen Willen Wladimir Putins unterstellt ist – einem Autokraten, dem der Economist, wahrlich kein Blatt des Alarmismus, faschistische Tendenz nachsagt. Putin hat den Mord an der Regime-Kritikerin Anna Politkowskaja mit keinem Wort des Bedauerns kommentiert, sondern nur mit der verräterischen und kühlen Verteidigung, ihr Tod schade seiner Regierung mehr als daß er ihr nütze; ähnlich reagiert er auf die Vergiftung Alexander Litwinenkos. Prinzipiell, wenn wir Putin recht verstehen, ist also gegen diese Taten nichts einzuwenden – und Putins Schergen auch zuzutrauen. Oder gibt es einen Experten internationaler Politik (oder auch nur einen interessierten Beobachter), der die Verwicklung des Kreml in die zwei jüngsten Mordfälle kategorisch ausschließen möchte?

Jürgen Roth, Publizist und Experte in internationaler Kriminalistik, sieht im 11-Freunde-Interview schwarz für Schalke und den Fußball. In dunkelsten Tönen warnt er vor Gasprom: „Der Schalke-Deal, ist eine billig erkaufte PR-Maßnahme für ein Unternehmen mit zweifelhaftem Ruf. Gasprom will dieses negative Image für seine Expansion auf dem westeuropäischen Markt polieren. Gasprom ist der größte Energiekonzern der Welt, er verfügt gleichzeitig über unglaubliche Macht. Entsprechend verhält sich das Unternehmen: Gasprom handelt erpresserisch – etwa, wenn wegen der orangenen Revolution der Ukraine den Gashahn zudreht. Oder im Fall Georgien, wo auf einmal der Gaspreis um 100 Prozent erhöht wird. Und es bestehen seltsame Verbindungen zu kriminellen Strukturen.“ Daß Schlake die Millionen von den Russen angenommen hat, läßt Roth nicht durchgehen: „Ein Verein, der noch ansatzweise rechtsstaatliche und demokratische Werte als Unternehmenspolitik verfolgt, muß so eine Offerte kategorisch ablehnen.“ Woraus die Immunität vieler Fußballfunktionäre gegen diese Kritik resultiere? Roth antwortet mit der Höchststufe des Kulturpessimismus: „Sie ist eine Folge der zunehmenden wilden Kapitalisierung des Sports. Fußball wird zu einer Ware, die nur derjenige erhält, der am besten zahlt.“

Die Russenmafia verdient mit

Roth bekräftigt die Warnung vieler Experten an Staatskritiker, die sich in Rußland bewegen: „Wer kritisch über das Unternehmen oder Machenschaften des Kreml – was im Grund das gleiche ist – berichtet, sollte sich möglichst fünf kugelsichere Westen anlegen. Sicher ist jedenfalls, daß für die massive Einschränkung der Pressefreiheit in den letzten Jahren Gasprom eine wichtige Rolle spielte.“

Uli Hoeneß sei recht zu geben, der eine „Rußlandisierung“ des europäischen Fußballs beklagt: „Ein kluger Satz. Den klassischen Sport aus Leidenschaft wird es nicht mehr geben, sondern nur noch den gnadenlosen Wettbewerb zwischen Superreichen, die sich darin messen, wer über die größte Macht und Finanzmittel verfügt. Für sie ist alles käuflich, wirklich alles. Das genau haben sie ja bereits perfekt in ihren Heimatländern praktiziert. Ich bin Skeptiker und sage, daß das Geschäft mit dem Sport, ob Fußball oder andere Sportarten eine magnetische Anziehungskraft für kriminelle Organisationen und ihre Strohleute hat. Wir sollten uns daran gewöhnen, daß organisierte Kriminalität in allen Lebensbereichen immer mehr an Einfluß gewinnt. So wie jeder Bürger wissen sollte, daß die Russenmafia auf verschlungenen Wegen irgendwie mitverdient, wenn er zuhause Energie verbraucht, werden Fußballfans in Zukunft wohl auch in Kauf nehmen müssen, daß die Mafia bei Spielen mitkassiert. Und das ist noch das harmloseste Szenarium.

Keine Solidarität mit der Kollegin Politkowskaja?

Olaf Sundermeyer (rund-magazin.de) fügt hinzu: „Ach ja, und dann verliert Schalke noch viele Fans in Polen, wo Schalke lange Zeit der beliebteste deutsche Klub war, und in anderen osteuropäischen Staaten zwischen Moskau und Berlin. Denn hier tritt Gasprom als Vertreter imperialer russischer Interessen auf, der mit seiner Energiepolitik diejenigen erpreßt, die nicht nach der Pfeife des Kremls tanzen wollen. Daher hat Gasprom ein mieses Image, das man sich nun in der Ruhr rein waschen möchte.“ Günter Nooke, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, hat in einem Spiegel-Interview darüber geklagt, daß eine Kooperation mit Gasprom zur Imagepflege eines undemokratischen Staates beitrage.

Außer den 11 Freunden, Rund und dem Spiegel hat noch die SZ auf die Verwerflichkeit des Schalke-Deals hingewiesen (siehe if v. 11.10.06, 10.10.06, 18.10.06). Doch der große Aufschrei in der deutschen Sportpresse bleibt aus. Die Bild-Zeitung, angeblich der Meinungsführer unter Sportjournalisten, beißt lieber in Thomas Dolls Waden (seitdem Mirko Slomka ein Spiel nach dem anderen gewinnt), und den TV-Sendern fällt auch nichts besseres ein als nach der Zukunft des Trainers von Verein X und Y zu fragen. Das soll dann wohl investigative Arbeit sein. Doch wo bleiben die kritischen Nachfragen über den Zusammenhang zwischen Politik und Fußball? Empfinden deutsche Sportjournalisten keine Solidarität mit ihrer Kollegin Politkowskaja? Warum lesen wir keine Schalker Geigerzähler-Glossen? Ein Blick in den Politikteil des eigenen Hauses, statt in das Tittenblatt, würde ausreichend über den „lupenreinen Demokraten“ informieren. Es gibt nämlich keine Zeitung, egal welcher Couleur, das die Sorge einer weiteren Entdemokratisierung Rußlands unter Putin nicht teilt.

                                                                                               Lesen Sie weiter

Seite 1|2

Ball und Buchstabe

Suche in den Krümeln

Fortsetzung: Der falsche Meinungsführer

Die Vorfälle in Schalke (Presseboykott) und Hamburg (Rauswurf der Journalisten durch die Mitglieder) füttern die Diskussion über den Ruf der Sportjournalisten und über Einfluß und Anziehungskraft der Bild-Zeitung. Jan Christian Müller und Andreas Morbach (FR) haben sich in der Branche mal umgehört, wie sie das Schalker Schweigen wertet: „Als Speerspitze der respektlosen Berichterstattung gilt die Bild-Zeitung, deren fürs Revier verantwortlicher Sportchef Benno Weber sich zu dem pikanten Thema ebenso wenig öffentlich äußern will wie der Berichterstatter vor Ort, Peter Wenzel. Weber, das alte Schlachtschiff des Boulevardjournalismus mit dem charakteristischen Lockenkopf, gilt als Spezi des Ex-Managers Rudi Assauer und kann dem Vernehmen nach mit dem wenig Bild-affinen Assauer-Nachfolger Andreas Müller ebenso wenig anfangen wie mit dem ewig lächelnden Mirko Slomka.“

Gleichzeitig geben Müller und Morbach zu bedenken: „Nach dem frühen Aus in Uefa-Cup und DFB-Pokal wurden die Verantwortlichen indes nicht nur in Bild genüßlich zerlegt, auch in anderen Medien bekamen die Schalker manche schmerzhafte Breitseite ab. Sie lieferten mit hausgemachten Problemen wie den ‚Maulwurfaffären‘ zum Schaden von Stürmer Gerald Asamoah und Torwart Frank Rost zudem Schlagzeilen auf dem Silbertablett. (…) Insider gehen davon aus, daß den Schalker Verantwortlichen die nur mit dem Vereinsmagazin Schalker Kreisel brav redenden Spieler nur allzu recht sind. So käme nicht ans Licht, heißt es, daß sich ein tiefer Graben durch den Kader zieht. So werde auch ausgeschlossen, daß sich die Bankdrücker Rost und Lincoln um Kopf und Kragen redeten. Die Berater manches Profis empfinden das Schweigen, das längst nicht alle Spieler unterstützen, inzwischen als imageschädigend für ihre Klienten.“

Klar, die Schalker benehmen sich manchmal wie ein Sauhaufen (sind halt Fußballer). Aber die Journalisten suchen oft in den Krümeln. Über die Jubel-Story in Gladbach (if v. 10.11.06), die angeblich den Trainer Slomka bloßgestellt habe und die nicht nur die Bild-Zeitung ausgeschlachtet hat, kann man nur den Kopf schütteln. Erstens handelte es sich, gemäß den TV-Bildern, nur um den Torschützen Varela, einen zweiten Spieler und ein paar Umstehende, die sich um Rost versammelten – von einer Solidaritätsbekundung der „ganzen Mannschaft“ konnte keine Rede sein. Zweitens ist es doch unüblich, nach dem Tor seinem Trainer an den Hals zu springen; das würde sich mancher Trainer sogar verbitten. Drittens muß man dem Torjubel von Fußballern nicht unbedingt so viel Bedeutung beimessen, sondern ihn als das betrachten, was es ist: der Ausbruch von Adrenalin.

FR/Feuilleton: Über den ramponierte Ruf der Sportjournalisten

Schulterschluß mit dem Kampagnenjournalismus

allesaussersport regt sich über die Dünnhäutigkeit der Journalisten auf, mit der sie auf die Hamburger Abstimmung reagiert haben: „Hyperventilation beschreibt das mediale Echo. Es hat offensichtlich die Journalisten schwer in der Berufsehre getroffen, daß sie aufgrund eines satzungsgemäß verankerten Vereinsrecht von Kartoffelsalat und Würstchen ausgeschlossen wurden. Grundsätzlich ist es natürlich unschön, wenn gerade auf so einer wichtigen Hauptversammlung die Medien ausgeschlossen werden und die Vorkommnisse intransparent werden. Auf der anderen Seite kann es nach der Bild-Berichterstattung der letzten Wochen nicht erstaunen, daß ein kleiner Funke zur Eskalation ausreichte, nicht unähnlich der Lage auf Schalke und seinem Presseboykott. Vielleicht stünde es ‚den‘ Journalisten auch mal gut zu Gesichte, interne Selbstreinigungsprozesse in Gang zu setzen und sich bewußt von einigen Berufsvertretern abzugrenzen. Wer als Journalist keine Differenzierung betreibt und selber nur von ‚den Journalisten‘ schreibt und damit Schulterschluß zu dem üblen Kampagnenjournalismus der Bild Hamburg betreibt, wer meint, er kann die Scheiße eines Kai-Uwe Hesse oder Babak Milani mit ‚ihre Finger in offene Wunden legen‘ rechtfertigen, muß sich nicht wundern, wenn aufgeregte und nervöse Vereinsmitglieder alle in einen Sack packt und mit dem Abstimmungsknüppel draufhauen. Die schiefgegangene Hauptversammlung hat viele Schuldige und viele Ursachen. Die HSV-Offiziellen müssen sich fragen lassen, wieso die Vorbereitungen (nicht genügend Wahlunterlagen, Essen) und der Ablauf so unzureichend gewesen sind. Wer professionelles Verhalten von Fans fordert, sollte erst einmal selber zusehen, daß er die Latte nicht reißt.“

Ich hab mit einigen HSV-Fans aus meinem Bekanntenkreis, die wahrlich nicht im Verdacht stehen, die Misere ihres Klubs schönzureden, über die Bild-Berichte gegen den HSV gesprochen und gemailt. Ich war fast erschrocken, welcher Haß sich in 30-Jährigen bilden kann.

Tsp-Interview mit dem Chef der HSV-Supporters Scheel über den Rauswurf der Journalisten bei der Hamburger Mitgliederversammlung

Raphael Honigstein (taz) gibt Einblick in die Entwicklungen im englischen Klubfußball: „Englands Fußball hat sich vor langer Zeit dem Markt geöffnet. Jetzt, da die Weltwirtschaft boomt und privates Großkapital nach Geschäftsideen sucht, nimmt sich der Markt das, was er kann. Die mittelständischen Unternehmen mit dem kickenden Personal bieten zwar kein rasantes Wachstum – sie können auch keine Filialen eröffnen –, aber die stabilen Besucherzahlen und der märchenhafte Fernsehvertrag (3,6 Milliarden Euro bis 2010) garantieren einen Cash-Flow, mit dem sich die Investition gegenfinanzieren läßt. Das Geschäftsklima in der Branche ist also günstig wie nie. Die alten Eigentümer, die den Crash um die Jahrhundertwende überstanden haben, kommen nun überall in Versuchung.“

Welt: Ausverkauf im britischen Fußball – sechs von zwanzig britischen Erstliga-Klubs gehören inzwischen ausländischen Geldgebern. Die managen die Vereine wie Unternehmen

Seite 1|2

Mittwoch, 13. Dezember 2006

Vermischtes

Aktuelle Links

Tsp-Interview mit Joachim Löw über die Zeit nach der WM, sein Verhältnis zu Jürgen Klinsmann und die schlechte Kondition deutscher Nationalspieler vor zwei Jahren
FAZ: Was macht Jürgen Klinsmann? Wie ist sein Verhältnis zu Deutschland?

FAZ: Ein langer und detaillierter Bericht über den türkischen Fußball, seine jüngsten Skandale, seine Zuschauersoziologie und seine sportliche Qualität
Tsp: Fenerbahce und Besiktas gegen deutsche Teams
FR: Für Fenerbahce geht’s um viel

Tsp: Eine messerscharfe Kritik Helmut Digels an dem DOSB-Beschluß in der Anti-Doping-Frage

SpOn: Der jüdische Berliner Fußballverein TuS Makkabi ließ sich antisemitischen Angriffe auf dem Spielfeld nicht gefallen. Er klagte. Das Sportgericht urteilte eher milde, der Verein legte Berufung ein – die jetzt zurückgewiesen wurde

Allgemein

Der prominenteste Vertreter einer verlorenen Generation

Stefan Hermanns (Tsp) blickt zum (baldigen) Abschied auf Mehmet Scholls Karriere zurück: „Scholls Karriere ist weitgehend im Konjunktiv verlaufen. Scholl ist acht Mal Meister geworden, so oft wie kein anderer Fußballer in Deutschland, er hat die Champions League gewonnen und war Europameister. Einerseits. Andererseits hat Scholl nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen, nur 36 Länderspiele bestritten, was gemessen an seinem Talent eine geradezu lächerliche Zahl ist. Beim ersten war er fast 25, und allein das zeigt, wie sehr Scholl aus der Zeit gefallen ist. Mehmet Scholl ist mit seinem Lebenslauf der prominenteste Vertreter einer verlorenen Generation, die bereits früh desillusioniert wurde. Michael Sternkopf zählt zu ihr, Karlheinz Pflipsen, Marco Haber, Christian Nerlinger, wohl auch Dietmar Hamann und Christian Ziege. Es sind die um 1970 Geborenen, die Anfang der Neunziger zu jung waren für die letzte Blüte des deutschen Fußballs – und 2006 zu alt für die Revolutionstruppen des Jürgen Klinsmann. Scholl war von allen der Begabteste. Ein Trost ist das nicht.“

SZ: Der Hakenschläger geht
Mehmet für Deutschland

Am Grünen Tisch

Bauernopfer

Daß die Fifa nach dem Vertragsbruch mit Mastercard, den ihr ein New Yorker Gericht beglaubigt, ihren Marketing-Leiter Jérôme Valcke entläßt, interpretieren die Journalisten als Strategie, die Schuld abzuwälzen

american arena fragt nach der Verantwortung der Chefs: „Die Fifa-Spitze wäscht mal wieder die eigenen Hände in Unschuld über das, was im eigenen Haus vor sich geht. Der Marketing-Chef und seine Abteilung sollen die Sünder gewesen sein und haben deshalb als Reaktion auf das Urteil ihre Arbeitsplätze verloren. Nichts gegen die Kündigung. Aber hier ist die eigentliche Frage? Weshalb brauchte die Fifa einen teuren Prozeß, um das herauszufinden? Wieso wurde das Verhalten der Organisation, das jeder einäugige In-House-Pharisäer als Vertragsbruch erkennen konnte, überhaupt juristisch von der Fifa-Spitze verteidigt? Hat Sepp Blatter in seinem eigenen Laden nur manchmal etwas zu sagen (jetzt bei der Kündigung) und manchmal nicht (als er ‚gezwungen‘ wurde, den Vertrag mit Visa zu akzeptieren?).“ Felix Reidhaar (NZZ) pflichtet bei: „Man wird den Eindruck nicht los, daß im Weltverband die Politik der Bauernopfer anhält. Denn Verträge dieser Tragweite gehen letztlich zur Unterschrift über die Pulte der obersten Führung – über jene von Präsident und Generalsekretär.“

Thomas Kistner (SZ) mutmaßt über den Hintergrund des geplanten (und gescheiterten) Partnerwechsels: „Die Fifa läßt entscheidende Fragen offen. Politisch Verantwortliche gibt es vorläufig wieder mal nicht im Hause Sepp Blatter. Dem mit Millionensalär ausgestatteten Verbandschef sind also die Umstände des 200-Millionen-Deals ebenso entgangen wie dem Chef der Administration, Urs Linsi. Umso pikanter sind die Fragen, die der Fall aufwirft: So zeigt der vom US-Gericht offengelegte Mailverkehr, daß wichtige Fifa-Vertreter ein Interesse hegten, Visa ins Boot zu hieven – obwohl die Firma faktisch dasselbe zahlte wie der alte Partner. Blatter und Linsi, heißt es, hätten im Fifa-Vorstand massiv Überzeugungsarbeit für Visa geleistet. Mastercard, wird etwa Linsi zitiert, sei nicht immer ein pflegeleichter Partner gewesen.“

Bundesliga

Ein Traditionsverein wird zur Skandalnudel

Ausnahmslos werten es die Redaktionen als Zeichen von Chaos und Unseriosität, daß es den „HSV-Supporters“, einer großen Fan-Gruppierung, gelungen ist, die Journalisten von der Hamburger Mitgliederversammlung von der Sitzung auszuschließen

Nico Stankewitz (stern.de) sieht schwarz: „Die beispiellose Krise des hanseatischen Traditionsklubs hat den Tiefpunkt erreicht. Nach beschämenden sportlichen Leistungen, einer Flut von Roten Karten aufgrund haarsträubender Unsportlichkeiten und zuletzt der Publikumsbeleidigungen durch den Spieler Atouba, zeigen nach der Mannschaft jetzt auch Teile der Mitglieder, daß sie nicht bundesligatauglich sind. Das Abrutschen in Richtung Liga Zwei scheint sich zu beschleunigen.“

Philipp Selldorf (SZ) reiht den Vorfall ein in die lange Liste der Hamburger Fehltritte: „Woche für Woche kam ein neues spektakuläres Geschehnis hinzu, das den Sportunfall zur Groteske machte. Aber in all der Finsternis blieb doch auch immer ein kleines Licht. Es entstand aus der Loyalität und dem nicht zu brechenden Glauben der Anhängerschaft. Nun ging ein kleiner, aber maßgeblicher Teil dieser Anhänger daran, auch den letzten Rest Halt zu zerstören, der dem Hamburger SV geblieben ist. Nun hat der HSV also noch das: einen Putsch gegen die Vereinsobrigkeit; ein die handelnden Akteure entwürdigendes Chaos; eine Erschütterung in den Grundfesten des Klubs; eine nie erlebte Identitätsstörung. Man könnte nun meinen, der Tiefpunkt sei erreicht. Aber diesen Eindruck hat der Hamburger SV schon öfter erweckt. Das macht Sorge.“

Carsten Harms (Welt) fragt, wie der HSV die Geister, die er rief, wieder loswerden will: „Es sind die Supporters, zu Mitgliedern gewordene Fans, die heute bestimmen können, wo es lang geht. Dieses Mal warfen sie die Presse aus dem Saal. In zwei Jahren, wenn es bei der Neuwahl des Aufsichtsrats, der dann den Vorstand bestellt, um viel mehr geht, könnte es dramatischer werden. Ihr Frust hat Gründe, die nicht allein in der sportlichen Talfahrt liegen. Sie fühlen sich vom Vorstand, der lieber Vip-Bereiche als Stehplatztraversen vergrößert, nicht ernst genommen, ja geradezu unbeachtet. Es wird daher nicht der letzte denkwürdige, aber wenig würdige Abend im Vereinsleben des HSV gewesen sein.“

Von den Fans der Lächerlichkeit preisgegeben

Karsten Doneck (Tsp) fügt hinzu: „Der HSV hat sich seine Probleme selbst aufgehalst. Kein Heimspiel vergeht, in dem nicht der zum Vorstand zählende Christian Reichert neue Bestmarken bei der Mitgliederwerbung kundtut. Aktuell hat der HSV über 40.000 Beitragszahler. Da ist es nicht schwer, daß sich Interessengruppen bilden, die dann auch mal nahezu geschlossen auf den Versammlungen auftreten und ihre Vorstellungen mit dem Stimmzettel durchdrücken. (…) Diesmal war Hamburg sogar peinlicher als Schalke.“

Jörg Hanau (FR) hält den Rebellen falsche Schuldzuschreibung vor: „Sie bilden, wie sich nun zeigte, einen Klub im Klub mit erschreckendem Machtpotential. In fast schon krankhaften Nibelungentreue stellen sich Fans nicht nur in Hamburg vor ihre kriselnden Kicker, schmähen die Reporter und verwechseln dabei schlicht Ursache und Wirkung. Ein Phänomen, das Schule macht. Wenn Journalisten ihre Finger in offene Wunden legen, werden sie als Nestbeschmutzer verunglimpft – Berufsrisiko. Schuld an der Misere beim HSV sind sie nicht. (…) Die eigenen Fans haben den Hamburger SV der Lächerlichkeit preisgegeben.“

Basisdemokratisches Chaos

Jan Kahlcke (taz) stellt klar: „Das Verhältnis zu den Medien hat gelitten in der sportlichen Krise. Vor allem die Bild-Zeitung, die in den vergangenen Wochen penetrant ein zertümmertes HSV-Logo druckt, stößt auf Unmut. Der Presseausschluß darf aber vor allem als Machtdemonstration der Supporters gegenüber dem Vorstand interpretiert werden, einer äußerst aktiven Gruppe. Ihr Signal: Ohne uns geht hier nichts! So hatte der Coup eher den Effekt, daß die Mitglieder im Saal an der Presse ihr Mütchen kühlten. (…) Die komplette Presse zog ab, die taz blieb unerkannt im Saal.“

Frank Heike (FAZ) schreibt: „Das basisdemokratische Chaos des HSV – wie schützt man einen Verein vor seinen Mitgliedern? In dieser Form macht sich der HSV lächerlich und verliert auf Sicht seine Handlungsfähigkeit.“ Ralf Wiegand (SZ) hat eine Intervention des Vorstands für notwendig gefunden: „Fast widerstandslos sieht die Führung des Hamburger SV zu, wie ihr Traditionsverein zum Skandalklub wird. Vor der Abstimmung wies niemand die Mitglieder daraufhin, daß es ein undemokratisches, peinliches Bild zeichnen könnte, wenn der stolze HSV seine Versammlung der Öffentlichkeit entzieht, als verhandle man vor Gericht gegen einen Kinderschänder und müsse dessen Opfer schützen. Die Nacht, in der sich der HSV vom Traditionsverein der Bundesliga, der sich als Reminiszenz auf 43 Jahre Erstklassigkeit einen Dinosaurier als Maskottchen hält, zur Skandalnudel der Branche verwandelt hat, wird in die Geschichte des 119 Jahre alten Klubs eingehen.“

SpOn: Hamburger Schluder Verein – das Chaos beim HSV ist perfekt
Welt: Hamburger SV gerät außer Kontrolle

Dienstag, 12. Dezember 2006

Internationaler Fußball

Mischung aus maschineller Kraft und filigranem Flügelspiel

Die Journalisten bestaunen die Intensität des Matchs zwischen Chelsea und Arsenal (1:1

Christian Eichler (FAZ) ringt nach Atem: „Die Zuschauer erlebten vor allem in den letzten zwanzig Minuten einen Schlagabtausch zweier Schwergewichte des Fußballs, wie man ihn in Schlußrunden der entsprechenden Box-Gewichtsklasse seit Ali gegen Frazier nicht mehr oft erlebt hat.“ Die Schlußminuten „enthielten mehr Dynamik und Dramatik als ganze Bundesliga-Spieltage“. Eichler zerlegt die Stärken und Schwächen beider Teams mit dem Skalpell: „Arsenal setzt in dieser Saison die Schwankungsbreite der letzten fort. Es kann gegen jeden Kleinen stolpern – und gegen jeden Großen brillieren. Ein Team für die Formel 1 des Fußballs, das aber auf den Schotterpisten des Liga-Alltags zu viele Plattfüße erleidet. (…) Die Jugend ist der Trumpf von Arsenal – und das Problem. Die Schwankungen sind zu groß, um in der Tabelle mit den anderen Großen mitzuhalten. Doch auf dem Platz können sie es: 1:0 in Manchester, 3:0 gegen Liverpool, 1:1 bei Chelsea. Die Resultate zeigen das Potential, das durch Reifung die Stabilität für einen Meistertitel gewinnen kann. Chelsea hat Stabilität und Reife wie kein anderer – doch fehlt ein Hauch Finesse, ein Überraschungsmoment, das eine Partie, in der Power-Fußball nicht reicht, spielerisch entscheiden könnte. Man braucht das nur selten. Doch für das große Ziel, den Gewinn der Champions League, könnte es nötig werden.“

Raphael Honigstein (FTD) bewundert Chelseas exakte Wucht und, im speziellen, Michael Essien: „Chelsea ist wie geschaffen für die Treibjagd. Als Arsenals Mathieu Flamini einen seltenen Konter zum 0:1 vollendete, hatten die ‚Blues‘ das Match schon längst mit grober Gewalt an sich gerissen. Das 4-3-3-System war zurück, die meisterhafte Mischung aus maschineller Kraft und filigranem Flügelspiel. Der Ausgleich fiel zwangsläufig. Essien, der in jedem Spiel mehr Superlative verschleißt als die Waschmittelwerbung in einem ganzen Jahr, knallte den Ball aus 30 Metern mit wahnwitziger Präzision in Jens Lehmanns Kreuzeck.“

Auftritt und Entwicklung der zwei besonders beäugten prominenten Zugänge Chelseas wertet Honigstein differenziert: „Mourinho kann nicht mit Andrej Schewtschenko. Der Stürmer wurde als Lieblingsspieler von Roman Abramowitsch gegen den Wunsch des Trainers verpflichtet. Auf dem Rücken des Ukrainers wird ein Machtkampf ausgetragen, und in der Partie war deutlich zu sehen, wie sehr ihn der Konflikt belastet. Erst Schewtschenkos Auswechslung brachte die erhoffte Dominanz. Ein ’selbst auferlegtes Handicap‘ nannte ihn die Times. Michael Ballack bekam kaum bessere Noten, doch dem Deutschen war anzumerken, daß er langsam ein Gefühl für Positionen und Rhythmus in der hochtourigen Liga entwickelt.“

Fade Equipe

Jean-Michel Verne (NZZ) schildert die trübe Lage in Monaco: „Die AS Monaco ist zurzeit eine fade Equipe, die von Laurent Bandide, einem Trainer ohne Referenzen, geführt wird. Den Verein drücken finanzielle Sorgen, weil die Einnahmen aus dem Europacup ausbleiben. Es gehen Gerüchte um, wonach die Verbindlichkeiten 50 Millionen Euro betragen. Aber man weiß nicht mehr, weil die Geldflüsse in Monaco ein Tabu sind. Im Stadion Louis II finden sich zwar im Durchschnitt nicht einmal 12.000 Zuschauer ein, doch das Fürstentum bleibt für die Spieler wegen der Steuererleichterungen attraktiv.“

NZZ: Real Madrid tritt unter Trainer Capello als Zweckverband auf

NZZ: Der Double-Gewinner Austria Wien überwintert am Tabellenende

american arena: Fifa-Eigentor – Mastercard gewinnt Sponsorenrechte zurück

Bundesliga

Als hätte Slomka eine neue Mannschaft erfunden

Nach dem 3:1 gegen Dortmund hat sich der Wind in der Presse endgültig für Schalke und seinen Trainer gedreht / Spott für Bayerns Einkaufspolitik (Berliner Zeitung) / Ein weiteres enttäuschtes 18-minus-1-Hinrundenfazit (stern.de)

Daniel Theweleit (BLZ) lobt Schalkes neuen Tormann und rückblickend Mirko Slomkas Mut, ihn einzusetzen: „Manuel Neuer ist seit dem elften Spieltag die Nummer 1, und langsam sind auch die Skeptiker überzeugt. Zwar ist immer noch rätselhaft, welches Ereignis Slomka in Wahrheit zu dem Entschluß führte, Rost Stunden vor dem Spiel gegen Bayern München seinen Stammplatz zu nehmen, doch mittlerweile sind die Vorzüge Neuers unübersehbar. Seine Strafraumpräsenz ist beeindruckend. Der modernere Torhüter löst den renommierteren ab.“ Auch daß die Schalker Spieler nicht mehr vor Mikrofonen und Kameras übereinander reden, sei ein Schlüssel zum Erfolg: „Von großer Bedeutung war zudem das Schweigegelübde, der Mannschaftsgeist war plötzlich intakt wie selten. Ohne die Stimmen der Spieler ließen sich keine Geschichten mehr über den zerstrittenen Kader erzählen, und diese waren der Renner des ersten Saisonviertels.“

An Christoph Biermanns (Spiegel Online) profunder Spielanalyse kommt man nicht vorbei: „Spätestens gegen Borussia Dortmund sah man, daß nicht nur ein paar Stellschräubchen verändert worden waren, sondern Schalke fast zu einem Neuentwurf seines Spiels gekommen ist. Wo die Schalker vorher oft kleine Kringel auf den Platz gezeichnet hatten, sind nun starke und deutliche Striche zu sehen. Das Spiel hat nun keinen Zug ins Südländische mehr, mit langen und oft getragenen Kombinationen, sondern es geht inzwischen fast britisch schnell und direkt zu. In der englischen Fußballsprache gibt es den Ausdruck ‚hunting in a pack‘, und genau das machte Schalke in den besten Momenten des 128. Revierderbys: Sie jagten im Rudel.“

Philipp Selldorf (SZ) findet mit den Fans Gefallen am „Relaunch“ Schalkes: „Vom Publikum wird die Mannschaft umjubelt wie ihre edelsten Ahnen, die ‚Eurofighter‘ und die ‚Meister der Herzen‘; und Mirko Slomka erhält nun Respekt für Mut und Weitblick. Es sind ja nicht die bewährten Größen Rost, Lincoln oder Bordon, die den Aufschwung besorgt haben, sondern das Gros, das sich hinter ihnen tummelte: der plötzlich ins Tor beförderte Teenager Neuer; die schweigsam zuverlässigen Kobiaschwili, Krstajic und Rodriguez; der schon zum Fehleinkauf erklärte Lövenkrands und der lange verfemte Kuranyi, der jetzt Sonderapplaus bekommt. Es ist, als ob Slomka während der Saison eine neue Mannschaft erfunden hätte, und dazu paßt, daß in deren Mittelpunkt einer stand, der schon sechs Jahre bei Schalke ist: Außenverteidiger Christian Pander.“ Den Blick nach Dortmund wendend, behauptet Selldorf, Bert van Marwijks Status sei geschwächt worden: „Noch ist nicht bekannt, wie die Trainerfrage genau geregelt wird, aber so viel steht fest: Auf Schalke haben alle Beteiligten auf eindrucksvolle Art dazu beigetragen, die Trennung zu beschleunigen.“

Die FAZ über Schalke: Schnell spielen – und langsam auch wieder reden
FAZ: Schalke und Dortmund und ihre Trainer

Dieser Klub schrumpft in Rekordzeit seine Spieler

Andreas Lesch (BLZ) nimmt die Ankündigung Karl-Heinz Rummenigges, Julio dos Santos nach Wolfsburg auszuleihen, zum Anlaß, Bayerns Sichtungs- und Einkaufsabteilung zu verspotten: „Es ist kein Zufall, daß die Profis aus Südamerika sich beim FC Bayern so selten durchsetzen. Sie sind schließlich ein Teil der Münchner Transferpolitik. Diese Politik ist so altbacken und so berechenbar, daß es fast niedlich wirkt. Zuerst kaufen die Münchner die Liga leer. Jeden Kicker der Konkurrenz, der eine ordentliche Saison spielt und dessen Verpflichtung risikoarm erscheint, ködern sie mit einem Vertrag. Dann schauen sie kurz beim eigenen Nachwuchs: Versteckt sich dort ein Talent? Nein? Dann schicken die Münchner ihre Scouts hinaus in die Welt. Aber deren Erfolg ist übersichtlich. Sie sollen Spieler finden, deren Verpflichtung mutig wirkt. Die den FC Bayern exotisch machen und flugs Weltklasse werden. Bis sie in Wolfsburg landen. Tja. (…) Der Klub ist ein Weltmeister der Versprechungen. Wer die Ankündigungen des FC Bayern mit den Leistungen seiner Zugänge vergleicht, stellt fest: Dieser Klub schrumpft in Rekordzeit seine Spieler.“

Malte Oberschelp (Rund/SpOn) stimmt ein: „Der FC Bayern hat noch gar keine Mannschaft – eine Folge der zuletzt wenig intelligenten Transferpolitik. Erst hat die Clubführung Michael Ballack mit ständigen Nörgeleien vergrault, dann wurde kein Ersatz geholt, weil Santa Cruz oder Schweinsteiger die Position ja genauso gut spielen können. Hieß es aus München. (…) Was den Bayern fehlt, sind überraschende Transfers, die Sinn haben. Verstärkungen, keine Namen. Der Herausforderung aus Bremen, der ernsthaftesten seit dem Dortmunder Größenwahn, haben die Bayern strategisch bisher wenig entgegenzusetzen.“

Lieblinge der Liga

Klaus Bellstedt (stern.de) zieht ein enttäuschtes 18-minus-1-Hinrundenfazit: „Ausklammern muß man die Schöne unter den Biestern, Werder Bremen. Die Mannschaft von Thomas Schaaf spielt wirklich in einer anderen Liga: attraktiv, modern und dabei niemals auf reine Ergebnisbemühung ausgerichtet. Das Erstaunliche daran: Die Lieblinge der Liga führen die Tabelle nicht etwa so souverän wie in England ein bärenstarkes Manchester United an, sondern müssen sich die Spitze mit Schalke 04 teilen. Auch der Abstand auf Platz 3 ist nicht eben komfortabel. Das spricht nicht für Werder, Stichwort ‚mangelnde Kontinuität‘. Für den Herbstmeister-Titel wird es wohl dennoch reichen. Für den neutralen Fan ist das die einzig gute Nachricht zum Ende einer mehr und mehr dahinsiechenden Hinrunde.“

Zeit: Im Sommer waren Thomas Doll und Jürgen Klopp noch Lieblinge der Fußballnation. Nun stehen sie mit ihren Mannschaften auf den letzten Plätzen der Bundesliga – doch keiner will sie feuern. Hat die Branche etwa Geduld gelernt?

SZ: Jan Schlaudraff ist zum umworbensten Spieler der Bundesliga geworden – und nun hin- und hergerissen von den Angeboten

FAZ: Die Jugend ist bei Hertha BSC willkommen – aus Geldmangel

Ein sehr lesenswertes Feature des Tagesspiegels: Hansa Rostock bewies sportlich und wirtschaftlich Geschick, Dynamo Dresdens Fans sind treu, einige neigen aber zur Randale – Dresden und Rostock spielten nach der Wende in der Bundesliga und gingen danach sehr unterschiedliche Wege

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

106 queries. 1,129 seconds.